Krimiautoren von A bis Z - Index - News

     

- Krimiautoren des 20. Jahrhunderts -
vergessene und verschmähte, verhunzte und unterschätzte





   
   

Abel, Kenneth

(Pseudonym für Sergei Lobanov-Rostovsky)

Geboren in den Vereinigten Staaten als Sohn russischer Einwanderer, wuchs Sergei Lobanov-Rostovsky in der Nähe von New Orleans auf. Er studierte Anglistik an der Louisiana State University und anschliessend Creative Writing an der Stanford University und doktorierte an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, mit einer Arbeit über Shakespeare. Seit 1993 unterrichtet er verschiedene Fächer - Romanschreiben, Shakespeares Werk, Renaissance-Poesie und Film - am Kenyon College in Gambier, Ohio. Nebenberuflich, unter dem Pseudonym Kenneth Abel, schreibt er seit 1994 Kriminalromane. Er lebt in Columbus, Ohio, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Abels zweiter Krimi 'Die Mauer des Schweigens' lebt von originellen, glaubhaft skizzierten Figuren, von Abels vielschichtiger Erzählweise und den scharf geschliffenen, lebensnahen Dialogen. Die wichtigsten Rollen spielen die Mafiosi Tony Giardella, Bobby Amondano und Frankie Luccario, ihr Geldwäscher Adalberto Cruz, ein Guatemalteke mit düsterer Vergangenheit als Colonel einer Todesschwadron der Militärjunta, und Eduardo und Miilka, Cruz' Männer fürs Grobe; der gewiefte Überläufer Joey Tangliero, der nicht nur seine ehemaligen Mafiakollegen, sondern gleich auch noch über hundert auf der Lohnliste der Cosa Nostra stehende NYPD-Cops hochgehen lassen könnte; der ehrgeizige Staatsanwalt Conte; Deputy Federal Marshal Claire Locke als Vertreterin der Bundesbehörden; und die anständig gebliebenen Cops Dave Moser und Ray Fielding. 'Die Mauer des Schweigens' gilt als Abels bisher bester Roman.

In Abels jüngsten Romanen ist der idealistische, in New Orleans tätige Anwalt Danny Chaisson die Hauptperson. Er ist in zweiter Ehe mit der ATF-Agentin Mickie Vega verheiratet, die er im ersten Band kennen lernte und mit der er eine kleine Tochter hat. 'Die Flut', der dritte (und erste auf Deutsch vorliegende) Teil der Chaisson-Reihe, ist allerdings weniger ein Krimi (es geht zwar auch um Korruption, um mafiose Machenschaften in der örtlichen Baubranche und Versuche, diese zu verschleiern) als die eindrucksvolle Darstellung einer (auf Tatsachen beruhenden) Naturkatastrophe. Hauptakteur ist der kolossale Hurrikan Katrina, der Ende August 2005 in Louisiana gewütet, über 1'800 Menschen das Leben gekostet und ein unvorstellbares Chaos angerichtet hat.

Bibliografie:
'Bait' - 'Köder am Haken' (1994), 'The Blue Wall' - 'Die Mauer des Schweigens' (1996);
Danny Chaisson-Serie: 'Cold Steel Rain' (2000), 'The Burrying Field' (2002), 'Down in the Flood' - 'Die Flut' (2009).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Januar 2014 ++
 


Adams, Harold

(1923-2014)

Harold Adams wurde im Tausend-Seelen-Ort Clark, South Dakota, geboren und wuchs in den Bundesstaaten South Dakota, North Dakota und Wisconsin auf. Er verbrachte drei Jahre bei der US-Army und schloss danach ein Studium der englischen Literatur an der University of Minnesota ab. Es folgte eine Zeit als Betriebsleiter des Minneapolis Better Business Bureau (BBB, ein amerikanisches Pendant zu unserer Ombudsstelle), ehe er über zwanzig Jahre die Geschäfte des Charities Review Counsil of Minnesota führte, eine Organisation zur Qualitätsförderung im Spendenwesen.

Von 1981 bis 1999, ab 1988 hauptberuflich, verfasste Adams neunzehn Krimis - die 16-teilige, in den frühen 30er-Jahren, der Zeit der Grossen Wirtschaftsdepression spielende Reihe um das liebenswerte, weder Furcht noch Reue kennende Schlitzohr Carl Wilcox, zwei Romane um den ehemaligen TV-Moderator und jetzigen Privatdetektiv Kyle Champion und ein Einzelwerk.

Carl Wilcox, ein trinkfester Herumtreiber, der vor längerer Zeit ein paar Monate mit einer Revuetänzerin verheiratet war, betätigt sich als Handwerker, Gelegenheitsverbrecher, Plakatmaler und bisweilen, wenn er über einen Mordfall stolpert und gerade nicht im Kittchen sitzt, eher widerwillig als Privatdetektiv - er begibt sich auf Verbrecherjagd, um am Schluss nicht selbst als Sündenbock dazustehen.

Wilcox lebt am liebsten in den Tag hinein, kümmert sich jedoch selbstlos um seine Mitmenschen, wenn sie in Not geraten sind. Seine Wurzeln liegen in Corden - seine puritanisch eingestellten Eltern besitzen dort ein Hotel -, einem kleinen, fiktionalen Nest (gemeint ist wohl Adams' Geburtsort Clark) in South Dakota, dessen Bewohner mit sehr beachtlichem kriminellem Potential aufwarten. Unterstützt wird Wilcox durch den grundehrlichen, gern etwas unterschätzten Dorfpolizisten Joey Paxton und seinen zu ihm aufschauenden Neffen Hank, einen aufgeweckten, über einen stark entwickelten Gerechtigkeitssin verfügenden Teenager, und auch mit schönen jungen Frauen versteht er sich meistens gut.

Rund um dieses überschaubare Personal hat Adams eine schnörkellose, unprätentiöse, mit humorvollen Passagen gespickte Krimireihe kreiert - eine Trouvaille.

Harlod Adams starb 91-jährig in Eden Prairie, Minnesota, wo er seinen Lebensabend in einer Alterssiedlung verbracht hatte, und hinterliess eine Tochter, Wendy.

Bibliografie:
Carl Wilcox-Serie: 'Murder' - 'Einfach Mord' (1981), 'Paint the Town Red' - 'Malt die Stadt rot' (1982), 'Missing Moon' - 'Killer im Haus' (1983), 'The Naked Liar' - 'Lügen haben schöne Beine' (1985), 'The Forth Widow' - 'Die vierte Witwe' (1986), 'The Barbed Wired Noose' - 'Die Schlinge aus Stacheldraht' (1987), 'The Man Who Met the Train' - 'Grosse Männer sterben schnell' (1988), 'The Man Who Missed the Party' - 'Jagdsaison' (1989), 'The Man Who Was Taller Than God' (1992), 'A Perfectly Proper Murder' (1993), 'A Way With Widows' (1994), 'The Ditched Blonde' (1995), 'Hatched Job' (1996), 'The Iced Pick Artist' (1997), 'No Badge, No Gun' (1998), 'Lead, So I Can Follow' (1999);
Kyle Champion-Krimis: 'When Rich Men Die' (1987), 'The Forth of July Wake' (2002);
Standalone: 'The Thief Who Stole Heaven' (1982).

++ Erstellt: Dezember 2013 ++
++ Update: April 2014 ++
 



Adcock, Thomas

(*1947)

Thomas Larry Adcock wuchs in seiner Geburtsstadt Detroit und in New York City auf. Er begann seine journalistische Laufbahn als Polizei- und Lokalreporter bei der 'Detroit Free Press'. Später arbeitete er für das Detroit Büro der 'New York Times', die 'Sun Newspapers of Minnesota' und den 'Minneapolis Tribune', ehe er für kurze Zeit in die Werbebranche der Madison Avenue in New York wechselte. In dieser Periode schrieb er rund ein Dutzend Romane unter drei verschiedenen Pseudonymen, alle mit den Initialen B.S., Seifenopern für das Fernsehen und Stories für das Ellery Queen's Mystery Magazine. Seine erste Publikation unter eigenem Namen war 'Precinct 19' (1984), ein Sachbuch über den Polizeialltag im Manhattan Upper East Side Revier. 1989 startete Adcock die Neil Hockaday-Serie.

Der irisch-stämmige New Yorker Cop Neil Hockaday, genannt Hock, wie fast alle irischen Einwanderer in Hell's Kitchen aufgewachsen, kehrt nach seiner Scheidung dorthin zurück und wird Mitglied der SCUM-Patrol (Street Crimes Unit Manhattan) des NYPD, für die er (ohne Partner) in Hell's Kitchen unterwegs ist. Das Viertel hat sich indes verändert: Im Zuge der menschenfeindlichen Sozialpolitik unter Ronald Reagan und der masslosen Gier von Immobilienspekulanten sind die Alteingesessenen an den Rand bzw. in den 'Dschungel' (eine Schlucht tief unter der Stadt) gedrängt worden. Adcocks erster Krimi 'Hell's Kitchen' gibt diesen obdachlosen Aussenseitern eine Stimme.

In 'Ertränkt alle Hunde', Adcocks am höchsten eingestuftem Krimi, reist Hock mit seiner neuen Freundin, der Schauspielerin Ruby Flagg, in seine irische Heimat, wo sein letzter übrig gebliebener Verwandter (der Bruder von Hocks früh verstorbenem Vater) in den letzten Zügen liegt. Kaum dort angekommen, wird Hock in eine ebenso turbulente wie bleihaltige Familiengeschichte - seine eigene - verwickelt, aus der er immerhin lebend herauskommt.

Im vierten Teil der Reihe, 'Der Himmel des Teufels', kehrt der vom Polizeidienst beurlaubte, seit kurzem mit Ruby verheiratete Hock nach einer sechswöchigen Alkoholentziehungskur nach Hell's Kitchen zurück und mutiert zum Privatermittler, als in Manhattan reihenweise Homosexuelle und Transvestiten abgemurkst werden.

Die zwei letzten Romane der sechsbändigen Reihe gibt es bisher nicht in deutschen Übersetzungen.

Nach Beendigung der Hock-Serie kehrte Adcock dem Krimi den Rücken zu. Er schrieb Radiodramen, unterrichtete Creative Writing an der New York's New School for Social Research und wurde Literaturkritiker der New York Times. Überdies ist er USA-Korrespondent des Hamburger Internet-Magazins 'CULTurMAG'.

Adcock ist verheiratet mit der Schauspielerin und Autorin Kim Sykes und hat zwei erwachsene Töcher. Er lebt in Manhattan und in einem alten Farmhaus in New York State.

Bibliografie:
Neil Hockaday-Serie: 'Sea of Green' - 'Hell's Kitchen' (1989), 'Dark Maze' - 'Feuer und Schwefel' (1991), 'Drown All the Dogs' - 'Ertränkt alle Hunde' (1994), 'Devil's Heaven' - 'Der Himmel des Teufels' (1995), 'Town-Away Child' (1996), 'Grief Street' (1997).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Januar 2014 ++
 


A.D.G. (Alain Dreux Galloux)

(Pseudonym für Alain Fournier, 1947-2004; nannte sich auch Alain Camille und Arnold Fouquet)

Geboren in Tours als Sohn eines Sozialisten und Enkel eines Kommunisten, ging A.D.G. (bürgerlich: Alain Fournier; das Pseudonym konnte lange Zeit nicht gelüftet werden) als 12-Jähriger aus Protest gegen sein Elternhaus auf eine französische Militärschule, von der er wegen disziplinarischer Vergehen nach drei Jahren verwiesen wurde. Danach arbeitete er als Küchenjunge und Bankangestellter, ehe er einen Handel mit antiken Waffen und seltenen Büchern aufzog.

1968 kam A.D.G. in Kontakt mit dem einer rechtsgerichteten literarischen Vereinigung vorstehenden Michel-Georges Micberth und war kurz als Herausgeber der Zeitschrift der Gruppe tätig. 1971 debütierte er als Krimiautor. Darüber hinaus arbeitete er als Journalist und schrieb Dialoge für das französische Fernsehen. 1981 liess er sich in der französischen Kolonie Neukaledonien nieder. Dort gab er die Zeitschrift 'Combat calédonien' heraus, die gegen die Unabhängigkeit Neukaledoniens eintrat. 1991 kehrte er nach Frankreich zurück, wo er für verschiedene rechtslastige Zeitungen arbeitete. Er starb 57-jährig in Paris.

A.D.G zählte Anfang der 70er-Jahre - zusammen mit seinem politischen Antipoden Jean-Patrick Manchette - mit seinen harten, schnörkellosen Krimis zu den Begründern des Néopolar. 1977 startete er die neunteilige, zum Teil in Frankreich, zum Teil in Neukaledonien spielende Serie um den jungen royalistischen Anwalt Pasal Delcorix aus Tours und dessen besten Freund, den versoffenen Anarchisten und Journalisten Serguieï Djerbitskine, genannt "Machin", der im posthum erschienenen Krimi 'J'ai déjà donné' ums Leben kommt. In den 90er-Jahren geriet der Autor ins literarische Abseits.

2003, nach fünfzehn Jahren Schreibpause, kehrte A.D.G. mit seinem 19. Krimi 'Kanguroad Movie' zurück. Im Zentrum der actiongeladenen, im australischen "never-never Land" spielenden Geschichte steht der irisch-stämmige Ich-Erzähler Paddy O'Flaherty, ein ehemaliger Fallschirmspringer, der gemeinsam mit dem Aborigine Pickwick-Pickwick Kadigbaku im Outback als Ranger tätig ist. Eines Nachts stossen die beiden Männer auf fünf Mordopfer, einen Eingeborenen und vier Weisse - einzig die etwas undurchsichtige Schweizer Biologin Anais Unger hat das Massaker überlebt. Als Paddy unter Tatverdacht gerät, geht er dem Verbrechen selbst auf den Grund.

Bibliografie:
'La divine surprise' (1971), 'Les Panadeux' (1971), 'La marche truque…' - 'Flucht ist nichts für Träumer' (1972), 'La nuit des grands chiens malades' (auch unter dem Titel 'Quelques messieurs trop tranquilees') - 'Die Nacht der kranken Hunde' (1972), 'Cradoque's Band' (1972), 'Les trois badours' (1972), 'Berry Story' (1973), 'Notre frère qui êtes odieux…' (1974), 'Je suis un roman noir' (1974), 'L'ôtage sans pitié' (1976), 'Kangouroad Movie - 'Kanguroad Movie' (2003), 'Papiers gommés' (2008);
Pascal Delcroix & Machin-Serie : 'Le Grand Môme' (1977), 'Juste un rigolo' (1977), 'Pour venger Pépère' (1980), 'Balles nègres' (1981), 'On n'est pas des chiens' (1982), 'Joujoux sur le caillou' (1987), 'Les billets Nickelés' (1988), 'C'est la bagne!' (1988), 'J'ai déjà donné' (2007).

++ Erstellt: Januar 2011 ++  


Adler, Warren

(*1927)

Warren Adler wurde in Brooklyn, New York City, geboren, wo er auch aufwuchs und an der New York University ein Literaturstudium absolvierte. Nach einem Creative Writing-Studium an der New School arbeitete er als Journalist bei der Zeitung 'New York Daily News, später war er Redakteur des Wochenblatts 'Queens Post' heraus, für das er jeweils die Kolumne 'Pepper on the Side' beisteuerte. Während des Koreakrieges schrieb er für den Pressedienst der Armee im Pentagon. Nach dem Krieg besass er eine Zeit lang vier Radiosender und eine Fernsehstation, ehe er sich in Washington, D.C., niederliess, um eine Werbeagentur zu gründen.

Als er es sich finanziell leisten konnte, machte Adler, der schon mit fünfzehn Autor werden wollte und mit sechzehn seinen ersten (unveröffentlicht gebliebenen) Roman verfasste, im Jahre 1974 das Schreiben zu seinem Hauptberuf. Sein Werk besteht aus dreissig Romanen (Krimis und Politromane, aber auch Familien-, Liebes- und Scheidungsdramen, darunter der Bestseller 'Der Rosenkrieg'), etlichen Kurzgeschichten und Drehbüchern. Darüber hinaus gibt Adler Vorlesungen über Kreatives Schreiben und die Bedeutung des E-Books. Der Vater von drei erwachsenen Söhnen lebt mit seiner Frau Sonia, mit der er seit 1951 verheiratet ist, in New York City und Jackson Hole, Wyoming. Dort gründete er die Jackson Hole Writer's Conference, eine Organisation, die junge Autoren auf vielfältige Weise unterstützt.

Drei von Adlers Krimis liegen in deutschen Übersetzungen vor: Das Einzelwerk 'Die Macht im Nacken', in dem Tochter und Enkel des amerikanischen Mafiabosses Don Salvatore Padronelli von Terroristen nach Ägypten entführt werden, worauf dieser den US-Präsidenten und die First Lady als Geiseln nimmt, um seine heiss geliebten Nachkommen freizubekommen. Sowie die zwei ersten Bände der Reihe um Detective Sergeant Fiona FitzGerald von der Mordkommission des Metropolitan Washington Police Department, eine attraktive, toughe, allein lebende, sich durch einen ausprägten Gerechtigkeitssinn auszeichnende Frau Mitte dreissig, deren verstorbener Vater Senator in New York City war (in den beiden ersten Büchern gibt der Autor seltsamerweise einen New Yorker Cop als Vater an) und deren Fälle in der Regel die hohen Schichten der Hauptstadt betreffen.

Adlers Bücher sind bekannt für ihren dunklen Humor, ihre komplexen Charaktere und scharf geschliffenen Dialoge. In den letzten Jahren holte sich der Autor die Rechte von fast allen seinen Büchern zurück und brachte sie in digitale Form, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Bibliografie:
Fiona FitzGerald-Serie: 'American Quartet' - 'Amerikanisches Quartett' (1981), 'American Sextet' - 'Amerikanisches Sextett' (1982), 'Senator Love' (1991), 'Immaculate Deception' (1991), 'The Witch of Watergate' (1992), 'The Ties That Bind' (1994), 'Death of a Washington Madame' (2005), 'Washington Masquerade' (2013);
'Trans-Siberian Express' (1977), 'The Casanova Embrace' (1978), 'Blood Ties' (1979), 'We Are Holding the President Hostage' - 'Die Macht im Nacken' (1986), 'Madeline's Miracles' (1989), 'Private Lies' (1991), 'Cult' (2002), 'Flanagan's Dolls' (2010), 'Residue' (2010), 'The David Embrace' (2010), 'Empty Treasures' (2010), 'The Serpent's Bite' (2012), 'Target Churchill' (gemeinsam mit James C. Humes, 2013).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Januar 2014++
 


Aird Catherine

(Pseudonym für Kinn Hamilton McIntosh, *1930)

Kinn McIntosh wurde als Tochter eines schottischen Arztes in Huddersfield, West Yorkshire, geboren und besuchte dort die Grundschule und dann bis 1946 die Greenhead High School in Keighley, ebenfalls West Yorkshire. Sie wollte ursprünglich in die Fussstapfen ihres Vaters treten, doch eine schwere Nierenerkrankung, die sie lange Zeit ans Bett fesselte, liess ein Medizinstudium nicht zu. Als ihre gesundheitlichen Probleme überwunden waren, legte sie in der Landpraxis ihres Vaters in Sturry Hand an. Beeinflusst von den Golden Age-Autorinnen Margery Allingham, Dorothy Sayers und Josephine Tey, unter dem Pseudonym Catherine Aird, begann Kinn McIntosh in den 60er-Jahren eine Laufbahn als Krimiautorin. Sie lebt seit 1946 in der kleinen Ortschaft Sturry, im östlichen Teil von Kent, und widmet sich auch heute noch vorwiegend dem Krimi-Schreiben. Darüber hinaus hat sie mehrere Dorfgeschichten über Sturry herausgegeben, am 'Oxford Companion to Crime and Mystery Writing' mitgearbeitet und sich auch in der lokalen Sozialpolitik engagiert.

Airds belletristisches Werk enthält einen Kurzgeschichtenband und 23 Kriminalromane, in denen mit einer Ausnahme der sympathische, meist zurückhaltend auftretende, ab und zu aber doch eine sarkastische Bemerkung fallen lassende Police Inspector C.D. Sloan, genannt "Seedy", aus der aufstrebenden, in der fiktiven englischen Grafschaft West Calleshire gelegenen (nach Airds Wohnort Sturry gezeichneten) Kleinstadt Berebury im Mittelpunkt steht. Er ist glücklich mit Margaret verheiratet und züchtet in der Freizeit Rosen. Sein Assistent ist Sergeant William Crosby, ein langsamer Denker mit einem Hang zu rasend schnellen Fahrten mit dem Streifenwagen, sein Vorgesetzter Superintendent Leeyes, der cholerische Leiter der örtlichen Kriminalpolizei. Zum Stammpersonal gehört ferner der Pathologe Dr. Dabble, ein routinierter Mann, der stets für eine Überraschung gut ist.

In ihren unprätentiösen, ganz auf den Fall fokussierten, mit viel trockenem Humor erzählten und an lebensnahen Dialogen reichen Krimis - reizvolle Mixturen aus Polizeiroman und Tüftelkrimi, die sich auch vor Ruth Rendells und P.D. James' besten Büchern nicht verstecken müssen - behandelt die Autorin vorzugsweise Familienintrigen und -tragödien, deren Ursprünge weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Bibliografie:
Police Inspector C.D. Sloan-Serie: 'The Religious Body' - 'Der Nonnenmörder' (1966), 'Henrietta Who?' - 'Wer ist Henrietta?' (1968), 'The Complete Steel' (auch unter dem Titel 'The Stately Home Murder' - 'Schlossgeheimnisse' (1969), 'A Late Phoenix' - 'Skelett mit Folgen' (1970), 'His Burial Too' - 'Das Pendel des Todes' (1973), 'Slight Mourning' - 'Die Antwort steht im Testament' (1975), 'Parting Breath' (1977), 'Some Die Eloquent' (1979), 'Passing Strange' (1980), 'Last Respects' (1982), 'Harm's Way' (1984), 'A Dead Liberty' (1986), 'The Body Politic' (1990), 'A Going Concern' (1993), 'After Effects' (1996), 'Injury Time (1997), 'Siff News' (1998), 'Little Knell' (2000), 'Amendment of Life' (2003), 'Chapter and Hearse and Other Stories' (2003), 'A Hole in One' (2005), 'Losing Ground' (2007), 'A Past Tense' (2010), 'Dead Heading' (2014);
'A Most Contagious Game' (1967).

++ Erstellt: Januar 2011 ++
++ Update: April 2014 ++
 


Alexie, Sherman

(*1966)

Der Spokane/Coeur-d'Alène-Indianer Sherman Alexie, geboren und aufgewachsen im Spokane Reservat in Wellpinit, Bundesstaat Washington, als Sohn eines Alkoholikers und einer Mutter, die die achtköpfige Familie mit Heimarbeit über Wasser hielt, musste sich mit sechs Monaten einer heiklen Hirnoperation unterziehen und litt danach unter epileptischen Anfällen. Trotzdem las er bereits mit fünf Jahren seine ersten Romane. Er ging an die High School in Reardon, ausserhalb des Reservats, und war dort der einzige Indianer. 1985 bis 1987 besuchte er die Gonzaga University in Spokane, danach wechselte er an die Washington State University in Pullman, wo er ein Medizinstudium in Angriff nahm. Weil er während des Anatomie-Unterrichts mehrmals das Bewusstsein verlor, brach er das Studium ab und besuchte einen Poesie-Workshop an derselben Uni. Er machte einen Abschluss in American Studies und begann zu schreiben.

Nach fünf Gedichtbänden, der Geschichtensammlung 'Regenmacher' (1993) und dem Roman 'Reservation Blues' (1995) veröffentlichte Alexie 1996 seinen ersten von zwei Krimis, 'Indian Killer' (der zweite Krimi 'Flight' folgte erst elf Jahre später). Er dreht sich um John Smith, den Spross einer Indianerin, der als Neugeborener von einem weissen Ehepaar aus Seattle adoptiert worden ist, ohne seine Stammeszugehörigkeit zu erfahren. Als er älter wird, konstruiert er sich eine Phantasieexistenz als Indianerheld. Er trifft die Studentin Marie, die sich für die Rechte der Indianer einsetzt. In der gleichen Zeit wird Seattle von einer Mordserie erschüttert, deren Urheber ein Indianer sein muss, und Jack Wilson, ein von Marie verachteter Ex-Polizist und Krimiautor mit indianischen Wurzeln, schickt sich an, die Morde für seine Zwecke auszuschlachten. Ist John Smith der Indian Killer?

Sherman Alexie, der auch als Komiker und Drehbuch- und Jugendbuchautor von sich reden macht, lebt mit seiner Frau Diane Tomhave, die ebenfalls indianischer Abstammung ist, und seinen zwei Söhnen in Seattle, Washington State.

Bibliografie:
'Indian Killer' - 'Indian Killer' (1996), 'Flight' (2007).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Juni 2013 ++
 


Allbeury, Ted

(Kürzel für Theodore Edward Le Bouthillier Allbeury, 1917-2005; schrieb auch als Richard Butler und Patrick Kelly)

Ted Allbeury wurde in der nordwestenglischen Stadt Stockport, Cheshire, als Spross einer proletarischen Familie geboren, sein Vater starb, als er fünf war. Die Mutter zog daraufhin mit Ted und seiner Schwester nach Birmingham, später nach Ilford, Essex, wo er die Primarschule absolvierte. Zurück in Birmingham, besuchte er die King Edward's Grammar School im Stadtteil Aston. Nach Abschluss der Schule arbeitete er in einer Eisengiesserei und bildete sich in Abendkursen zum technischen Zeichner und Konstrukteur aus.

1940 wurde Allbeury vom britischen Geheimdienst rekrutiert - das Anstellungsgespräch fand offenbar in einem Coiffeurladen am Trafalgar Square statt. Während des Krieges diente er für die Organisation ‚Special Operations Executive' (SOE) in verschiedenen afrikanischen Ländern und Italien und stieg bis zum Lieutenant Colonel auf. Danach war er bis 1947 für die Besatzungsbehörden in Deutschland stationiert, wo er inhaftierte Nazis verhörte.

In der Nachkriegszeit betätigte er sich zunächst vornehmlich in der Werbebranche, später als Farmer und Hundezüchter auf der Isle of Oxney in Kent sowie, von 1965 bis 1967, als Leiter des sehr populären Piratensenders 'Radio 390'; dann bis 1981 wieder in der Werbung. Nach einem Schicksalsschlag - im November 1970 wurde seine vierjährige Tochter auf mysteriöse Weise entführt - begann er zu schreiben, um sich ein wenig von seiner Trauer abzulenken.
(Zu dieser Entführung existieren recht widersprüchliche Versionen: Es ist auch von zwei entführten Töchtern die Rede, und Allbeury soll sie nach vielen Jahren in Lateinamerika aufgespürt und befreit haben; nach anderen Quellen, die nur ein Entführungsopfer aufführen, ist dieses 1985 überraschend wieder in England aufgetaucht.)

Sei's drum. 1973, mit 56 Jahren, veröffentlichte Allbeury sein erstes Buch und schrieb dann innert 30 Jahren gegen 50 Spannungsromane - fast nur Einzelwerke (Ausnahme: Die Trilogie um den polnisch-englischen SIS-Agenten Tad Anders), die sich teils mit dem Zweiten Weltkrieg, teils mit dem Kalten Krieg auseinandersetzen. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Hörspiele, die Geschichtensammlung 'Other Kinds of Treason' und den nicht dem Krimigenre zuzurechnenden Roman 'Choice' ('Wer die Liebe wählt'). Die ursprünglich mit den Pseudonymen Richard Butler und Patrick Kelly gezeichneten Titel sind später unter dem Namen Ted Allbeury wieder aufgelegt worden.

Der mehrmals verheiratete, bis ins hohe Alter äusserst produktive Autor verbrachte das letzte Drittel seines Lebens mit seiner grossen Liebe Grazyna, mit der er von 1974 bis zu ihrem Tod 1999 verheiratet war, in der Grafschaft Kent, wo er 88-jährig starb. Er hinterliess einen Sohn und drei Töchter.

Nachdem Allbeury in seinen ersten Büchern noch als recht grobschlächtiger "Kommunistenfresser" aufgetreten war, wurde seine Betrachtungsweise in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre allmählich differenzierter, indem er nun auch Englands politische Führung einer kritischen Betrachtung unterzog. Seine am höchsten eingestuften Politthriller stammen aus den späten 70er- und frühen 80er-Jahren: 'Vergangenheit ist nie zu Ende', eine autobiografisch gefärbte, um Einsätze der SOE im besetzten Frankreich kreisende Geschichte; 'Am Rande der Einsamkeit', ein Roman über Verrat und Loyalität, in dem der einsame, tragische Held James Harmer im Jahr 1944 eine Résistence-Gruppe überwachen soll, von der man glaubt, sie sei von der Gestapo infiltriert; 'Die andere Seite des Schweigens', die zwischen Fakten und Fiktion pendelnde Geschichte des berühmt-berüchtigten Spionageabwehrchefs Kim Philby - war Philby gar ein Tripelagent? wusste er überhaupt noch, für wen er arbeitete, und wen er verriet?; und 'Jeder Spion hat seinen Preis', in dem der skrupellose CIA-Psychiater Tony Symons junge Männer (z.B. Lee Harvey Oswald und Shirhan Sirhan, die Mörder der Kennedy-Brüder) zu Mordmaschinen programmiert.

Bibliografie:
'A Choice of Enemies' - 'Agenten sind treue Feinde' (1973), 'The Special Collection' - 'Unternehmen Sonderkollekte' (1975), 'The Only Good German' (auch unter dem Titel 'Mission Berlin') - 'Ein nützlicher Deutscher' (1976), 'Moscow Quadrille' - 'Quadrille mit tödlichem Ausgang' (1976), 'The Man with the President's Mind' - 'Phantomhirn für den Präsidenten' (1977), 'The Lantern Network' - 'Vergangenheit ist nie zu Ende' (1978), 'The Alpha List' - 'Die Alpha-Liste' (1979), 'Consequence of Fear' (auch unter dem Titel 'Smokescreen') - 'Die Saat der Angst' (1979), 'The Twentieth Day of January' - 'In der Hand des Kreml' (1980), 'The Reaper' (auch unter dem Titel 'The Stalking Angel') - 'Die Rächerin' (1980), 'The Other Side of Silence' - 'Die andere Seite des Schweigens' (1981), 'The Secret Whispers' - 'Seitenwechsel' (1981), 'All Our Tomorrows' - 'Und morgen die Zukunft' (1982), 'Shadow of Shadows' - 'Schatten der Spione' (1982), 'Pay Any Price' - 'Jeder Spion hat seinen Preis' (1983), 'The Girl from Addis' - 'Das Mädchen von Addis' (1984), 'No Place to Hide' - 'Rennie' (1984), 'Children of Tender Years' - 'Kinder der Geborgenheit' (1985), 'The Seeds of Treason' - 'Saat des Verrats' (1986), 'The Crossing' (auch unter dem Titel 'Berlin Exchange' - 'Bauernopfer' (1987), 'A Wilderness of Mirrors' - 'Spiegelverkehrt' (1988), 'Deep Purple' - 'Geheimcode Deep Purple' (1989), 'A Time Without Shadows' (auch unter dem Titel 'Rules oft he Game') - 'Zeit ohne Schatten' (1990), 'The Dangerous Edge' - 'Drecksarbeit' (1991), 'Show Me a Hero' - 'Ein echter Amerikaner' (1992), 'The Line-Crosser' - 'Grenzgänger' (1993), 'As Time Goes by' (1994), 'Beyond the Silence' (1995), 'The Long Run' (1996), 'Aid and Comfort' (1997), 'Shadow of a 'Doubt' (1998), 'The Reckoning' (1999), 'Never Look Back' (2000), 'The Assets' (2000), 'Cold Tactics' (2001), 'The Networks' (2002), 'Special Forces' (2002), 'Due Process' (2003), 'Hostage' (2004), 'Dangerous Arrivals' (2007), 'Deadley Departures' (2007), 'The Spirit of Liberty' (2007);
Tad Anders-Romane: 'Snowball' - 'Operation Schneeball' (1974), 'Palomino Blonde' (auch unter dem Titel 'Omega-minus') - 'Der Omega-Minus-Prozess' (1975), 'The Judas Factor' - 'Der Judas-Faktor' (1984).
Als Richard Butler: 'Where All the Girls Are Sweeter' - 'Wer die Nachtigall schiesst' (1975), 'Italian Assets' - 'Risiko an der Riviera' (1976).
Als Patrick Kelly: 'The Lonely Margins' - 'Am Rande der Einsamkeit' (1981), 'Codeword Cromwell' - 'Codewort Cromwell' (1980).

++ Erstellt: Januar 2011 ++  


Allegretto, Michael

(*1944)

Geboren in Florida als Sohn eines Vaters, der in Denver, Colorado, als Polizist tätig war, übte Michael Allegretto Berufe wie Landvermesser, Schulbusfahrer, Seidendrucker, Buchhandelsvertreter und Redakteur aus. Nebenbei verfasste er Zeitungsartikel, Kurzgeschichten und neun Kriminalromane - vier Psychothriller und den Fünfteiler um Jacob Lomax.

Jacob "Jake" Lomax, ein hart gesottener Ex-Cop, der immer wieder mal eins auf die Rübe bekommt, sich jedoch meistens gut zu wehren weiss, ist Privatdetektiv in Denver. Seine Frau Katherine wurde vor einigen Jahren ermordet, worauf er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Lieutenant Patrick McArthur, Chef des Mord- und Raubdezernats, half ihm damals wieder auf die Beine und ist auch jetzt noch ein guter Freund und überdies seine wichtigste Kontaktperson bei der Polizei. Seit Katherines Tod lässt sich Lomax nicht mehr auf feste Beziehungen ein, doch hin und wieder hat er Sex mit einer Frau. Seine wahre Passion gilt indes dem Schachspiel.

Die aus schnörkellosen, sauber konstruierten, jeweils ganz auf den Kriminalfall fokussierten und mit prickelnden Dialogen gefüllten Geschichten bestehende Reihe fand 1995 nach acht Jahren ihren Abschluss. Seither hat man nichts mehr von Allegretto gehört.

Bibliografie:
Jacob Lomax-Serie: 'Death of the Rocks' (1987), 'Blood Stone' - 'Im Schatten der Beute' (1988), 'The Dead of Winter' - 'Tödlicher Denkzettel' (auch unter dem Titel 'Sterben on the Rocks', 1989), 'Blood Relative' - 'Nicht von schlechten Eltern' (1992), 'Grave Doubt' - 'Tot oder nicht tot' (1995);
'Night of Reunion - 'Die Frau, die aus dem Dunkeln kam' (1990), 'The Watchman' - 'Der Fluch der guten Tat' (1991), 'The Suitor' - 'Die Frau, die mit dem Feuer spielte' (1993), 'Shadow House' - 'Die Frau, die das Vergessen störte' (1994).

++ Erstellt: August 2012 ++  


Alter, Robert Edmond

(1925-1966)

Robert Edmond Alter, geboren in San Francisco als Robert Pedroni, wurde als kleiner Junge durch Retla und Irene Alter adoptiert. Seine frühen Jahre verbrachte er als Wanderarbeiter auf kalifornischen Fruchtfeldern und als Regal-Auffüller in einer Buchhandlung in Pasadena, Kalifornien, bevor er an der University of California und dem Pasadena City College studierte. Es folgte ein Lehrgang am Pasadena Playhouse, der ihm ein paar kleinere Filmrollen eintrug. 1949 wurde er Angestellter des Postbüros von Altadena, Kalifornien. Mitte der 50er-Jahre begann er zu schreiben - zuerst Kurzgeschichten für Gefässe wie 'Mike Shayne', 'Manhunt', 'Argosy', 'Saturday Evening Post', 'Alfred Hitchcock's Mystery Magazine' und 'Boys' Life', später Abenteuerbücher für Kinder und Jugendliche, Sciencefiction, historische Bücher und zwei Krimis, 'Sumpfschwester' und 'Jahrmarkt der Begierde'.

Alter lebte mit seiner Frau Maxine, die er 1947 geheiratet hatte, und ihrer gemeinsamen Tochter Sande in Altadena. Im Alter von vierzig Jahren erlag er in Los Angeles einer Krebserkrankung. Mehrere seiner Manuskripte wurden erst posthum veröffentlicht, unter ihnen eine Biografie des Afrikaforschers Henry Stanley, ein Roman über den Amerikanischen Bürgerkrieg ('High Spy'), das historische Werk 'The Trail of Billy the Kid' und der apokalyptische Siencefiction-Thriller 'Path to Savagery', der zehn Jahre später unter dem Titel 'The Ravagers' verfilmt wurde.

'Sumpfschwester' spielt in einer unwirtlichen, von Hinterwäldlern bewohnten Region, die durch 80'000 Dollar aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Vor vier Jahren ist hier, in den Sümpfen Floridas, ein Flugzeug mit Lohngeldern abgestürzt und seither verschollen, die Suche nach dem Bargeld hat schon viele Opfer gefordert. Um vielleicht doch noch an die Kohle zu kommen, hat Iris Cutler, eine der wenigen gebildeten Menschen des Orts, den gewieften und attraktiven 20-jährigen Shad Hark unter ihre Fittiche genommen und ins Bett geholt, während ihr Mann Larry tagtäglich Schundgeschichten für Jugendliche in die Tasten haut. Doch auch der durchtriebene Versicherungsagent Ferris, der das Geld eigentlich für seinen Arbeitgeber auftreiben sollte, ist hinter den 80'000 her. Und ein paar vor nichts zurückschreckende Rednecks. Als Shad dann zufällig auf das Flugzeug samt Geldkassette stösst, beginnt er mit Zehndollarnoten um sich zu werfen - ein verhängnisvoller Fehler.
Alters erster Krimi 'Sumpfschwester' ist eine sehr eigenständige und unprätentiöse Geschichte über Geldgier und unerfüllte Hoffnungen, prall gefüllt mit packenden Schilderungen des urwüchsigen, alptraumhaften Landstrichs mit seinen Sümpfen und dem undurchdringlichen Dschungel, mit seinen Alligatoren, Pantern und Mokassinschlangen und der wild wuchernden Vegetation.

Bibliografie: 'Swamp Sister' - 'Sumpfschwester' (1961), 'Carny Kill' - 'Jahrmarkt der Begierde' (1966).

++ Erstellt: September 2011 ++  


Alverson, Charles

(*1935)

Charles E. Alverson, geboren und aufgewachsen im Grossraum Los Angeles, musste unzählige Male die Schule wechseln, da seine Eltern immer wieder umzogen. Nach der High School diente er drei Jahre als Fallschirmspringer bei der US Army, anschliessend studierte er Englisch mit einem Abschluss am San Francisco State College 1960. Nach sechs Monaten in der Werbung zog er 1961 nach New York City, um für das Satiremagazin 'HELP!' zu arbeiten. Es folgten weitere journalistische Anstellungen und ein 1963 abgeschlossenes Journalistikstudium an der Columbia University. Frisch verheiratet, schrieb er in den folgenden sechs Jahre für das 'Wall Street Journal', zuerst in San Francisco, später in Los Angeles und Philadelphia, unterbrochen durch einen sechsmonatigen Aufenthalt in der Drogenentzugskommune Synanon in Ocean Beach, Kalifornien, im Jahr 1967 - als Nicht-Süchtiger.

1969 übersiedelte Alverson nach Grossbritannien - London, Radnorshire (Wales) und Cambridge waren die Wohnsitze. Er heiratete dort seine zweite Frau, mit der er drei Kinder hatte, schrieb für die Musikzeitschrift 'Rolling Stone' und verschiedene Zeitungen - und startete seine schriftstellerische Laufbahn. Alverson schrieb Romane für Erwachsene, Kinder und Jugendliche, Kurzgeschichten und Filmscripts und lieferte die Drehbücher zu Terry Gilliams Kultfilmen 'Jabberwocky' und 'Brazil'. 1980 wurde er verantwortlicher Redakteur des von Gilliams Monty Python-Kollegen Terry Jones finanzierten Umweltmagazins 'Vole', später war er in leitender Stellung für die Zeitschrift 'Insight' und das Technikmagazin 'GIS Europe' tätig. Neben seinen journalistischen und schriftstellerischen Aktivitäten machte er als militanter Gegner von Thatchers Steuerpolitik und des ersten Golfkriegs von sich reden; er wurde zweimal verhaftet, aber nicht verurteilt.

1993 besuchte er in Belgrad die Serbin Zivana Anicin, die er vierzehn Jahre zuvor kennen gelernt hatte, als sie in England als au-pair-Mädchen in Terry Jones' Haushalt angestellt war. Sie heirateten 1994 in Belgrad, und Alverson arbeitete dort als Journalist und Lehrer. 1998 liessen sie sich auf einer Farm in dem nordserbischen Dorf Parage nieder, wo sie die Bombardierung Serbiens durch die NATO erlebten. Charles Alverson, dessen letztes Buch 1989 erschienen ist, betreibt das Schreiben längst nur noch hobbymässig - in seinem Schreibtisch befinden sich, wie er 2008 in einem Interview sagte, fünf unveröffentlichte Manuskripte, die teilweise auf seiner Homepage abgedruckt sind. Im selben Interview bezeichnete der Globalisierungsgegner Alverson seine Wahlheimat als interessanteste, aber auch frustrierendste Region, in der er je gelebt hat.

Während seiner Zeit in Grossbritannien hat Alverson auch drei Krimis zu Papier gebracht. In zwei harten, schnörkellosen, mit flotten Sprüchen gewürzten Romanen steht der geschiedene Cop Jonah Webster "Joe" Goodey aus San Francisco im Mittelpunkt, ein sympathischer Mann, der in einer kleinen Wohnung über einem chinesischen Lebensmittelladen lebt. Im ersten Band 'Bis aufs Blut' verliert Joe seinen Job bei der Polizei, als er irrtümlicherweise einen alten Wachmann erschiesst, der sich als Cousin eines vorgesetzten Majors erweist. Doch bereits am nächsten Tag erhält Joe eine Privatdetektiv-Lizenz, um im Auftrag eben dieses Majors möglichst diskret den Mord an der Tänzerin Tina D'Oro aufzuklären - sie war die Liebhaberin des Majors, und der steht jetzt unter Mordverdacht.

Bibliografie:
'Fighting Back' - 'Tanz der Gewalt' (1973);
Joe Goodey-Romane: 'Goodey's Last Stand' - 'Bis aufs Blut' (auch unter dem Titel 'Striptease mit beschränkter Haftung', 1975), 'Not Sleeping, just Dead' - 'Tod auf Krankenschein' (1977).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Amila, Jean

(Pseudonym für Jean Meckert, 1910-1995; schrieb auch als John Amila, John Amilanar, Edouard Duret, Edmond Duret, Guy Duret, Albert Duvivier, Mariodile und Marcel Pivert)

Jean Meckert, geboren in Paris, verbrachte mit seiner Schwester drei Jahre in einem schauderhaften protestantischen Waisenhaus in Courbevoie bei Paris, nachdem der Vater die Familie im Jahr 1920 wegen einer anderen Frau verlassen und die Mutter darob einen schweren seelischen Zusammenbruch erlitten hatte. Mit dreizehn Jahren begann er in Paris eine Lehre in einer Reparaturwerkstatt, anschliessend arbeitete er als Feinmechaniker im Immigrantenviertel Belleville und verschlang in seiner Freizeit die Werke von Balzac und Zola. 1929 erhielt er eine Stelle beim Crédit Lyonnais, die er infolge der Weltwirtschaftskrise bald wieder verlor. Nach einer Periode der Arbeitslosigkeit ging er 1930 für zwei Jahre zur Armee. Zurück im Zivilleben, verrichtete er verschiedene Gelegenheitsjobs, unter anderem als Automechaniker, Magaziner und Verkäufer von Roulette-Gewinnsystemen. Mitte der 30er-Jahre, nach dem Scheitern seiner kurz zuvor geschlossenen Ehe, schrieb er seine ersten Geschichten.

Ein kurzer Einsatz im Zweiten Weltkrieg - Meckert nahm am "drôle de guerre" teil und wurde danach während einiger Monate in einem Soldatenlager in der Schweiz interniert - war gefolgt von einer Anstellung im Rathaus des 20. Arrondissement von Paris, nebenher nahm er an Aktionen der Résistence teil. 1942 machte Meckert das Schreiben zum Hauptberuf, acht Jahre später debütierte er als Krimiautor. Auf Anraten seines Verlegers Maurice Duhamel, dem Herausgeber der berühmten 'Série Noire' bei Gallimard, schrieb er seine ersten Krimis unter dem amerikanisch klingenden Pseudonym John Amila.

Meckert veröffentlichte 21 Krimis, von denen ein Drittel auf Deutsch vorliegt, rund ein Dutzend andere Romane (darunter sein erstes und wohl bekanntestes Werk 'Les coups', das 1942 in der angesehenen Kollektion 'Blanche' des Gallimard Verlags publiziert wurde), ein Theaterstück und ein Jugendbuch. Darüber hinaus arbeitete er als Dialogschreiber für das Kino.

Im Winter 1974/75, nach einem brutalen, nie geklärten (möglicherweise politisch motivierten) Überfall vor seinem Wohnsitz im Quartier Belleville des Gedächtnisses beraubt und fürderhin an epileptischen Anfällen und Depressionen leidend, verstummte der Autor, bis er mehrere Jahre später, unterstützt durch seine Schwester, zu einem halbwegs normalen Leben zurückfand, 1982 seine Jugenderinnerungen 'Les Bouchers des Hurlus' herausgab und 1985 seinen letzten Roman 'Au Balcon d'Hiroshima' folgen liess.

Jean Meckert verbrachte seine letzten Jahre zurückgezogen im ländlichen Ort Lorrez-le-Bocage-Préaux, Departement Seine-et-Marne, und starb im Alter von 84 Jahren in seiner Geburtsstadt. 2005 wurde ein nach ihm benannter Kriminalliteraturpreis (Prix Jean Amila-Meckert) gegründet. 2012 kam seine bereits 1986 fertig gestellte, von Gallimard damals jedoch zurückgewiesene Autobiografie 'Comme un écho errant' heraus.

Jean Meckert - ein Kind der Arbeiterklasse mit antimilitärischer Einstellung und anarchistischen Ideen - zählt zu den eigenständigsten, provokativsten und vielseitigsten Krimiautoren französischer Zunge, er lässt sich in keine Schublade stecken. Ein grosser Teil seiner sozialkritischen, ganz ohne Schwarz-Weiss-Malerei auskommenden - typischerweise von starken Frauenfiguren getragenen - Geschichten befasst sich mit einsamen, durch die Mächtigen an den Rand gedrängten Individuen, die mit aller Kraft versuchen, sich gegen das Schicksal aufzulehnen, ohne sich selber untreu zu werden.

Die schnörkellosen Noir-Balladen 'Die Abreibung' und 'Auf Godot wartet keiner' sehen den umtriebigen Gangster Riton Godot in wichtigen Rollen - er versucht das Vakuum zu füllen, das nach dem gewaltsamen Tod des "Comte" René Lecompte, des legendären, scheinbar unzerstörbaren Chefs der Pariser Unterwelt, entstanden ist und reisst sich auch gleich dessen einflussreiche Lebensgefährtin Angèle Maine unter den Nagel, die sich dann doch als eine Nummer zu gross für ihn erweist.

Im 1959 erschienenen Roman 'Die Ausgestossenen' prallen drei aus dem Gefängnis entwichene Schwerverbrecher, Victor, Charlot und Alain, in einem gottverlassenen Weiler wuchtig auf zwei Dutzend schwer erziehbare, der Pariser Banlieu entstammende Burschen, die unter der Leitung des jungen, idealistischen Ehepaars Irène und Roger ein Reintegrationsprogramm absolvieren - eine explosive Mischung, aus der nichts Gutes entstehen kann.

Die actiongeladene, in einem Provinzkaff in der Normandie spielende Gaunerkomödie 'Bis nichts mehr geht' behandelt alle Aspekte der Calvados-Schwarzbrennerei, mit örtlichen Kleinkriminellen, regionalen Steuerfahndern und mächtigen, skrupellosen Gangstern aus der Hauptstadt als Kontrahenten. Abgerundet wird die Erzählung durch eine schöne, scheinbar hoffnungslose Liebesgeschichte zwischen der beherzt gegen den Schnapskonsum der Kinder (!) kämpfenden 19-jährigen Grundschullehrerin Marie-Anne und dem jungen, pfiffigen Draufgänger und Alkoholschmuggler Pierrot, der eben aus dem Algerienkrieg zurückgekehrt ist.

'Mond über Omaha', ein mit Elementen des Psychothrillers verknüpfter Antikriegsroman, angesiedelt in der Normandie zwanzig Jahre nach dem D-Day, kreist um die Macht der Vergangenheit, um Lebenslügen, existentielle Ängste und verdeckte Identitäten, um Habgier, Eifersucht und Hass. Im Mittelpunkt stehen zwei Überlebende des Gemetzels am "Omaha Beach", die nach dem Krieg in Nordfrankreich hängen geblieben sind, Sergeant Reilly und sein Untergebener Hutchins. Steve Reilly, unglücklich mit einer jungen Französin verheiratet, erweist seinen toten Kameraden Tag für Tag die letzte Ehre, indem er sich akribisch um die Gräber auf dem riesigen amerikanischen Soldatenfriedhof "Omaha Beach" kümmert. George Hutchins desertierte unmittelbar nach der Landung an der französischen Küste und tauchte mit falschem (französischem) Namen unter, um den Kriegsgräueln zu entkommen. Jetzt fristet er mit seiner Familie ein kleinbürgerliches Dasein, bis Amédée Delouis, einer von Reillys Friedhofsangestellten, eines natürlichen Todes stirbt - und sich Hutchins als dessen verschollener Sohn (und potentieller Erbe) präsentiert, sehr zum Leidwesen von Amédées einzigem legitimem Sohn Fernand, der seine Felle davonschwimmen sieht. Zwischen den drei Männern und ihren Frauen entspinnt sich ein ränkevolles Spiel.

'Mitleid mit den Ratten' stellt die Pariser Gaunerfamilie Lenfant in den Mittelpunkt - Vater Julien arbeitet hauptberuflich beim Autokonzern Simca und erleichtert in seiner Freizeit betuchte Leute um mehr oder weniger wertvolle Gegenstände, Mutter Yvonne organisiert die Einbrüche, und die 17-jährige Tochter Solange steht für ihren Papa Schmiere -, ein nahezu perfekt eingespieltes Team, dessen Existenz jedoch aus den Fugen gerät, als Julien in flagranti von einem Polizisten erwischt wird und ihm ein zufällig am Tatort anwesender junger Mann, der sich Michel nennt, das Leben rettet. Denn Michel ist Teil einer Organsation, die in Ungnade gefallene Leute aus dem Weg räumt, und nistet sich jetzt mit seinen Kompagnons bei der Familie Lenfant ein - eiskalte Auftragskiller treffen auf harmlose kleine Diebe…

Die Doudou Magne-Trilogie dreht sich um den Flic Edouard "Doudou" Magne, alias Géronimo, einen schrägen Vogel mit einem Flair für soziale Aussenseiter, der durch seine langen Haare und das Tragen von Sandalen und geblümten Hemden auffällt (keine deutschsprachige Übersetzung).

Bibliografie:
'Y'a pas de bon Dieu !' (1950), 'Motus!' - 'Motus!' (1953), 'La bonne tisane' - 'Die Abreibung' (1955), 'Sans attendre Godot' - 'Auf Godot wartet keiner' (1956), 'Le drakkar' (1959), 'Les loups dans la bergerie' - 'Die Ausgestossenen' (1959), 'Jusqu'à plus soif' - 'Bis nichts mehr geht' (1962), 'Noces de soufre' (1964), 'La lune d'Omaha' - 'Mond über Omaha' (1964), 'Pitié pour les rats' - 'Mitleid mit den Ratten' (1964), 'Les fous de Hongkong' (1969), 'Le grillon enragé' (1970), 'A qui ai-je l'honneur? (1974), 'Le pigeon des Faubourgs' (1981), 'Le chein de Montargis' (1983), 'Langes radieux' (1984), 'Le boucher des Hurlus' (1982), 'Au balcon d'Hiroshima' (1985);
Doudou Magne-Trilogie: 'La nef des dingues' (1972), 'Contest flic' (1972), 'Terminus Iéna' (1974).

++ Erstellt: März 2013 ++  


Andréota, Paul

(1917-2007; schrieb auch als Paul Vance)

Paul Andréota kam in der Atlantik-Hafenstadt La Rochelle auf die Welt und wuchs dort und, nach dem Tod seines Vaters 1929, in Paris auf. Sein Klavier- und Kompositionsstudium am Konservatorium wurde durch den Zweiten Weltkrieg vorzeitig beendet. Von 1947 bis 1949 erschienen seine ersten drei - stark autobiografisch gefärbten - Romane, bevor er zum Film wechselte. Als Drehbuch- und Dialogschreiber sowie als Produzent war er an rund vierzig Filmen beteiligt. Parallel dazu, zwischen 1968 und 1976, verfasste er acht Kriminalromane. Er starb 89-jährig in seiner Geburtsstadt.

'Mord im Zickzack', Andréotas am höchsten eingestufter Krimi, erzählt die Geschichte einer verhängnisvollen Beziehungskette: Pierre Laisné liebt Chris, mit der er frisch verheiratet ist, doch diese hängt noch immer an dem berühmten Modefotografen Jess Vadja; dieser wiederum liebt Lou, die ihr Herz indes an Pierre Laisné verloren hat. Dann wird Jess erstochen aufgefunden, und Chris legt freiwillig ein Geständnis ab: Sie habe ihren früheren Geliebten Jess erstochen, um ihre Ehe zu retten. Aus dem Autopsiebefund geht jedoch klar hervor, dass Jess zu einem Zeitpunkt gestorben ist, da Chris die Tat gar nicht begangen haben kann. Deckt sie ihren Mann? Ein Zick-Zack-Lauf beginnt.

Bibliografie:
'Tout à fait le mème' (1968), 'Zigzags' - 'Mord im Zickzack' (1969), 'La Pieuvre' - 'Lebenswandel mit Todesfolge' (1970), 'Le Piège' - 'Die Hexe' (1972), 'Les Lames' (1973), 'Le Scénario' (1974), 'La maison des oiseaux' - 'In Schutt und Asche' (1975), 'Schizo' - 'Schizo' (1976).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Andresen, Thomas

(1934-1989; schrieb auch als Chris Martin)

Thomas Andresen, geboren in der deutsch-dänischen Grenzstadt Flensburg, Schleswig-Holstein, studierte vier Semester Philologie, bevor er zur Medizin wechselte, 1963 in Hamburg den Doktortitel erwarb und danach lange Zeit als Facharzt für Innere Medizin an einer Flensburger Klinik arbeitete. Bereits während des Studiums verfasste er mehrere Kurzgeschichten sowie zwei Kriminalromane, die unter dem Pseudonym Chris Martin herausgekommen sind. Später schrieb er zahlreiche Hörspiele, ein paar Kriminalerzählungen für Jugendliche und zwei Dutzend Krimis für Erwachsene. Darüber hinaus war er freier Mitarbeiter bei der legendären, 1954 neu gegründeten satirischen Wochenzeitschrift 'Simplicissimus'.

Thomas Andresen, der namentlich in den 70er-Jahren zu den renommiertesten Vertretern des deutschen Kriminalromans gehörte, schied 55-jährig in seiner Geburtsstadt freiwillig aus dem Leben - und geriet nach seinem Tod rasch in Vergessenheit.

Nach einigen gut gemeinten, jedoch mit etwas naiv wirkender Sozialkritik getränkten Werken erlebte Andresen von 1972 bis 1984 seine beste Zeit als Krimiautor. Herausragend: 'Wachs in meinen Händen' und 'Fünf Herren, einander belauernd', zwei anspruchsvolle, psychologisch ausgeklügelte, mit überraschenden Wendungen aufwartende Geschichten, die, wie fast alle seine Krimis, in der gehobenen Gesellschaft norddeutscher Kleinstädte angesiedelt sind.

'Fünf Herren, einander belauernd' erzählt von fünf ehrenwerten Bürgern, dem Polizisten Hannes Kowakowski, dem Arzt Kai Uweson, dem Politiker Horst Günther Schmidt-Holnis und den Kaufleuten Walter Ruhmland und Erwin Thedens, die nach der Ermordung der jungen, von ihnen verehrten Schauspielern Anna Barnsdorf Selbstjustiz übten an dem der Tat verdächtigten italienischen Gastarbeiter Alberto Castellotti und ihr Verbrechen dann geschickt vertuschten. Doch jetzt, 19 Jahre später, kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist, werden die fünf Herren von ihrer Vergangenheit eingeholt - einer nach dem andern kommt gewaltsam ums Leben. Ist der Mörder unter einem von ihnen zu suchen, oder handelt es sich um Racheakte eines Aussenstehenden?

Bibliografie:
Als Chris Martin: 'Der Spielverderber' (1961), 'Der Leisetreter' (1962).
Als Thomas Andresen: 'Der Anonyme' (1969), 'Hörst du den Uhu' (1969), 'Der Nebel wird dichter' (1970), 'Bis ich nicht mehr kann' (1971), 'Der Schrei' (1972), 'Schmutziger Herbst' (1972), 'Die Spur des bösen Bruders' (1972), 'Geisterstunde' (1972), 'Wachs in meinen Händen' (1972), 'Grossartig wie der Teufel' (1973), 'Wer badet nachts in meinem Swimming Pool?' (1975), 'Nur über Meiners Leiche' (1976), 'Eine Tote früh um fünf' (1977), 'Fünf Herren, einander belauernd' (1978), 'Die zweite Chance' (1982), 'Herr Struxdorf und die Hierarchie der Morde' (1983), 'Herr Struxdorf und das Spiel mit Blut' (1984), 'Träume von Liebe und Mord' (1987), 'Die Klinge im Haus' (1988), 'Das Lächeln der Revolvermündung' (1988), 'Der Kuss der Klapperschlange' (1988), 'Nachts sind alle Mörder grau' (1989).

++ Erstellt: Mai 2013 ++  


Appel, René

(*1945)

René Appel wurde in Hoogkarspel, einem Dorf in der Nähe Alkmaars (Provinz Noord-Holland) geboren. Er studierte Niederlandistik und allgemeine Linguistik an der Universität Amsterdam und redigierte anschliessend Spannungsliteratur für die Tageszeitung 'NRC Handelsblad'. Von 1994 bis 2003 unterrichtete er Sprachwissenschaft an der Universität Amsterdam, ehe er sich dem Verfassen von Kinderbüchern, Kurzgeschichten, Drehbüchern und Spannungsromanen zuwandte. Fünf seiner gut zwei Dutzend - vor allem von Patricia Highsmith und Ruth Rendell, aber auch von Willem van de Wetering inspirierten - Krimis liegen auf Deutsch vor.

'Tod am Leuchtturm' dreht sich um den im Leben gescheiterten Mittsechziger Peter van Galen (kränkelnde Ehe, beruflicher Absturz), der sich knapp fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auf eine Reise in die eigene Vergangenheit begibt. In seinem Heimatort, einer holländischen Kleinstadt am Meer, trifft er wieder auf seine Schulfreunde, und gemeinsam lüften sie ein verdrängtes Geheimnis rund um die schrecklichen Geschehnisse, denen damals, in den Tagen nach der Befreiung Hollands von der Nazi-Okkupation, zwei aus ihrem Kreis zum Opfer gefallen sind.

'Rachsucht' erzählt die Geschichte des jungen Amsterdamer Pärchens Manon und Roy, die sich über alles lieben. Roy führt indes ein Doppelleben als kleiner Ganove, verdient sich sein Geld mit Autodiebstählen und als Laufbursche im Drogenhandel. Als ihm bei einem Auftrag die Beute abhanden kommt, begeht er in seiner Not einen Mord - und kann seine Tat dann nicht lange vor Manon geheimhalten. Durch die Polizei in die Enge getrieben sagt Manon gegen ihren Freund aus, doch Roy kommt mangels Beweisen frei, und Manon muss nun um ihr Leben fürchten.

In dem multiperspektivisch angelegten Roman 'Ein Opfer der Umstände' entwirft Appel das Psychogramm des Martin Hogeween, eines erfolgreichen Unternehmensberaters Anfang fünfzig, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er die unlauteren Machenschaften einer Kommunalbehörde durchleuchtet. In tragenden Rollen: Theo Verlinden, der hasserfüllte Leiter dieser Behörde, der Dreck am Stecken hat und durch Hogeween jetzt gnadenlos abserviert wird; der angehende Journalist Feliox Nieberg, Hogeweens 18-jähriger Sohn aus einer früheren Beziehung, der sich auf die Suche nach seinem ihm unbekannten Vater begibt - und von dessen Existenz Hogeween keine Ahnung hat; und Hogeweens zwanzig Jahre jüngere Freundin Carina Steinvoort, die dummerweise mit Felix im Bett landet - und damit eine Kette von tragischen Ereignissen in Gang setzt.

René Appel ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt in Amsterdam.

Bibliografie:
'Handicap' (1987), 'Spijt' (1989), 'De deerde persoon' - 'Mord in der dritten Person' (1990), 'Oppassen' (1991), 'Personlijke Omstandigheden' (1992), 'Vlekkelos' (1993), 'Geronnen bloed' (1994), 'Teggenliggers' (1995), 'Van Kwar tot erger' (1996), 'Geweten' - 'Tod am Leuchtturm' (1996), 'Spanning' (1996), 'Tweerstrijd' - 'Rachsucht' (1998), 'De echtbreker' (1999), 'Zinloos geweld' - 'Ein Opfer der Umstände' (2001), 'Noodzakelijk kwaad' (2002), 'Doorgeschoten' (2003), 'Misbruik wordt gestraft' (2004), 'Als broer en zus' (2005), 'Loverboy' (2005), 'Los geld' (2006), 'Hittegolf' - 'Hitzewelle' (2006), 'Schone Handen' (2007), 'Weerzin' (2008), 'Van twee kanten' (2010), 'Goede vrienden' (2011), 'De advocaat' (2013), 'De kortste nacht' (2014).

++ Erstellt: Mai 2015 ++  


Armstrong, Campbell

(Pseudonym für Thomas Campbell Black, 1944-2013; schrieb auch als Thomas Altman, Jeffrey Campbell und Thomas Weldon)

Thomas Campbell Black wurde in Glasgow geboren und wuchs auch dort auf. Er studierte Philosophie an der University of Sussex, Brighton. Nach einem kurzen Aufenthalt in London, wo er als Verlagslektor arbeitete, ging er 1971 mit seiner Frau Eileen Altman, die er 1965 geheiratet hatte, in die USA und unterrichtete Creative Writing an der University of New York in Oswego (1971-74) und der Arizona State University in Phoenix (1975-78). Ende der 70er-Jahre machte er das Schreiben zum Hauptberuf. 1991 kehrte er nach Europa zurück und liess sich mit seiner zweiten Frau Rebecca in einem riesigen Landhaus in den irischen Midlands nieder. Er starb 69-jährig in Dublin und hinterliess seine Gattin und seine drei Söhne aus erster Ehe, Iain, Stephen und Keiron.

Black hatte bereits etliche Romane unter seinem bürgerlichen Namen und den Pseudonymen Thomas Altman und Jeffrey Campbell veröffentlicht, als ihm 1987 mit dem 650 Seiten starken IRA-Thriller 'Jig' der internationale Durchbruch gelang. Sein Werk umfasst rund dreissig Romane, unter ihnen die sechsteilige Serie um Frank Pagan, Detective bei Scotland Yard, die Trilogie um den jüdisch-schottisch-stämmigen Police Detective Lou Perlman aus San Francisco, die Novellisationen der Filme 'Raiders of the Lost Ark' von Stephen Spielberg und 'Dressed to Kill' von Brian de Palma sowie die 2000 erschienenen Memoiren 'I Hope You Have a Good Live', in denen er sich vor allem mit seiner Beziehung zu der 1998 verstorbenen Eileen und seiner (überwundenen) Alkoholsucht auseinandersetzt.

'Jig' kreist um den irischen Bürgerkrieg, spielt sich jedoch vorwiegend in den Vereinigten Staaten ab. Vier reiche irisch-stämmige Amerikaner unterstützen die IRA, indem sie gewaltige Geldsummen nach Irland schmuggeln. Doch dieses Mal geht alles schief: Der Frachter wird überfallen, die Besatzung ermordet, und das Geld ist verschwunden. Finn - der Chef der geheimen IRA-Splittergruppe Association of the Wolfe - weiss nun, dass sich unter den vier Amerikanern ein Verräter befinden muss, und schickt seinen gefährlichsten Mann in die USA: Jig den "Tänzer", einen mysteriösen Attentäter, den ausser Finn niemand kennt. Und die vier Amerikaner wissen, dass sie sich auf die Ankunft eines irischen Killers gefasst machen müssen. New York wird zum Schauplatz des blutrünstigen Irland-Konfliktes, mit folgenden Protagonisten: Frank Pagan, Antiterrorspezialist bei Scotland Yard und sein verschlagener Gefährte, der FBI-Agent Artie Zuboric; Jig und sein Helfer Joseph Tumulty, ein irisch-stämmiger Priester; die vier reichen, einander belauernden Amerikaner, unter ihnen der schwer kranke Harry Cairney; Ivor McInnes, ein grössenwahnsinniger Prediger und Anführer der fanatischen pro-britischen Killertruppe 'Free Ulster Volunteers' aus Nordirland; und die geheimnisvolle Schönheit Celestine, Cairneys junge Ehefrau. Es kommt zu einem Kampf auf Biegen und Brechen, in dem fast alle Beteiligten den Löffel abgeben.

Bibliografie:
Als Campbell Armstrong: Frank Pagan-Serie: 'Jig' - 'Jig' (1987), 'Mazurka' - 'Die letzte Mazurka' (1988), 'White Light' - 'Die Gefangene' (1988), 'Mambo' - 'Mambo' (1990), 'Jigsaw' (1994), 'Heat' (1996);
Lou Perlman-Serie: 'The Last Darkness' (2002), 'White Rage' (2004), 'Butcher' (2006);
Einzelwerke: 'Brainfire' (1979), 'Agents of Darkness'- 'Ex', 1991), 'Concert of Ghosts' - 'Konzert der Schatten' (1992), 'Death's Head' (1993), 'Slattery's Rose' (1993), 'Silencer' - 'Und keinen Schritt weiter' (1997), 'Blackout' (1998), 'Deadline' (2000), 'The Bad Fire' (2001).
Als Campbell Black: 'The Wanting' (1966), 'Assassins and Victims' (1969), 'The Punctual Rape' (1970), 'Death's Head' (1972), 'Asterik Destiny' (1978), 'Dressed to Kill' (1980), 'Mr. Apology' (1984), 'Letters from the Dead' (1985), 'The Piper' (1986).
Als Thomas Altman: 'Kiss Daddy Goodbye' (1980), 'The True Bride' (1982), 'Black Christmas' (1983), 'Dark Places' (1984), 'The Intruder' (1985).
Als Jeffrey Campbell (gemeinsam mit Jeffrey Caine): 'The Homing' (1980).
Als Thomas Weldon: 'The Trader's Wife' (1997), 'The Surgeon's Daughter' (1998).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Dezember 2010 ++
++ Update: Juni 2013 ++
 


Arnaud, Georges

(Pseudonym für Henri Georges Girard, 1917-1987)

Georges Arnaud, bürgerlich Henri Girard, wurde als Sohn einer Lehrerin und eines begüterten, in hoher Funktion im Aussenministerium angestellten Beamten in Montpellier geboren und wuchs ab 1926, dem Todesjahr seiner Mutter, in Paris auf. Er studierte Jura in Toulouse und Paris und belegte Kurse in Politischen Wissenschaften. Am 25. Oktober 1941 wurden sein nunmehr für die Vichy-Regierung arbeitender Vater, seine Tante und das Dienstmädchen auf dem Familienschloss im Périgord erschlagen, und Henri Girard geriet als einziger Überlebender unter Mordverdacht. Als er nach neunzehn Monaten Untersuchungshaft aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde, nahm er das Pseudonym Georges Arnaud (nach seinem zweiten Vornamen und dem Mädchennamen seiner Mutter) an. 1944 heiratete er die junge Sängerin Suzanne, mit der er zwei Söhne hatte, und führte in Paris das Leben eines Bohémien, bis das beträchtliche väterliche Erbe aufgebraucht war.

Mit dreihundert Dollar in der Tasche segelte Arnaud im Mai 1947 nach Venezuela und schlug sich dort während knapp zwei Jahren als Barkeeper, Goldsucher, Lastwagen- und Taxifahrer durch - diese harte Zeit inspirierte ihn zu seinem ersten Roman 'Lohn der Angst'. Nach Zwischenhalten in Kolumbien, Ecuador und Peru kehrte er im Frühjahr 1949 nach Frankreich zurück, wo ihm schon bald der Durchbruch als Journalist, Roman-, Theater- und Drehbuchautor gelang. Kurz nach seiner Scheidung im Jahre 1951 heiratete er erneut, doch diese Ehe hielt nur kurz. 1953 lernte er Rolande kennen; sie hatten zwei Töchter, vermählten sich aber erst viel später, 1966.

Ende der 50er-Jahre engagierte sich Arnaud intensiv für den algerischen Befreiungskampf. In diesem Zusammenhang geriet er 1960 für zwei Monate in Haft, weil er sich weigerte, den Namen eines Informanten preiszugeben. Als Algerien 1962 die Unabhängigkeit erlangte, zog Arnaud mit seiner Familie in das nordafrikanische Land und beteiligte sich an der Gründung einer Journalistenschule und der Zeitung 'Révolution Africaine'. 1974 kehrte er aus gesundheitlichen Gründen nach Frankreich zurück. Er arbeitete nun vorrangig als Enthüllungsjournalist für das Französische Fernsehen - unter anderem berichtete er über die Moon-Sekte, die Peiper-Affäre und den Drogenhandel in Kolumbien. Seine letzten drei Lebensjahre verbrachte er in Barcelona, wo er 69-jährig einer Herzattacke erlag. Der Mord an seinem Vater wurde nie geklärt.

Arnauds weitaus berühmtestes, von Henri-Georges Clouzot eindrucksvoll verfilmtes Werk ist der beklemmende, in einem knappen Stil erzählte Noir-Roman 'Lohn der Angst' aus dem Jahre 1950. In einer heruntergekommenen, von Seuchen, Hunger und Arbeitslosigkeit gezeichneten zentralamerikanischen Hafenstadt harrt ein Haufen Abenteurer, Tagediebe und Kriminelle der Chance auf schnelles Geld. Vier harte, wagehalsige Typen - der Franzose Gérard Stürmer, der Rumäne Johnny Mihalescu, der Spanier Juan Bimba und der Italiener Luigi Stornatori - nehmen den bestbezahlten, aber auch gefährlichsten Job an: Eine riesige Ladung Sprengstoff soll in zwei alten, klapprigen Lastwagen bei grosser Hitze durch unwegsames Gelände über 500 Kilometer transportiert werden, während ein Saboteur sein Unwesen treibt - als Leser spürt man förmlich die Todesängste der vier Männer.

Bibliografie:
'Le salaire de la peur' - 'Lohn der Angst' (auch unter dem Titel 'Ladung Nitroglycerin', 1950), 'Le voyage du mauvais larron' (1951), 'Les oreilles sur le dos' (1953).

++ Erstellt: Mai 2012 ++  


Arnott, Jake

(*1961)

Jake Arnott, geboren und aufgewachsen in Aylesbury, Buckinghamshire, verliess die dortige Grammar School mit sechzehn und jobbte danach als Hilfsarbeiter und in einer Leichenhalle, aber auch als Modell für Künstler. Die 80er-Jahre verbrachte er als Hausbesetzer und Politaktivist in London. 1989 ging er nach Leeds, um für die radikale Theatergruppe 'Red Ladder' und im Sozialwesen zu arbeiten. 1999 war er als Mumie im Film 'The Mummy' zu sehen. Im selben Jahr debütierte er als Krimiautor. Arnott ist bisexuell und lebt seit 2005 mit der (ebenfalls bisexuellen) Autorin Stephanie Theobald in London.

Arnotts Erstling 'Der grosse Schwindel' ist ein wuchtiger Gangsterroman aus dem London der Swinging Sixties. Im Zentrum steht der schwule Gangster Harry Starks - Besitzer des Clubs 'Stardust', raffinierter Schieber und eiskalter Killer -, der die Fäden fest in den Händen hält, bis er bei seinen Bemühungen, das Londoner Pornogeschäft unter seine Kontrolle zu bringen, den Bogen überspannt. Arnott erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte (Vorbilder waren die legendären Zwillingsbrüder Ronnie und Reggie Kray, die Mitte der 50er-Jahre die Londoner Unterwelt erobert hatten und 1969 hinter Gitter kamen) aus der Sicht von Personen aus Harrys nächstem Umfeld, das an dessen Untergang nicht unschuldig ist: Der schöne Knabe Terry, Harrys Günstling, Liebhaber und Sklave; Lord Thursby, ein schwuler, schwer verschuldeter und deshalb korrumpierbarer Politiker, der für Harry das Geld wäscht; Jack the Hat, Harrys Mann fürs Grobe; und Ruby Ryder, eine abgetakelte Schauspielerin, die Harrys erotische Club-Shows choreografiert, bis sie sich in den falschen Mann verliebt.
Harry Starks ist auch in den beiden nachfolgenden Romanen der als 'Long Time Trilogy' bezeichneten (und im Jahr 2004 für BBC 2 verfilmten) Serie ins Geschehen verwickelt.

Bibliografie:
Harry Starks-Trilogie (aka Long Firm Trilogy): 'The Long Firm' - 'Der grosse Schwindel' (1999), 'He Kills Coppers' (2001), 'Truecrime' (2003);
'Johnny Come Home' (2006), 'The Devil's Paintbrush' (2009), 'The House of Rumour' (2012).

++ Erstellt: November 2012 ++  


Atxaga, Bernardo

(Pseudonym für Joseba Irazu Garmendia, *1951)

Bernardo Atxaga wurde in der baskischen Ortschaft Asteasu, Provinz Guipuzcoa, geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Bilbao und Philosophie in Barcelona und trat danach mit Liedtexten für die Gruppe 'Banda Pott', mit Gedichten, Kurzgeschichten, Hörspielen und Theaterstücken sowie mit Kinder- und Jugendbüchern (u.a. 'Memoiren einer baskischen Kuh') in Erscheinung. Im deutschsprachigen Raum debütierte er literarisch mit der skurrilen Geschichte 'Obabakoak oder das Gänsespiel'. Atxaga schreibt auf Baskisch und übersetzt seine Werke meistens selbst ins Spanische. Er lebt in dem kleinen ländlichen Dorf Zalduendo in der baskischen Provinz Alava.

In seinem vielschichtigen Politroman 'Ein Mann allein' zeichnet Atxaga das Porträt des vereinsamten und desillusionierten ehemaligen ETA-Terroristen Carlos, der nach längerem Gefängnisaufenthalt mit zwei Weggefährten, Guiomar und Ugarte, in der Nähe von Barcelona ein komfortables Hotel führt. Die Geschichte spielt in der Woche vom 28. Juni bis 2. Juli 1982, der Zeit der Fussball-WM in Spanien, die polnische Nationalmannschaft ist im Hotel einquartiert, als Carlos den fatalen Fehler begeht, zwei steckbrieflich gesuchte Terroristen im Keller seines Etablissements zu verstecken. Vor diesem Hintergrund setzt sich der Autor auf kluge und unaufdringliche Weise mit dem Scheitern der (in diesem Falle baskischen) revolutionären Idee auseinander.

'Fenster zum Himmel' und 'Der Sohn des Akkordeonspielers', 1995 bzw. 2003 erschienen, befassen sich ebenfalls mit der Geschichte des Baskenlandes. Im Jahr 2009 folgte der im deutschen Sprachraum nicht greifbare Roman 'Zazbi etxe Frantzian', der die Verbrechen an den Kongolesen unter König Leopold II. von Belgien zum Thema hat (so genannte Kongo-Gräuel, Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts).

Bibliografie:
'Gizona bere bakardadean' - 'Ein Mann allein' (1993), 'Zeru horiek' - 'Fenster zum Himmel' (1995), 'Soinujolearen semea' - 'Der Tod des Akkordeonspielers' (2003).

++ Erstellt: Dezember 2014 ++  


Aveline, Claude

(Pseudonym für Evgen Avtsine, 1901-1992)

Claude Aveline, Spross einer russisch-stämmigen Familie, wurde im Paris geboren und wuchs dort und in Versailles auf. Als er seine Ausbildung mit siebzehn Jahren aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste, begann er zu schreiben und veröffentlichte schon bald seine ersten Gedichte. In den 20er-Jahren war er vornehmlich als Herausgeber von philosophischen Schriften tätig, danach konzentrierte er sich vermehrt auf die Schriftstellerei. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der Résistence an. Darüber hinaus schrieb er für antifaschistische Zeitschriften wie 'Vendredi' und 'Commune' und veröffentlichte viel beachtete Filmkritiken in verschiedenen linksgerichteten Magazinen. Er starb 91-jährig in Paris.

Avelines Werk enthält Romane, Reiseberichte, Kindheitserinnerungen, fantastische Erzählungen für Jugendliche, Hörspiele, Essays, Aphorismen, Gedichte, den roman noir 'Le prisonnier' und die aus fünf Bänden bestehende "Suite policière" (Kommissar Frédéric Belot-Serie).

Im ersten Krimi 'Der zweifache Tod des Frédéric Belot' findet der junge Polizeiinspektor Simon Rivière in der Wohnung seines Vorgesetzten (und Patenonkels) Frédéric Belot zwei identisch - exakt wie der Kommissar - aussehende Männer vor: Der eine ist tot, der andere durch zwei Schüsse schwer verwundet. Welcher ist der echte Belot? Und warum hatte Belot einen Doppelgänger?

In den nachfolgenden - die Qualität des Erstlings nicht erreichenden - Titeln der "Suite policière" hält Aveline Rückschau auf Belots brillante Laufbahn bei der Pariser Kriminalpolizei. 'Der Passagier der Linie U' beginnt mit der Ermordung des Autohändlers Etienne Tavernier, der beim Aussteigen aus einem Omnibus der Linie U von einem Fahrgast erschossen wird. 48 Stunden später verschwindet der Briefmarkenhändler Maurice Verdon, als er auf der Linie U unterwegs ist. Kurz darauf trifft bei der Polizei eine Lösegeldforderung von 500'000 Francs ein, unterzeichnet mit "Der Passagier der Linie U". Frédéric Belot, redegewandt, klug und trotz seiner Migräneanfälle mit einer nahezu grenzenlosen Geduld begabt, nimmt sich des höchst verzwickten Falles an - und verliebt sich in die zauberhafte, über beachtliche detektivische Fähigkeiten verfügende Zeugin Madame Colet. Dann schlägt die Nachricht von einer zweiten Entführung, jener des belgischen Vicomte Guy de Lacken, wie eine Bombe ein - für Belot ist an Schlaf nun nicht mehr zu denken.

Bibliografie:
Suite policière (Kommissar Frédéric Belot-Romane): 'La double mort de Frédéric Belot' - 'Der zweifache Tod des Frédéric Belot' (auch unter dem Titel 'Der zweifache Tod', 1932), 'Voiture 7, place 15' - 'Wagen 7, Platz 15' (1937), 'Le jet d'eau' - 'Der Springbrunnen' (1946), 'L'abonné de la ligne U' - 'Der Passagier der Linie U' (auch unter dem Titel 'Der Briefmarkenhändler', 1947), 'L'oeil-de-chat' - 'Das Tigerauge' (1970);
'Le prisonnier' (1936).

++ Erstellt: Oktober 2012 ++  



 

Bailey, H.C.

(Kürzel für Henry Christopher Bailey, 1878-1961)

Geboren und aufgewachsen in London als Einzelkind, besuchte H.C. Bailey von 1890 bis 1897 die berühmte City of London School. Danach bekam er ein Stipendium für das Oxford Corpus Christi College an der University of Oxford, wo er Latein, Altgriechisch, Literatur und Geschichte studierte. Nach seinem Abschluss arbeitete er ab 1901 als Theaterkritiker, Kriegsreporter und später auch als Leitartikler für die konservative Zeitung 'Daily Telegraph'. In der Freizeit schrieb er Erzählungen für verschiedene Magazine und Romane - sein erstes Buch 'My Lady of Orange', ein historischer Roman, kam 1901 heraus.

Im Jahr 1908 heiratete Bailey Lydia Guest und lebte mit ihr in London, wo 1910 und 1913 ihre beiden Töchter Betty und Mary zur Welt kamen. 1930 gründete er mit AutorInnen wie Agatha Christie, Dorothy Sayers und G.K. Chesterton den "Detection Club". 1946 beendete Bailey seine journalistische Laufbahn beim 'Daily Telegraph' und liess sich mit seiner Frau in Llanfairfechen an der walisischen Nordküste nieder. Er starb dort im Alter von 83 Jahren.

Obgleich sich H.C. Bailey dem Schreiben fast ausschliesslich nebenberuflich widmete, veröffentlichte er nicht weniger als 46 Bücher - historische und romantische Romane, Krimis und Geschichtensammlungen.
Berühmt wurde er vor allem mit seinen Stories um den in London und Wien ausgebildeten, für Scotland Yard tätigen Gerichtsmediziner und Hobbydetektiv Reginald "Reggie" Fortune, einen scharfsinnigen Spürhund und feinfühligen Menschenkenner mittleren Alters mit einer Passion für kulinarische und kulturelle Genüsse, aber auch für Gartenarbeit und prachtvolle Autos. Sein wichtigster Kontakt bei Scotland Yard ist Superintendent Bell, ein erfahrener und zuverlässiger, etwas farbloser Polizist. Mit seiner Gattin Joan scheint Reggie eine befriedigende Ehe zu führen.

Auf Deutsch gibt es zwei Bände mit Fortune-Fällen - 'Die Hottentotten-Venus' (im Orignal 'Call Mr. Fortune', sechs Kriminalfälle) und '7 Fälle für Mr. Fortune' ('Der Eidechsenschwan', 'Der Himmelschlüsselstrauss', 'Der Dienstervolver' und 'Der Türschlüssel aus dem Band 'This is Mr. Fortune', 'Party bei Valerie', 'Die Primelblüten' und 'Die Messerspitze' aus dem Band 'Mr. Fortune Here'). Die besten - in der Regel zwanzig bis dreissig Seiten langen - Geschichten zeichnen sich aus durch geschickte Dramaturgie, sorgfältige Charakterzeichnung und atmosphärische Tiefe.

Baileys zweite Serienfigur ist Joshua Clunk aus London, ein derber, glücklich verheirateter, detektivisch tätiger Anwalt, der sich in elf Romanen sowie in einzelnen Reggie Fortune-Krimis für seine der Unterschicht entstammenden Klienten ins Zeug legt und dabei gelegentlich auch zu illegalen Mitteln greift (keine deutsche Übersetzung).

Bibliografie:
Reggie Fortune-Serie:
Geschichtensammlungen: 'Call Mr. Fortune' (1920), 'Mr. Fortune's Practice' (1923), 'Mr. Fortune's Trials' (1925), 'Mr. Fortune, Please' (1927), 'Mr. Fortune Speaking' (1929), 'Mr. Fortune Explains' (1930), 'Case for Mr. Fortune' (1932), 'Mr. Fortune Wonders' (1933), 'Shadow on the Wall' (1934), 'Mr. Fortune Objects' (1935), 'A Clue for Mr. Fortune' (1936), 'This is Mr. Fortune' (1938), 'Mr. Fortune Here' (1940);
Romane: 'The Man in the Cape' (1933), 'Shadow in the Wall' (1934), 'Black Land, White Land' (1937), 'The Great Game' (1939), 'The Bishop's Crime' (1940), 'No Murder' (auch unter dem Titel 'The Apprehensive Dog', 1942), 'Mr. Fortune Finds a Pig' (1943), 'The Cat's Whisker' (auch unter dem Titel 'Dead Man's Effects', 1944), 'The Life Sentence' (1946), 'Saving a Rope' (1948);
Joshua Clunk-Serie:
Romane: 'Garstons' (auch unter dem Titel 'The Garston Murder Case', 1930), 'The Red Castle' (auch unter dem Titel 'The Red Castle Mystery', 1932), 'The Skullen Sky Mystery' (1935), 'Clunk's Claiment' (auch unter dem Titel 'The Twittering Bird Mistery', 1937), 'The Veron Mystery' (auch unter dem Titel 'Mr. Clunk's Text', 1939), 'The Little Captain' (auch unter dem Titel 'Orphan Ann' (1941), 'Dead Man's Shoes' (auch unter dem Titel 'Nobody's Vineyard', 1942), 'Slippery Ann' (auch unter dem Titel 'The Queen of Spades', 1944), 'The Wrong Man' (1945), 'Honour Among Thieves' (1946), 'Shrouded Death' (1946).

++ Erstellt: April 2013 ++  


Baker, John

(*1942)

John Baker wurde im englischen Hull, Grafschaft Humberside, geboren, wo er auch aufwuchs und ausgebildet wurde. Er arbeitete unter anderem mit psychisch kranken Menschen in einer Landwirtschaftskommune, als Schiffsmakler, Lastwagenfahrer, Milchmann und in der Computerbranche und war bereits über fünfzig, als er sich aufs Schreiben verlegte. Bis vor kurzem war Baker Mitglied der "Murder Squad", einer 1999 formierten Gruppe von sieben nordenglischen Krimiautoren.

In Bakers humorvollen Kriminalromanen stehen der Yorker Privatdetektiv Sam Turner, ein älterer, mehrmals geschiedener Mann mit wüster Alkoholvergangenheit, und seine schräge Helfertruppe, bestehend aus Sams altem Kumpel Gus - er wird im zweiten Buch ermordet -, dem jungen Obdachlosen Geordie, der von seiner Mutter ausgesetzt worden ist, Celia, einer resoluten, 80-jährigen Englischlehrerin im Ruhestand, Marie, der Witwe von Sams früherem Partner, und der Krimiautor J.D. im Mittelpunkt. Im letzten Band 'The Meanest Flood' werden zwei von Sams Ex-Frauen ermordet. Sam reist zu einer weiteren, in Oslo lebenden Ex-Frau, weil er denkt, sie könnte das nächste Opfer sein, doch diese ist bereits getötet worden - und Sam steht nun unter Mordverdacht.

Bakers zweite Krimifigur ist Stone Lewis, der nach elf Jahren Gefängnis in Hull ein neues Leben beginnen möchte. Er findet einen Job in einem Internet-Café, wird liebevoll von seiner Familie unterstützt - und lässt sich dann doch wieder in Verbrechen verwickeln.

'Winged With Death', Bakers bislang letzter, 2009 veröffentlichter - zwischen den 1970ern in Montevideo, zur Zeit des uruguayischen Bürgerkriegs, und der Gegenwart in Nordengland hin- und herspringender Roman - ist nicht dem Krimigenre zuzurechnen.

Nach Aufenthalten in Südfrankreich und Oslo lebt Baker mit seiner Frau, der norwegischen Fotografin Anne, seit 1980 in York. Sie haben fünf Kinder.

Bibliografie:
Sam Turner-Serie: 'Poet in the Gutter' - 'Ins offene Messer' (1995), 'Death Minus Zero' - 'Voll erwischt' (1996), 'King of the Streets' - 'Tiefschlag' (1998), 'Walking With Ghosts' (1999), 'Shooting in the Dark' (2001), 'The Meanest Flood' (2003);
Stone Lewis-Romane: 'The Chinese Girl' (2000), 'White Skin Man' (2004).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2013 ++
 


Ball, John

(1911-1988)

John Dudley Ball, geboren in Schenectady, New York State, als Sohn eines Naturwissenschaftlers, besuchte das Carroll College in Milwaukee, Wisconsin, mit einem Bachelor-Abschluss 1934. Nach der Collegezeit zum Piloten ausgebildet, diente er im Zweiten Weltkrieg drei Jahre lang als Instruktor bei der Air Force. 1942 heiratete er die Autorin Nanoni Patricia "Nan" Hamilton. Nach dem Krieg arbeitete er in der Musikbranche, zuerst als Verfasser von Covertexten für 'Columbia Masterworks Records' und als Musikkritiker beim 'Brooklyn Eagle', danach als Kolumnist beim 'New York World-Telegram'. In dieser Zeit publizierte er seine ersten Bücher, die sich mit der Schallplattenindustrie befassen.

Von 1958 bis 1961 war Ball Leiter der PR-Abteilung des 'Institute of the Aerospace Sciences', anschliessend bis 1963 Chefredakteur einer Webeagentur in Beverly Hills, ehe er im selben Jahr ein Leben als freier Schriftsteller begann. Nebenbei arbeitete er Mitte der 70er-Jahre als Deputy Sheriff in Los Angeles County und als Freiwilliger beim Polizeidepartement von Pasadena. Dort unterrichtete er Polizisten im Kampfsport Aikido, den er während eines längeren Asienaufenthalts erlernt und perfektioniert hatte. Unter dem Pseudonym Donald Johnson war Ball zudem ein berühmter Vertreter des Nudismus - er verfasste mehrere Texte und ein Schulbuch zu diesem Thema und war Redakteur des Blattes 'Sunshine & Health'.

Im Jahr 1965 veröffentlichte Ball seinen ersten (und weitaus bekanntesten) Kriminalroman 'In der Hitze der Nacht', der den Auftakt zum Virgin Tibbs-Siebenteiler bildet. Detective Tibbs, Anfang dreissig, ist ein schwarzer, unverheirateter, ungemein kultivierter Polizeioffizier der Mordkommission Pasadena in Südkalifornen. Er hat zwar einen Partner, Bob Nakamura, ermittelt jedoch die meiste Zeit auf eigene Faust.

'In der Hitze der Nacht' spielt nicht in Pasadena, sondern in Wells, einer trostlosen Kleinstadt im tiefen Süden der Vereinigten Staaten, wo Maestro Enrico Mantoli, der prominente Organisator kommender Festspiele, ermordet aufgefunden wird. Der rassistische Polizeichef Gillespie ist mit dem Fall heillos überfordert und deshalb froh, auf die Unterstützung durch Virgil Tibbs zählen zu können - der allenfalls auch als Sündenbock verwendbar wäre. Auf gescheite, unspektakuläre und feinfühlige Art behandelt Ball sein Thema "rassistische Vorurteile in den amerikanischen Südstaaten der frühen 60er-Jahre". Die gleichnamige Verfilmung mit Sidney Poitier und Rod Steiger gewann 1967 fünf "Oscars", unter anderem als bester Film.

Die nachfolgenden Vergil Tibbs-Romane sind vorwiegend in Pasadena angesiedelt (Ausnahme: ‚The Eyes of Buddha', der in Katmandu spielt); unter ihnen ‚Nicht schiessen, Johnny!', die rührende Geschichte des neunjährigen, der weissen Unterschicht entstammenden Johnny McGuire, in der John Ball hart mit dem amerikanischen Waffenfetischismus ins Gericht geht. Als der zwei Jahre ältere Billy Hotchkiss Johnnys Transistorradio kaputt macht, dreht dieser durch. Er entwendet den geladenen Colt seines Vaters, um sich an seinem Peiniger zu rächen, feuert blindlings in das Hotchkiss-Haus, sucht dann voller Panik das Weite. Auf seiner Flucht trifft Johnny auf vier schwarze Teenager, fühlt sich von ihnen bedroht, es kommt zu einer Schiesserei, die einer der Schwarzen nicht überlebt. Vergil Tibbs zweifelt daran, dass Johnny der Täter ist. Er organisiert die Fahndung nach dem untergetauchten Jungen und muss gleichzeitig achtgeben, dass in Pasadena keine Rassenunruhen ausbrechen.

Balls zweite Serie dreht sich um den verheirateten 34-jährigen Cop Jack Tallon, Sergeant bei der Polizei in Pasadena, der nach einer misslungenen Geiselbefreiungsaktion die Nase voll hat von der urbanen Gewalt und deshalb das Amt des Polizeichefs im gemütlichen Städtchen Whitewater, Washington State, übernimmt. Als er realisiert, dass Gewalt auch vor kleinen Ortschaften nicht Halt macht, und dass seine Untergebenen dem Verbrechen meist recht hilflos gegenüberstehen, baut er eine schlagkräftige, gut organisierte Truppe auf.

In mehreren Krimi-Einzelwerken spielt Balls Passion, das Fliegen, eine wichtige Rolle. Neben seinen Krimis verfasste der Autor aber auch eine Reihe von Abenteuergeschichten, Kriegsromanen, Sachbüchern sowie etwa 400 Artikel über Musik, Astronomie, Reisen und die Flugfahrt.

John Ball starb 77-jährig in der kalifornischen Stadt Encino, wo er den zweiten Teil seines Lebens verbracht hatte, und hinterliess seine Frau und seinen 1952 geborenen Sohn John.

Bibliografie:
Detective Virgil Tibbs-Serie: 'In the Heat of the Night' - 'In der Hitze der Nacht' (auch unter dem Titel 'Heisser Mond', 1965), 'The Cool Cottontail' - 'Totes Zebra zugelaufen' (1966), 'Johnny Get your Gun' (auch unter dem Titel 'Death for a Playmate' - 'Nicht schiessen, Johnny!' (1969), 'Five Pieces of Jade' - 'Das Jadezimmer' (auch unter dem Titel 'Fünf Stücke Jade', 1972), 'The Eyes of Buddha' - 'Die Augen des Buddha' (auch unter dem Titel 'Unter den Augen Buddhas', 1976), 'Then Came Violence' (1980), 'Singapore' - 'Singapur. Ein Fall für Virgil Tibbs' (1986);
Chief Jack Tallon-Serie: 'Police Chief' (1977), 'Trouble for Tallon' (1981), 'Chief Tallon and the S.O.R.' (1984); 'Rescue Mission' (1966), 'Last Plane Out' (1970), 'The First Team' (1971), 'Mark One - The Dummy' (1974), 'Phase Three Alert' (1977), 'The Killing in the Market' - 'Heisser Markt für Mord' (1978), 'The Murder Children' (1979), 'The Kiwi Target' (1989), 'The Van' (1989).

++ Erstellt: Mai 2012 ++  


Ballard, W.T.

(Kürzel für Willis Todhunter Ballard, 1903-1980; schrieb auch als Brian Agar, P.D. Ballard, Parker Bonner, Hunter D'Allard, Harrison Hunt, Tod Hunt, John Hunter, Neil MacNeil, Jack Slade und John Shepherd)

W.T. Ballard, geboren in Cleveland, Ohio, war ein Cousin des Krimiautors Rex Stout, mit dem er den zweiten Vornamen teilte. Er ging zuerst in Cleveland, dann in Westtown, Pennsylvania, zur Schule. Nach dem Studium am Wilmington College in Ohio, das er 1926 abschloss, legte er zwei Jahre lang im väterlichen Elektrogeschäft Hand an. Anschliessend war er Journalist für verschiedene Lokalblätter. 1927 veröffentlichte er seine erste Story. Bei Ausbruch der grossen Depression zog er nach Los Angeles, wo er einige Filmskripts schrieb. 1933 wurde er professioneller Autor. 1936 heiratete er die Autorin Phoebe Dwiggins, die an mehreren seiner Werke mitarbeitete und einen Sohn, Wayne, zur Welt brachte.

Mit einem Gesamtwerk von knapp hundert Romanen (fast ausschliesslich Krimis und Western), über tausend Kurzgeschichten und rund fünfzig Drehbüchern für Film und Fernsehen war er einer der produktivsten Autoren seiner Zeit. Wie Dashiell Hammett, Raymond Chandler oder Erle Stanley Gardner verfasste er zahlreiche Beiträge für das einflussreiche Pulp-Magazin 'Black Mask', bevor er sich auch auf die lange Strecke begab. Seine tempostarken Kriminalromane sind mit einem kräftigen Schuss Humor gewürzt.

Ballard kreierte drei Krimiserien, in denen ganz unterschiedliche Personen im Mittelpunkt stehen: Der frühere Reporter und Pressesprecher Bill Lennox, der sich sein Brot jetzt als Troubleshooter eines grossen Filmstudios in Hollywood verdient und locker mit der Filmkritikerin Nancy Hobbs liiert ist (vier Romane und gut zwei Dutzend Stories); die ehemaligen FBI- und OSS-Agenten und heutigen Privatdetektive Tony Costaine und Bert McColl, zwei smarte und toughe Burschen (Tony ist wohl etwas smarter, Bert dafür eine Spur härter gesotten), die sich darauf spezialisiert haben, heikle Geschäfte in die richtigen Bahnen zu lenken - ihr Honorar beträgt mindestens 20'000 Dollar plus Spesen (sieben Romane, die ursprünglich unter dem Pseudonym Neil McNeil erschienen sind); und der Cop Max Hunter aus Las Vegas (drei Romane).

Der Autor starb 77-jährig in Mount Dora, Florida, dem Wohnsitz seiner letzten Lebensjahre. Seine Frau überlebte ihn um acht Jahre.

Bibliografie: Als W.T. Ballard:
Bill Lennox-Serie: 'Say Yes to Murder' (auch unter dem Titel 'The Demise of a Louse') - 'Hochzeitsnacht im Sarg' (1943), 'Murder Can't Stop' - 'Start frei für Mord' (1946), 'Dealing out Death' - 'Der Dunkelmann von Vegas' (1947), 'Lights, Camera, Murder' - 'Tod in goldener Robe' (ursprünglich als John Shepard, 1961);
Max Hunter-Serie: 'Pretty Miss Murder' - 'Liebe auf den ersten Mord' (1961), 'The Seven Sisters' - 'Sieben auf einen Streich' (1962), 'Three for the Money' - 'Alle meine Witwen' (1963);
'Walk in Fear' - 'Im Schatten der Angst' (auch unter dem Titel 'Kein Trumpf für Tracy', 1952).
Als Neil MacNeil:
Tony Costaine & Bert McColl-Serie: 'Death Takes an Option' - 'Ein Strohmann für den Henker' (1958), 'Two Guns for Hire' - 'Gefährliche Erbschaft' (1959), 'Third on an Seesaw' - 'Mörderische Stadt' (1959), 'Hot Dam' - 'Feuerwasser' (1960), 'The Death Ride' - 'Fahrt in den Tod' (1960), 'Mexican Slayride' - 'Rutschpartie in Mexiko' (1962), 'The Spy Catchers' - 'Lauter nette Leute' (auch unter dem Titel 'Zu scharf für zarte Kehlen', 1966).

++ Erstellt: Juni 2011 ++  


Ballinger, Bill S.

(1912-1980; schrieb auch als Frederic Freyer und B.X Sanborn)

Bill S. Ballinger, geboren in Oskaloosa, Iowa, schloss sein Studium an der University of Wisconsin 1934 mit einem Bachelor ab. Anschliessend arbeitete er als Werbetexter, später als Radioreporter in Chicago und New York City. Nach langen Reisen durch Europa und den Nahen und Fernen Osten liess er sich Anfang der 50er-Jahre in Los Angeles nieder, um Drehbücher (unter anderem für 'Alfred Hitchcock Presents', 'Cannon', 'Ironside' und 'Mike Hammer') und Kriminalromane zu schreiben. Von 1977 bis 1979 unterrichtete er Kreatives Schreiben an der California State University Northridge in Los Angeles.

Ballinger begann seine schriftstellerische Laufbahn mit zwei Dash Hammett verpflichteten Romanen um den Chicagoer Privatdetektiv Barr Breed. International bekannt wurde er mit seinen knapp zwanzig Standalones, in denen er seine Spezialität, das Erzählen aus verschiedenen Perspektiven, nahezu perfektioniert hat: Er erzählt zwei Geschichten - eine in der ersten, die andere in der dritten Person - in alternierenden Kapiteln und führt sie dann auf verblüffende Weise zusammen.

Ballingers grösste Würfe waren 'Die grosse Illusion' und 'Die längste Sekunde', aber auch 'Bis zur letzten Chance', eine feine Mischung aus Liebesgeschichte, Noir-Roman und Police-Procedural-Novel, weiss zu gefallen. Mitte der 60er-Jahre veröffentlichte der Autor den witzigen Fünfteiler um den in Indochina stationierten CIA-Agenten Joaquim Hawks (halb Spanier, halb Nez-Percé-Indianer), die nicht auf Deutsch vorliegt. 1974 kam 'The Corsican' heraus, die Geschichte des Aufstiegs eines korsischen Mafiaclans auf Korsika und in Marseille von 1943 bis 1973.

In Ballingers Meisterwerk 'Die grosse Illusion' kreuzen sich die beiden Erzählstränge erst ganz am Schluss. Zum einen geht es um einen Mordfall ohne Leiche (ein abgehacktes Fingerglied und ein Zahn sind, neben etwas Blut, einigen Haaren und einem verkohlten Knochen, die einzigen Überreste, deshalb der Titel ‚The Tooth and the Nail'), der vor einem New Yorker Geschworenengericht verhandelt wird - Staatsanwalt Cannon und Strafverteidiger Denman, zwei grosse Kaliber, stehen sich gegenüber, während der Angeklagte dem Leser lange Zeit vorenthalten wird.
Zum anderen erzählt der Autor die Geschichte des Zauberkünstlers Lew Mountain, der zufällig vor seinem Hotel die junge, reizende, aus Philadelphia geflüchtete Tally Shaw trifft, ihr aus der Klemme hilft, sie zu seiner Assistentin macht und nach einigen Monaten heiratet. Tally, die in Philadelphia durch ihren dementen, bei einem seltsamen Unfall getöteten Onkel in eine Falschgeldaffäre verwickelt worden war, kommt indes nach kurzer Zeit gewaltsam ums Leben, und Lew sinnt auf Rache. Die Art und Weise, wie Lew es dann dem Mörder seiner Frau heimzahlt, ist genial und bietet höchsten Lesegenuss.

'Die längste Sekunde' ist die Geschichte eines etwa 40-jährigen Mannes, der mit durchschnittener Kehle, ohne Stimme und ohne Gedächtnis, in einem New Yorker Krankenhaus erwacht. Man hatte ihn halbtot und nackt, nur mit Schuhen an den Füssen und einer 1000-Dollar-Note im Schuh, vor dem Haus der jungen Silberschmiedin Bianca Hill abgeladen, und sie rettete ihm das Leben. Als der Mann, den die Polizei als Vic Pacific identifiziert, aus dem Spital entlassen wird, geht er zu Bianca, um sich bei ihr zu bedanken - und sie stellt ihn aus Mitleid gleich als Gehilfen ein. Doch Bianca hat eine zweite Untermieterin, das Mannequin Rosemary Martin, die Pacific mit tiefer Abneigung entgegentritt - sie kennt ihn offenbar von früher her. Dann erhält Pacific einen Drohanruf, zwei Menschen aus seinem neuen Umfeld werden ermordet, sein Leben scheint an einem seidenen Faden zu hängen. Er beginnt seine eigene Vergangenheit zu erforschen, stellt fest, dass er über erstaunliche Fähigkeiten (Umgang mit Wurfmessern, Herstellung eines Dietrichs) verfügt und Arabisch spricht.
Der faszinierende, von einer bedrohlichen Grundstimmung durchdrungene Krimi wird abwechselnd aus der Sicht des Ich-Erzählers Pacific und der Polizei erzählt, wobei die beiden Stränge auch zeitlich auseinanderliegen. Gegen den Schluss hin verlässt der Autor etwas den Boden der Realität.

Ballinger war dreimal verheiratet - mit Geraldine Taylor von 1936 bis zur Scheidung 1946, mit Laura Dunham von 1949 bis zu ihrem Tod 1962 und mit Lucille Rambeau ab 1964 - und starb 68-jährig in Tarzana, Kalifornien.

Bibliografie:
Barr Breed-Romane: 'The Body in the Bed' - 'Ein Talisman, der Unglück bringt' (1948), 'The Body Beautiful' - ‚Die Totenshow' (1949). 'Portrait in Smoke' (auch unter dem Titel 'The Deadlier Sex') - 'Keiner ging an ihr vorbei' (1950), 'The Darkening Room' (1952), 'Rafferty' (auch unter dem Titel 'The Beautiful Trap', 1953), 'The Tooth and the Nail' - 'Die grosse Illusion' (1955), 'The Longest Second' - 'Die längste Sekunde' (1957), 'The Wife of the Red-Haired Man' - 'Bis zur letzten Chance' (1957), 'Beacon in the Night' - 'Auf dem Siedepunkt' (1958), 'Formula for Murder' - 'Rezept für einen Mord' (1958), 'The Fourth Forever' - 'Am 4. beginnt die Ewigkeit' (1963), 'Not I, Said the Vixen' - 'Liebe ist ein tödliches Spiel' (1965), 'The Heir Hunters' - 'Die Erbschaftsjäger' (1966), 'The Source of Fear' - 'Safari in die Vergangenheit' (1968), 'Heist Me Higher' - 'Die Henkersmahlzeit' (1969), 'The 49 Days of Death' (1969), 'The Lopsided Man' (1969), 'Triptych' (1970), 'The Corsican' (1974), 'The Law' (1975), 'The Ultimate Warrior' (1975), 'Lost City of Stone' (1978).
Joaquim Hawks-Serie: 'The Chinese Mask' (1965), 'The Spy in Bangkok' (1965), 'The Spy in the Jungle' (1965), 'The Spy at Angkor Wat' (1966), 'The Spy in the Java Sea' (1966).
Als Frederic Freyer: 'The Black Black Hearse' (1955).
Als B.X. Sanborn: 'The Doom Maker' (auch unter dem Titel 'The Blonde on Borrowed Time') - 'Der Wahrsager' (1959).

++ Erstellt: November 2011 ++  


Bardin, John Franklin

(1916-1981; schrieb auch als Douglas Ashe und Gregory Tree)

John Franklin Bardin kam als Sohn eines Kohlenhändlers in Cincinnati, Ohio, auf die Welt und wuchs auch dort auf. Sein Vater und seine ältere Schwester starben, als er noch zur Schule ging, seine Mutter litt an Schizophrenie. Da es Bardin an finanziellen Mitteln mangelte, musste er das Studium bereits im ersten Jahr abbrechen. Er arbeitete vier Jahre als Rausschmeisser, danach in einer Buchhandlung und las sehr viel. 1943 übersiedelte er nach New York City, wo er als zweifacher Familienvater in der Werbung tätig war (er brachte es bis zum Vizepräsidenten der Agentur Edwin Bird Wilson) und nebenbei zu schreiben begann. 1961 bis 1966 leitete er einen Schreib-Workshop an der New York's New School For Social Research. 1972 bis 1974 lebte er in Chicago und gab dort verschiedene Fachzeitschriften heraus. Die letzten sieben Jahre seines Lebens verbrachte er wieder in New York City, im East Village, wo er 64-jährig starb.

Zwischen 1946 und 1953 publizierte Bardin neun Romane - fünf unter seinem bürgerlichen Namen, vier unter seinen beiden Pseudonymen. Sein zehntes und letztes Buch folgte 25 Jahre später. Bekannt wurde Bardin mit seinen drei ersten, auch auf Deutsch vorliegenden Werken - ausgefeilten, düsteren, zum Teil surrealen Geschichten mit psychisch angeschlagenen Ich-Erzählern (so genannte Noir-Trilogie), in die er auch Erkenntnisse der Psychoanalyse und Traumdeutung einfliessen liess.

Der dritte Krimi 'Die Bärengrube' ragt heraus. Er erzählt von dem geistigen Zerfall der gefeierten und glücklich mit dem Dirigenten Basil verheirateten Pianistin Ellen Purcell, die zu Beginn des Romans, als sie eine schwere Krise scheinbar überwunden hat, nach zwei Jahren aus einer psychiatrischen Klinik entlassen wird; mit fatalen Folgen, denn Ellens böses, gewalttätiges alter Ego "Nelle" gewinnt jetzt immer mehr die Überhand.

Bibliografie:
Noir-Trilogie: 'The Deadly Percheron' - 'Das Teufelsrad' (1946), 'The Last of Philip Banter' - 'Geständnis auf Raten' (1947), 'Devil Take the Blue-Tail Fly' - 'Die Bärengrube' (1948);
'The Burning Glass' (1950), 'Christmas Comes Once a Year' (1954), 'Purloining Tiny' (1978). Als Gregory Tree: 'The Case Against Myself' (1950), 'The Case Against Butterfly' (1951), 'A Shroud for Grandmama' (in den USA als Douglas Ashe, 1951), 'So Young to Die' (1952).

++ Erstellt: Januar 2011 ++  


Barker, John

(*1948)

John Barker, geboren in Nord-London, ausgebildet in Cambridge, hat ein bewegtes Leben hinter sich: 1971 wurde er als Mitglied der "Angry Brigade", einer terroristischen Gruppierung, die spanische Polit-Häftlinge freibekommen wollte, mit ein paar Kilo Sprengstoff erwischt und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er sieben absitzen musste. Nach seiner Freilassung 1978 schlug er sich in London mit Gelegenheitsjobs durch. 1986 war er in Cannabisgeschäfte verwickelt, musste flüchten, wurde 1990 doch noch verhaftet und kam für zweieinhalb Jahre hinter Gitter. Heute lebt er als Importeur von Olivenöl sowie als zeit- und sozialkritischer Journalist und freier Schriftsteller im Norden Londons. Darüber hinaus arbeitet er hin hin und wieder mit der österreichischen Konzeptkünstlerin Ines Doujak zusammen.

2001 erschien Barkers erster Roman 'Termingeschäfte', an dem der Autor bereits in den 70er-Jahren gearbeitet hatte, auf Deutsch und Französisch, im englischen Original ('Futures') jedoch erst dreizehn Jahre später. Die anspruchsvolle, raffiniert gebaute Geschichte dreht sich um Phil und Jack, zwei alte Freunde mit Kokain-zerfressenen Nasen, die in dem von Drogen, Lügen und Betrug geprägten London der 80er-Jahre die Welt der Hochfinanz aufmischen.

2007 veröffentlichte Barker 'Bending the Bars', eine stark autobiografisch gefärbte Sammlung von Stories, die er in den 70er-Jahren im Gefängnis verfasst hatte. Weitere Kurzgeschichten und zahlreiche Essays sind in verschiedenen Zeitschriften erschienen.

Bibliografie:
'Futures' - 'Termingeschäfte' (2001).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2013 ++
++ Update: Februar 2016 ++
 


Barlow, James

(1921-1973)

James Barlow wuchs in Leamington Spa (Warwickshire) und Nord-Wales auf. 1940 war er RAF-Instruktor, bis er an Tuberkulose erkrankte und daraufhin technische Artikel für die Fachmagazine 'Flight' und 'Aeroplane' schrieb. 1948 veröffentlichte er seine ersten Stories im Magazin 'Punch', 1956 folgte der erste Roman. Bis 1960 arbeitete er als Rating Inspector für die Birmingham Corporation, danach widmete er sich ganz dem Schreiben.

Geschult am Werk seines grossen Vorbilds Graham Greene, verfasste Barlow eine Reihe von düsteren Romanen, unter ihnen 'Die Patrioten', mit dem ihm 1960 der Durchbruch gelang, und 'The Burden of Proof', ein harter Thriller um den sadistischen, das Londoner Eastend lange Zeit in Angst und Schrecken versetzenden Gangster Vic Dakin (keine deutsche Übersetzung), der unter dem Titel 'Villain' mit Richard Burton in der Rolle Vic Dakins in die Kinos kam.

'Die Patrioten', ein poetischer, in gemächlichem Tempo erzählter Roman, handelt von dem heissblütigen 40-jährigen Ex-Fallschirmjäger Reg Mills, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Leben nicht mehr zurechtfindet. Eine Kneipenschlägerei bringt ihn für sechs Monate ins Gefängnis, und auch dort führt ihn sein aufbrausendes Temperament in immer neue Schwierigkeiten. Reg wird als gebrochener Mann freigelassen - und gleitet nun endgültig in die Kriminalität.

1971 wanderte Barlow mit seiner Frau Joyce und den vier Kindern nach Tasmanien aus, wo er die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte. Was ihn dazu bewog, England den Rücken zu kehren, schildert er in seinem 1969 erschienenen Buch 'Goodbye England'.

Bibliografie:
'Protagonists' (1956), 'One Half of the World' (1957), 'The Man with Good Intentions' (1958), 'The Patriots' - 'Die Patrioten' (1960), 'Term of Trial' - 'Kronzeugin der Hauptverhandlung' (1961), 'The Hour of Maximum Danger' (1962), 'This Side of the Sky' (1964), 'One Man in the World' (1966), 'The Love Chase' (1967), 'The Burden of Proof' (auch unter dem Titel 'Villain', 1968), 'Liner' (1970), 'Both Your Houses' (1971), 'In All Good Faith' (1971).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Barnard, Robert

(1936-2013; schrieb auch als Bernard Bastable)

Robert Barnard wurde in Burnham-on-Crouch, Grafschaft Essex, geboren und wuchs auch dort auf. Sein Vater, ein Farmer, schrieb in der Freizeit romantische Geschichten für Wochenmagazine. Nach seinem 1959 am Oxforder Balliol College mit einem Bachelor abgeschlossenen Englisch-Studium arbeitete Robert Barnard kurze Zeit in einer Buchhandlung und als Lehrer, bis er 1961 nach Australien zog, wo er fünf Jahre an der University of New England in New South Wales Englisch unterrichtete. In dieser Zeit lernte er seine zukünftige Frau kennen, die Bibliothekarin Louise Tabor.

Im Jahr 1966 kehrte Barnard nach Europa zurück. Er lehrte an der norwegischen Universität Bergen und wurde dort 1971 mit einer Dissertation über Charles Dickens promoviert. Von 1976 bis 1983 war er als Englischprofessor an der Universität Tromsö im nördlichsten Teil Norwegens tätig. Daraufhin liess er sich (nach 22 Jahren Abwesenheit) wieder in seiner Heimat England nieder, in der Industriestadt Leeds, um sich fortan vorrangig dem Schreiben zu widmen, nachdem er bereits 1974 seinen ersten (in Australien spielenden) Krimi 'Death of an Old Goat' veröffentlicht hatte. Darüber hinaus war Barnard mehrere Jahre Vorsitzender der Brontë Society.

Barnards Werk enthält rund vierzig Kriminalromane, Dutzende Kurzgeschichten sowie die vier Sachbücher 'A Talent to Deceive: An Appreciation of Agatha Christie' (1980), 'A Short History of English Literature' (1984), 'Emily Brontë' (2000) und 'A Brontë Encyclopedia' (2007).

Der Londoner Superintendent Peregrine "Perry" Trethowan von Scotland Yard, ein massiger, literarisch interessierter, mit Jan recht glücklich verheirateter Vater eines kleinen Sohnes (fünf Romane), und Charlie Peace, ein junger, schwarzer, zuerst in London, später in Leeds ermittelnder Scotland Yard-Detective (zehn Romane) sind Barnards bedeutendste Figuren. Zwei Krimis widmete der Autor dem Polizisten Inspector Idwal Meredith. Zahlreiche kleinere Auftritte hat Superintendent Mike Oddie.

Vier Krimis sind auch auf Deutsch herausgekommen: Das Einzelwerk 'Ein Totenhemd aus Schnee', der dritte Band der Perry Trethowan-Serie 'Emilys Erbe' sowie die beiden amüsanten (mit Bernard Bastable gezeichneten) Titel um Wolfgang Amadeus Mozart.

'Ein Totenhemd aus Schnee', angesiedelt in der Erdölstadt Tromsö, handelt vom Mord an einem jungen Mann, dessen Leiche unter der auftauenden Schneedecke aufgefunden wird. Inspektor Fagermo ermittelt den Fall und bringt ein Geflecht aus Eifersucht, Habgier, Spionage und Erpressung ans Licht.

In 'Emilys Erbe' begibt sich Perry Trethowan etwas planlos auf die Suche nach einem geheimnisvollen Manuskripts, das einer netten älteren Dame gewaltsam entwendet wurde - ein nachgelassenes Werk von Emily Brontë oder eine geschickte Fälschung? Mit einer gehörigen Portion Witz schildert Barnard, wie sich leidenschaftliche Sammler, zwielichtige Akademiker und geldgierige Ganoven gegenseitig die Schrift abzujagen versuchen.

In seinen beiden Mozart-Romanen spielt der Autor mit der Idee, das Musikgenie sei im Jahr 1764 von einer Konzertreise, das es als achtjähriges Wunderkind mit seinem Vater und seiner Schwester unternahm, nicht nach Österreich zurückgekehrt, sondern in London geblieben, um sich dort später als Gelegenheitskomponist, Dirigent und, bis ins hohe Alter, als Hobbydetektiv zu betätigen.

Zu Beginn des zweiten Teils 'Zu viele Noten, Mr. Mozart' bekommt der bereits 73-jährige Komponist eine neue Klavierschülerin: Sie ist erst elfjährig, aber sehr aufgeweckt und musikalisch begabt, heisst Victoria - und wird als Königin Grossbritanniens das Viktorianische Zeitalter begründen. Als Theaterdirektor Popper bei Festlichkeiten auf Schloss Windsor einem Giftanschlag zum Opfer fällt, der möglicherweise Victoria galt, wird Mozart von König William IV beauftragt, das Leben der Prinzessin zu schützen und den Mord in bewährter Weise aufzuklären. Bei seinen Nachforschungen muss Mozart zu seinem Leidwesen feststellen, dass das Königshaus schon damals reich an Skandalen und Intrigen war.

Robert Barnard starb 76-jährig in einem Pflegeheim in Leeds, Yorkshire, wo er seine letzten Monate verbracht hatte, und hinterliess seine Frau Louise.

Bibliografie:
'Death of an Old Goat' (1974), 'A Little Local Murder' (1976), 'Death on the High C's' (1977), 'Blood Brotherhood' (1977), 'Posthumous Papers' (auch unter dem Titel 'Death of a Literary Widow', 1979), 'Death in a Cold Climate' - 'Ein Totenhemd aus Schnee' (1980), 'Mother's Boys (auch unter dem Titel 'Death of a Perfect Mother', 1981), 'Little Victims' (auch unter dem Titel 'School for Murder', 1983), 'Out of the Blackout' (1984), 'A Corpse in a Gilded Cage' (1984), 'Disposal of the Living' (auch unter dem Titel 'Fête fatale', 1985), 'Political Suicide' (1986), 'The Skeleton in the Grass' (1987), 'A City of Strangers' (1990), 'Scandal in Belgravia' (1991), 'Masters of the House' (1994), 'Touched by the Dead' (auch unter dem Titel 'A Murder in Mayfair', 1999), 'Unholy Dying' (2000), 'The Mistress of Alderley' (2002), 'A Cry From the Dark' (2003), 'The Craveyard Position' (2004), 'Dying Flames' (2005), 'Last Post' (2008), 'A Stranger in the Family' (2010), 'Rogue's Gallery' (2011);
Idwal Meredith-Romane: 'Unruly Son' (auch unter dem Titel 'Death of a Mistery Writer' (1978), 'At Death's Door' (1988);
Perry Trethowan-Serie: 'Sheer Torture' (auch unter dem Titel 'Death by Sheer Torture', 1982), 'Death and the Princess' (1982), 'The Missing Bronte' (auch unter dem Titel 'The Case of the Missing Brontë') - 'Emilys Erbe' (1983), 'Bodies' (1987), 'The Cherry Blossom Corpse' (auch unter dem Titel 'Death in a Purple Prose'. 1987);
Charlie Peace-Serie: 'Death and the Chaste Apprentice' (1989), 'A Fatal Attachment' (1992), 'A Hovering of Vultures' (1993), 'The Bad Samaritan' (1993), 'No Place of Safety' (1997), 'The Corpse at the Haworth Tanddori' (1998), 'The Bones in the Attic' (2001), 'A Fall from Grace' (2006), 'The Killings on Jubilee Terrace' (2009), 'A Charitable Body' (2012).
Als Bernard Bastable:
'To Die Like a Gentleman' (1993), 'Mansion and Its Murder' (1998);
Wolfgang Amadeus Mozart-Romane: 'Dead, Mr. Mozart' - 'Wohin mit der Leiche, Mr. Mozart?' (1995), 'Too Many Notes, Mr. Mozart' - 'Zu viele Noten, Mr. Mozart' (1998).

++ Erstellt: Dezember 2014 ++  


Barrett, Neal Jr.

(1929-2014; schrieb auch als Victor Appleton II, Chad Calhoun, Clay Dawson, Franklin W. Dixon, Rebecca Drury, Wesley Ellis und J.D. Hardin)

Neal Barrett Jr., geboren in San Antonio, Texas, als Sohn eines Radiomoderators, aufgewachsen in Oklahoma City, dem Arbeitsort seines Vaters, verbrachte die Sommermonate jeweils auf der Farm seiner Grossmutter in Fort Worth, North-Texas. Bereits als 13-Jähriger belieferte er die Wochenzeitschrift 'The Saturday Evening Post' mit Gedichten, doch diese sah von einer Veröffentlichung ab. Von 1948 bis 1953 studierte er Professionelles Schreiben und Geschichte an der University of Oklahoma. Es folgte ein längerer Aufenthalt in Europa mit Stationen in Deutschland, England, Frankreich, Luxemburg und der Schweiz.

Zurück in den USA, in Fort Worth, verrichtete der nunmehr verheiratete Vater zweier Töchter halbherzig verschiedene Brotjobs in der Verwaltung, der Werbung und dem Verlagswesen. In seiner Freizeit schrieb er Kurzgeschichten, die ab 1960 in Zeitschriften für Sciencefiction wie 'Galaxy' und 'Amazing' abgedruckt wurden. Nach der Scheidung verbrachte er zwei Jahre in San Miguel de Allende, Mexiko. 1975 heiratete er seine zweite Frau Ruth, die eine Tochter und zwei Söhne in die Beziehung brachte, und liess sich 1992 mit ihr in Austin, Texas, nieder. Barrett starb dort im Alter von 84 Jahren.

Mitte der 70er-Jahre entschloss sich Barrett für ein Leben als freier Autor und machte fortan vor allem als Erfinder von fantastischer Literatur (Aldair-Tetralogie, 1976-82, 'Through Darkest America', 1987, 'Dawn's Uncertain Light', 1989, 'The Hereafter Gang', 1991) von sich reden. Sein breit gefächertes belletristisches Werk enthält etwa fünfzig Romane, neben Fantasy und Sciencefiction für Jugendliche und Erwachsene auch historische und humoristische Romane, Western und Krimis, sowie ungezählte Short Stories.

Barretts Beitrag zum Krimigenre besteht aus der so genannten Blues-Tetralogie, einer eigentümlichen Mischung aus Kriminalgroteske, Slapstick und Fantasy. 'Pink Vodka Blues', der erste und wildeste Teil der Reihe, dreht sich um einen gewissen Russell Murray - Literaturkritiker und Quartalstrinker -, der für seinen Chef in Dallas eine Tasche abholen soll. Nach einer durchzechten Nacht wacht er neben einer nackten Frau in einem Hotelzimmer auf - Filmriss, die Frau ist tot, es fallen Schüsse, und Murray ergreift die Flucht. In einer Alkoholentwöhnungsklinik trifft er dann auf die schöne, reiche Säuferin Sherry Lou. Die beiden kommen sich näher, begeben sich auf die Suche nach der verschwundenen Tasche. Auf ihren Fersen: Cops und Gangster, FBI-Agenten und Mafia-Killer.

Wiley Moss ist die Hauptperson im dritten und vierten Band der Blues-Serie. Der 34-jährige Insektenkundler zeichnet Käfer für die "Smithonians" in Washington, D.C., wird jedoch zu Beginn des Krimis 'Skinny Annie Blues' jäh aus seinem beschaulichen Alltag gerissen, als sein schlitzohriger Vater, den er seit achtzehn Jahren nicht mehr gesehen hat, im texanischen Galveston gewaltsam ums Leben kommt - Wileys detektivische Fähigkeiten sind gefragt.

Bibliografie:
Blues-Serie: 'Pink Vodka Blues' - 'Pink Vodka Blues' (auch unter dem Titel 'Eine Flasche zeigt nicht immer nach Norden', 1992), 'Dead Dog Blues' - 'Dead Dog Blues' (1994), 'Skinny Annie Blues' - 'Skinny Annie Blues' (1996), 'Bad Eye Blues' - 'Bad Eye Blues' (1997).

++ Erstellt: Juni 2013 ++
++ Update: Januar 2014 ++
 


Bayer William

(*1939; schreibt auch als David Hunt)

William Bayer wurde in Cleveland, Ohio, geboren. Seine Eltern, der Anwalt Leo Bayer und die Drehbuchautorin Eleanor, geborene Rosenfeld, verfassten in den 40er-Jahren unter dem Pseudonym Oliver Weld Bayer gemeinsam ein paar Krimis. Bayer jr. studierte an der Philips Exeter Academy, New Hampshire, und der Harvard University in Cambridge, wo er 1960 in Kunstgeschichte abschloss. Von 1963 bis 1968 arbeitete er als Produzent, Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen für den amerikanischen Geheimdienst. Danach wurde er frei schaffender Autor und Filmemacher.

Als Bayer in den 70er-Jahren während vier Jahren mit seiner späteren Frau, der Kochbuchautorin Paula Wolfert, in Tanger, Marokko, lebte, intensivierte er seine schriftstellerischen Aktivitäten. 1978 veröffentlichte er seinen ersten von dreizehn Krimis 'Tangier', in dem der brillante marokkanische Polizist Hamid Ouazzani die Hauptrolle innehat. Die folgenden Jahre verbrachte Bayer in New York City, bis er 1994 nach San Francisco umzog. Heute lebt er mit seiner Frau in Sonoma Valley, Nord-Kalifornen.

In vier Romanen steht Lieutenant Frank Janek im Mittelpunkt, ein abgebrühter, von seiner Frau Sarah getrennt lebender New Yorker Cop Anfang Fünfzig, aber auch ein gebrochener Mann, seit er vor vielen Jahren seinen Partner und engen Freund bei einem Einsatz erschossen hat. Sein Vater war Akkordeonmacher in Prag, bis er nach New York City auswanderte und dort einen Reparaturladen eröffnete. Er hinterliess Frank ein Dutzend mehr oder wenig kaputte Ziehharmonikas, die seither dessen einziges Steckenpferd sind - passend zu seiner Grundstimmung entlockt er ihnen in seiner kleinen, karg möblierten Wohnung traurige Melodien und bastelt in schlaflosen Nächten ein wenig an ihnen herum. Janek ist ein brillanter, instinktiv handelnder Ermittler, der alle Facetten der menschlichen Seele kennt, der Dinge und Zusammenhänge sieht, die Andere nicht sehen, und der tief in die Gehirne anderer Leute dringen kann. Sein Partner und engster Freund ist Aaron Rosenthal, auch er ein routinierter, mit allen Wassern gewaschener Cop.

Bayers berühmtester Roman 'Der Killerfalke' erzählt von der Jagd auf ein riesiges Wanderfalkenweibchen bzw. auf den Falkner, der den Vogel als Mordmaschine abgerichtet hat - drei junge, zierliche Frauen sind die ersten (dem Anschein nach zufällig ausgewählten) Opfer. An den Ermittlungen beteiligt sich nicht nur Frank Janeks Polizeitruppe, sondern auch die ehrgeizige, von schwierigen Männerbeziehungen geprägte TV-Reporterin Pamela Barrett, die den ersten Falkenangriff miterlebt hat - und danach in die Fänge des sie raffiniert manipulierenden Falkners gerät. Die faszinierende Geschichte - eine Mischung aus Polizeiroman und Psychothriller, angereichert mit umfassenden Informationen zur Falknerei - wird abwechslungsweise aus der Sicht des Polizisten, der Jounalistin und des Mörders erzählt. Grosse Spannung erzeugt Bayer mit seinem Kunstgriff, dem Leser die Identität des Mörders schon früh zu offenbaren, während dieser sich im Dunstkreis der Fahnder aufhält - als Raubvogelexperte und Berater. 'Der Killerfalke' ist die Geschichte von vier in kräftigen Farben gezeichneten Figuren, drei Menschen und einem Tier, die gleichzeitig Jäger und Gejagte sind. Mit einem glücklichen Ende für den Vogel.

Der Nachfolgeband 'Tödlicher Tausch' ist indes das bessere Buch - eine mitreissende, tief gründende Police Procedural Novel, geschmückt mit einer vielschichtigen Liebesgeschichte: jener zwischen Frank Janek und der zwanzig Jahre jüngeren Fotografin Caroline Wallace, deren Vater, auch er ein NYPD-Cop, bei einem Einsatz gewaltsam ums Leben gekommen ist. Janek hat diesmal gleich zwei (nicht miteinander zusammenhängende) Fälle am Hals. Sein früherer "Rabbi" (will heissen: Mentor für Polizei-Rookies) Al DiMona, seit einigen Jahren im Ruhestand, schoss sich eine Kugel in den Kopf, nachdem er heimlich ein längst vergessenes Verbrechen zu klären versucht hatte - ein Verbrechen, in das auch der derzeitige Leiter der Kriminalabteilung und Carolines Vater verwickelt waren. Und fast gleichzeitig wurden zwei Frauen, eine junge Englischlehrerin und eine Prostituierte, zwischen denen es offenbar keine Verbindung gibt, auf bizarre Art getötet - jemand drang in ihre Wohnungen ein, erstach und enthauptete sie und tauschte dann ihre Köpfe aus. Zwei Fälle, die Janek und seine Kollegen an ihre Grenzen führen.

Im dritten Band 'Eiskalter Engel' breitet Bayer einen monströsen, etwas an den Haaren herbeigezogenen Kriminalfall vor dem Leser aus. Er kreist um die zutiefst frustrierte Psychotherapeutin Beverley Archer, die eine ihrer Patientinnen, die blutjunge Diana, in eine Killermachine umwandelt und sie dann auf die Jagd nach ihren alten Feinden schickt. Viel Raum erhält Janeks neue Beziehung zu der klugen, warmherzigen deutschen Psychoanalytikerin Monika Daskai, gleichzeitig Geliebte, Therapeutin und Beraterin des gequälten Cops.

Bibliografie:
Lieutenant Frank Janek-Serie: 'Peregrine' - 'Der Killerfalke' (1981), 'Switch' - 'Tödlicher Tausch' (1984), 'Wallflower' - 'Eiskalter Engel' (1991), 'Mirror Maze' (1994);
'Tangier' (1978), 'Punish Me With Kisses' (1980), 'Pattern Crimes' - 'Unternehmen Felsendorn' (1987), 'Blind Side' - 'Blinde Wut' (1989), 'Tarot' (1991), 'The Dream of the Broken Horses' (2002), 'City of Knives' (2008; bisher nur in der französischen Version 'La Ville des Couteaux' erschienen).
Als David Hunt: 'The Magician's Tale' - 'Farben der Nacht' (1997), 'Trick of Light' - 'Geh nicht zurück' (1998).

++ Erstellt: August 2012 ++  


Becker, Lars

(*1954)

Lars Becker, geboren und aufgewachsen in Hannover, liess sich nach einem längeren Italienaufenthalt in Hamburg nieder, wo er eine Weile als Drucker und Barmann arbeitete, bevor er ein Filmstudium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und in New York absolvierte.

Seine erste Publikation 'Kalte Sonne', zunächst für das Fernsehen verfilmt, dann zu einem Kriminalroman umgeschrieben, dreht sich um das Schicksal von afrikanischen Flüchtlingen im Deutschland der 80er-Jahre. Die multiperspektivisch mit schnellen Schnitten erzählte Geschichte wartet mir einem farbigen Figurenensemble auf: Desmond Mabaso genannt "Street", ein Musiker und Strassenkämpfer aus der südafrikanischen Stadt Soweto, der 1978 aus der Haft entwich, untertauchte und jetzt in einer Bar in St. Pauli als Hilfskraft angestellt ist; Streets Arbeitkollege Bruno Guzmann, ein ausgebuffter Barkeeper mit einer Vergangenheit als Fremdenlegionär im Algerienkrieg; Streets alter Kumpel Fats Faniso, der in einem Luxushotel in Johannisburg als Page arbeitet, bis er wegen aufmüpfigem Verhalten gefeuert wird und sich nach Hamburg absetzt; der südafrikanische Generalkonsul Henk Bassers alias Van Vliet, ein ehemaliger Polizeikommandant, der vor einiger Zeit in Soweto Desmonds Schwester umgebracht hat; sowie das deutsche Gespann Jansen und Senff, das die südafrikanische Oberschicht illegal mit Waffen versorgt.

In Beckers zweitem Krimi steht der wortkarge Ex-Terrorist Steiger, Kampfname Amigo, im Mittelpunkt, ein einsamer Wolf, der vor vier Jahren auf einem abgelegenen Bauernhof in der Emilia Romagna untertauchte und sich dort, benebelt vom Grappa, halbherzig der Landwirtschaft widmet. Als er nur knapp einem Mordanschlag entgeht, kehrt er trotz ausgeschriebener Fahndung mit falschen Papieren nach Hamburg zurück, zumal die regelmässigen Überweisungen aus der Kriegskasse in den letzten Monaten ausgeblieben sind. Haben ihn seine ehemaligen Genossen von der Revolutionären Front auf Kreuz gelegt? ‚Amigo' - eine atemlose Erzählung über Habgier und Verrat, Rache und Gewalt.

Seit Anfang der 90er-Jahre macht Lars Becker vornehmlich als Drehbuchautor und Filmregisseur ('Bunte Hunde', 'Schattenboxen', 'Nachtschicht', 'Unter Feinden', 'Schade um das schöne Geld', 'Zum sterben zu früh', Beiträge zur Tatort-Serie usw.) von sich reden. Er hat heute seine eigene Filmproduktionsfirma Cinescript und lebt in Hamburg.

Bibliografie:
'Kalte Sonne' (1990), 'Amigo' (1991).

++ Erstellt: Januar 2016 ++  


Becker, Stephen D.

(1927-1999; schrieb auch als Steve Dodge)

Stephen D. Becker kam in Mount Vernon, New York State, zur Welt; sein Lebenslauf liegt weitgehend im Dunkeln. Von 1947 bis 1948, kurz vor der kommunistischen Machtübernahme, weilte er in Peking. Nach seiner Rückkehr in die USA begann er eine schriftstellerische Laufbahn. Sein Werk enthält ein bedeutendes Sachbuch über komische Kunst in Amerika ('Comic Art in America', 1959), Biografien, Kurzgeschichten und elf historische Spannungsromane, die zwischen 1951 und 1987 erschienen sind. Darüber hinaus war er als Übersetzer tätig. Er starb vier Tage vor seinem 72. Geburtstag.

Im Zentrum von Beckers Prosa steht die so genannte (teilweise auf eigenen Erlebnissen gründende) Fernost-Trilogie, mit dem zweiten Band 'Der letzte Mandarin' als Höhepunkt. Er spielt im bitterkalten, von Maos Kommunisten belagerten Peking der Jahreswende 1948/49 (neun Monate vor der Gründung der Volksrepublik China). Der in Japan geborene Amerikaner Jack Burnham, Elektroingenieur, Frauenheld und Major a.D., trifft mit dem Auftrag, den berüchtigten japanischen Kriegsverbrecher Major Kanamori Shoichi (Massaker von Nanking!) aufzuspüren und der Todesstrafe zuzuführen, in Peking ein. Er knüpft Kontakte, kreist den Gesuchten ein, doch schnell wird ihm klar, dass mehr hinter dem Auftrag steckt als blosse Rache. Ein nervenaufreibendes Spiel von Flucht und Verfolgung nimmt seinen Gang. Und Burnham findet die Liebe in der Person der Kinderärztin Nien Hao-Ian.

In deutschen Übersetzungen gibt es ferner 'Mit dem Tod einen Bund. Roman um ein verhängnisvolles Urteil' (er kreist um einen Mord im amerikanischen Südwesten des Jahres 1923), 'Leben und leben lassen' (ein Bericht über die Abenteuer des amerikanischen Arztes Benjamin Beer im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg) und 'Rendezvous in Haiti' (mit einem US-Marine, der im Haiti des Jahres 1919 gegen eine Rebellentruppe kämpft).

Bibliografie:
Fernost-Trilogie: 'The Chinese Bandit' - 'Der chinesische Bandit' (1975), 'The Last Mandarin' - 'Der letzte Mandarin' (1979), 'The Blue-Eyed Shan' - 'Der Shan' (1982);
'The Season of the Stranger' (1951), 'Shanghai Incident' (zuerst als Steve Dodge, 1955), 'Juice' (1958), 'A Covenant with Death' - 'Mit dem Tod einen Bund' (1964), 'The Outcasts' (1967), 'When the War is Over' (1969), 'Dog Tags' - 'Leben und leben lassen' (1973), 'Rendezvous in Haiti' - 'Rendezvous in Haiti' (1987).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Bedford, Martyn

(*1959)

Geboren und aufgewachsen in Croydon, South-London, als einziges Kind einer Lohnbuchhalterin und eines Blechschlossers, studierte Martyn Bedford Journalistik und arbeitete dann fünfzehn Jahre als Reporter für kleinere Zeitungen. Zwischen den Jobs bereiste er die Welt, arbeitete kurze Zeit als Englischlehrer in Hongkong und schrieb Stories für Anthologien und (unveröffentlicht gebliebene) Romane. Anfang der 90er-Jahre studierte er Creative Writing an der University of East Anglia in Norwich, Grafschaft Norfolk. 1996 erschien sein erster Roman 'Der Zeichner'.

Bedford lebt mit seiner Frau Damaris in Ilkley, West Yorkshire, und hat zwei Töchter, Josie und Polly. Neben seiner Schriftstellerei - er verfasste bis 2006 fünf Bücher für Erwachsene, ehe er sich der Jugendliteratur zuwandte - unterrichtet er Creative Writing an der Leeds Trinity University.

In seinem Romanerstling 'Der Zeichner' entwirft Bedford das Porträt einer gequälten Seele: "Mein Name ist Gregory Lynch. Ich bin 35 Jahre alt, Waise, Junggeselle, mit viereinhalb Jahren Einzelkind. Ich habe ein braunes und ein grünes Auge." - dies sind die gebetsmühlenartig geäussersten Sätze des labilen, eigenbrötlerischen Ich-Erzählers. Nach dem Tod seiner Mutter stösst Gregory Lynch im Estrich auf seine alten Schulzeugnisse - und beschliesst, sein verpfuschtes Leben zu "korrigieren". Er besitzt nur ein einziges Talent: das Zeichnen. Und so bringt er seine Rachefantasien in Form von Cartoons zu Papier, um sie dann (vielleicht) Realität werden zu lassen.
Gregorys Hass richtet sich gegen seine Lehrer, die ihn seinerzeit von der Schule verwiesen haben, und die er nun für sein globales Scheitern verantwortlich macht - in jedem der sieben Kapitel des Romans geht es einem seiner Ausbilder an den Kragen. Dabei springt der Autor (bzw. Gregory) ständig zwischen vier Zeitebenen hin und her: Dem Aufwachsen in bescheidenen Verhältnissen an der Seite der heiss geliebten, zweieinhalb Jahre älteren (mit sieben an Hirnhautentzündung verstorbenen) Schwester Janice, der als peinvoll erlebten Schulzeit im Süden Londons, den zwanzig Jahre später, nach längerer Arbeitslosigkeit, durchgeführten Strafaktionen, die er als Korrekturmassnahmen bezeichnet ('Acts of Revision' lautet denn auch der Originaltitel des Romans), und der Gegenwart, die sich während der Zeit der Untersuchungshaft abspielt und fast nur aus fruchtlosen Gesprächen mit seinem Anwalt besteht.
'Der Zeichner': Eine kunstvoll komponierte, in einer schlichten (dem Gemüt des Erzählers angepassten) Sprache, ganz ohne Effekthascherei erzählte Tragikomödie mit einem unvergesslichen Protagonisten.

'Houdini Girl' ist die Geschichte des knapp 30-jährigen Magiers Fletcher Brandon, genannt "Red", der in Oxford lebt und unter dem Künstlernamen "Peter Prestige" sein Publikum in ganz England verzaubert. Reds Leben gerät aus den Fugen, als er sich in einer Kneipe unsterblich in die extravagante, etwas verrückte Rosa verliebt, die am nächsten Tag bei ihm einzieht. Ein Jahr später muss er Rosas Leiche identifizieren - sie ist von einem Zug überfahren worden: Unfall, Selbstmord oder Mord? Der untröstliche Red begibt sich auf Spurensuche, wird in seinem Haus überfallen, landet schliesslich in Amsterdam - und entdeckt, dass es fünf Jahre in Rosas Leben gibt, über die kein Mensch etwas zu wissen scheint.

Bibliografie:
'Acts of Revision' - 'Der Zeichner' (1996), 'Exit, Orange & Red' (1997), 'The Houdini Girl' - 'Houdini Girl' (1999), 'Black Cat' (2000), 'The Island of Lost Souls' (2006).

 


Behm, Marc

(1925-2007)

Marc Behm kam in Trenton, New Jersey, zur Welt. Als Teenager versuchte er sich als Schauspieler in der damals bekannten Truppe von Ernie Kovacs. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Soldat in Frankreich verbrachte, blieb er in Paris hängen. Er studierte an der Sorbonne, arbeitete in der Filmbranche und heiratete eine Französin. Von 1961 bis 1980 war er vorrangig als Drehbuchautor ('Charade', 'Help!') tätig. Zwischen 1977 und 1994, verfasste er sieben (zum Teil nur in französischen Übersetzungen erschienene) Romane, von denen fünf dem Krimigenre zuzurechnen sind, und eine Handvoll Kurzgeschichten. Er starb 82-jährig im nordfranzösischen Küstenort Fort-Mahon-Plage.

Behms bekanntester, zweimal verfilmter Roman 'Das Auge' handelt von Joanna Eris und einem namenlosen New Yorker Detektiv, genannt "das Auge", zwei am Rande der Gesellschaft stehende Figuren, die versuchen, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Joanna liest Horoskope und Shakespeare, hört 'La Paloma', trinkt zu viel Cognac, ändert ständig Namen und Outfit - und legt über Jahre hinweg reihenweise Männer um. Ihr Beobachter und heimlicher Beschützer "das Auge", zunächst noch für eine grosse Detektivagentur tätig, im Verlauf der Geschichte gefeuert, ist eine gescheiterte Existenz mit der fixen Idee, seine "verloren gegangene" Tochter zu finden (zeitweise hält er die Killerin für dieselbe), von der er lediglich ein Schulfoto besitzt. Das rührende Paar hetzt durch halb Amerika, ohne sich je richtig kennen zu lernen.

'Todespoker' dreht sich um die tragische Figur Joe Egan. Joe hat seit seiner Jugend die Fähigkeit, Geheimnisse anderer Menschen (Seitensprünge, Diebstähle, Drogenkonsum) wahrzunehmen, und schwingt sich dank dieser Gabe zu einem glänzenden Pokerspieler empor. Die Kehrseite: Joe kann den Tod, der in Gestalt einer blonden Frau mit violetten Augen auftaucht, sehen, flieht vor ihm durch halb Amerika, verkleidet sich mal als Clochard, mal als Baron, doch es hilft alles nichts.

In 'Durchgeknallt', der Geschichte des verschrobenen, durch den Tod seiner Eltern reich gewordenen Eigenbrötlers Patrick Nelson, persifliert Behm das Genre des Psychopathen-Thrillers. Patrick Nelson verliebt sich hoffnungslos in eine Polizistin, die mit dem Fall eines Serienkillers befasst ist (der Mörder zerstückelt wahllos Leute jeden Alters und Geschlechts fein säuberlich mit einer Axt) und versucht nun in recht unbedarfter Manier, ihren Verdacht auf sich selbst zu lenken, etwa indem er mehrere Äxte anschafft und sie in seinem Haus "versteckt".

Behms zwei nicht auf Deutsch vorliegende Krimis drehen sich um Lucy, eine junge Frau mit übernatürlichen Gaben.

Bibliografie:
'The Eye of the Beholder' - 'Mortelle Randonée' - 'Das Auge' (1980), 'Afraid To Death' - 'Trouille' - 'Todespoker' (1991), 'Off the Wall' - 'A Côté de la Plaque' - 'Durchgeknallt' (1992); Lucy-Romane: 'Seek to Know No More' - 'Ne cherche pas à savoir' (1993); 'Crabs' - 'Crabe' (1994).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Beinhart, Larry

(*1947)

Larry Beinhart, geboren und aufgewachsen in Brooklyn, New York City, als Sohn eines Juristen und einer Mutter, die in der Verwaltung der Long Island University arbeitete, besuchte die Brooklyn Technical High School und die State University of New York in Binghamptom. Danach ging er in die Filmproduktion, zuerst in New York City, dann in Miami. Zurück in New York, war er als Berater für den demokratischen Politiker Hank Steinkopf tätig. Nach einer kurzen Phase der Arbeitslosigkeit begann er Mitte der 80er-Jahre zu schreiben.

Von 1986 bis 1991 veröffentlichte Beinhart drei Krimis um den sizilianisch-stämmigen Ermittler Antonio "Tony" Cassella, der nach hingeschmissenem Jurastudium und kurzer Ehe in der Anti-Korruptions-Abteilung des NYPD tätig war, bis er mit dem Ex-Cop Joey D', einem engen Freund seines verstorbenen Vaters, in New York eine Privatdetektei eröffnete. Cassella ist im Grunde ein cleverer Bursche, doch sein starker Sexualtrieb und seine Vorliebe für Kokain kommen ihm immer wieder in die Quere. Im ersten (und besten) Band 'Kein Trip für Cassella' wird Cassella beauftragt, dem gewaltsamen Tod des Anwalts Edgar Wood, der 8 Millionen Dollar Firmengelder veruntreut hat, auf den Grund zu gehen. Die Spuren des höchst komplexen Kriminalfalls, in den vielleicht auch Cassellas zwielichtiger Onkel Vincent verwickelt ist, führen zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als wohlhabende Juden von skrupellosen amerikanischen Geschäftsmännern um ihr Vermögen gebracht worden sind.

1993 liess Beinhart 'American Hero' folgen, eine bissige Politsatire mit Elementen des Privatdetektivromans und einer überflüssigen Liegesgeschichte, der eine hübsche, durchaus nicht an den Haaren herbeigezogene Idee zugrunde liegt: Der erste Golfkrieg soll von Amerikas Machthabern mediengerecht inszeniert worden sein, um das Überleben der Bush-Regierung zu sichern…
Abgerundet wird der Roman mit einer Liste von 39 Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg. Das Buch wurde von Barry Levinson sehr frei unter dem Titel 'Wag the Dog' verfilmt mit Robert De Niro und Dustin Hoffman in den Hauptrollen.

Larry Beinhart trat auch als Skilehrer, Journalist, Sachbuchautor ('How to Write a Mystery' und 'Fog Facts: Searching for Truth in the World of Spin'), Drehbuchautor und, in Oxford und Woodstock, als Dozent für Kreatives Schreiben im Bereich Kriminal- und Spannungsliteratur in Erscheinung. Er lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin und Krimiautorin Gillian Farrell, mit der er zwei erwachsene Kinder hat, in Woodstock, New York State.

Bibliografie:
Tony Cassella-Trilogie: 'No One Rides For Free' - 'Kein Trip für Cassella' (1986), 'You Get What You Pay For' - 'Zahltag für Cassella' (1988), 'Foreign Affair' - 'Priester waschen weisser' (1991);
American Hero' (auch unter dem Titel 'Wag the Dog') - 'American Hero', (1993), 'The Librarian' (2004), 'Salvation Boulevard' (2008).

++ Erstellt: November 2012 ++  


Benchley, Peter

(1940-2006)

Peter Benchley kam als Sohn des Romanautors Nathaniel Benchley und Enkel des Humoristen Robert Benchley in New York City zur Welt und wuchs auch dort auf. Er absolvierte die High School an der Philips Academy in Exeter, New Hampshire, und schloss sein Englischstudium 1961 an der Harvard University ab. Im folgenden Jahr bereiste er die Welt. Anschliessend arbeitete er sechs Monate als Reporter bei der 'Washington Post', dann, von 1964 bis 1967, als Redakteur der Zeitschrift 'Newsweek'. 1967 bis 1969 war er Redenschreiber für Präsident Lyndon Johnson, ehe er als freier Journalist für 'The New Yorker', 'National Geographic', das 'New York Times Magazine' und andere Printmedien tätig war.

Benchleys grosse Stunde schlug 1974. Inspiriert durch Erlebnisse aus seiner Jugendzeit, in der er die Sommermonate auf Nantucket mit Fischen verbrachte und unzählige Haie an Land zog, und einen Zeitungsartikel über einen Fischer, der 1964 auf Long Island einen 2'000 kg schweren Hai fing, schrieb er seinen legendären Thriller 'Jaws' ('Der weisse Hai'), von dem 20 Millionen Exemplare über die Ladentische gingen - und dessen Verfilmung durch Stephen Spielberg (Benchley war Co-Drehbuchautor und hatte einen Cameo-Auftritt als Fernsehreporter) als erster Hollywood-Blockbuster gilt.

Fünf Gestalten bilden den Mittelpunkt des Romans 'Der weisse Hai': Chief Martin Brody, der rechtschaffene, leider jedoch wasserscheue Sheriff des Badeortes Amity auf Long Island, Vater dreier Söhne, um dessen Ehe mit Ellen es nicht gut steht; Matt Hooper, der junge, attraktive Meeresbiologe und Haispezalist vom ozeanischen Institut in Woods Hole, der Ellens Reizen erliegt; Quint, der eigenbrötlerische Skipper und raffinierte Haifischjäger; Larry Vaughn, der mit der Mafia verstrickte Bürgermeister und Immobilienhändler; - und ein sieben Meter langes Geschöpf mit Tausenden von Zähnen, ein gefrässiger, instinktsicherer und pfeilschneller Jäger. Als in Amity vier Menschen dem Fisch zum Opfer fallen, sperrt Chief Brody die Strände, obwohl die Hochsaison unmittelbar bevorsteht und die Kleinstadt ohne Tourismus dem Untergang geweiht ist. Der Bürgermeister und einflussreiche Geschäftsleute setzen nun Brody mächtig unter Druck, worauf dieser beschliesst, dem Hai zusammen mit Hooper und Quint auf den Leib zu rücken. Die stimmungsvolle, in der schweisstreibenden Haifischjagd gipfelnde (Spielbergs Verfilmung um Längen hinter sich lassende) Erzählung kommt fast ganz ohne reisserische Effekte aus - einzig bei den Schilderungen der erotischen Verwicklungen lässt der Autor etwas die Zügel schleifen.

Nach dem überwältigenden Erfolg mit 'Jaws' machte Benchley das Schreiben zu seinem Hauptberuf. Er verfasste weitere Spannungsromane und Filmdrehbücher, aber auch Essays und Sachbücher über Haie, rehabilitierte den von Natur aus eher scheuen Fisch, distanzierte sich immer weiter von seinem Erfolgsroman - und avancierte zu einem international anerkannten Hai-Experten.

Im Alter von 64 Jahren erlag Benchley in seinem Haus in Princeton, New Jersey, einer chronischen Lungenkrankheit. Er hinterliess seine Frau Winifred "Wendy" Wesson, die er 1964 geheiratet hatte, und drei Kinder, Tracy, Clayton und Christopher.

Bibliografie:
'Jaws' - 'Der weisse Hai' (1974), 'The Deep' - 'Das Riff' (1976), 'The Island' - 'Freibeuter des Todes' (1979), 'The Girl of the Sea of Cortez' - 'Der Berg der Fische' (1982), 'Q Clearance' - 'Q clearance. Streng geheim' (1986), 'Beast' - 'Beast. Schrecken der Tiefe' (1991), 'White Shark' (auch unter dem Titel 'Creature') - 'Shark: die Rückkehr des weissen Hais' (1994).

++ Erstellt: März 2012 ++  


Bennett, Margot

(1912-1980)

Margot Bennett, geboren in der schottischen Kleinstadt Lenzie, East Dunbartonshire, erhielt ihre schulische Ausbildung in Schottland und Australien. In der ersten Hälfte der 30er-Jahre war sie als Werbetexterin in Sydney und London tätig, danach legte sie als Krankenschwester im Spanischen Bürgerkrieg Hand an. 1938 vermählte sie sich mit Richard Bennett; sie hatte mit ihm eine Tochter und drei Söhne.

Von 1945 bis 1958 verfasste Bennett sechs Krimis, zwei Kriminalstories, zwei Theaterstücke, ein Sachbuch sowie vier Romane, die nicht zum Krimigenre gehören. Danach beendete sie ihre belletristische Laufbahn, um bis Ende der 60er-Jahre vornehmlich für das Fernsehen zu arbeiten. 1964 publizierte sie ein Sachbuch mit dem bemerkenswerten Titel 'The Intelligent Woman's Guide to Atomic Radiation'. Über ihre letzten Lebensjahre ist nichts bekannt. Bennett starb am 6. Dezember 1980 im Alter von 68 Jahren.

In ihren stärksten Krimis ('...und plötzlich war sie Witwe', 'Einer blieb zurück' und 'Jemand aus der Vergangenheit') überzeugt Bennett mit sauberen Plots, raffinierten Täuschungsmanövern, Sprachwitz, feinem Humor und prägnanten Charakter- und Milieuzeichnungen.

'...und plötzlich war sie Witwe' gilt als Bennetts Meisterwerk. Hauptakteur der verwickelten (in der dritten Person erzählten) Geschichte ist Hugh Everton, ein junger Ex-Diplomat, der vor einigen Jahren wegen Scheckbetrugs in einem französischen Gefängnis einsass und jetzt für ein Reiseunternehmen als Gastrokritiker unterwegs ist. In einem schäbigen Lokal trifft er auf seine alte Flamme, das Miststück Lucie, für das er damals in Frankreich den Kopf hingehalten hat, und ihre Entourage, bestehend aus Ehemann Gregory Bath, einem 70-jährigen hartherzigen Richter im Ruhestand, und zwei zwielichtigen Burschen. Als Everton sich für einen Drink und ein paar Runden Bridge in Lucies Haus einladen lässt, wird Bath im Nebenzimmer erschossen - und Everton stellt sich die Frage, ob er Lucie ein zweites Mal auf den Leim gekrochen ist.

'Jemand aus der Vergangenheit' kreist um sechs Figuren: Die Ich-Erzählerin Nancy, Journalistin und Romanautorin, und ihre engste Freundin (sowie frühere Arbeitskollegin und Mitbewohnerin) Sarah, eine schöne, von den Männern begehrte Frau auf der einen, und vier von Sarahs zahlreichen Ex-Geliebten - Peter, ein verrufener, aber charismatischer Krimineller, Laurence, ein unscheinbarer und etwas wehleidiger Journalist, der aufbrausende Schauspieler Mike (mit ihm war Sarah gar verheiratet) und Nancys derzeitiger Freund Donald, ein Kunstmaler, auf der anderen Seite - sie alle wurden von Sarah verlassen. Und jetzt, als Sarah kurz vor der Heirat mit einem Fabrikdirektor steht, wird sie durch einen von ihnen mit anonymen Drohbriefen bedroht und kurz danach in ihrer Wohnung erschossen. Als Nancy erfährt, dass Donald zur Mordzeit in Sarahs Wohnung seinen Rausch ausschlief, verstrickt sie sich immer tiefer in einem Netz von Lügen, um ihrem Freund zu helfen, den sie im Grunde gar nicht mehr so richtig liebt, gerät nun selbst unter Tatverdacht - und löst den Fall auf eigene Faust.
'Jemand aus der Vergangenheit', ein spritziger Mix aus psychologischer Studie, Beziehungsdrama und Whodunit, lebt von der sympathischen und scharfzüngigen, immer wieder mit treffsicheren Sprüchen aufwartenden und ihre prekäre Lage mit viel Selbstironie reflektierenden Ich-Erzählerin und der intelligenten Darstellung des Beziehungsgeflechts, in dem die Hauptakteure gefangen sind.

Bibliografie:
'Time to Change Hats' (1945), 'Away Went the Little Fish' (1945), 'The Widow of Bath' - '...und plötzlich war sie Witwe' (1952), 'Farewell Crown and Goodbye King' - 'Schatten um den König' (1952), 'The Man Who Didn't Fly' - 'Einer blieb zurück' (1955), 'Someone for the Oast' - 'Jemand aus der Vergangenheit' (1958).

++ Erstellt: September 2011 ++  


Bentley, Edmund Clerihew

(1875-1956; schrieb auch als E. Clerihew)

Edmund C. Bentley kam im Londoner Stadtteil Shepherd's Bush zur Welt. Während seiner Schulzeit an der St. Paul's School in London lernte er den späteren Krimiautor G.K. Chesterton kennen, mit dem ihn dann eine lebenslange Freundschaft verband. Nach seinem Jurastudium am Merton College, Oxford, kehrte Bentley nach London zurück, um hauptberuflich als Journalist für die Tageszeitungen 'Daily News' und 'Daily Telegraph' zu arbeiten und in seiner Freizeit Romane und vierzeilige Verse zu verfassen. Er starb 80-jährig in seiner Geburtsstadt.

'Trents letzter Fall' ist Bentleys weitaus bestes Prosawerk. Die leichtfüssige, heitere, mit einer hübschen Liebesgeschichte abgerundete Geschichte dreht sich um den jungen Maler und Journalisten Philip Trent, der im Auftrag einer Londoner Zeitung den Mord an dem millionenschweren amerikanischen Geschäftsmann Sigsbee Manderson untersucht - und dabei dermassen schlechte Figur macht (der wahre Täter erklärt ihm schliesslich die Hintergründe des Verbrechens!), dass er schwört, dies sei sein erster und letzter Kriminalfall gewesen. Dennoch ist Trent (im Original) in den 30er-Jahren zu weiteren Auftritten als Detektiv gekommen.

Darüber hinaus machte sich der politisch links stehende Autor einen Namen als Erfinder von scherzhaften, pseudobiografischen Vierzeilern (genannt "clerihew") über britische Persönlichkeiten. Die dreiteilige Sammlung ist unter dem Kürzel E. Clerihew erschienen.

Bibliografie:
Philip Trent-Serie: 'Trent's Last Case' (auch unter dem Titel 'The Woman in Black') - 'Trents letzter Fall' (auch unter dem Titel 'Der Sprung durchs Fenster', 1913), 'Trent's Own Case' (gemeinsam mit H. Warner Allen, 1936), 'Trent Intervenes' (Stories, 1938).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Bergman, Andrew

(*1945)

Andrew Bergman wurde als Sohn eines 'New York Daily News'-Journalisten in Queens, New York City, geboren. Nach Abschluss des Studiums am New Yorker Harpur College und an der University of Wisconsin-Madison, wo er 1970 einen Doktortitel in Amerikanischer Geschichte erwarb, veröffentlichte er 1971 seine Dissertation über den amerikanischen Film der 30er-Jahre ('We're in the Money') und 1973 eine Biografie des Schauspielers James Cagney ('James Cagney: The Pictorial Treasury of Film Stars'). Es folgten zwei in den 40er-Jahren spielende, mit historischen Ereignissen verzahnte Kriminalromane um den jüdischen Privatdetektiv Jack LeVine aus New York City mit Gastauftritten von Promis wie Humphrey Bogart und Richard Nixon.

Jack LeVine (bürgerlicher Name: Jacob Levine), Jahrgang 1906, ist ein geschiedener, kahlköpfiger, dem Bier zusprechender Gemütsmensch mit Übergewicht und einer grossen Nase, ein einfacher Mann, der, wie er selber sagt, "seinen dreckigen Job erledigt und danach verschwindet" - eine eigenständige, sympathische Figur mit scharfem Verstand und viel Sinn für Humor. Sein schäbiges Büro befindet sich an der Ecke Broadwaw/51. Strasse. Im ersten Roman hat LeVine eine liebe Freundin, Kitty Semour, eine ehemalige Gerichtsreporterin, die jetzt Öffentlichkeitsarbeit bei der Feuerwehr macht. Er lebt in einer bescheidenen 4-Zimmer-Wohnung in Queens.

Der erste Titel 'LeVine', angesiedelt im Sommer 1944, beginnt wie ein klassischer Detektivkrimi Chandler'scher Prägung - ein abgebrannter, hart gesottener Privatermittler wird von einer schönen Frau beauftragt, den Mann, der sie erpresst, aus dem Verkehr zu ziehen, kurz danach wird dieser ermordet aufgefunden, und auch sein Kumpel muss dran glauben. Doch dann gewinnt der Roman an Tiefe: LeVine wird in ein politisches Komplott verwickelt - es geht um die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen, in denen der Republikaner Thomas E. Dewey gegen Franklin D. Roosevelt antritt, finanziell unterstützt durch den Bankier Eli Savage, dessen Tochter Anne vor Jahren in ein paar Pornofilmen mitspielte und jetzt dafür die Quittung in Form einer Erpressung erhalten hat -, man besticht ihn mit grossen Summen, schiesst auf ihn, doch LeVine bleibt standhaft und legt alle rein.

'LeVine & Humphrey Bogart' spielt 1947. Der bekannte Drehbuchautor Walter Adrian, Mitglied der kommunistischen Partei, beauftragt seinen früheren Schulkameraden Jack LeVine zu ergründen, warum es mit seiner Hollywood-Karriere auf einmal nur noch bergabgeht. LeVine reist nach Los Angeles und findet seinen Klienten an einem Galgen baumelnd vor - ein Todesfall, der von der örtlichen Polizei als Suizid erklärt wird. Weit weg von seiner gewohnten Umgebung beginnt LeVine zu ermitteln. Er verliebt sich in Adrians schöne Witwe Helen, entkommt um Haaresbreite einem Anschlag auf sein Leben, ein Schauspieler wird ermordet, während Richard Nixon seine ersten Fäden spinnt. Beim spektakulären Showdown wird LeVine durch Humphrey Bogart tatkräftig unterstützt.

Nach zwei Büchern wurde Jack LeVine zugunsten von Bergmans Karriere als Drehbuchautor (u.a. 'Blazing Saddles', 'Fletch' und 'The In-Laws'), Regisseur (u.a. 'The Freshman', 'Striptease' und 'Isn't She Great') und Filmproduzent aufs Eis gelegt, bis er 2001 in dem im Jahre 1950 spielenden Krimi 'Tender Is LeVine' zurückkehrte.

Neben seinen Krimis und Drehbüchern schrieb Bergman die Bühnenwerke 'Social Security' und 'Working Title' und den ungemein witzigen autobiografisch geprägten Roman 'Sleepless Nights' (auf Deutsch: 'Kinder der Unschuld'), der sich mit dem Aufwachsen im jüdischen Milieu des New Yorks der 50er-Jahre befasst.

Andrew Bergman, Träger des inoffiziellen Titels "The Unknown King of Comedy", Vater von zwei erwachsenen Söhnen, Jacob und Teddy, lebt mit seiner Frau Louise, mit der er seit 1973 verheiratet ist, in New York City.

Bibliografie:
Jack LeVine-Serie: 'The Big Kiss Off of 1944' - 'LeVine' (1974), 'Hollywood and LeVine' - 'LeVine & Humphrey Bogart' (1975), 'Tender is LeVine' (2001).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2014 ++
 


Bialot, Joseph

(eigentlich Joseph Bialobroda, 1923-2012)

Joseph Bialot kam in Warschau als Sohn jüdischer Eltern zur Welt. 1930 floh die Familie vor antisemitischen Repressalien nach Frankreich und liess sich im jüdischen Pariser Viertel Belleville nieder. 1940 setzte er sich nach Bordeaux ab, später zog er weiter in die Pyrenäenstadt Pau und schliesslich in den Grossraum Lyon, wo er sich der Résistence anschloss. Am 25. Juli 1944 wurde er in Grenoble mit gefälschten Papieren erwischt und am 11. August nach Auschwitz deportiert. Er überlebte.

Zurück in Paris im Juni 1945, arbeitete Bialot im kleinen Trikotage-Unternehmen seiner Eltern, das er später übernehm. Nach dem frühen Krebstod seiner Frau zog er die beiden Söhne gross. Von 1969 bis 1973 studierte er Psychologie an der Universität Vincennes in Paris. Er war bereits 55 Jahre alt, als er Ende der 70er-Jahre seine Firma verkaufte und zu schreiben begann. Sein literarisches Werk umfasst rund zwei Dutzend Krimis, einige historische Romane und Jugenderinnerungen. Erst 2002, über fünfzig Jahre nach seiner Befreiung durch die Rote Armee im Januar 1945 - nach äusserst schmerzlichen Verarbeitungsprozessen -, veröffentlichte Bialot sein Buch über Auschwitz 'Im Winter werden die Tage länger'. Von seinen auf Deutsch vorliegenden Krimis verdienen 'Eine mörderische Drahtseiloper' und 'Die Nacht der Erinnerung' besondere Erwähnung. Nicht auf Deutsch erhältlich ist dagegen der Vierteiler um den ehemaligen Polizisten Jean-Loup Fresnel, genannt "Loup", der eine Maske trägt, seit Gesicht durch einen Schweissbrenner zerstört wurde und jetzt als Berater einer von Kapitän Valentin Welsch angeführten Pariser Polizeibrigade fungiert (Loup-Serie).

'Eine mörderische Drahtseiloper', eine leichtfüssige, mit schrägen Figuren bevölkerte Geschichte dreht sich um den arbeitslos herumhängenden Schauspieler Didier Valois aus Passy, dem südlichen Teil des 16. Arrondissement von Paris, dessen Lebensgeister endlich wieder erwachen, als auf seine verheiratete Geliebte Juliette ein beinahe tödlich endender Anschlag verübt wird. Zusammen mit seinem Freund und Wohnungsnachbar Philippe Barret, genannt Neuron, beginnt er Nachforschungen anzustellen - und kommt kriminellen Machenschaften rechtsradikaler Kreise auf die Spur.

In Bialots stimmungsvollem und ungemein düsterem - stark autobiografisch gefärbtem - Melodrama 'Die Nacht der Erinnerung' steht der 65-jährige Lucien Perrain im Mittelpunkt. Sein Enkel Julien ist entführt worden, und Perrain macht sich auf den Weg, das Lösegeld zu übergeben, bevor die stümperhafte Polizei alles versaut. Dabei gerät er in den Alptraum seiner eigenen Vergangenheit, als er während der Nazizeit in einem Konzentrationslager war. In einem furiosen Finale schliesst sich der Kreis.

Joseph Bialot lebte von 1945 bis zu seinem Tod im November 2012 in Paris und kehrte nie mehr in seine Geburtstadt Warschau zurück. Bis 2012 jedes Jahr ein Buch heraus, darunter '186 marches vers les nuages', eine zu tiefst bedrückende, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in Deutschland spielende Geschichte.

Bibliografie:
'Le salon du prêt-à-saigner' - 'Die Kinderbande' (1978), 'Babel-ville' - 'Babel-Ville' (1979), 'L'Annonce faite à Matcho' (1981), 'Matcho et les fourmis blanches' (1982), 'Sigmund Freud ne répond plus' - 'Sigmund Freud antwortet nicht mehr' (1982), 'Rue du Chat Crevé' (1983), 'Le Manteau de saint Martin' (1985), 'Un violon pour Mozart' - 'Eine mörderische Drahtseiloper' (1989), 'Le Royal-bougnat' (1990), 'La nuit du souvenir' - 'Die Nacht der Erinnerung' (1990), 'Les bagages d'Icare' (1991), 'Vous prendrez bien une bière?' (1997), 'Route Story' (1998), 'Noir scénar' (2002), 'La chronique de Montauk Point' (2004), 'Java des bouseux' (2006), 'La Ménagerie' (2007), 'L'héritage de Guillemette Gâtinel' (2011), 'Le puis de Moïse est achevé' (2012).
Loup-Serie: 'Nursery rhyme' (1999), 'Ô mort, vieux capitaine' (2000), 'Le Sténopé' (2000), 'Le numéro 10' (2001).
Historische Romane: 'Elisabeth ou le vent du Sud (1988), 'Judith' (1990), 'Le Semeur d'étincelles' (1996), 'La Gare sans nom' (1998), 'La Station Saint-Martin est fermée au public' (2004), 'Belleville blues' (2005), 'Le Jour ou Albert Einstein s'est echappé' (2008), '186 marches vers les nuages' (2009), 'À la vie!' (2010).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Mai 2013 ++
 


Biermann, Pieke

(*1950)

Liselotte "Pieke" Biermann wurde in der kleinen niedersächsischen Ortschaft Stolzenau/Weser geboren und wuchs in Hannover auf. Von 1968 bis 1976 studierte sie Deutsche Literatur und Sprache, Anglistik und Politische Wissenschaften an der Technischen Hochschule Hannover und der Universität Padua. 1977 publizierte sie ihre Magisterarbeit 'Berufsbild: Das Herz der Familie', die sich mit unbezahlter Hausarbeit befasste. Danach verrichtete sie Gelegenheitsjobs, war Lektorin beim Rowohlt Verlag und arbeitete bis 1980 als Hure, zuerst in Hannover, später in West-Berlin. In den 80er-Jahren war sie eine führende Figur in der westdeutschen Hurenbewegung.

Seit 1976 lebt und arbeitet Biermann als freie Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Essays, Literaturkritiken und Radiofeatures, bevor sie 1987 im Krimigenre debütierte. Darüber hinaus übersetzte sie Dorothy Parker, Derek Raymond, Walter Mosley, Liza Cody, Agatha Christie, Stefano Benni und Andrea Bajani ins Deutsche.

Nachdem sie viele Monate eine Sondereinheit der Polizei begleitet hatte, führte Biermann die hart gesottene, pausenlos Zigarillos paffende Berliner Kommissarin Karin Lietze, Chefin der Abteilung M I/3 in der Polizeidirektion 'Delikte am Menschen und organisierte Kriminalität' (im Volksmund: Direktion Zitti), in die deutsche Krimi-Szene ein. Der Kommissarin zur Seite stehen Sonja Schade, Detlev Roboldt, Lothar Fritz sowie Miriam "Mimi" Jakob, eine junge Israelin, die nach Berlin auswanderte, um keinen Kriegsdienst leisten zu müssen; und auch Helga, Kitty, Kim, Nadine & Co, die Frauen vom autonomen Strassenstrich "Migräne", greifen immer wieder ins Geschehen ein.

Die vier Lietze-Romane, vor allem die beiden vor dem Mauerfall spielenden Bände 'Potsdamer Ableben' (gibt es auch als Hörspiel) und 'Violetta', leben von knackigen Sprüchen, lebensnahen, spritzigen, für Nicht-Berliner nicht immer leicht verständlichen Dialogen, dem skurrilen Personal, einem gerüttelt Mass Lokalkolorit und engagierten Schilderungen sozialer Randgruppen, während den Kriminalfällen - etwa dem in 'Potsdamer Ableben' behandelten Mord an der missliebigen Kulturkritikerin Beatrice Bitterlich, genannt "Tränen-Titty", die an einer Promo-Party am Potsdamer Platz tot umfällt - vergleichsweise geringe Bedeutung zukommt.

Nach der Wende wird die M I/3 in LKA 4113/ 3. Mordkommission umgetauft, und Karin Lietze, die inzwischen die fünfzig überschritten hat, lebt mit Oberkriminalrat Adolf Lang zusammen, dem Kriminaldirektor der 'Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität'. Der Titel des vierten und bisher letzten Bandes 'Vier, Fünf, Sechs' bezieht sich auf die Nummer des Amtsraumes, in dem Karin Lietze jetzt arbeitet.

Im Jahr 1997 veröffentlichte Biermann 'Berlin, Kabbala', eine Sammlung harter, aus den Jahren 1991 bis 1997 stammender Stories, 2002 den Band'‚Herta & Doris' mit dreissig Prosastücken ("Very Short Stories") und 2008 'Der Asphalt unter Berlin - Kriminalreportagen aus der Metropole', eine Auswahl von 28 Berichten über wahre Fälle, die ab Juni 2003 während fünf Jahren einmal im Monat im Berliner 'Tagesspiegel' zu lesen und im rbb-Inforadio zu hören waren.

Bibliografie:
Kommissarin Karin Lietze-Serie: 'Potsdamer Ableben' (1987), 'Violetta' (1990), 'Herzrasen' (1993), 'Vier, Fünf, Sechs' (1997).

++ Erstellt: März 2014 ++  


Bingham, John

(bürgerlicher Name von Lord Clanmorris, 1908-1988)

John Michael Ward Bingham, Seventh Baron Clanmorris (dies ist der vollständige Name des englischen Krimiautors und Geheimagenten, nach dem John Le Carré, in den 50er-Jahren Binghams Untergebener, seinen Helden George Smiley gezeichnet hat), wurde in Sussex als einziger Sohn von Lord Clanmorris geboren, sein Lebenslauf weist Lücken auf. Ausgebildet wurde er am Cheltenham College. Danach arbeitete er zuerst als Journalist, unter anderem bei der Zeitschrift 'Punch', später offenbar während über dreissig Jahren für den britischen Geheimdienst. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er bei den Royal Engineers verbrachte, lebte er zwei Jahre in Deutschland. Er starb 79-jährig, neun Monate nach seiner Frau Madelaine Mary Ebel, mit der er seit 1934 verheiratet war und einen Sohn und eine Tochter (die Romanautorin Charlotte Bingham) hatte.

Bingham schaffte den belletristischen Durchbruch mit seinem ersten von siebzehn Romanen: dem Kabinettstück 'Warum haben Sie gelogen, Sir?', einem Meisterwerk des psychologischen Spannungsliteratur. Im Mittelpunkt steht der 31-jährige Ich-Erzähler Michael Sibley, ein Schriftsteller und Journalist, der in einem Mordfall als Unschuldiger dummerweise die Polizei belügt, von einem namenlos bleibenden Kriminal-Chefinspektor ("der Inspektor mit den harten Augen") durch endlose Kreuzverhöre in die Enge getrieben wird und den Kopf verliert. In vielen Rückblenden schildert der Autor dann das verhängnisvolle und konfliktträchtige Beziehungsgeflecht zwischen den vier Protagonisten - dem zerrissenen Michael Sibley, dem charismatischen, unsympathischen Mordopfer John Prosset (Sibleys Schulkollege), der schüchternen, feinfühligen Kate Marsden (Sibleys Verlobte) und der selbstsüchtigen Schönheit Cynthia Harrison (Sibleys Ex-Freundin).

In den nachfolgenden Krimis konnte Bingham die Qualität seines Erstlings nicht mehr ganz erreichen. Ab Mitte der 60er-Jahre verfasste er einige Geheimdienstromane. Seine beiden letzten Werke handeln von Superintendent "Badger" Brock aus der Provinzstadt Melford, und auch sie sind eher dem Spionage- als dem Polizeiroman zuzurechnen. 'Hunting Down of Peter Manuel' aus dem Jahr 1973 erzählt die wahre Geschichte des Verbrechers Peter Manuel, der am 11.Juli 1958 in einem Glasgower Gefängnis gehenkt wurde.

Bibliografie:
'My Name is Michael Sibley' - 'Warum haben Sie gelogen, Sir?' (1952), 'Five Roundabouts to Heaven' (auch unter dem Titel 'The Tender Poisoner') - 'Fünf Kurven in den Himmel' (1953), 'The Third Skin' (auch unter dem Titel 'Murder is a Witch') - 'Die dritte Haut' (1954), 'The Patton Street Case' (auch unter dem Titel 'Inspector Morgan's Dilemma') - 'Es brennt in der Paton Street' (1955), 'Marion' (auch unter dem Titel 'Murder Off the Record') - 'Marion' (1957), 'Murder Plan 6' - 'Der sechste Plan' (1958), 'Night's Black Agent' - 'Finale in Norwegen' (1961), 'A Case of Libel' (1963), 'A Fragment of Fear' - 'Wo sind die Beweise, Sir?' (1965), 'The Double Agent' - 'Der Doppelagent' (1966), 'I Love, I Kill' (auch unter dem Titel 'Good Old Charlie') - 'Warum sagen Sie das erst jetzt, Sir?' (1968), 'Vulture in the Sun' - 'Geier in der Sonne' (1971), 'God's Defector' (auch unter dem Titel 'Minstry of Death') - 'Des lieben Gottes Deserteur' (1976), 'The Marriage Bureau Murders' - 'Die Hochzeitsnacht erlebst du nicht' (1977), 'Deadly Picnic' (1980);
Superintendent Brock-Romane: 'Brock' - 'Brock' (1981), 'Brock and the Defector' (1982).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Blake, Nicholas

(Pseudonym für Cecil Day Lewis, 1904-1972)

Cecil Day Lewis wurde als einziges Kind eines Geistlichen im irischen Ort Ballintubber, County Laois, geboren und wuchs nach dem frühen Tod der Mutter mit seinem Vater und einer Tante in London auf. Nach dem Besuch der Sherborne School in Devon studierte er am Wadham College in Oxford mit einem Abschluss 1927. Ein Jahr später heiratete er Mary King, ihre Söhne Sean und Nicholas kamen 1931 bzw. 1934 auf die Welt. Einer Liaison mit der Frau eines benachbarten Farmers (die Familie Day-Lewis lebte damals in Devon) entsprang mindestens ein weiterer Sohn. In den 40er-Jahren pflegte Day-Lewis eine turbulente Liebesbeziehung mit der Autorin Rosamond Lehmann. Die Ehe mit Mary wurde 1951 geschieden. Noch im selben Jahr vermählte sich Day-Lewis mit der jungen Schauspielerin Jill Balcon und liess sich mit ihr in einem grossen Haus in Greenwich nieder. Sie hatten zusammen eine Tochter (Tomasin, geboren 1953) und einen Sohn (Daniel, geboren 1957, später ein berühmter Schauspieler). Mit 68 Jahren erlag Day-Lewis im Haus des berühmten Romanciers Kingsley Amis in Hertfordshire einem Krebsleiden (Day-Lewis lebte dort mit Jill; mit der Frau seines Gastgebers hatte er einige Jahre zuvor eine kurze Affäre).

Zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges sympathisierte Day-Lewis mit dem Kommunismus, 1935 wurde er gar Mitglied der Partei, der er indes nach drei Jahren enttäuscht den Rücken kehrte. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er im Ministry of Information, danach nahm er eine leitende Stellung im Verlagshaus Chatto & Windus ein, bis er zu seinen akademischen Wurzeln zurückkehrte. 1946 dozierte er an der Cambridge University, seine Vorlesungen wurden in der Sammlung 'The Poetic Image' publiziert. Von 1951 bis 1956 war er Lehrer für Gedichtkunst in Oxford, und von 1962 bis 1963 weilte er als Gastprofessor an der Harvard University.

Cecil Day-Lewis war ein vielseitiger Autor. Geprägt und gefördert durch den Poeten W.H. Auden, veröffentlichte er 1925 den ersten von zwanzig Gedichtbänden. 1935 nahm er das Pseudonym Nicholas Blake an, um sich in seiner Freizeit dem Krimischreiben zu widmen - er brauchte dringend Geld. Parallel dazu, unter angestammtem Namen, verfasste er natürlich weiterhin Gedichte, aber auch mehrere Bände mit Literaturkritiken und Essays, die Autobiografie 'The Buried Day' (1960) und ein Kinderbuch. 1968 ernannte ihn Queen Elisabeth zum Hofdichter, ein Amt, das ihn dazu verpflichtete, für feierliche Anlässe Verse zu schmieden.

In 16 von Blakes 20 Spannungsromanen steht Nigel Strangeway im Mittelpunkt, ein facettenreicher, offenbar nach W.H. Auden gezeichneter, in London ansässiger Amateurdetektiv, der sich für den hochrangigen Polizeibeamten Blount von Scotland Yard oder den britischen Geheimdienst, gelegentlich aber auch für seine zahlreichen Freunde und Bekannten ins Zeug legt. Im zweiten Band heiratet er die emanzipierte Forschungsreisende Georgia Cavendish, auch sie eine vielschichtige Figur, die indes den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt (Strangeway tröstet sich später mit einer Liebesbeziehung zu Clare Massinger). 'Der Morgen nach dem Tod', Blakes letzter Krimi um den mittlerweile gealterten Strangeway, spielt im amerikanischen Universitätsmilieu, mit dem der kurz zuvor nach Harvard berufene Autor eng vertraut war.

Im Gegensatz zu manchen anderen Akademikern ist es Blake gelungen, spannende, raffiniert gebaute, zunächst noch stark vom "Golden Age" geprägte Kriminalromane zu schreiben, ohne seine literarische Bildung allzu stark in den Vordergrund zu rücken. Von den auf Deutsch erhältlichen Titeln hat 'Das Biest' (in der Neuübersetzung: 'Mein Verbrechen', verfilmt von Claude Chabrol unter dem Titel ‚Das Biest muss sterben') den grössten Zuspruch erhalten.

'Das Biest' ist die Geschichte des erfolgreichen Krimiautors und allein erziehenden Vaters Frank Cairnes (Nom de plume: Felix Lane), dessen kleiner Sohn Martie vor einem halben Jahr von einem fahrerflüchtigen Raser getötet wurde, als er Bonbons einkaufen ging - die Mutter, Tessa, war bereits bei der Geburt des Jungen verstorben. Als die Polizeiermittlungen im Sand verlaufen, beschliesst der nach längerem Klinikaufenthalt wieder einigermassen hergestellte Vater, den Täter aufzuspüren und sich an ihm zu rächen. Seine Detektivarbeit hält er in einem Tagebuch fest, das der Leser jetzt in den Händen hält. Durch logische Überlegung und einen glücklichen Zufall stösst Lane auf den Schuldigen, einen Kotzbrocken namens George Rattery, doch sein Anschlag auf dessen Leben misslingt. Als Rattery noch am selben Tag (!) mit Strychnin getötet wird, soll Strangeway Felix Lanes Unschuld beweisen - ein schier aussichtsloses Unterfangen, es sei denn, der Detektiv findet eine Person, die Lanes Plan kannte und dann zu Ende führte. Die Ermittlungen des eigenartigen Falles, den Strangeway am Schluss als seinen bisher unglücklichsten bezeichnet, kommen in der zweiten Hälfte des Buches detailreich zur Darstellung.

Bibliografie:
Nigel Strangeways-Serie: 'A Question of Proof' - 'Was zu beweisen ist' (1935), 'Shell of Death' (auch unter dem Titel 'Thou Shell of Death') - 'Der geduldige Mörder' (auch unter dem Titel 'Eine vertrackte Geschichte', 1936), 'There's Trouble Brewing' - 'Tat auf Tat' (1937), 'The Beast Must Die' - 'Mein Verbrechen' (auch unter den Titeln 'Das Biest' und 'Die Spur im Tagebuch', 1938), 'The Smiler with the Knife' (1939), 'Malice in Wonderland' (auch unter den Titel 'The Summer Camp Mystery' und 'The Malice with Murder', 1940), 'The Case of the Abominable Snowman' (auch unter dem Titel ‚The Corpse in the Snowman', 1941), 'Minute for Murder' - 'Akte Q - streng geheim' (1947), 'Head of a Traveller' - 'Der rätselhafte Leichnam' (1949), 'The Dreadful Hollow' (1953), 'The Whisper in the Gloom' (auch unter dem Titel 'Catch and Kill') - 'Stimmen im Zwielicht' (1954), 'End of Chapter' - 'Ende des Kapitels' (auch unter dem Titel 'Schluss des Kapitels', 1957), 'The Widow's Cruise' - 'Scotland Yard reist mit' (1959), 'The Worm of Death' - 'Ein Patriarch verschwindet' (1961), 'The Sad Variety' - 'Ein Engel soll sterben' (1964), 'The Morning After Death' - 'Der Morgen nach dem Tod' (1966);
'A Tangled Web' (auch unter dem Titel 'Death and Daisy Bland', 1956), 'A Penknife in My Heart' (1958), 'The Deadley Joker' - 'Der Totenvogel' (1963), 'The Private Wound' (1968).

++ Erstellt: Februar 2012 ++  


Blanchard, Alice

(*1959)

Geboren und aufgewachsen in Middletown, Connecticut, als Tochter eines Kunstlehrers und einer Hobbyautorin, studierte Alice Blanchard Kreatives Schreiben und Filmemachen am Emerson College in Boston und an der Harvard University. Danach zog sie mit ihrem Mann nach Los Angeles, um gemeinsam mit ihm Drehbücher für die Hollywood-Studios zu schreiben. Parallel dazu verfolgte sie eine belletristische Laufbahn, indem sie 1996 den Erzählband 'The Stuntman's Daughter' herausgab und drei Jahre später ihren ersten (und bekanntesten) Krimi 'Die Gesichter der Wahrheit' folgen liess. Nach dem dritten, im Jahr 2005 erschienenen Roman 'Der Tod in deinem Blut' verlieren sich ihre Spuren.

'Die Gesichter der Wahrheit' spielt in einem verschlafenen Städtchen im Bundesstaat Maine. Die Ruhe dort hat jäh ein Ende, als das geistig behinderte Mädchen Melissa erwürgt im Dorfteich aufgefunden wird. Polizeichef Nalen Storrow verdächtigt seinen halbwüchsigen Sohn Billy der Tat - und begeht Selbstmord, als sich die Beweise gegen Billy verdichten. Achtzehn Jahre später rollt seine Tochter Rachel, inzwischen selbst Polizistin, den ungelösten Fall noch einmal auf. Ihr damals nicht verurteilter, jetzt an einer Blindenschule angestellter Bruder Billy hat sich eben erst in seine Mitarbeiterin Claire Castillo verliebt, als sie einem grausamen Verbrechen zum Opfer fällt. Kurz danach verschwinden Claires Schwester Nicole und deren Freund Digger: Sind sie die nächsten Opfer des Mörders? Für Rachel Storrow beginnt ein Wettlauf mit der Zeit - und eine beklemmende Reise in die Vergangenheit.

Bibliografie:
'Darkness Peering' - 'Die Gesichter der Wahrheit' (1999), 'The Breathtaker' - 'Sturmfieber' (auch unter dem Titel 'Zahn um Zahn', 2003), 'Life Sentences' - 'Der Tod in deinem Blut' (auch unter dem Titel 'Todesgut', 2005).

++ Erstellt: Juni 2015 ++  


Blettenberg, D.B.

(Kürzel für Detlef Bernd Blettenberg, *1949)

D.B. Blettenberg, geboren als einziges Kind einer Arbeiterfamilie in der Ortschaft Wirges im Westerwald, Rheinland-Pfalz, aufgewachsen bis zu seinem zwölften Lebensjahr in der benachbarten Dorfgemeinde Elgendorf, besuchte drei Jahre das Gymnasium in Montabaur, ebenfalls Rheinland-Pfalz, und anschliessend drei Jahre das Werdenfelser Gymnasium im bayrischen Garmisch-Partenkirchen. Ab 1966 absolvierte er in Leverkusen eine Lehre als Technischer Zeichner im Maschinenbau. Nach dem Wehrdienst übte er seinen erlernten Beruf in der Industrie aus, ehe er 1972 zur Deutschen Entwicklungshilfe wechselte und als Ausbilder und Projektleiter in Ecuador (1972-76), Thailand (1982-86), Nicaragua (1992-94) und Ghana (2003-04) tätig war - und so die Schauplätze seiner Spannungsromane hautnah kennen lernte. Zwischen seinen Auslandeinsätzen arbeitete er als Referent für Berufsausbildung und Gewerbeförderung in Bonn und Berlin und verfasste Fachbeiträge zu diesen Themen.

Blettenberg veröffentlichte 1981 seine erste von zahlreichen Reportagen, später kamen Essays, Kurzgeschichten, die abenteuerliche Erzählung 'Victoria Falls', Drehbücher für Kino und Fernsehen sowie, vor allem, elf Spannungsromane hinzu. Als Wegbereiter des an internationalen Schauplätzen spielenden deutschen Politromans ist er einer der wenigen deutschen Krimiautoren von Weltrang - und (auch in seiner Heimat) bis heute ein Geheimtyp geblieben.

Blettenbergs erster Roman 'Weint nicht um mich in Quito' handelt von einer Mordserie an Gewerkschaftern in Ecuadors durch eine Militärjunta regierter Hauptstadt Quito. Der Deutsche Wolf Strassner, seit drei Jahren in Lateinamerika ansässiger Ausbilder für Kommando-Unternehmen, ein hart gesottener Abenteurer mit unberechenbarem Sexualtrieb, dem das Schiesseisen gut in der Hand liegt, wird mehr oder weniger zufällig in die Affäre verwickelt. Er erledigt den Killer und gleich auch noch dessen rechtsradikalen Drahtzieher.

Wolf Strassner ist in 'Agaven sterben einsam' erneut im Einsatz, der aus zahlreichen Perspektiven erzählten Geschichte des gescheiterten ecuadorianischen Putschisten Rodrigo Montalvo Mera, der nach drei Jahren Exil eine glorreiche Rückkehr in seine Heimat plant, um der Militärdiktatur ein Ende zu setzen - Strassner soll dies mit allen Mitteln verhindern.

Die beiden Ecuador-Romane sind 2005 als Doppelband unter dem Titel 'Blut für Bolivar' neu veröffentlicht worden.

'Siamesiche Hunde', angesiedelt in Thailand, kreist um zwei deutsche Männer - den auf Landwirtschaft spezialisierten Entwicklungshelfer Michael Brandau und den Reporter Dulf Dombrowsky, der sich auf der Suche nach dem verschollenen Ex-Geheimdienstagenten und Seidenkönig Jim Thompson befindet -, die in das Visier der Drogenmafia, verschiedener Geheimdienste und der organisierten Kriminalität geraten. In wichtigen Nebenrollen: Brandaus Freundin Robin Royce, der Hundefänger Khun Bao und der chinesische Mafioso Milano Fong.

Thailand bildet auch für Blettenbergs fünften Roman 'Farang' die Kulisse. Der 26-jährige Eurasier Surasak "Farang" Meier, Waise eines deutschen Vaters und einer thailändischen Edel-Prostituierten, aufgewachsen in Bangkok unter den Fittichen eines mächtigen Generals, arbeitet in der "Stadt der Engel" als Leibwächter und Privatschnüffler. Er ist mit einem simplen Beschattungsauftrag beschäftigt, als eine Serie von Mordanschlägen auf Touristen seinen Freund, den Journalisten Tony Rojana, auf den Plan ruft. Und ausgerechnet jetzt macht Farangs deutscher Halbbruder Peter Meier Urlaub in Thailand - und wird das nächste Opfer des Touristenkillers.

In 'Blauer Rum' lässt sich Kurt Schulz, ein in Nicaragua den vorzeitigen Ruhestand geniessender, längst aller Illusionen beraubter Dschungelkämpfer (sein angestammter Name lautet Wolf Strassner…) nicht zuletzt aus Liebesgründen noch einmal auf ein gefährliches Abenteuer ein, in dem es um Drogen, Macht und sehr viel Geld geht; ein Himmelfahrtskommando, das ihn von Managua über Panama und Jamaica nach New York City und schliesslich nach Miami führt, und das nur wenige Beteiligte (darunter Schulz) mit heiler Haut überstehen.

'Null Uhr Managua' spielt im Nicaragua des Jahres 1993, das nach der Abwahl der sandinistischen Regierung im Chaos versunken ist. Der deutsche Zentralamerika-Experte Max Nordmann erhält von Bonn die Aufgabe, das Land auf seine demokratischen Fortschritte hin zu überprüfen und herauszufinden, wie es mit Mord, Plünderung und Terrorismus aussieht - beziehungsweise ob es sinnvoll ist, dort weiterhin Wirtschaftshilfe zu leisten. Die attraktive Diplomatin Barbara Beck steht ihm dabei zur Seite. Bei seinen zäh verlaufenden Recherchen trifft Nordmann auf Gruppierungen, die ganz unterschiedliche Interessen verfolgen - Geheimdienste, Militärs, marodierende Gangs und internationale Terroristen -, aber auch auf den früheren sandinistischen Kämpfer Rubén Dario, der jetzt ehemalige Contra-Generäle mit der Machete zerstückelt. Immer tiefer verstrickt sich der Deutsche in diesem undurchdringlichen Netz, bis er und Barbara schliesslich entführt werden - als Geiseln und Köder zugleich.

'Berlin Fidschitown' sieht zum zweiten Mal den in Bangkok lebenden Eurasier Farang als Hauptfigur. Von seinem Ziehvater wird er beauftragt, den ehemals in Bangkok operierenden, jetzt in Berlin untergetauchten deutsch-stämmigen "Paten" Gustav Thorn aufzuspüren, der auch von der suspendierten Kommissarin Romy Asbach und der Journalistin Heliane Kopter gejagt wird. Thorn hat sich jedoch ausgerechnet in Fidschitown verkrochen, Berlins düsterem unterirdischem Stollen- und Bunkersystem, in dem sich zwei vietnamesische Gangs mit härtesten Bandagen bekämpfen und den Südvietnam-Vietcong-Konflikt noch einmal aufleben lassen. Auch eine mafiose chinesische Bande, Farangs alte Kumpel Tony Rojana (der "Kamikaze"-Journalist) und Bobby Quinn (der amerikanische Vietnamveteran mit dem nom de guerre "die Tunnelratte") sowie die Mitglieder eines deutschen Kinderprostitutionsrings mischen kräftig mit.

In 'Land der guten Hoffnung' soll Helm Tempow, ein ehemaliger Entwicklungshelfer aus Deutschland, der sich darauf spezialisiert hat, verschwundene Personen aufzuspüren, in Südafrika einen Mann ausfindig machen, der vor Jahren, noch vor dem Ende der Apartheid, am Kidnapping einer deutschen Reederstochter beteiligt war. Im Zuge seiner Ermittlungen stellt Tempow fest, dass auch das ehemalige Opfer Rena Carstens, das sich damals in ihren Entführer verliebt und von ihm ein Kind bekommen hat, irgendwie in den Fall involviert ist. Dann werden wichtige Zeugen umgebracht, der Fall erhält eine ungeahnte politische Dimension - für Tempow beginnt ein Kampf um Leben und Tod in einem Land, in dem fast jeder seine Unschuld verloren hat.

Blettenbergs elfter und bislang letzter, knapp 600 Seiten umfassender Roman 'Murnaus Vermächtnis' (der Titel bezieht sich auf den berühmten deutschen Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau), eine opulente Mischung aus Abenteuer-, Polit- und Kriminalroman, aus Fiktion und Fakten, ist überwiegend im Schwarzafrika des Jahres 2004 angesiedelt. Im Brennpunkt steht der Ex-Fremdenlegionär Victor Voss, Spross eines Ghanaers und einer Deutschen, der als Reisebegleiter in Accra, der Hauptstadt Ghanas, lebt und arbeitet und durch seinen geheimnisvollen, keinen Schatten werfenden Kunden und Murnau-Fan Albin Grau in eine farbenprächtige Geschichte um Inzest und Liebe, Okkultismus und Sektiererei, Film- und Kolonialgeschichte, Tabubrüche und Mord verwickelt wird.

Seit 1978 besitzt Blettenberg einen festen Wohnsitz in Berlin, seit 1994 als freier Autor. Er ist mit der Schauspielerin Andrea Heuer verheiratet.

Bibliografie:
Wolf Strassner-Romane: 'Weint nicht um mich in Quito' (1981), 'Agaven sterben einsam' (1982), 'Blauer Rum' (1995);
Farang-Romane: 'Farang' (1988), 'Berlin Fidschitown' (2003);
'Barbachs Bilder' (1984), 'Siamesische Hunde' (1987), 'Harte Schnitte' (1995), 'Null Uhr Managua' (1997), 'Land der guten Hoffnung' (2006), ‚Murnaus Vermächtnis' (2010).

++ Erstellt: März 2014 ++  


Blincoe, Nicholas

(*1965)

Nicholas Blincoe wurde in Rochdale, Lancashire, geboren und wuchs in Manchester auf. 1987 gründete er die erste weisse Rap-Gruppe Englands, die er Meatmouth nannte. Nach abgebrochenem Kunststudium an der Middlesex Polytechnic machte er 1993 einen Abschluss in moderner europäischer Philosophie an der University of Warwick. Er ist seit 1995 mit der palästinensischen Filmemacherin Leila Sansour verheiratet, pendelt zwischen London und Betlehem und arbeitet als freier Journalist und Autor. Sein Werk enthält die Geschichtensammlung 'My Mother Was a Bank Robber' (1998), sechs Kriminalromane und das Theaterstück 'Cue Deadly'. Darüber hinaus schrieb er für Radio und Fernsehen, unter anderem mehrere Episoden der BBC-Serie 'Walking the Dead'.

Von Blincoes drei auf Deutsch vorliegenden Krimis ist 'Manchester Slingback' klar der beste. Die düstere, in unzähligen Vor- und Rückblenden erzählte Geschichte dreht sich um Jake Powell, vor fünfzehn Jahren als Strichjunge und Polizeispitzel auf den Strassen des Schwulenviertels von Manchester unterwegs, Teil einer Clique von 17- bis 18-Jährigen, die mit schwarz kopierten Schwulenpornos handeln, um ihren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Nach dem bestialischen Mord an seinem Freund Johnny taucht Jake unter, will ein neues Leben beginnen - und heute ist er verheiratet und angesehener, wenn auch nicht sehr glücklicher Besitzer eines schicken Spielkasinos im Londoner West End. Als nun Kevin Donnelly, der damals zur Clique gehörte, nach demselben Muster umgebracht wird wie seinerzeit Johnny, wird Jake von dem hinterhältigen Bullen Detective Inspector Davey Greene, der ihn von früher her kennt, nach Manchester zurückgeholt, damit er ihm bei der Auflösung des Falles behilflich ist - und Jake begegnet noch einmal seiner hässlichen Vergangenheit, in der pädophile Heimleiter und fanatische, schwulenfeindliche Polizisten für ein Klima des Schreckens gesorgt haben.

Bibliografie:
'Acid Causals' - 'Acid Killers' (1995), 'Jello Salad' - 'Speed Boys' (1997), 'Manchester Slingback' - 'Manchester Slingback' (1998), 'The Dope Priest' (1999), 'White Mice' (2002), 'Burning Paris' (2004).

++ Erstellt: Mai 2011 ++  


Block, Lawrence

(*1938; schreibt auch als Anne Campbell Clark, Jill Emerson, Lesley Evans, Chip Harrison, Leo Haig, Paul Kavanagh, Sheldon Lord und Andrew Shaw)

Lawrence Block wurde in Buffalo, New York State, als Sohn eines Anwalts geboren und wuchs auch dort auf. Er absolvierte sein Studium am Antioch College in Yellow Springs, Ohio, blieb jedoch ohne Abschluss. Danach arbeitete er in New York City als Lektor bei der Literaturagentur Scott Meredith und der Whitman Publishing Company, wobei er vor allem lernte, wie man nicht schreiben sollte. In dieser Zeit, Ende der 50er-Jahre, wurden seine ersten Stories in Post-Pulp-Magazinen wie 'Manhunt', 'Trapped' und 'Guilty' abgedruckt. Anfang der 60er-Jahre verfasste er (als Sheldon Lord, Andrew Shaw, Lesley Evans und Jill Emerson, zum Teil gemeinsam mit Donald Westlake) eine Reihe von Pornoromanen, bevor er 1966 als Krimiautor debütierte.

Block hat drei Töchter - Amy, Jill und Alison - aus seiner ersten, von 1960 bis 1973 bestehenden Ehe mit Loretta Ann Kallett und lebt mit seiner zweiten Frau Lynne Wood, mit der er seit 1983 verheiratet ist, in Greenwich Village, New York City; das Paar ist jedoch sehr häufig auf Reisen - dem Vernehmen nach hat Block bereits über 160 Länder besucht.

Blocks Bibliografie führt vier Bücher über das Schreiben, rund hundert Kurzgeschichten und über sechzig Romane auf. Aus seinem breit gefächertem Kriminalwerk ragt die 16-bändige, über mehr als dreissig Jahre sich erstreckende Reihe um den Ich-Erzähler Matthew "Matt" Scudder heraus, einen der raren in Echtzeit alternden Krimiserienfiguren. Matt quittiert den Dienst beim NYPD, als ein Querschläger aus seiner Dienstwaffe ein kleines Mädchen tötet, kehrt wenig später auch seiner Rolle als liebender Gatte und Familienvater den Rücken, beginnt zu trinken und schlägt sich dann als lizenzloser, in einem schäbigen Hotelzimmer einquartierter Privatdetektiv durch - bzw.: "Ich tue allen möglichen netten Leuten einen Gefallen" -, ohne auf Förmlichkeiten Wert zu legen. 10% seines Honorars steckt er jeweils in den Opferstock einer Kirche, eine Marotte, die ihm das Gefühl gibt, etwas Schreckliches zu verhindern (und die natürlich viel mit dem Tod des kleinen Mädchens zu tun hat).

Matt Scudder ist eine angenehm zurückhaltende, zur Selbstironie fähige Figur, die mit reifer Gelassenheit und ohne moralischen Zeigefinger über kriminelle Machenschaften in der Millionenstadt berichtet und über die Versuche der Menschen, in ihr zu überleben. Er hat zwei Söhne aus seiner ersten Ehe mit Anita, Michael und Andy, die er jedoch aus den Augen verloren hat. Weitaus wichtigere Rollen in Matts Leben spielen seine kluge Lebensgefährtin Elaine Mardell, ein ehemaliges Callgirl, das er von seinen Polizeitagen her kennt, sein bester Freund Mick Ballou, ein schlagkräftiger irischer Gangster und Besitzer des Lokals "Grogan's" in Hells Kitchen, sein dunkelhäutiger Assistent TJ, ein ehemaliger Kleinkrimineller und jetziger Computerspezialist, der die Strasse wie seine Hosentasche kennt, sein langjähriger AA-Sponsor (und Vaterersatz) Jim Faber sowie Joe Durkin, Detective des NYPD, Matts bester Kontakt bei der Polizei.

Die stimmungsvollen und sorgfältig gebauten Matt Scudder-Romane leben von ausufernden, ungemein authentisch wirkenden Dialogen, geschickten Tempowechseln und lakonischer Erzählweise, von eindrucksvollen Schilderungen der Metropole - und vor allem von der charismatischen Hauptfigur.

Höhepunkte der Matt Scudder-Serie: 'Viele Weg führen zum Mord'‚ das Buch, in dem Matt ernsthaft mit dem Saufen aufhören will, immer wieder zu AA-Treffen geht und dabei Jim Faber kennen lernt; 'Ein Ticket für den Friedhof', das Buch, in dem Matt und Elaine ein Liebespaar werden (die Heirat folgt einige Jahre später in 'Der Privatclub'); 'Tanz im Schlachthof', das Buch, in dem Matt den Strassenjungen TJ unter seine Fittiche nimmt; und 'Verluste', Blocks letzter ins Deutsche übersetzter Scudder-Roman, der eigentlich, so Matt Scudder, Mick Balous Geschichte ist, "doch dieser wird sie nie erzählen". Es ist das Buch, in dem Jim Faber ums Leben kommt, weil man ihn mit Matt verwechselt; und das Buch, in dem man sehr viel über Matts Vergangenheit erfährt - eine meisterhaft komponierte, melancholische Ballade über Liebe, Freundschaft und Hass, Rache und Verrat.

Blocks weitere Serienhelden sind Evan Tanner, ein 34-jähriger Koreaveteran und Agent einer namenlosen Geheimdienstorgansation der USA, der keine einzige Minute geschlafen hat, seitdem ein Granatsplitter sein Schlafzentrum zerstört hat (acht Romane); Bernie Rhodenbarr aus New York City, Buchhändler tags, Kunstdieb nachts und Detektiv, wenn es sich gerade so ergibt, der bei seinen Raubzügen immer wieder über Leichen stolpert, in der Folge unter Tatverdacht gerät - und die Fälle dann gleich selbst auflöst (zehn zwischen 1977 und 2004 publizierte Romane, wobei der Protagonist nicht nennenswert ergraut ist); der junge New Yorker Schnüffler und frühere Bordell-Angestellte Chip Harrison, der für den fetten, tropische Fische züchtenden Privatdetektiv Leo Haig die Laufarbeit erledigt (vier Romane, keine deutsche Übersetzung); und John Paul Keller, ein sympathischer Mann mittleren Alters, der in New York City ein recht unscheinbares Leben führt, in seiner Freizeit Briefmarken sammelt und seine Brötchen als Berufskiller verdient - mit den Honoraren für eine Handvoll Aufträge im Jahr kommt er bequem über die Runden (fünf zum Teil episodisch aufgebaute Romane, keine deutsche Übersetzung).

Lawrence Block verfasste ferner über zwanzig Einzelwerke und brachte Cornell Woolrichs Romanfragment 'Die Nacht trägt schwarz' und William Ards 'Babe in the Woods' zu Ende. Darüber hinaus publizierte er während vielen Jahren jeden Monat eine Kolumne über das Romanschreiben im Magazin 'Write's Digest'.

Im Jahr 2006 gab Axel Bussmer eine umfassende, mit 'Lawrence Block - Werkschau eines New Yorker Autors' betitelte Würdigung von Blocks Kriminalwerk heraus. Lawrence Block, in seiner Heimat von Autoren und Kritikern verehrt und über eine beachtliche Stammleserschaft verfügend, hat im deutschsprachigen Raum nie die ihm gebührende Anerkennung bekommen. Jetzt aber hat er die Sache in die eigene Hand genommen: Die ersten beiden Bände der Matt-Scudder-Serie sind 2016 in neuer Übersetzung durch Stefan Mommertz im Eigenverlag als eBook und Taschenbuch erschienen, die weiteren fünfzehn Bände sollen in den nächsten Jahren folgen.

Bibliografie:
Evan Tanner-Serie: 'The Thief Who Couldn't Sleep' (1966), 'The Cancelled Czech' (1966), 'Tanners Twelve Singers' - 'Zwölf Mädchen und der Supermann' (1967), 'Two for Tanner' (auch unter dem Titel 'The Scoreless Thai') - 'Hot Pants lassen Mörder kalt' (1968) , 'Tanner's Tiger' (1968), 'Tanner's Hero' (auch unter dem Titel 'Here Comes a Hero', 1968), 'Me Tanner, You Jane' (1970), 'Tanner on Ice' (1998);
Chip Harrison-Serie: 'No Score' (1970), 'Chip Harrison Scores Again' (1971), 'Make Out with Murder' (auch unter dem Titel 'Five Littler Rich Girls', 1974), 'The Topless Tulip Caper' (1975).
Matt Scudder-Serie: 'The Sins of the Fathers' - 'Mord unter vier Augen' (auch unter dem Titel 'Die Sünden der Väter', 1976), 'In the Midst of Death' - 'In der Mitte des Todes' (1976), 'Time to Murder and Create' - 'Blutgeld von einem Toten' (auch unter dem Titel 'Drei am Haken', 1977), 'A Stab in the Dark' - 'Alte Morde rosten nicht' (1981), 'Eight Millions Ways to Die' - 'Viele Wege führen zum Mord' (auch unter dem Titel 'Viele Wege führen zu Mord', 1982), 'When the Sacred Ginmill Closes' - 'Nach der Sperrstunde' (1986), 'Out on the Cutting Edge' - 'Engel der Nacht' (1989), 'A Ticket to the Boneyard' - 'Ein Ticket für den Friedhof' (1990), 'A Dance at the Slaughterhouse' - 'Tanz im Schlachthof' (1991), 'A Walk Among the Tombstones' - 'Endstation Friedhof' (auch unter dem Titel 'Ruhet in Frieden', 1992), 'The Devil Knows You're Dead' - 'Der Teufel weiss alles' (1993), 'A Long Line of Dead Men' - 'Der Privatclub' (1994), 'Even the Wicked' - 'Im Namen des Volkes' (1997), 'Everybody Dies' - 'Verluste' (1998), 'Hope to Die' (2001), 'All the Flowers are Dying' (2005), 'A Drop of the Hard Stuff' (2011);
Bernie Rhodenbarr-Serie: 'Burglars Can't Be Choosers' - 'Diebe nehmen, was sie kriegen' (auch unter dem Titel 'Ein Gentleman in der Klemme', 1977), 'The Burglar in the Closet' - 'Der Dieb im Schrank' (auch unter dem Titel 'Frisch geklaut ist halb gemordet', 1978), 'The Burglar Who Liked to Quote Kipling' - 'Der Dieb, der gern Kipling zitierte' (auch unter dem Titel 'Wer immer klaut, dem glaubt man nicht', 1979), 'The Burglar Who Studied Spinoza' - 'Nur tote Zeugen reden' (auch unter dem Titel 'Ein Philosoph mit langen Fingern', 1980), 'The Burglar Who Painted Lie Mondrian' - 'Der Dieb, der wie Mondrian malte' (auch unter dem Titel 'Mord ist keine schöne Kunst, 1983), 'The Burglar Who Traded Ted Williams' (1994), 'The Burglar Who Thaught He Was Bogart' (1995), 'The Burglar in the Library' (1997), 'The Burglar in the Rye' (1999), 'The Burglar on the Prowl' (2004);
Keller-Serie: 'Hit Man' (1998), 'Hit List' (2000), 'Hit Parade' (2006), 'Hit and Run' (2008), 'Hit Me' (2013);
Einzelwerke (nur Kriminalromane): 'Grifter's Game' (auch unter den Titeln 'Mona' und 'Sweet Slow Death') - 'Die Mörderlady' (auch unter den Titeln 'Die Mörder-Lady' und 'Abzocker', 1961), 'Death Pulls a Doublecross' (auch unter dem Titel 'Cowards Kiss', 1961), 'Markham: The Case of the Pornographic Photos' (auch unter dem Titel 'You Could Call it Murder, 1961), 'The Girl With the Long Green Hair' - 'Doppelspiel zu dritt' (auch unter den Titeln 'Mord im Hotel' und ‚Falsches Herz', 1965), 'Deadly Honeymoon' - 'Tödliche Flitterwochen' (1967), 'After the First Death' - 'Eva starb im Doppelbett' (1969), 'The Specialists' - 'Die Spezialisten' (1969), 'Ronald Rabitt is a Dirty Old Man' (1971), 'Ariel' (1980), 'Random Walk' (1988), 'Small Town' (2003), 'Getting off' (2011).
Als Anne Campbell Clark: 'Passport to Peril' (1967).
Als Lee Duncan: 'Fidel Castro Assassinated' (als Lawrence Block unter dem Titel ‚Killing Castro', 1961/2009).
Als Paul Kavanagh: 'Such Men Are Dangerous' - 'Feinde bis zum Tod' (1969), 'The Triumph of Evil' (1971), 'Not Comin' Home to You' (1974).
Gemeinsam mit Harold King: 'Coe of Arms' (1981).

++ Erstellt: März 2012 ++
++ Update: Februar 2013 ++
++ Update: Oktober 2014 ++
++ Update: November 2016 ++
 


Bodelsen, Anders

(*1937)

Anders Bodelsen wurde als Sohn eines Englischprofessors und einer Kunsthistorikerin in Frederiksberg, Kopenhagen, geboren und wuchs auch dort auf. Er ging bis 1956 ans Ordrup Gymnasium und studierte anschliessend einige Semester Rechtswissenschaft, Volkswirtschaft und Literaturwissenschaft an der Universität Kopenhagen. Danach verfolgte er eine Laufbahn als Kritiker beim dänischen Fernsehen, den Tageszeitungen 'Politiken' und 'Information' und dem Magazin 'Perspektiv' sowie als Journalist, Schriftsteller und Herausgeber einer Literaturzeitschrift. 1959 veröffentlichte er seinen ersten Roman, Mitte der 60er-Jahre gelang ihm der literarische Durchbruch. 1975 heiratete er die Sound-Designerin Eva Sindahl-Petersen.

Bodelsens umfangreiches und vielfältiges Werk enthält Kinder- und Jugendbücher, Fernseh- und Filmdrehbücher, Theaterstücke, Hörspiele, Kurzgeschichten, Sciencefiction ('Brunos tiefgekühlte Tage') und dreizehn Erwachsenenkrimis, von denen vier auf Deutsch erschienen sind; unter ihnen 'In guten und in bösen Tagen', die beklemmende, Geschichte eines Versicherungsbetruges, der drei unschuldigen Menschen das Leben kostet, der Bestseller 'Geld zum zweiten Frühstück' und 'Verdunkelung'. In seiner Heimat gilt Bodelsen als bedeutender Vertreter des "Dänischen Neurealismus", einer Gegenbewegung zum Modernismus.

Bodelsens erster Krimi 'Geld zum zweiten Frühstück' wurde dreimal verfilmt, zuletzt durch Rainer Erler für das ZDF ('Der Amateur', 1972). Die originelle Geschichte kreist um den unscheinbaren Bankkassierer Flemming Borck, der eines Tages zufällig erfährt, dass seine Bankfiliale demnächst überfallen wird, und nun einen Plan schmiedet, der ihm, wenn alles klappt, 178'000 Kronen einbringen wird, während sich der Räuber mit 10'000 Kronen begnügen muss. Der Plan geht auf, doch wenige Tage später wird Borck von einem Unbekannten angerufen, dem reingelegten Verbrecher, der die Hälfte der Beute für sich beansprucht - und seiner Forderung mit einem Revolver Nachdruck verleiht.

'Verdunkelung' spielt im Kopenhagen des Septembers 1944 - der Widerstand gegen die deutschen Okkupanten wächst, Sabotageakte und Fememorde sind an der Tagesordnung, die örtliche Polizei hält mühsam Recht und Ordnung aufrecht, als eines Nachts der lebenslustige Börsenmakler und Filmstudio-Besitzer Otto Baumann ermordet wird; ein überaus delikater Fall, denn die Tat könnte sowohl von den Deutschen als auch von der dänischen Widerstandsbewegung begangen worden sein. Kurz nachdem ein zweiter Mord geschieht, wird die gesamte dänische Polizei von den Deutschen verhaftet. Einzig der 40-jährige Familienvater Helge Nielsen von der Mordkommission entgeht durch Zufall der Razzia, taucht unter und verbeisst sich in den Fall. Die Spuren führen zu einem hasserfüllten Mann, dessen Töchterchen sechs Jahre zuvor einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen ist.

Bibliografie:
'Taenk pa et tal' - 'Geld zum zweiten Frühstück' (1968), 'Haendeligt uheld' (1968), ‚Straus' - 'Straus oder der zweitbeste Kriminalschriftsteller von Dänemark' (1971), 'Bevisets stilling' (1973), 'Pengene og livet' (1976), 'Operation Cobra' (1976), 'Borte borte' - 'In guten und in bösen Tagen' (1980), 'Domino' (1984), ‚Revision' (1985), 'Morklaegning' - 'Verdunkelung' (1988), 'Byen uden ildebrande' (1989), 'Rod september' (1991), 'Den abne dor' (1997).

++ Erstellt: Januar 2012 ++  


Boileau, Pierre / Narcejac, Thomas

(1906-1989 / 1908-1998; schrieben auch als Alain Bouccarèje und Arsène Lupin)

Pierre-Louis Boileau, genannt Pierre Boileau, kam in Paris zur Welt, wo er auch aufwuchs. Er absolvierte eine Handelshochschule und verrichtete danach verschiedene Jobs, unter anderem als Arbeiter in einer Filzfabrik und als Redakteur einer Werbezeitschrift. Nebenbei schrieb er Tüftelkrimis und Locked Room Mysteries mit einem Meisterdetektiv namens André Brunel als Hauptfigur. Im Zweiten Weltkrieg geriet er bald in deutsche Gefangenschaft, wurde jedoch nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen freigelassen und kehrte 1942 nach Paris zurück. Ab 1945 schrieb er Romane für das Feuilleton der Tageszeitung 'France Soir'. Dann fand eine schicksalhafte Begegnung statt…

Pierre Boileau starb 82-jährig in Beaulieu-sur-Mer, Alpes Maritimes.

Thomas Narcejac (bürgerlich: Pierre Robert Ayraud), geboren in Rochefort-sur-mer, Charente-Maritime, studierte Literatur am Lycée des Saintes und Philosophie an der Université de Poitiers und unterrichtete diese Fächer darauf am Lycée de Vannes in der Bretagne, anschliessend, während des "drôle de guerre", in Aurillac in der Auvergne. In dieser Zeit schrieb er seine ersten Prosatexte, in denen er seine Vorbilder Maurice Leblanc, G.K. Chesterton, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie imitierte, und veröffentlichte seinen ersten Krimi 'L'assassin de minuit'. Für seinen vierten Krimi 'La mort est du voyage' bekam er 1948 den 'Prix du Roman d'Aventure', und bei der Preisverleihung lernte er einen jungen Mann namens Pierre Boileau kennen…

Narcejac überlebte seinen Partner um neun Jahre und starb mit knapp neunzig in Nizza.

Die beiden Autoren begannen ihre erfolgreiche Zusammenarbeit im Jahr 1950, wobei Boileau dem Vernehmen nach vor allem für die Erfindung der Intrigen zuständig war, während Narcejac sich mehr der Figurenzeichung und den psychologischen Aspekten der Ezählungen widmete. Ihr erstes, mit dem Pseudonym Alain Bouccarèje gezeichnetes Werk 'L'ombre et la proie' kam 1951 in einer Zeitschrift heraus. Bis Ende der 80er-Jahre folgten über vierzig Romane, zahlreiche Novellen, Kinder- und Jugendbücher (Sans-Atout-Detektivromane), vier Theaterstücke, mehrere Essays, das Sachbuch 'Der Detektivroman' (1964) sowie ein Band mit Kriminalparodien ('Identitätlichkeiten', 1980). Darüber hinaus waren die beiden als Drehbuchautoren, Dialogschreiber und für das Radio tätig. Nach dem Tod seines Freundes veröffentlichte Narcejac vier weitere (mit Boileau/Narcejac gezeichnete) Krimis.

Bereits ihr erster gemeinsam in Buchform publizierter Psychothriller 'Tote sollten schweigen' (von Henry-Georges Clouzot äusserst frei unter dem Titel 'Les Diaboliques' verfilmt, Simone Signoret spielte die Hauptrolle) war ein Volltreffer. Die trostlose Geschichte handelt von dem Handelsreisenden Fernand Ravinel, einem nicht besonders charakterfesten Mann, der sich auf Drängen seiner dominanten, kalt berechnenden Geliebten Lucienne Mogard, einer Ärztin, seiner sanftmütigen Ehefrau Mireille entledigt - und danach allmählich in den Wahnsinn getrieben wird.

Auch der nachfolgende Roman 'Die Gesichter des Schattens' wird aus der Sicht eines (mutmasslichen) Opfers erzählt. Richard Hermantier, ein erfolgreicher Industrieller Ende vierzig, hat vor kurzem bei einem Arbeitsunfall sein Augenlicht verloren und befindet sich jetzt, von Existenzängsten und Depressionen geplagt, in einem langwierigen Prozess der Rehabilitation. Doch kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus lassen seltsame Geschehnisse in seiner nächsten Umgebung in ihm den Verdacht keimen, dass seine Frau Christiane und sein Compagnon Hubert Merville eine üble Intrige gegen ihn spinnen. Oder bildet er sich dies alles nur ein? Ist er im Begriff, den Verstand zu verlieren?

'Ich bin ein anderer' dreht sich um Gervais, einen künstlerisch begabten Mann um die dreissig mit unglücklicher Vergangenheit, der 1944 aus der deutschen Kriegsgefangenschaft fliehen kann und dann die Identität seines kurz vor Lyon bei einem Unfall getöteten Fluchtgefährten und Freundes Bernard annimmt. Er findet Unterschlupf bei den sonderbaren Halbschwestern Hélène (Bernards Brieffreundin!) und Agnès, die Bernard nie zu Gesicht bekommen haben, und beschliesst, ihnen seine wahre Identität zu verheimlichen. Kurz danach taucht Bernards Schwester Julia auf - für Gervais beginnt ein Alptraum, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Zu den bekanntesten Werken des produktiven - namentlich in den 50er- und 60er-Jahren höchst erfolgreichen, in letzter Zeit jedoch immer stärker in Vergessenheit geratenen - Gespanns zählen ausserdem die vertrackte Dreiecksgeschichte 'Mord bei 45 Touren', das Doppelgängerdrama 'Vertigo - Aus dem Reich der Toten' (die Vorlage zu Alfred Hitchcocks gleichnamigem Film) und 'Mensch auf Raten', eine haarsträubende - einer Frankenstein-Geschichte Ehre machende - Collage aus Medical Thriller und Sciencefiction. In den nach 1970 erschienenen Büchern verlieren die Täuschungsmanöver und Komplotte immer mehr an Logik und Plausibilität.

Bibliografie:
'Celle qui n'était plus' - 'Tote sollten schweigen' (auch unter dem Titel 'Das Nebelspiel', 1952), 'Les visages de l'ombre' - 'Die Gesichter des Schattens' (auch unter dem Titel 'Gesichter des Schattens', 1953), 'D'entre les morts' (auch unter dem Titel 'Sueurs froides') - 'Vertigo - Aus dem Reich der Toten' (auch unter den Titeln 'Aus dem Reich de Toten' und 'Von den Toten auferstanden', 1954), 'Les louves' - 'Ich bin ein anderer: die Wölfinnen' (1955), 'Le mauvais oeil' und 'Au bois dormant' - 'Der böse Blick' und 'Ein Schloss in der Bretagne' (zwei Kriminalromane, 1956), 'Les Magiciennes' (1957), 'L'ingénieur aimait trop les chiffres' - 'Die Gleichung geht nicht auf' (1958), 'A coeur perdu' - 'Mord bei 45 Touren' (1959), 'Maléfices' - 'Das Geheimnis des gelben Geparden' (auch unter dem Titel 'Hexenspuk', 1961), 'Maldonne' - 'Die Karten liegen falsch' (1962), 'Les victimes' - 'Die Frau, die es zweimal gab' (1964), '…Et mon tout un homme' - 'Mensch auf Raten' (1965), 'La mort a dit: peut-être' - 'Parfum für eine Selbstmörderin' (1967), 'Delirium' und 'L'Île' - Tod nach Terminplan' und 'Die Insel' (zwei Kriminalromane, 1969), 'La porte du large' - 'Appartement für einen Selbstmörder' (1969), 'Les veufs' - 'Die trauernden Witwer' (1970), 'La vie en miettes' - 'Das Leben ein Alptraum' (1972), Opération Primevère' - 'Leiche auf Urlaub' (1973), 'Frère Judas' - 'Bruder Judas' (auch unter dem Titel 'Die Dame in rot', 1974), 'La tenaille' - 'Wenn eine Tote mit zwei Männern lebt' (auch unter dem Titel 'Tote leben nicht allein', 1975), 'La lèpre' - 'Ein Heldenleben' (1976), 'L'âge bête' - 'Rache mit 15' (1978), 'Carte vermeil' - 'Auf dem Abstellgleis' (1979), 'Terminus' - 'Abschied von Lucienne' (1980), 'Les intouchables' - 'Die Unberührbaren' (1980), 'Box-Office' - 'Werthers zweiter Selbstmord' (1981), 'Les eaux dormantes' - 'Ohne Spuren' (1983), 'Mamie' - 'Mamie' (1983), 'La dernière cascade' - 'Der Tod erlaubt kein Double' (1985), 'Schuss' - 'Schussfahrt' (1986), 'Mr. Hyde' - 'Mr. Hyde' (1987), 'Champ clos' - 'In inniger Feindschaft' (1988, 'Le contrat' - 'Der letzte Auftrag' (1988), 'J'ai été un fantôme' - 'Im Mord vereint' (1989), 'Le soleil dans la main' - 'Der Traum vom Gold' (1990, 'Le bonsai' - 'Tod de Luxe' (1990), 'La main passe' (1991), 'La Villa d'en face' (1991), 'Les nocturnes' (1992).
Arsène Lupin-Romane:
Als Arsène Lupin: 'Le Secret de Eunerville' - 'Das Geheimnis von Eunerville' (1973), 'La poudière' - ‚Die Affäre Mareuse' (1974).
Als Boileau & Narcejac: 'Le second visage d'Arsène Lupin' - 'Arsène Lupins zweites Gesicht' (1975), 'La justice d'Arsène Lupin' - 'Arsène Lupin sorgt für Gerechtigkeit' (1977), 'Le serment d'Arsène Lupin' (1979).
Pierre Boileau allein: André Brunel-Serie: 'La promenade de minuit', 'La pierre qui tremble' - 'Entscheidung in den Klippen' (1934), 'Le repos des Bacchus' - 'Der Trick mit da Vinci' (auch unter dem Titel 'Der ruhende Bacchus', 1938), 'Six crimes sans assassin' - 'Sechsmal tödlich' (1939), 'Les Trois clochards' (1945), 'Le rendez-vous de Passy' (1951).
Thomas Narcejac allein: 'L'assassin de minuit' (1942), 'La police est dans l'escalier' (1946), 'La mort est du voyage' (1948), 'La nuit des angoisses' (1948), 'La goût des larmes' (1950), 'Le mauvais cheval' (1950).

++ Erstellt: Januar 2014 ++  


Bonfiglioli, Kyril

(1928-1985)

Kyril Bonfiglioli, genannt Bon, wurde als Spross einer englischen Hausfrau und eines italienisch-slowenischen Antiquars im südenglischen Küstenstädtchen Eastbourne geboren. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Familie evakuiert, nachdem eine Bombe ihr Anwesen zerstört hatte. Kyrils Mutter und jüngerer Bruder kamen 1943 bei einem deutschen Angriff ums Leben.

Nach dem Krieg diente Bonfiglioli sieben Jahren bei der britischen Armee. In dieser Zeit starb seine erste Frau kurz nach der Geburt des zweiten Kindes. Nach dem Militärdeinst studierte er Englisch am Oxforder Balliol College, um anschliessend als Assistent des angesehenen Kunsthistorikers Edgar Wind zu arbeiten. Parallel dazu begann er mit Kunst zu handeln, und 1960 gründete er in Oxford seine eigene Firma, die Bonfiglioli Limited, die Mitte der 60er-Jahre zum Blühen kam. Daneben gab er mehrere Sciencefiction-Magazine heraus. Seine zweite Ehe, der drei Kinder entsprangen, wurde 1969 geschieden. Im folgenden Jahr liess er sich mit seiner neuen Lebensgefährtin in Silverdale, Lancashire, nieder, und widmete sich nun vorrangig dem Krimischreiben.

Bonfiglioli war ein erstklassiger Kunsthändler mit exquisitem Geschmack, ein Hedonist, Waffennarr und Frauenheld, aber auch ein starker Trinker und balancierte stets am Rande des Bankrotts. Aus Steuergründen zog er in den frühen 80er-Jahren auf die Kanalinsel Jersey, wo er 56-jährig an Leberzirrhose starb. Im Jahr 2001 veröffentlichte seine zweite Frau Margaret eine mit 'The Mortdecai ABC' betitelte Bonfiglioli-Biografie.

Bonfigliolis alter Ego Charlie Mortdecai ist die Hauptfigur in dreidreiviertel Kriminalromanen - der vierte Band wurde posthum von dem Satiriker Craig Brown zu Ende geschrieben und 1999 erstveröffentlicht. Charlie Mortdecai, ein korpulenter, zügelloser, wortgewandter, völlig unmoralischer Oxfordabsolvent, Kunsthändler, Lebemann und Hobbydetektiv mittleren Alters, richtet sein Wort als Ich-Erzähler immer wieder an den Leser. Begleitet wird er zunächst von dem unergründlichen, ungemein schlagkräftigen Ex-Sträfling Jock Strapp - eine prächtige Mischung aus Butler und Bodyguard mit struppigem Quadratschädel.

Der erste Band 'Nimm das Ding da weg' sticht hervor - eine haarsträubende, unerhört komische Geschichte mit völlig nebensächlichem Plot (Mortdecai transportiert einen gestohlenen Goya in einem antiken Rolls Royce zu einem steinreichen Amerikaner), die in den wohl seltsamsten Showdown der Krimigeschichte mündet.

Das Einzelwerk 'All the Tea in China', eine Art Prequel zur Mortdecai-Serie, berichtet über die Abenteuer von Karli Van Cleef, Mortdecais jüdisch-holländischem Vorfahren, der im England des 19. Jahrhunderts mit chinesischem Porzellan handelt, bis er nach China reist, um sich dem Opiumgeschäft zuzuwenden.

Bibliografie:
Charlie Mortdecai-Serie: 'Don't Point that Thing on Me' (auch unter dem Titel 'Mortdecai's Endgame') - 'Nimm das Ding da weg' (1973), 'Something Nasty in the Woodshed' - 'Die Damen und das Ungeheuer' (1976), 'After You With the Pistol' (1979), 'The Great Mortdecai Moustache Mystery' - 'Das grosse Schnurrbart-Geheimnis' (1999);
Einzelwerk: 'All the Tea in China' (1978).

++ Erstellt: August 2015 ++  


Bovard, Jacques-Etienne

(*1961)

Jacques-Etienne Bovard kam als Sohn des Anwalts, Historikers, Politikers und Musikers Pierre-André Bovard in Morges zur Welt, einem Städtchen am Genfersee, und wuchs dort mit seiner Schwester, Laurence, und seinem Bruder, Antoine, auf. Er absolvierte ein Literaturstudium an der Universität Lausanne und ist seither in dieser Stadt als Gymnasiallehrer für Französisch sowie als Literaturkritiker für den 'Nouveau Quotidien' und als Autor tätig. Sein schriftstellerisches Werk enthält Essays, Erzählbände und sieben Romane, in denen er auch seinen Hobbys Fotografie, Reiten, Fischen und Musik viel Raum gewährt. Der verheiratete Familienvater lebt in der kleinen Ortschaft Carrouge im Waadtländer Jura.

In Bovards einzigem Krimi 'Der Nebelreiter' wird die Leiche von Julien Chapart - streitbarer Anwalt, Pferdenarr sowie alleiniger Herausgeber und Autor des Hetzblattes 'Karbatsche' - in einer Schlucht im Waadtländer Jura gefunden. Die örtliche Polizei vermutet einen Reitunfall, doch die Gerüchte, es könnte Mord gewesen sein, verstummen nicht. Jean-Claude Abt von der Waadtländer Kriminalpolizei, ein geschiedener, vereinsamter, mit seiner 19-jährigen kleinkriminellen Tochter hoffnungslos zerstrittener Mann Mitte fünfzig, der nach dem Fichenskandal 1991 "überflüssig" geworden ist, wird undercover in den winterlichen Jura entsandt, um den Fall neu aufzurollen. Er nimmt Reitstunden im Zentrum, in dem Chapart verkehrt hat, entdeckt seine Leidenschaft für den Pferdesport, reflektiert sein Leben - und verliebt sich in eine junge Frau, Fabienne, die Gattin des skrupellosen Immobilienmaklers Lachaux, die mit dem Toten ein Verhältnis hatte. Ganz am Schluss der Erzählung - der Kriminalfall wird während des Mittelteils, in dessen Verlauf der Protagonist allmählich zu sich selbst findet, weitgehend ausgeklammert - stösst Abt auf Spuren, die den Ermittlungen eine entscheidende Wende geben.

'Der Nebelreiter', ein anspruchsvoller, mit zauberhaften Landschaftsschilderungen geschmückter Krimi, wird getragen von einem einfühlsam und facettenreich porträtierten Verlierertyp, der endlich gewillt ist, sich der Welt zu öffnen, sich auf Schicksale einzulassen.

Bibliografie:
'Demi-Sang suisse' - 'Der Nebelreiter' (1994).

++ Erstellt: Februar 2014 ++  


Bowers, Elisabeth

(*1949)

Elisabeth Bowers wurde in der westkanadischen Stadt Vancouver, British Columbia, geboren und wuchs auch dort auf. Sie war als Hilfsarbeiterin, Bibliothekarin, Reporterin und Lehrerin tätig, ehe sie Ende der 80er-Jahre zum Schreiben kam. Heute lebt sie auf den Gulf Islands vor der Westküste von British Columbia.

Mit ihren vielschichtigen, in Vancouver spielenden Kriminalromanen um die Privatdetektivin Meg Lacey - Vergewaltigungsopfer, glücklich geschiedene Mutter von zwei halbwüchsigen Kindern, stolze Besitzerin des schwarzen Aikido-Gürtels und Spezialistin für Fahndungen nach vermissten Kindern - gab Elisabeth Bowers zwei kräftige Lebenszeichen, um die Bühne der Kriminalliteratur danach gleich wieder zu verlassen.

In 'Ladies' Night' sucht Meg Lacey im Auftrag der Eltern die neunzehnjährige Alison, die von zu Hause ausgerissen ist. Die Spur führt in einen Nachtclub, dessen Besitzer Danny Haswell sein Geld vornehmlich mit Kinderpornographie verdient - und der zugleich Alisons Verlobter ist.

'Unbekannt verzogen' handelt von der alltäglichen Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Familie: Sherry, verheiratet mit dem angesehenen Restaurantbesitzer Greg, taucht samt ihrem vierjährigen Sohn Mark in den Slums von Vancouver unter. Sherrys Schwester beauftragt Meg Lacey, die beiden aufzuspüren. Doch dann wird Sherry erschlagen aufgefunden, und Mark ist verschwunden.

Bibliografie:
Meg Lacey-Serie: 'Ladies' Night' - 'Ladies' night' (1988), 'Nor Forwarding Address' - 'Unbekannt verzogen' (1991).

++ Erstellt: September 2010 ++
++Update: Juni 2013 ++
 


Brac, Virginie

(Kürzel für Virginie Brac de La Perrière, *1955)

Virginie Bracs Leben begann 1955 in der algerischen Hauptstadt Alger, der Jacques Chevalier, ihr Grossvater mütterlicherseits, damals als Bürgermeister vorstand. Sie studierte Psychologie in Frankreich und in den USA, absolvierte dort ein Praktikum in einem Gefängnis und arbeitete danach vornehmlich als Drehbuchautorin für Film und Fernsehen. Darüber hinaus verfasste sie von 1982 bis 2004 sieben Spannungsromane und ein Kinderbuch.

Bracs Ich-Erzählerin Véra Cabral kommt in drei Romanen als Ich-Erzählerin zum Zuge. Die 35-jährige, einer portugiesischen Grossfamilie entstammende Psychiaterin, deren Leben von einem weit zurückliegenden Geheimnis überschattet wird, arbeitet in einem durch Intrigen und Misstrauen zerrütteten Pariser Kriseninterventionszentrum. Sie ist eine intelligente, nicht besonders selbstsichere, bisweilen etwas schnoddrig wirkende Frau; Geheimnisse, die in einer dunklen Ecke verrotten, jagen ihr Angst ein.

Véra und ihre Mitarbeiter werden von der Polizei immer dann als Experten zugezogen, wenn in der französischen Hauptstadt Geiselnahmen, Amokläufe und ähnliche Dramen stattfinden. Der zweite und dritte Teil liegen (mit sperrigen Titeln verunstaltet) auch auf Deutsch vor - spritzige, mit bissigem Humor erzählte, ohne grosses Psychologisieren auskommende Geschichten.

In 'Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben' beordert man Véra Cabral in ein Pariser Frauengefängnis: Die junge Delinquentin Giselle Leguerche hat eine Wärterin ermordet sich dann in einer Zelle verbarrikadiert und ein Baby als Geisel genommen - eine Tat, die niemand versteht, denn die Frau wäre in wenigen Tagen nach zehn Jahren Haft wegen guter Führung auf Bewährung freigelassen worden. Die neuerdings mit ihrer Jugendliebe, dem aufstrebenden Neurologen Hugo Markovitch, liierte Psychotherapeutin spricht mit den Eltern und Bekannten der verstockten Verbrecherin - gibt es eine Verbindung zu ihrer Vergangenheit, als sie, wenige Monate nach der Geburt eines Sohnes, ihre beste Freundin ermordet hat? Und wo steckt das Kind heute? Seltsam auch die Rolle des algerischen Polizisten, der Véra hinter her zu schnüffeln scheint.

Der dritte Band 'In den Nächten brütet still der Tod', straff gebaut und flüssig übersetzt, beginnt mit einer dramatischen Szene: Mitten in der Nacht steht Professor Edouard Russell (Spitzname: Dédé-Pitbull), der ehrgeizige und rücksichtslose Chef des Zentrums, vor Véras Haustür - sein 17-jähriger Sohn Fred hat offenbar im Drogenrausch eine junge Frau zerstückelt, Véra soll ihn jetzt psychiatrisch betreuen, bzw. seine Schuldunfähigkeit beweisen und ihm damit eine jahrelange Haft oder Verwahrung ersparen. Doch Véra lässt sich nicht so leicht manipulieren und führt ihre eigenen Ermittlungen durch, während Fred im Krankenhaus mit Psychopharmaka ruhig gestellt wird und der Professor seine Ränke schmiedet.

Bibliografie: 'Sourire kabyle' (1982), 'Mort d'un fauve' (1983), 'Miss monde chez les anges' (1984), 'Coeur caillou' (1997);
Véra Cabral-Trilogie: 'Tropque de pervers' (2000), 'Notre-Dame des barjots' - 'In den Nächten brütet still der Tod' (2002), 'Double peine' - 'Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben' (2004).

++ Erstellt: Juli 2014 ++  


Bracharz, Kurt

(*1947)

Kurt Bracharz kam im österreichischem Bregenz am Bodensee zur Welt. Nach der Reifeprüfung arbeitete er von 1968 bis 1972 nacheinander als Angestellter bei einer Bank, am Bezirksgericht und dem Landesinvalidenamt in Bregenz. Anschliessend war er achtzehn Jahre Englisch- und Warenkunde-Lehrer an der Berufsschule in Dornbirn, ehe er 1990 zum Journalismus wechselte und bis 1994 als Redakteur und Kolumnist bei der Vorarlberger-Ausgabe der 'Neuen Kronenzeitung', später beim ORF tätig war. 1997 machte er das Schreiben zum Brotberuf. Sein Werk enthält Krimis, Erzählungen, Essays, Reflexionen, Kinder- und Jugendbücher, Hörspiele, das Tagebuch 'Für reife Leser' (2009) und 'Mein Appetit-Lexikon - Eine Warenkunde für Geniesser' (2010). Darüber hinaus übersetzt er Krimis der Autoren Anthony Berkeley, Jonathan Latimer, Cyril Hare und Benjamin M. Schutz aus dem Englischen, ist seit 2005 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift 'Miramente' und veröffentlicht Kolumnen zu politischen, kulinarischen und kulturellen Themen auf den Internetseite 'Znort' und 'Vorax' sowie Gastrokritiken in den 'Vorarlberger Nachrichten'. Er lebt in seiner Geburtsstadt.

Bracharz' frühe Krimis sehen ein höchst originelles Wiener Detektiv-Trio im Fokus, bestehend aus Adrian, einem dicken, kahlen, trinkfreudigen, etwas kindisch wirkenden Alt-68er um die Vierzig, sowie der starken und mutigen Lesbe Wanda und dem Technikfreak (Hacker, Telefonanzapfer, Fotograf usw.) Marius, die sich auf unkonventionelle Weise mit grotesken Kriminalfällen befassen.
In 'Höllenengel' erhält Adrian den Auftrag, den Autor Ulrich Von der Fichten als Bodyguard nach Neapel zu eskortieren. Dort trifft er bei einer Yuppie-Party seine grosse Jugendliebe Nadja; er lässt sich von ihr verführen, um den Finger wickeln und in eine lebensgefährliche Lage manövrieren - es geht um erstklassiges Kokain. In wichtigen Nebenrollen: Die "Angels of Aids", eine anarchistische bayerische Rockergruppe von vornehmlich schwulen Männern, die mit dem HIV infiziert sind und in einem Abruzzenkaff, in das es auch Adrian und Von der Fichten verschlägt, für Furore sorgen, und selbstverständlich auch die Mafia - und bald schon fliesst (verseuchtes) Blut.

In den beiden nachfolgenden Romanen ist Major Michael Jäger von der Bregenzer Kriminalabteilung in tragenden Rollen zu sehen. Im Mittelpunkt von Kurt Bracharz' vielleicht bestem Krimi 'Cowboy Joe' steht allerdings der junge Dorfpolizist Johann Natter, der seit einer spektakulären, eher peinlichen Begegnung mit einer verunfallten Kuh den Spitznamen Cowboy Joe trägt. Als Natter kurz nach diesem Zwischenfall nach Bregenz versetzt wird, mausert er sich unter Major Jäger in kurzer Zeit zu einem ausgekochten Kriminalbeamten, der in der Vorarlberger Hauptstadt türkischen Drogenhändlern, serbischen Mafiosi, einheimischen Zuhältern, aber auch einem zwielichtigen Backgammon-Crack das Fürchten lehrt. Die rasante, harte, mit trockenem Humor erzählte Geschichte ist 2009 in überarbeiteter Form wieder aufgelegt worden.

2010 publizierte Bracharz nach sechzehn Jahren Pause seinen fünften Krimi 'Der zweitbeste Koch', eine turbulente und figurenreiche, an haarsträubenden und magennervenstrapazierenden kulinarischen Exkursen (aufgetischt werden etwa gedünstete Entenembryonen, Murmeltiere und natürlich Hahn-Hoden-Gulasch) reiche Geschichte mit dem 60-jährigen Wiener Gastrokritiker Xaver Ypp als Erzähler. Sie handelt unter anderem von dem rätselhaften Verschwinden des chinesischen Chefkochs des bei Wien gelegenen Gourmetlokals "Schanghai 1938" und dem eng damit verknüpften Treiben einer internationalen Feinschmeckerbande, die einen Handel mit seltenen, vom Aussterben bedrohten Tieren aufgezogen hat - von Vorgängen, die selbst für den abgebrühten Ypp eine Grenz-Erfahrung darstellen.

Bibliografie:
Adrian-Romane: 'Pappkameraden' (1986), 'Höllenengel' (1990);
Major Jäger-Romane: 'Die grüne Stunde' (1993), 'Cowboy Joe' (1994);
'Der zweitbeste Koch' (2010).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Dezember 2010 ++
++ Update: August 2011 ++
++ Update: Februar 2013 ++
 


Brackett, Leigh

(1915-1978; schrieb auch als V.E. Thiessen)

Leigh Brackett wurde in Los Angeles geboren. Nach dem Tod ihres Vaters, der 1918 von der Spanischen Grippe dahingerafft wurde, verbrachte sie den grössten Teil ihrer Jugendzeit im Haus ihrer Grosseltern mütterlicherseits in der Nähe von Santa Monica, Kalifornien, und besuchte dort eine Privatschule für Mädchen. Danach kam sie in Los Angeles in engen Kontakt mit den Sciencefiction-Autoren Ray Bradbury und Robert Henlein. Als 24-Jährige machte sie das Schreiben zum Hauptberuf. 1940 veröffentlichte sie ihre erste Story in einem Pulp-Magazin, 1944 folgte ihr erster, von Raymond Chandler geprägter Roman 'No Good from a Corpse'. 1946 heiratete sie den berühmt-berüchtigten Sciencefiction-Autor Edmond Hamilton, mit dem sie in Kinsman, Ohio, und Lancaster, Kalifornien, lebte.

Nachdem Brackett als Verfasserin von Sciencefiction- und Fantasy-Stories (Eric John Stark-Serie) und des Endzeitromans 'The Long Tomorrow' ('Am Morgen einer anderen Zeit', 1955) in Erscheinung getreten war, schrieb sie in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre auch zwei schnörkellose Noir-Romane.

'Raubtiere unter uns', 1962 mit Alan Ladd und Rod Steiger unter dem Titel '13 West Street' verfilmt, erzählt die Geschichte von Walter Sherris, Buchhalter und spiessiges Familienoberhaupt Anfang dreissig, Besitzer eines netten Eigenheims in heimeliger weisser Wohngegend einer Kleinstadt im Nordosten der USA, der auf seinem Abendspaziergang von fünf Jugendlichen grundlos zusammengeschlagen wird. Nach längerem Spitalaufenthalt wieder einigermassen hergestellt, macht der hasserfüllte Mann auf eigene Faust Jagd auf seine Peiniger, während die durch Koleski verkörperte Polizei dem Fall kein grosses Interesse entgegenzubring en scheint.

Auch der im selben Jahr erschienene Roman 'Wo ist meine Frau?' kreist um Rache. Carolyn, die Frau des jungen Anwalts Ben Forbes, ist entführt worden. Den Namen des Kidnappers erfährt der Leser bereits nach wenigen Seiten - es ist der gewalttätige Ehemann einer Frau, die Ben Forbes im Scheidungsprozess vertreten hat. Im Alleingang begibt sich der Anwalt auf die Suche nach Carolyn - und stellt sich dabei dermassen ungeschickt an, dass er zeitweise selbst unter Tatverdacht gerät.

Ab 1955 war Leigh Brackett vornehmlich als Drehbuchautorin tätig. Sie zeichnete unter anderem für die Drehbücher zu Howard Hawks' Westerntrilogie 'Rio Bravo', 'El Dorado' und 'Rio Lobo' sowie zu Raymond Chandlers Krimis 'The Big Sleep' und 'The Long Goodbye' verantwortlich.

Wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes erlag Leigh Brackett 62-jährig in Lancaster einem Krebsleiden.

Bibliografie (nur Kriminalromane):
'No Good from a Corpse' (1944), 'Stranger at Home' (als Ghostwriter für den Schauspieler George Sanders, 1946), 'The Tiger Among Us' (auch unter den Titeln 'Fear no Evil') - 'Raubtiere unter uns' (auch unter den Titeln 'Ich war das Opfer' und '13 West Street', 1957), 'An Eye for an Eye' - 'Wo ist meine Frau?' (1957), 'Silent Partner' (1969).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Oktober 2015 ++
 


Brandon, Jay

(*1953)

Jay Robert Brandon ist ein eingefleischter Texaner. Geboren in Dallas als Sohn einer Sekretärin und eines Maschinenhändlers, wuchs er in San Antonio auf. Sein Studium absolvierte er an der University of Texas, der John Hopkins University und der University of Houston mit einem Abschluss 1985 als Doktor der Jurisprudenz. Danach arbeitete er am höchsten Gerichtshof des Staates Texas und später als Staatsanwalt in San Antonio, bis er sich 1990 als Spezialist für Familienrecht selbstständig machte. Seit 1978 mit Yolanda Cardenas verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern, lebt und arbeitet Brandon in San Antonio.

Nebenberuflich verfasste Brandon seit 1985 bisher siebzehn Kriminalromane - faszinierende Mixturen aus Gerichtsthriller und psychologischen Studien; zehn Einzelwerke, den (nicht auf Deutsch vorliegenden) Fünfteiler um den texanischen Staatsanwalt Chris Sinclair aus San Antonio sowie zwei Mark Blackwell-Romane, unter ihnen 'Fade the Heat' ('Im Namen der Wahrheit'), mit dem er 1990 den Durchbruch schaffte.

Mark Blackwell, mutiger, unbestechlicher Bezirksstaatsanwalt in San Antonio, verheirateter Familienvater Mitte vierzig, feiert mit seinen Kollegen und seiner Partnerin und Freundin Linda Alaniz den Gewinn eines grossen Prozesses, als er erfährt, dass sein 23-jähriger Sohn David der Vergewaltigung der schwarzen Putzfrau Mandy Jackson angeklagt wird. Um jeden Verdacht des Amtsmissbrauchs von vornherein auszuschliessen, überträgt Blackwell den Fall zwei Sonderstaatsanwälten, während ein gewisser Henry Koehler Davids Verteidigung übernimmt. Ganz anders als David erweist sich Mandy dann als äusserst glaubwürdige Zeugin, die Geschworenen fällen einen Schuldspruch, und David landet im texanischen Staatsgefängnis. Wenig später begegnet Blackwell einem adretten kleinen Mann von zweifelhaftem Ruf, dessen Aussage dem Fall eine dramatische Wendung gibt. ‚Im Namen der Wahrheit', ein mitreissender, von sorgfältig gestalteten Charakteren getragener (leider etwas holprig ins Deutsche übertragener) Justizkrimi, wirft ein scharfes Licht auf das Rechtswesen der Vereinigten Staaten, auf die Winkelzüge und Kuhhändel seiner Repräsentanten.

Drei Jahre später, im Roman 'Unter Zwang' (in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung als Hardcover erschienen), amtet Mark Blackwell noch immer als Bezirksstaatsanwalt, doch seine Ehe mit Lois und seine Beziehung mit Linda sind zerbröckelt. Der Angeklagte ist diesmal der einflussreiche und allseits beliebte Anwalt Austin Paley, der des vielfachen sexuellen Missbrauchs von kleinen Kindern verdächtigt wird. Durch seine Recherchen macht sich Blackwell die gesamte politische Elite der Stadt zum Feind, und selbst Eliot Quinn, sein früherer Mentor und väterliche Freund, stellt sich ihm entgegen, indem er Paleys Verteidigung übernimmt. Äusserst feinfühlig nähert sich Jay Brandon dem komplexen Thema Kindesmisshandlung, grossartig schildert er den dramatischen Schlagabtausch im Gerichtssaal.

Der Standalone 'So wahr ihr Gott helfe' behandelt eine Familientragödie. Schauplatz ist der (fiktive) osttexanische Ort Galilee, deren ökonomisches Herz, eine Fabrik für Unterwäsche, im Besitz der Matriarchin Alice Beaumont steht. Die kleinstädtische Idylle wird jäh zerstört, als Alices Tochter Lorrie und deren Ehemann gewaltsam ums Leben kommen und ihr Baby entführt wird. Billy Fletcher, Geschäftsleiter der Fabrik wird der Verbrechen angeklagt. Die junge, ungemein zähe und engagierte Sonderstaatsanwältin Kelsey Thatch übernimmt den Part der Klägerin, während Clyde Wolverton mit Billys Verteidigung betraut wird. Zwischen den Fronten steht Billys Bruder Morgan, der Gatte von Alices zweiter Tochter Katherine - und Staatsanwalt von Galilee. Bei ihren hartnäckigen und mutigen Ermittlungen entwirrt Kelsey Thatch ein dichtes Netz von Familienintrigen, Misstrauen, Rachsucht und Hass, bis sie dem wahren Täter auf die Schliche kommt.

Bibliografie:
Einzelwerke: 'Deadbolt' (1985), 'Tripwire' (1987), 'Predator's Waltz' (1989), 'Rules of Evidence' - 'Die Ohnmacht der Beweise' (1992), 'Local Rules' (1995), 'Defiance County' - 'So wahr ihr Gott helfe' (1996), 'Executive Privilege' (2001), 'Milagro Lane' (2009), 'The Jetty' (gemeinsam mit Joe Labatt, 2012), 'Shadow Knight's Mate' (2014);
Mark Blackwell-Romane: 'Fade the Heat' - 'Im Namen der Wahrheit' (1990), 'Loose Among the Lambs' - 'Unter Zwang' (1993);
Chris Sinclair-Serie: 'Angel of Death' (1998), 'After-Image' (2000), 'Silver Moon' (2003), 'Grudge Match' (2004), 'Running with the Dead' (2005).

++ Erstellt: Oktober 2015 ++  


Brett, Michael

(1921-2000)

Michael "Mike" Brett, nicht zu verwechseln mit dem britischen Krimiautor Miles Tripp, der gelegentlich das Pseudonym Michael Brett verwendet hat, kam in Patterson, New York State, zur Welt und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in New York City - mehr weiss man nicht über seine Biografie.

Im Krimigenre debütierte Michael Brett im Jahr 1959 mit zwei witzigen Romanen um den Buchmacher Sam Dekkers aus New York, einen kahlen, vom Pech verfolgten Mann, der sich hin und wieder auch als Privatschnüffler versucht. Darüber hinaus schrieb Brett eine Reihe von Kurzgeschichten, die in 'Manhunt', 'Alfred Hitchcock's Mystery Magazine' und anderen Zeitschriften erschienen sind.

Von 1966 bis 1968 veröffentlichte Brett zehn tempostarke Romane mit dem New Yorker Privatdetektiv Pete McGrath als Hauptperson. Pete - schwarze Haare, blaue Augen, athletische Figur - ist ein hart gesottener, abgebrannter, in einem getunten Chevy Corvair rumkurvender Einzelgänger mit einer Schwäche für Scotch, teure Zigarren und schöne Frauen, der selten um ein Bonmot verlegen ist, wenn er nicht gerade Selbstgespräche führt.

In den 70er-Jahren liess Brett zwei Standalones folgen sowie, zusammen mit dem Police Detective David Toma, eine Novellisation der TV-Serie 'Toma'. Danach verlieren sich seine Spuren. Laut seinem Sohn Rory ist er im Jahr 2000 in New York City verstorben.

Bibliografie:
Sam Dekkers-Romane: 'Scream Street' (1959), 'The Guilty Bystander' (1959);
Pete McGrath-Serie: 'Kill Him Quickly, It's Raining' - 'Keine Chance für Joe Delevan' (1966), 'An Ear for Murder' - 'Von Mord war nicht die Rede' (1967), 'The Flight of the Stiff' - 'Ein Killer für den Boss' (1967), 'Turn Blue, You Murderers' - 'Ein höllischer Auftrag' (1967), 'We, the Killers' - 'Wir, die Killer' (1967), 'Dead Upstairs in the Tub' - 'Platzt bei Schlaf und Tod' (1967), 'Slit My Throat Gently' - 'Sanft wie ein Skalpell' (1968), 'Lie a Little, Die a Little' (auch unter dem Titel 'Cry Uncle') - 'Lüg dich ins Grab' (1968), 'Another Day, Another Stiff' - 'Mein Mann ist kein Mörder' (1968), 'Death of a Hippie' - 'Haschen mit dem Tod' (1968);
'Toma. The Compassionate Cop' (1974), 'Jungle' - 'Im Dschungel der Gewalt' (1975), 'Diamond Kill' - 'Diamanten-Coup' (1977).

++ Erstellt: Januar 2013 ++  


Brewer, Gil

(Kürzel für Gilbert Brewer, 1922-1983; schrieb auch als Eric Fitzgerald, Bailey Morgan, Elaine Evans, Hal Ellson, Al Conroy, Luke Morgann, Mark Bailey, Harry Arvay und Ellery Queen)

Gil Brewer wurde in Cauandaigua, New York State, als Sohn eines mittellosen, alkoholkranken Pulp-Autors gleichen Namens geboren und wuchs dort mit zwei Schwestern und einem Bruder auf. Nach dem Ausscheiden aus der Highschool verrichtete er Gelegenheitsjobs, bis er der Army beitrat und im Zweiten Weltkrieg in Frankreich und Belgien diente; er wurde verwundet, was ihm nach Kriegsende eine kleine Rente einbrachte. 1947 liess er sich bei seiner Familie in St. Petersburg, Florida, nieder und heiratete wenig später Verlaine Morris Lee, die zwei Kinder im Teenageralter in die vorerst geheim gehaltene Ehe brachte. In der Nachkriegszeit arbeitete er unter anderem in einem Warenhaus, einer Konservenfabrik und als Buchhändler, bevor er Anfang der 50er-Jahre zum Schreiben kam und sich bald als wichtiger Vertreter der Pulp-Szene etablierte. Mit seinen Berufskollegen Day Keene, Harry Whittington, Talmage Powell und Jonathan Craig verbrachte er viele Nächte mit Trinken und Kartenspielen.

Zu Beginn der 60er-Jahre, als sein Stern bereits verglühte, erlitt Brewer einen Nervenzusammenbruch, der einen längeren Krankenhausaufenthalt nach sich zog und ihn fast vier Jahre am Schreiben hinderte. Seine nachfolgende Publikationen beschränkten sich im Wesentlichen auf Schundromane, Novellisationen von Fernsehfilmen (‚It Takes a Thief'-Trilogie) und diverse Ghostwriter-Jobs. Im Jahr 1970 zog er sich bei einem selbst verschuldeten Autounfall schwere Verletzungen zu, von denen er sich nie mehr ganz erholen sollte. Seine Alkoholsucht nahm nun immer stärker überhand, Depressionen, Stürze, Knochenbrüche und Pflegebedürftigkeit waren die Folge. Gil Brewer starb 60-jährig in seiner Wohnung in St. Petersburg und hinterliess seine Frau, die ihm - mit kleineren Unterbrüchen - 35 Jahre lang eine treue Gefährtin war.

Brewer war ein gewiefter, schnörkelloser Plotter mit einem feinen Händchen für überraschende Wendungen, ein Meister der direkten Rede. Die Mehrzahl seiner rund dreissig - in horrendem Tempo niedergeschriebenen, in ihren besten Momenten an Jim Thompsons Werke erinnernden - Romane dreht sich um durchschnittliche Männer, die von schönen, abgebrühten Frauen in den Abgrund gezogen werden und dann Gewalt als einzigen Ausweg sehen. 'Höllisches Finale' und 'Amok' gehören zu Brewers besten auf Deutsch vorliegenden Krimis, deren Feinheiten jedoch verborgen bleiben, wenn man sie sich nicht im Original zu Gemüte führt - schauderhafte Übersetzungen.

'Höllisches Finale' ist die bedrückende Geschichte des Koreaveteranen Eric Garth, der Nacht für Nacht träumt, dass er seinem verhassten Bruder Frank den Kopf mit einem Holzhammer einschlägt und deshalb nach einer schweren Kriegsverletzung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Dort lernt er die heissblütige, jedoch kalt berechnende, auf sein bald zu erwartendes, nicht unbeträchtliches, Erbe spekulierende Krankenschwester Leda Thayer kennen und lässt sich mit ihr auf eine heftige Affäre ein - der Beginn eines Alptraums, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Und dann liegt Frank mit zertrümmertem Schädel in Erics Wohnung.

In dem kleinen, schmutzigen Roman 'Amok' treffen der nach einer Pechsträhne um seine Existenz ringende Ex-Cop Steve Logan, dessen Frau Ruby kurz vor der Niederkunft steht, und der Korea-Veteran Ralph Angers - früher ein viel versprechender Augenarzt, der im Krieg den Verstand verloren hat und jetzt, von der Idee besessen, eine Augenklinik zu bauen, jeden umlegt, der seinen Weg kreuzt - in einer kleinen Stadt in Florida zufällig aufeinander, als Logan den Fehler begeht, Angers' Leben zu retten: der Beginn einer kurzen, symbiotischen, verhängnisvollen Beziehung.

Bibliografie: (Nicht gelistet sind die unter Pseudonym und als Ghostwriter verfassten Romane)
'Satan is a Woman' - 'Satan ist ein Weib' (1951), 'So Rich, So Dead' - 'Und dann kam die Nacht' (1951), '13 French Street' - 'Haus des Bösen' (1951), 'Flight to Darkness' - 'Höllisches Finale' (1952), 'Hell's Our Destination' (1953), 'A Killer Is Loose' - 'Amok' (1954), 'Some Must Die' (1954), '77 Rue Paradis' (1954), 'Play it Hard' - 'Spiel mit oder stirb' (1954), 'The Squeeze' - 'Ein Kopf = 260 000 Dollar' (1955), 'And the Girl Screamed' - 'Ein Mädchen schrie' (1956), 'The Angry Dream' (auch unter dem Titel 'The Girl from Hateville', 1957), 'The Brat' (1957), 'Little Tramp' (1957), 'The Bitch' (1958), 'The Red Scarf' - 'Bezahle oder stirb' (1958), 'Wild' (1958), 'The Vengeful Virgin' (1958), 'Wild to Possess' - 'Mord ohne Mörder' (1959), 'Angel' (1959), ‚Sugar' - 'Als mich der Teufel holte' (1959), 'Nude on Thin Ice' (1960), 'Blackwoods Teaser' (1960), 'The Three-Way Split' (1960), 'Appointment in Hell' (1961), 'A Taste of Sin' (1961), 'Memory of Passion' (1962), 'The Hungry One' (1966), 'The Tease' (1967), 'Sin for Me' (1967);
It Takes a Tief-Trilogie: 'The Devil in Davos' (1969), 'Mediterranean Caper' (1969), 'Appointment in Cairo' (1969).
Gemeinsam mit Day Keene: 'Love Me and Die' - ‚Lieb mich und stirb' (1951).

++ Erstellt: Juni 2013 ++  


Brödl, Günter

(1955-2000)

Günter Brödl wurde in Wien geboren und wuchs auch dort auf. Nach sieben Jahren verliess er das Gymnasium, arbeitete in einem Büro und veröffentlichte seine ersten - von der angloamerikanischen Rockmusik geprägten - Texte in den Weg weisenden Zeitschriften 'Neue Wege' und 'Wespennest'. 1975 erschien sein erstes Buch 'Der kühle Kopf. Zwei flüchtige Erzählungen'. In den folgenden Jahren erreichte er als Moderator der legendären Ö3-Sendung 'Musicbox' ein grosses Publikum.

Brödl war jedoch nicht nur ein profilierter Musikjournalist, sondern auch Roman-, Theater- und Drehbuchautor, Übersetzer (unter anderem übertrug er zwei Asterix-Folgen ins Wienerische), Song- und Comic-Texter - und der geistige Vater der später durch den Rockmusiker Willi Resetarits verkörperten musikalisch-literarischen Kunstfigur Kurt Ostbahn ("Ostbahn Kurti"), der er eine ganze Biografie andichtete, sowie der "Trainer" (Beleuchter, Texter, Berater und Seelenmasseur) der Kultcombo 'Ostbahn Kurti & die Chefpartie'. Als Vater von zwei Töchtern lebte er abwechselnd auf der Atlantikinsel Teneriffa und in Wien-Fünfhaus, wo er 45-jährig in seiner Wohnung einen plötzlichen Herztod erlitt.

Der Rockmusikfachmann Dr. Kurt Ostbahn und seine trinkfesten, kriminalistisch versierten Kumpel "Trainer" und "Doc Trash" sind die Hauptfiguren in Günter Brödls schrägen, mit Dialektausdrücken und Schmäh durchsetzten (und jeweils mit einem kleinen Glossar für Nicht-Wiener abgerundeten) Wiener-Trashkrimis, die mit haarsträubenden Plots aufwarten. So werden im schaurigen (durch Thomas Roth nach Brödls Drehbuch verfilmten) Romanerstling 'Blutrausch' dem Jungspund Wickerl - Bassist der Heavy Metal-Band 'Mom & Dead', schwarzlila gefärbtes Haar - der Körper aufgeschlitzt und das Herz entfernt, nachdem er kistenweise Raubkopien des neuen Whitney Houston-Albums samt Videomaterial entwendet hat - der Auftakt zu einer alkoholschwangeren und blutrünstigen, durch saftige Liebesszenen nur marginal aufgelockerten Geschichte mit wüstem Finale.

Eine tragende Rolle spielt stets auch Herr Josef, der Wirt des Cafés Rallye (Kurtis Stammbeiz), ein gesprächiger, grosszügig alkoholische Getränke ausschenkender Mann im mittleren Alter mit farbenfroher Vergangenheit als Motorradrennfahrer und Teilnehmer der Rallye Paris-Dakar und, wie man immer wieder hören muss, als Fremdenlegionär in Schwarzafrika. Und auch Rudolfsheim-Fünfhaus, der 15. Wiener Gemeindebezirk, in dem Brödls Erzählungen ihren Mittelpunkt haben, kommt vorzüglich auf seine Kosten.

Der fünfte Ostbahn-Roman 'Peepshow', den Günter Brödl zusammen mit dem Wiener Publizisten Peter Hiess verfasst hat, wurde zuerst in gekürzter Form unter dem Titel 'Das Geheimnis der toten Tänzerin' als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift 'Wiener' abgedruckt. Der Untertitel 'Trainer & Trash ermitteln' weist bereits darauf hin: Kurt Ostbahn glänzt hier über weite Strecken durch Abwesenheit (er lässt es sich in New Orleans gut gehen), während seine Assistenten Doc Trash und der Trainer in einen üblen Mordfall verwickelt werden - ein veritables "Locked Room Mystery" mit der Drehbühne eines Peepshow-Clubs als Ort des Verbrechens, einer gemeinsamen Bekannten, der Peepshow-Tänzerin Rikki, als Opfer und Kurt Ostbahns Intimfeind Kommissar Skocik als Ermittler. Beziehungsweise, in den Worten des Trainers: "A blede Gschicht, Kurtl".

Bibliografie:
Kurt Ostbahn-Serie: 'Blutrausch' (1995), 'Hitzschlag' (1996), 'Platzangst' (1997), 'Kopfschuss' (1999), 'Peep-Show' (gemeinsam mit Peter Hiess, 2000), 'Schneeblind' (2002).

++ Erstellt: August 2013 ++  


Brown, Fredric

(1906-1972)

Fredric Brown, geboren in Cincinnati, Ohio, ging an die Abendschule der University of Cincinnati und dann ans Hanover College in Indiana, aus dem er nach zwei Semestern rausflog. Von 1924 bis 1936 arbeitete er als Büroangestellter, dann wurde er Redaktor beim 'Milwaukee Journal'. In dieser Zeit verfasste er seine ersten Kurzgeschichten, die zum Teil in Pulp-Magazinen abgedruckt wurden. 1947 veröffentlichte er seinen ersten Krimi. Wegen einer hartnäckigen Halserkrankung zog er 1949 nach Taos, in die Wüste von New Mexico. 1954 liess er sich in Tucson, Arizona, nieder, wo er achtzehn Jahre später starb. Er hinterliess seine zweite Frau Elizabeth, die er 1948 geheiratet hatte, und zwei Söhne aus erster Ehe mit Helen Ruth, mit der er von 1929 bis 1947 verheiratet war.

Aus Browns Prosawerk - es enthält Sciencefiction-, Fantasy- und Kriminalromane sowie rund dreihundert Kurzgeschichten - sticht die Reihe um das originelle Chicagoer Gespann Edward "Ed" und Ambrose "Am" Hunter hervor. Der Ich-Erzähler Ed - ein stürmischer, idealistischer, sein Herz auf der Zunge tragender Teenager, der sich im Verlauf der Serie zu einem gestandenen jungen Mann entwickelt - und sein freundlicher, dicklicher, mit allen Wassern gewaschener Onkel Am beginnen ihre detektivische Laufbahn, als Eds Vater in betrunkenem Zustand ermordet wird ('Hunters erste Jagd', 1947). Die Amateurdetektive lösen den höchst seltsamen Fall auf und ziehen daraufhin gemeinsam in die amerikanische Provinz, um dort auf Verbrecherjagd zu gehen. Bis 1963 folgten sechs weitere Ed & Am-Krimis: harte, schnelle, humorvolle Geschichten mit spritzigen, aus dem Leben gegriffenen Dialogen.

Browns bekanntester Standalone, der mit Horrorelementen gewürzte, 1958 verfilmte Psychothriller 'Der Ripper von Chicago', handelt von einem versoffenen Reporter namens Bill Sweeney, der Jagd auf einen Frauenschlitzer macht. Eine wichtige Rolle spielt die Statue einer schreienden Frau.

Bibliografie:
Ed & Am Hunter-Serie: 'The Fabulous Clipjoint' - 'Hunters erste Jagd' (1947), 'The Dead Ringer' - 'In den Strassen von Chicago' (auch unter dem Titel 'Zwerge sterben halb so schwer', 1948), 'The Bloody Moonlight' (1949), 'Compliments of a Friend' - 'Die Detektive von Chicago' (1950), 'Death Has Many Doors' - 'Der Tod in Chicago' (1951), 'The Late Lamented' (1959), 'Mrs. Murphy's Unterpants' - 'Der schwarze Engel von Chicago' (1963);
'Madman's Holiday' (auch unter dem Titel 'The Crack-Up', 1943), 'The Screaming Mimi' - 'Der Ripper von Chicago' (auch unter dem Titel 'Die schwarze Statue', 1949), 'We All Killed Grandma' - 'Wir haben unsere Oma umgebracht' (1952), 'His Name Was Death' - 'Darius der Letzte' (1954), 'One for the Road' - 'Der Steckbrief im Safe' (1958), 'Knock Three - One - Two' - 'Klopfzeichen Drei-Eins-Zwei' (1959), 'The Murderers' - 'Venus in schwarz' (1961).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Browne, Howard

(1908-1999; schrieb auch als Alexander Blade, Lawrence Chandler, John Evans, Lee Francis und Ivar Jorgensen)

Howard Browne kam in Omaha, Nebraska, als Sohn einer Lehrerin und eines Bäckers zur Welt und besuchte in Lincoln, Nebraska, die High School. Als er mit siebzehn von der Schule flog, ging er nach Chicago und verrichtete dort Gelegenheitsjobs, unter anderem als Reporter für ein Lokalblatt, bis er 1928 eine Stelle als Credit Manager eines Warenhauses bekam - eine Arbeit, die ihn mit allen möglichen Lügen und Betrügereien konfrontierte, die er aber doch zehn Jahre lang aushielt. Seine Freizeit füllte er mit dem Schreiben von Sciencefiction-, Fantasy- und Kriminalstories aus, die in Pulp-Heften und Zeitschriften ('Esquire', 'Cosmopolitan', 'American Magazine' usw.) abgedruckt wurden.

1941 wurde Browne Redakteur beim angesehenen, damals auf Pulp-Fiction, Abenteuer- und Fantasy-Geschichten spezialisierten Ziff-Davis-Verlag in Chicago und New York City und blieb dort über zehn Jahre. Während dieser Zeit, zwischen 1946 und 1949, veröffentlichte er drei sauber konstruierte, von Raymond Chandlers und James M. Cains Büchern beeinflusste Krimis um den Privatdetektiv Paul Pine, 1957 folgte der vierte Band der ursprünglich mit John Evans gezeichneten Serie. 1985 erschien 'Paper Gun', bestehend aus der Pine-Story 'So Dark For April' und dem Titel gebenden Roman-Fragment, ebenfalls mit Pine als Hauptperson.

Paul Pine, ein kaum alternder Ich-Erzähler Anfang dreissig, Sohn eines Cops, der gewaltsam ums Leben kam, schlug zuerst ebenfalls eine Laufbahn bei der Polizei ein, wechselte dann aber zur Staatsanwaltschaft von Illinois, für die er zwei Jahre lang ermittelte. Danach machte er sich in Chicago selbständig. Er ist ein hart gesottener, intelligenter, moralisch integrer Detektiv, dem Selbstironie nicht fremd ist, steht mit beiden Beinen im Leben und ist (wie damals fast alle Schnüffler) ein starker Raucher und Trinker. Über sein Privatleben will er nichts verraten. Er hütet sich vor festen Frauenbeziehungen, "weil so etwas in meinem Beruf nicht gut gehen kann".

'Der Geschmack von Asche', über weite Strecken in einer schmucken, anscheinend nur von wohl erzogenen Bürgern bevölkerten Kleinstadt bei Chicago angesiedelt, ist der beste Pine-Roman. Der Kriminalfall, auf den sich der desillusionierte, etwas ausgebrannt wirkende Detektiv nur widerwillig einlässt, beginnt mit einer einfachen Erpressung, kumuliert in zwei von der Polizei als Selbstmorde deklarierten Todesfällen, korrupte Cops, zwielichtige Frauen und die mächtige Familie Delastone mischen kräftig mit - doch Pine findet zu alter Stärke zurück und führt hartnäckig seine Recherchen durch, obwohl er die ganze Stadt gegen sich hat, etliche Faustschläge einstecken muss - und einmal gar im Knast landet.

Als Browne seines Privatdetektivs und der Pulp-Fiction überdrüssig wurde, ging er 1957 für gutes Geld nach Hollywood und wurde ein hoch angesehener Drehbuchautor für Fernsehserien wie 'Columbo', 'Maverick', 'Mannix', '77 Sunset Strip', 'The Rockford Files', 'Cheyenne', 'The Fugitive' und 'Mission Impossible' und für eine Handvoll Kriminalfilme, unter ihnen 'The St. Valentine's Day Massacre' und 'Capone'. 1988 kehrte er mit 'Blutige Stadt' zum Krimi zurück, 1991 liess er 'Scotch on the Rocks' folgen - beides Stoffe eigener, durchgefallener Drehbücher, die er jetzt in Romanform brachte. In seinem belletristischen Werk finden sich ferner über 300 Kurzgeschichten, die Fantasy-Romane 'Warrior of the Down' (1943) und 'Return of Tharn' (1956) sowie zwei frühe Krimi-Standalones.

Der Autor war von 1931 bis 1959 mit Esther Levy verheiratet, anschliessend bis zu seinem Tod mit Doris Kaye. Er starb 91-jährig in Santiago, Kalifornien, und hinterliess einen Sohn und zwei Töchter aus zweiter Ehe.

Bibliografie:
Paul Pine-Serie: 'Halo in Blood' - 'Grüsse im Blut' (1946), 'Halo for Satan' - 'Grüsse für den Satan' (1948), 'Halo in Brass' - 'Grüsse für Laura' (1949), 'The Taste of Ashes' - 'Der Geschmack von Asche' (auch unter dem Titel 'Tödliche Schatten', 1957);
'If you have Tears' (1947), 'Thin Air' - In eigener Sache' (auch unter dem Titel 'In Luft aufgelöst', 1954), 'Pork City' - 'Blutige Stadt' (1988), 'Scotch on the Rocks' (1991).

++ Erstellt: April 2012 ++  


Browne, Marshall

(1935-2014)

Marshall Browne wurde in Melbourne geboren, über seinen weiteren Lebensweg ist wenig bekannt. Er war über dreissig Jahre im Bankwesen tätig - von 1974 bis 1981 in Hongkong, wo er in seiner Freizeit zu schreiben begann, danach bis 1995 in London, Melbourne und Bhutan -, ehe er sich ganz auf die Schriftstellerei konzentrierte. Er lebte mit seiner 2012 verstorbenen Frau Merell, einer Innendekorateurin, in Melbourne, ihre gemeinsame Tochter Justine arbeitet in der australischen Botschaft in den Vereinigten Staaten. Browne erlag 78-jährig in Melbourne einer mehrjährigen Krebserkrankung.

Brownes belletristisches Werk enthält unter anderem einen Band mit Kurzgeschichten, drei im Melbourne der 1880er- und 1890er-Jahre spielende Romane, die Politthriller-Trilogie um Inspektor Anders und zwei in Nazideutschland angesiedelte Krimis. Kurz vor seinem Tod konnte er noch einen vierten Anders-Krimi fertigstellen - dessen Veröffentlichung ist in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 zu erwarten.

Der römische Terroristen- und Mafiajäger Inspektor Anders, ein höflicher, nachdenklicher, etwas altmodischer Junggeselle um die fünfzig mit einer Vorliebe für leckere Speisen, guten Wein und reife Frauen, hat im Kampf gegen die Roten Brigaden vor vielen Jahren ein Bein verloren und trägt eine Prothese. Er wartet eigentlich nur noch auf die kurz bevorstehende Pensionierung, als er in 'Die Witwe des Richters' beauftragt wird, in einem süditalienischen Städtchen die offenbar von der Mafia verübten Morde an zwei Richtern aufzuklären. Bei seinen Nachforschungen gerät der desillusionierte Polizist in einen Strudel von Korruption, Gewalt und organisierter Kriminalität.

'Job Killer' dreht sich um eine Gruppe von radikalen Globalisierungsgegnern ("Gruppe Jüngster Tag"), die in Deutschland und Frankreich Firmenbosse in die Luft jagen, wenn diese Fusionen in die Wege leiten, die zu Massenentlassungen führen. Inspektor Anders, neuerdings führender Anti-Terrorismus-Experte bei Interpol, und sein Kollege Matucci sollen dem blutigen Treiben zusammen mit der französischen und der deutschen Polizei ein Ende setzen. Doch dann mehren sich die Hinweise, dass nicht eine Gruppe, sondern eine hochgefährliche, in Hypnose geschulte Einzelperson für die Terrorakte verantwortlich ist, und Anders kommt an seine physischen und psychischen Grenzen.

Auch Franz Schmidt, leitender Revisor einer Privatbank, die Hauptfigur der beiden in Nazideutschland spielenden Krimis, ist havariert: Er hat 1935 ein Auge verloren, weil er einem von Braunhemden angegriffenen Juden zu Hilfe eilte. Sein Leben als Familienvater und Bankdirektor wird kompliziert und gefährlich, als seine Bank 1938 einen neuen Kunden gewinnt: die NSDAP. Und erst recht ein Jahr später, als ihm die Leitung der Deutschen Reichsbank in Berlin anvertraut wird. Doch Schmidt wächst an der anspruchsvollen Aufgabe.

Bibliografie:
'City of Masks' - 'Gnadenlose Jagd in Hongkong' (1981), 'Dragon Strike' (1981), 'Dark Harbor' (1984), 'Rendezvous at Kamakura Inn' (2005);
Inspector Anders-Serie: 'The Wooden Leg of Inspector Anders' - 'Die Witwe des Richters' (1999), 'Inspector Anders and the Ship of Fools' - 'Job-Killer' (2001), 'Inspector Anders and the Bloot Vendetta' (2006);
Franz Schmidt-Romane: 'The Eye of the Abyss' (2003), 'The Iron Heart' (2009).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Februar 2014 ++
 


Bruno, Anthony

(1952-2014; schrieb zuerst als Adrienne Marceau, Jeanette Nobile, Amanda Brownfield, Antonia Saxon und Robert Brunn)

Anthony Bruno, geboren und aufgewachsen als Sohn einer Krankenschwester und eines Gärtners in Orange, New Jersey, studierte Kreatives Schreiben an der Boston University und mittelalterliche Geschichte am Boston College. Danach kehrte er in seine Geburtsstadt zurück, wo er vornehmlich im Verlagswesen tätig war. Nebenbei, unter verschiedenen weiblichen Pseudonymen, schrieb er zahlreiche romantische Geschichten für Teenager und Erwachsene sowie, als Robert Brunn, einen Vampirroman. 1988 debütierte er als Krimiautor. Im Zentrum seines Werks steht der Sechsteiler um die New Yorker FBI-Agenten Mike Tozzi und Cuthbert Gibbons, genannt Gib, der auch als BAD-Serie bezeichnet wird.

In 'Tödliche Gesellschaft' nimmt der heissblütige Frauenheld Mike Tozzi das Gesetz in die eigene Hand: Er legt reihenweise böse Buben um, die er nicht hinter Gitter bringen konnte. Zurzeit befindet er sich auf der Jagd nach dem psychopathischen Mafiakiller Richie Varga, der - unter den Fittichen eines Zeugenschutzprogramms stehend (!) - drei Undercover-Agenten des FBI enthauptet hat. Das FBI befürchtet einen Skandal und reaktiviert Tozzis besonnenen, bereits 55-jährigen Ex-Partner Gibbons: Er soll den Selbstjustizaktionen ein Ende setzen, soll Tozzi "neutralisieren".

In 'Tödliche Rituale' bekommen es Tozzi und Gibbons mit einer scheinbar übermächtigen Gegnerschaft zu tun - einer unheiligen Allianz aus Mafia und Yakuza. Gibbons wird schwer verletzt. Tozzi schwört Rache. In einem furiosen Showdown steht er der schärfsten Waffe der Yakuza gegenüber: dem Samurai Gozo Mashiro.

'Tödliches Glück' sieht Mike Tozzi als verdeckten Ermittler am Werk: man hat ihn auf den milliardenschweren Immobilienhai Russell Nashe angesetzt, der in Atlantic City den Unmut der Mafia auf sich gezogen hat. Als Tozzis Tarnung auffliegt, tritt Gibbons auf den Plan; in letzter Sekunde gelingt es ihm, seinen Kumpel aus dem Dreck zu ziehen.

Brunos zweite Serie handelt von Loretta Kovacs und Frank Marvelli, zwei Polizisten, die sich auf die Jagd nach Kautionsflüchtlingen spezialisiert haben (keine deutschen Übersetzungen). Im Jahr 1995 machte der Autor mit der Novellisation des Serienkiller-Thrillers 'Seven' von sich reden.

Neben seinen Romanen verfasste Bruno die Sachbücher 'The Iceman' ('Der Iceman-Killer') über den berüchtigten Mafia-Killer Richard Kulinski und 'The Seekers' über einen Kopfgeldjäger sowie eine Reihe von weiteren Texten über wahre Verbrechen. Sein letzter Spannungsroman 'Bleeders' ist bisher nur als eBook erhältlich. Darüber hinaus unterrichtete Bruno Aikido und führte ein lesenweres Blog (anthonybruno.net.blog).

Anthony Bruno, wohnhaft in Philadelphia, Pennsylvania, erlag 61-jährig einer Hirnblutung. Er hinterliess seine Frau, die bekannte Sachbuchautorin Judith Sachs, und die gemeinsame Tochter Mia.

Bibliografie:
Mike Tozzi & Cuthbert Gibbons-Serie: 'Bad Guys' - 'Tödliche Gesellschaft' (1988), 'Bad Blood' - 'Tödliche Rituale' (1989), 'Bad Luck' - 'Tödliches Glück' (1990), 'Bad Business' - 'Tödliche Geschäfte' (1991), 'Bad Moon' (1992), 'Bad Apple' (1994);
Loretta Kovacs & Frank Marvelli-Trilogie: 'Devil's Food' (1997), 'Double Espresso' (1998), 'Hit Fudge' (2000);
'Seven' - 'Sieben' (1995), 'Mission Impossible - The Tokyo Mandate' (1996), 'Bleeders' (nur als eBook, 2014).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: April 2014 ++
++ Update: September 2014 ++
 


Bunker, Edward

(1933-2005)

Edward "Eddie" Bunker kam am 31.12.1933 in einem schäbigen Teil Hollywoods zur Welt und wuchs auch dort auf. Seine Mutter war als Revuetänzerin, sein Vater als Bühnenarbeiter in der Filmmetropole tätig. Nach der frühen Scheidung der streitsüchtigen, zu viel Alkohol trinkenden Eltern wuchs Edward bei Pflegefamilien, einer Tante und in verschiedenen Institutionen auf, riss immer wieder aus und geriet bereits mit zwölf auf die schiefe Bahn. Bankraub, Erpressung, Drogenhandel, Bandenkriminalität, Checkfälschung, bewaffneter Raubüberfall und Totschlag - Bunkers kriminelle Energie kannte keine Grenzen. Er landete mehrmals im Knast (unter anderem zweimal für mehrere Jahre in Amerikas brutalstem Gefängnis San Quentin, wo er mit siebzehn Jahren der jüngste Sträfling aller Zeiten war, und im gefürchteten Hochsicherheitsgefängnis von Marion in Illinois) und las sich dort durch die Bibliotheken, was ihn davor bewahrte, den Verstand zu verlieren. Als ihm eine Freundin eine Schreibmaschine schenkte, gab er sich im Zuchthaus mit Leidenschaft dem Schreiben hin. Er verfasste Essays über die Zustände im Knast, die in Zeitschriften wie 'Harper's Magazine' und 'The Nation' abgedruckt wurden, sowie seine ersten Stories und Romane.

1973 veröffentlichte Bunker seinen ersten (semi-autobiografischen) Thriller 'Wilder als ein Tier'. Zwei Jahre später wurde er vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen - ein Wendepunkt in seinem Leben: Er beschloss, seiner Karriere als Verbrecher ein Ende zu setzen und seinen Lebensunterhalt fürderhin als Krimi- und Drehbuchautor und als Schauspieler in Los Angeles zu bestreiten - was ihm auch gelang. 1977 heiratete er die junge Anwältin Jennifer Steele, ihr gemeinsamer Sohn Brendan kam 1994 auf die Welt, doch die Ehe wurde später geschieden. Edward Bunker, ein langjähriger Diabetiker, starb 71-jährig in Burbank, Kalifornien, an den Folgen einer Gefässoperation.

Bunkers literarisches Vermächtnis besteht aus fünf harten, von einem qualvollen Lebenslauf zeugenden Krimis, den 1999 bzw. 2001 erschienenen Memoiren 'Mr. Blue: Memoirs of a Renegade' und 'Education of a Felon' und der Geschichtensammlung 'Death Row Breakout and other stories'. Seinen grössten Erfolg als Drehbuchautor hatte Bunker mit 'Runaway Train', der finsteren Geschichte der Flucht zweier Häftlinge aus einem Hochsicherheitsgefängnis im winterlichen Alaska mit Jon Voight in der Hauptrolle. Als Schauspieler glänzte Bunker unter anderem in der Rolle des Mr. Blue in Tarantinos Kultfilm 'Reservoir Dog'.

'Lockruf der Nacht', geschrieben im Knast in den frühen 60ern, erstmals veröffentlicht unter dem Titel 'Stark' im Jahr 2007, berichtet über die Leiden und Nöte des Ernie Stark, eines kleinen, miesen, an der Nadel hängenden Gauners in der kalifornischen Kleinstadt Oceanview. Der Cop Patrick Crowley stellt Ernie vor die Wahl: Mehrere Jahre Knast oder Spitzel in der örtlichen Drogenszene - er müsste der Polizei bloss seinen Kumpel Momo Mendoza, einen fetten hawaiischen, mit der schönen Dorie liierten und durch einen ultrabrutalen taubstummen Leibwächter beschützten Dealer, und dessen Chef ans Messer liefern. Doch Ernie will mehr, nämlich Dories Herz gewinnen und sich gleichzeitig im Drogenhandel zwischen Mexiko und Kalifornien eine goldene Nase verdienen. Die actiongeladene, stilistisch noch etwas unausgegorene Noir-Geschichte mündet in einen blutigen Showdown.

'Ort der Verdammnis' spielt in San Quentin, wo Rassenhass und Paranoia, Messerstechereien und Kravalle den Alltag bestimmen. Ron Decker, jung und blendend aussehend, stammt aus gutem Haus und geniesst das Leben als erfolgreicher Dealer, bis er mit Marihuana und Kokain im Wert von 150'000 Dollar erwischt und zu mehreren Jahren Zuchthaus in San Quentin verurteilt wird. Er ist kaum dort eingetroffen, als ihn eine Chicano-Clique vergewaltigen und als Stricher abrichten will, doch Earl Copen, ein einflussreiches Mitglied der Knast-Organisation "Weisse Bruderschaft" mit langjähriger San Quentin-Erfahrung, kommt ihm zu Hilfe und nimmt ihn dann unter seine Fittiche. Zwischen den ungleichen Häftlingen entwickelt sich eine tiefe Freundschaft - und die beiden setzen nun alles daran, zu entkommen aus dieser Welt, in der das Gesetz des Dschungels herrscht. 'Ort der Verdammnis' ist eine faszinierende Reportage über die Zustände in einem Gefängnis, in dem Resozialisierung ein Fremdwort ist, aber auch eine berührende Darstellung von zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sie selbst in diesem Klima des Grauens aufkeimen.

In seinem hoch realistischen, in einem kühlen, ja dokumentarischen Stil verfassten Spätwerk 'Der letzte Coup' zeigt Bunker auf drastische Art, wie in Besserungsanstalten aus jugendlichen Delinquenten brutale Schwerverbrecher geformt werden. Troy Cameron, der gerissene Planer, Gerald McCain, völlig zu Recht "Mad Dog" genannt, und Big Charley Carson, alias "Diesel", kennen sich seit ihrer Teenagerzeit und haben den grössten Teil ihres Lebens in Anstalten und Gefängnissen verbracht. Doch jetzt, mit Ende dreissig endlich auf freiem Fuss, soll sich ihr Leben mit einem letzten Coup endgültig zum Guten wenden. Der zurzeit in Tijuana einsitzende mexikanische Drogenboss Chepe beauftragt die drei gegensätzlichen Knastbrüder, den einjährigen Sohn des Rauschgiftschmugglers Brennan zu entführen, denn dieser schuldet ihm 4 Millionen Dollar. Ihr Honorar, wenn alles klappt: Eine halbe Million zuzüglich der Hälfte dessen, was Brennan zahlt. Die Frage ist nur, ob Troy den unberechenbaren Psychopathen "Mad Dog" in Schach halten kann.

Bibliografie:
'No Beast so Fierce' - 'Wilder als ein Tier' (1973), 'The Animal Factory' - 'Ort der Verdammnis' (1977), 'Little Boy Blue' (1981), 'Dog Eat Dog' - 'Der letzte Coup' (1995), ‚Stark' - 'Lockruf der Nacht' (2007).

++ Erstellt: Februar 2012 ++  


Burke, James Lee

(*1936)

James Lee Burke wurde 1936 in Houston, Texas, geboren und wuchs an der Golfküste von Texas und Louisiana auf. Er studierte Englisch am Southwestern Louisiana Institute in Lafayette und an der University of Missouri in Columbia mit einem Masters-Abschluss 1960. Nebenbei verrichtete er Aushilfsjobs in der Erdölindustrie, als Landvermesser und als Lastwagenfahrer. Nach dem Studium arbeitete er unter anderem als Zeitungsreporter, Sozialarbeiter und als Englischlehrer an verschiedenen Colleges. In den 60er- und frühen 70er-Jahren verfasste er mehrere nicht zum Krimigenre gehörende Romane und einen Kurzgeschichtenband. Die folgende Zeit war von seiner Alkoholsucht geprägt. Doch Burke konnte sich aufrappeln, wurde 1977 trocken, und Ende der 80er-Jahre gelang ihm mit seinen ersten Dave Robicheaux-Romanen der literarische Durchbruch. Seit 1989 ist er hauptberuflicher Autor. In den 80er-Jahren unterrichtete er zudem Creative Writing an der Wichita State University in Kansas.

Dave Robicheaux, genannt "Streak", ein alkoholkranker, die meiste Zeit jedoch trockener Cajun mit schwieriger Kindheit und traumatischer Vietnamvergangenheit, ist zu Beginn der Reihe Detective beim New Orleans Police Department. Am Schluss des ersten Krimis 'Neonregen' verliert er seinen Job und kehrt zu seinen Ursprüngen zurück: In die Kleinstadt New Iberia im Süden von Louisiana, wo er für das Sheriff Department arbeitet, hin und wieder aber auch auf eigene Faust ermittelt bzw. für Gerechtigkeit und Ordnung sorgt. Darüber hinaus betreibt er mit seinem schwarzen Freund Batist einen Bootsverleih und Köderladen.
In 'Blut in den Bayous' trifft Robicheaux auf ein kleines salvadorianisches Flüchtlingsmädchen, Alafair, die einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes über dem Golf von Mexiko, die er später adoptiert - und in diesem Roman wird Robicheaux' zweite Frau Annie Ballard, eine feinfühlige Sozialarbeiterin, die er in 'Neonregen' kennen gelernt hatte, im Bett ermordet - ein Verlust, der ihm ungemein nahe geht, und den er im Alkohol ersäuft, bevor er zur Rache schreitet.
Im nachfolgenden Roman 'Black Cherry Blues' kehrt Clete Purcell, Robicheaux' ehemaliger Polizeipartner und Lebensretter, aus Lateinamerika zurück, wo er als Kopfgeldjäger unterwegs war, und etabliert sich in New Orleans als Barkeeper und Privatdetektiv - die Wege der beiden alten Kumpel kreuzen sich fortan immer wieder.
Der vierte Roman 'Flamingo' bedeutet für Robicheaux einen Wendepunkt: Er heiratet seine dritte Frau Bootsie Giacano - die Witwe eines Vertreters der organisierten Kriminalität -, obwohl er weiss, dass sie unheilbar an Lupus erkrankt ist, und führt mit ihr eine gute, von gegenseitigem Respekt geprägte Ehe. (Bootsie wird im Fortgang der Reihe ihrer Krankheit erliegen.)

Robicheaux geht seinen Kriminalfällen, die ihn oft persönlich betreffen, mit an Besessenheit grenzender Leidenschaft und unkonventionellen Methoden nach, hat seine gewalttätige Ader nicht immer im Griff und nimmt das Gesetz gelegentlich in die eigene Hand. 'Strasse ins Nichts' führt ihn zurück zu seiner traurigen Famliengeschichte. In diesem Roman erfährt er, dass seine Mutter Mae, die 30 Jahre zuvor die Familie verlassen hatte, eine Prostituierte war und von zwei Polizisten als unliebsame Zeugin ermordet wurde.

Burke erzählt die düsteren, auf einer pessimistischen Weltsicht gründenden, tief in der Vergangenheit verwurzelten Robicheaux-Geschichten in einer sinnlich-poetischen Sprache und besticht mit ungemein plastischen und stimmungsvollen Schilderungen des ländlichen Louisiana mit seinem tropischen Klima und den heruntergekommen Dörfern, mit seinen herrlichen Landschaften und gefährlichen Sümpfen, mit seiner Korruption und seinem Rassismus, Phänomenen, die hier zum Alltag gehören.

Auch in seiner vierteiligen Reihe um den hart gesottenen, zu Wutausbrüchen neigenden Rechtsanwalt und früheren Texas Ranger Billy Bob Holland ist es Burke gelungen, gegenwärtige und vergangene Geschehnisse fein miteinander zu verweben. Die Krimis spielen in dem texanischen Bergkaff Deaf Smith, dessen ebenso hinterwäldlerische wie verkommene Bevölkerung mit sehr beachtlichen kriminellen Energien aufwartet.

In drei weiteren Krimis bekleidet Billy Bob Hollands Cousin Hackberry Holland, genannt "Hack", die Hauptrolle, ein ehemaliger Kriegsgefangener in Korea,, ein eins fünfunfneunzig grosser Witwer mit kantigem Profil, der jetzt als Sheriff in Rain Gods, Texas, zum Rechten schaut.

Burke lebt mit seiner Frau Pearl, mit der er seit 1962 verheiratet ist und vier Kinder hat, in Missoula, Montana, und New Iberia, Louisiana. Seine jüngste Tochter Alafair (!) Burke, eine ehemalige Staatsanwältin und jetzige Dozentin für Strafrecht, schreibt nebenberuflich ebenfalls Krimis.

Bibliografie:
Dave Robicheaux-Serie: 'The Neon Rain' - 'Neonregen' (1987), 'Heaven's Prisoners' - 'Mississippi Delta - Blut in den Bayous' (auch unter dem Titel 'Blut in den Bayous', 1988), 'Black Cherry Blues' - 'Black Cherry Blues' (1989), 'A Morning for Flamingos' - 'Flamingo' (1990), 'A Stained White Radiance' - 'Weisses Leuchten' (1992), 'In the Electric Mist with Confederate Dead' - 'Im Schatten der Mangroven' (1993), 'Dixie City Jam' - 'Mississippi Jam' (1994), 'Burning Angel' - 'Im Dunkel des Deltas' (1995), 'Cadillac Jukebox' - 'Nacht über dem Bayou' (1996), 'Sunset Limited' - 'Sumpffieber' (1998), 'Purple Cane Road' - 'Strasse ins Nichts' (2000), 'Jolie Blon's Bounce' - 'Die Schuld der Väter' (2002), 'Last Car to Elysian Fields' (2003), 'Crusader's Cross' (2005), 'Pegasus Descending' (2006), 'The Tin Roof Blowdown' (2007), 'Swan Peak' (2008), 'The Glass Rainbow' (2010), 'Creole Belle' (2012), 'Light of the World' (2013);
Billy Bob Holland-Serie: 'Cimarron Rose' - 'Dunkler Strom' (1997), 'Heartwood' - 'Feuerregen' (1999), 'Bitterroot' - 'Die Glut des Zorns', (2001), 'In the Moon of Red Ponies' (2004);
Hack Holland-Serie: 'Lay Down My Sword and Shield' (1971), 'Rain Gods' - 'Regengötter' (2009), 'Feast Day of Fools' - 'Glut und Asche' (2011).

++ Erstellt: Februar 2011 ++
++ Update: Juli 2012 ++
++ Update: Juli 2013 ++
++ Update: Oktober 2014 ++
Update: September 2015 ++
++ Update: Februar 2016 ++
 


Burley, W.J.

(1914-2002)

William John Burley wurde in Falmouth, einer Hafenstadt an der Südküste Cornwalls, geboren und wuchs dort mit fünf älteren Schwestern auf. Nach seiner Ausbildung an der Truro Central Technical School, Cornwall, und einer fünfjährigen Ausbildung in Physik, Chemie und Mathematik bei der Truro Gas Company nahm er eine leitende Position in diesem Betrieb ein; später arbeitete er auch für andere Gas-Gesellschaften. 1938 vermählte er sich mit Muriel Wolsey, die zwei Söhne, Alan und Nigel, gebar. Von 1950 bis 1953 studierte er Zoologie am Balliol College in Oxford, um danach Biologie an der Grammar School in Newquay, Cornwall, zu unterrichten. Während dieser Zeit, im Jahre 1966, debütierte er als Krimiautor. Acht Jahre später beendete er seine Lehrertätigkeit, um sich fortan ganz dem Schreiben zu widmen.

International bekannt wurde Burley mit der 22-teiligen (höchst erfolgreich für das Fernsehen verfilmten, von 1993 bis 1998 ausgestrahlten) Serie um Detective Chief Superintendent Charles Wycliffe, dem Leiter einer auf Schwerverbrechen spezialisierten Polizeieinheit in Devon und Cornwall.

Wycliffe, ein drahtiger, klein gewachsener Pfeifenraucher, führt mit der ehemaligen Sekretärin Helen eine glückliche Ehe und hat mit ihr erwachsene Zwillinge. Er liebt alte, wertvolle Bücher. Disziplin und Routine sind ihm ein Gräuel, doch am meisten verabscheut er Gewalttätigkeit. Sein engster Mitarbeiter ist zunächst Detective Chief Inspector Gill, ein zäher, ungemein fähiger, oft etwas bärbeissiger Bulle, später gesellen sich der ruhige, zuverlässige Detective Sergeant Doug Kersey sowie Detective Sergeant Lucy Lane, eine sehr attraktive junge Frau, dazu. Weitere wiederkehrende Figuren sind der Chefpathologe Dr. Franks und Wycliffes direkter Vorgesetzter Deputy Chief Constable Bellings, der sich fast ausschliesslich auf Verwaltungsaufgaben konzentriert. Die stark durch Simenons Maigret-Bücher beeinflussten Krimis leben von dem einprägsam gezeichneten, sympathischen, auf seine Intuitionen bauenden Protagonisten, der meistens allein unterwegs ist und sich ausgezeichnet in andere Menschen versetzen kann.

Zwei frühe, nicht auf Deutsch vorliegende Whodunits behandeln Kriminalfälle, mit denen sich der Zoologe und Gelegenheitsdetektiv Dr. Henry Pym und seine bezaubernde Sekretärin Susan auseinandersetzen. Darüber hinaus verfasste Burley drei Krimi-Einzelwerke und den Sciencefiction-Roman 'The 6th Day' (1978).

W.J. Burley starb 88-jährig in seinem Haus in Holywell bei Newquay, als er an seinem 23. Wycliffe-Krimi arbeitete.

Bibliografie:
Dr. Henry Pym-Romane: 'A Taste of Power' (1966), 'Death in Willow Pattern' (1969);
Superintendent Charles Wycliffe-Serie: 'Three Toed Pussy' - 'Und willst du nicht mein Mörder sein' (1968), 'To Kill a Cat' - 'Tod einer Katze' (1970), 'Guilt Edged' - 'Mehr als ein Motiv' (1971), 'Death in a Salubrious Place' (1973), 'Death in Stanley Street' (1975), 'Wycliffe and the Pea-Green Boat' (1975), 'Wycliffe and the Schoolgirls' - 'Unterricht in Angst und Schrecken' (1976), 'Wycliffe and the Scapegoat' - 'Trautes Heim, Mord allein' (1978), 'Wycliffe in Paul's Court' - 'Wenn tote Zeugen reden' (1980), 'Wycliffe's Wild Goose Chase' (1982), 'Wycliffe and the Beales' (1983), 'Wycliffe and the Four Jacks' (1985), 'Wycliffe and the Quiet Virgin' (1986), 'Wycliffe and the Winsor Blue' (1987), 'Wycliffe and the Tangled Web' (1988), 'Wycliffe and the Cycle of Death' (1990), 'Wycliffe and the Dead Flautist' (1991), 'Wycliffe and the Last Rites' (1992), 'Wycliffe and the Dunes Mystery' (1994), 'Wycliffe and the House of Fear' (1995), 'Wycliffe and the Redhead' (1997), 'Wycliffe and the Guildo of Nine' (2000);
Standalones: 'The Schoolmaster' - 'Gruss aus der Vergangenheit' (1977), 'Charles and Elizabeth' (1979), 'The House of Care' (1981).

++ Erstellt: Juni 2014 ++  


Burnett, W.R.

(Kürzel für William Riley Burnett, 1899-1982; schrieb auch als John Monahan)

W.R. Burnett, geboren in Springfield als Spross einer Politikerfamilie, aufgewachsen in Dayton, Ohio, besuchte das Miami Military Institute und die Ohio State University. Nach sechs Jahren quittierte er seinen recht eintönigen Job als Statistiker des Bundesstaats Ohio und liess sich 1927 in der damaligen Verbrecherhochburg Chicago nieder, um eine schriftstellerische Laufbahn in die Wege zu leiten. Er jobbte als Nachtwächter in einem schäbigen Hotel, das vornehmlich von Landstreichern, Preisboxern und Gangstern bevölkert war. Zurück in Ohio, hatte Burnett über hundert Kurzgeschichten und fünf Romane im Gepäck, alle unveröffentlicht. Der internationale Durchbruch liess dann nicht lange auf sich warten: Er erfolgte 1929 mit 'Kleiner Cäsar'.

Burnett verfasste insgesamt 20 Radio- und Theaterstücke, unzählige Stories und Liedtexte und 36 Romane (ausschliesslich Western und Krimis) und zählte namentlich in den 40er- und frühen 50er-Jahren zu den renommiertesten Drehbuchschreibern Hollywoods. Er starb 82-jährig in Santa Monica, Kalifornien.

Von Burnetts Stil prägenden, temporeichen, mit pointierten Dialogen aufwartenden Gangsterromanen ist der nagelharte Erstling 'Kleiner Cäsar' klar der beste. Der Autor schildert in diesem schmalen Band den Aufstieg und Fall von Cesare Enrico Bandello (genannt Rico), einem skrupellosen, schiesswütigen, jedoch nicht unsympathischen Italiener mit niedriger Stirn und flinken Händen, innerhalb der Chicagoer Gangster-Hierarchie der späten 20er-Jahre, der Zeit der Prohibition, der organisierten Kriminalität. Der Roman endet mit Ricos legendären Worten: "Mother of God! Is this the end of Rico?".

Bibliografie:
'Little Caesar' - 'Kleiner Cäsar' (auch unter den Titel 'Der kleine Cäsar' und 'Little Caesar', 1929), 'The Silver Eagle' (1931), 'Dark Hazard' (1933), 'High Sierra' - 'High Sierra' (1940), 'The Quick Brown Fox' (1942), 'Nobody Lives Forever' - 'Späterer Mord nicht ausgeschlossen' (1943), 'Tomorrow's Another Day' (1945), 'Romelle' (1947), 'The Asphalt Jungle' - 'Asphaltdschungel' (auch unter dem Titel 'Da waren es nur noch zwei', 1949), 'Little Men, Big World' - 'Im Schatten der Scheinwerfer' (1951), 'Vanity Row' - 'Ein gefährlicher Weg' (1952), 'Big Stan' (zuerst als John Monahan, 1953), 'Underdog' - 'Der Gezeichnete' (1957), 'Conant' - 'Ein Mann namens Conant' (1961), 'Round the Clock at Volari's' - 'Nachtclub Volari' (1961), 'The Widow Barony' (1962), 'The Cool Man' - 'Von vielen Hunden gehetzt' (1968), 'Goodbye Chicago: 1928, End of an Era' - 'Goodbye Chicago' (1981).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Burns, Rex

(Pseudonym für Raoul Stephen Sehler, *1935; schreibt auch als Tom Sehler)

Rex Burns wurde in Coronado bei San Diego, Kalifornien, geboren. Bis 1958 studierte er Englisch und Kreatives Schreiben an der Stanford University. Dann diente er drei Jahre bei der Marine, bevor er an die University of Minnesota ging und dort 1965 promoviert wurde. Nach drei Jahren als Dozent am Central Missouri State College lehrte er von 1968 bis 1998 Englische Literatur an der University of Colorado in Denver. In seiner Freizeit schrieb er fünfzehn Krimis, die zwischen 1975 und 1997 erschienen sind, und ein Sachbuch über die Industrielle Revolution. 1990 war er Mitherausgeber des Werks 'Crime Classics: The Mystery Story from Poe to the Present' heraus.

In elf Krimis steht der abgebrühte, ungemein beharrliche und geduldige Cop Gabriel "Gabe" Villanueva Wager aus Denver im Mittelpunkt, ein nach der Scheidung allein stehender Mann mit anglohispanischen Wurzeln und Vietnamvergangenheit. Der nur 1.70 grosse Detective verfügt über ausgezeichnete Manieren, doch mit ihm anlegen sollte man sich trotzdem besser nicht. Er geht ganz in seinem Beruf auf, selbst wenn er sich in der Mitte der Serie auf eine Beziehung mit einer Frau, der Polizistin Jo Fabrizio, einlässt. Anfänglich arbeitet er bei der notorisch unterbesetzten Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität, speziell des Drogenhandels, ab dem dritten Band dann bei der Mordkommission, wo sein Fleiss und sein einzelgängerischer Arbeitsstil zunächst auf Widerstand stossen.

'Der Alvarez-Clan' bildet den Auftakt zu der unprätentiösen, ein realistisches und facettenreiches Bild der Polizeiarbeit zeichnenden, mit trockenem Humor erzählten Gabe Wager-Serie. Gabe trifft hier auf einen alten Schulkollegen, Rafael Alvarez, Geschäftsführer des "Rare Things Shops", der offenbar im grossen Stil mit harten Drogen handelt. Gabe observiert den Laden, verhaftet ein paar kleinere Dealer, nimmt seine Spitzel in die Mangel - und stösst auf eine Mauer des Schweigens. Erst als sich ihm eine neue Informationsquelle eröffnet, kommen die Ermittlungen langsam ins Rollen.

Mehrere Fälle führen Gabe Wager in die Provinz des Bundesstaates Colorado, z.B. in das Indianerreservat der Four Corners Area, wo er die örtliche Polizei bei der Ermittlung einer Mordserie unterstützt ('Leaning Land'). Bisweilen ist Gabe auch undercover am Werk.

Burns' zweite Serie dreht sich um den ehemaligen Geheimdienstagenten und aktuellen Hightech-Sicherheitsexperten Devlin Kirk aus Denver und seinem hünenhaften Sidecick Homer Bunchcroft, genannt "Bunch", die immer mehrere Fälle am laufen haben. Seit dem Selbstmord seines Vaters leidet Kirk unter Schuldgefühlen, und daran ändert sich wenig, als er im ersten Band 'Suicide Season' erfährt, dass sein Vater in Wirklichkeit ermordet wurde, zumal ihm der Killer schliesslich entwischt.

Darüber hinaus veröffentlichte Burns eine Reihe von viel beachteten Krimikolumnen und Essays für angesehene Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für den 'Miami Herald' und die 'Washington Post', sowie Beiträge für Scribner's 'Mystery and Suspense Writers' und den 'Oxford Companion to Mystery'. Ferner moderierte er die Fernsehserie 'Anatomy of Mystery'. Er lebt in Boulder, Colorado, verfasst Kurzgeschichten für die einschlägigen Magazine und betreibt seit einigen Jahren ein Blog.

Bibliografie:
Detective Gabe Wager-Serie: 'The Alvarez Journal' - 'Der Alvarez-Clan' (1975), 'The Farnworth Score' - 'Einer muss gesungen haben' (1976), 'Speak for the Dead' - 'Der Schlüssel zum Tod' (1978), 'Angle of Attack' - 'Die Information' (1979), 'The Avenging Angel' (1983), 'Strip Search' - 'Der Cinnamon-Club' (1984), 'Ground Money' (1986), 'Killing Zone' (1988), 'Endangered Species' (1993), 'Blood Line' (1995), 'The Leaning Land' (1997);
Devlin Kirk-Serie: 'Suicide Season' (1987), 'Parts Unknown' (1990), 'Body Guard' (1991);
Als Tom Sehler: 'When Reason Sleeps' (1991).

++ Erstellt: Januar 2012 ++  



 

Cain, James Mallahan

(1892-1977)

James Mallahan Cain wurde als ältestes von fünf Kindern (drei Mädchen und zwei Knaben) des irisch-katholischen Englischlehrers James William Cain und der Opernsängerin Rose Mallahan, auch sie irischer Herkunft, in Annapolis, Maryland, geboren. Den Versuch, in die Fussstapfen seiner Mutter zu treten und eine Gesangskarriere zu verfolgen, brach er schweren Herzens ab. Stattdessen liess er sich bis 1910 am Washington College in Chesterton, Maryland, ausbilden, wo sein Vater damals Rektor war. In den folgenden Jahren verrichtete er verschiedene Jobs, unter anderem als Englisch- und Mathematiklehrer an einer Vorbereitungsschule für das College. 1917 machte er einen Master-Abschluss in Drama an der Johns Hopkins University in Baltimore.

Cain begann seine journalistische Karriere 1917 als Polizeireporter des 'Baltimore American'. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs betreute er in Frankreich das Divisionsblatt 'Lorraine Cross'. Daraufhin schrieb er während vier Jahren Artikel und Kolumnen für die 'Baltimore Sun'. Nachdem er knapp zwei Jahre am St. John's College in Annapolis Journalismus unterrichtet hatte, zog er 1924 nach New York City, wo er bis 1931 als Kolumnist und Redakteur für die Zeitung 'New York World' tätig war. Darüber hinaus verfasste er politische Texte und Essays für die Periodika 'Atlantic Monthly' und 'The Nation', aber auch Stories und Stücke für 'The American Mercury'. 1932 erhielt er ein gut dotiertes Angebot von den Paramount Studios, worauf er sich in Hollywood niederliess und ein paar (nicht sonderlich erfolgreiche) Drehbücher schrieb.

Während seiner Zeit in Hollywood, im Jahre 1934, veröffentlichte James M. Cain seinen millionenfach verkauften Geniestreich 'The Postman Always Rings Twice' (auf Deutsch mit dem törichten Titel 'Wenn der Postmann zweimal klingelt' verunstaltet), einen bahnbrechenden - für die Bühne adaptierten und mehrmals verfilmten - Noir-Roman, der dazu führte, dass der Autor in einem Atemzug mit Dashiell Hammett und Raymond Chandler genannt wurde. Das schlanke Werk erzählt die Geschichte einer unseligen Leidenschaft. Nick Papadakis, Besitzer einer Tankstelle und eines kleinen Restaurants in Kalifornien, heuert den jungen, abgebrannten Herumtreiber Frank Chambers als Hilfskraft an. Frank landet schon bald mit Nicks attraktiver Frau Cora im Bett, und Cora bittet Frank, Nick umzulegen. Frank erfüllt ihren Wunsch - und wird dann mangels Beweisen vor Gericht freigesprochen. Dem Liebesglück, versüsst durch eine hübsche Summe aus Nicks Lebensversicherung, scheint nun nichts mehr im Weg zu stehen - doch bald schon vergiften Misstrauen, Eifersucht und Geldgier die Beziehung des skrupellosen Paars, das Desaster ist nicht mehr fern. Ganz am Schluss schlägt Cain einen Purzelbaum…

Cains nachfolgende, von der Grossen Depression geprägte Romane - unter ihnen 'Double Indemnity', 'Serenade' und 'Mildred Pierce', um nur die bekanntesten und erfolgreichsten zu nennen - sind nach einem ähnlichen Muster gestrickt. Sie kreisen um Habsucht, Betrug und Gewalt, um Dreiecksbeziehungen, Ehebruch, Inzest und Sex in allen Schattierungen, um verzweifelte Menschen, die in ihrer Not auf die schiefe Bahn geraten, und sind mehrheitlich aus der Perspektive des Verbrechers erzählt. Den Erfolg seines Erstlings konnte der Autor freilich nicht mehr ganz wiederholen.

Neben seinen siebzehn Krimis veröffentlichte Cain den historischen Roman 'Mignon', ein Kinderbuch, zahlreiche Short Stories für verschiedene Magazine sowie - in jungen Jahren - etliche Theaterstücke, die indes nur wenig Zuspruch fanden. Seine Autobiografie konnte er nicht fertig stellen.

Im Jahr 2012 wurde 'The Cocktail Waitress' in Charles Ardais Reihe 'Hard Case Crime' erstmals aufgelegt - Cains Vermächtnis und eines seiner feinsten Werke, an dem der Autor in den letzten Jahren seines Lebens intensiv gearbeitet hatte, und dessen Ausgrabung und Rekonstruktion Ardai in einem spannenden Nachwort beschreibt. Ein Jahr später kam die deutschsprachige Version ('Abserviert') in einer vorzüglichen Übersetzung heraus.
Joan Medford, jung, temperamentvoll und ungemein attraktiv, hat gerade ihren gewalttätigen Ehemann beerdigt - er ist im Suff mit hundert Sachen in eine Mauer gekracht. Schweren Herzens gibt sie ihren vierjährigen Sohn bei ihrer kinderlosen Schwägerin in Obhut, um finanziell über die Runden zu kommen, und diese setzt nun alles daran, der Mutter den Buben endgültig wegzunehmen. Ihrem Mann nicht lange nachtrauernd, ergattert Joan schon bald einen lukrativen Job als Kellnerin in einer Cocktailbar - und kommt damit in engen Kontakt mit lüsternen Männern, etwa dem stinkreichen, schwer herzkranken Witwer Earl White, der ihr hoffnungslos verfällt, und dem rotzfrechen und charismatischen, jedoch mittellosen Rumtreiber Tom Barclay, der ihre Hormone in Aufruhr bringt - die Grundlage für eine schnörkellos-raffinierte Dreiecksgeschichte Cain'scher Prägung ist gelegt. Am Schluss der gut 300 Seiten langen Geschichte bleibt indes die kapitale Frage unbeantwortet: Ist die Ich-Erzählerin Joan Medford ein unglückseliges Opfer der Umstände oder eine mordende femme fatale?

James Cain war viermal kinderlos verheiratet: Von 1920 bis 1927 mit seiner Jugendliebe Mary Rebecca Clough, einer Lehrerin, von 1927 bis 1942 mit der Finnin Elina Sjösted Tyszecka, deren beiden Kinder er adoptierte, von 1944 bis 1947 mit der ehemaligen Stummfilm-Schauspielerin Aileen Pringle und schliesslich von 1947 bis 1966, dem Jahr ihres Todes, mit der Opernsängerin Florence Macbeth Whitwell - dies war seine glücklichste Zeit als Ehemann. Er verbrachte die letzten dreissig Jahre seines Lebens in Hyattsville, Maryland, wo er 85-jährig starb. Fünf Jahre später brachte Roy Hoopes eine Biografie des Autors ('The Biography of James M.Cain) zu Papier.

Bibliografie:
'The Postman Always Rings Twice' - 'Wenn der Postmann zweimal klingelt' (auch unter dem Titel 'Die Rechnung ohne den Wirt', 1934), 'Double Indemnity' - 'Doppelte Abfindung' (auch unter dem Titel 'Den Haien zum Frass', 1936), 'Serenade' - 'Serenade in Mexiko' (1937), 'The Embezzler' (auch unter dem Titel 'Money and the Woman' - 'Das Geld und die Frauen' (auch unter dem Titel 'Der Defraudant', 1940), ‚Mildred Pierce' - 'Mildred Pierce' (auch unter dem Titel 'Der Hass kann nicht schlafen', 1941), 'Love's Lovely Counterfeit' - 'Die falsche Seite der Liebe' (auch unter dem Titel 'Die andere Macht', 1942), 'Past All Dishonour' - 'Es begann am Sacramento' (1946), 'Sinful Women' - 'Das sündige Mädchen' (auch unter dem Titel 'Engelsgesicht', 1947), 'Butterfly' - 'Blutiger Schmetterling' (1947), 'The Moth' - 'Der hellgrüne Falter' (1948), 'Jealous Women' - 'Mord in Reno' (1950), 'The Root of His Evil' (auch unter dem Titel 'Shameless', 1951), 'Galatea' - 'Im Dunkel jener Nacht' (1953), 'The Magician's Wife' - 'Die Frau des Magiers' (auch unter dem Titel 'Tödliche Begierde', 1965), 'Rainbow's Ende' - 'Das Mädchen, das vom Himmel fiel' (1975), 'The Institute' - 'Zarte Hände hat der Tod' (1976), 'The Cocktail Waitress' - 'Abserviert' (2012).

++ Erstellt: November 2014 ++


Cain, Paul

(Pseudonym für George Caryl Sims, 1902-1966; schrieb auch als Peter Ruric)

George Caryl Sims kam als Sohn des Ex-Polizisten und Ladenbesitzers William Sims und seiner Frau Eva, geborene Freberg, einer Tochter schwedischer Einwanderer, in Des Moines, Iowa, zur Welt und wuchs nach der Trennung der Eltern mit der Mutter in einem gefährlichen Viertel Chicagos auf. Als junger Mann bereiste er die Welt und arbeitete nebenbei als Matrose, Kunstmaler und Berufsspieler. Seine Laufbahn als Autor begann er vermutlich Anfang der 20er-Jahre in den Stummfilmstudios von Hollywood, wo er offenbar auch mit Josef von Sternberg zusammenarbeitete. Ende der 20er-Jahre liess er sich in New York City nieder und lernte dort die (wie er selbst) heftig dem Alkohol zusprechende Schauspielerin Gertrude Michael kennen. Sie wurden ein Paar, doch die Beziehung hielt nur wenige Jahre. 1939 heiratete er das 20-jährige "Zigaretten-Girl" Virginia Maxine Glau, das sich fortan Mechel Ruric nannte, ihren Mann jedoch nach vier Jahren verliess. 1945 vermählte er sich mit der Drehbuchautorin Virginia Radcliffe, die Trennung erfolgte rund vier Jahre später. Auch seiner 1955 geschlossenen Ehe mit der dreissig Jahre jüngeren Peggy Gregson, die in den folgenden Jahren zwei Söhne, Peter und Michael, zur Welt brachte, war nur kurzes Glück beschieden.

1932 debütierte Sims im Krimigenre. Unter dem Nom de plume Paul Cain verfasste er bis 1936 siebzehn Stories, die im Pulp-Magazin 'Black Mask' veröffentlicht wurden. Parallel dazu, unter dem Pseudonym Peter Ruric, schrieb er eine Reihe von Hollywood-Drehbüchern, darunter 'Gambling Ship' und 'The Black Cat'. Gesundheitlich angeschlagen, lebte Sims in den 50er-Jahren vorwiegend in Frankreich. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten schrieb er Kochkolumnen für ein New Yorker Blatt und einige Skripts für das Fernsehen. Seine letzten Jahre verbrachte er in einer kleinen Wohnung in Los Angeles. Er starb 64-jährig in dem nahe gelegenen Toluca Lake Convalescent Hospital.

Im Zentrum von Cains schmalem belletristischem Werk stehen die Kurzgeschichten, von denen sieben im Sammelband 'Totschlag' erschienen sind; 'Taubenblut', 'Eins, zwei, drei', 'Black', 'Rote 71', 'Ausgetrickst', 'Hinrichtung in Blau' und 'Bombenstimmung' sind ihre Titel. In der Pulp Master-Anthologie 'Antihero' ist überdies 'Der Ausputzer' abgedruckt worden. Die harten, schmutzigen, mit schnellen szenischen Schnitten in einem schlackenlosen Stil erzählten Stories handeln von korrupten Bullen, schäbigen Privatdetektiven, durchtriebenen Weibern, brutalen Bodyguards und gewissenlosen Gangstern.

Für seinen einzigen Roman 'Null auf Hundert' "kannibalisierte" Cain seine fünf ersten Stories. Angesiedelt im Los Angeles der Depressionsjahre und der Prohibition, dreht er sich um den Spieler und ehemaligen Weltkrieg-Scharfschützen Gerry Kells, der seine Chance auf einen Haufen Geld wittert, als er von einer Ladung Kokain erfährt, die demnächst an Land geschafft werden soll. Doch dann macht sich Kells gleich drei Gangstersyndikate samt der auf ihrer Lohnliste stehenden Polizei zum Feind; und verliebt sich erst noch in die versoffene Schwedin Granquist, die ebenfalls mit der organisierten Kriminalität in Verbindung steht. (Granquist ist nach Cains damaliger Freundin Gertrude Michael gezeichnet.) Die ultrabrutale, jedoch ganz ohne reisserische Szenen auskommende Geschichte nimmt ein tieftrauriges Ende.

In den Vereinigten Staaten hat Cain im Jahr 2013 eine Wiederauferstehung erlebt: Seine Kurzgeschichten sind in einem schön aufgemachten Band ('Paul Cain: The Complete Stories', Mysterious Press) herausgekommen, ergänzt durch umfassende Angaben zu Leben und Werk des (bei uns längst in Vergessenheit geratenen) Autors.

Bibliografie:
'Fast One' - 'Null auf Hundert' (1936).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2013 ++
 


Calef, Noël

(Pseudonym für Nissim Calef, 1907-1968; schrieb auch als Maurice Derblay)

Noël Calef kam in der bulgarischen Stadt Philipoli, dem heutigen Plovdiv, als Sohn einer jüdischen Familie zur Welt. Er studierte in Alexandria und Wien und liess sich Anfang der 30er-Jahre mit seiner Frau Suzanne Biget in Frankreich nieder. Im August 1941 wurde er von den Nazis verhaftet und für mehrere Monate im berüchtigten Durchgangslager von Drancy interniert, bevor er nach Italien deportiert und dort in den Lagern Bardonecchia, Tolentino und Urbisaglia gefangengehalten wurde. Bei Kriegsende kehrte er in seine Wahlheimat Frankreich zurück und machte als Romanautor und, wie sein jüngerer Bruder Henri Calef, in der Filmbranche von sich reden. 1948 veröffentlichte er die Erinnerungen ‚Drancy 1941. Camp de représailles'. In den 50er-Jahren verfasste er sechs Spannungsromane, unter ihnen der Noir-Klassiker 'Fahrstuhl zum Schafott', der durch den damals 24-jährigen Louis Malle verfilmt wurde. Calef starb 60-jährig in Paris, vier Jahre nach seinem einzigen Kind, Claudine.

'Fahrstuhl zum Schafott' beginnt mit einem Mord, doch dann verlässt der Autor die gewohnten Krimipfade und verknüpft die Tat mit dem Treiben von Menschen, die in hoffnungslos zerrütteten Beziehungen stecken.
Julien Courtois, ein tief verschuldeter, mit der hysterischen und eifersüchtigen Geneviève verheirateter Geschäftsmann und Schürzenjäger, hegt die Absicht, seinen Hauptgläubiger, den alten Wucherer Bordgris, am Sonnabend nach Geschäftsschluss in dessen Büro zu erschiessen und die Tat als Suizid zu arrangieren. Der raffiniert eingefädelte Plan geht auf, doch dann bleibt der Fahrstuhl stehen, als Courtois das Gebäude verlassen will, denn der Hausmeister stellt übers Wochenende jeweils den Strom ab.
Kurz danach entwendet der kleine Gauner Fred Juliens Wagen, um mit seiner Freundin Thérésa ein prickelndes Wochenende zu verbringen. Geneviève aber sieht von weitem das sich entfernende Fahrzeug, als sie auf ihren Gatten wartet, und verdächtigt diesen des Seitensprungs mit seiner Sekretärin. Sie rächt sich an ihm, indem sie ihn bei der Polizei als vermisst meldet und ihrem älteren Bruder Georges (der zugleich Juliens zweiter Hauptgläubiger ist) von Juliens finanziellen Schandtaten erzählt - Georges, der für seine kleine Schwester mehr zu empfinden scheint als für seine gefühlskalte Frau Jeanne. Als Fred im Verlauf des Wochenendes zufällig auf die reichen brasilianischen Touristen Pedro und Germaine trifft, entlädt sich seine Frustration in einem Akt der Gewalt - derweil Julien noch immer im Fahrstuhl steckt und langsam den Verstand verliert.
Calef erzählt die wilde und tragikomische Geschichte, in der die Gesetzeshüter eine denkbar schlechte Figur abgeben, mit einer grossen Portion pechschwarzen Humors und rundet sie mit einer bitterbösen Pointe ab.

Bibliografie:
'Echec au porteur' - 'Den Tod in der Hand' (1956), 'Ascenseur pour l'Echafaud' - 'Fahrstuhl zum Schafott' (1956), 'Recours en grâce' - 'Gnadengesuch' (1957), 'Retour à Sorrente' - ‚Zurück nach Sorrent' (1957), 'Les Oursseloups' - ‚Das Geheimnis der "Juanita"' (1958), 'Le sang d'un boeuf anonyme' - 'Ein Stier soll bluten' (1958).

++ Erstellt: März 2012 ++  


Campbell, Robert W.

(1927-2000; schrieb auch als F. G. Clinton und R. Wright Campbell)

Robert Campbell, geboren in Newark, New Jersey, studierte Kunst am Pratt Institute in Brooklyn. Er nahm am Koreakrieg teil und war freischaffender Illustrator und Verfasser von Drehbüchern für Kinofilme und Fernsehserien, ehe er Mitte der 70er-Jahre nach Carmel, an die kalifornische Central Coast, zog und dort seine ersten (nicht dem Krimigenre angehörenden) Romane herausgab, die sich jedoch schlecht verkauften. Zehn Jahre später, 57-jährig und in argen Geldnöten steckend, versuchte er sich auf Anraten eines Freundes als Krimiautor. Er stellte drei Serien auf die Beine, in denen ganz unterschiedliche Figuren - Flannery, Whistler und Hatch - im Mittelpunkt stehen.

Der Ire Jimmy Flannery, Held einer elfteiligen, 1999 beendeten Serie, ist Kanalisationsinspektor, Wahlbezirks-Hauptmann der Demokraten, Wohltäter, Mädchen für Alles und eine Art Detektiv im multikulturellen 27. Stadtteil Chicagos; ein liebenswertes, umsichtiges, abgebrühtes Schlitzohr irischer Abstammung, das auf pragmatische Weise seine - nicht immer selbstlosen - Ziele verfolgt und im Viertel für Ordnung sorgt.

Whistler - er hat einen Vornamen, will ihn aber nicht preisgeben - ist der Protagonist der La-La-Land-Tetralogie (La steht für Los Angeles, das in der deutschen Übersetzung Glitzerland heisst), ein älterer, etwas sentimentaler Privatdetektiv, ein trockener Alkoholiker, der bei seiner Arbeit mit den düstersten Seiten Hollywoods - Snuff-Movies, Kinderpornographie, Satanismus, Mord - konfrontiert wird.

Campbells zwei Romane um den in Omaha stationierten Eisenbahndetektiv Jake Hatch, einen Koreaveteranen, der delikate Liebesbeziehungen pflegt, harren der Übersetzung ins Deutsche.

In dem 1988 erschienenen Einzelwerk 'Asche' kommen Campbells Stärken besonders gut zur Geltung: Unaufgeregte, lakonische Erzählweise, fein geschliffene Dialoge und die Fähigkeit, Verflechtungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen scharfsinnig und humorvoll auf den Punkt zu bringen. Im Mittelpunkt der temporeichen Geschichte, in der jeder jeden hereinzulegen versucht, stehen der betrügerische Kredithai Alfonso 'Puffy' Pachoulo und der ausgekochte und desillusionierte Cop Eddie "Panama" Heath (er trägt seit zwanzig Jahren denselben Panamahut), die sich in Los Angeles, der Stadt, die von Träumen lebt, bis aufs Blut bekämpfen.

Robert W. Campbell, Autor von 27 Romanen, 4 Theaterstücken, 14 Drehbüchern und Scripts für 10 TV-Serien, ein eingefleischter Junggeselle, starb 73-jährig in einem Krankenhaus in Monterey, Kalifornien.

Bibliografie:
Jimmy Flannery-Serie: 'The Junkyard Dog' - 'Kettenhund' (1986), 'The 600 Pound Gorilla' - 'Der eiskalte Gorilla' (1987), 'Hip-Deep in Alligators' - 'Krokodile weinen nicht' (1987), 'The Cat's Meow' - 'Boulevard der Lämmer' (auch unter dem Titel 'Jimmy Flannery und die verschwundenen Mädchen', 1988), 'Thinning the Turkey Head' (1988), 'Nibbled to Death by Ducks' (1989), 'The Gift Horse's Mouth' (1990), 'In a Pig's Eye' (1991), 'Sauce fort he Goose' (1994), 'The Lion's Share' (1996), 'Pigeon Pie' (1998);
La-La-Land-Serie: 'In La-La Land We Trust' - 'Glitzerland' (1986), 'Alice in La-La Land - 'Alice im Glitzerland' (1987), 'Sweet La-La Land' - 'Dämmerung im Glitzerland' (1990), 'The Wizard of La-La Land'(1995);
Jake Hatch-Romane: 'Plugged Nickel' (1988), 'Red Cent' (1989);
'Juice' - 'Asche' (1988), 'Boneyards' (1992).
Als F. G. Clinton: 'The Tin Cop' (1993).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Canning, Victor

(1911-1986; schrieb auch als Julian Forest und Alan Gould)

Geboren in Plymouth, Devon, als Sohn eines Vaters, der als Taxifahrer und Kutschenbauer arbeitete, wuchs Victor Canning mit seinen beiden jüngeren Schwestern in einfachen Verhältnissen zunächst dort, ab Mitte der 20er-Jahre in Oxford auf. Nach der Schulzeit am Plymouth Technical College und an der Oxford Central School verdiente er sich seine Brötchen anfänglich als Staatsangestellter. In dieser Zeit, im zarten Alter von siebzehn, konnte er seine ersten Stories an Zeitungen und Magazine verkaufen.

1934 veröffentlichte Canning seinen ersten Roman 'Mr Finchley Discovers his England', der gross einschlug und es ihm erlaubte, seinen Beamtenjob zu quittieren und sich fortan ganz dem Schreiben zu widmen. In den folgenden sechs Jahren publizierte er dreizehn (nicht als Krimis zu bezeichnende) Romane unter seinem angestammten Namen und den Pseudonymen Julian Forest und Alan Gould, daneben Reiseberichte für die Zeitung 'Daily Mail'.

Cannings 1935 mit Phyllis McEwen geschlossener Ehe entsprangen bis 1942 drei Töchter, Lindel, Hilary und die bereits als Kleinkind verstorbene Virginia. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte Canning zunächst bei der Royal Artillery in Wales, wo er zeitweilig in derselben Einheit wie Eric Ambler diente und sich mit ihm anfreundete, danach im Süden Englands und schliesslich in Nordafrika. Er war an der Invasion Siziliens beteiligt. 1946 verliess er die Armee im Rang eines Majors.

Nach dem Krieg konzentrierte sich Canning auf das Verfassen von leicht verdaulicher Spannungsliteratur - vorwiegend Agentenromane mit abenteuerlichen Szenen, angesiedelt zumeist in Afrika, Asien, Ost- und Südeuropa. Sein Werk enthält indes auch Drehbücher für Film und Fernsehen, Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher, Reisereportagen (das Reisen war Victor Cannings grosse Passion) und ungezählte Kurzgeschichten für einschlägige Pulp-Gefässe wie 'Argosy', 'Suspense' und 'Ellery Queen's Mystery Magazine'.

Die Verfilmung seines 1948 erschienenen Romans 'The Golden Salamander' bescherte Canning einen Haufen Geld, mit dem er ein Landhaus in Kent erwarb. Er lebte dort mit seiner Familie, bis er sich 1968 in Diana Bird, eine Nachbarin, verliebte und mit ihr nach Andover, später nach North-Devon übersiedelte. Eine Heirat war indes erst 1974 möglich, und knapp zwei Jahre danach erlag Diana einem Krebsleiden. Noch im selben Jahr vermählte sich Canning mit Adria Irving-Bell. Er lebte mit ihr die meiste Zeit in Cirencester, Gloucestershire, wo er 74-jährig einer Herzattacke erlag. Sein letztes Buch ('Table Number Seven') wurde von seiner Frau und seiner Schwester Jean fertiggestellt.

Den Gipfel seiner Schreibkunst erreichte Canning in den 70er-Jahren. Plastische Schilderungen von (oft zwielichtigen) Charakteren sowie von Landstrichen, Räumen und Tieren sind die Markenzeichen des scharf beobachtenden, einen schnörkellosen Stil pflegenden Autors, den im deutschsprachigen Raum kaum mehr jemand kennt.

Zu Cannings besten Werken zählt 'Auf der Spur', ein geschickt konstruierter Thriller, nach dem Alfred Hitchcock (ziemlich frei) sein Spätwerk 'Family Plot' drehte. Die steinreiche, nach dem Tod ihrer beiden Geschwister vereinsamte Miss Grace Rainbird hofft, mit Hilfe der sich als Medium ausgebenden Blanche Tyler ("Madame Blanche") ihren Neffen Edward Shoebridges aufzuspüren, der seit vielen Jahren verschollen ist. Blanche und ihr smarter, leichtlebiger Bettgefährte George Lumbley wittern ein hübsches Sümmchen und begeben sich auf Spurensuche. Gleichzeitig entführt ein Ehepar mit dem Decknamen "Trader" den Erzbischof von Canterbury, eine kleine, geheime Organisation der Regierung soll ihn befreien, ohne dass die Sache an die Öffentlichkeit dringt. Geschickt verknüpft der Autor die beiden lange Zeit parallel verlaufenden Handlungsstränge miteinander und führt die verwickelte Geschichte zu einem harten Ende.

'Der Charlie-Bazillus' ist eine packende und märchenhafte, mit schönen Landschaftsschilderungen geschmückte "Ape-on-the-Run-Story" um scharf gezeichnete Figuren - und um einen Schimpansen namens Charlie, ein Versuchstier des britischen Verteidigungsministeriums, dem die Flucht gelingt, nachdem es zu experimentellen Zwecken (sprich: Entwicklung von biologischen Waffen) mit einem überaus gefährlichen Bazillus infiziert worden ist - Inkubationszeit drei Wochen.

Bibliografie (nur Kriminalromane):
'Panther's Moon' - 'Schwarzer Panther' (1948), 'The Golden Salamander' - 'Der goldene Salamander' (1948), 'A Forest of Eyes' (1950), 'Bird of Prey' (auch unter dem Titel 'Venetian Bird') - 'Im Schatten von San Marco' (1951), 'The House of the Seven Flies' - 'Das Haus zu den sieben Fliegen' (1952), 'The Man from the "Turkish Slave"' (1954), 'A Handful of Silver' (auch unter dem Titel 'Castle Minerva', 1954), 'His Bones Are Coral' (auch unter den Titeln 'Twist of the Knife' und 'The Shark Run', 1955), 'The Hidden Face' (auch unter dem Titel 'Burden of Proof') - 'Das verborgene Gesicht' (1956), 'The Manasco Road' (auch unter dem Titel 'The Forbidden Road') - 'Rivalen am Riff' (1957), 'The Dragon Tree' (auch unter dem Titel 'The Captives of Mora Island') - 'Der Drachenbaum' (1958), ‚The Burning Eye' - 'Das brennende Auge' (1960), ‚A Delivery of Furies' - 'Der Raub der Furien' (1961), 'Black Flamingo' - 'Schwarzer Flamingo' (1962), 'The Limbo Line' - 'Hinter der Limbo-Linie' (1963), 'The Scorpio Letters' - 'Erpressung durch Scorpio' (1964), 'Queen's Pawn' - 'Schach der "Königin"' (1969), 'The Great Affair' (1970), 'Firecrest' - 'Der verlorene Freitag' (1971), 'The Rainbird Pattern' - 'Auf der Spur' (1972), 'The Finger of Saturn' - 'Tochter des Saturn' (1973), 'The Mask of Memory' - 'Die Wahrheit erfahren Sie später' (1974), 'The Kingsford Mark' - 'Das Sündenmal' (1975), 'The Doomsday Carrier' - 'Der Charlie-Bazillus' (1976), 'Birdcage' (1978), 'The Satan Sampler' - 'Querverbindungen' (1979), 'Fall from Grace' (1980), 'The Boy on Platform One' (1981), 'Vanishing Point' - 'Geheimnis für drei' (1982), 'Raven's Wind' (1983), ‚'irds of a Feather' (1985), 'Table Number Seven' (1987);
Rex Carver-Serie: 'The Whip Hand' (1965), 'Doubled in Diamonds' - 'Die Opiumbarke' (auch unter dem Titel 'Die Opium-Barke', 1966), 'The Python Project' - 'Kennwort Pythonschlange' (1967), 'The Melting Man' - 'Experiment mit dem Terror' (1968).

++ Erstellt: August 2014 ++  


Chaber, M.E.

(Pseudonym für Kendell Foster Crossen, 1910-1981; schrieb auch als Bennett Barlay, Ken Crossen, Richard Foster, Christopher Monig, Clay Richards und Kent Richards)

Kendell Foster Crossen, geboren in Albany, Athens County, Ohio, als einziges Kind einer Farmerfamilie, besuchte das Rio Grande College in diesem Bundesstaat und liess sich dann in Kalifornien nieder. Er arbeitete als Marktschreier und Versicherungsdetektiv und kreierte im Rahmen eines Arbeitslosenprogramms einen New Yorker Stadtführer, bevor er Redakteur bei der berühmten Zeitschrift 'Detective Fiction Weekly' wurde und etwas später, Anfang der 40er-Jahre, zu schreiben begann. Crossen war ein emsiger Autor: unter mindestens sechs Pseudonymen verfasste er (neben seiner journalistischen Tätigkeit) über 400 Radio- und Fernsehscripts (letztere unter anderem für 'Perry Mason' und '77 Sunset Strip'), rund 300 Kurzgeschichten und Kurzromane für die Pulps und 45 Romane.

Bekannt wurde Crossen durch seine leichtfüssige, mit M.E. Chaber gezeichnete Reihe um den ehemaligen OSS- und CIA-Agenten Milo March, der als eine Mischung aus Geheimagent, Privatschnüffler und Versicherungsdetektiv in der halben Welt herumkommt - Hongkong, Rio, Paris, Berlin, Rom und Kapstadt zählen zu den Destinationen - und sein Büro im Fortgang der Serie von Denver nach New York City verlegt. Der charmante und smarte, auf trockene Martinis und schöne Frauen stehende, nur selten um einen knackigen Spruch verlegene Protagonist verfügt über harte Fäuste, einen scharfen Verstand und weiss auch mit dem Schiesseisen geschickt umzugehen. Im dritten Roman heiratet er die junge Ostberlinerin Gerta Brooks, die er zwei Jahre zuvor aus den Klauen der Kommunisten gerettet hat, und adoptiert den spanischen Strassenjungen Ernesto Pujol, doch die beiden spielen in den späteren Büchern keine Rolle mehr.

Die 21-teilige Reihe erstreckt sich über gut zwanzig Jahre, ohne dass die Hauptfigur nennenswert altert. Im Nachlass fand sich ein weiterer, 1974 beendeter, jedoch unveröffentlicht gebliebener, mit 'Death to the Brides' betitelter Band. In der einzigen Verfilmung 'The Man Inside' wird Milo March durch Jack Palance verkörpert.

Weitere wiederkehrende Figuren sind der Versicherungsdetektiv Brian Brett aus Los Angeles, der Sonderermittler Grant Kirby, der Spion Kim Locke, der fette New Yorker Ermittler Jason Jones und der schlagkräftige Privatschnüffler Peter Draco aus Miami, der nicht mit dem intergalaktisch im 35. Jahrhundert ermittelnden Versicherungsdetektiv Manning Draco verwandt ist ('Once Upon a Star', 1953). Ferner die Sciencefiction- und Comicfigur "The Green Lama", ein buddhistischer Supermann, der sich nach langem Tibet-Aufenthalt in New York auf Verbrecherjagd begibt.

Kendell Foster Crossen war viermal verheiratet und hatte vier Kinder, Stephen, Karen, Kendra und David. Er starb 71-jährig in Los Angeles.

Bibliografie (ohne Sciencefiction):
Als M.E. Chaber: Milo March-Serie: 'Hangman's Harvest' (auch unter dem Titel 'Don't Get Caught', 1952), 'No Grave for March' (auch unter dem Titel 'All the Way Down', 1953), 'As Old as Cain' (auch unter dem Titel 'Take One for Murder') - 'Das verräterische Tagebuch' (1954), 'The Man Inside' (auch unter dem Titel 'Now It's My Turn) - 'Ein Mann zerstört sich selbst' (1954), 'The Splintered Man' (1955), 'A Lonely Walk' - 'Der Skandal' (1956), 'The Gallows Garden' (auch unter dem Titel 'The Lady Came to Kill', 1958), 'A Hearse of Another Color' (1958), 'So Dead the Rose' (1959), 'Jade for a Lady' (1962), 'Softly in the Night' - 'Leise durch die Nacht' (1963), 'Six Who Ran' - 'Der Millionenraub' (1964), 'Uneasy Lies the Dead' - 'Ist Rako tot?' (1964), 'Wanted: Dead Man' - 'Gesucht: ein toter Mann' (1965), 'The Day it Rained Diamonds' - 'Eine Hand voll Juwelen' (1966), 'A Man in the Middle' - 'In Hongkongs dunklen Gassen' (1967), 'Wild Midnight Falls' (1968), 'The Flaming Man' - 'Im dunklen Los Angeles' (1969), 'Green Grow the Graves' - 'Geheimauftrag für Milo March' (1970), 'The Bonded Dead' - 'Hände weg, oder...' (1971), 'Born to Be Hanged' (1973).
Als Christopher Monig:
Brian Brett-Serie: 'The Burned Man' (auch unter dem Titel 'Don't Count the Corpses', 1956), 'Abra-Cadaver' - 'Zweimal Mr. Greene' (1958), 'Once Upon a Crime' (1959), 'The Lonely Graves' (1960).
Als Richard Foster:
Pete Draco-Romane: 'Bier for a Chaser' (1959), 'Too Late for Mourning' (1960);
Standalones: 'The Laughing Buddha Murders' (1944), 'The Invisible Man Murders' (1945), 'The Girl from Easy Street' (1952), 'Blonde and Beautiful' (1955), 'The Rest Must Die' (1959).
Als Kendell Foster Crossen:
Kim Locke-Serie: 'The Tortured Path' (1955), 'The Big Dive' (1959), 'The Gentle Assassin' (ursprünglich als Clay Richards, 1964).
Standalones: 'Once Upon a Star' (1953), 'Year of Consent' (1954).
Als Ken Crossen:
Jason Jones-Romane: 'The Case of the Curious Heel' (1944), 'The Case of the Phantom Fingerprints' (1945);
Standalone: 'Murder Out of Mind' (1945).
Als Clay Richards:
Grant Kirby-Romane: 'The Marble Jungle' (1961), 'Death of an Angel' (1963);
Standalone: 'Who Steals My Name' (1964).
Als Bennett Barlay:
Standalone: 'Satan Comes Across' (1945).

++ Erstellt: September 2013 ++  


Charyn, Jerome

(*1937)

Jerome Charyn wurde als Spross jüdischer Einwanderer in der New Yorker Bronx geboren und wuchs dort in bescheidenen Verhältnissen auf: Sam, sein harter, wortkarger, polnisch-stämmiger Vater, arbeitete als Kürschner für die Army, Fanny, seine schöne, ungebildete Mutter weissrussischer Herkunft, als Kartengeberin in einem der zahlreichen illegalen, von dem legendenumwobenen Mobster Meyer Lansky betriebenen Pokerclubs. Nachdem Jerome einige Erfahrungen als Kleinkrimineller gesammelt hatte - mit zwölf Jahren war er so etwas wie ein Schuldgelderpresser -, fand er mit vierzehn den Rank und begann eine Ausbildung an der High School of Music and Art in Manhattan, Schwerpunkt Malen. Danach studierte er Literatur und Geschichte an der Columbia University in New York City mit einem Abschluss 1959.

In den folgenden Jahrzehnten unterrichtete Charyn Englisch und Kreatives Schreiben in New York City, Stanford, Princeton, Paris und verschiedenen Colleges und Universitäten in New York State. Anschliessend, von 1995 bis 2009, war er Professor für Filmgeschichte an der American University of Paris, weigerte sich jedoch standhaft, Fanzösisch zu lernen - aus Angst, seine eigene Sprache zu "verlieren". Seit 2009 lebt er in einem Appartment im West Village (Greenwich Village, Manhattan) und widmet sich die meiste Zeit dem Verfassen von Romanen.

Nebenberuflich, inspiriert durch seinen älteren Bruder Harvey, der dreissig Jahre lang Cop bei der Mordkommission des NYPD war, begann Jerome Charyn im Jahr 1974 seine Laufbahn als Chronist der New Yorker Unterwelt, als Schöpfer der apokalyptischen, irrwitzigen Romane um Isaac Sidel, die im ethnischen Schmelztiegel der Lower East Side angesiedelt sind - in einem Sumpf von Gewalt, Rassismus, Korruption und organisierter Kriminalität mit fliessenden Übergängen zwischen Gesetzeshütern, Politikern und Mafiabossen, in einer bizarren, chaotischen Welt, der stets etwas Surreales anhaftet. Oder, in den Worten des Autors: "Die Sidel-Romane handeln von Menschen, die sich am Rande bewegen und zufälligerweise Polizisten sind. Sie verweigern sich dem Genre, sie haben keinen Anfang, keine Mitte, kein Ende - sie passieren in einer Art Niemandsland". Grosse Bedeutung haben stets auch Charyns Passionen Baseball, Tischtennis und Literatur.

Isaac Sidel, Jahrgang 1930, wie sein Gestalter als Spross jüdischer Vorfahren in New York City geboren, steigt im Verlauf der (unbedingt chronologisch zu lesenden!) Serie vom unbekannten Detective Inspector zum Angst und Schrecken verbreitenden Polizeichef auf, dann zum Bürgermeister und zuletzt zum US-Vizepräsidenten der Demokraten - und bleibt doch immer ein Strassenjunge aus der Bronx, der nie ohne seine Glock-Pistole im Hosenbund aus dem Haus geht. Weshalb es Sidel so weit bringt? Weil er eine Mission hat; weil er Gesetze bricht und Menschen opfert; weil er zugleich Richter und Vollstrecker ist. Ein unbestechlicher Desperado. Ein mordender Romantiker. Ein Naturereignis.

Sidel ist aber auch ein einsamer, anarchistisch gesinnter, in einer mickrigen kleinen Wohnung an der Rivington Street wohnender Mann mit nicht mal hundert Dollar auf dem Konto, der bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbricht. Entfremdet von seiner Stammfamilie - sein Vater Joel, einst ein erfolgreicher Handschuhfabrikant, lebt als Porträtmaler mit einer jungen Vietnamesin in Paris, seine verrückte Mutter Sophie betreibt in New York einen Trödelladen, bis sie von Jugendlichen zu Tode getrampelt wird, und sein kleiner kleptomanischer Bruder Leo steht ständig wegen Unterhaltsklagen vor Gericht - und von seiner irischen Ehefrau Kathleen, die sich in Florida mit Immobilien eine goldende Nase verdient; gequält durch einen Bandwurm, mit dem ihn einer seiner Feinde, der Boss der Guzmann-Familie, infiziert hat; unwiderstehlich angezogen von traurigen Menschen, von Witwen und Waisen; zerrissen von seiner Gier nach verheirateten, unerreichbaren Frauen - in 'Secret Isaac' macht er der Anwaltsgattin Jennifer ein Kind, das er wohl nie sehen wird.

Seine grosse Liebe ist Magda Antonescu, alias Margaret Tolstoi, alias Prinzessin Anastasia, die er mit zwölf Jahren kennenlernte, als er mit ihr in New York die Schulbank drückte, eine faszinierende Frau rumänischer Herkunft, die einen Teil ihrer Kindheit in Odessa verbracht hat, mit Hunderten Männern im Bett war und für alle möglichen Geheimdienste und das FBI ins Feld zieht - in mehreren Büchern prallen sie und Sidel wuchtig aufeinander. Und dann gibt es noch den umtriebigen New Yorker Kardinal Jim O'Bannon, Isaacs besten (und wohl einzigen wahren) Freund, der sich lieber um sein Baseballteam als um die Seelen seiner Schäfchen kümmert.

Charyns frühe Sidel-Romane 'Blue Eyes' und 'Marilyn the Wild' (zeitlich vor 'Blue Eyes' angesetzt) gehören eigentlich dem blonden, unverschämt gut aussehenden Detective Manfred Coen, genannt Blue Eyes - leidenschaftlicher Ping-Pong-Spieler, geschiedener Vater zweier Töchter und unfreiwilliger Frauenheld jüdisch-polnischer Herkunft mit unwiderstehlichen blauen Augen, dessen Eltern vor vielen Jahren durch eine Gangsterbande (den peruanischen, in der Bronx ansässigen Guzmann-Clan, der in Charyns frühen Romanen immer wieder für schlechte Stimmung sorgt) in den Tod getrieben worden sind -, während Sidel Isaac, seine grosse Zeit beginnt erst nach Coens gewaltsamem (von ihm mitverschuldetem) Tod, hier noch etwas am Rande verharrt. Die dem zweiten Buch den Titel gebende, mit Manfred Coen in eine heisse Affäre verstrickte "femme fatale" Marilyn ist Sidels liebestolle, männerverschlingende Tochter, die ihren Vater immer wieder bis aufs Blut provoziert.

In 'Patrick Silver' ist Sidel hinter dem Kindermörder Jeromino her, dem ältesten und schwachsinnigsten der fünf Söhne der Familie Guzmann, die alle aus verschiedenen Gebärmüttern stammen, und von denen nur einer - Jesus, der jüngste - die Grundschule abschliessen konnte. Jerominos Bodyguard Patrick Silver, ein irisch-jüdischer Guinness-Säufer Ende vierzig, der stets ohne Schuhe, mit stinkenden Socken, durch die Grossstadt läuft und im Hauptberuf eine Synagoge bewacht, war früher Sidels Cop-Kollege. Und verliebt sich jetzt hoffnungslos in die (ebenfalls dem Guzmann-Clan angehörende) Pornokönigin Odile Leonhardy, was seinem Oberstübchen nicht gut tut. Am Schluss liegt Jeromino im bereits etwas überfüllten "Familiengrab" - und die verbliebenen Guzmanns wickeln ihre kleinen, schmutzigen Geschäfte fürderhin in Barcelona ab.

'Secret Isaac' (der letzte Teil des "Isaac-Quartetts") sieht Isaac Sidel erstmals ganz allein im Mittelpunkt. Der noch immer seinem (am Ende von 'Blue Eyes' durch einen chinesischen Killer erschossenen) Ziehsohn Manfred Coen nachtrauernde und von Schuldgefühlen zerfressene Bulle befindet sich auf einem seiner gefürchteten Feldzüge. Er lebt in einem heruntergekommenen Hotel im Nuttenquartier, streift in alten Lumpen durch die Gegend und trifft dabei auf die blutjunge, durch ihren Mann, den mächtigen Luden Dermott Bride, gebrandmarkte Prostituierte Annie Powell, die ihn in ihren Bann zieht. Kurz danach wird das Mädchen ermordet. Die Jagd nach dem Killer führt den James Joyce-Verehrer Sidel nach Dublin und schliesslich zu einem gigantischen irischen Zuhälterring, dessen Ausläufer bis in die höchsten New Yorker Polizeikreise reichen.

Die Ivanhoes - Sidels illegales Netzwerk von geheimen Informanten -, der schwule Mafia-Anwalt Maurice Goodstein, der Mobster Jerry DiAngelis, sein unterbelichteter Bruder Teddy, sein Schwiegervater Izzy Wasser, der Kopf des Clans, und sein grosser Rivale Sal Rubino, der raffinierte Strippenzieher Frederic LeComte vom Justizministerium, der hochbegabte 12-jährige Waisenjunge Kingsley McCardle, der in einer Jugendstrafanstalt einsitzt und vielleicht gar kein Kind ist, eine geheimnisvolle rumänische Prinzessin namens… Anastasia sowie Baseball in vielen Facetten sind die wichtigsten Ingredienzien der nächsten (zwölf Jahre nach 'Secret Isaac' erschienenen, aber nur kurze Zeit später spielenden) Folge 'Der gute Bulle' - mit Sidel als frisch gebackenem New Yorker Polizeichef, der gegen die allgegenwärtige Korruption in den Krieg zieht und sich mit jedem anlegt, der ihm im Weg steht, auch mit dem Gouverneur oder der feschen Bürgermeisterin Rebecca Karp, seiner gelegentlichen Bettgefährtin. Bis er einen Schritt zu weit geht und - angeklagt des Machtmissbrauchs und der Bestechlichkeit - verhaftet und vor Gericht gestellt wird.

'Maria' behandelt das Duell zwischen Carlos Maria Montalban - hoch angesehener Leiter eines New Yorker Schulbezirks, aber auch mit der Mafia verbandelter Drogenhändler, der seine Geschäfte mit Geldern finanziert, die für Lehrmittel und Schulspeisungen bestimmt sind - und Polizeipräsident Isaac Sidel, der sich weiterhin am liebsten auf den Strassen der Bronx aufhält, und zu Beginn der Erzählung einen Mordanschlag nur mit sehr viel Glück überlebt, nach zehn Stunden im Operationsaal und zwei Monaten im Koma. Zwischen den Fronten: Police Detective Carroll Brent - Gatte der millionenschweren Schönheit Diana und Schwiegersohn des mächtigen Bauunternehmers und Mafia-Mittelsmanns "Papa" Cassidy -, ein junger, etwas naiver Cop, der für Sidel verdeckt gegen Maria ermittelt. Dann aber überspannt Maria den Bogen und wird durch den Mafiaboss Sal Rubino abserviert - der Funke, der das Pulverfass zündet: Es kommt zu einem blutigen Konflikt zwischen Rubino und dessen Intimfeind Jerry DiAngelis, mit Isaac Sidel als Kriegsberater des DiAngelis-Clans.

In 'Montezumas Mann' befindet sich Bürgermeister-Kandidat Sidel wieder einmal im Clinch mit der Mafia, mit deren schillernden Repräsentanten Izzy, Jerry und Sal ihn ja schon lange eine eigentümliche Art von Hassliebe verbindet - und diesmal setzt Sidel seinen Fuss erstmals auf sizilianischen Boden. Die Erzählung dreht sich um kunstvoll hergestellte Holzpuppen, in denen Heroin von Palermo nach Manhattan verschoben wird - ein Sizilianer mit dem Spitznamen Montezuma war auf die brillante Idee gekommen. In einer tragenden Rolle: Joe Barbarossa, ein bereits von früheren Büchern her bekannter Urenkel des berühmten Nez Percé-Häuptlings Chief Joseph, ein hoch dekorierter Vietnam-Veteran und NYPD-Detective, in dessen Adern auch italienisches, irisches und ein Schuss afrikanisches Blut fliesst, Sidels derzeit bester Mann - eine Kreuzung aus Gesetzeshüter, Drogendealer und Profikiller. Und Sidels wilde Tochter Marilyn taucht endlich wieder aus der Versenkung auf - mit Joe Barbarossa im Schlepptau…

'Abrechnung in Little Odessa' sieht einen bereits auf die sechzig zusteuernden Sidel, der sich einen Monat vor seinem Amtsantritt als Bürgermeister einmal mehr auf einen äusserst heiklen Undercover-Job einlässt: Er schlüpft in die Rolle des Penners Geronimo Jones, um die Knickerbocker-Boys zu vernichten, eine Gang, die New York City "von Bastarden, Niggern, Juden und anderem Gesindel" säubern will. Dabei kann er sich wie immer auf seinen langjährigen direkten Untergebenen und jetzigen Nachfolger als Polizeichef Carlton Montgomery III, genannt Sweets, verlassen, einen baumlangen Schwarzen aus begütertem Haus mit einem Abschluss in Jura, und auch dessen ebenfalls schwarzhäutiger Intimus Albert "Wig" Wiggens, der ungleich rabiater zu Gange ist, steht Sidel tatkräftig zur Seite. Als schärfster Gegner kristallisiert sich schliesslich Sidels finanzkräftiger Wahlkampfhelfer Quentin Kahn heraus, der in den Vereinigten Staaten einen äusserst lukrativen Handel mit blauäugigen osteuropäischen Kindern aufgezogen hat.

Auch in 'El Bronx' ist Bürgermeister Isaac Sidel inkognito im Dschungel der Bronx unterwegs. Unterstützt durch seine Tochter Marilyn und seinen derzeitigen Schwiegersohn Joe Barbarossa, durch die "Bronx Major Crimes Brigade", einen unabhängig vom NYPD operierenden, durch den aufstrebenden Staatsanwalt Brock Richardson geleiteten "Spähtrupp zur Bekämpfung der Schwerkriminalität", und durch zwei beherzte Kids, Angel "Aljoscha" Carpenteros und Marianna Storm, nimmt er das Gesetz in die eigenen Hände, als im Viertel ein wahnsinniger Bandenkrieg um Macht und Drogen ausbricht, in den durchgedrehte Killer, schmierige Politiker und bekiffte Cops, aber auch Strassenkinder verwickelt sind. Doch nicht genug damit: Die US-Baseballspieler stehen seit Wochen im Streik - eine Katastophe für Isaac Sidel und die Bronx.

'Citizen Sidel', Charyns sperrigster und anspruchvollster - in unzählige, stets wieder fallen gelassene Handlungsstränge zerbröselter, mit literarischen Verweisen (vor allem auf Isaak Babels autobiografischen Erzählband 'Geschichten aus Odessa') gespickter - Roman, zieht uns Leser auf gerade mal 180 Seiten mit einem besonders schillernden Figurenensemble in den Bann. Wir treffen auf die umstrittenen Cops Doug Knight und Doug Knight Junior, Vater und Sohn, und auf Bart Grossvogel, den bösartigen Captain des Reviers Elizabeth Street, die aus 'El Bronx' bekannten Teenager Marianna, frühreife und hochintelligente 12-jährige Tochter des Baseball-Zars und demokratischen Präsidentschaftskandiaten J. Michael Storm, für den Sidel in den Wahlkampf zieht, und Angel, Graffiti-Künstler, abtrünniges Mitglied einer Jugendgang und Mariannas Herzbube, auf Bull Latham, den abgebrühten Boss des FBI, Calder Cottonwood, den schwächelnden amtierenden US-Präsidenten, und Tim Seligman, den Chefstrategen der Demokraten; ferner (einmal mehr) auf Sidels geheimnisvolle Jugendliebe Margaret "Anastasia" Tolstoi; und einen gebrechlichen 85-jährigen Rumänen namens Ferdinand Antonescu, der seit dem Zweiten Weltkrieg als "Schlächter von Bukarest" bekannt ist - und Anastasia geehelicht hat, als sie ein kleines Mädchen war. Und auf die traurige Kampfratte Raskolnikow, Sidels symbolbeladenes Maskottchen.

Im elften Buch der Isaac Sidel-Saga 'Unter dem Auge Gottes', herausgekommen 2012, dreizehn Jahre nach 'Citizen Sidel', ist Charyn im Jahr 1988 angelangt. Noch-Bürgermeister Sidel, designierter Vizepräsident der USA mit guten Aussichten auf das höchste politische Amt des Landes, läuft noch einmal zu grosser Form auf: Als gerissener Cop, als Beschützer der Bronx im Kampf gegen korrupte Politiker und gefrässige Immobilien-Spekulanten. Seine letzten Wochen in Manhattan, bevor es ins Weisse Haus geht, verbringt er im geschichtsträchtigen Hotel Ansonia - Caruso, Toscanini, Mahler, Strawinsky und Jehudi Menuhin, Jack Dempsey, Babe Ruth und viele andere Berühmtheiten haben dort gehaust; vor allem aber Arnold Rothstein, zu Beginn des 20. Jahrhundert der "König des Verbrechens", den Sidel zu seinem Leidweisen nicht kennen lernte. Dafür traf er im Jahr 1940 erstmals auf Rothsteins (fiktiven) Zögling David Pearl, mit dem sein Vater Joel damals fruchtbare Kontakte knüpfte. Im Ansonia trifft Sidel jetzt, nach fast einem halben Jahrhundert, wieder auf den zum Multimilliardär aufgestiegenen Finanzjongleur Pearl, der den Hotelkomplex beherrscht und von hier aus seine zwielichtigen Geschäfte in der Bronx abwickelt, sowie auf dessen unglückliche Gespielin Trudi Winckleman, genannt Inez, Mutter zweier Kinder und ehemalige Buchhalterin einer Bordellkette in New Orleans, in die er sich unsterblich verliebt. Dies hindert Sidel jedoch nicht daran, ein weiteres (vielleicht letztes Mal) im grossen Stil und ohne Rücksicht auf Verluste den Sündenpfuhl Manhattan auszumisten - der von Leichen gesäumte Weg führt ihn vom Hotel Ansonia nach San Antonia, Texas, und dann zurück nach New York City.

Um das dritte Quartett zu komplettieren (die Bände fünf bis acht werden ja bisweilen auch als "Odessa-Quartett" bezeichnet), wird Jerome Charyn höchst wahrscheinlich ein zwölftes Buch folgen lassen, mit Isaac Sidel als Präsident der Vereinigten Staaten. Oder als GOtt.

Aus dem Jahr 1998 stammt Charyns grossartiges Einzelwerk 'Der Tod des Tango-Königs' mit dem Hauptschauplatz Kolumbien (die Kokain-Metropole Medellin, "Welthauptstadt des Mordes"; der Urwald des Amazonas-Beckens; die Strassenschluchten Bogotas) und folgenden Protagonisten: Ruben Falcone, gleichzeitig Boss des gigantischen Kokainkartells und menschenfreundlicher Umweltschützer; Falcones Cousine Yolanda Ramirez, allein erziehende Mutter des kleinen Benjamin und gescheiterte Bankräuberin, die ein obskurer - durch Mister Bruno und Professor Sparks verkörperter - US-amerikanischer Geheimdienst aus dem Gefängnis holt und als Lockvogel anheuert, um Falcone endlich aus dem Verkehr zu ziehen; Rudolfo, der siebenjährige König der Strassenkinder und Serienmörder, der schliesslich doch noch in einer Schule landet. Daneben Todesschwadronen; indianische "Vogelmenschen", die mit selbst gebauten Flügeln im Regenwald herumflattern; der berühmte Romancier Bailen, frisch gebackenes Staatsoberhaupt Kolumbiens, der Falcone zum Umweltminister macht; und nicht zuletzt die Titelfigur Guillermo Gaudi, ein Legenden umwobener Tango-Tänzer und analphabetischer Bandit, der 1940 ermordet wurde. 'Der Tango-König' ist ein faszinierendes, in einem unverwechselbaren Sprachstil gestaltetes Spiel mit Genres, bzw., in den Worten des Autors: Eine "kreative Halluzination".

Jerome Charyn verfasste überdies die historischen Romane 'Johnny One-Eye' (Amerikanische Revolution) und 'The Secret Life of Emily Dickinson', die atemberaubende New Yorker Gangstergeschichte 'Paradise Man' mit dem vielschichtig gezeichneten Berufskiller Holden als Hauptperson, die autobiografisch gefärbten Romane 'Die dunkle Schöne aus Weissrussland' (der Titel nimmt Bezug auf Charyns Mutter, die eine ausserordentlich attraktive Frau gewesen sein musste), 'Der schwarze Schwan' und 'Bronx Boy'; 'Movieland', eine überschäumende Liebeserklärung an Hollywood; 'Metropolis', ein Porträt von New York City in der Ära des legendären jüdischen Bürgermeisters Ed Koch; 'Gangsters & Gold Diggers' über die "Roaring Twenties" am Broadway; und weitere Sachbücher, unter anderem über Baseball, Tischtennis, Isaak Babel, Quentin Tarantino und Marilyn Monroe; ferner Kurzgeschichten, die Anthologie 'Dunkle Engel', Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher, Comic-Texte für renommierte Zeichner wie Jacquel de Loustal, Francois Boucq und José Munoz, und Liedtexte für seinen 2013 verstorbenen Freund Georges Moustaki.

Bibliografie:
Isaac Sidel-Serie: 'Blue Eyes' - 'Blue Eyes' (auch unter dem Titel 'Ping Pong Päng'!, 1974), 'Marilyn the Wild' - 'Marilyn the Wild' (auch unter dem Titel 'Die wilde Marilyn', 1976), 'The Education of Patrick Silver' - 'Patrick Silver' (auch unter dem Titel 'Die Erziehung des Patrick Silver', 1976), 'Secret Isaac' - 'Secret Isaac' (auch unter dem Titel 'Isaacs Geheimnis, 1978), 'The Good Policeman' - 'Der gute Bulle' (1990), 'Maria's Girls' - 'Maria' (1992), 'Montezuma's Man' - 'Montezumas Mann' (1993), 'Little Angel Street' - 'Abrechnung in Little Odessa' (1994), 'El Bronx' - 'El Bronx' (1997), 'Citizen Sidel' - 'Citizen Sidel' (1999), 'Under the Eye of God' - 'Unter dem Auge Gottes' (2012);
Einzelwerke: 'Paradise Man' - 'Paradise Man' (1987), 'Elsinore' (1991), 'Death of a Tango King' - 'Der Tod des Tango-Königs' (1998), 'Hurricane Lady' - 'Tödliche Romanze' (2001).

++ Erstellt: Februar 2014 ++  


Chase, James Hadley

(Pseudonym für René Brabazon Raymond, 1906-1985; schrieb auch als James L. Docherty, Ambrose Grant, Raymond Marshal und R. Raymond)

James Hadley Chase, als Sohn eines britischen Armeeoffiziers in London geboren, ausgebildet an der King's School in Rochester, Grafschaft Kent, verliess mit achtzehn sein Elternhaus, um sich in verschiedenen Jobs zu versuchen, unter anderem im Buchhandel. Seiner 1932 geschlossenen, bis zu seinem Tod bestehenden Ehe mit Sylvia Ray entsprang ein Sohn. Im Zweiten Weltkrieg diente er bei der Royal Air Force. Er brachte es zum Geschwaderführer und gab nebenbei das 'Royal Air Force Journal' heraus. 1956 liess er sich mit seiner Familie in Frankreich nieder, dreizehn Jahre später auf der Schweizer Seite des Genfersees, in der kleinen Ortschaft Corseaux-sur-Vevey, wo er ein zurückgezogenes Leben führte. Er starb dort im Alter von 78 Jahren.

Als ihm Mitte der 30er-Jahre James Mallahan Cains Bestseller 'Wenn der Postmann zweimal klingelt' in die Hände fiel, beschloss Chase, einen ebenso ertragreichen, in Amerika spielenden Gangsterroman zu verfassen. Er brütete über Enzyklopädien, Landkarten und Slang-Wörterbüchern, um seine bescheidenen Kenntnisse von den USA zu vertiefen, bis er 1939 sein erstes Buch herausgeben konnte: 'Keine Orchideen für Miss Blandish'. Der (wörtlich übersetzte) Titel klingt harmlos wie jener eines Agatha-Christie-Krimis; Chases Romanerstling ist indes das pure Gegenteil - ein schnörkelloser und brutaler Kracher, ein Meilenstein der hardboiled Literatur.

James Hadley Chase, ein Meister des knappen Stils und des lakonischen Dialogs, aber auch ein Autor mit höchst seltsamem Frauenbild (seine weiblichen Gestalten sind fast ausnahmslos smart, durchtrieben und kriminell und büssen dafür in der Regel mit einem qualvollen Tod), veröffentlichte bis zu seinem Tod unter verschiedenen Pseudonymen 97 Krimis (teilweise mit wiederkehrenden Ermittlern wie Dave Fenner, Vic Malloy, Steve Harmas, Frank Terrell und Mark Girland), die mehrheitlich in der fiktiven, vermutlich Miami nachgezeichneten Küstenstadt Paradise City oder in der ebenfalls erfundenen kalifornischen Stadt Orchid City angesiedelt sind. Sie wurden in über dreissig Sprachen übersetzt und als Vorlage für zahlreiche Filme verwendet. In den 90er-Jahren geriet Chase dann rasch in Vergessenheit.

'Keine Orchideen für Miss Blandish' beginnt mit einem missglückten Raub: Drei Schmalspurgangster wollen Miss Blandishs Collier entwenden, kidnappen irrtümlich dessen Trägerin - und sind nun heillos überfordert. Die Gangstertruppe Nummer zwei, von weitaus grösserem Kaliber und mit dem psychopathischen Mutter-Sohn-Paar Ma und Slim Grissom an der Spitze gut gerüstet, radiert das unbedarfte Trio denn auch gleich aus, um dessen Arbeit erfolgreich zu vollenden. Doch jetzt tritt Dave Fenner auf den Plan, ein ausgekochter, vor keiner Gewalttat zurückschreckender Privatdetektiv.

Bibliografie:
Als James Hadley Chase:
'No Orchids for Miss Blandish' (auch unter dem Titel 'The Villain and the Virgin') - 'Keine Orchideen für Miss Blandish' (auch unter dem Titel 'Die Erbschaft der Carol Blandish', 1939), 'The Dead Stay Dumb' - 'Rollendes Dynamit' (1939), 'Twelve Chinks and a Woman' (auch unter dem Titel 'The Doll's Bad News') - 'Die anderen sind tot, sagte Miller' (1940), 'Get a Load of This' (Stories, 1941), 'Miss Callaghan Comes to Grief' - 'Dann knackte es, und der Strom summte' (auch unter dem Titel 'Miss Callaghan muss Trauer tragen', 1941), 'Miss Shumway Waves a Wand' - 'Wilder Zauber' (1944), 'Eve' - 'Eva' (1945), 'I'll Get You for This' - 'Ein Schlummertrunk vom Boss' (auch unter dem Titel 'Der Sarg mit dem doppelten Boden', 1946), 'The Flesh of the Orchid' - 'Das Fleisch der Orchidee' (auch unter dem Titel 'Ein Grab voller roter Orchideen', 1948), 'You Never Know With Women' - 'Make-up für eine Somnambule' (1949), 'You're Lonely When You're Dead' - 'Tote sind einsam' (1949), 'Lay Her Among the Lillies' (auch unter dem Titel 'Too Dangerous to Be Free') - 'Die Katze im Sack' (1950), 'Figure It Out for Yourself' (auch unter dem Titel 'The Marijuana Mob') - 'Jeff Barratts Ratten' (1950), 'Strictly for Cash' - 'Nur wer im Wohlstand lebt…' (auch unter dem Titel 'Geld stinkt nicht', 1951), 'Double Shuffle' - 'Strich durch die Rechnung' (auch unter dem Titel 'Millionentanz', 1952), 'The Fast Buck' - 'Er schwieg bis zuletzt' (1952), 'I'll Bury My Dead' - 'Auge um Auge' (1953), 'This Way for a Shroud' - 'Der Schlächter von Dead End' (1953), 'Tiger By the Tail' - 'Stier bei den Hörnern' (1954), 'Safer Dead' - 'Tote reden nicht' (1954), 'You've Got It Coming' - 'Zu hoch hinaus' (1955), 'There's Always a Price Day' - 'Man muss für alles zahlen' (1956), 'The Guilty Are Afraid - 'Ängstlich sind die Schuldigen (auch unter dem Titel 'Nur Streichhölzer' 1957), 'Not Safe to Be Free' (auch unter dem Titel 'The Case of the Strangled Starlet') - 'Gemeingefährlich' (1958), 'Shock Treatment' - 'Plötzlich und unerwartet' (1959), 'The World In My Pocket' - 'An einem Freitag um halb zwölf…' (1959), 'What's Better Than Money?' - 'Was ist besser als Geld?' (1960), 'Come Easy, Go Easy' - 'Rasthaus des Teufels' (1960), 'Just Another Sucker' - 'Dumme sterben nicht aus' (auch unter dem Titel 'Palmetto - Dumme sterben nicht aus', 1961), 'A Lotus for Miss Quon' - 'Lotusblüten für Miss Quon' (1961), 'A Coffin from Hong Kong' - 'Ein Sarg aus Hongkong' (1962), 'I Would Rather Stay Poor' - 'Lohngelder für Pittsville' (1962), 'One Bright Summer Morning' - 'Kein Tag wie jeder andere' (1963), 'Tell It tot he Birds' - 'Keine Versicherung gegen Mord' (1963), 'The Soft Centre' - 'Wenn der Film reisst' (1964), 'The Way the Cookie Crumbles' - 'Der Mini-Killer' (1965), 'Cade' - 'Cade' (1966), 'This Is for Real' - 'Nach Gebrauch vernichten' (1965), 'You Have Yourself a Deal' - 'Schwarze Perle aus Peking' (1966), 'Have This One on Me' - 'Einmal Prag und zurück' (1967), 'Well Now, My Pretty' - 'Es tut nicht weh, Baby' (1967), 'An Ear to the Ground' - 'Brillanten für die Bestie' (1968), 'Believed Violent' - 'Die Todespille' (1968), 'The Vulture Is a Patient Bird' - 'Geier sind geduldig' (1969), 'The Whiff of Money' - 'Süsses Parfüm Gold' (1969), 'There's a Hippy on the Highway' - 'Die Jacht des Toten' (1970), 'Like a Hole in the Head' - 'Nett wie ein Loch im Kopf' (1970), 'An Ace Up My Sleeve' - 'Noch ein As im Ärmel' (1971), 'Want to Stay Alive'?' - 'Falls Sie Ihr Leben lieben' (1971), 'Just a Matter of Time' - 'Gut geplant ist halb gemordet' (1972), 'You're Dead Without Money' (1972), 'Knock, Knock! Who's There?' - 'Der Tod klopft an die Tür' (1973), 'Have a Change of Scene' - 'Tödlicher Tapetenwechsel' (1973), 'Goldfish Haven No Hiding Place' - 'Wo soll ein Goldfisch sich verstecken?' (1974), 'So What Happens to Me?' - 'Absturz ins Paradies' (1974), 'Believe This - You'll Believe Anything' - 'Hurrikan der Leidenschaften' (1975), 'Do Me a Favor, Drop Dead' - 'Sei so gut und stirb' (1976), 'I Hold the Four Aces' - 'Vier Asse auf einmal' (1977), 'Meet Mark Garland' (1977), 'My Lough Comes Last' - 'Ich lache zuletzt' (1977), 'Consider Yourself Dead' - 'Gleich bist du eine Leiche' (1978), 'A Can of Worms' - 'Einmal zuviel geheiratet' (1979), 'You Must Be Kidding' - 'Einen Kopf kürzer' (1979), 'You Can Say That Again' - 'Ein Double für die Falle' (1980), 'Try This One for Size' - 'Trau keinem Schurken' (1980), 'We'll Share a Double Funeral' - 'Jagt den Killer' (1982), 'Have a Nice Night' - 'Schöner Abend für Ganoven' (1982), 'Hand Me a Fig Leaf' - 'Was steckt hinterm Feigenblatt' (1982), 'Not My Thing' - 'Mach mir den Pelz nicht nass' (1983), 'Hit Them Where It Hurts' - 'Zahltag' (1984).
Als Raymond Marshall:
'Lady, Here's Your Wreth' - 'Nach Mitternacht' (auch unter dem Titel 'Ein Ticket für die Todeszelle', 1940), 'Just the Way It Is' - 'Hallo, ist da jemand?' (1944), 'Make the Corpse Walk' - 'Leichen sind lästig' (1946), 'Blonde's Requiem' (1946), 'No Business of Mine' - 'Nicht mein Bier' (1947), 'Trusted Like the Fox' (1948), 'The Paw in the Bottle' - 'Ein Hauch von Gewalt' (1949), 'Mallory' - 'Gesucht wird Mallory' (1950),1), 'Why Pick on Me?' - 'Der Ring des Bogenschützen' (1951), 'But a Short Time to Live' (auch unter dem Titel 'The Pickup') - 'Ein Grab für zwei' (1951), 'In a Vain Shadow' (auch unter dem Titel 'Never Trust a Woman') - 'Sareks Sore' (1951), 'The Wary Transgressor' - 'Der scharlachrote Mund' (1952), 'The Things Men Do' - 'Der Mann mit dem blauen Gesicht' (1953), 'Mission to Venice' - 'Mord am Canale Grande' (1954), 'The Sucker Punch' - 'Alibi auf Tonband' (1954), 'Mission to Siena' - 'Zahle oder stirb' (1955), 'You Find Him, I'll Fix Him' - 'Die Kanaille' (1956), 'Hit and Run' 'Dame mit beschränkter Haftung' (1958).
Als James L. Docherty:
'He Wont Need It Now' - 'Bedarf gedeckt' (1939).
Als Ambrose Grant:
'More Deadley Than the Male' - 'Satan in Satin' (1946).

++ Erstellt: November 2014 ++  


Chraibi, Driss

(1926-2007)

Driss Chraibi wurde als Sohn eines wohlhabenden islamischen Teehändlers in El-Jadida an der marokkanischen Atlantikküste geboren. Nach dem Gymnasium am französischen Elite-Lycée Lyantey in Casablanca ging er 1945 nach Paris, wo er 1951 in Chemie abschloss. Als er daraufhin keine Arbeit fand, bereiste er Europa und Israel, seinen Lebensunterhalt bestritt er unter anderem als Nachtwächter, Journalist, Arabischlehrer und Fotograf. Mitte der 50er-Jahre liess er sich mit seiner ersten Frau Catherine Birckel und den fünf Kindern in Frankreich nieder. Dort begann er seine Laufbahn als Schriftsteller - und avancierte zum Pionier und "enfant terrible" der Maghreb-Literatur.

Im Jahr 1954 erschien Chraibis erster von rund zwanzig Romanen: 'Le Passé simple', eine scharfe Abrechnung mit der traditionellen marokkanischen Gesellschaft. Der autobiografisch gefärbte Roman sorgte in Marokko für einen Skandal und blieb bis 1977 verboten. Anfang der 80er-Jahre debütierte Chraibi als Krimiautor, 1998 und 2001 gab er seine Memoirenbände 'Vu, lu, entendu' und 'Le monde à côté' heraus. Darüber hinaus schrieb er während dreissig Jahren Hörspiele für die Radiostation 'France-Culture'. Er starb 80-jährig in seiner Wohnung in Crest, Drôme, wo er seit 1986 mit seiner zweiten Frau, der Schottin Sheena McCullion, und ihren fünf gemeinsamen Kindern gelebt hatte.

Von 1981 bis 2004 veröffentlichte Chraibi den Fünfteiler um Inspektor Ali (Nachname unbekannt) von der Mordkommission Casablanca, der auch in England, den Vereinigten Staaten und Afghanistan ermittelt.

'Inspektor Ali im Trinity College', knapp 120 Seiten umfassend, spielt vor allem im englischen Cambridge, wo eine adelige marokkanische Studentin unter rätselhaften Umständen ums Leben kam. Inspektor Ali, ein schlitzohriger, unberechenbarer, von seinen Gegnern notorisch unterschätzter - mal als grobschlächtiger Tölpel, mal als arroganter Macho auftretender - Ermittler, ein Liebhaber von Lyrik, Kreuzworträtseln und schönen Frauen, reist mit seiner heissblütigen Gattin Sophia nach England, um dort ein wenig zum Rechten zu schauen bzw. eine diplomatische Katastrophe zu verhindern. Mit lässiger Dreistigkeit macht er sich ans Werk und löst den höchst delikaten Fall, an dem seine britischen Kollegen kläglich gescheitert wären.

Bibliografie:
Inspektor Ali-Serie: 'Une enquête au pays' - 'Ermittlungen im Landesinnern' (1981), 'L'inspecteur Ali' (1991), 'L'inspecteur Ali à Trinity College' - 'Inspektor Ali im Trinity College' (1996), 'L'inspecteur Ali et la CIA' (1998), 'L'homme qui venait du passé' (2004).

++ Erstellt: Oktober 2014 ++  


Clark, Clare

(*1967)

Clare Clark kam in London zur Welt und studierte Geschichte am Trinity College in Cambridge. Anschliessend arbeitete sie elf Jahre in der Werbung, zuerst bei Saatchi & Saatchi, dann bei Bartle Bogle Hegarty in London und New York. Heute lebt die verheiratete Mutter zweier Kinder wieder in ihrer Geburtsstadt und widmet sich hauptberuflich dem Verfassen von historischen Romanen. Darüber hinaus schreibt sie Beiträge für die Literaturseite des 'Guardian' und andere Zeitungen und ist Tutor für Kreatives Schreiben an der Londoner City University.

'Der Vermesser' (im Original: 'The Great Stink') aus dem Jahr 2005 war Clarks erster von bislang vier Romanen. Das faszinierende, tief unter die Haut gehende Sittengemälde spielt in einer unterirdischen Welt des Jahres 1855: in der seuchengeplagten Kloake Londons, dem Wohnsitz von Ratten und armen Schluckern - unter ihnen die Kanaljäger Tom und Joe, die ihren Lebensunterhalt bestreiten, indem sie die fett gefressenen Nager für illegale Hundekämpfe verkaufen. Hier treffen wir auf den Vermessungsingenieur William May, einen jungen, am Krimkrieg zerbrochenen Familienvater, den es immer wieder in die Kanäle zieht - nur dort, knietief in den Exkrementen stehend und sich selbst mit dem Messer tiefe Wunden zufügend, fühlt er sich lebendig und frei. Trotz seiner seelischen Blessuren erhält er jetzt den Auftrag, das uralte, marode Kanalisationssystem zu erneuern - ein Mammutprojekt, das nicht überall auf Zustimmung stösst. Als bald danach ein Mord in den Kanälen geschieht, gerät William May unter Verdacht, es droht die Todesstrafe. Erst in letzter Sekunde gelingt es seinem hartnäckigen Pflichtanwalt Sydney Rose, die kriminillen Machenschaften eines einflussreichen Mitglieds der Baubehörde an den Tag zu bringen.

In ihren folgenden Romanen 'Der Apotheker' (ein finsterer Medical Thriller aus dem London des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts), 'Die französische Braut' (eine komplexe, im Louisiana des beginnenden 18. Jahrhunderts angesiedelte Liebesgeschichte) und 'Beautiful Lies' (die im London des Jahres 1887 spielende Erzählung einer extravaganten Frau, deren Leben auf Lügen gebaut ist) erreicht Clare Clark die kompositorische und stilistische Dichte ihres Erstlings nicht mehr ganz.

Bibliografie:
'The Great Stink' - 'Der Vermesser' (2005), 'The Nature of Monsters' - 'Der Apotheker' (2007), 'Savage Lands' - 'Die französische Braut' (2010), 'Beautiful Lies' (2012).

++ Erstellt: Mai 2014 ++  


Cleary, Jon

(1917-2010)

Jon Stephen Cleary wurde als ältestes von sieben Kindern einer bettelarmen Arbeiterfamilie in Sydney geboren. Er verliess die Schule mit vierzehn, um Geld zu verdienen, und verrichtete in den folgenden acht Jahren unzählige Gelegenheitsjobs, war aber auch oft arbeitslos. 1940 ging er zur australischen Armee, bei der er im Nahen Osten und in Neu Guinea diente. In dieser Zeit verfasste er ein paar Kurzgeschichten und das prämierte Hörspiel 'Safe Horizon'. 1947, ein Jahr nach seiner Hochzeit, debütierte Cleary als Romanautor. Von 1948 bis 1951 arbeitete er für das 'Australia News and Information Bureau' zuerst in London, dann in New York City. 1951 erschien sein bekanntestes Buch 'Sundowners' (kein Krimi), von dem 3 Millionen Exemplare abgesetzt wurden.

1966 hatte Clearys alter Ego Scobie Malone aus Sydney, ein liebenswürdiger Polizist und Familienvater irisch-katholischer Herkunft, seinen ersten Auftritt als Krimifigur. In der 20-teiligen, über fast 40 Jahre sich dahinziehenden, mit detailreichen Schilderungen Sydneys geschmückten Serie werden auch sozialpolitische Themen wie Rassismus, Feminismus, Wert der Familie und Homosexualität behandelt. Auf Deutsch liegt einzig der erste Titel 'Der Hochkommissar' vor, in dem Scobie Malone nach London entsandt wird, um den des Mordes an seiner ersten Frau verdächtigten australischen Hochkommissar John Quentin möglichst diskret zu verhaften, dabei in eine gefährliche politische Intrige verwickelt wird - und seine zukünftige Frau Lisa, Quentins Sekretärin, kennen lernt.

Cleary war mit über fünfzig Romanen (neben den Scobie Malone-Krimis vor allem Kriegs-, Abenteuer- und Politromane) und einer Gesamtauflage von gegen 10 Millionen einer der produktivsten und erfolgreichsten Autoren Australiens und machte auch als Drehbuchautor für Film und Fernsehen von sich reden. Nachdem er viele Jahre in den USA und Grossbritannien verbracht hatte, lebte er seit den 70er-Jahren in seiner Geburtsstadt. Der Tod seiner Frau, der Krankenschwester Joy Lucas, mit der er 57 Jahre verheiratet war, bedeutende einen herben Verlust für Cleary. Er folgte ihr sieben Jahre später im Alter von 92 Jahren.

Bibliografie:
Scobie Malone-Serie: 'The High Commissioner' - 'Der Hochkommissar' (auch unter dem Titel 'Der Haftbefehl' (1966), 'Helga's Web' (1970), 'Ransom' (1973), 'Dragon's at the Party' (1987), 'Now and Then, Amen' (1988), 'Babylon South' (1989), 'Murder Song' (1990), 'Pride's Harvest' (1991), 'Dark Summer' (1992), 'Bleak Spring' (1993), 'Autumn Maze' (1994), 'Winter Chill' (1995), 'A Different Turf' (1996), 'Endpeace' (1998), 'Five-Ring Circus' (1999), 'Dilemma' (2000), 'The Bear Pit' (2000), 'Yesterday's Shadow' (2001), 'The Easy Sin' (2002), 'Degrees of Connection' (2004).

++ Erstellt: Mai 2011 ++  


Coatmeur, Jean-Francois

(*1925)

Geboren und aufgewachsen in der bretonischen Ortschaft Pouldavid-sur-Mer (dem heutigen Douarnenez) als zweiter Sohn einer Arbeiterfamilie, besuchte Jean-Francois Coatmeur die Klosterschule in der nahe gelegenen Gemeinde Pont-Croix. Am 5. August 1944 entging er um ein Haar der Hinrichtung durch die bereits auf dem Rückzug sich befindenden deutschen Okkupanten, ein höchst traumatisches, in dem 1991 erschienenen Roman 'Les croix sur la mer' verarbeitetes Erlebnis.

Nach seinem Studium der klassischen Literatur, das er Anfang der 50er-Jahre an der katholischen Fakultät der Universität Angers abschloss, arbeitete er als Sekundarlehrer für dieses Fach in Calais und Brest. Von 1958 bis 1963 unterrichtete er an einer französischen Schule in Abidjan, Elfenbeinküste, um dann doch wieder in seine nordfranzösische Heimat, nach Brest, zurückzukehren, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1985 als Lehrer wirkte. Er ist seit 1952 mit Josette Beyer verheiratet und hat mit ihr eine 1953 geborene Tochter, Jehanne.

Parallel zu seiner Lehrertätigkeit wandte sich Coatmeur in der ersten Hälfte der 50er-Jahre dem Schreiben zu. Sein Werk besteht aus gut zwei Dutzend Krimis, zahlreichen Novellen, mehreren Hörspielen, einem Theaterstück und dem bereits erwähnten Roman 'Les croix sur la mer'. 'Sirenen um Mitternacht' und 'Nur kein Skandal!' sind seine bekanntesten Krimis, mit ihnen begründete er seinen Namen als "Meister der Intrige" sowie als Autor, der auch den Schwachen, den Opfern, Aussenseitern und Kindern, eine Stimme gibt.

'Sirenen der Nacht', eine atemlose, mit sprunghaften Szenen- und Perspektivenwechsel vorangetriebene Geschichte, spielt in der bretonischen Hafenstadt Brest in einem fiktiven Frankreich, das nach einem Militärputsch von einer totalitären Regierung und einer paramilitärischen Polizeitruppe kontrolliert wird - und in dem kaum mehr Verbrechen geschehen. Als dann in derselben Nacht an ganz unterschiedlichen Orten das linientreue Ehepaar Fontange, bestehend aus der reichen, nach einem Unfall gelähmte Fabrikantin Fabienne und dem Frauenhelden Eric, getötet wird, geht die Polizei von einer kommunistischen Verschwörung aus, was natürlich Unsinn ist. Unter Tatverdacht gerät indes auch Jef Chabert, der Bruder der Ermordeten, ein heruntergekommener Ex-Flic - und Alleinerbe des schwesterlichen Vermögens. In weiteren tragenden Rollen: Der Gastarbeiter Manoel Pereira, ein wichtiger Zeuge, der nach einem Verhör durch die Geheimpolizei spurlos verschwindet; Maud Chabert, die von ihrem Mann Jef getrennt lebt und ihm trotzdem ein falsches Alibi verschafft; und Kommissar Rault, der sich bei seinen Ermittlungen weder durch lügende Zeugen noch durch opportunistische Vorgesetzte und die Machenschaften von "Monsieur Jean", dem gefürchteten Chef der Geheimpolizei, beirren lässt - und die überraschende Lösung ans Licht bringt.

In Coatmeurs elftem Roman 'Nur kein Skandal!' werden die "Briefkastentante" Liz und ihr kleiner Sohn Sébastien in ihrem Haus in der Nähe von Quimper ermordet. Albert Laugel, Liz' Ex-Mann und Sébastiens Vater, ein ruhiger, sympathischer Zeitgenosse, traut der Polizei nicht über den Weg. Er beginnt selbst zu ermitteln, überlebt ein Attentat nur knapp - und kommt schliesslich einem ungeheuren Komplott auf die Spur, in das ein farbiges Figurenemsemble verwickelt ist: Carol Ridoni, die zwei Monate zuvor von drei Maskierten vergewaltigt wurde und sich dann in ihrer Not an Liz wandte; der unbestechliche Journalist Loïc Leporon, der seinen Mut mit dem Leben bezahlt; Léon Ballière, der Bürgermeister von Quimper, und sein aufmüpfiger Sohn Olivier; der verheiratete Psychiater Jacques Garamance und seine sinnenfrohe Geliebte Vicki Lemarchand, die - neben einem unbekannten Dritten - an der Vergewaltigung beteiligt waren; und die gegensätzlichen Polizisten Commissaire Nargeot und sein Assistent David Cadoc.

Bibliografie:
'Chantage pour une ombre' (1963), 'Nocturne pour mourir' (1965), 'Aliena' (1968), 'Baby-foot' - 'Sechzehn Jahre sind kein Leben' (1970), 'J'ai tué une ombre' (auch unter dem Titel 'autre-mort', 1972), 'La voix dans Rama' (1973), 'Le squale' (1975), 'Les sirènes de minuit' - 'Sirenen um Mitternacht' (1976), 'Le mascaret' (1977), 'On l'appelait Johnny' - 'Ein gewisser Johnny' (1979), 'La bavure' - 'Nur kein Skandal!' (1980), 'Morte fontaine' (1982), 'La nuit rouge' - 'Blutige Nacht' (1984), 'Yesterday' (1985), 'Narcose' (1987), 'La danse des masques' (1989), 'Escroquemort' (1992), 'Des feux sous la cendre' (1994), 'Les secrets d'Agnès Valière' (1996), 'La porte de l'enfer' (1997), 'Ballet noir' (1999), 'Escale à Brest' (2000), 'Tout nos soleils sont morts' (2002), 'La fille de Baal' (2005), 'Une écharde au cœur' (2010), 'L'0uest barbare' (2012).

++ Erstellt: Oktober 2013 ++  


Cody, Liza

(Pseudonym für Liza Nassim, *1944)

Liza Cody, geboren und aufgewachsen in London, studierte Kunst an der London Art School und der Royal Academy School of Art. Danach war sie unter anderem als Möbelschreinerin, Fotografin, Kunstmalerin, Roadie einer Londoner Rockband, Grafikerin und eine Zeit lang auch als Restauratorin in Madame Tussauds Wachsmuseum tätig. Ende der 70er-Jahre kam sie zum Schreiben von Krimis und Kurzgeschichten.

Von 1980 bis 1991 veröffentlichte Cody die sechsteilige, eher konventionelle Reihe mit Anna Lee als Protagonistin, einer ehemaligen Polzistin und jetzigen Angestellten der kleinen Londoner Detektivagentur Brierly Security. Im letzten Band 'Doppelte Deckung' geht Anna Lee, die mit David Quex eine etwas unbefriedigende Beziehung pflegt, nach Sarasota, Florida, wo sie eine vermisste Frau aufspüren soll - und den Überseeaufenthalt dazu benützt, ihr Leben neu zu überdenken. Die Serie wurde Mitte der 90er-Jahre in fünf Folgen für das englische Fernsehen verfilmt.

Mit der Ich-Erzählerin Eva Wylie erweckte Liza Cody 1992 eine der eindruckvollsten Figuren der modernen Kriminalliteratur zum Leben (auch Anna Lee kommt in den drei Romanen zu kleinen Auftritten). Eva Wylie, die "Killerqueen von London", eine hässliche, muskelbepackte und analphabetische, auf einem Schrottplatz in den Londoner Slums hausende Kampfhundhalterin mit Knastvergangenheit, ist Profi-Catcherin, Gelegenheitsdetektivin - und bei all ihren Schwächen eine starke, authentisch gezeichnete Underdog-Figur mit weichem Kern.

Im dritten Roman 'Eva langt zu' ist Eva Wiley am Boden zerstört. Für den Catchring gesperrt, verbringt sie die Tage mit ihren geistesgestörten Hunden in einem schäbigen Wohnwagen auf dem Schrottplatz und verrichtet hin und wieder einen miesen Job, wenn sie nicht gerade sturzbetrunken ist - als ihr unverhofft ein Haufen Geld in die Hände fällt. Evas Freude wird noch grösser, als wenig später ihre jahrelang verschollene Schwester Simone auftaucht. Doch dann kommen die bösen Buben, die es auf die fette Beute abgesehen haben - Evas Fäuste sind nun gefragt.

In ihrem kunstvoll gebauten Roman 'Gimme more' rechnet Cody mit der betrügerischen Musikindustrie ab. Im Mittelpunkt steht die ehemalige Musikerin Birdie Walker, deren charismatischer Lebensgefährte Jack vor 25 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Rockkarriere angeblich bei einer Feuersbrunst ums Leben gekommen ist. Als nun eine Plattenfirma um jeden Preis an unveröffentlichtes Material von Jack herankommen will, wittert die ausgekochte - von allen unterschätzte - Birdie ihre Chance auf den grossen Reibach; denn nur sie kennt die ganze Wahrheit über Jack.

Liza Cody, Mutter einer Tochter und zweifache Grossmutter, lebt als freie Autorin im südwestenglischen Badeort Bath, Somerset.

Bibliografie:
Anna Lee-Serie: 'Dupe' - 'Ein Spiel für Narren' (auch unter dem Titel 'Video-Piraten', 1980), 'Bad Company' - 'Schlechte Gesellschaft' (1982), 'Stalker' - 'Jäger-Latein' (1984), 'Head Case' - 'Kopfzerbrechen' (auch unter dem Titel 'Kopf kaputt', 1985), 'Under Contract' - 'Ungesetzlich geschützt' (1986), 'Backhand' - 'Doppelte Deckung' (1991);
Eva Wylie-Trilogie: 'Bucket Nut' - 'Was Sie nicht umbringt... Eva Wylies erster Fall' (auch unter dem Titel 'Schweres Geschütz', 1992), 'Monkey Wrench' - 'Eva sieht rot. Eva Wylies zweiter Fall' (auch unter dem Titel 'Schwesternkrieg', 1994), 'Musclebound' - Eva langt zu. Eva Wylies dritter Fall' (auch unter dem Titel 'Blüten für Mama', 1997);
Standalones: 'Gimme More' - 'Gimme more' (2000), 'Ballad of a Dead Nobody' (2011), 'Miss Terry' - 'Miss Terry' (2012), 'Lady Bag' - 'Lady Bag' (2013).

++ Erstellt: Juli 2013 ++
++ Update: September 2014 ++
 


Colby, Robert

(1919-2006)

Robert Colby kam in New York City zur Welt und besuchte das Mercer Junior College in New Jersey. Im Zweiten Weltkrieg nahm er als Infanterist am Angriff auf die Marshall- und Gilbertinseln und den Schlachten von Saipan und Okinawa im Pazifik teil. Später arbeitete er viele Jahre als Radio- und Fernsehreporter für die Stationen NBC und Mutual (New York City) und CBS (Hollywood) und verfolgte daneben eine nicht besonders erfolgreiche Laufbahn als Pulp- und Paperback-Autor. 1971 liess er das Sachbuch 'The California Crime Book' (es behandelt 17 Kriminalfälle, unter ihnen "Black Dahlia" sowie die Verbrechen der "Manson Familie" und des "Zodiak-Killers), in den 80er- und 90er-Jahren einige Kinderbücher folgen.

Robert Colby starb 2006, ein Jahr nach seiner Frau Francesca, mit der er die meiste Zeit in Los Angeles verbracht hatte. Nach seinem Tod geriet er rasch in Vergessenheit.

In den 50er-, 60er- und frühen 70er-Jahren Jahren verfasste Colby zahlreiche Short Stories für Alfred Hitchcock's Mystery Magazine und Mike Shaynes' Mystery Magazine sowie siebzehn Krimis, darunter 'The Captain Must Die', sein bekanntester und weitaus bester Roman, von dem es leider keine deutsche Übersetzung gibt.

'The Captain Must Die', eine rabenschwarze, mit vielen Zeitsprüngen erzählte Geschichte, kreist um zerbrochene Hoffnungen, Rachegefühle, Hass und Paranoia, fünf Figuren kommen abwechslungsweise zu Wort: Die drei ehemaligen GIs Brick, Val und Barney, die am Ende des Zweiten Weltkriegs für zwölf Jahre ins Gefängnis mussten, ihr ehemaliger Vorgesetzter Captain Driscoll (jetzt ein erfolgreicher Geschäftsmann in Louisville) und dessen Frau Madge. Als die Ex-Soldaten endlich auf freien Fuss kommen, haben sie nur noch eines im Sinn: Rache zu nehmen am Captain für das, was er ihnen im Krieg angetan hatte.

Von Colbys vier auf Deutsch vorliegenden Krimis sollte man tunlichst die Finger lassen - grauenhaft übersetzter Sex-and-Crime-Schund.

Bibliografie:
'The Quaking Widow' - 'Tödliche Erbschaft' (1956), 'These Lonely, These Dead' (1959), 'Murder Mistress' (1959), 'The Captain Must Die' (1959), 'Secret of the Second Door' (1959), 'The Deadly Desire' (1959), 'Make Mine Vengeance' - 'Puppen à la carte' (1959), 'The Star Trap' (1960), 'Run for the Money - 'Sonst stirbt deine Puppe' (1960), 'In a Vanishing Room' (1961), 'Kill Me a Fortune' (1961), 'Lament for Julie' (1961), 'Kim' (1962), 'Beautiful But Bad' (1962), 'The Faster She Runs' (1963), 'Executive Wife' - 'Die Frau des Chefs' (1964), 'Murder Times Five' - 'Killer!' (1972).

++ Erstellt: Juni 2013 ++  


Coleman, Reed Farrel

(*1956; schreibt auch als Tony Spinosa)

Reed Farell Coleman wurde als jüngster von drei Söhnen einer jüdischen Familie in Brooklyn geboren und wuchs auch dort auf. Er besuchte die Abraham Lincoln High School in Brooklyn und schrieb in dieser Zeit seine ersten Gedichte. Später arbeitete er unter anderem als Verkäufer von Babynahrung, als Koch, Taxi- und Lastwagenfahrer, war aber auch drei Jahre Mitherausgeber der Zeitschrift 'Poetry Bone'. In der Freizeit besuchte er Abendkurse in Schreiben am Brooklyn College und an der New School in Manhattan, wo er seine Frau Rosanne kennen lernte. 1991 veröffentlichte er seinen ersten Krimi. Nebenbei unterrichtet er Romanschreiben an der Hofstra University. Er lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern in Suffolk County auf Long Island.

Colemans Werk besteht zurzeit aus 16 Krimis, von denen drei unter dem Pseudonym Tony Spinosa erschienen sind, rund ein Dutzend Gedichte sowie zahlreiche, in Zeitungen und Zeitschriften publizierte Kurzgeschichten und Essays. Colemans wertvollster Beitrag zur Kriminalliteratur ist die Reihe um Moses "Moe" Prager aus Brooklyn, deren erster Band auch auf Deutsch erhältlich ist.

Moe Prager entstammt einer jüdischen Familie. Wegen einer Knieverletzung ist er nach zehn Jahren aus dem Dienst beim NYPD ausgeschieden. Er betreibt mit seinem Bruder Aaron in Brooklyn ein paar Weinhandlungen und hat eine Lizenz als Privatdetetiv, die irgendwo herumliegt. Manchmal trauert er seiner Zeit bei der Polizei nach. Moe ist ein intelligenter, selbstkritischer, zum Grübeln neigender Zeitgenosse mit viel Einfühlungsvermögen und Sinn für Humor. Im ersten, 1978 spielenden Roman lernt er seine zukünftige Frau Katy kennen: Sie ist die ältere Schwester des vermissten Studenten Patrick, den Moe im Auftrag ihres mächtigen und gefährlichen, ja monströsen Vaters Francis Maloney, eines Politikers mit unrühmlich beendeter Laufbahn als Polizeibeamter, aufspüren soll - doch alles ist ganz anders, als es zunächst den Anschein macht. Die unheilsamen Verflechtungen zwischen Moe Prager und der Familie Maloney, an denen Moes Ehe schliesslich zerbricht, prägen auch die nachfolgenden - in den 80er- und 90er-Jahren spielenden - Bände der Serie. Im sechsten, Anfang der Nuller-Jahre angesiedelten Roman 'Innocent Monster' spielt auch Moes (und Katys) 1980 geborene Tochter Sarah eine Rolle: Sie beauftragt ihren Vater, von dem sie sich entfremdet hat, die elfjährige Tochter ihrer besten Jugendfreundin aufzuspüren, der finstere Fall führt Moe in die New Yorker Künstlerszene.

Colemans weitere wiederkehrende Figuren sind Dylan Klein, ein Privatdetektiv aus New York City, der eine Laufbahn als Autor anstrebt; und Joe Serpe, ein ehemaliger NYPD-Cop, der mit seinem Partner Bob Healy private Ermittlungen durchführt, daneben aber auch die Bar 'The Odd Couple' und einen Heizöl-Lieferdienst betreibt (die Joe Serpe-Romane sind unter dem Pseudonym Tony Spinosa erschienen). Gemeinsam mit seinem irischen Freund Ken Bruen hat Coleman 2009 den Krimi 'Tower' herausgegeben.

Bibliografie:
Dylan Klein-Serie: 'Life Goes Sleeping' (1991), 'Little Easter' (1993), 'They Don't Play Stickball in Milwaukee' (1997);
Moe Prager-Serie: 'Walking the Perfect Square' - 'Spur ins Gestern' (2001), 'Redemption Street' (2004), 'The James Deans' (2005), 'Soul Patch' (2007), 'Empty Ever After' (2008), 'Innocent Monster' (2010), 'Hurt Machine' (2011), 'Onion Street' (2013);
'Gun Church' (2012).
Als Tony Spinosa: Joe Serpe-Serie: 'Hose Monkey' (2006), 'The Fourth Victim' (2008).
Gemeinsam mit Ken Bruen: 'Tower' - 'Tower' (2009).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Mai 2013 ++
++ Oktober 2013 ++
 


Compart, Martin

(*1954)

Martin Compart kam in Witten/Ruhr zur Welt. Nach der Schulzeit und der Bundeswehr arbeitete er bei den Wittener 'Ruhr-Nachrichten' und schrieb für die Kult-Magazine 'Comixene' und 'Science Fiction Times'. Während des Studiums der Politikwissenschaften gründete er die AG Kriminalliteratur. 1982 wurde er Herausgeber des legendären Ullstein-Krimiprogramms 'Gelbe Reihe'. 1986 wechselte er zu Bastei-Lübbe, wo er unter anderem die Krimireihe 'Schwarze Serie' betreute. Daneben war er stets auch als Journalist und Krimikritiker tätig. 1989 machte er sich selbständig und schrieb für Printmedien wie 'Spiegel', 'taz', 'Esquire', 'Musikexpress' und 'TV-Spielfilm' und den Rundfunk. Daneben verfasste er Drehbücher für das Fernsehen sowie Kriminalhörspiele.

Von 1999 bis 2000 gab Compart 21 Kriminalromane (Derek Raymond! George Pelecanos!) und den Reader 'Noir 2000' in der wertvollen Reihe 'DuMont Noir' heraus. 2000 zeichnete er für das Standardwerk 'Crime TV. Lexikon der Krimi-Serien' verantwortlich. 2004 folgte der zweite Noir-Reader 'Dark zone', 2010 'G-Man Jerry Cotton - Eine Hommage' und 2013 die eBooks 'Paint it Black - Über Noir-Fiction' und 'Die Krays - Ein Gangster-Mythos'. Seit 2014 ist er Herausgeber der Flashman-Papers im Kuebler Verlag. In seinem inspirierenden Blog beschäftigt sich Compart auf polemische Weise mit Themen aus den Bereichen populäre Kultur, True Crime, Politik und Geschichte.

Im Jahr 2001 veröffentlichte Martin Compart seinen ersten Krimi 'Der Sodom-Kontrakt' (Untertitel: Ein politisch unkorrekter Anti-EU-Thriller) in dem von ihm mitgegründeten Strange Verlag, sechs Jahre später erschien eine leicht entschärfte Version im Berliner Alexander Verlag von Alexander Wewerka, dem Herausgeber des grandiosen Werks des 1995 verstorbenen US Autors Ross Thomas - des Präsidenten der "Gruppe Oberbaumbrücke", die Martin Compart zusammen mit seinem Freund Jörg Fauser zu Beginn der 80er-Jahre ins Leben rief…

'Der Sodomkontrakt' ist ein harter, kompromissloser, aus hin- und herspringenden Perspektiven erzählter Politroman über das Aufkommen des organisierten Verbrechens in Europa nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, ein Roman über Geldgier, Machthunger und Perversion - der unsägliche Fall Dutroux bildet den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht Gill (Vorname unbekannt), ein ehemaliger Geheimagent und Söldner in allen Krisenherden dieser Welt, der sich jetzt im Ruhrgebiet als Sicherheitsexperte und Privatdetektiv durchschlägt. Als sein Kollege Harry Brenner, der offenbar einer grossen Sache auf der Spur war, von den Berufskillern Schmidt und Schneider getötet wird und diese ihm den Mord in die Schuhe schieben, kann Gill mit Hilfe seines zwielichtigen Kumpels Klaus Danner alias "Karibik-Klaus" in letzter Minute untertauchen. Es folgt eine blutige Jagd von Deutschland nach Belgien und wieder zurück, bei der neben den beiden monströsen Hitmen, der granatenharten, Männer verschlingenden Polizistin Alexa Bloch (Leiterin der Dortmunder Mordkommission), dem versoffenen Bullen Wilcke, dem Bordellbesitzer Klaus Danner und weiteren bizarren Gestalten auch der Bundesnachrichtendienst und widerwärtige Politiker mitmischen. Rasante Handlungsführung, grossartige Dialoge und knackige Sprüche - erstklassiger Lesestoff, jedoch nichts für schwache Nerven.

Auch in seinem zweiten (von einem Kritiker anerkennend als Schundroman mit Tiefgang bezeichneten) Thriller 'Die Lucifer-Connection' wartet Compart mit einem zornigen Plot auf. Was scheinbar harmlos mit dem Verschwinden eines schwarzen Kätzchens beginnt, führt zu einem Massengrab voller Kinder in der Nähe von Dortmund, zu einem international agierenden Netzwerk von Satanisten, zum Bösen schlechthin. Als Gill, Polizeidirektorin Alexa Bloch (Gills beste Freundin, seit sie ihm das Leben gerettet hat) und "Karibik-Klaus" den Zusammenhang der Fälle erkennen, machen sie Jagd auf die Kindermörder und Frauenschänder. Doch dann verabredet sich Alexa mit dem charismatischen Satanisten-Beauftragten der katholischen Kirche Professor Erik Zaran - das Unheil ist nun nicht mehr aufzuhalten. Der Dschungel von Sierra Leone (nach dem Bürgerkrieg ein zerrissenes, von westlichen Grosskonzernen ausgebeutetes Land), die Londoner Unterwelt, Wien (mit einem überraschenden Auftritt von Günter Brödls Krimifigur Doc Trash!) und eine Burgruine an der Donau sind die Schauplätze des wilden, blutigen Kampfs, den Gill und "Karibik-Klaus" mit ihrer kleinen Privatarmee den Satanisten und ihren durchgeknallten Schergen aufzwingen.

Der schlanke, schmutzige Noir-Roman 'Die Lemminge im Palast der Gier' gehört den beiden unehrenhaft entlassenen Afghanistan-Veteranen Andy und Vladi, die ihrem trostlosen Leben neuen Schub verleihen wollen, indem sie mit zwei Kumpeln den Geldtransport eines Gangsters überfallen. Der Raub gelingt, doch dann geht alles den Bach runter. Gill spielt hier nur eine kleine, aber entscheidende Rolle (und ist auch im Bonus-Track 'Im Wald', einer zehnseitigen Backwood-Story, kurz und effizient am Werk zu sehen).

Bibliografie:
Gill-Romane: 'Der Sodom-Kontrakt' (2001), 'Die Lucifer-Connection' (2011), 'Die Lemminge im Palast der Gier' (2014);
'Moneyshot' (eBook, 2012).

++ Erstellt: Mai 2016 ++  


Condon, Richard

(1915-1996)

Richard Condon kam in New York City auf die Welt. Nach seinem Dienst bei der amerikanischen Handelsmarine und einem Abstecher in die Werbebranche verfolgte er eine schriftstellerische Laufbahn. Er war Drehbuch- und Bühnenautor, aber auch Theaterregisseur, bevor er sich Ende der 50er-Jahre dem Roman zuwandte. Als begeisterter Globetrotter lebte er mit seiner aus der Ehefrau Evelyn Hunt und den zwei Töchtern bestehenden Familie lange Zeit abwechselnd in Paris, Madrid, New York, Genua und Mexiko City. Seine letzten Jahre verbrachte Condon in der texanischen Stadt Dallas, wo er 81-jährig starb.

Condons bekanntestes Buch 'Botschafter der Angst' kam 1959 heraus und wurde zweimal verfilmt. Es dreht sich um den jungen Journalisten Sergeant Raymond Shaw, der, eben erst aus dem Koreakrieg zurückgekehrt, in ganz Amerika als Held gefeiert wird. Was niemand weiss: Shaw ist in einem Gefangenenlager in der fernen Mandschurai von kommunistischen Wissenschaftlern mittels Gehirnwäsche zum Killer umgepolt worden. Die ausländischen Verschwörer spielen indes schon bald keine wesentliche Rolle mehr, denn Shaw wird jetzt zum Spielball seiner machthungrigen, intriganten, in zweiter Ehe mit dem grobschlächtigen Senator John Iselin verheirateten Mutter. Ihr Gegenspieler ist Shaws früherer Vorgesetzter und bester Freund Major Ben Marco, der herauszufinden versucht, was damals in der Mandschurai wirklich geschah. Condon zeichnet in seinem anspruchsvollen, mit satirischen und surrealen Elementen angereicherten Roman ein farbiges Bild von der amerikanischen Politszene in der Hochblüte des Kalten Krieges.

Von 1982 bis 1994 veröffentlichte Condon die vierteilige Serie um die umtriebige, von Don Corrado angeführte Mafiafamilie Prizzi aus New York City. Im ersten Band der Prizzi-Saga ('Die Ehre der Prizzis') verliebt sich der etwas einfältige, für die Prizzis tätige Killer Charley Partanna in Irene Walker, die Frau eines seiner Opfer, die denselben Beruf wie Charley ausübt. Das reizende Paar plant bereits die Hochzeit, als es den Auftrag erhält, sich gegenseitig umzulegen. Die Verfilmung durch John Huston mit Jack Nicholson und Kathleen Turner in den Hauptrollen kam 1985 in die Kinos.

Bibliografie:
'The Oldest Confession' - 'Rendezvous in Madrid' (1958), 'The Mandchurian Candidate' - 'Botschafter der Angst' (1959), 'Some Angry Angel' (1960), 'A Talent for Loving' (auch unter dem Titel 'The Great Cowboy Race' (1961), 'An Infinity or Mirrors' - 'Jahre der Nacht' (1964), 'An God Will Do' (1966), 'The Ecstasy Business' (1967), 'Mile High' - 'Nur Geld zählt' (1969), 'The Vertical Smile' (1971), 'Arigato' - 'Arigato-Coup' (1972), 'Winter Kills' - 'Der Patriarch' (1974), 'The Star-spangled Crunch' (1974), 'Money is Love' (1975), 'The Whisper of the Axe' - 'Das Messer' (1976), 'The Abandoned Woman' (1977), 'Bandicoot' - 'Der Dandy-Gauner' (1978), 'Death of a Politician' (1978), 'The Entwining' (1980), 'A Trembling Upon Rome' (1983), 'Emperor of America' (1990), 'The Final Addiction' (1991), 'The Venerable Bead' (1992);
Prizzi-Serie: 'Prizzi's Honor' - 'Die Ehre der Prizzis' (1982), 'Prizzi's Family' - 'Die Familie der Prizzis' (1986), 'Prizzi's Glory' - 'Der Ruhm der Prizzis' (1988), 'Prizzi's Money' (1994).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Constantine, K.C.

(Pseudonym für Carl Constantine Kosak, *1934)

Über K.C. Constantines bürgerlichen Namen wurde lange Zeit gerätselt - er lautet Carl Constantine Kosak. Geboren in der kleinen Industriestadt McKees Rock, Pennsylvania, auf dem Höhepunkt der Grossen Depression, diente Kosak in den frühen 50er-Jahren bei den US Marines. Nach dem Studium am Westminster College in New Wilmington, Pennsylvania, ging er verschiedenen Tätigkeiten nach. Zuletzt lehrte er Kreatives Schreiben an der Seton Hill University in Greensburg, Pennsylvania, bis er 1993 gefeuert wurde. Neben seinen Brotberufen begann er bereits Anfang der 70er-Jahre zu schreiben - und erweckte mit Mario Balzic eine der faszinierendsten Krimifiguren zum Leben. Der die Öffentlichkeit scheuende Autor lebt mit seiner Frau Linda in Greensburg, Pennsylvania. Ein längeres "Interview" mit Kosak kann auf der Website 'Badattitudes.com' nachgelesen werden - dort gibt er die jung verstorbene Romanautorin Flannery O'Connor und den Philosophen und Autor des Buches 'The True Believer' als seine wichtigsten Einflüsse an. Am 2. Mai 2011, am Festival of Mystery in Oakmont, Pennsylvania, trat Kosak zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf und signierte seine Werke.

Mario Balzic, in dessen Adern italienisches und serbisches Blut fliesst, bildet den Mittelpunkt in dreizehn der siebzehn zwischen 1972 und 2000 erschienenen Rocksburg-Romanen - handlungsarmen, dialogreichen, mit lässigem Humor erzählten Geschichten, in denen Constantine ein recht pessimistisches Bild einer von Neid, Missgunst und Korruption zerrütteten amerikanischen Gesellschaft zeichnet. Balzic ist zuerst Polizeichef, dann, in 'Family Values' und 'Blood Mud', Privatdetektiv in dem heruntergekommenen (fiktiven) Bergwerksstädtchen Rocksburg - gemeint ist Kosaks Geburtsort McKees Rock. Assistiert wird er u.a. von Detective Sergeant Ruggiero "Rugs" Carlucci, der in 'Good Sons' Balzics Nachfolge als Polizeichef antritt. Constantines siebzehntes und letztes Buch 'Saving Room for Desert' sieht drei Steifenpolizisten im Einsatz, und Mario Balzic kommt zu einem Cameo-Auftritt.

Mario Balzic, die "Amerikanische Antwort auf Kommissar Maigret", ist ein Polizist mit Ecken und Kanten, der sich in seine Kriminalfälle verbeisst und es vorzüglich versteht, sich auf Menschen und ihre Milieus einzulassen, ein pfiffiger, sprachgewandter und teilnahmsvoller, ab und zu ein paar Gläser zu viel kippender Gemütsmensch, der seine cholerische Seite meistens gut unter Kontrolle hat - einzig seine bürokratischen Kollegen und Vorgesetzten reizen ihn oftmals bis aufs Blut. Er hat zwei Töchter, Emily und Marie, und führt mit Ruth eine befriedigende Ehe, wenngleich seine von ihm vergötterte Mutter, die im Fortgang der Reihe einen schweren Hirnschlag erleidet, unter demselben Dach lebt; Balzic hält sich allerdings nur selten zuhause auf.

In Constantines Meisterwerk 'Tomaten von unten' muss Mario Balzic von Anfang an bös unten durch: Tag für Tag zähe Sitzungen mit Politikern und Anwälten, die den neuen Tarifvertrag der Polizei verhandeln; Gattin Ruth kontrolliert ständig seinen Mund nach Zeichen übermässigen Rotweinkonsums (rote Zähne!); der nichtsnutzige Mann einer engen Bekannten aus seiner Jugendzeit ist verschwunden; und ganz am Schluss enhüllt Balzic ein schreckliches Familiendrama, das ihm ungemein nahe geht - und in dem Tomaten eine nicht unbedeutende Rolle spielen.

Bibliografie:
Rocksburg-Serie: 'The Rocksburg Railroad Murders' - 'Die Morde von Rocksburg' (auch unter dem Titel 'Mord in einer kleinen Stadt', 1972), 'The Man Who Liked to Look at Himself' - 'Ohne Sitte und Moral' (auch unter dem Titel 'Filme für den Staatsanwalt', 1973), 'The Blank Page' - 'Ein unbeschriebenes Blatt' (1974), 'A Fix Like This' - 'Eine abgekartete Sache' (1975), 'The Man Who Liked Slow Tomatoes' - 'Tomaten von unten' (1982), 'Always a Body to Trade' - 'Immer ein As in der Tasche' (1983), 'Upon Some Midnights Clear' - 'Eine schöne Bescherung' (1985), 'Joey's Case' - 'Joeys Ende' (1988), 'Sunshine Enemies' - 'Blues für Mario Balzic' (1990), 'Bottom Liner Blues' (1993), 'Cranks and Shadows' (1995), 'Good Sons' (Rugs Carlucci-Roman, 1996), 'Family Values' (1997), 'Brushback' (Rugs Carlucci-Roman, 1998), 'Blood Mud' (1999), 'Grievance' (Rugs Carlucci-Roman, 2000), 'Saving Room for Desert' (2002).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Januar 2011 ++
++ Update: Juni 2013 ++
 


Conteris, Hiber

(*1933)

Hiber Conteris wurde in der uruguayischen Stadt Paysandu geboren und wuchs in Montevideo auf, wo sein Vater in der Fleischindustrie beschäftigt war. Nach dem Literaturwissenschafts-Studium in Buenos Aires und Montevideo arbeitete er für die methodistische Kirche und publizierte Artikel im Wochenmagazin 'Marcha', das 1974 verboten wurde. Von 1966 bis 1968 war er an der Pariser Sorbonne und erwarb dort einen Doktortitel in Literaturwissenschaft. Zurück in seiner Heimat, lehrte er Ideengeschichte an einer bedeutenden Universität.

Conteris war von 1968 bis 1970 Mitglied der revolutionären Nationalen Befreiungsbewegung, der MLN-Tupamaros. 1972 ging er für zwei Jahre ins freiwillige Exil nach Europa und arbeitete an der Université Catholique de Louvain in Belgien sowie in der deutschen Stadt Bielefeld, wo er für ein Rundfunkprogramm und verschiedene Zeitschriften Beiträge verfasste. 1976 wurde er von der Militärjunta verhaftet, gefoltert und zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Bis zu seiner Amnestierung 1985 sass er im Gefängnis für politische Sträflinge, das von den Militärs "Libertad" genannt wurde. Seine einzige Lektüre während der Haft bestand aus Raymond Chandlers Romanen und Frank MacShanes Chandler-Biografie - Werke, die er schliesslich auswendig kannte. Nach mehreren Jahren erhielt er die Erlaubnis, selbst zu schreiben. Es resultierten der Krimi 'Zehn Prozent für Marlowe' und weitere Romane, aber auch Theaterstücke und eine Reihe von Kurzgeschichten.

'Zehn Prozent für Marlowe', angesiedelt im Los Angeles des Jahres 1956, ist ein waschechter Philip Marlowe-Krimi, in dem der Detektiv als Ich-Erzähler dem als Suizid getarnten Mord an Chandlers Literaturagent Yensid Andress auf den Grund geht. Auch Chandler wird (wenn auch nur am Rande) in den Fall involviert - eine hübsche, geschickt umgesetzte Idee. Der Roman spielt in der McCarthy-Zeit, als Kommunisten in Hollywood einem Berufsverbot unterstanden. Marlowe findet heraus, dass Andress auch einigen auf McCarthys schwarzer Liste stehenden Drehbuchautoren eine Chance geben wollte - musste er dafür mit dem Leben bezahlen?
Abgerundet wird der Krimi durch einen "Chandler-Test", ein kluges Nachwort des Krimiautors Robert Brack und eine längere Diskussion über Krimi-Detektive, die Chandler Mitten im Roman mit seinen 'Black Mask'-Kollegen John Butler, W.T. Ballard und Cleve Adams führt; sowie durch die herrliche Szene, in der sich Chandler und Marlowe zusammensetzen und ihr Verhältnis zueinander Revue passieren lassen (Marlowe ist in Conteris' Buch ein guter Bekannter des Krimiautors und zugleich Vorbild für dessen legendäre Romanfigur).

Hiber Conteris, dessen Sohn Marcos 24-jährig in Nicaragua im Kampf gegen die Contras gefallen ist, liess sich 1985 in den Vereinigten Staaten nieder, wo er zuerst an der University of Wisconsin in Madison spanisch-amerikanische Literatur unterrichtete. Anschliessend war er Leiter der Abteilung für Moderne Sprachen an der Alfred University in New York und danach, von 1997 bis 2006, Dozent für Spanische Literatur und lateinamerikanische Politikwissenschaften an der University of Arizona in Tucson. Neben seiner Lehrertätigkeit schrieb er Literaturkritiken, Sachbücher, Gedichte, Theaterstücke und Romane. 2006 kehrte er in sein Mutterland zurück. Sein letzter Roman 'Cuarteto' ist 2007, sein letztes Bühnenwerk 2008 erschienen. Conteris lebt in Montevideo.

Bibliografie:
'El Diez Por Ciento de Vida' - 'Zehn Prozent für Marlowe' (1985).

++ Erstellt: März 2011 ++  


Cook, Thomas H.

(*1947)

Thomas H. Cook, geboren im Vorgebirgsstädtchen Fort Payne, Alabama, studierte bis 1969 Englisch und Philosophie am Georgia State College und machte danach Master-Abschlüsse in Amerikanischer Geschichte am New Yorker Hunter College (1972) und in Philosophie an der Columbia University in Manhattan (1976). Von 1978 bis 1981 war er als Englisch- und Geschichtslehrer am Dekalb Community College in Clarkson, Georgia, tätig, parallel dazu verfasste er Literaturkritiken für das 'Atlanta Magazine', bis er 1982 das Romanschreiben zum Hauptberuf machte. Heute lebt er als freier Schriftsteller mit seiner Frau Susan Terner, einer Radioautorin, in New York City und Cape Cod. Sie haben eine Tochter, Justine.

In seinen Romanen (im Original bisher über zwanzig Titel, fast nur Einzelwerke), befasst sich Cook zumeist mit weit zurückliegenden Verbrechen und ihren Auswirkungen auf die Gegenwart. Ausnahme: Die von 1988 bis 1990 erschienene Frank Clemons-Trilogie dreht sich um einen Detective von der Mordkommission in Atlanta, der sich nach dem ersten Band ('Die Tote von Atlanta') als Privatermittler in New York City selbständig macht.

Zu Cooks herausragenden Büchern gehört der subtile Psychothriller 'Das Verhör' aus dem Jahr 2002. Der Obdachlose Albert Jay Smalls, ein schmächtiger, kindlich wirkender Bursche Mitte zwanzig, wird des Mordes an einem 8-jährigen Mädchen verdächtigt, und die beiden Cops Detective Norman Cohen und Detective Jack Pierce, dessen kleine Tochter vor vier Jahren ermordet worden ist, haben noch genau elf Stunden Zeit, um ihn der Tat zu überführen - so will es das Gesetz. Die routinierten, aufeinander eingespielten Ermittler setzen den verstockten Verdächtigen, der das Opfer offenbar von früher her kannte, mächtig unter Druck, drängen ihn in die Ecke, durchforsten seine Vergangenheit - bis zur totalen Erschöpfung aller Beteiligten. Die zu Beginn der 50er-Jahre in einer fiktiven Grosstadt spielende Geschichte, ein düsteres, tief in seelische Abgründe eindringendes, mit vielen Zeitsprüngen und Szenenwechseln erzähltes Kammerspiel, versetzt den Leser in Dauerspannung - und wartet auf der letzten Seite mit einer unerwarteten Lösung auf.

Drei Jahre später folgte der fast ebenso starke Roman 'Das Gift des Zweifels'. Er erzählt von Eric Moore, einem glücklich verheirateten Inhaber eines kleinen Fotoladens, und seinem 15-jährigen Sohn Keith, einem höflichen, etwas ängstlichen Einzelgänger. Eines Tages bricht die Katastrophe in das Leben der Moores ein: Keith wird von der Nachbarsfamilie Giordano wie schon oft gebeten, auf deren 8-jährige Tochter Amy aufzupassen, am nächsten Morgen ist das Mädchen spurlos verschwunden, sein Pijama wird vor der Stadt gefunden. Keith gerät unter Verdacht, er beteuert seine Unschuld, Eric versucht ihn zu beschützen - und wird doch den Verdacht nicht los, dass sein Sohn ein Kinderschänder und Mörder sein könnte. Aus Verunsicherung entstehen Misstrauen und Zweifel, die Welt der Moores zerbirst.

Neben seinen Krimis publizierte Cook die True Crime-Bücher 'Blood Echoes', 'Early Graves' und 'A Father's Story' sowie - gemeinsam mit Otto Penzler - Anthologien mit den besten amerikanischen Kurzkrimis der Jahre 2002 bis 2004. Darüber hinaus brachte er die zehnteilige Fernsehserie 'Taken' - sie befasst sich mit den Folgen des sensationellen UFO-Absturzes bei Roswell, New Mexico, im Juli 1947 - in Romanform.

Bibliografie:
Frank Clemons Trilogie: 'Sacrificial Ground' - 'Die Tote von Atlanta' (1988), 'Flesh and Blood' (1989), 'Night Secrets' (1990);
'Blood Innocents' (1980), 'The Orchids' (1982), 'Tabernacle' (1983), 'Elena' (1986), 'Streets of Fire' - 'Stadt in Flammen' (1989), 'Evidence of Blood' - 'Blutspuren' (1991), 'The City When it Rains' (1991), 'Mortal Memory' - 'Tödliche Erinnerung' (1993), 'Breakheart Hill' - 'Die Last des Bösen' (1995), 'The Chatham School Affair' - 'Wer das Dunkel erblickt' (1996), 'Instruments of the Night' - 'Die Quelle der Furcht' (1998), 'Places in the Dark' (2000), 'The Interrogation' - 'Das Verhör' (2002), 'Read Leaves' - 'Das Gift des Zweifels' (2005), 'Murmur of Stones' (auch unter dem Titel 'The Cloud of Unknowing') - 'Trugbild' (2007), 'Master of the Delta' (2008), 'The Fate of Katherine Carr' (2009), 'The Last Talk With Lola Faye' (2010), 'The Quest for Anna Klein' (2011), 'The Crime of Julian Wells' (2012), 'Sandrine's Case' (auch unter dem Titel 'Sandrine', 2013).

++ Erstellt: März 2014 ++  


Corley, Edwin Raymond

(1931-1981; schrieb auch als Patrick Buchanan, Will Collins, David Harper und William Judson)

Edwin Corley, geboren in Bayonne, New Jersey, wurde als Minderjähriger Feldwebel bei der US Air Force. Später arbeitete er unter anderem als Feuerschlucker, aber auch als Vizepräsident einer grossen Werbeagentur. Er lebte mit seiner Frau und den zwei Kindern in New York City, als er 1969 seinen ersten Roman 'Siege' ('Belagerung') veröffentlichte, der auf die Bestsellerliste der 'New York Times' kam. Corley entschloss sich daraufhin zu einer Laufbahn als Autor. Von seinen 24 Romanen - drei Kinderbücher unter dem Pseudonym William Judson, Erwachsenenbücher (Krimis, Abenteuer- und Katastrophenromane und historische Romane unter bürgerlichem Namen und den Pseudonymen Patrick Buchanan, Will Collins und David Harper) wurden drei verfilmt und blieben die beiden letzten unveröffentlicht. Corley schrieb auch für Bühne und Film. Er starb 50-jährig in Gulfport, Mississippi.

'Belagerung. Roman eines Aufstandes', angesiedelt in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre, erzählt die Geschichte einer drei Tage dauernden, ungemein blutigen Belagerung. Eine perfekt geschulte, mit modernen Waffen ausgerüstete Armee von Schwarzen, angeführt von Generalmajor Shawcross, dessen Frau und zwei kleine Söhne am Anfang der Romans ermordet werden, dem charismatischen und rücksichtslosen politischen Führer Gray, der das Attentat auf Malcolm X im Februar 1965 hautnah erlebt hat, und dem militanten Dichter Carpenter, besetzt Manhattan und sprengt die zu ihr führenden Brücken in die Luft - die Insel soll das Mittel sein, um New Jersey als Lebensraum für die (damals 22 Millionen zählende) schwarze Bevölkerung der USA zu gewinnen. Ihre wichtigsten Gegenspieler: der schwarze (mit Shawcross befreundete!) Oberst Dewey, der überzeugt ist, dass Separatismus der falsche Weg für die Afroamerikaner ist, und der Präsident der Vereinigten Staaten, ein mutiger Mann mit viel Verständnis für die Anliegen der schwarzen Bevölkerung.

Gemeinsam mit Jack Murphy, unter dem Pseudonym Patrick Buchanan, verfasste Corley vier harte Krimis um den ex-Cop Ben Shock aus New York City und die schöne, hoch intelligente Ex-TV-Nachrichtensprechern Charity Tucker (sie wurde vergewaltigt; Ben, damals noch ein Cop, erschoss den Täter und verlor deshalb seinen Job), die als lizenzlose Privatdetektive bzw. Troubleshooter in der Welt herumkommen.

Bibliografie:
'Siege' - 'Belagerung' (1969), 'The Jesus Factor' - 'Der Jesus-Faktor' (1970), 'Acapulco Gold' (1972), 'Sargasso' (1977), 'Air Force One' (1978), 'The Genesis Rock' (1980).
Als Patrick Buchanan (gemeinsam mit Jack Murphy): Ben Shock & Charity Tucker-Serie: 'A Murder of Crows' - 'Eine Stadt in Angst' (1970), 'A Parliament of Owls' - 'Amoklauf' (1971), 'A Requiem of Sharks' - 'Der Hai im Haus' (1973), 'A Sounder of Swine' (1974).
Als David Harper: 'Hijacked' (auch unter dem Titel 'Skyjacked') - 'Helden sind gefährlich' (1970), 'Big Saturday' (1971), 'The Green Air' (1973), 'The Patchwork Man' - 'Der tödliche Augenblick' (1975).
Als Will Collins: 'Grizzly' (1976).

++ Erstellt: Oktober 2010 ++  


Courtier, S.H.

(Kürzel für Sidney Hobson Courtier, 1904-1974)

Sidney H. Courtier wurde in Kangaroo Flat, im südostaustralischen Bundesstaat Victoria, als Sohn eines leitenden Minenarbeiters geboren und ging im Nachbarort Bendigo zur Schule. Nach dem Studium an der University of Melbourne arbeitete er in mehreren Kleinstädten Victorias als Lehrer, bis er 1965 in den Ruhestand trat. Beeinflusst durch sein grosses Vorbild Arthur Upfield, begann er Anfang der 50er-Jahre nebenbei zu schreiben. Sein Werk enthält zahlreiche Kurzgeschichten und Artikel für verschiedene Magazine, ein paar nicht dem Krimigenre angehörende Romane, etliche Radiohörspiele sowie vor allem 23 Krimis, darunter zwei siebenteilige Serien, in denen die Polizisten Detective Inspector C.J. "Digger" Haig (in den deutschen Übersetzungen heisst er seltsamerweise William Haig) bzw. Superintendent Ambrose Mahon als Serienfiguren auftreten, ohne dabei wirklich im Mittelpunkt zu stehen - als Ich-Erzähler fungiert zumeist das Opfer oder ein Angehöriger des Opfers. Mehrere Krimis sind im Outback angesiedelt, das Coutier ausgiebig bereist hatte. Dies gibt dem Autor Gelegenheit, sich mit dem Brauchtum und der Geschichte der Aborigines zu befassen, und auch poetischen Schilderungen der urwüchsigen Landschaft wird viel Platz eingeräumt.

Inspector Haig von der Kriminalpolizei Brisbane, Queensland, ist ein hässlicher, grobknochiger, etwas bärbeissiger, aber blitzgescheiter Fahnder, der ständig selbst gedrehte Zigaretten raucht. Seine Freunde nennen ihn Digger, weil er immer wieder überraschende Fakten ausgräbt bzw. ans Tageslicht bringt. Er führt seine Ermittlungen oft auch ausserhalb der Grossstadt, im Outback, durch. 'Träume zu verkaufen' etwa spielt im nördlichsten Teil von Queensland, im "Traumzeitland Alchera", wo den Touristen schaurige Eingeborenenriten präsentiert werden - bis einer der Mitarbeiter ermordet wird.

Eine Besonderheit der Ambrose Mahon-Krimis ist die Tatsache, dass der attraktive und charmante Protagonist zwar der Kriminalpolizei von Sydney, New South Wales, vorsteht, jedoch in den meisten Büchern zu Auswärtsspielen kommt, indem er bei Reisen durch Australien über Verbrechen stolpert - und diese dann natürlich auflöst. Im letzten Band 'Der Vogelmord', einem der feinsten Werke des Autors, überlässt Mahon die Ermittlungen ganz seinen Untergebenen und tritt erst auf den letzten Seiten kurz in Erscheinung. Die Hauptrolle bekleidet Sergeant Mike Austin, dessen bescheidener, allseits beliebter, im Hinterland von New South Wales als Grundschullehrer arbeitender Bruder Harry beinahe Opfer eines Mordanschlags geworden wäre - es geht um Falschmünzerei im grossen Stil.

Der seit 1933 mit Audrey verheiratete Autor erlitt 1967 einen schweren Hirnschlag mit Lähmungen und Verlust der Sprache. Verbissen kämpfte er gegen seine Defizite an, lernte wieder sprechen - und schrieb dann vier Krimis, die sich mit neurologischen Ausfällen und Krankheit auseinandersetzen (Verlust der Beweglichkeit und der Sprache in 'No Obelisk for Emily', Verlust des Gedächtnisses in 'Dead If I Remember', Verlust des Gehörs in 'Into the Silence' und Verlust der Gesundheit in 'The Smiling Trip'). Er starb 70-jährig in Safety Beach, Victoria.

Bibliografie:
Ambrose Mahon-Serie: 'The Glass Spear' (1950), 'One Cried Murder' (1956), 'Come Back to Murder' - 'Das Gesicht am Fenster' (1957), 'A Shroud for Unlac' (1958), 'Let the Man Die' - 'Drei rote Rosen' (1961), 'A Corpse Won't Sing' (1964), 'Mimic a Murderer' - 'Der Vogelmord' (1964);
Digger Haig-Serie: 'Now Seek My Bones' (1957), 'Death in a Dream Time' - 'Träume zu verkaufen' (1959), 'Swing High, Sweet Murder' - 'Die Strohpuppe' (1962), 'The Ringnecker' - 'Ein Gast zuviel' (1965), 'A Corpse at Least' - 'Haus ohne Menschen' (1966), 'See Who's Dying' - 'Überlebenschance Null' (1967), 'No Obelisk for Emily' - 'Kein Denkmal für Emily' (1970);
Einzelwerke: 'Gently Dust the Corpse' (auch unter dem Titel 'Softly Dust the Corpse') - ‚Die Maske am Sarg' (1960), 'Murder's Burning' - 'Gefallen wie Luzifer' (1963), 'Ligny's Lake' - ‚Falsche Signale' (1971), 'Some Village Borgia' - 'Schwarze Vögel über Chickowee' (1971), 'Dead if I Remember' - 'Zurück in die Falle' (1972), 'Into the Silence' (1973), 'Listen to the Mocking Bird' - ‚Verbrechen handgewebt' (1974), 'The Smiling Trip' (1975), 'A Window in Chungking' - 'Sekunde vor dem Tod' (1975).

++ Erstellt: Dezember 2011 ++  


Cox, Anthony Berkeley

(1893-1971; schrieb auch als Anthony Berkeley, Francis Iles, A.B. Cox und A. Monmouth Platts)

Anthony Berkeley Cox ("ABC"), geboren in Watford, Hertfordshire, als ältestes von drei Kindern einer gut situierten Familie (der Vater war Arzt und Erfinder eines Röntgengeräts, die Mutter hatte einen Vorfahren, der Earl of Monmouth war), besuchte das Sherborne College in Wessex und studierte am University College in London. Im Ersten Weltkrieg, an der französischen Westfront, wurde er Opfer eines Gasangriffs, von dessen Folgen er sich nie mehr ganz erholte. Nach dem Krieg war er zunächst in der Werbung tätig. Etwas später, im Jahr 1922, begann er seine rund fünfzig Jahre dauernde Karriere als Journalist - er arbeitete zunächst für satirische Magazine wie 'Punch' und 'The Humorist', später als Krimikritiker für den 'Daily Telegraph' und die 'Sunday Times', ab Mitte der 50er-Jahre bis zu seinem Tod für den 'Guardian'. Parallel dazu, von 1925 bis 1939, gab er 21 Krimis heraus, den ersten anonym. 1928 gründete er mit anderen Krimiautoren den legendären "Detection Club", dem auch Agatha Christie, Dorothy Sayers und andere KrimiautorInnen angehörten.

Cox war zweimal kinderlos verheiratet: von 1917 bis 1931 mit Margaret Fearnley Farrar, von 1932 bis Ende der 40er-Jahre mit Helen Peters-MacGregor - beide Ehen wurden geschieden. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er kurze Zeit in Kent und in seinem Geburtsort Watford, bevor er sich Anfang der 20er-Jahre in St. John's Wood, London, niederliess. 1930 erwarb er einen zweiten Wohnsitz auf dem Lande, an der Grenze zwischen Devon und Cornwall. Er starb im Alter von 77 Jahren.

Weit herum bekannt wurde der Autor dank seinem mit Anthony Berkeley gezeichneten Zehnteiler um Roger Sheringham, einen anfänglich recht rüpelhaft und nicht besonders scharfsinnig wirkenden, sich immer wieder arg überschätzenden Hobbydetektiv und Bestsellerautor, der im Verlauf der Reihe allerdings an Format gewinnt. (Wie Edmund Bentleys Detektiv Philip Trent ist Sheringham ein Gegenentwurf zum Superhirn Sherlock Holmes.)

'Der Fall mit den Pralinen', der bekannteste Titel der Serie, dreht sich um einen rätselhaften Giftmord. Im exklusiven Rainbow Club am Piccadilly Circus wird eine Schachtel Pralinen für Sir Eustace Pennefather abgeben. Der Baronet, ein lasterhafter und cholerischer, kurz vor der Scheidung stehender Schürzenjäger, schenkt das Konfekt einem anderen Clubmitglied, dessen Ehefrau isst davon - und stirbt. Als die von Chief Inspector Moresby geleiteten polizeilichen Ermittlungen im Sand verlaufen, übernehmen die sechs Mitglieder des erlauchten, von Sheringham ins Leben gerufenen "Kriminalzirkels" (gemeint ist der erwähnte "Detection Club") - Sheringham selbst sowie der berühmte Anwalt Sir Charles Wildman, die schöne Romanautorin Alicia Dammers, die Dramatikerin Mabel Fielder-Flemming, der Krimiautor Percy Robinson und der schüchterne, unscheinbare Amateurermittler Ambrose Chitterwick - den Fall, um nach einer Woche ihre mehr oder weniger originellen Interpretationen vorzutragen. Eine überraschende Lösung, auf die wie erwartet Chitterwick kommt, rundet die vergnügliche Erzählung ab.

Chief Inspector Moresby, ein anständiger, stets solide Arbeit verrichtender Scotland Yard-Beamte, kommt in weiteren Sheringham-Krimis zum Zuge, und auch Chitterwick hat noch zwei Auftritte, als Hauptperson in 'Ich könnte schwören, dass...' und als Nebenfigur in 'Der verschenkte Mord'.

Der Standalone 'Der verschenkte Mord' gehört zu Berkeleys stärksten Büchern. Lawrence Todhunter, ein sympathischer Gentleman, der nur noch wenige Monate zu leben hat, will der Gesellschaft einen letzten Dienst erweisen, indem er die hassenswerteste Person der Gegenwart um die Ecke bringt. Nicht Hitler soll das Opfer sein (er würde sofort durch einen anderen Schweinehund ersetzt), nein, das Miststück Jean Norwood, eine Schauspielerin, muss daran glauben. Doch dann gerät ein Unschuldiger unter Mordverdacht, und Mr. Todhunter versucht die Polizei davon überzeugen, dass er selbst der Täter ist - ein schier aussichtsloses Unterfangen.

Drei Romane - so genannte "Inverted Novels", d.h., der Täter ist von Anfang an bekannt, und der Fall wird von hinten her aufgerollt - veröffentlichte Cox als Francis Iles (dies ist der Name eines seiner Vorfahren, der seinen Lebensunterhalt als Schmuggler bestritt), unter ihnen 'Vor der Tat', der als einer der wichtigsten Vorläufer der modernen psychologischen Spannungsliteratur gilt. Die aus der Sicht des Opfers erzählte Geschichte kreist um Lina McLaidlaw, eine naive, etwas spröde, aus reichem Hause kommende Frau mit schwach ausgeprägtem Selbstwertgefühl, die sich auf eine Ehe mit dem charmanten Verführer Johnnie Aysgarth einlässt. Obwohl der sich schon bald als spielsüchtiger und betrügerischer Nichtsnutz entpuppt, kann Lina nicht von ihm lassen - das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Darüber hinaus schrieb Cox unter seinem angestammten Namen eine Reihe von Sketchen sowie komische Opern, fantastische Geschichten und politische Essays. Auch war er einer von zwei Direktoren der obskuren Londoner Firma 'A.B. Cox Ltd'. Er galt als exzentrische und hoch intelligente, grossen Wert auf den Schutz seiner Privatsphäre legende Persönlichkeit.

1996 veröffentlichte Malcolm J. Turnbull die lesenswerte Cox-Biografie 'Elusion Aforethought: the Life & Writing of Anthony Berkeley Cox', die im Internet abrufbar ist.

Bibliografie:
Als Anthony Berkeley: Roger Sheringham-Serie: 'The Layton Court Mystery (anonym veröffentlicht 1925), 'The Wychford Poisoning Case' (1926), 'The Vane Mystery' (auch unter den Titeln 'Roger Sheringham and the Vane Mystery' und 'The Mystery of Lover's Cave', 1927), 'The Silk Stocking Murders' (1928), 'The Poisoned Chocolates' - 'Der Fall mit den Pralinen' (auch unter den Titeln 'Der Detektiv-Club' und 'Die vergifteten Pralinen, 1929), 'The Second Shot' - 'Der zweite Schuss' (1930), 'Top Storey Murder' (auch unter dem Titel 'Top Story Murder') - 'Der Mord unter dem Dach' (auch unter dem Titel 'Mord in der Mansarde', 1931), 'Murder in the Basement' - 'Der Kellermord' (1932), 'Jumping Jenny' (auch unter dem Titel 'Dead Mrs. Stratton') - 'Galgenvögel' (1933), 'Panic Party' (auch unter dem Titel 'Mr. Pidgeon's Island') - 'Spiel mit dem Feuer' (1934);
'The Picadelly Murder' - 'Ich könnte schwören, dass...' (1929), 'Trial and Error' - 'Der verschenkte Mord' (1937), 'Not to Be Taken' (auch unter dem Titel 'A Puzzle in Poison' (1938), 'Death in the House' (1939).
Als Francis Iles: 'Malice Aforethought' - 'Vorsätzlich...' (1931), 'Before the Fact' (auch unter dem Titel 'Murder Story for Ladies') - 'Vor der Tat' (1932), 'As for the Women' (1939).
Als A.B. Cox: 'The Wintringham Mystery' (1926), 'Mr. Priestey's Problem' (auch unter dem Titel 'The Amateur Crime', 1927).
Als A. Monmouth Platts: 'Cicely Disappears' (1927).

++ Erstellt: April 2011 ++  


Craig, Jonathan

(Pseudonym für Frank E. Smith, 1919-1984; schrieb auch als Jennifer Hale)

Frank E. Smith kam in New York City zur Welt und wuchs auch dort auf. Anfang der 40er-Jahre arbeitete er als Research Analyst für die Navy und danach, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, für den Generalstab sowie als Berater von Präsident Truman an der Potsdamer Konferenz. Im Jahr 1959 verlegte er seinen Wohnsitz von New York City in die Kleinstadt New Port Richey im Westen Floridas. Dort gehörte er zum Kreis der Krimiautoren Day Keene, Gil Brewer, Harry Whitington und Talmage Powell, die sich die Nächte mit Bechern und Pokern um die Ohren schlugen.

Unter dem Pseudonym Jonathan Craig verfasste Frank E. Smith zahlreiche Western, vierzehn Krimis sowie Dutzende Kurzgeschichten, die in bedeutenden Gefässen wie 'Manhunt' und 'Black Mask' abgedruckt wurden. Als Jennifer Hale bediente er die Anhänger der Gothic Novel.

Craigs wichtigste Krimifiguren sind der erfahrene Cop Pete Selby (Ich-Erzähler) und sein jüngerer Partner Stan Rayder von der New Yorker Mordkommission, zwei integre, etwas farblose Fahnder, die vorwiegend in Greenwich Village auf der Piste sind. Die schnörkellosen, mit präzisen Schilderungen der Polizeiarbeit gespickten Geschichten beginnen in der Regel damit, dass eine schöne Frau ermordet aufgefunden wird. 'Der Tod im Nacken, der erste Band des Zehnteilers, kam 1955 heraus, zwei Jahre bevor Ed McBain die legendären Cops des 87. Polizeireviers zum Leben erweckte.

Als Craigs bester Krimi gilt zu Recht das Einzelwerk 'Gewalt und Gesetz' ('Renegade Cop') aus dem Jahr 1954 mit Lieutenant Steve Lambert als Hauptperson, einem niederträchtigen, habgierigen, das Gesetz auf seine ureigene Weise interpretierenden Senkrechtstarter der Kriminalpolizei einer Riverton genannten Grossstadt (gemeint ist vermutlich New York City) - Einschüchterung, Machtmissbrauch, Erpressung und Fälschung von Beweismaterial sind seine bevorzugten Arbeitsmethoden. Als Lambert der umwerfend schönen Frau eines vermutlich unschuldig in Untersuchungshaft schmorenden Mannes sexuell verfällt, ist es geschehen um seine Selbstkontrolle - er wird zum "Renegade Cop", zum abtrünnigen Polizisten.

Bibliografie:
Pete Selby & Stan Rayder-Serie: 'The Dead Darling' - 'Den Tod im Nacken' (1955), 'Morgue for Venus' - 'Tod für Venus' (1956), 'The Case of the Beautiful Body' - 'Als es Morgen wurde' (1957), 'Case of the Cold Coquette' - 'Callgirls weinen nicht' (auch unter dem Titel 'Mr. Macklins zweites Leben', 1957), 'Case of the Peticoat Murder' - 'Drei tödliche Tage' (1958), 'Case of the Nervous Nude' - 'Das nackte Mädchen' (1959), 'Case of the Village Tramp' (1959), 'Case of the Laughing Virgin' (1960) 'Case of the Silent Stranger' (1964), 'Case of the Brazen Beauty' - 'Anruf bei Nacht' (1966);
'Red-headed Sinners' - 'Blutiger Nebel' (1953), 'Renegade Cop' (auch unter dem Titel 'Alley Girl') - 'Gewalt und Gesetz' (1954), 'So Young, So Wicked' - 'Sein letzter Mord' (1957), 'Come Night, Come Evil' - 'Nur auf Bewährung' (1957).

++ Erstellt: September 2013 ++  


Crais, Robert

(*1953)

Geboren und aufgewachsen in Baton Rouge, Louisiana, als Spross einer Öl-Arbeiterfamilie, bereiste Robert Crais als Teenager mit einer Zirkustruppe den Südosten Amerikas. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Amateurfilmer und Verfasser von Kurzgeschichten und nach Abbruch des Ingenieurstudiums an der Louisiana State Universitiy ein Semester vor dem Abschluss ging er 1976 nach Hollywood, um Drehbücher für Serien wie 'Miami Vice', 'Hill Street Blues', 'Cagney & Lacey' oder 'L. A. Law' zu schreiben. 1987 startete er seine Karriere als Krimiautor. Ex-Ranger Elvis Cole (der extrovertierte Ich-Erzähler heisst eigentlich Philip James Cole, doch seie Mutter verehrte Elvis Presley) und sein wortkarger, hartgesottener Partner Joe Pike (ein Ex-LAPD-Cop und Ex-Marine), die in Los Angeles eine Detektei betreiben, sind die prägnant und glaubhaft gezeichneten Hauptfiguren in Crais' bisher 15-bändiger Krimireihe (Stand: 2012).

In Robert Crais' viertem Roman 'Im freien Fall' geraten Elvis Cole und Joe Pike in den Slums von South Central Los Angeles zwischen die Fronten krimineller LAPD-Cops, brutaler Kokaindealer und schiesswütiger Strassengangs, als sie von der jungen Sekretärin Jennifer Sheridan beauftragt werden, das Berufsleben ihres heiss geliebten Verlobten, des Elite-Polizisten Mark Thurman, zu durchleuchten.

'Falsches Spiel in L.A.' erzählt von Teddy Martin, einem reichen Unternehmer aus Los Angeles, der des Mordes an seiner Frau Susan beschuldigt wird. Der mit allen Wassern gewaschene Staranwalt Jonathan Green engagiert das Duo Cole und Pike, um seinen Mandanten zu entlasten: Die zuständige Ermittlerin Detective Angela Rossi, eine rabiate, überaus ehrgeizige Polizistin, soll, so Green, Beweismaterial manipuliert haben, um ihrer Karriere neuen Glanz und Schwung zu verleihen. Doch Rossi hat eine weisse Weste, Cole und Pike quittieren den Job - und geraten nun erst recht in die Bredouille.

Lakonische, humorvolle Erzählweise, Liebe zum Detail und scharf geschliffene Dialoge: Robert Crais ist ein würdiger und durchaus eigenständiger Nachfolger seiner Vorbilder Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Er lebt mit seiner Frau in den Bergen von Santa Monica und widmet sich hauptberuflich und (zumindest in seiner Heimat) höchst erfolgreich der Schriftstellerei - in Kalifornien ist sogar eine Pizza nach ihm benannt.

Bibliografie:
Elvis Cole & Joe Pike-Serie: 'The Monkey's Raincoat' - 'Kidnapping' (auch unter dem Titel 'Die gefährlichen Wege des Elvis Cole', 1987), 'Stalking the Angel' - 'Die Rache der Samurai' (auch unter dem Titel 'Die schwarze Welt des Elvis Cole', 1989), 'Lullaby Town' - 'Schmutzige Geschäfte' (auch unter dem Titel 'Lullaby Town', 1992), 'Free Fall' - 'Im freien Fall' (1993), 'Voodoo River' - 'Voodoo River' (1995), 'Sunset Express' - 'Falsches Spiel in LA' (1996), 'Indigo Slam' (1997), 'L.A. Requiem' - 'Stunde der Rache' (1999), 'The Last Detective' (2003), 'The Forgotten Man' (2005), 'The Watchman' (2007), 'Chasing Darkness' (2008), 'The First Rule' - 'Gesetz des Todes' (2010), 'The Sentry' (2011), 'Taken' - 'Strasse des Todes' (2012);
'Demolition Angel' - 'Feuerengel' (2000), 'Hostage' - 'Hostage - Entführt' (2001), 'The Two Minute Rule' (2006), 'Suspect' - 'Unter Verdacht' (2013), .

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: August 2012 ++
++ Update: Januar 2013 ++
++ Update: November 2013 ++
++ Update: August 2014 ++
 


Crawford, Robert

(Pseudonym für Hugh C. Rae, 1935-2014; schrieb auch als James Albany, R.B. Houston, Stuart Stern und Jessica Stirling)

Hugh Crawford Rae wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie in Glasgow geboren und ging dort bis sechzehn zur Schule. Unterbrochen durch den Militärdienst bei der Royal Air Force, arbeitete zwölf Jahre im Antiquariat einer Glasgower Buchhandlung und schrieb nebenbei Gedichte und Stories, die zum Teil in amerikanischen Magazinen abgedruckt wurden. Der Erfolg seines ersten - auf einem realen Kriminalfall beruhenden - Spannungsromans 'Skinner' erlaubte es ihm, sich fortan ganz auf die Schriftstellerei zu konzentrieren. Sein Werk enthält Gedichte, Kurzgeschichten, ein Bühnenstück, ein Radiohörspiel, zwei Television Plays, sieben mit James Albany gezeichnete Kriegsromane, zahlreiche (unter dem weiblichen Pseudonym Jessica Stirling publizierte) historische Romanzen und zwanzig Krimis, die mehrheitlich unter bürgerlichem Namen und dem Pseudonym Robert Crawford (auf Deutsch ausschliesslich unter dem Crawford-Pseudonym) erschienen sind. Darüber hinaus gab er Erwachsenen-Kurse in Kreativem Schreiben an der Glasgow University.

Crawfords Krimiwerk ist hierzulande weitgehend unbekannt geblieben, nur sieben Romane sind ins Deutsche übertragen worden: der Standalone 'Komm mit und stirb', zwei Titel aus der vierzehnbändigen Reihe um die schottischen Polizisten Chief Superintendent McCaig und Detective Inspector Ryan sowie vier Titel aus der nagelharten Serie um das ausgekochte Gespann Arthur Salisbury und Frank Shearer ("Firma Salisbury & Shearer", eine eigentümliche Mélange aus Privatdetektei und Gangsterorganisation), das im London der 60er-Jahre seine zwielichtigen Geschäfte abwickelt. Scharf geschliffene Plots, unangestrengte Erzählweise und ein feines Gespür für seine Figuren waren Crawfords Markenzeichen.

Robert Crawford, seit 1960 mit Elizabeth verheirateter Vater einer Tochter, Gillian, präsidierte von 1974 bis 1978 die Schottische Schriftstellervereinigung. Seinen letzten Krimi veröffentlichte er 1982, danach schrieb er nur noch unter dem erst 1999 gelüfteten Pseudonym Jessica Stirling - und lieferte bis kurz vor seinem Tod jedes Jahr einen schönen Roman für seine weibliche Leserschaft ab. Neun Jahre nach seiner Frau starb er 78-jährig in seiner Geburtsstadt.

Bibliografie:
Als Robert Crawford: Arthur Salisbury & Frank Shearer-Serie: 'The Shroud Society' - 'Totenhemd GmbH' (1969), 'Cockleburr' (auch unter dem Titel 'Pay as you Die') - 'Mord nach tausend Tagen' (1969), 'Kiss the Boss Goodbye' - 'Tot bist Du am schönsten' (1970), 'The Badgers's Daughter' - 'Die Pistolen-Lady' (1971), 'Whip Hand' (1972).
Als Hugh C. Rae: Chief Superintendent McCaig & Detective Inspector Ryan-Serie: 'A Few Small Bones' (auch unter dem Titel 'The House at Balnesmoor') - 'Mord im Moor' (1968), 'The Shooting Gallery' - 'Im Schussfeld' (1972);
'Skinner' (1965), 'Night Pillow' (1967), 'The Interview' (1969), 'The Saturday Epic' (1970), 'The Marksman' - 'Komm mit und stirb' (1971), 'The Rock Harvest' (1973), 'The Rookery' (1974), 'Sullivan' (1978), 'The Haunting at Weaverley Falls' (1980), 'Privileged Strangers' (1982).
Als R.B. Huston: 'Two for the Grave' (1972).
Als Stuart Stern (gemeinsam mit S. Ungar): 'The Minotaur Factor' (1977), 'The Poison Tree' (1978) .

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2014 ++
 


Crispin, Edmund

(Pseudonym für Robert Bruce Montgomery, 1921-1978)

Edmund Crispin, geboren in Chesham Bois, Buckinghamshire, als viertes Kind und einziger Sohn schottisch-irischer Eltern (sein Vater war ein ehemaliger Sekretär des Hochkommissariats von Indien), besuchte ab 1934 die Merchant Taylor's School in Northwood, Middlesex, und machte seinen Abschluss im Modernen Sprachen 1943 am Oxforder St. John's College. Anschliessend unterrichtete er zwei Jahre an der hoch angesehenen Schrewsbury School.

Seine nachfolgende berufliche Laufbahn verlief mehrgleisig. Unter seinem bürgerlichen Namen Robert Bruce Montgomery arbeitete er als Musiklehrer, spielte Klavier und Orgel und komponierte Musik für Chöre und Orchester, später auch für den Film. Als Edmund Crispin, inspiriert durch seinen Lieblingsautor John Dickson Carr, debütierte er 1944 in der Belletristik. Darüber hinaus schrieb er Krimikritiken für die 'Sunday Times' und gab eine siebenbändige Anthologie für Sciencefiction heraus.

Crispin lebte lange Zeit in dem ruhigen Marktstädtchen Totnes, Devon, bis er sich 1964 in einem Haus in der Nähe des Dorfes Dartington, ebenfalls Devon, niederliess. Schwer gezeichnet von seiner Alkoholsucht, heiratete er 1976 seine Sekretärin und Betreuerin Ann Clements. Zwei Jahre später, kurz vor seinem 57. Geburtstag, starb er in seinem Wohnsitz in Devon.

Crispins Krimiwerk enthält zwei Kurzgeschichtenbände und neun amüsante, leichtfüssige, an literarischen Anspielungen reiche Romane um den exzentrischen Oxforder Anglistik-Lehrer Gervase Fen - Vorbild war offenbar Crispins Tutor W.G. Moore. Professor Fen, Anfang vierzig, hochaufgeschossen und schlank, ein verheirateter Familienvater, hervorragender Literatur- und Musikkenner ist vor allem auch ein scharfsinniger und ungemein selbstsicherer Amateurdetektiv, der aus 'Alice im Wunderland' zitiert, wenn ihn etwas aus der Bahn wirft. Seinen bizarren Kriminalfällen geht er vornehmlich an akademischen Schauplätzen auf den Grund, hin und wieder in Zusammenarbeit mit der Polizei. Als Transportmittel dient ihm sein heissgeliebter - extrem kleiner, lärmiger und zerbeulter - Sportwagen "Lily Christine III", mit dem er stets in halsbrecherischem Tempo unterwegs ist. Wiederkehrende Figuren sind der hochbetagte und stocktaube, aber noch immer lebensfrohe emeritierte Professor Wilkes und Polizeiinspektor Humbleby von Scotland Yard, ein Kenner der klassischen Literatur. Und Alkohol fliesst stets in Strömen.

'Der wandernde Spielzeugladen' (knapp gefolgt von 'Schwanengesang') sticht aus Crispins Kriminalwerk hervor. Der berühmte, aber mittellose Lyriker Richard Cadogan, der sich in London zu Tode langweilt, fährt in die Universitätsstadt Oxford, die Stätte seiner Jugend, um das Abenteuer zu suchen. Kurz nach seiner Ankunft entdeckt er mitten in der Nacht die Leiche einer älteren Frau in einem Spielzeugladen, wird bewusstlos geschlagen und kehrt am nächsten Morgen mit der Polizei an den Ort zurück - keine Leiche, kein Spielzeugladen! In seiner Not wendet sich Cadogan an seinen alten Bekannten Gervase Fen, der sich freudig erregt des Falles annimmt, seine draufgängerische Art um ein Haar mit dem Leben bezahlt und schliesslich einem äusserst raffiniert vorgehenden Erbschleicher auf die Spur kommt.
Auf 250 Seiten zündet der Autor in diesem, seinem dritten, Krimi ein Feuerwerk aus Slapstick, verdrehtem Witz, ausgefallenen Ideen, wilden Verfolgungsjagden und geistreichen Dialogen - mit einem Spielzeugladen, der sich auf Wanderschaft begibt.

Bibliografie:
Gervase Fen-Serie: 'The Case of the Gilded Fly' - 'Mord vor der Premiere' (1944), 'Holy Disorders' - 'Heiliger Bimbam' (auch unter dem Titel 'Seht das Motiv und nicht die Tat', 1945), 'The Moving Toyshop' - 'Der wandernde Spielzeugladen' (auch unter dem Titel 'Mord im 1. Stock', 1946), 'Swan Song' - 'Schwanengesang' (1947), 'Love Lies Bleeding' - 'Liebe stirbt zuerst' (auch unter dem Titel 'Mit Geheimtinte', 1948), 'Buried for Pleasure' - 'Begräbnis am Donnerstag' (auch unter den Titeln 'Mit Freuden begraben' und 'Der Pfarrer und sein Poltergeist', 1948), 'Frequent Hearses' - '...vorm Tor der Leichenwagen' (1950), 'The Long Divorce' - 'Giftbriefe' (auch unter dem Titel 'Anonyme Briefe', 1951), 'Beware of the trains' - 'Morde - Zug um Zug' (Stories, 1953), 'The Glimpses of the Moon' - 'Der Mond bricht durch die Wolken' (1977), 'Fen Country' (Stories, 1979).

++ Erstellt: Oktober 2013 ++  


Crumley, James

(1939-2008)

James Crumley wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie in Three Rivers, im Süden von Texas, geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen dort und in New Mexico auf. 1958 studierte er Ingenieurswissenschaften am Georgia Institute of Technology, von 1959 bis 1961 diente er in der US Army, vorwiegend auf den Philippinen. 1964 machte er einen Abschluss in Geschichte an der Texas Arts and Industries University, 1966 erwarb er einen Master of Fine Arts in Creative Writing an der Iowa State University. In seiner Freizeit arbeitete er als Barkeeper und als Arbeiter auf den Ölfeldern.

Crumley engagierte sich für den Umweltschutz und gegen den Vietnamkrieg und gab 1969 den Kriegsroman 'One to Count Cadence' heraus. Inspiriert von den Werken Raymond Chandlers, auf die er kurz zuvor gestossen war, veröffentlichte er 1975 seinen ersten von sieben Krimis, denen das amerikanische Vietnamtrauma den Stempel aufdrückt. Nach einem rastlosen Leben mit Stationen in Montana, Arkansas, Colorado und Washington State liess er sich 1984 in Missoula, Montana, nieder.

Neben acht Romanen, die er immer wieder umschrieb, und einer Handvoll Kurzgeschichten verfasste Crumley, mehrere Drehbücher, die jedoch nicht verfilmt wurden. Da er vom Schreiben nicht leben konnte, war er auch als Skriptdoktor in Hollywood, als Dozent an der University of Montana und als Gastprofessor an zahlreichen Colleges tätig. Crumley war fünfmal verheiratet, zuletzt während sechzehn Jahren mit der Dichterin und Künstlerin Martha Elizabeth, und hatte insgesamt fünf Kinder, die aus der zweiten und der vierten Ehe stammten. 2008 zollte James Crumley - "The Poet of Hard Boiled", oder, in seinen eigenen Worten, "A Bastard Child of Raymond Chandler" (wenngleich seine Krimi wohl eher mit Robert Stones Werken zu vergleichen sind), seinem ausschweifenden Lebenswandel Tribut und starb 68-jährig in einem Krankenhaus in Missoula.

Crumleys Protagonisten sind Milton Chester Milodragovitch, genannt Milo, aus Montana und Chauncey Wayne Sughrue, genannt Sonny oder C.W., aus Südtexas; zwei kaputte, vom Leben gebeutelte Outlaws, bzw., in Crumleys Worten, "Milo ist meine gute Seite, Sughrue meine schlechte". Die beiden hatten sich in den frühen 70er-Jahren zum ersten Mal getroffen, wenige Wochen, nachdem Milo in Meriwether, Montana, eine Detektei eröffnet hatte. Sie wurden Freunde und Partner, trennten sich nach einem handfesten Streit und rauften sich später wieder zusammen. Ihren einzigen gemeinsamen Auftritt haben sie in 'Jeder gräbt sein eignes Grab', dem fünften Teil der Reihe.

Milo, Enkel eines russischen Einwanderers und Sohn von alkoholsüchtigen Eltern, die beide Suizid begingen, war fünfmal verheiratet und ist Vater eines Sohnes, den er jedoch aus den Augen verloren hat. In jungen Jahren nahm er am Koreakrieg teil. Nach dem College arbeitete er zehn Jahre als Deputy Sheriff, danach als Privatdetektiv und/oder Barkeeper. Er ist etwas älter und vermutlich eine Spur intelligenter und weniger gewalttätig als Sughrue, spricht aber wie dieser in hohem Masse dem Alkohol, dem Kokain und dem Sex zu. Sein Intimfeind ist der Cop Lieutenant Jamison, mit dem er aufwuchs und im Krieg war - und der jetzt mit einer von Milos Ex-Frauen verheiratet ist. Der hart gesottene Waffennarr Sughrue ("Sug as in Sugar, rue as in rue the fucking day"), aufgewachsen in Südtexas, war im Vietnamkrieg, wo er mit jeder Art von Drogen experimentierte und wegen eines Kriegsverbrechens - er löschte "aus Versehen" eine ganze vietnamesische Familie aus - vor Militärgericht gestellt, jedoch nicht verurteilt wurde. Im Gegenzug spionierte er für die Armee, indem er Universitäten und radikale Studentenorganisationen infiltrierte. Später machte er einen Abschluss in Englisch, zog es dann jedoch vor, als Repomann zu arbeiten und in San Francisco vermisste Kinder aufzuspüren. Schliesslich landete auch er in Meriwether.

Crumleys zweiter Krimi 'Der letzte echte Kuss' gilt als Meilenstein des Privatdetektivromans. Im Auftrag der sympathischen Barbesitzerin Rosie Flowers, begleitet von dem versoffenen Schriftsteller Abraham Trahearne und einer biertrinkenden Bulldogge namens Fireball, für ein Honorar von lumpigen 87 Dollar, macht sich Sughrue auf die Suche nach Rosies Tochter Betty Sue, die vor zehn Jahren mit sechzehn spurlos verschwunden ist - und bringt Erschütterndes zu Tage.

Sughrue steht auch in Crumleys spektakulärstem Buch 'Tequila Blues' im Mittelpunkt. Sarita Cisneros, die Frau des zwielichtigen republikanischen Politikers Pines und angeblich die Mutter von Sughrues Kumpel Norman, ist offenbar samt ihrem Dienstmädchen Wynona entführt worden, Sughrue soll sie aufspüren. Er trommelt ein paar Kriegskameraden zusammen und begibt sich mit seiner entfesselten, drogengeschädigten Truppe auf einen Höllenritt durch die Gegend. Dann verliebt sich Sughrue in Wynona, die junge Mutter des kleinen Lester, dessen Vater Pines ist. Der blutige Showdown findet in New Mexico statt, und Sughrues Liebe nimmt ein trauriges Ende.

In 'Jeder gräbt sein eignes Grab' kann Milo an seinem 53. Geburtstag endlich sein beträchtliches Erbe antreten - doch das Geld und dessen betrügerischer Verwalter, der Banker Andy Jacobson, sind abhanden gekommen. Zusammen mit seinem langjährigen Freund, dem inzwischen mit der smarten und warmherzigen Ex-Anwaltsgehilfin Whitney verheirateten Sughrue, der den kleinen Lester adoptiert hat, macht er sich auf, die verdienten Millionen vielleicht doch noch zu ergattern.

'Land der Lügen' sieht einen gealterten Milo in Brennpunkt des Geschehens. Liiert mit der bisexuellen Tierärztin Betty Porterfield, betreibt er neuerdings eine Bar in Texas, in der er Geld wäscht, das er bei einem Drogendeal beiseite schaffen konnte. Doch Milo ist auch mit knapp sechzig noch auf Speed, er langweilt sich in seinem neuen Job, beginnt wieder als Privatdetektiv und ist schon bald mit Fällen überhäuft: Aufspüren einer jungen Frau, die ihrem Mann entlaufen ist; Schutzdienst für eine Schönheit, die von einem Stalker bedroht wird; Suche nach dem schwarzen Ex-Häftling Enos Walker, der (wahrscheinlich in Notwehr) einen kriminellen Barbesitzer getötet hat, und den Milo vor der Todesstrafe bewahren will. Milo bezieht Prügel, wird beinahe Opfer eines Mordanschlags, gerät selbst unter Mordverdacht und muss sich mit ausgekochten Frauen herumschlagen - zu viel des Guten, er schwört, nie wieder einen Fuss nach Texas zu setzen. 'Land der Lügen' ist eine wilde und figurenreiche Geschichte, in der Crumley dem Amerika der Gegenwart den Spiegel vorhält; einem Amerika, dessen Macht, so der Autor, auf Drogen, Geld und Waffen beruht.

Bibliografie:
Milo & Sughrue-Serie: 'The Wrong Case' - 'Schöne Frauen lügen nicht' (Milo, 1975), 'The Last Good Kiss' - 'Der letzte echte Kuss' (Sughrue, 1978), 'Dancing Bear' - 'Der tanzende Bär' (auch unter dem Titel 'Kerle, Kanonen und Kokain', Milo, 1983), 'The Mexican Tree Duck' - 'Tequila Blues' (Sughrue, 1993), 'Bordersnakes' - 'Jeder gräbt sein eignes Grab' (Milo & Sughrue, 1996), 'The Final Country' - 'Land der Lügen' (Milo, 2001), 'The Right Madness' (Sughrue, 2005).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Oktober 2011 ++  


Cullingford, Guy

(Pseudonym für Constance Lindsay Dowdy Taylor, 1907-2000)

Geboren in Dovercourt, Essex, schrieb C. Lindsay Dowdy mit zwanzig Jahren ihre ersten Gedichte, Kurzgeschichten und Artikel, die in Zeitschriften gedruckt wurden. Sie vermählte sich 1930 mit einem gewissen Mr. Taylor und zog danach ihre Kinder gross, ehe sie sich 1948 erneut der Schriftstellerei zuwandte und bis 1991 (ab 1952 unter dem männlich klingenden Pseudonym Guy Cullingford, das sie auf Anraten ihres Verlegers annahm, und das lange Zeit ungelüftet blieb) elf Kriminalromane sowie mehrere Erzählungen, einen nicht zum Krimigenre gehörenden Roman ('The Bread and Butter Miss', 1979) und drei Fernsehspiele verfasste. Sie starb 93-jährig in Schottland.

Cullinghams schwer unterschätzte Krimis sind in der britischen Mittelschicht angesiedelt. Mit scharfem Blick und feinem Humor analysiert die elegante Stilistin zwischenmenschliche Desaster, entwickelt raffinierte Plots und und wartet immer wieder mit überraschenden Wendungen auf. Darüber hinaus ist sie eine Wegbereiterin feministischer Spannungsliteratur, etwa mit dem 1962 erschienenen Krimi 'Frauen gemeinsam sind stark' (im Origial treffender und weniger programmatisch 'Third Party Risk'), in dem die einfache Hausfrau Dorothy Squirl mehr oder weniger zufällig eine Frauenpartei gründet, die sich in der Folge mit heftigem Widerstand konfrontiert sieht - jemand scheint dieser Bewegung dermassen feindlich gegenüberzustehen, dass er selbst vor Mord nicht zurückschreckt.

Eines der besten Werke der Autorin ist 'Schritt ins Verderben' aus dem Jahr 1964, eine psychologisch ausgeklügelter Geschichte, die sämtliche Facetten der (bei Cullingford in der Regel zum Scheitern verurteilten) Mann-Frau-Beziehung plastisch und drastisch beschreibt.

Bibliografie:
Als C. Lindsay Taylor: 'Murder With Relish' (1948).
Als Guy Cullingford: 'If Whishes Were Hearses' - 'Wenn Wünsche töten könnten' (1952), 'Post Mortem' - 'Post mortem' (auch unter dem Titel 'Die Katze lässt das Mausen nicht', 1953), 'Conjurer's Coffin' - 'Der Zauberer von Soho' (1954), 'Framed for Hanging' - 'Wer andern einen Strick dreht' (1956), 'The Whipping Boys' - 'Prügelknaben' (auch unter dem Titel 'Ein Uhr nachts', 1958), 'A Touch of Drama' (1960), 'Third Party Risk' - 'Frauen gemeinsam sind stark' (1962), 'Brink of Disaster' - 'Schritt ins Verderben' (1964), 'The Stylist' (1968), 'Bother at the Barbican' (1991).

++ Erstellt: Oktober 2010 ++  


Cumberland, Marten

(1892-1972; schrieb auch als Kevin O'Hara)

Marten Cumberland kam in London zur Welt und ging auch dort zur Schule, bevor er sich mit zwanzig der Royal Navy anschloss und die folgenden sechs Jahre als Funker auf hoher See verbrachte. Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgte er eine journalistische Laufbahn bei verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Radiostationen, daneben arbeitete er im Verlagswesen als Redakteur. 1924 wurde er freier Journalist. 1928 vermählte er sich mit Kathleen Walsh. Er lebte mit ihr in Paris, wo er seinen Lebensunterhalt vornehmlich mit dem Verfassen von Krimis bestritt, während seinen Bühnenwerken und Hörspielen weniger Erfolg beschieden war. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in der irischen Hauptstadt Dublin.

Cumberlands erster (1923 gemeinsam mit B.V. Shann verfasster) Roman 'Behind the Scenes' ist im Theatermilieu angesiedelt. Im Krimigenre debütierte der Autor drei Jahre später mit 'Loaded Dice'. Bis 1966 folgten über sechzig Krimis, darunter die Kommissar Saturnin Dax-Serie und der mit Kevin O'Hara gezeichnete 16-Teiler um Chico Brett, aber auch ein Dutzend Novellen, fünf Theaterstücke, einige Hörspiele, das Sachbuch 'How to Write Serial Fiction' (1928) und der Roman 'Sin of David' (1935) - Werke, die heute niemand mehr kennt.

Saturnin Dax ist ein massiger, durch einen prächtigen Schnurrbart und buschige Augenbrauen auffallender Pariser Kommissar mit messerscharfem Verstand, viel Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis und einer Vorliebe für klassische Musik, doch über sein Privatleben erfährt man praktisch nichts. Er raucht Unmengen Maryland-Zigaretten und begibt sich kaum je ohne seinen dicken, gelben Spazierstock auf die Strasse. Unterstützt wird er durch seine Mitarbeiter Félix Norman (jung, temperamentvoll, elegant gekleidet) und Georges Alder (ruhig, zuverlässig, stets einen schwarzen Regenmantel tragend), zwei sympathische Burschen, die abseits des Berufslebens nichts gemeinsam haben. Die 34-bändige - von feinem Humor, detailreichen, präzisen Figurenschilderungen und dem charismatischen Protagonisten lebende - Reihe erstreckt sich über 26 Jahre, in denen Dax zu Wohlstand, Ruhm und Ehre kommt.

Der Ich-Erzähler Loretto "Chico" Brett, ein gross gewachsener, rothaariger, aus Buenos Aires stammender Privatdetektiv spanisch-irischer Abstammung, hat am Rande des legendären Shepherd Market in London ein kleines Büro, das er sich mit seiner vollschlanken, die meiste Zeit leider arg unterbeschäftigten Sekretärin Norah Hume teilt. Seine besten Kumpel bei Scotland Yard, Inspector "Gipsy" Rawson und Sergeant Gamble, haben ihm den originellen Spitznamen "Caballero Cop" verpasst. Trinkfestigkeit, eine robuste Konstitution und ein Flair für schöne Frauen sind die hervorstechenden Eigenschaften des stets um saubere Recherchierarbeit bemühten Schnüfflers.

Bibliografie:
Saturnin Dax-Serie: 'Someone Must Die' (1940), 'Questionable Shape' (1941), 'Quislings Over Paris' (1942), 'The Knife Will Fall' (1943), 'Not Expected to Live' (1945), 'Steps in the Dark' - 'Schritte im Dunkeln' (1945), 'A Lovely Corpse' - 'Diskretion Ehrensache' (1946), 'Hearsed in Death' (auch unter dem Titel 'A Dilemma for Dax', 1946), 'Hate Will Find a Way' (auch unter dem Titel 'And Worms Have Eaten Them') - 'Die Perlen der Manette Sugru' (1947), 'And Then Came Fear' (1948), 'Policeman's Nightmare' - 'Alpdruck' (1949), 'On the Danger List' (1950), 'Confetti Can Be Red' (auch unter dem Titel 'The House in the Forest') - 'Hochzeitsreise nach Paris' (1950), 'The Man Who Covered Mirrors' (1951), 'Booked for Death' (auch unter dem Titel 'Grave Consequences' - 'Sie sind entlassen!' (1952), 'Fade Out the Stars' - 'Lösegeld für Ginette' (1952), 'One for the Grave' - 'Schach und matt' (1952), 'Etched in Violence' - 'Die Frau mit dem Monokel' (1953), 'Nobody Is Safe' (auch unter den Titel 'Which of Us Is Safe?'), 'The Frightened Brides' - 'Die erschreckten Frauen' (1954), 'Unto Death Utterly' (1954), 'The Charge Is Murder' (1955), 'Lying At Death's Door' - 'Theaterkarte für Béatrice' (1956), 'Far Better Dead!' - 'Einladung zur Ferienreise' (1957), 'Hate for Sale' (1957), 'Out of this World' - 'Der rote Elefant' (1958), 'Murmurs in the Rue Morgue' - 'Ein hochachtbarer Bürger' (1959), 'Remains to Be Seen' (1960), 'There Must Be Victims' (1961), 'Attention! Saturnin Dax!' (1962), 'Postscript to a Death' (1963), 'Hate Finds a Way' (1964), 'The Dice Were Loaded' (1965), 'No Sentiment in Murder' (1966);
Einzelwerke: 'Loaded Dice' (gemeinsam mit B.V. Shann, 1926), 'The Perilous Way' (1926), 'The Dark House' (1935), 'Devil's Snare' (1935), 'The Imposter' (1935), 'Murder at Midnight' (gemeinsam mit B.V. Shann, 1935), 'Shadowed' (1936), 'Birds of Pray' (1937), 'The Testing of Tony' (1943), 'Everything He Touched' (1945), 'Darkness As a Bride' (1947), 'The Crime School' (1949).
Als Kevin O'Hara: Chico Brett-Serie: 'The Customer's Always Wrong' - 'Sie wussten zuviel' (1951), 'Sing, Clubman, Sing' - 'Die Tänzerin' (1952), 'Exit and Curtain' - 'Gefährliche Fenster' (1952), 'Always Tell the Sleuth' - 'Zwischen zwei Gegnern' (1953), 'It Leaves them Cold' - 'Die Schauspielerin' (1954), 'The Pace That Kills' - 'Die rosarote Brille' (1955), 'Keep Your Fingers Crossed' - 'Chico räumt auf' (1955), 'Women Liket o Know' - 'Manette pack aus' (1957), 'Well, I'll Be Hanged' - 'Meine Frau ist verschwunden!' (1958), 'Danger: Woman at Work!' - 'Erpresser am Werk' (1958), 'And Here Ist he Nose' - 'Der geheimnisvolle Fächer' (1959), 'Taking Live Easy' (1961), 'If Anything Should Happen' - 'Wenn etwas passieren sollte' (1962), 'Don't Tell the Police' - 'Ein Gentleman mit grauen Schläfen' (1963), 'Don't Neglect the Body' - 'Eine Frau mit Geld' (1964), 'It's Your Funeral' - 'Die Waffe einer Frau' (1966).

++ Erstellt: Dezember 2013 ++  


Cunningham, E.V.

(Pseudonym für Howard Fast, 1914-2003; schrieb auch als Behn Boruch, Walter Ericson und Simon Kent)

Howard Fast kam als mittlerer von drei Söhnen des jüdisch-ukrainischen Fabrikarbeiters Barney Fastovsky, dessen Name bei der Ankunft in die USA zu Fast gekürzt wurde, und der Britin Ida Miller in New York City zur Welt. Die Mutter starb, als er knapp neun war, und der Vater wurde kurz danach arbeitslos. Obschon Howard deshalb bereits als Teenager Geld verdienen musste, schloss er 1931 die George Washington High School ab. Im selben Jahr verkaufte der passionierte Leser (Mark Twain, Karl Marx, Jack London, Nathanial Hawthorne und Bernard Shaw hatten es ihm besonders angetan) seine erste Story an die Zeitschrift 'Amazing Stories'. Zwei Jahre später kam sein erster Roman 'Two Valleys' heraus, der Durchbruch als Autor folgte 1939 mit seinem vierten Buch 'Conceived In Liberty'.

Während des Zweiten Weltkriegs verfasste Howard Fast Propagandaschriften für den staatlichen Radiosender 'Voice of America'. Ende 1943 trat er der Kommunistischen Partei der USA bei. Zwei Jahre später musste er für drei Monate ins Gefängnis, weil er vor dem Untersuchungsausschuss der ‚House Commitee on Un-American Activities' die Aussage verweigerte. Anfang der 50er-Jahre kam er auf McCarthys Schwarze Liste, was einem Berufsverbot gleichkam und dazu führte, dass er seinen berühmten Roman 'Spartacus' zunächst selbst verlegen musste. 1954 erhielt er den 'Internationalen Stalin-Friedenspreis'. Nach der blutigen Niederschlagung des ungarischen Aufstandes durch die Sowjetunion trat er ernüchtert aus der Partei aus und wandte sich daraufhin der Zen-Philosophie zu.

Im Jahr 1937 vermählte sich Fast mit der Künstlerin Bette Cohen und hatte mit ihr zwei Kinder, Jonathan und Rachel. Die Familie liess sich Mitte der 50er-Jahre in Teaneck, New Jersey, nieder. 1974 übersiedelte sie nach Los Angeles, 1980 kehrte sie an die Ostküste zurück, um Anfang der 90er-Jahre Wohnsitz in Connecticut zu beziehen. 1999, fünf Jahre nach Bettes Tod, heiratete Howard Fast Mercedes O'Connor. Er starb 88-jährig in Old Greenwich, Connecticut.

Aufgrund von Werken wie 'Die letzte Grenze', 'Bürger Tom Paine', 'Strasse zur Freiheit', 'Spartacus', 'Die Affäre Winston' und 'Der Unbeirrbare' wird Howard Fast unter die einflussreichsten amerikanischen Romanciers des 20. Jahrhunderts eingereiht. Neben gut vierzig Romanen und mehreren Hörspielen, Drehbüchern, Fernsehstücken, Gedichten, Biografien, Memoiren ('Being Red' aus dem Jahr 1990) und Sachbüchern für Kinder, veröffentlichte er unter dem Pseudonym E.V. Cunningham von 1960 bis 1984 neunzehn weitgehend unbekannt gebliebene Kriminalromane: Eine elfteilige Reihe, die jeweils mit einem weiblichen Vornamen betitelt ist, den Siebenteiler um Detective Sergeant Masao Masuto, dem Leiter der Mordkommission von Beverly Hills (die so genannte "The Case of…"-Serie) und das Einzelwerk 'Der Mann, der nicht mehr töten wollte', die Geschichte eines Berufskillers, der sich zum ersten Mal in eine Frau verliebt und dafür mit seinem Leben bezahlt.

Masao Masuto, schlank und hoch gewachsen, ein in den Vereinigten Staaten geborener Sohn von Japanern (ein so genannter Nisei also), lebt mit seiner ebenfalls japanisch-stämmigen Frau Kati und den zwei Kindern, Ana und Uraga, glücklich in einem kleinen Bungalow in Culver City, Los Angeles County. Er ist Zen-Buddhist, Karatemeister und Besitzer eines prächtigen Rosengartens, der ihm Vergnügen und Entspannung bietet, und weiss genau, dass man als Polizist in Beverly Hills über Taktgefühl, Selbstkontrolle, Urteilsvermögen und gute Manieren verfügen muss. Mit subtiler Ironie und viel Humor schildert der Autor Masutos auf Intuition und Scharfsinn basierende Ermittlungsarbeit, die den Detektiv natürlich immer wieder mit der Filmwelt und deren missgünstigen, selbstsüchtigen Protagonisten, aber auch mit Terroristen und alten Nazis konfrontiert, und würzt die Geschichten mit herrlichen Wortgefechten zwischen Masuto und seinem grantigen Vorgesetzten Captain Wainwright. In weiteren Nebenrollen: Der sympathische jüdische Detective Sy Beckman, der junge Officer Frank Seaton und der Gerichtsmediziner Sam Baxter.

Von den mit weiblichen Vornamen betitelten Romanen - sie kreisen um aussergewöhnliche Frauen ganz unterschiedlicher Herkunft - erhielt 'Sylvia' den grössten Zuspruch. Der kalifornische Multimillionär Frederick Summers beauftragt den Privatdetektiv Alan Macklin, die Vergangenheit seiner Verlobten auszuleuchten. Die bildschöne Frau nennt sich Sylvia West, ist Ende zwanzig und begütert, züchtet Rosen, hat einen Lyrikband herausgegeben, spricht fliessend Französisch, Spanisch und Chinesisch - und ihre Biografie ist offensichtlich getürkt. Macklin, ein gebildeter, seinen Beruf verabscheuender Aussenseiter, begibt sich auf Spurensuche und findet heraus, dass Sylvia unter grauenvollen Bedingungen aufwuchs und schon früh auf die schiefe Bahn geriet. Und verliebt sich rettungslos in sie, noch bevor sie ihm leibhaftig begegnet ist… Eine herzerwärmende, märchenhafte Geschichte.

Bibliografie:
Mit weiblichen Vornahmen betitelte Serie: 'Sylvia' - 'Sylvia' (1960), 'Phyllis' - 'Bianca' (auch unter dem Titel 'Vierzig Tage Frist', 1962), 'Alice' - 'Alice' (1963), 'Lydia' - ‚Lydia' (1964), 'Shirley' - 'Shirley' (1964), 'Penelope' - 'Penelope' (1965), 'Helen' (1966), 'Margie' (1966), ‚Sally' - 'Sally' (1966), 'Cynthia' - 'Cynthia' (1968), 'Millie' - 'Milly' (1973);
Masao Masuto-Serie: 'The Case of the Angry Actress' (auch unter dem Titel 'Samantha') - 'Samantha' (1967), 'The Case of the One-Penny-Orange' - 'Die verschwundene Mauritius' (1977), 'The Case of the Russian Diplomat' - 'Ein Diplomat zuviel' (1978), 'The Case of the Poisoned Eclairs' - 'Club der Geschiedenen' (1979), 'The Case of the Sliding Pool' - 'Ein Fall von Erdrutsch' (1981), 'The Case of the Kidnapped Angel' - 'Ein Engel für die Traumfabrik' (1982), 'The Case of the Murdered Mackenzie' (1984);
'The Assassin who Gave up his Gun' - 'Der Mann, der nicht mehr töten wollte' (1969).
Als Walter Ericson: 'Fallen Angel' - 'Die 27. Etage' (1952).

++ Erstellt: Juni 2014 ++  



 

Daeninckx, Didier

(*1949)

Didier Daeninckx wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie im Pariser Vorort Saint-Denis geboren und besuchte dort die Grundschule. Nachdem er mit siebzehn wegen rebellischen Verhaltens aus dem Gymnasium geflogen war, arbeitete er zehn Jahre als Drucker und dann drei Jahre als Betreuer von Jugendlichen. Anschliessend war er Redakteur bei verschiedenen lokalen und regionalen Blättern. Als er arbeitslos wurde, begann er an seinem ersten Krimi zu schreiben, der 1982 unter dem Titel 'Mort au premier tour' herauskam.

Aus Daeninckx' umfangreichem Werk - es enthält über 30 Romane, unzählige Erzählungen, gut ein Dutzend Jugendbücher, aber auch Essays und Comics sowie zwölf Radio- und fünf Fernsehskripts - sind sechs Krimis und die Kurzromane 'Statisten' und 'Reise eines Menschenfressers nach Paris' ins Deutsche übertragen worden. In vielen seiner Bücher greift Daeninckx unbewältigte gesellschaftspolitische Probleme seines Landes auf - Résistence und Kollaboration, Algerienkrieg, Rechtsextremismus und Ausländerpolitik. Darüber hinaus ist er Redakteur der sozial- und politkritischen Website 'amnistia.net'. Er lebt in Aubertvilliers bei Paris.

'Bei Erinnerung Mord' befasst sich mit einem historisch verbürgten Geschehnis: Am 17. Oktober 1961 wurden in Paris unter der Leitung des berüchtigten Politikers und Kriegsverbrechers Maurice Papon (er war zur Zeit des Vichy-Régime für die Deportation französischer Juden aus Bordeaux verantwortlich, erst 1998 wurde ihm der Prozess gemacht) fast 200 unbewaffnete Menschen, die gegen den Algerienkrieg demonstrierten, von der Sicherheitspolizei getötet, darunter unerklärlicherweise Roger Thiraud, ein Studienrat für Latein und Geschichte. Zwanzig Jahre später kommt Thirauds posthum geborener Sohn, auch er Historiker, bei seinen Recherchen in Toulouse gewaltsam ums Leben. Der desillusionierte Polizeiinspektor Cadin (er trat in vier weiteren Büchern von Daeninckx auf, bis er Selbstmord beging) nimmt sich des Falles an und deckt die weit zurückliegenden Hintergründe der beiden Verbrechen auf.

'Das Schloss bei Prag' erzählt von dem französischen Sciencefiction-Autor Frédéric Doline, der 1994 spurlos in der neu gebildeten Tschechischen Republik verschwindet. Seine Frau Nina beauftragt den ihr von früher her bekannten Privatdetektiv und Ex-Journalisten Francois Novacek - Spross einer Französin und eines tschechischen Fussballtrainers - mit der Suche nach dem Vermissten. Anspielungsreich verwebt Daeninckx fiktive Elemente mit historischen Fakten und zeichnet ein eindrucksvolles Bild der nachkommunistischen Politlandschaft in Osteuropa und des Zusammenspiels zwischen westlichem Opportunismus und (noch nicht aufgeweichten) östlichen Machtstrukturen.

Im Kurzroman 'Statisten' entdeckt der vom gelangweilten Ehemann zum leidenschaftlichen Filmliebhaber mutierte Valère Notermans bei einem Trödler in Lens ein technisch brillantes, mit grauenvollen Szenen gefülltes Filmfragment, dessen Regisseur und Komparsen unbekannt sind. Die bei aller Abscheulichkeit faszinierenden, vermutlich in den 40er-Jahren entstandenen Bilder lassen Notermans keine Ruhe, er begibt sich auf die Suche ihrer Herkunft. Bei seinen mit ein paar skurrilen Kollegen durchgeführten Recherchen, die ihn durch den Norden Frankreichs führen, stösst er zunächst auf eine Mauer des Schweigens, dann wird er von zwei Rentnern tätlich angegriffen, und kurz danach offenbart sich ihm die erschütternde Wahrheit.

'Nazis in der Metro' (der Titel ist eine Hommage an Raymond Queneaus berühmten Roman 'Zazie dans le métro') handelt von schmutzigen rot-braunen Verwicklungen im Frankreich der mittleren 90er-Jahre, denen der antifaschistische Pariser Detektiv Gabriel Lecouvreur (alias "der Pulp" bzw. "le Poulpe") auf den Grund geht. ("le Poulpe ist eine sehr umfangreiche, 1995 von Jean-Bernard Pouy als Antwort auf den Aufstieg des ‚Front National' ins Leben gerufene Krimiserie, zu der immer wieder andere Autoren einen Band beisteuern, aber auch der Nom de guerre des männlichen Helden der Reihe.)

Nachdem er ein Jahr zuvor mehrere Wochen in der französischen Kolonie Neukaledonien verbracht hatte, veröffentlichte Daeninckx 1998 den Kurzroman 'Reise eines Menschenfressers nach Paris', in dem er ein übles Kapitel der französischen Geschichte aufrollt: 1931 wurden etwa hundert Kanaken (so lautet der Name der Ureinwohner Neukaledoniens) nach Frankreich geholt, damit sie endlich ihr Mutterland kennenlernen. In Tat und Wahrheit brachte man sie jedoch in einem Gehege in der zoologischen Abteilung der grossen Pariser Kolonialausstellung unter, wo sie von den Besuchern als Menschenfresser bestaunt werden konnten. Die haarsträubende Geschichte wird aus der Sicht eines direkt Betroffenen erzählt, der 54 Jahre später, als er am letzten Aufstand der Kanaken gegen die französischen Herrscher teilnimmt, auf sein Leben zurückblickt.

Bibliografie:
Inspecteur Cadin-Romane: 'Meurtres pour mémoire' - 'Bei Erinnerung Mord' (auch unter dem Titel 'Karteileichen, 1984), 'Le géant inachevé' (1984), 'Le bourreau et son double' (1986), 'Le facteur fatal' (1990), 'Mort au premier tour' (1997);
Pulp-Romane: 'Nazis dans le métro' - 'Nazis in der Metro' (auch unter dem Titel 'Pulp und die alte Linke', 1996), 'La route due rom' (2003);
'Mort au premier tour' (1982), 'Le der des ders' - 'Tod auf Bewährung' (1984), 'Métropolice' (1985)‚ 'Play-Back' - 'Die Stimme der Bianca B.' (1986), 'Lumière noire' (1987), 'La mort n'oublie personne' (1989), 'A louer sans commission' (1991), 'Hors-limites' (1992), 'Zapping' (1992), 'Autres lieux' (1993), 'Main courante' (1994), 'En marge' (1994), 'Le château en bohème' - 'Das Schloss bei Prag' (1994), 'Les figurants' - 'Statisten' (1995), 'Le goût de la vérité' (1997), 'Cannibale' - 'Reise eines Menschenfressers nach Paris' (1998), 'La repentie' (1999), 'Ethique en toc' (2000), '12 Rue Merkert' (2001), 'La mort en dédicace' (2001), 'Le retour d'Atai' (2002), 'Les corps râlent' (2003), 'Je tue il' (2003), 'Le crime de Sainte-Adresse' (2004), 'Cités perdues' (2005), 'Itinéraire d'un salaud ordinaire' (2006), 'On achève bien les disc-jockeys' - 'Nur DJs gibt man den Gnadenschuss' (2006), 'Missak' (2009), 'L'affranchie du périphérique' (2009), 'Galadio' (2010), 'Avec le groupe Manouchian' (2010).

++ Erstellt: Januar 2011 ++
++ Update: Oktober 2012 ++
 


D'Amato, Barbara

(*1938; schreibt auch als Malacai Black)

Barbara D'Amato, geborene Steketee, kam in Grand Rapids, Michigan, auf die Welt und wuchs auch dort auf. Sie verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens in Chicago, wo sie an der Northwestern University Soziologie studierte. D'Amato war Technische Operationsassistentin, Tischlerin für eine Zauberkünstlertruppe, Assistentin eines Leoparden-Dompteurs und Detektivin für verschiedene Anwaltskanzleien, bevor sie zum Schreiben kam. Neben ihren bislang neunzehn Kriminalromanen verfasste sie Bühnenstücke, ein Sachbuch über einen umstrittenen Kriminalfall ('The Doctor, the Murder, the Mystery', in dem D'Amato den Fall des schwarzen Gynäkologen John Branion behandelt, der 1967 des Mordes an seiner Frau angeklagt wurde, danach über zwanzig Jahre, bis zu seinem Tod, im Gefängnis war und dank der Autorin - posthum - rehabilitiert wurde), Musicals für Kinder und Erwachsene und Kolumnen für Krimimagazine. Hin und wieder versuchte sie, Polizeibeamten das Krimischreiben beizubringen. D'Amato ist Mutter von zwei Söhnen, unter ihnen der Autor und Bildhauer Brian D'Amato, und lebt mit ihrem Mann, einem Juraprofessor, in Chicago.

Die Mehrzahl von D'Amatos Geschichten dreht sich um Cat Marsala aus Chicago, eine feinfühlig gezeichnete, sympathische Figur, die sich als freie Journalistin vornehmlich mit sozialpolitischen Themen (Prostitution, Arbeit auf einer Unfallstation, Spielsucht, hartes Leben auf dem Lande, Drogenpolitik) auseinandersetzt; zu lesen in neun ruhig und stimmungsvoll erzählten Kriminalromanen, deren Titel im Original mit dem Adjektiv "hard" beginnen.

D'Amatos zwei in den frühen 80er-Jahren herausgekommene Romane um die Gerichtsmedizinerin Dr. Gerritt DeGraaf sind nicht ins Deutsche übertragen worden. Aus der vierbändigen Serie um die Chicagoer Cops Suze Fiqueroa und Norm Bennis ist einzig der erste Titel 'Auf Schritt und Tod' auf Deutsch erhältlich.

Bibliografie:
Cat Marsala-Serie: 'Hardball' - 'Eine Bombe für Cat Marsala' (1990), 'Hard Track' - 'Cat Marsala und der Mord auf dem Michigansee' (1991), 'Hard Luck' - 'Mörderische Lotterie' (1992), 'Hard Woman' - 'Cat Marsala und die tote Hure' (1993), 'Hard Case' - 'Mord auf Station' (1994), 'Hard Christman - 'Eine Leiche auf dem Gabentisch' (1995), 'Hard Bargain' (1997), 'Hard Evidence' (1999), 'Hard Road' (2001);
Chicago Cops-Serie: 'Killer.app' - 'Auf Schritt und Tod' (1996), 'Good Cop, Bad Cop' (1998), 'Help Me Please' (1999), 'Authorized Personnel Only' (2000);
Dr. Gerritt DeGraaf-Romane: 'The Hands of Healing Murder' (1980), 'The Eyes of Utopia Murders' (1981);
Einzelwerke: 'On My Honor' (zuerst als Malacai Black, 1989), 'White Male Infant' (2002), 'Death of a Thousand Cuts' (2004), 'Foolproof' (gemeinsam mit Jeanne M. Dams und Mark Richard Zubro, 2009), 'Other Eyes' (2011).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: April 2014 ++
 


Danks, Denise

Denise Danks, als Tochter einer griechischen Mutter und eines englischen RAF-Piloten in London geboren, schloss ihr Studium am St. Luke's College in Exeter als Englisch- und Drama-Lehrerin ab und begann dann 1977 eine journalistische Laufbahn. Sie schrieb für Radio, Fernsehen und verschiedene Zeitungen vorwiegend über Computer und die Computertechnologie, gründete und leitete in den 80er-Jahren eine Nachrichtenagentur für diesen Bereich und war eine Weile Geschäftsführerin des innovativen Fachverlags 'Computerwire', bevor sie 1988 das Schreiben von Drehbüchern für Film und Fernsehen und von Kriminalromanen (Georgina Powers-Serie) zum Hauptberuf machte.

Georgina "George" Powers, Danks' Protagonistin in sechs Romanen (Vorbild war offenbar das Mädchen George aus Enid Blytons berühmter Jugendkrimireihe 'Famous Five'), eine junge, geschiedene, allein stehende Londoner Computer-Journalistin mit einer Vorliebe für harte Drinks und unberechenbare Sexualpartner, ist, in den Worten ihrer Erfinderin, stur wie ein Maulesel, hart gesotten und verletzlich, intelligent und bescheuert - eine zerrissene Figur.

In Danks' drittem Roman, dem Cyber-Space-Thriller 'Die Spiele des Computer-Killers', verirrt sich George Powers in der gefährlichen Welt der virtuellen Pornographie, in die nicht nur ihr derzeitiger Sexpartner - ein perverser Computerspezialist, den sie bei einem Interview kennen gelernt hat -, sondern auch ihr früherer Liebhaber und, wie sich bald zeigt, sogar ihr Ex-Mann verstrickt sind. Ein tödliches Spiel beginnt, und George weiss nicht, wem sie vertrauen kann.

Der Nachfolgeband 'Sieh mich an, Al Sony' dreht sich um die Jagd nach Computerchips im Wert von 1 Million Dollar, die George Powers' alter Kumpel Charlie East beim Pokern in Las Vegas einem japanischen Gangster namens Al Sony abgenommen hat. Als neben der Yakuza auch noch kolumbianische Drogenkartelle und ein rabiater ungarischer Computerhändler aufkreuzen, geht es der mutigen Heldin nur noch ums nackte Überleben.

Denise Danks, deren drei letzten Krimis (zwei George Powers-Romane und das Einzelwerk 'Torso') nicht auf Deutsch vorliegen, hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit ihrem Mann im Osten Londons.

Bibliografie:
Georgina Powers-Serie: 'The Pizza House Crash' (auch unter dem Titel 'User Deadly') - 'Pizza House Crash' (1989), 'Better Off Dead' - 'Lieber tot als vergessen' (1991), 'Frame Grabber' - 'Die Spiele des Computer-Killers' (1992), 'Wink a Hopeful Eye' - 'Sieh mich an, Al Sony' (1993), 'Phreak' (1998), 'Baby Love' (2000);
'Torso' (1999).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Oktober 2013 ++
 


Darnton, John

(*1941)

John Darnton, geboren in New York City als Sohn des Kriegskorrespondenten Byron Darnton, der 1942 über Neu Guinea irrtümlich abgeschossen wurde, und der bekannten Journalistin Eleanor Choate Darnton, beide für 'The New York Times' tätig, und jüngerer Bruder des Historikers Robert Darnton, studierte an der University of Wisconsin-Madison und arbeitete danach fast vierzig Jahre als Reporter, Redakteur und Auslandkorrespondent der 'New York Times' in Nigeria, Kenia, Polen, Spanien, New York und London. Mit seinen Reportagen über das krisengeschüttelte, unter Kriegsrecht stehende Polen gewann er 1982 den Pulitzer-Preis. Als er 2005 die Arbeit bei der 'New York Times' beendete, wurde er Gastprofessor für Journalismus an der State University of New York in New Paltz. Der Vater zweier Töchter und eines Sohnes lebt mit seiner Frau, der Journalistin Nina Darnton, in New York City.

Seit 1996 macht John Darnton - kein grosser Stilist, aber ein akribischer Rechercheur - auch als Erfinder von spektakulären, sauber konstruierten, mit überraschenden Wendungen aufwartenden Wissenschaftsthrillern von sich reden. Im Jahr 2011 veröffentlichte er zudem das autobiografische Werk 'Almost a Family', in dem er sich mit seiner Jugendzeit als Halbwaise auseinandersetzt.

'Neandertal - Tal des Lebens' spielt in einem abgeschiedenen Tal des Pamirhochlands von Tadschikistan. Dort soll ein Stamm von Neandertalern überlebt haben, was einer Sensation gleichkäme, ging man doch bisher davon aus, dass diese vor rund 30'000 Jahren ausgestorben sind. Überdies sollen diese Hominiden über die Gabe des "remote viewing" zu verfügen, über die Fähigkeit also, mit den Augen eines anderen sehen können. Kein Wunder also, dass sich der amerikanische Geheimdienst für diese Entdeckungen brennend interessiert. Er entsendet die renommierten Paläontologen Susan Arnot und Matt Mattison, die vor Jahren eine Liebespaar waren, auf eine abenteuerliche, überaus gefährliche Mission in die unwegsame Region - und die beiden finden dort gleich zwei Stämme von Neandertalern, die einander feindlich gesinnt sind.

In Darntons zweitem Roman 'Zwillingspark' legt eine Gruppe von abtrünnigen Wissenschaftlern auf einer hermetisch abgeschlossenen südostamerikanischen Insel seit über dreissig Jahren Organbanken in Form von jungen geklonten Menschen an, auf die man in der Not zurückgreifen kann - der Traum vom ewigen Leben. Einem dieser Klone, dem 24-jährigen Skyler, gelingt es, die Insel zu verlassen. Kurz danach trifft er auf den New Yorker Journalisten Jude Harley, der genau gleich aussieht wie er. Und Judes Freundin Tizzie Tierney hat exakt dasselbe Gesicht wie Skylers innig geliebte Gefährtin Julia, die kurz vor seiner Flucht auf der Insel getötet und ausgeweidet worden ist. Die Doppelgänger und Tizzie schliessen sich zusammen - eine haarsträubende Hetzjagd durch Amerika nimmt ihren Lauf.

Bibliografie:
'Neanderthal' - 'Neandertal - Tal des Lebens' (auch unter dem Titel 'Tal des Lebens', 1996), 'The Experiment' - 'Zwillingspark' (1999), 'Mind Catcher' - 'Der Versuch' (2002), 'The Darwin Conspiracy' (2005), 'Black & White and Dead All Over' (2008).

++ Erstellt: Januar 2015 ++  


Davidson, Lionel

(1922-2009; schrieb auch als David Line)

Lionel Davidson wurde als jüngstes von neun Kindern in Hull, Yorkshire geboren. Lionels Vater, ein mittelloser jüdischer Schneider aus Polen, lernte dort seine analphabetische, aus Litauen stammende Frau kennen und starb 1924. Vier Jahre später liess sich die Mutter mit ihren Kindern in London nieder. Lionel, der seiner Mutter das Lesen und Schreiben beibrachte, verliess mit dreizehn die Schule, um Geld zu verdienen. Er arbeitete als Laufbursche für das Magazin 'Spectator', das 1937 eine von ihm unter Pseudonym verfasste Story veröffentlichte. Im Zweiten Weltkrieg war er auf britischen U-Booten im Fernen Osten als Telegraf im Einsatz. In den späten 40er- und den 50er-Jahren schrieb er als freischaffender Journalist für die 'Keystone Press Agency' in verschiedenen europäischen Ländern, unter anderem in der Tschechoslowakei. 1955 wurde er Redakteur der Zeitschrift 'John Bull'. Ab 1960 war er vorwiegend als Autor von Spannungsromanen für Jugendliche (unter dem Pseudonym David Line) und Erwachsene (unter angestammtem Namen) tätig. Von 1967 bis 1977 lebte er in Israel, danach kehrte er nach London zurück. Seine erste Frau Fay Jacobs, die er 1949 geheiratet hatte und die zwei Söhne zur Welt brachte, starb 1988. Ein Jahr später vermählte er sich mit Frances Ullman. Er starb 87-jährig in seinem Haus im Norden Londons.

Davidsons witziger Romanerstling 'Die Nacht des Wenzel', in Grossbritannien seinerzeit ein Bestseller, erzählt die Geschichte des jungen Engländers Nicolas Whistler, der auf einer Geschäftsreise nach Prag unfreiwillig in den Kalten Krieg verwickelt wird. Drei der nachfolgenden Romane - 'Das Geheimnis der Menora', 'Der Ruf der Gazelle' und 'The Sun Chemist' - sind in Israel angesiedelt.

'Tod in Chelsea', Davidsons einziger lupenreiner Krimi, dreht sich um eine Serie von spektakulären Morden im Londoner Stadtteil Chelsea; der mürrische Chief Superintendent Warton und die ehrgeizige freischaffende Reporterin Mary Mooney verbeissen sich in den Fall. Als Störenfriede und potentielle Täter treten immer wieder die exzentrischen Experimentalfilmer Artie, Steve und Frank in Erscheinung - und alle Opfer stammen aus ihrem unmittelbaren Umfeld.

1994 veröffentlichte Davidson seinen achten (und letzten) Erwachsenenroman 'Der Rabe', eine intelligent komponierte, temporeiche Agentengeschichte mit Abenteuerelementen. Sie dreht sich um Johnny Porter, einen kaltblütigen, eigenbrötlerischen, ungemein zähen Wissenschaftler indianischer Herkunft, genannt "Rabe", der vom britischen und amerikanischen Geheimdienst einen höchst gefährlichen Auftrag erhält: Er soll eine brisante Botschaft des in einem geheimen nordsibirischen Genlabor tätigen Wissenschaftlers Rogatschow in den Westen schmuggeln.

Bibliografie:
'Night of Wenceslas' - 'Die Nacht des Wenzel' (1960), 'The Rose of Tibet' - 'Die Rose von Tibet' (1962), 'A Long Way to Shiloh' - 'The Menora Men' - 'Das Geheimnis der Menora' (1966), 'Making God Again' (1968), 'Smith's Gazelle' - 'Der Ruf der Gazelle' (1971), 'The Sun Chemist' (1976), 'The Chelsea Murders' - 'Tod in Chelsea' (1978), 'Kolymsky Heights' - 'Der Rabe' (1994).

++ Erstellt: Oktober 2010 ++  


Dawson, David Laing

(*1941)

Der Kanadier David Laing Dawson, geboren und aufgewachsen in Victoria, British Columbia, zum Psychiater ausgebildet an der University of British Columbia Medical School in Vancouver sowie im englischen Cambridge, ist ein vielseitig begabter Mann: Chefarzt am Hamilton Psychiatric Hospital und Dozent an der McMaster University of Hamilton in Ontario bis zu seiner Pensionierung in den 90er-Jahren, Maler, Mitbesitzer einer Galerie in Hamilton, Sachbuch-, Drehbuch- und Bühnenautor - und Verfasser von fünf erstklassigen Spannungsromanen um vielschichtige, am Rande der Gesellschaft sich bewegende Figuren, deren Innenleben einfühlsam und präzis beschrieben ist.

In zwei (chronologisch zu lesenden) Romanen steht Dr. Robert Snow im Mittelpunkt. Snow ist ein heruntergekommener, alkoholkranker Internist Mitte vierzig, der in 'Endstation Wahnsinn' ohne Approbation auf der Alkoholentzugs-Abteilung im Maryland State Hospital arbeitet. Als immer mehr mit dem HIV infizierte Personen wegen einer akuten Psychose ins Krankenhaus eingeliefert werden, beginnt der (frisch verliebte) Doktor zu recherchieren, gerät, als er den skrupellosen Experimenten eines Pharma-Multis auf die Spur kommt, in einen Alptraum - und findet Trost bei der Flasche.

'Die letzte Illusion' sieht Snow auf seinem Tiefpunkt: Nach einem im Suff begangenen Selbstmordversuch vegetiert er in einer trostlosen psychiatrischen Klinik vor sich hin, wird mit Medikamenten ruhig gestellt, zerfliesst in Selbstmitleid. Seine Tatkraft erwacht erst wieder, als auf der Abteilung ein junges Mädchen ermordet wird. Und dann scheint Dr. Snow den Weg zurück ins Leben doch noch zu finden.

'The Intern' aus dem Jahr 1996 (im weitesten Sinn ein Prequel der Dr. Robert Snow-Romane, jedoch nicht als Krimi konzipiert) berichtet über die Erlebnisse des jungen Arztes Robert Snow während seiner Ausbildung in einem Torontoer Krankenhaus in den späten 60er-Jahren.

Bibliografie:
'Lost Rights' - 'Und erlöse sie von dem Leben' (1990), 'Slide in all Direction (2008), 'Don't Look Down' (2009);
Dr. Robert Snow-Romane: 'Double Blind' - 'Endstation Wahnsinn' (1991), 'Essondale' - 'Die letzte Illusion' (1993).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2013 ++
 


Deighton, Len

(Kürzel für Leonard Cyril Deighton, *1929)

Leonard 'Len' Deighton kam in London als Sohn englisch-irischer Eltern zur Welt. Sein Vater arbeitete als Chauffeur und Mechaniker, seine Mutter als Köchin in einem Hotel. Nach der Schulzeit an der Marylebone Grammar School in London war Len Deighton kurze Zeit bei der Bahn angestellt, bevor er zweieinhalb Jahre als Fotograf bei der Royal Air Force diente. Nach dem Ausscheiden aus der Armee besuchte er von 1949 bis 1952 die St. Martin's School of Art in London und dann drei Jahre die Londoner Kunstakademie. Während und nach dem Studium arbeitete er als Kellner, Konditor, Stewart der British Overseas Airways Corporation, Lehrer, Fabrikmanager, Pressefotograf und als Illustrator in New York. 1960 war er Art Director einer Londoner Werbeagentur.

Nach seiner Heirat mit der Illustratorin Shirley Thompson im Jahr 1960 lebte Deighton auf einer Farm in Irland und in Portugal, bevor er sich in Südfrankreich, auf der Ile de Porquerolles, niederliess, um an seinem ersten Roman 'Ipcress' zu arbeiten. In dieser Zeit schrieb er auch Kochrezepte für den Londoner 'Observer', 1965 veröffentlichte er sein erstes Kochbuch 'Action Cockbook', das vor allem bei Junggesellen beliebt war. 1969 verliess er England und pendelte mit seiner zweiten Frau, der niederländischen Diplomatentochter Ysabele, zwischen Südkalifornien, Österreich, Portugal, Frankreich und Irland. Ihre beiden Söhne kamen in den 70er-Jahren auf die Welt.

Von 1962 bis 1996 verfasste Deighton 27 Spionageromane. Den Durchbruch schaffte er mit der sechsteiligen Serie um einen anonymen, der Arbeiterschicht entstammenden britischen Geheimdienstagenten aus Burnley, der in den Verfilmungen den Namen Harry Palmer erhielt. Im zweiten Band 'Fische reden nicht' wollen Harry Palmer und seine Freundin Charlie in einem malerischen portugiesischen Fischerdorf ein wenig ausspannen; doch dann wird eine Leiche nach der anderen an Land gespült, die Anschläge auf sein Leben häufen sich - Harry muss zum Rechten schauen. 'Das Milliarden-Dollar-Gehirn', der vierte Teil der Harry Palmer-Serie, eine kunstvoll gebaute Geschichte mit fein gezeichneten Haupt- und Nebenfiguren, handelt von einer haarsträubenden neofaschistischen, von einem alten texanischen General angezettelten Verschwörung.

'Brahms Vier' und 'Geködert' sind die herausragenden Titel der drei in den letzten Jahren des Kalten Krieges spielenden Trilogien um Bernard Samson, einen Geheimagenten des Secret Intelligence Service (SIS), der als Ich-Erzähler auftritt. Sein Vater Brian, auch er ein britischer Spion, war nach dem Zweiten Weltkrieg, den er undercover in Deutschland verbrachte, in Berlin stationiert, sodass Bernard an deutschen Schulen ausgebildet wurde und perfekt Deutsch spricht; sein bester Freund Werner Volkmann lebt in Berlin. Bernie Samson, ein Mann Mitte vierzig von recht zweifelhaftem Charakter, legt sich immer wieder mit seinen Vorgesetzten an und wird deshalb bei Beförderungen meist übergangen.
Am Ende des ersten Bandes 'Brahms Vier', in dem Samson einem äusserst wichtigen, hinter dem Eisernen Vorhang operierenden britischen Agenten mit dem Decknamen "Brahms Vier" zur Flucht verhelfen soll, bevor dieser von der Stasi aus dem Verkehr gezogen wird, wird der zweifache Familienvater von seiner (seit zwölf Jahren ohne sein Wissen als Spionin tätigen) Frau Fiona sitzengelassen: Sie läuft zum kommunistischen Feind über und überlässt die Kinder, Sally und Billy, ihrem Mann.
In 'Geködert', dem ersten Band der zweiten Trilogie, ist eine grosse Summe aus der Hauptkasse des SIS spurlos verschwunden, Bernie Samson, der seit kurzem mit der 22-jährigen Schönheit Gloria zusammenlebt, soll sich der Sache annehmen. Doch dann mehren sich die Hinweise, dass Fiona mit dem Verschwinden des Geldes etwas zu tun hat - benutzt man Bernie bloss als Köder? Oder wird Bernie geködert? (Im Fortgang des Dreiteilers erfährt Samson schliesslich auch die Hintergründe des Abtauchens seiner Frau - mehr soll hier nicht verraten werden.)
Die dritte, bisher leider nicht auf Deutsch vorliegende Samson-Trilogie endet offen, was die Zukunft von Bernie, Fiona und ihren beiden Kindern betrifft.

Die neun Bernard Samson-Romane bilden eine in sich geschlossene Geschichte des Kalten Krieges und dessen seelenlosen Protagonisten mit ihren von Machtgier, Überlebenskampf und Paranoia getriebenen Ränkespielen; eindrucksvoll bringen sie die Stärken des (stilistisch brillanten) Autors zur Geltung: Liebe zum Detail, kenntnisreiche Darstellung des - in der Regel nicht sonderlich spannenden - Alltags von Geheimdienstleuten, feine Ironie und Konstruktion verwickelter, jedoch immer einleuchtender Plots um authentisches, vorwiegend der englischen Unterschicht entstammendes Personal.

Len Deighton hat überdies ein Dutzend Standalones (darunter mehrere um den Zweiten Weltkrieg kreisende Bücher) sowie etliche Kurzgeschichten, Reisebücher und Sachbücher über das Kochen und den Zweiten Weltkrieg herausgegeben. Der äusserst medienscheue Schriftsteller, dessen letzter Krimi 1996 erschienen ist, lebt mit seiner Frau Ysabele in Portugal und auf der Kanalinsel Guernsey.

Bibliografie:
'Harry Palmer'-Serie: 'The IPCRESS File' - 'Ipcress - Streng geheim' (1962), 'Horse Under Water' - 'Fische reden nicht' (1963), 'Funeral in Berlin' - 'Finale in Berlin' (1964), 'Billion-Dollar Brain' - 'Das Milliarden-Dollar-Gehirn' (1966), 'An Expensive Place to Die' - 'Tod auf teurem Pflaster' (1967), 'Spy Story' - 'Eiskalt' (1974);
Bernard Samson-Serie: Erste Trilogie: 'Berlin Game' - 'Brahms Vier' (1983), 'Mexico Set' - 'Mexiko-Poker' (1984), 'London Match' - 'London Match' (1985); zweite Trilogie: 'Spy Hook' - 'Geködert' (1988), 'Spy Line' - 'Gedrillt' (1989), 'Spy Sinker' - 'Gelinkt' (1990); dritte Trilogie: 'Faith' (1994), 'Hope' (1995), 'Charity' (1996);
'Only When I Larf' - 'Komm schon Baby, lach dich tot' (1968), 'Bomber' - 'Bomber' (1970), 'Close-Up' - 'Nahaufnahme' (1972), 'Yesterday's Spy' - 'Nagelprobe' (1975), 'SS-GB' - 'SS-GB' (1978), 'Twinkle, Twinkle, Little Spy' (auch unter dem Titel 'Catch a Falling Spy') - 'Sahara-Duell' (1976), 'XPD' - 'XPD - das Hitler-Protokoll' (1981), 'Goodbye, Mickey Mouse' - 'Goodbye für einen Helden' (1982), 'Winter' - 'In Treu und Glauben' (1987), 'MAMista' - 'MaMista' (1991), 'City of Gold' - 'Kairo' (1992), 'Violent Ward' (1993).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2010 ++
 


DeMarinis, Rick

(*1934)

Rick DeMarinis kam in New York City zur Welt. Seine Eltern liessen sich scheiden, als er drei war. Nach der zweiten Heirat seiner Mutter wuchs er bei ihr und dem Stiefvater in Los Angeles auf. Er machte einen Abschluss in Englisch an der University of Montana in Missoula und unterrichtete anschliessend Kreatives Schreiben an verschiedenen Provinzuniversitäten - University of Montana, San Diego State University, Arizona State University, University of Texas in El Paso. Nebenberuflich verfasste er Kurzgeschichten und Romane. Nach seiner Emeritierung liess er sich in Missoula nieder. DeMarinis war mit dem grossen, vom Publikum verschmähten, 2008 in Missoula verstorbenen Krimiautor James Crumley befreundet - und auch ihm blieb der literarische Erfolg bisher verwehrt: Trotz acht Romanen, von denen einzig 'Kaputt in El Paso' und 'Götterdämmerung in El Paso' astreine Krimis sind, und sechs Bänden mit Kurzgeschichten kam DeMarinis bisher nicht über den Status eines Geheimtyps hinaus.

Uriah "Uri" Walkinghorse ist der einprägsame Held in DeMarinis' furiosem, im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet spielendem Roman noir 'Kaputt in El Paso'. Der gescheiterte Mathematiklehrer und ehemalige Bodybuilder ist 42-jährig, frisch geschieden und vereinsamt. Er verrichtet den öden Hausmeisterjob in einem schäbigen Block in El Paso (verstopfte Toiletten, Kakerlaken, Vandalismus, Ruhestörung, säumige Mieter) und darf dafür gratis ein kleines Appartment bewohnen. Aufgewachsen war er - wie seine vier ebenfalls elternlosen Halbgeschwister - bei den Adoptiveltern Maggie und Sam. Und der, ein ehemaliger Pfarrer, ist jetzt an einem Hirntumor erkrankt, verweigert die Behandlung und liegt, von religiösen Wahnvorstellungen befallen, im Sterben. Uri soll ihn ins Gebet nehmen - und sich überdies um seinen ältesten Halbbruder Moses (Sam versah alle Adoptivkinder mit biblischen Namen) kümmern, der seit Jahren ein Junkie-Dasein fristet. Gleichzeitig gewinnt auch Walkinghorses Berufsleben an Schwung: Für 200 Dollar pro Nacht verhilft er als maskierter "Henker" den betuchten Kunden eines SM-Studios zu einem Extrakick - ein Job, den er dem etwas seltsamen Ehepaar Farnsworth verdankt. Doch schon sein zweiter Einsatz geht gründlich schief: Der Studiogast, ein hoch angesehener Bankier namens Clive Renseller, stirbt an einem Herzinfarkt, Walkinghorse, hilfsbereit, schafft die Leiche fort - und landet alsbald mit Rensellers junger Witwe Jillian im Bett. Wenig später aber wird er von mexikanischen Drogenhändlern entführt, denn der tote Bankier war ihr Geldwäscher, und Walkinghorse weiss vielleicht zuviel.

'Kaputt in El Paso', meisterhaft komponiert, in einer kraftvollen Sprache erzählt und mit facettenreichen Charakteren bevölkert, ist die Geschichte einer bunt zusammengewürfelten, dysfunktionalen Familie und die Geschichte des gutmütigen, jedoch nicht zu unterschätzenden Ich-Erzählers Uriah Walkinghorse, der dieser Familie angehört; der in einen Schlamassel gerät, dennoch seinen eigenen Weg geht, beinahe die Liebe findet - und in einer kaputten Umgebung vielleicht ein besserer Mensch wird.

Bibliografie:
'Sky Full of Sand' - 'Kaputt in El Paso' (2003), 'Virgin in the Woodworks' - 'Götterdämmerung in El Paso' (2012; im Original bisher nicht erschienen).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Oktober 2012 ++
 


Démonino, Laurence

(*1960)

Geboren, aufgewachsen und ansässig in Paris, eröffnete Laurence Démonino nach ihrem Jurastudium eine eigene Kanzlei im 6. Arrondissment der französischen Hauptstadt. Im Jahr 1997 veröffentlichte sie ihren einzigen Erwachsenenroman 'Eine Art Engel' - ein Höhepunkt der französischen Krimikunst der jüngeren Zeit. Zwei Jahre später liess sie das Jugendbuch 'Le secret de la femme rose' folgen, danach verstummte die dreifache Mutter als Autorin bereits wieder.

'Eine Art Engel', ein actiongeladener, tief trauriger, in einem knappen und präzisen Stil erzählter roman noir, sieht den früh verwaisten, erst 16-jährigen, die gleichaltrige drogenabhängige Prostituierte Dara-Soledad wie eine Schwester liebenden Edel-Strichjungen Ange im Brennpunkt des Geschehens. Ange will aus dem Milieu ausbrechen, doch der Versuch scheitert - die Schläger seines Ziehvaters und Zuhälters Stanislas Weiss, eines mächtigen Vertreters der Pariser Unterwelt, werfen ihn schlimm zugerichtet in eine Baugrube. Dank der Fürsorge der 50-jährigen Witwe Maria Conception Uruti, die ihn liebevoll pflegt, und der unscheinbaren Studentin Béatrice, bei der er dann Unterschlupf findet, kommt Ange allmählich wieder auf die Beine und kämpft sich zurück ins Leben - um seine Soledad zu retten; und sich an Weiss zu rächen.

Bibliografie:
'Une sorte d'ange' - 'Eine Art Engel' (1997).

++ Erstellt: Februar 2014 ++  


Denby, Joolz

(Pseudonym für Julianne Mumford, *1955)

Joolz Denby wurde als Tochter eines Armee-Angehörigen in Colchester, Essex, geboren und wuchs in Portsmouth (Hampshire), Sutton (Surrey) und Harrogate (Yorkshire) auf. Mit elf Jahren galt sie als lyrisches Wunderkind. Mit neunzehn heiratete sie einen kriminellen Biker, ein Mitglied der "Satan's Slaves Gan", doch die Ehe hielt nicht lange. Später machte sie sich einen Namen als Verfasserin von sozialkritischen Gedichten und Geschichten, die sie mit Musikuntermalung auf der Bühne vortrug, und als Illustratorin. Von 2000 bis 2006 veröffentlichte sie vier psychologisch ausgefeilte Spannungsromane. Denby lebt mit ihrem Lebensgefährten Justin Sullivan, dem Gründer und Songwriter der Rockband 'New Model Army', in Bradford, West Yorkshire.

Denbys atemberaubender Debütroman 'Im Herzen der Dunkelheit', eine so genannte "Inverted Novel", dreht sich um ein höchst originelles Dreigespann, bestehend aus der Ich-Erzählerin Tiger Lily, einer zarten, einsamen Frau mit einem Flair für Zahlen, aus Jamie, einer verletzlichen Stand-up-Komikerin, und dem indisch-stämmigen Transvestiten Mojo; drei rührende Gestalten, die in Bradford eine kleine, harmonische Familie bilden, bis sich Jamie wieder einmal in den falschen Mann verliebt: den gefährlichen Psychopathen Sean.

Zu Beginn von Denbys zweitem Buch 'Das Tor des Schmerzes' wird die Protagonistin Alma Greer von ihrem Gatten Philip verlassen, kurz nachdem er, fürsorglich wie er ist, ihren Kater Wellington getötet hat, weil er Alma nicht einmal die Haltung eines Tieres zutraut. Alma, am Boden zerstört, hält nun Rückschau auf ihr problembeladenes Leben: Das Aufwachsen als unerwünschtes Kind von hochbegabten Eltern und als Schwester eines brillanten (schwulen) Bruders; ihre beiden scheusslichen Ehen - zuerst mit dem charismatischen Dichter Jack Collier, der sich als gewaltätiger Säufer erweist, dann mit dem (erwähnten) Philip, einem staubtrockenen Akademiker mit übergrossem Ego; und auch die beiden "Ems" Millie und Maz, ihre engsten Freundinnen, enttäuschen sie schwer. Kein Wunder, dass Alma in die Fänge einer Sekte gerät, bei der sie zunächst viel Wertschätzung und Geborgenheit findet; und erst noch Material für ihr geplantes Buch über die Brontë-Schwestern sammeln kann. Doch kurz vor Schluss des Romans enthüllen die Sektenführer ihr wahres Gesicht - es kommt zu einem apokalyptischen Finale.

Bibliografie:
'Stone Baby' - 'Im Herzen der Dunkelheit' (2000), 'Corazon' - 'Das Tor des Schmerzes' (2001), 'Billie Morgan' (2004), 'Borrowed Light' (2006).

++ Erstellt: Mai 2011 ++  


Devine, D.M.

(Kürzel für Devine, David McDonald, 1920-1980; schrieb auch als Dominic Devine und David Munro)

Geboren in der westschottischen Stadt Greenock, Renfrewshire, besuchte David Devine von 1925 bis 1938 die Greenock Academy. Danach studierte er an der University of Glasgow (Master-Abschluss 1945) und der University of London (Bachelor of Laws 1953). 1946 heiratete er Betsy Findlay Munro, mit der er eine Tochter hatte. Neben und nach seinem Studium arbeitete er von 1944 bis 1961 als Hilfssekretär, anschliessend bis 1972 als stellvertretender Sekretär bei der North West Engineering Employers Association in Glasgow. 1972 wurde er Sekretär und Archivar der alt ehrwürdigen University of St. Andrews, Fife.

Devine übte die Schriftstellerei stets nebenberuflich aus. 1961 partizipierte er an einem Wettbewerb um den besten durch einen Universitätsdozenten verfassten Krimi, verpasste jedoch den Sieg, weil er damals im Bereich Verwaltung tätig war. Sein Beitrag trug den Titel 'Meines Bruders Killer' und war Devines erster von dreizehn zwischen 1961 bis 1978 veröffentlichten Krimis - sieben gab er als D.M Devine, sechs als Dominic Devine heraus. Seine Werke gelten als wichtige Einflüsse für britische Krimiautoren wie Colin Dexter und Peter Lovesy.

D.M. Devine, ein Meister der mehrsträngigen, zwischen verschiedenen Zeitebenen springenden Handlungsführung, erweckt komplexe Charaktere zum Leben und führt den Leser mit unerwarteten Wendungen an der Nase herum. 'Das fünfte Seil', einer seiner bekanntesten (unter dem Titel ‚Giornata nera per l'arieta' mit Franco Nero in der Hauptrolle verfilmten) Krimis, spielt in einer spiessigen schottischen Kleinstadt. In kurzen Einsprengseln kündigt der anonyme Mörder seine Taten an, begründet und kommentiert sein Vorgehen - er tötet nur Menschen, die aus seiner Sicht nichts mehr vom Leben zu erwarten haben. Das erste Opfer ist die unglücklich verliebte Lehrerin Jean Lubbock, die den Anschlag jedoch überlebt. Es folgen die gelähmte Frau des Arztes Dr. Binnie und der chronisch kranke Journalist Gordon Travers. In den Fokus der Polizeiermittlungen gerät der Gerichtsreporter Jeremy Beald, ein gutmütiger Mann mit scharfem Verstand, der zuviel trinkt, seitdem ihm an seiner vorherigen Stelle Unrecht widerfahren ist, und der jetzt - unterstützt durch Helen, seine Flamme aus jüngeren Jahren - selbst zu ermitteln beginnt.

Bibliografie:
'My Brother's Killer' - 'Meines Bruders Killer' (1961), 'Doctors Also Die' - 'Ein Mann wartet' (1962), 'The Roynston Affair' - 'Tödliche Neugier' (1964), 'His Own Appointed Day' - 'Mittwoch im Nebel' (1965), 'The Devil at Your Elbow' - 'Alles dreht sich um Lucille' (1966), 'The Fifth Cord' - 'Das fünfte Seil' (1967), 'This Is Your Death' (1981).
Als Dominic Devine: 'The Sleeping Tiger' - 'Der Tiger in Mr. Prescott' (1968), 'Death Is My Bridgeroom' - 'Das Totenbetthäschen' (1969), 'Illegal Tender' - 'Leise kam der Tod' (1970), 'Dead Trouble' - 'Siebzehn bittere Pillen' (1971), 'Three Green Bottles' - 'Drei grüne Flaschen' (1972), 'Sunk Without Trace' (1978).

++ Erstellt: Januar 2012 ++  


Dewey, Thomas B.

(1915-1981; schrieb auch als Tom Brandt und Cord Wainer)

Thomas B. Dewey, geboren in Elkhart, Indiana, als Sohn eines College-Englischlehrers, wuchs in den Bundesstaaten Ohio, Michigan, Illinois und Iowa auf. Er studierte Englisch am Kansas State Teachers College in Emporia, Abschluss 1936, und bildete sich dann zwei Jahre an der University of Iowa weiter. Es folgten vier Jahre als Redakteur an der Storycraft Correspondence School in Los Angeles und danach, in den letzten drei Kriegsjahren, verschiedene Schreibtisch-Tätigkeiten für die amerikanische Regierung. Nebenbei verfasste er Stories für 'Ellery Queen's Mystery Magazine' und andere Zeitschriften, 1944 erschien sein erster Krimi. Ab 1945 arbeitete er in einer Werbeagentur in Los Angeles, bis er 1952 das Schreiben zum Hauptberuf machte und sich im selben Jahr im texanischen Brady niederliess. Ende der 60er-Jahre beendete er seine schriftstellerische Laufbahn. Er holte einen Doktortitel in Englisch nach und unterrichtete dieses Fach von 1971 bis 1977 an der Arizona State University in Tempe. Dewey war zweimal (nach einzelnen Quellen dreimal) verheiratet und hatte einen Sohn und eine Tochter aus erster Ehe. Er starb 66-jährig in Tempe.

Dewey war ein fleissiger und grundsolider Autor von sauber konstruierten, mit trockenem Humor erzählten Krimis. Sein bekanntester Protagonist ist Mac, der seinen Nachnamen, Robinson, erst im zweitletzten Krimi kundtut. Mac war als junger Mann ein idealistisch eingestellter Cop in Chicago, bis er gefeuert wurde, weil er sich dem organisierten Verbrechen widersetzte. Mit Hilfe seines Vorgesetzten und väterlichen Mentors Lieutenant Donovan, der in fast allen Romanen kleinere Gastauftritte hat, eröffnet er daraufhin in Chicago eine Privatdetektei in einem kleinen Büro, das ihm auch als Wohnung dient. Zwei Aufträge (aufgezeichnet in 'Sechs gegen einen' und 'Macht Liebe, nicht Tod') führen ihn nach Kalifornien, wo Lieutenant Lou Shapiro, ein harter und gerechter Cop um die fünfzig, seine wichtigste Bezugsperson darstellt - und im letzten Roman verlegt Mac seinen Arbeitsplatz gar endgültig nach Los Angeles. Mac ("The Missing Link Between Philip Marlowe and Lew Archer") ist ein sensibler und bescheidener, jede Art von Gewalt verabscheuender Mann, ein hartnäckiger und sorgfältiger Ermittler mit einem Faible für die junge Generation. Er ist ein wichtiger Vorläufer von fiktiven Privatdetektiven der 70er-Jahre, z.B. Pronzinis Nameless Detective.

Deweys zweite, witzig-turbulente Reihe dreht sich um den Privatermittler Pete Schofield aus Los Angeles, einen smarten, schlagkräftigen Burschen aus Los Angeles, der glücklich mit der rothaarigen Schönheit Jeannie verheiratet ist, von jungen Frauen heiss begehrt wird, seiner eifersüchtigen, immer wieder tatkräftig ins Geschehen eingreifenden Gattin jedoch mehr oder weniger treu bleibt.

In einer weiteren Serie steht der Bücherwurm Singer Batts im Mittelpunkt, ein exzentrischer Hotelbesitzer und Hobbydetektiv in einem verschlafenen Nest des Mittleren Westens. Die an Rex Stouts Nero Wolfe-Serie angelehnten Krimis sind aus der Sicht von Singers Batts' Kompagnon Joe Spinder erzählt.

Bibliografie:
Mac-Serie: 'Draw the Curtain Close' (auch unter dem Titel 'Dame in Danger') - 'Eine Frau lebt gefährlich' (1947), 'Every Bet's a Sure Thing' - 'Wette mit dem Satan' (1953), 'The Case of the Murdered Model' (auch unter dem Titel 'Prey for Me') - 'Der Teufel holt sie alle ab' (auch unter dem Titel 'Die tödliche Zunge', 1954), 'The Mean Streets' - 'Auf heissem Pflaster' (1955), 'The Brave Bad Girls' - 'Mädchen sind so' (1956), 'You've Got Him Cold' - 'Tote erben nicht' (1958), 'The Case of the Chased and the Unchased' - 'Sechs gegen einen' (1959), 'The Girl Who Wasn't There' (auch unter dem Titel 'The Girl Who Never Was') - 'Das Mädchen, das nicht da war' (1960), 'How Hard to Kill' - 'Alle gegen Mac' (1962), 'A Sad Song Singing' - 'Das Geheimnis des Koffers' (1963), 'Don't Cry For Long' - 'Zieh dich an, Mädchen' (1964), 'Portrait of a Dead Heiress' - 'Engel der Sünde' (1965), 'Deadline' - 'Vier Tage bis zum Galgen' (1966), 'Death and Taxes' - 'Tod und Steuern' (1967), 'Death Turns Right' (auch unter dem Titel 'The King Killers') - 'In die Höhle des Löwen' (1968), 'The Love-death Thing' - 'Macht Liebe, nicht Tod' (1969), 'The Taurus Trip' - 'Die 8-mm-Party' (1970);
Pete Schofield-Serie: 'And Where She Stops' - (auch unter dem Titel 'I.O.U. Murder') - 'Tödliche Juwelen' (1957), 'Go to Sleep, Jeannie' - 'Wer erbt die Millionen?' (1959), 'Too Hot for Hawaii' - 'Zwischenfall in Honolulu' (1960), 'The Golden Hooligan' (auch unter dem Titel 'Mexican Slayride') - 'Unter Schmugglern' (1961), 'Go, Honey, Lou' - 'Abenteuer mit Honeylou' (1962), 'The Girl with the Sweet Plump Knees' - 'Rätselhafte Patricia' (1963), 'The Girl in the Punchbowl' - 'Das Mädchen im Sektglas' (1964), 'Only On Tuesdays' - 'Zwischen Sex und Mord' (1964), 'Nude in Nevada' - 'Die tätowierte Tänzerin' (1965);
Singer Batts-Serie: 'Hue & Cry' (auch unter den Titeln 'The Murder of Marion Mason' und 'Room for Murder') - 'Zeter und Mordio' (1944), 'As Good As Dead' (1946), 'Mourning After' - 'Schönheit ist gefährlich' (1950), 'Handle With Fear' - 'Vorsicht macht sich bezahlt' (1951);
Einzelwerke: 'My Love is Violent' (1956), 'Hunter at Large' - 'Das Mädchen aus Mexiko' (1961), 'Can a Mermaid Kill?' (1965), 'A Season for Violence' - 'Das Mädchen aus der Vorstadt' (1966).
Als Tom Brandt: 'Kiss Me Hard' (1953), 'Run, Brother, Run' - 'Lauf, Bruder, lauf!' (1954).

++ Erstellt: Januar 2011 ++  


Dexter, Colin

(*1930)

Colin Dexter wurde als zweiter Sohn einer mittellosen Familie in der Kleinstadt Stamford, Lincolnshire, geboren und wuchs auch dort auf. Nach dem Militärdienst beim Royal Corps of Signals studierte er bis 1953 Latein und Altgriechisch am Christ's College in Cambridge, um dann zwölf Jahre klassische Fächer an verschiedenen Schulen in den East Midlands zu unterrichten. Im Jahr 1956 heiratete er Dorothy Cooper und hatte mit ihr einen Sohn und eine Tochter.

Da Dexter allmählich sein Gehör verlor, musste er den Lehrerberuf im Jahr 1966 endgültig aufgeben. Er ging nach Oxford, wo er bis zu seiner Pensionierung als Sekretär des Prüfungsausschusses tätig war und ab 1975 (zunächst nebenberuflich) Kriminalromane verfasste. (Zum Schreiben kam er während eines verregneten Familienurlaubs in Wales im Sommer 1973).

Im Mittelpunkt von Dexters Kriminalwerk (dreizehn Romane und eine Geschichtensammlung) steht Chief Inspector Morse (sein Vorname - Endeavour - wird erst enthüllt, als bereits niemand mehr daran glaubt, dass er überhaupt einen hat) von der Mordkommission der Oxforder Thames Valley Police, ein eigenbrötlerischer, hoch gebildeter Liebhaber von klassischer Musik (Richard Wagner!), Kunst und kryptischen Kreuzworträtseln, ein aufbrausender Mann mit einer fatalen Neigung zu traurig endenden Liebesgeschichten und alkoholischen Getränken, der im Fortgang der Serie zudem an Diabetes erkrankt. In weiteren wichtigen Rollen: Morses walisischer Partner Sergeant Lewis (auch er scheint keinen Vornamen zu tragen), ein stämmiger Ex-Boxer mit gutmütiger, geduldiger Wesensart - und Morses vermutlich bester Freund; der Polizeipathologe Max De Bryn, der im zehnten Roman eine tödliche Herzattacke erleidet; und Morses Vorgesetzter Superintendent Strange.

Die in klassischer Tüftelmanier höchst raffiniert gebauten Geschichten werden aus rasch wechselnden Blickwinkeln erzählt. Sie leben von falschen Fährten, verblüffenden Lösungen, einem reichhaltigen Figuren-Ensemble und natürlich von den beiden gegensätzlichen Protagonisten Morse und Lewis, deren Lebensläufe und Eigenheiten schrittweise offenbart werden. Im Jahr 1999 fand die in England Kultstatus aufweisende Serie mit dem Herztod des knapp 70-jährigen Morse (er hat denselben Jahrgang wie sein Erfinder) ihren Abschluss - dies bedeutete auch das Ende der schriftstellerischer Laufbahn seines Schöpfers, der sich seither vorzugsweise karitativen Aufgaben widmet.

'Eine Messe für all die Toten', 'Das Rätsel der dritten Meile', 'Mord am Oxford-Kanal' und 'Finstere Gründe' werden von den Morse-Experten als beste Bände der offenbar Suchtpotential aufweisenden Reihe bezeichnet.

Die Morse-Krimis wurden für eine höchst erfolgreiche Fernsehserie adaptiert (33 Episoden, ausgestrahlt von 1987 bis 2001, mit dem 2002 verstorbenen britischen Schauspieler John Thaw als Chief Inspector Morse in der Hauptrolle), wobei Colin Dexter in jeder Folge einen Cameo-Auftritt hatte und einmal sogar ein paar Worte sprach.

Bibliografie:
Chief Inspector Morse-Serie: 'The Last Bus to Woodstock' - 'Der letzte Bus nach Woodstock' (1975), 'Last Seen Wearing' - '...wurde sie zuletzt gesehen' (1976), 'The Silent World of Nicholas Quinn' - 'Die schweigende Welt des Nicholas Quinn' (1977), 'Service of all the Dead' - 'Eine Messe für all die Toten' (1979), 'The Dead of Jericho' - 'Die Toten von Jericho' (1981), 'The Riddle oft he Third Mile' - 'Das Rätsel der dritten Meile' (1983), 'The Secret of Annexe 3' - 'Hüte dich vor Maskeraden' (1986), 'The Wench is Dead' - 'Mord am Oxford-Kanal' (1989), 'The Jewel that Was Ours' - 'Tod für Don Juan' (1991), 'The Way Through the Woods' - 'Finstere Gründe' (1992), 'Morse's Greatest Mystery and Other Stories' - 'Ihr Fall, Inspektor Morse' (Kurzgeschichten, 1993), 'The Daughters of Cain' - 'Die Leiche am Fluss' (1994), 'Death is now my Neighbour' - 'Der Tod ist mein Nachbar' (1996), 'The Remorseful Day' - 'Und kurz ist unser Leben' (1999).

++ Erstellt: April 2015 ++  


Dexter, Pete

(*1943)

Pete Dexter wurde in Pontiac, Michigan, geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters verbrachte er seine Kindheit mit seiner Mutter und ihrem zweiten Mann, einem Mathematiklehrer, in Milledgeville, Georgia, und in South Dakota. Er studierte an der University of South Dakota und arbeitete nach einem flüchtigen Florida-Intermezzo fünfzehn Jahre als Kolumnist der 'Philadelphia Daily News', bis sein Leben im Dezember 1981 aus den Fugen geriet: Wegen einer kontroversen Reportage über einen jungen toten Drogendelinquenten wurde Dexter in Philadelphia von zwei Dutzend mit Baseballschlägern bewaffneten Halbwüchsigen zusammengeschlagen - eine Eruption der Gewalt, die ihn beinahe das Leben kostete und zahlreiche Operationen nach sich zog. Einigermassen wieder hergestellt, entschloss er sich 1983 für ein Leben als freier Autor. Nach längerem Aufenthalt im kalifornischen Sacramento lebt er seit Anfang der 90er-Jahre mit seiner zweiten Frau Diana auf der Whidbey Island im Puget Sound, Washington State.

Dexters fulminante, in lakonischem Stil erzählte und einen ganz besonderen Sog ausübende Romane kreisen um Gewalt, Sexualität und Rassenhass. Für 'Paris Trout' bekam Dexter 1988 den 'National Book Award', die höchste literarische Auszeichnung der USA. Auf dem deutschen Buchmarkt hingegen finden seine grandiosen Werke viel zu wenig Beachtung.

Neben sieben Romanen schrieb Dexter rund zwanzig Drehbücher. 2007 erschien 'Paper Trails: True Stories of Confusion, Mindless Violence, and Forbidden Desires, a Surprising Number of Which are Not About Marriage', eine Sammlung seiner besten journalistischen Texte aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren, und 2009 das autobiografisch geprägte Buch 'Spooner'.

'God's Pocket', angesiedelt in dem gleichnamigen (fiktionalen) Arbeiterviertel in Philadelphia, ist Dexters erster Roman, auf die deutschsprachige Übersetzung musste man 27 Jahre warten. Leon Hubbard, ein psychopathisches, nichtsnutziges Bürschlein Anfang zwanzig, hat das Schicksal herausgefordert: Sein von ihm bis aufs Blut provozierter schwarzer Arbeitskollege Old Lucy zertrümmert ihm den Schädel vor mehreren Zeugen mit einer Eisenstange, der Fall wird als Arbeitsunfall abgehakt, kein Mensch weint Leon eine Träne nach - ausser seiner Mutter Jeanie, die sich nicht so leicht mit dem Tod ihres einzigen Kindes abfinden kann. Ihr engster Verbündeter ist der ungemein populäre 'Daily Times'-Kolumnist Richard Shellburn, ein versoffener, wehleidiger Mann mit schwachem Rückgrat, der von Jeanies Reizen sehr angetan ist - und Leon in blumigen Worten zum hoffnungsvollen jungen Mann hochstilisiert. Doch auch Jeanies zweiter Mann Mickey Scarpato, der Beziehungen zur lokalen Mafia hat, trägt das Seine dazu bei, dass es im schäbigen kleinen Viertel schon bald zu weiteren Gewaltakten kommt.

'Paris Trout' seziert den geistigen Zerfall des einflussreichen Ladenbesitzers und Geldverleihers Paris Trout, eines kaltblütigen, herz- und gewissenlosen Egozentrikers, der in dem fiktiven, von Heuchelei, Klassendenken und Korruption durchseuchten Südstaatenkaff Cotton Point Anfang der 50er-Jahre, der Zeit der Rassentrennung, ohne ersichtlichen Grund das 14-jährige schwarze Mädchen Rosie Sayers ermordet und daraufhin mit allen Mitteln versucht, sich der Bestrafung für die sinnlose Tat zu entziehen. Als sich zwischen Trouts berühmtem Anwalt Harry Seagraves, einem unglücklich verheirateten, zwischen Pflichtbewusstsein und Menschlichkeit hin und her gerissenen Mann, und Trouts charakterfester Ehefrau Hanna eine Liebesgeschichte entspinnt, ist die Katastrophe unausweichlich - Paris Trout läuft Amok, zieht eine Blutspur durch Cotton Point.

Die Kulisse für Dexters Roman 'Bruderliebe' bilden die Bandenkriege im Philadelphia der 70er- und 80er-Jahre (Philadelphia bedeutet auf Deutsch bekanntlich Bruderliebe). Peter Floods Leben wird zerstört, bevor es richtig begonnen hat: Er ist acht Jahre alt, als seine Schwester von einem Auto überfahren wird, seine Mutter daraufhin den Verstand verliert und sein Vater, ein Gewerkschaftsboss irischer Abstammung, dem Unfallfahrer - einem korrupten Polizisten - das Licht ausbläst. Viele Jahre später wird Peter Flood wider Willen in die schmutzigen Kämpfe zwischen den Gewerkschaften und der Mafia verwickelt; er wird sie nicht überleben.

In 'Paperboy' rechnet Dexter mit der skrupellosen Welt des Enthüllungsjournalismus ab. Ward James und Yardley Acheman, zwei junge, hochtalentierte Journalisten aus Miami, recherchieren im Sommer 1965 die Hintergründe des vier Jahre zurückliegendes Mordes an einem gewalttätigen Sheriff - möglicherweise sitzt ein Unschuldiger in der Todeszelle. Es zeigt sich jedoch bald, dass die von Ehrgeiz zerfressenen Journalisten weniger an der Wahrheit, als an ihren eigenen Karrieren (sprich: dem Pulitzer-Preis) interessiert sind.

'Train', angesiedelt im Los Angeles des Jahres 1953, ist die gewalttriefende Geschichte von drei höchst gegensätzlichen Figuren - dem schwarzen Teenager Lionel Walker, genannt Train, einem begabten Golfer, der als Caddy auf einem exklusiven Golfplatz arbeitet und bereits einen Mord auf dem Gewissen hat; von Miller Packard, einem undurchsichtigen und rücksichtslosen Weltkriegsveteranen und Detective beim LAPD, der das Gesetz am liebsten in die eigenen Hände nimmt; und von Norah Rose, deren Mann vor ihren Augen ermordet wird, und die kurz danach eine sexuell begründete Beziehung mit Packard beginnt - von drei Figuren, die sich besser nie begegnet wären. Pete Dexter schafft eine düstere Atmosphäre, die Grenzen zwischen Gut und Böse werden unscharf, und am Schluss entlädt sich die Spannung.

Bibliografie:
'God's Pocket' - 'God's Pocket' (1983), 'Deadwood' - 'Deadwood' (1986), 'Paris Trout'- 'Tollwütig' (auch unter dem Titel 'Paris Trout', 1988), 'Brotherly Love' - 'Bruderliebe' (auch unter dem Titel 'Unter Brüdern', 1991), 'The Paperboy' - 'Schwarz auf weiss' (auch unter dem Titel 'Paperboy', 1995), 'Train' - 'Train' (2003), 'Spooner' (2009).

++ Erstellt: April 2011 ++
++ Update: Februar 2015 ++
 


Dickinson, Peter

(Kürzel für Peter Malcolm de Brissac Dickinson, 1927-2015)

Peter Dickinson wurde als einer von vier Söhnen eines Kolonialbeamten in Livingstone, Nord-Rhodesien (dem heutigen Sambia), geboren und verbrachte dort eine idyllische Kindheit. 1935 liess sich die Familie in England nieder, wo der Vater wenig später starb. Nach der Schulzeit in Eton und dem Militärdienst studierte Dickinson klassische Sprachen und Englisch am King's College in Cambridge, Abschluss 1951. Danach arbeitete er siebzehn Jahre als Verfasser von humoristischen Gedichten und Redakteur beim Magazin 'Punch', bis er 1969 freier Schriftsteller wurde.

Seiner ersten, 1953 geschlossenen Ehe mit Mary Rose Barnard entsprangen zwei Söhne, John und James, sowie zwei Töchter, Philippa und Polly. 1991, drei Jahre nach dem Tod von Mary Rose, vermählte sich Dickinson mit der amerikanischen Fantasy-Autorin Robin McKinley. Er lebte mit ihr im südenglischen Städtchen Winchester, Hampshire, wo er nach kurzer Krankheit an seinem 88. Geburtstag starb.

Neben Gedichten, Kinderbüchern und Sciencefiction veröffentlichte Dickinson 21 Krimis, darunter den Sechsteiler um Superintendent James Pibble von Scotland Yard, der im Verlauf der Serie seinen Job verliert und daraufhin als Privatdetektiv in London tätig wird. Im letzten Band ('Mit einem Fuss im Grab') bekommt es der gealterte und von Suizidgedanken gepeinigte Protagonist mit einem Mordfall in einem Betagtenheim zu tun.

Peter Dickinson - in seiner Heimat bis heute ein hoch angesehener Autor - würzte seine unterhaltsamen Geschichten stets mit phantastischen Elementen und lehrreichen Informationen über fremde Kulturen. In einem seiner bekanntesten und besten Romane, dem Einzelwerk 'Das Giftorakel', wird der Sultan von Q'Kut in seinem Palast am Persischen Golf ermordet, einziger Zeuge ist Dinah, ein weibliche Schimpanse. Der als Gast im Palast weilende Zoologe und Sprachforscher Wesley Morris, der mit Dinah seit längerer Zeit Bahn brechende Experimente durchführt, entlarvt schliesslich den Täter - tatkräftig unterstützt durch die Äffin.

Bibliografie:
James Pibble-Serie: 'The Glass-Sided Ants' Nest' (auch unter dem Titel 'Skin Deep') - 'Rächende Vergangenheit' (auch unter dem Titel 'Mister Pibble und die Ethnologin', 1968), 'A Pride of Heroes' (auch unter dem Titel 'The Old English Peep Show') - 'Helden scharenweise' (1969), 'The Seals' (auch unter dem Titel 'The Sinful Stones') - 'Zurück nach Babylon' (1970), 'Sleep and his Brother' - 'Tödlicher Ehrgeiz' (1971), 'The Lizard in the Cup' - 'Ein Tropfen Gift im Becher' (1972), 'One Foot in the Grave' - 'Mit einem Bein im Grab' (1979);
'The Green Gene' (1973), 'The Poison Oracle' - 'Das Giftorakel' (1974), 'The Liveley Dead' - 'Wodka konserviert' (1975), 'King and Joker' (1976), 'Walking Dead' - 'Ein wandelnder Leichnam' (1977), 'A Summer in the Twenties' (1981), 'The Last Houseparty' - 'Das letzte Fest' (1982), 'Hindsight' - 'Die Spur der Hindin' (1983), 'Death of a Unicorn' - 'Tod eines Einhorns' (1984), 'Tefuga' - 'Tefuga' (1986), 'Skeleton-in-Waiting' (1987), 'Perfect Gallows' - 'Galgenspiel' (1988), 'Play Dead' (1991), 'The Yellow Room Conspiracy' (1992), 'Some Deaths Before Dying' (1999).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Dezember 2015 ++
 


Diehl, William

(1924-2006)

William Diehl, geboren in Queens, New York City, hatte einen berühmten Babysitter: die spätere Hollywood-Ikone Mae West. Mit siebzehn Jahren, am Tag nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, trat er der Air Force bei. Einen Abschuss über Deutschland überlebte er nur mit sehr viel Glück, belohnt wurde er mit mehreren Tapferkeitsmedaillen. Nach dem Krieg studierte er an der University of Missouri in Columbia, um danach eine journalistische Laufbahn zu verfolgen. Er verfasste Reportagen und Kolumnen für das 'New Orleans Magazine' und das 'Cincinnati Magazine', ehe er sich selbständig machte und vor allem für das 1961 gegründete Magazin 'Atlanta' schrieb. Nachdem er sich selbst das Fotografieren beigebracht hatte, arbeitete er als Fotoreporter für die United States Information Agency. Bei seiner Arbeit lernte er Martin Luther King kennen - und wurde dessen offizieller Fotograf. 1967 griffen ihn zwei Männer mit Messern an und verletzten ihn am Hals, als er King auf einer Tour durch Mississippi begleitete.

An seinem 50. Geburtstag kehrte Diehl dem Journalismus den Rücken zu: Er wollte endlich seinen Traum verwirklichen und Schriftsteller werden. Am nächsten Tag verkaufte er seine Kameras, borgte von seinem besten Freund 5'000 Dollar und begann zu schreiben. Drei Jahre später veröffentlichte er seinen ersten Krimi 'Sharky's Machine', der ein Bestseller wurde. Es folgten vier weitere, recht exotische, etwas weniger erfolgreiche Thriller und die in sehr gemächlichem Tempo erzählte dreiteilige Trilogie um den brillanten Juristen Martin Vail aus Chicago (der erste Band wurde mit Richard Gere in der Hauptrolle verfilmt) und schliesslich der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelte Spannungsroman 'Eureka'.

Gegen Ende seines Lebens gab der von Krankheit gezeichnete Autor seinen langjährigen Wohnsitz auf der St. Simon's Island auf und liess sich mit seiner dritten Frau, der früheren TV-Reporterin Victoria Gunn, in Woodstock, Georgia, nieder, wo er medizinisch besser betreut werden konnte. Kurz vor seinem 82. Geburtstag erlag er im Emory University Hospital in Atlanta einem Gefässleiden. Er hinterliess seine Frau, vier Kinder aus erster Ehe (mit Virginia Arnold) und ein Kind aus zweiter Ehe (mit Catherine Clifford). Sein zehnter Krimi 'Seven Ways To Die' blieb unvollendet.

'Sharky' ist eine action- und sexgeladene, mit prägnanten Figuren bevölkerte und coolen Sprüchen gewürzte Geschichte, deren Ursprünge im Italien des Zweiten Weltkriegs liegen. Im Mittelpunkt steht der vom Drogendezernat zur Sitte strafversetzte Cop Tom Sharky aus Atlanta, der mit seinen Partnern den Mord an einem Edel-Callgirl auf den Grund geht. Die Gegner der kleinen, aber überaus schlagkräftigen Truppe sind zwei grosse Kaliber: der nahezu perfekt getarnte Gangster Victor DeLaroza, der in Hongkong gross geworden war, bevor er in den USA Fuss fasste und zum "König der Nacht" aufstieg, und sein psychopathischer Partner Dominic Scardi, ein ehemaliger Killer der Cosa Nostra.

'Zwielicht', der erste (und beste) Teil der Martin Vail-Trilogie, entwickelt sich nach etwas zähen ersten 180 Seiten zu einem facettenreichen und richtig spannenden Justizroman, dem eindrucksvoll gezeichnetes Personal den Stempel aufdrückt: Die junge, feingliedrige Psychiaterin Molly Arrington und Vails detektivisch tätiger Kollege Tommy Goodman auf der einen, die ehrgeizige und verbissene, jedoch hoch talentierte Staatsanwältin Janet Venable auf der anderen Seite - und natürlich der charismatische und leidenschaftliche Strafverteidiger Martin Vail selbst, der instinktiv fast immer die richtigen Entscheidungen trifft, sowie sein Klient, der 20-jährige, geradezu engelhaft wirkende Angeklagte Aaron Stampler, der des barbarischen Mordes am Erzbischof von Chicago bezichtigt wird, und auf den der elektrische Stuhl wartet. Leidet Aaron an "Multipler Persönlichkeitsstörung"? Und war der Bischof wirklich ein Heiliger? Der 660 Seiten starke Roman gipfelt in einer dramatischen Gerichtsverhandlung - und nimmt ganz zuletzt eine überraschende Wendung.

Bibliografie:
'Sharky's Machine' - 'Sharky und seine Profis' (auch unter dem Titel 'Sharky', 1978), 'Chameleon' - 'Chamäleon', auch unter dem Titel 'Blutrausch', 1981), 'Hooligans' (1984), 'Thai Horse' - 'Thai Horse' (1987), 'The Hunt' (auch unter dem Titel '27') - 'Siebenundzwanzig' (1991), 'Eureka' (2002).
Martin Vail-Trilogie: 'Primal Fear' - 'Zwielicht' (1992), 'Show of Evil' - 'Der Ministrant des Bösen' (1995), 'Reign in Hell' (1997).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Diez, Rolo

(Kürzel für Rolando Aurelio Diez Suarez, *1940)

Rolo Diez, geboren in der argentinischen Stadt Junin, Provinz Buenos Aires, studierte Jura, Psychologie und Filmwesen und arbeitete danach beim Film. Wegen aktiver Mitgliedschaft in einer Widerstandsgruppe gegen die argentinische Militär-Junta wurde er verhaftet und gefoltert und verbrachte zwei Jahre im Gefängnis. Nach seiner Freilassung im Jahr 1977 ging er ins europäische Exil mit Stationen in Frankreich, Italien und Madrid und hielt sich mit kleinen Jobs über Wasser. Seit 1980 lebt er als Journalist, Drehbuch- und Romanautor in Mexiko-Stadt. Sein Werk enthält den autobiografischen Text 'Los Companeros' aus dem Jahr 1987 und vierzehn Krimis, darunter die Carlo Hernandez-Trilogie, die auch auf Deutsch vorliegt.

Diez' Krimiheld Carlos "Carlito" Hernandez, Sonderermittler bei der Polizei von Mexiko-Stadt, befindet sich im Dauerstress: Er muss zwei Familien versorgen, die Launen seiner beiden eifersüchtigen Frauen, die nichts voneinander wissen, erdulden, wird immer wieder von zwielichtigen Weibern verführt, und sein recht aufwändiger Lebensstil zwingt ihn dazu, den kargen Polizistengehalt mit allerlei dubiosen Nebengeschäften aufzubessern. Kein Wunder, dass er kaum Zeit findet, seinen haarigen Kriminalfall zu lösen, in den Nutten, Schwule, falsche Transvestiten, Kubaner, Kolumbianer und Gringos verwickelt sind ('Der Tequila-Effekt').

Rolo Diez erzählt die drei schlackenfreien, gesellschaftskritischen Romane mit einem gerüttelt Mass schwarzen Humors und bringt das Kunststück fertig, dass einem Carlos Hernandez, dieser korrupte, umtriebige Macho, im Verlauf der Reihe regelrecht ans Herz wächst.

Bibliografie:
Carlos Hernandez-Trilogie: 'Mato y voy' - 'Der Tequila-Effekt' (1992), 'Metamujeres' - 'Hurensöhne' (2001), 'La vida que me doy' - 'Wüstenstaub' (2001);
'Vladimir Ilich contra los uniformados' (1989), 'Paso del tigre' (1991), 'Gatos de azotea' (1992), 'Una baldosa en el Valle de la Muerto' (1992), 'Luna de escerlata' (1994), 'Gambito de dama' (1998), 'In domina veritas' (2001), 'Papel picado' (2003), 'Miro con los ojos bien abiertos' (2003), 'Dos mil y una noches' (2009), 'El mejor y el peos de los tiempos' (2010).

++ Erstellt: Juli 2013 ++  


Diment, Adam

(*1943)

Adam Diment (ein Pseudonym?) kam als Sohn eines Bauers in Sussex zur Welt und besuchte in Lansing, West-Sussex, eine Privatschule. In den 60er-Jahren schrieb er Kolumnen in einem Magazin für pubertierende Mädchen, kurze Zeit arbeitete er damals auch in der Werbebranche. Er liebte schöne Frauen und schnelle Autos, rauchte viel Marihuana - und war ein Posterboy der Londoner Jugend dieser Zeit.

1967 veröffentlichte Diment seinen ersten Krimi 'The Dolly, Dolly Spy', der gross einschlug. Es folgten drei weitere Romane, alle mit seinem alter Ego, dem kiffenden Londoner Geheimagenten Philip McAlpine, als Hauptfigur. 1971 tauchte Diment mit seiner Frau Jackie unter, über das Leben des zweifachen Vaters kursierten danach die wildesten Gerüchte - Flucht vor der englischen Justiz wegen Drogendelikten, Hippie im fernen Osten, Geschäftsmann in Thailand, Buddhist im Tibet, Landwirt in Kent, um nur die beliebtesten zu nennen.

McAlpine ist eine schillernde, recht eigenständige Figur. Er war Industriespionageabwehrmann bei einer Firma, die Haushaltgeräte herstellt, bis er zu Beginn des ersten Bandes mittels Erpressung gezwungen wird, für eine Geheimabteilung der britischen Regierung zu arbeiten. Der Erpresser heisst Rupert Quine, er ist Chef dieser Abteilung, eine zwergenhafte, widerliche Gestalt mit Rattenaugen. McAlpine, Besitzer einer Fluglizenz, kann gut mit Waffen umgehen, beherrscht Jiu-Jitsu und Karate und spricht mehrere Sprachen - Fähigkeiten, die ihn zu einem Undercover-Auftrag prädisponieren: Er wird in das Unternehmen "International Charter Inc.", das sich auf illegale Transporte - Drogen, Gold, Geheimagenten, Terroristen - spezialisiert hat, eingeschleust. In 'Püppchen, Püppchen' schickt ihn Quine in den Nahen Osten, wo er einen gefährlichen, im Sold des ägyptischen Geheimdienstes stehenden ehemaligen Nazi-Oberst namens Detmann aufspüren soll. Schon bald wird jedoch klar, dass auch die Amerikaner an Detmann interessiert sind; und dass Quine mit gezinkten Karten spielt.

Bibliografie:
Philip McAlpine-Serie: 'Dolly, Dolly Spy' - 'Püppchen, Püppchen' (1967), 'The Bang Bang Birds' - 'Die Knallvögel' (1967), 'The Great Spy Race' - 'Der grosse Wettlauf der Spione' (1968), 'Think Inc' (1971).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Dodge, David

(1910-1974)

David Dodge wurde als jüngstes von vier Kindern eines erfolgreichen Architekten in Berkeley, Kalifornien, geboren. Der Vater erlitt 1919 einen tödlichen Verkehrsunfall. Daraufhin zog die Mutter mit ihren drei Töchtern und David nach Los Angeles, wo dieser die Lincoln High School besuchte, jedoch ohne Abschluss blieb. Von 1926 bis Ende der 30er-Jahre war er unter anderem als Bankangestellter, Hafenarbeiter, Nachtwächter und Buchhalter tätig. 1936 vermählte er sich mit Elva Keith. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor heuerte er bei der Navy an - er verliess sie nach drei Jahren als Lieutenant Commander.

Dodge begann seine schriftstellerische Laufbahn 1936, als er in San Francisco einer Gruppe von Bühnenautoren, Schauspielern und Produzenten (unter ihnen Dodges Schwager George Burkhardt, der Gründer des Zirkels) beitrat, deren Ziel es war, Theater zum puren Vergnügen zu kreieren. Dodge steuerte zwei Werke bei, 'A Certain Man Had Tow Sons' und 'Christmas Eve at the Mermaid'. Einige Jahre später wettete er mit seiner Frau, dass er im Stande sei, einen spannenderen Krimi zu schreiben als jene, die sie während ihren verregneten Ferien gerade lasen. 1941 kam sein erster Krimi heraus, und Dodge gewann die Wette.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Dodge mit seiner Frau und der 1940 geborenen Tochter Kendal durch Zentral- und Südamerika mit längeren Aufenthalten in Guatemala und Peru. In dieser Zeit begann er seine zweite Karriere, jene als Reisebuchautor. 1950 bezog die Familie Wohnsitz in Südfrankreich, nach zwei Jahren kehrte sie in die USA zurück. Es folgte ein kurzer Aufenthalt in Burlingame, Kalifornien, worauf Dodge mit seinen Angehörigen nach Princeton, New Jersey, ging. Als Kendal 1957 die High School abgeschlossen hatte, waren David und Elva Dodge nicht mehr zu halten - ausgedehnte Reisen durch ganz Europa füllten die folgenden Jahre aus. 1968 schliesslich liess sich das Ehepaar in San Miguel de Allende, Mexiko, nieder. Elva starb dort im Oktober 1973, David folgte ihr nach zehn Monaten, kurz vor seinem 64. Geburtstag.

In Dodges frühen, von Dashiell Hammett beeinflussten Krimis steht James "Whit" Whitney aus San Francisco im Mittelpunkt. 'Die blaue Limousine', der erste und beste Band des witzigen Vierteilers, in dem sehr viel Alkohol fliesst, dreht sich um den Fall Harald Wolff. Wolff, ein Bierbrauer, der sich in der Prohibition als Alkoholschmuggler (und Betrüger seiner Mitaktionäre) eine goldene Nase verdient hatte, kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, weil sich sein (präparierter?) Fallschirm nicht öffnete. Nach seinem Tod musste eine Million Dollar Einkommenssteuer nachgezahlt werden, eine Summe, die dem ganzen Erbe entsprach. Whits 20 Jahre älterer Kompagnon George MacLeod, ein berüchtigter Schürzenjäger, der Wolff in Steuerfragen beraten hatte, stellt nun fest, dass dieser Betrag viel zu hoch war. Wolffs Tochter Marian beauftragt ihn, der Sache auf den Grund zu gehen, doch bevor er etwas unternehmen kann, bläst man ihm mit einer .25er das Licht aus - und Whit mutiert vom Steuerberater zum Detektiv. Dann geschieht ein weiterer Mord, auf den Hobbyschnüffler wird ein Anschlag verübt, doch Whit lässt nicht locker, verliebt sich nebenbei in MacLeods reizende junge Witwe Kitty und legt dem Mörder in Zusammenarbeit mit dem nagelharten Cop Lieutenant Webster das Handwerk.
Daraufhin kehrt Whit in seinen Brotberuf zurück, wird jedoch weiterhin in Verbrechen verwickelt. Zu Beginn des dritten, im Zweiten Weltkrieg spielenden Bandes 'Whit wundert sich' heiratet er Kitty in Reno und taumelt dort am selben Tag in einen haarsträubenden Spionagefall um einen deutschen Nazioffizier, der den Japanern mit einem illegalen Radiosender kriegsentscheidende Informationen über die amerikanische Marine zukommen lässt.

Dodges zweite Serie dreht sich um den zynischen, hart gesottenen Privatschnüffler Al Colby, einen in Mexiko Stadt lebenden, perfekt Spanisch sprechenden Amerikaner, der vermisste Personen aufspürt, in Peru hinter Inka-Schätzen her ist und in den Anden Saboteure jagt. Auch Dodges dritte Figur John Abraham Lincoln, der als Special Agent des Bundesfinanzministeriums im Fernen Osten zum Rechten schaut, ist ein tougher Kerl.

Die vergnügliche Krimikomödie 'Über den Dächern von Nizza' (im Original 'To Catch a Thief', verfilmt von Alfred Hitchcock mit Cary Grant und Grace Kelly in den Hauptrollen) ist Dodges bekanntestes Werk. Es handelt von dem legendären amerikanischen Juwelendieb John Robie, genannt "Le Chat", der von 1936 bis 1939 die Prominenz der Côte d'Azur um Schmuck im Wert von 8 Millionen Francs erleichert, bis er verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wird. Nach einem Jahr Haft wird er (wie viele andere Delinquenten) von den deutschen Besatzern freigelassen. Er geht zum Maquis, wo er das Schlitzohr Henri Bellini kennen lernt - der Beginn einer tiefen Freundschaft.
Nach dem Krieg setzt sich Robie in einer Villa oberhalb des südfranzösischen Ortes Vence zur Ruhe. Er frönt der Jagd, geht angeln und schwimmen, arbeitet in seinem Garten und trinkt guten Wein - doch sein Ruhestand wird empfindlich gestört, als ein Nachwuchsgauner ihn zu imitieren beginnt: Wie einst "Le Chat", bewaffnet einzig mit einem Glasschneidemesser, klettert der Youngster über Dächer, um an seine kostbare Beute zu gelangen. Als Robie selbst in Verdacht gerät, taucht er unter, um - mit neuer Identität und unterstützt durch eine Truppe von früheren Widerstandskämpfern - den Täter auf eigene Faust zu schnappen. Ein Lockvogel in der Person der an Geld und Schmuck reichen Amerikanerin Mrs. Stevens soll es richten. Doch diese hat eine schöne Tochter, Frances, die mit allen Wassern gewaschen ist.

Dodges letzter vollendeter Krimi 'The Last Match' kam 2006, 33 Jahre nach seiner Niederschrift, in der berühmten Reihe 'Hard Case Crime' erstmals in die Buchläden, nachdem das Manuskript kurz zuvor in den Papieren des Autors gefunden worden war. Dodges 2007 verstorbene Tochter Kendal rundete das Buch mit einem schönen Nachwort über das Leben ihres Vaters ab.

Bibliografie:
James "Whit" Whitney-Serie: 'Death and Taxes' - 'Die blaue Limousine' (1941), 'Shear the Black Sheep' (1943), 'Bullets for the Bridgeroom' - 'Whit wundert sich' (1944), 'I Ain't Hay' - 'Tödlicher Rauch' (1946);
Al Colby-Serie: 'The Long Escape' - 'Das Grab auf der Hazienda' (1947), 'Plunder in the Sun' - 'Der Schatz von Amaru' (1949), 'The Red Tassel' - 'Die rote Quaste' (1950);
'To Catch a Thief' - 'Über den Dächern von Nizza' (auch unter den Titeln 'Die Katze und ihr Doppelgänger' und 'Le chat sucht le chat', 1952), 'The Lights of Skaro' - 'Die Lichter von Skaro' (1954), 'Angel's Ransom - 'Lösegeld für Anima' (1956), 'Loo Loo's Legacy' (1960), 'Carambola' (1961), 'The Last Match' (2006);
John Abraham Lincoln-Krimis: 'Hooligan' (1969), 'Troubleshooter' (1971).

++ Erstellt: Oktober 2011 ++  


Donald, Anabel

(*1944)

Anabel Donald, geborene Stockwell, kam als Tochter eines britischen Diplomaten in Indien zur Welt. Ihre Ausbildung absolvierte sie am St. Anne's College in Oxford mit einem Abschluss 1968. Danach unterrichtete sie über dreissig Jahre Englisch, zuerst in Austin, Texas, danach an verschiedenen englischen Schulen. Von 1965 bis zur Scheidung 1981 war sie mit dem Autor Miles Donald verheiratet und hatte mit ihm zwei Kinder.

Nebenberuflich, im Jahr 1984, debütierte Anabel Donald als Schriftstellerin. Nach vier nicht dem Krimigenre angehörenden Romanen veröffentlichte sie zwischen 1992 und 1999 die fünfbändige Alex Tanner-Reihe, aus der die ersten drei Titel auch auf Deutsch vorliegen. Ihr letztes Buch ist 2002 erschienen, danach verlieren sich ihre Spuren.

Alex Tanner, als Tochter einer allein erziehenden, geistig schwer kranken Mutter in verschiedenen Pflegefamilien aufgewachsen, ist eine mutige und scharfzüngige, nicht besonders attraktive Frau um die Dreissig. Gut befreundet mit dem Dokumentarfilmemacher Barty O'Neill, arbeitet sie freiberuflich für eine Fernsehstation in London und nebenbei, um ihr Gehalt etwas aufzubessern, als Privatdetektivin im Stadtteil Notting Hill. Ab dem dritten Band steht ihr Nick zu Seite, ein ausgekochtes Mädchen von der Strasse mit einer Hochbegabung für wissenschaftliche Fächer.

'Tod eines Schürzenjägers' handelt von einem über dreissig Jahre zurückliegenden Mord, dem der Frauenheld Lord Rollo Shervin bei einem Jagdball auf seinem Landschloss zum Opfer gefallen ist. Seine schöne Frau Laura war die Hauptverdächtige, doch das Verbrechen wurde nie aufgeklärt. Und jetzt, kurz nach dem Tod der Witwe, trifft Alex Tanner zufällig auf Miss Potter, eine schrullige ältere Lady, die damals als Erzieherin der vier Töchter Charlotte, Helena, Penelope und Candida im Hause Sherwin war. Von ihr erhofft sie sich Insiderinformationen zur Lösung des Falles. Als Gegenleistung soll Alex recherchieren, was mit Charlottes vor drei Monaten verschwundener Tochter Zara geschehen ist.

Während 'Tod eines Schürzenjägers' nur schwerfällig in die Gänge kommt, erzählt der zweite Roman 'Todessalto' eine spritzige, sorgfältig gestaltete Geschichte um unheilvolle familiäre Verwicklungen, Geldgier, Ehebruch und Mord mit einem dramatischen Finale, das die mutige Detektivin nur knapp überlebt.

Bibliografie:
Alex Tanner-Serie: 'An Uncommon Murder' - 'Tod eines Schürzenjägers' (1992), 'In the Deep End' - 'Todessalto' (1993), 'The Glass Ceiling' - 'Der Glaskäfig' (1994), 'The Loop' (1996' (1996), 'Destroy Unopened' (1999).

++ Erstellt: Oktober 2016 ++  


Doolittle, Jerome

(*1933)

Jerome Doolittle (Herkunft unbekannt) war Reporter, Kolumnist und Redakteur der 'Washington Daily News' und der 'Washington Post'. Dann verliess er den Journalismus, um als Sprecher der amerikanischen Botschaften in Casablanca bzw. Laos zu arbeiten. Später berichtete er über den Vietnam- und den Kambodschakrieg für verschiedene Zeitungen und Magazine. Als die Kommunisten in Indochina die Macht übernahmen, kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück. Von 1976 bis 1978 schrieb er Reden für US Präsident Jimmy Carter. Anschliessend unterrichtete er in Harvard. Nachdem er 1982 einen Roman über den Geheimkrieg der CIA in Laos ('The Bombing Officer') veröffentlicht hatte, debütierte er 1990 als Krimiautor.

Doolittles Krimiheld ist der Privatermittler, Ex-Pilot und frühere Spitzenringer Tom Bethany aus Cambridge, Massachusetts. In 'Beinscheren' durchleuchtet Bethany, ein hochintelligenter, beinharter, zur Not auch gewalttätiger Linker im Auftrag des US Präsidentschafts-Kandidaten Markham die Vergangenheit des potentiellen Aussenministers Kellicott, der vorerst als bescheidener, integrer und gebildeter Mann auftritt. Als Bethany jedoch die ersten dunklen Flecken auf Kellicotts Weste entdeckt, wird er beinahe das Opfer eines Attentats. Der Detektiv ist nun erst recht nicht mehr zu bremsen, wühlt sich immer tiefer in Kellicotts Familiengeschichte - und wird fündig.

'Würgegriff' handelt von vier Rentnern aus Boston, die ihr gespartes Geld einer Anlagefirma in Houston anvertraut haben. Jetzt ist das Geld weg, und Tom Bethany soll versuchen, vielleicht doch noch ein paar Dollar zu retten. Er beginnt im Leben einiger Geschäftsführer zu schnüffeln, diese werden nervös, und der Detektiv muss alle Register seines Könnens ziehen, um nicht unter die Räder zu kommen.

Für seine drei nachfolgenden Tom Bethany-Romane hat Jerome Doolittle keinen Verleger mehr gefunden - sie sind nur noch auf seiner Website badattitudes.com erschienen.

Bibliografie:
Tom Bethany-Serie: 'Body Scissors' - 'Beinscheren' (1990), 'Strangle Hold' - 'Schwitzkasten' (1991), 'Bear Hug' - 'Würgegriff' (1992), 'Head Lock' (1993), 'Half Nelson' (1994), 'Kill Story' (1995); 'The Bombing Officer' (1985).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Dor, Milo

(Kürzel für Milutin Doroslovac, 1923-2005; schrieb auch als Alex Lutin und Alexander Dormann)

Milo Dor wurde als Sohn eines serbischen Arztes und einer Mutter, die einen Kosmetiksalon führte, in Budapest geboren und wuchs in Gross-Betscherek, Serbien, und in verschiedenen Dörfern der südosteuropäischen Regionen Banat und Batschka auf, bis die Familie 1933 nach Belgrad übersiedelte. Weil er einen Schulstreik organisiert hatte, wurde Milo mit siebzehn Jahren vom Gymnasium verwiesen, konnte jedoch als Externer sein Abitur ein Jahr später nachholen.

Nach der Besatzung Belgrads durch die Nationalsozialisten nahm Milo Dor an der Widerstandsbewegung teil. 1942 wurde er verhaftet und ein Jahr später als Zwangsarbeiter nach Wien deportiert. Nach dem Krieg blieb er in Österreich und studierte bis 1949 Theaterwissenschaft und Romanistik an der Universität Wien. Ab 1951 war er Mitglied der "Gruppe 47" um Günter Grass.

Milo Dor, der bereits als Teenager seine ersten Gedichte verfasst hatte und 1945 anfing, in deutscher Sprache zu schreiben, war ab 1949 hauptberuflich als freier Autor und Publizist tätig. Darüber hinaus übersetzte er aus dem Serbischen und Kroatischen. Er lebte mit seiner zweiten Frau bis zu deren Tod im Jahr 2002, dann allein, vorwiegend in Wien, aber auch in Rovinj auf der kroatischen Halbinsel Istrien, und starb 82-jährig in einem Wiener Krankenhaus. Sein Sohn aus erster Ehe ist der 1947 geborene Filmemacher Milan Dor.

Milo Dors Werk besteht aus Romanen (sein Hauptwerk, die Raikow-Trilogie, kreist um einen serbischen Widerstandskämpfer), Erzählungen, Essays, Sachbüchern, Kinder- und Jugendbüchern, Hörspielen, einem Trauerspiel, etlichen Drehbüchern und Anthologien und der 1988 erschienenen Autobiografie 'Auf dem falschen Dampfer'. In Gemeinschaft mit dem gleichaltrigen (1976 verstorbenen) Wiener Autor, Übersetzer, Journalisten und Herausgeber Reinhard Federmann verfasste er in den 50er-Jahren drei Politromane: 'Und einer folgt dem anderen', 'Internationale Zone' und 'Und wenn sie nicht gestorben sind…', der erst vierzig Jahre später erstmals herauskam.

'Internationale Zone' ist eine schnörkellose, in Wien angesiedelte Geschichte, dem durch die Alliierten besetzten, von Schwarzmärkten und Schmuggel, Spionage und Menschenhandel, Geldgier und Opportunismus beherrschten offenen Tor zwischen Ost und West, vier habsüchtige, niederträchtige Männer spielen die Hauptrollen: Boris Kostoff, ein versoffener, fetter bulgarischer Tierarzt, der wegen einer Gewalttat einige Jahre im Zuchthaus einsass; der smarte Rumäne Georges Maine, alias Georgi Maniu, und der Österreicher Freddie Hirsch, die zusammen den Zigarettenschwarzmarkt fest in der Hand haben, sich aber längst nicht mehr über den Weg trauen; und der russische Polizeioffizier Gubarew, ihr wichtigster Verbindungsmann im sowjetischen Sektor. Verschoben werden vor allem Tabakwaren und Schnaps, aber in vermehrtem Umfang auch Textilien, Medikamente und Stahl - ein Milliardengeschäft, mit dem die Russen ihre Armee finanzieren und die westliche Seite ihre Schweizer Bankkonti nährt.

Bibliografie:
'Und einer folgt dem anderen' (1953), 'Internationale Zone' (1953), 'Und wenn sie nicht gestorben sind...' (1996).

++ Erstellt: Oktober 2013 ++  


Douglas, Malcolm

(Pseudonym für Ronald Douglas Sanderson, 1920-2002; schrieb auch als Martin Brett)

Geboren in Beltinge, Grafschaft Kent, diente Douglas Sanderson im Zweiten Weltkrieg bei der Handelsmarine und der Royal Air Force, für die er auch wissenschaftliche Artikel verfasste. Im Jahr 1947 wanderte er nach Montréal aus, fünf Jahre später wurde er kanadischer Staatsbürger. In seiner neuen Heimat schlug er sich zunächst als Kellner, Angestellter in einem Juweliergeschäft, Nachtclubsänger und Radiomoderator durch, bis er 1952 zum Krimischreiben kam. Im Jahr 1955 übersiedelte er in die spanische Stadt Alicante, wo er knapp fünfzig Jahre später mit 82 starb. Er hinterliess einen Sohn, John, der in Alicante als Universitätsdozent und Autor arbeitet.

Unter den Pseudonymen Malcolm Douglas und Martin Brett sowie unter eigenem Namen verfasste Sanderson bis 1975 einundzwanzig Spannungsromane, von denen fünfzehn in der prestigeträchtigen 'Série noire' bei Gallimard herauskamen; unter ihnen der in den 50er-Jahren spielende Vierteiler um Mike Garfin (alias Bill Yates), sein bedeutendster Beitrag zur Kriminalliteratur.

Mike Garfin, ein jung verwaister Bursche irisch-französicher Abstammung, wuchs bei Nonnen auf und arbeitete danach bei der Royal Canadian Mounted Police, den "Mounties", bis er aus disziplinarischen Gründen rausgeschmissen wurde und sich daraufhin als hart gesottener, fliessend französisch und englisch sprechender, in einem gepflegten Jaguar herumkurvender, mit dem beherzten Callgirl Tess liierter Privatdetektiv zuerst in Toronto, zwei Jahre später in Montréal niederliess. ('The Deadly Dames', der dritte Teil der Reihe, erschien in einem anderen Verlag, und Mike Garfin hiess hier Bill Yates.)

'Heisser Schnee', der erste (und einzige auf Deutsch vorliegende) Mike Garfin-Titel, kreist um Drogenhandel im französischsprachigen Teil Kanadas mit dem Québec-Syndikat als treibende Kraft. Im Auftrag der kultivierten Schönheit Vivian Remington soll Garfin deren 19-jährigen Sohn aus erster Ehe, Gerald Astley, aufspüren, der vermutlich in eine üble Sache verwickelt ist. Doch Vivians restliche Fmilienmitglieder - die nymphomane Tochter Geraldine (Geralds Schwester), der jetzige Gatte Colin Remington, ein angesehener Börsenmakler, Importeur, Kunstsammler und Philantrop, und dessen intrigante Tochter Marian - haben es faustdick hinter den Ohren, machen dem Detektiv das Leben schwer. Als Garfin wenig später vor der Leiche seines ermordeten Mountie-Freundes Tom Littlejohn steht, weiss er, dass seine Tage gezählt sind, denn Tom musste sterben, weil man ihn mit Garfin verwechselt hatte.

Robert Race, Ich-Erzähler des nachtschwarzen Einzelwerks 'Ruh in Frieden, lieber Schatz', ein junger, sozial eingestellter, glücklich verheirateter Anwalt, hat vor mehreren Jahren einen Zeugen zu einem Meineid verleitet, um seinen Klienten frei zu bekommen, und muss jetzt für dieses Vergehen bitter büssen: Er gerät in die Fänge gewissenloser Gangster, die ihn erpressen, und seine heiss geliebte, aus reichem Haus stammende Gattin Eve erweist sich als Männer verschlingende Intrigantin, die für ihre Habgier mit dem Leben bezahlt. Robert Race, des Mordes an seiner Frau verdächtigt, scheint sich in einer ausweglosen Situation zu befinden.

Bibliografie:
Als Malcolm Douglas: 'Murder Comes Calling' (auch unter dem Titel 'Exit in Green') - 'Ruh' in Frieden, lieber Schatz' (1953), 'Prey by Night' (1955), 'Rain of Terror' - 'Alptraum auf Italienisch' (1956), 'The Deadly Dames' (1956), 'Pure Sweet Hell' - 'Zum Sterben hat jeder mal Zeit' (1957), 'Shout for a Killer' (1963).
Als Martin Brett: Mike Garfin-Serie: 'Hot Freeze' - 'Heisser Schnee' (1954; die deutschsprachige Version ist mit Malcolm Douglas gezeichnet), 'Blondes Are my Trouble' (auch unter dem Titel 'The Darker Traffic', 1954), 'The Deadly Dames' (1956), 'A Dum-Dum for the President' (1961);
Standalone: 'The Dead Connection' (1961).
Als Douglas Sanderson: 'Dark Passion Subdue' (1952), 'The Final Run' (auch unter dem Titel 'Flee from Terror', 1956), 'The Shreds' (1958), 'Night of the Horns' (1958), 'Cry Wolfram' (auch unter dem Titel 'Mark it from Murder' (1959), 'Catch a Fallen Starlet' (auch unter dem Titel 'The Stubborn Unlaid', 1960), 'Lam to Slaughter' (1964), 'Score for Two Dead' (1964), 'Black Reprieve' (1965), 'No Charge for Framing' (1969), 'A Dead Bullfighter' (1975).

++ Erstellt: Mai 2014 ++  


Downey, Timothy

(1951-2008)

Timothy Downey wurde als Sohn eines Einkäufers und einer Zahnarztassistentin in Mount Kisco, New York geboren und wuchs mit einem Bruder und einer Schwester in dem nördlich von New York City gelegenen Städtchen Pleasantville auf. Nach Abschluss des Englischstudiums am Hamilton College 1973 und einigen Jahren als Saxophonist bei verschiedenen Rockbands arbeitete er als Berater für grosse Firmen wie Verizon und Goldman Sachs. 1984 heiratete er Linda Wright und hatte mit ihr zwei Söhne. Drei Jahre später veröffentlichte er sein einziges Buch, den Kriminalroman 'Der Tod ist in der Stadt'. Downey lebte mit seiner Familie in Garrison bei Philipstown (Ney York State); 1998 wurde er Mitglied der dortigen Quäker-Gemeinschaft, für die er auch als Schatzmeister amtierte. Mit 57 Jahren starb er in einem New Yorker Krankenhaus an Krebs.

'Der Tod ist in der Stadt' dreht sich um den berühmt-berüchtigten Kolumnisten Pete Killharney - bei Pflegeeltern aufgewachsener irischer Katholik, furioser Trinker, von seiner Frau verlassener Vater einer 15-jährigen Tochter - Hell's Kitchen ist sein Revier. Alljährlich veröffentlicht er seine "persönliche Abschussliste", die so genannte "Killharney's Bar Hit List", eine Abrechnung mit den zehn widerwärtigsten Promis der Stadt - korrupte Politiker und Richter, profitgeile Banker, Immobilienmakler und Industrielle, mächtige Mafiosi, bigotte Fernsehprediger. Doch jetzt benutzt ein Unbekannter die Listen als Vorlage zum Morden im Dienste der Gesellschaft - oder hat er die Absicht, Killharney in seinem Rachefeldzug zu vernichten? Unterstützt durch seinen jüngeren Bruder Brendan, einen Priester, und seine neue Berufskollegin Sheila, in die er sich heftig verliebt, macht Killharney Jagd auf den blutrünstigen Killer. 'Der Tod ist in der Stadt' ist ein bitterböser, vielschichtiger, an schrillen Szenen reicher Thriller mit scharf gezeichneten Charakteren.

Bibliografie:
'A Splendid Executioner' - 'Der Tod ist in der Stadt' (1987).

++ Erstellt: April 2016 ++  


Downing, Warwick

(*1931; schreibt auch als Wick Downing)

Warwick Downing, geboren und aufgewachsen in Denver, Colorado, studierte Englisch an der University of Wyoming und der Denver University sowie Jura an der Denver University's Law School. Danach war er in San Francisco in verschiedenen juristischen Funktionen tätig, bis er 1968 nach Denver zurückkehrte und dort als Assistent Attorney arbeitete. Als die Repubulikaner Anfang der 70er-Jahre in Colorado an die Macht kamen, verlor er als eingefleischter Anhänger der Demokratischen Partei seinen Job und begann zu schreiben. Nach drei Buchveröffentlichungen wurde er District Attorney in dem Städtchen Cortez, Colorado. Heute lebt er als freischaffender Autor in seiner Geburtsstadt.

Downings belletristisches Werk enthält drei Jugendbücher und sieben schnörkellose, actiongeladene Krimis, darunter zwei mit Joe Reddman als Hauptfigur. In den 90er-Jahren wechselte der Autor zum Genre des Gerichtsdramas. Seine letzte Publikation ist das mit Wick Downing gezeichnete Jugendbuch 'The Trials of Kate Hope' aus dem Jahr 2008 mit einer 14-jährigen Anwältin als Hauptperson.

Joe Reddman, genannt "Der letzte wilde Indianer", "Der Spieler" oder "Mr. Cool", ist nach dem frühen Tod seiner (weisshäutigen) Mutter in der Obhut der Cheyenne-Indianerin Blue Tree Woman aufgewachsen und hat viel von ihr gelernt. Jetzt arbeitet der geschiedene Vater von drei Söhnen (der älteste ist der angehende Anwalt David, der in dem 1990 erschienenen Roman 'A Clear Case of Murder' die Hauptrolle bekleidet), ein schlagkräftiger, sturer und stoischer, aber auch gefühlsvoller Mann Ende dreissig, in Denver als Privatdetektiv, oft zusammen mit dem Polizeibeamten Charlie Riggs, zu dem er einen guten Draht hat.

In 'Zahn um Zahn' erhält Reddman von Terry Brennan, einem ehemaligen Staatsanwalt, der die Seiten gewechselt hat und sein Geld jetzt mit Drogenhandel verdient, den Auftrag, den testosteron-gesteuerten Börsenmakler Arnie Jack aufzuspüren, denn dieser, bisher Brennans rechte Hand, hat sich mit 150'000 Dollar Drogengeld abgesetzt. Kurz danach wird in einem Steinbruch eine Leiche gefunden, die Arnies Ring und Kleider trägt, deren Gesicht jedoch bis auf die Knochen weggefressen ist. Joe Reddman, ein gewiefter und furchtloser Ermittler, landet nach einem brutalen Angriff bewusstlos im Krankenhaus, überlebt zwei weitere Anschläge auf sein Leben nur mit sehr viel Glück - doch "der letzte wilde Indianer" lässt sich nicht so leicht ins Boxhorn jagen und löst den verwickelten Fall auf seine Weise.

In Downings ein Jahr zuvor erschienenem Krimi 'Ruhe sanft im Wasserbett' haben Reddman und Riggs nur peripher am Geschehen teil. Im Mittelpunkt steht hier der charismatische Anwalt Nathan Tree - einst ein erfolgreicher Staatsanwalt mit politischen Ambitionen, heute ein ermittelnder Strafverteidiger mit einem Alkoholproblem -, der seinem jungen Berufskollegen Phillip Garver aus der Klemme helfen soll, als in dessen Wasserbett die Leiche einer jungen Erdölgeologin aufgefunden wird - nicht auf dem Bett, sondern innen, im Wasser. Garver wird verhaftet, doch Tree zweifelt an seiner Schuld, erst recht, als weitere Frauen ermordet werden - und kommt schliesslich einem Komplott von Ölkonzernen, für die die Geologin gearbeitet hatte, auf die Spur.

Bibliografie:
Joe Reddman-Romane: 'The Player' - 'Krummer Bulle' (1974)‚ 'The Gambler, the Minstrel and the Dance Hall Queen' - 'Zahn um Zahn' (1976);
'The Mountains West of Town' - 'Ruhe sanft im Wasserbett' (1975), 'A Clear Case of Murder' (1990), 'The Water Cure' (1992), 'A Lingerng Doubt' (1993), 'Choice of Evils' (1994).

++ Erstellt: Juni 2011 ++  


Dreher, Sarah

(1937-2012)

Sarah Dreher kam in Hanover, Pennsylvania zur Welt. Sie studierte Psychologie am Wellesley College, Massachusetts, wurde 1963 an der Purdue University in Indiana promoviert und eröffnete 1965 in Amherst, Massachusetts, eine Praxis als Psychotherapeutin. Nebenher verfasste sie Kurzgeschichten und Bühnenwerke. 1985 begann sie ihre Laufbahn als Krimiautorin. Darüber hinaus engagierte sie sich in der Frauen- und Lesbenbewegung, war Mitbegründerin der Nonprofit-Organisation Sunrise-Amanecer Inc. in Springfield, Massachusetts, die sich dafür einsetzt, die Lebensqualität der am stärksten benachteiligten Bevölkerung zu verbessern, und stand dieser Gesellschaft in den letzten sieben Jahren als Präsidentin und klinische Leiterin vor. Sarah Dreher lebte in Amherst und in einer Hütte in den Berkshire Hills. Eine Woche nach ihrem 75. Geburtstag starb sie zuhause in Amherst.

Die sprachlich versierte, humorvolle Autorin publizierte von 1985 bis 1998 sieben mit Fantasy-Szenen angereicherte Kriminalromane (ein achter Band blieb unveröffentlicht), die von skurrilen - fast ausschliesslich weiblichen - Figuren getragen werden. Im Mittelpunkt steht Stoner McTavish, eine romantische und etwas chaotische Lesbe, die in Boston ein Reisebüro betreibt und sich hobbymässig als Detektivin betätigt. Unterstützt wird sie durch ihre Geliebte Gwen Owens, ihre wahrsagende Tante Hermione und ihre Geschäftspartnerin und beste Freundin Marylou Kesselbaum. Stoner und Gwen lernen sich im ersten Band der Reihe kennen, als Gwen mit ihrem zwielichtigen Mann in Wyoming die Flitterwochen verbringt und Stoner im Auftrag von Gwens Böses ahnenden Grossmutter diesem ein wenig auf den Zahn fühlen soll.

Bibliografie:
Stoner McTavish-Serie: 'Stoner McTavish' - 'Stoner McTavish' (1985), 'Something Shady' - 'Schatten' (1986), 'Gray Magic' - 'Grauer Zauber' (1987), 'A Captive in Time' - 'Gefangene der Zeit' (auch unter dem Titel 'Stoner Goes West', 1990), 'Otherworld' - 'Die andere Welt' (auch unter dem Titel 'Jenseits', 1993), 'Bad Company' - 'Stoner verkehrt in schlechten Kreisen' (1995), 'Shaman's Moon' - 'Der Rat der Schamanin' (1998).

++ Erstellt: August 2012 ++  


Durling, Ulf

(*1940)

Der gebürtige Stockholmer Ulf Durling verbrachte seine Schulzeit in der südschwedischen Stadt Köping. Nach dem Medizinstudium, das er 1966 am Karolinska Institut abschloss, liess er sich zum Psychiater ausbilden. Später war er Lehrer für Psychiatrie und Leiter am Krankenhaus von Danderyd in Stockholm. Mit seiner Frau Helena, einer Psychotherapeutin, hat er zwei erwachsene Kinder.

Nebenberuflich debütierte Durling 1971 als Krimiautor. Mit seinem sechzehn Romane und zwei Novellen umfassenden Werk gehört er in Skandinavien zu den angesehensten Autoren von psychologischer Spannungsliteratur, während im deutschsprachigen Raum einzig der Erstling 'Gammal Ost' (zu Deutsch 'Alter Käse'‚ der Diogenes Verlag bevorzugte jedoch den albernen Titel 'Nach dem Essen sollst du ruhn') erschienen ist.

In einer kleinen zwielichtigen Pension findet man einen Toten in einem abgeschlossenen Zimmer, Kriminalassistent Gunnar Bergman leitet die Ermittlungen. Gleichzeitig befassen sich drei ältere Herren - die Rentner Johan Lundgren und Carl Bergman (Gunnars Vater) und der praktizierende Arzt Efraim Nylander -, die eine Leidanschaft für Kriminalromane verbindet, mit dem Fall, in dem ein altes Stück Käse und eine leere Flasche Chianti wichtige Rollen spielen. 'Nach dem Essen sollst du ruhn', ist eine hochkomische Mischung aus Locked Room Mystery, Polizeiroman und Hobbyermittler-Groteske um skurrile Figuren und wartet mit einer herzerwärmenden Lösung auf - eine Trouvaille.

Bibliographie:
'Gammal Ost' - 'Nach dem Essen sollst du ruhn' (1971), 'Hemsökelsen' (1972), 'Säg PIP!' (1975), 'Annars dör man' (1977), 'Min kära bortgangna' (1980), 'Tack för lanet' (1981), 'Lugnet efter stormen' (1983), 'Aldrig o livet' (1985), 'In memoriam' (1988), 'Synnerliga skäl' (1990), 'Tills döden förenar oss' (1993), 'Komma till skott' (1996), 'Vilddjurets tal' (1999), 'Domaredans' (2001), 'Vägs ände' (2005), 'Den svagaste lànken' (2008).

++ Erstellt: September 2016 ++  



 

Elkins, Aaron

(*1935)

Aaron Elkins, geboren in Brooklyn, New York City, wurde am New Yorker Hunter College, an der University of Wisconsin in Madison, der University of Arizona und der California State University in Los Angeles in Biologischer Anthropologie, Psychologie und Bildungswissenschaften ausgebildet, Abschluss 1962. Das Studium verdiente er sich zunächst als Boxer, später, nach ein paar verlorenen Kämpfen, in der Gastronomie. Ab 1960 war er über zwanzig Jahre in unterschiedlichen Funktionen für die kalifornische Regierung und an mehreren Universitäten tätig, unter anderem mehrere Jahre als Dozent für Betriebswissenschaft an der europäischen Aussenstation der University of Maryland in Heidelberg. Seit 1982 konzentriert er sich auf das Krimischreiben. Er gilt als Vater des zeitgenössischen Forensik-Krimis.

Elkins' bedeutendste literarische Figur ist der international tätige forensische Anthropologe Gideon Oliver von der University of Washington in Port Angeles, genannt "der Knochen-Detektiv von Amerika", ein genialer und scharfsinniger, jedoch bescheiden gebliebener Wissenschaftler, der im zweiten Roman 'Yahi' seine zukünftige Frau Julie Tendler, die leitende Aufseherin im Olympic National Parc, kennen lernt (Olivers erste Frau Nora ist vor einigen Jahren bei einem Autounfall gestorben). Während seiner berufsbedingten Reisen, die ihn oft an exotische Orte führen, wird Oliver mit Kriminalfällen konfrontiert bzw. von den örtlichen Behörden zu deren Lösung beigezogen.

'Alte Knochen', der beste der vier ins Deutsche übersetzten Gideon Oliver-Romane, ist in der Nähe der bretonischen Küstenstadt Saint-Malo angesiedelt. Dort hat der alte Patriarch Guillaume du Rocher seine ganze Familie zu einem wichtigen Treffen in sein altes Schloss einberufen, doch kurz bevor er seine Mitteilungen kundtun kann, wird er am Fusse des Mont-Saint-Michel von der Flut überrascht und ertrinkt - ein unfassbares Malheur, wenn man bedenkt, dass er die Küste wie seine Westentasche kannte. Der Notar liest das Testament vor, dessen Inhalt nicht alle Mitglieder des zerstrittenen Clans glücklich macht. Kurz danach findet man im Keller des Schlosses ein kopfloses Skelett - es sind die Überreste eines Anfang der 40er-Jahre, zur Zeit der Okkupation, begrabenen Mannes; und fast gleichzeitig wird im Schloss ein Mitglied der Familie du Rocher vergiftet. Die örtliche Polizei, mit dem Skelettfund und dem Mordfall leicht überfordert, bittet Gideon Oliver, der gerade am Jahreskongress für Wissenschaft und Kriminalistik in Saint-Malo teilnimmt, um fachliche Unterstützung. Ruhig und beharrlich, wie es seine Art ist, und kaum beirrt durch einen hinterlistige Anschlag auf sein Leben, begibt sich der Knochen-Detektiv auf Spurensuche - und bringt schliesslich die Hintergründe des 45 Jahre zurückreichenden Familiendramas ans Licht.

Weniger bekannt sind Elkins' später gestartete Krimiserien. Sie drehen sich um Chris Norgren, der als Kurator in einem Kunstmuseum in Seattle arbeitet und sich in seiner Freizeit als Detektiv betätigt, bzw. die mit dem Polizeibeamten Graham Sheldon liierte Golferin Lee Ofsted, die immer wieder in Verbrechen verwickelt wird. Darüber hinaus verfasste der Autor drei Einzelwerke (die beiden ersten setzen sich mit der Nazizeit auseinander), etliche Kurzgeschichten sowie Artikel über das Schreiben und Reiseberichte. Hin und wieder arbeitet er als forensischer Anthropologe für die Clallam County Cold Case Task Force.

Mit seiner zweiten Frau, der Krimiautorin Charlotte Elkins, geborene Trangmar, mit der er seit 1972 verheiratet ist und die an der Lee Ofsted-Serie mitgearbeitet hat, lebt Elkins in Sequim auf der Olympic Peninsula im Nordwesten des Bundesstaats Washington. Aus seiner ersten Ehe mit Toby Siev (1959 bis 1972) hat er zwei Kinder, Laurence und Robin.

Bibliografie:
Gideon Oliver-Serie: 'Fellowship of Fear' (1982), 'The Dark Place' - 'Yahi' (1983), 'Murder in the Queen's Armes' (1985), 'Old Bones' - 'Alte Knochen' (1987), 'Cruses!' - 'Fluch!' (1989), 'Icy Clutches' (1990), 'Make no Bones' (1991), 'Dead Men's Hearts' - 'Tote Herzen' (1994), 'Twenty Blue Devils' (1997), 'Skeleton Dance' (2000), 'Good Blood' (2004), 'Where There's a Will' (2005), 'Unnatural Secection' (2006), 'Little Tiny Teeth' (2007), 'Uneasy Relations' (2008), 'Skull Suggery' (2010), 'Dying on the Vine' (2012);
Chris Norgren-Serie: 'A Deceptive Clarity' (1987), 'A Glancing Light' (1991), 'Old Scores' - 'Alte Meister' (1993);
Lee Ofsted-Serie (gemeinsam mit Charlotte Elkins): 'Wicked Slice' (1989), 'Rotten Lies' (1995), 'Nasty Breaks' (1997);
Einzelwerke: 'Loot' (1999), 'Turncoat' (2002), 'The Worst Thing' (2011).

++ Erstellt: Juni 2011 ++
++ Update: Dezember 2012 ++
 


Engel, Howard

(*1931)

Howard Engel, geboren in St. Catharines, in der kanadischen Provinz Ontario, ausgebildet in Geisteswissenschaften an der McMasters University in Hamilton, arbeitete kurze Zeit in Sault St. Marie als Lehrer, danach als CBC-Journalist unter anderem in Paris, London, Spanien und auf Zypern. Von 1962 bis 1978 war er mit der 1985 verstorbenen Autorin Marian Engel verheiratet, die 1965 die Zwillinge Charlotte und William zur Welt brachte. Mit seiner zweiten Frau, der kanadischen Autorin Janet Hamilton, hat er einen 1989 geborenen Sohn, Jacob.

Howard Engel war einer der Gründer der 'Crime Writers of Canada'. Mit 49 Jahren debütierte er als Krimiautor. Seine elfbändige, mit viel Humor erzählte Serie dreht sich um Benny Cooperman, einen charmanten jüdisch-stämmigen Privatdetektiv, der in der fiktiven kanadischen Provinzstadt Grantham (gemeint ist St. Catharines) tätig ist.

Im 1995er Titel 'Mit heiler Haut', einem der am höchsten eingestuften Werke des Autors, wird Benny Cooperman von dem berüchtigten Bauspekulanten und Gangsterboss Abe Wise für einen besonders heiklen Job angeheuert: Er soll herausfinden, wer die auf Wise verübten Anschläge eingefädelt hat - andernfalls müssen Bennys Liebste daran glauben. Der Detektiv verbeisst sich in den Fall, stösst auf lange zurückliegende, schmutzige Geschichten und kommt nur knapp mit heiler Haut davon.

In Zusammenarbeit mit seiner zweiten Frau hat Engel 1985 unter dem Pseudonym F. X. Woolf den Krimi 'Murder in Space' veröffentlicht, der, wie auch 'My Brother's Keeper', gemeinsam mit Eric Wright verfasst und 2002 herausgekommen, nicht ins Deutsche übertragen worden ist.

2001 erlitt Engel einen Hirnschlag und verlor dadurch die Fähigkeit zu lesen. Trotzdem brachte er vier Jahre später mit 'Memory Book' den elften Roman der Benny Cooperman-Serie heraus, in dem der Held bei einer Schlägerei schwere Hirnverletzungen erleidet - und daraufhin nicht mehr lesen kann. 2007 liess Engel die mit einem Vorwort von Oliver Sacks versehenen Memoiren 'The Man Who Forgot How to Read' folgen, 2008 den zwölften Cooperman-Krimi 'East of Suez'.

Howard Engel, einer der einflussreichsten Krimiautoren Kanadas, lebt heute in Toronto.

Bibliografie:
Benny Cooperman-Serie: 'The Suicide Murders' - 'Selbstmord ist auch keine Lösung' (1980), 'The Ransom Game' - 'Erpresserspiel' (1981), 'Murder on Location' - 'Mord stand nicht im Drehbuch' (1982), 'Murder Sees the Light' - 'Es kommt alles ans Licht' (1984), 'A City Called July' - 'Ein ruhiges Plauderstündchen' (auch unter dem Titel 'Ticket für einen Toten', 1986), 'A Victim Must Be Found' - 'Ein Opfer muss her' (1988), 'Deas and Buried' (1990), 'There Was an Old Woman' (1993), 'Getting Away With Murder' - 'Mit heiler Haut' (1995), 'My Brother's Keeper' (gemeinsam mit Eric Wright, 2002), 'Memory Book' (2005),'East of Suez' (2008);
Als F. X. Woolf: 'Murder in Space' (1985), 'Mr. Doyle and Dr. Bell' (1997).
Gemeinsam mit Eric Wright: 'My Brother's Keeper' (2002).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Erdman, Paul

(1932-2007)

Paul Emil Erdman kam nach weiten Umwegen zur Schriftstellerei. Geboren als Sohn eines amerikanisch-stämmigen Pfarrers im kanadischen Stratford, Ontario, aufgewachsen in den USA, studierte er am Concordia Seminary, St. Louis, und an der Edmund A. Walsh School of Foreign Service der Georgetown University, Washington, D.C. Im Jahr 1958 doktorierte er in Ökonomie, europäischer Geschichte und Theologie an der Universität Basel. Nachdem er einige Jahre als Volkswirtschaftler bei der Europäischen Gesellschaft für Kohle und Stahl und am Stanford Research Institute in Menlo Park, Kalifornen, gearbeitet hatte, gründete er 1965 in Basel eine Privatbank, die Salik Bank, die 1969 von der United California Bank aufgekauft wurde. Ein Jahr später kam es zum Konkurs, und Erdman wurde wegen illegaler Spekulationen im Silber- und Kakaomarkt angeklagt. Während der Untersuchungshaft begann er an seinem ersten Roman 'Der Milliarden-Dollar-Schnitt' zu schreiben. Nach acht Monaten kam er auf Kaution frei, setzte sich in die Vereinigten Staaten ab und entschloss sich für ein Leben als Autor. 1973 wurde er in Absentia zu neun Jahren Haft verurteilt, kehrte jedoch selbstverständlich nie mehr in die Schweiz zurück. Er lebte als freier Schriftsteller in San Francisco und auf einer kleinen Ranch in der Nähe von Healdsburg, Sonoma County, wo er 74-jährig nach langer Krankheit starb. Erdman hinterliess seine Schweizer Frau Helly, geborene Boeglin, die er 1954 geheiratet hatte, und zwei Töchter, Jennifer und Constance.

Erdmans Werk besteht aus fünf Sachbüchern zu ökonomischen Themen und neun handlungsreichen Finanzkrimis (so genannte "financial fiction" oder "fi-fi"), die alle teilweise in der Schweiz angesiedelt sind - einem Land, mit dem ihn eine Hassliebe verband. Erdman publizierte überdies mehrere Artikel über seine zweite Passion, den American Football, und schrieb von 1998 bis 2005 eine Kolumne zu finanziellen Themen für die Webseite 'MarketWatch.com'. Sein zehnter Roman 'The Great Game' blieb unveröffentlicht.

Erdmans erster Roman 'Der Milliarden-Dollar-Schnitt', von dem im englischen Sprachraum über 2 Millionen Exemplare abgesetzt wurden, handelt von Insidergeschäften, waghalsigen Spekulationen und verzweifelten Aktionen zur Rettung maroder Konzerne. Eine wichtige Rolle spielt das Bankenparadies Schweiz, vertreten unter anderem durch Dr. Walter Hofer, den mit allen Wassern gewaschenen Vorstandspräsidenten der zweitgrössten Bank des Landes, der für die Briten und die Amerikaner die Kohlen aus dem Feuer holen soll, aber auch die Russen mischen munter mit, indem sie den Goldpreis in die Höhe schnellen lassen, während der Dollar ins Bodenlose fällt.

In Erdmans berühmtestem Roman 'Crash '81. Der Grosse Schock' stehen sich Ende der 70er-Jahre zwei schillernde Figuren gegenüber: Das amerikanische Finanzgenie Bill Hitchcock, ein ehemaliger Bankenbesitzer, der neuerdings Saudiarabien in Wirtschaftsfragen berät (es ist die Zeit der grossen Ölkrise), und der Schah von Persien, der mit allen (auch atomaren) Mitteln die Herrschaft über den Nahen Osten anstrebt und deshalb einen Atomwissenschaftler der Extraklasse engagiert.

'Schweizer Konten', eine brisante Mischung aus Fiktion und Fakten, angesiedelt in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs, kommt im Wesentlichen mit einer Handvoll historischen und zwei erdachten Figuren aus. Auf der Seite der Alliierten und der Schweizer sind dies Allan Dulles, der 1943 bis 1945 von Bern aus die amerikanischen Geheimdienstaktionen in der Schweiz koordinierte (und 1953 Direktor der CIA wurde), Peter Burckhardt (fiktiv) und seine Vorgesetzten Hauptmann Waibel und Oberstbrigadier Masson vom Geheimdienst der Schweizer Armee, und die junge, mutige in Basel als Vizekonsulin ansässige Amerikanerin Nancy Reichman (fiktiv), die das Bindeglied zwischen Dulles und dem Schweizer Geheimdienst darstellt. Ihre Gegner sind der hohe SS-Offizier Walter Schellenberg, Himmlers rechte Hand, und Sturmbannführer Hans Wilhelm Eggen von der Waffen-SS, doch auch die Russen sind im Spiel. Der minutiös recherchierte (alle Informationsquellen sind im zehnseitigen Anhang aufgeführt!), zweifellos auch von Erdmans Ressentiments gegen die Schweiz geprägte Roman enthüllt die vielschichtigen Verflechtungen der "neutralen" Schweiz mit Nazi-Deutschland - um zu verhindern, dass ihr Land gewaltsam ins Dritte Reich eingegliedert wurde, bzw. zu Gunsten der eigenen Prosperität, liess ein grosser Teil der Schweizer Wirtschafts- und Finanzwelt der deutschen Kriegsmaschinerie jede erdenkliche Unterstützung zukommen.

Bibliografie:
'The Billion Dollar Sure Thing' (auch unter dem Titel 'Billion Dollar Killing') - 'Der Milliarden-Dollar-Schnitt' (1973), 'The Silver Bears' - 'Die Silberhaie' (1974), 'The Crash of '79' - 'Crash '81. Der Grosse Schock' (1979), 'The Last Days of America' - 'Die letzten Tage von Amerika' (1981),'‚The Panic of '89' - 'Panik '89' (1986), 'Palace' - 'Las-Vegas-Spiel. The Palace' (1987), 'Swiss Account' - 'Schweizer Konten' (1991), 'Zero Coupon' - 'Zero Bonds' (1993), 'The Set Up' (1997).

++ Erstellt: Februar 2012 ++  


Estleman, Loren D.

(*1952)

Loren D. Estleman, geboren in Ann Arbor, Michigan, wuchs in einem alten Farmhaus in Whitmore Lake bei Detroit auf. Als der Vater wegen einer Augenerkrankung gezwungen war, seinen Beruf als Lastwagenfahrer aufzugeben, nahm die Mutter einen Job bei der örtlichen Post an, und der erst achtjährige Loren und sein älterer Bruder mussten nun im Haushalt Hand anlegen. Mit fünfzehn Jahren schrieb Loren seine erste Geschichte, die jedoch - wie offenbar auch seine 160 nachfolgenden Texte - nicht veröffentlicht wurde.

Estleman studierte Anglistik und Journalismus an der Eastern Michigan University, Abschluss 1974, und arbeitete dann als Fotograf, Reporter und Redakteur für verschiedene kleinere Blätter in seinem Heimatstaat, unter anderem als Polizeireporter. Nebenbei verfasste er seinen ersten Roman ('The Oklahoma Park'), der 1976 veröffentlicht wurde. Inspiriert von Jack London, Edgar Allan Poe, Somerset Maugham, Ernest Hemingway, Edith Wharton, Raymond Chandler, aber auch von der Fernsehserie 'The Untouchables', machte er 1980 das Schreiben zu seinem Hauptberuf. Heute umfasst sein Werk über sechzig Romane - Krimis und Western -, Hunderte Kurzgeschichten und ein Sachbuch über klassische Westernromane. Estleman, ein ausgesprochen disziplinierter Schriftsteller, der seine Manuskripte ständig überarbeitet, lebt mit seiner zweiten Frau, der Krimiautorin Deborah Morgan, in Whitmore Lake, wenige Meter von dem Haus entfernt, in dem er seine Kindheit verbracht hat.

Mit seiner bedeutendsten und mit bisher 24 Romanen und knapp 30 Stories umfangreichsten Serie, derjenigen mit dem Privatdetektiv Amos Walker, stellt Estleman seine Stärken eindrucksvoll unter Beweis: Er erzählt komplexe, unprätentiöse Geschichten, besticht mit präzisen Schauplatz-Schilderungen, verfügt über einen genauen Blick für Figuren und Milieus und ist überdies ein feiner Stilist. Amos Walker, ein aufrichtiger, altmodischer, von einem recht pessimistischen Menschenbild geprägter - zu Beginn der Reihe 32-jähriger und dann leicht verzögert alternder - Eigenbrötler, der seinen Humor trotz allem nicht verloren hat, blickt bereits auf eine Laufbahn als Collegeboxer, Vietnamkämpfer, Militärpolizist und Soziologiestudent mit B.A.-Abschluss sowie auf eine kurze Ehe mit Catherine und eine abgebrochene Polizeiausbildung zurück, als er sich anschickt, im heruntergekommenen, von Gewalt, organisierter Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Rassenhass gezeichneten Detroit für ein wenig Ordnung zu sorgen, zuerst mit seinem Partner Dale Leopold, mit dem er die Detektei 'Apollo Investigations' betreibt, nach dessen gewaltsamem Tod als Einzelkämpfer. Er ist ein kräftiger Trinker und starker Raucher, liebt alte Filme, hat hin und wieder für kurze Zeit eine Freundin - und kennt jede Facette seiner Stadt, die in allen Romanen eine wichtige Rolle spielt. Walkers Lebenslauf kommt im Verlauf der Serie nur häppchenweise und lückenhaft zur Darstellung.

Estlemans zweite, in der dritten Person erzählte Reihe dreht sich um den bezahlten Killer Peter Macklin aus Detroit, einen eher durchschnittlichen, oft etwas unterschätzten Zeitgenossen ("The Nine-to-Five Killer"), der seinen Beruf - offiziell bezeichnet er sich als Berater für zwischenmenschliche Beziehungen - auf sachliche und unspektakuläre Weise erledigt. Er arbeitete einige Zeit für die Mafia, bis er beschloss, das Killen freiberuflich zu betreiben. Seine Frau Donna sucht im zweiten Roman nach siebzehn Jahren Ehe das Weite, weil sie es satt hat, mit dem Scheisskerl verheiratet zu sein; sein einziger Sohn Roger ist mit sechzehn drogenabhängig, schafft dann den Ausstieg - und ergreift denselben Beruf wie sein ungeliebter Vater. Nach dem dritten Band verstreichen sechzehn Jahre, bis der nunmehr 44-jährige (seit seinem ersten Auftritt jedoch nur um gut fünf Jahre gealterte) Macklin als Killer im Ruhestand mit seiner neuen Ehefrau, der über zwanzig Jahre jüngeren Laurie, zurückkehrt. Laurie weiss bisher nichts von seiner Vergangenheit, die ihn jedoch bald wieder einholt.

Die ursprünglich als Trilogie angelegte Detroit-Serie umfasst sieben historische Noir-Romane, die in verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der bis in die 50er-Jahre zu einer pulsierenden Metropole aufsteigenden, danach unaufhaltsam zerfallenden Autostadt Detroit (genannt "Motor City") angesiedelt sind: 'Whiskey River' spielt in der Prohibitionszeit (20er-Jahre), 'Motown' in den turbulenten 60ern, 'King of the Corner' im Jahr 1990, 'Edsel' in den 50ern, 'Stress' in den 70ern, 'Jitterburg' während des Zweiten Weltkriegs und der letzte, 1999 erschienene Band 'Thunder City' im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

Der schonungslose Detroit-Chronist Loren D. Estleman zählt in den Vereinigten Staaten zu den populärsten Krimiautoren der Gegenwart und wurde mit Literaturpreisen überhäuft, während er im deutschen Sprachraum seit 1992 nicht mehr verlegt worden ist.

Bibliografie (nur Kriminalromane):
Amos Walker-Serie: 'Motor City Blues' - 'Detroit-Blues' (1980), 'Angel Eyes' - 'Der Tod in Detroit' (1981), 'The Midnight Man' - 'Mitternacht in Detroit' (1982), 'The Glass Highway' - 'Die Strassen von Detroit' (1983), 'Sugartown' - 'Frühling in Detroit' (1984), 'Every Brilliant Eye' - 'Das Sterben in Detroit' (1985), 'Lady Yesterday' - 'Lady Detroit' (1987), 'Downriver' - 'Detroit River' (1988), 'Silent Thunder' - 'Donner über Detroit' (1989), 'Sweet Women Lie' (1990), 'Neverstreet' (1997), 'The Witchfinder' (1998), 'The Hours of the Virgin' (1999), 'A Smile on the Face of the Tiger' (2000), 'Sinister Heights' 2002), 'Poison Blonde' (2003, 'Retro' (2004), 'Nicotine Kiss' (2006), 'American Detective' (2007), 'The Left-handed Dollar' (2010), 'Burning Midnight' (2012), 'Don't Look For Me' (2014), 'You Know Who Killed Me' (2014);
Peter Macklin-Serie: 'Kill Zone' - 'Kill-Zone' (1984), 'Roses are Red' - 'Rosen für den Killer' (1985), 'Any Man's Death' - 'Killers Sohn' (1986), 'Something Borrowed, Something Black' (2002), 'Little Black Dress' (2005);
Detroit-Serie: 'Whiskey River' - 'Whiskey River' (1990), 'Motown' - 'Motown' (1991), 'King of the Corner' - 'Crack City' (1992), 'Edsel' (1995), 'Stress' (1996), 'Jitterbug' (1998), 'Thunder City' (1999);
Valentino-Romane: 'Frames' (2007), 'Alone' (2009), 'Alive!' (2013);
Einzelwerke: 'The Oklahoma Punk' (auch unter dem Titel 'Red Highway', 1976), 'Sherlock Holmes vs. Dracula' (1978), 'Dr Jekyll and Mr. Holmes' (1979), 'Peeper' - 'Ein harter Schnüffler' (1989), 'Gas City' (2008), 'The Confessions of Al Capone' (2013).

++ Erstellt: September 2010
++ Update: Juli 2012 ++
++ Update: November 2013 ++
++ Update: Dezember 2014 ++
 


Eterovic, Ramon Diaz

(*1956)

Ramon Diaz Eterovic, geboren an der Magellanstrasse in Punta Arenas, Chile, hat kroatische Wurzeln. Er studierte Politikwissenschaften in Santiago de Chile und schrieb danach Gedichte, Erzählungen, Romane, ein Buch über seine Geburtsstadt und Filmdrehbücher. Von 1980 bis 1995 war er Chefredakteur der Poesiezeitschrift 'La Gota Pura', von 1991 bis 1993 Vorsitzender des chilenischen Schriftstellerverbandes. Er lebt in der chilenischen Hauptstadt.

Im Jahr 1987 startete Eterovic die stimmungsvolle - im Original bis 2012 auf fünfzehn Bände angewachsene - Serie um Heredia, Vorname unbekannt, einen abgehalfterten, vereinsamten Taxifahrer, Geldbeschaffer und Privatdetektiv Mitte vierzig, der zumeist in der Altstadt der chilenischen Metropole Santiago unterwegs ist und Trost erhält durch den Wodka - und durch seine grosse Liebe zur Literatur, aus der er unentwegt zitiert.

In 'Engel und Einsame', dem ersten von zwei auf Deutsch erschienenen, einige Jahre nach der Pinochet-Diktatur spielenden Roman wird Heredias frühere Geliebte, die Journalistin Fernanda Arredondo, tot in einem Hotelzimmer aufgefunden: Mord oder Selbstmord? Tatkräftig unterstützt durch seinen alten Freund Kommissar Dagoberto Solis von der Kriminalpolizei, seine junge Freundin Griselda, seinen blinden Nachbarn Stevens, der über ausgezeichnete Kontakte zum Geheimdienst verfügt, den neugierigen und gesprächigen Kioskbesitzer Anselmo und natürlich durch seinen zugelaufenen Kater Simenon, mit dem er immer wieder Rücksprache hält, kommt Heredia einer grossen Sache auf die Spur - milliardenschwere Waffengeschäfte und illegale Produktion von chemischen Waffen, in die auch die CIA und korrupte Polizeibeamte verwickelt sind.

Bibliografie:
Heredia-Serie: 'La ciudad esta triste' (1987), 'Solo en la oscuridad' (1992), 'Nadie sabe mas que los muertos' (1993), 'Angeles y solitarios' - 'Engel und Einsame' (1995), 'Correr tras el viento' (1997), 'Nuanca enamores a un forastero' (1999), 'Los siete hijos de Simenon' - 'Kater und Katzenjammer' (2000), 'El ojo del alma' (2001), 'El hombre que pregunta' (2002), 'El color de la piel' (2003), 'A la sombra del dinero' (2005), 'El segundo deseo' (2006), 'La oscura memoria de las armas' (2008), 'La muerte juega a ganador' (2010), 'El leve aliento de la verdad' (2012).

++ Erstellt: Oktober 2014 ++  


Eversz, Robert

(*1955)

Geboren in Great Falls, Montana, als Sohn einer Krankenschwester und eines Geschäftsmanns, wuchs Robert Eversz in Reno, Bundesstaat Nevada, und den kalifornischen Städten San José und Newhall auf, verbrachte aber auch viel Zeit auf der grosselterlichen Ranch in der Nähe des Yellowstone National Park. Er studierte bis 1978 an der University of California in Santa Cruz und absolvierte danach vier Jahre das MFA-Programm in Film, Television und Digitalen Medien an der University of California in Los Angeles (UCLA). Die folgenden zehn Jahre verbrachte er als Filmemacher und Drehbuchautor in Hollywood. ^

Seit 1992 lebt Eversz vornehmlich in der tschechischen Hauptstadt Prag, doch auch der spanische Küstenort Sant Pol de Mar, die mexikanische Stadt Morelia und die italienische Badestation Silvi Marina gehör(t)en zeitweilig zu seinen Wohnsitzen, und in den letzten Jahren weilte er mit seiner vierköpfigen Familie oft in den USA. Er war einer der Gründer des Prague Summer Writer's Workshop an der Karls-Universität (heute: Prague Summer Program) und führt dort jedes Jahr einen Workshop für angehende Autoren englischer Zunge durch. Darüber hinaus hält er seit 2008 regelmässig Kurse im Rahmen der Writing Programs der UCLA ab.

Mitte der 90er-Jahre liess Eversz mit Mary Alice Baker eine faszinierende Figur auf den Leser los: Die junge, naive Frau aus der südkalifornischen Provinz, Tochter eines gewalttätigen Vaters, wird zur Zufallsterroristin, taucht in Los Angeles unter, nennt sich fortan Nina Zero - und entdeckt ihre dunkle Seite. Kompromisslos wehrt sie sich gegen FBI-Agenten, Gangster und anderes Gelichter, bis sie am Ende des ersten Romans 'Shooting Elvis' als "asoziale Killerin" ins Gefängnis gesteckt wird.

'Killing Paparazzo' beginnt am Tag, an dem Nina Zero nach fünf Jahren Haft auf freien Fuss kommt. Sie geht nach Las Vegas, um mit dem englischen Paparazzo Gabriel Burns eine Greencard-Ehe zu schliessen. Kurz danach wird Burns in Los Angeles ermordet aufgefunden, und Nina gehört zu den Hauptverdächtigen. Sie beginnt selbst zu ermitteln - und sich intensiv mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Rasante Handelsführung, wilde Actionszenen und eine glaubhaft dargestellte, sehr eigenständige, im Verlauf der Reihe allmählich zu sich selbst findende Protagonistin - eine harte, kaltschnäuzige, selbstbewusste Frau mit einer verletzlichen, melancholischen Seite und einem schrillen Outfit, die ab dem dritten Band als Paparazza unterwegs ist - machen Robert Eversz' fünf schwarzhumorige Nina Zero-Romane zu einer lohnenden Lektüre.

Bibliografie:
Nina Zero-Serie: 'Shooting Elvis' - 'Shooting Elvis' (1996), 'Killing Paparazzi' - 'Killing Paparazzi' (auch unter dem Titel 'Schnappschüsse', 2001), 'Burning Garbo' (2003), 'Digging James Dean' (2005), 'Zero to the Bone' (2006);
Gypsy Hearts' (1997).

++ Erstellt: Juli 2015 ++  


Ewo, Jon

(*1957 als Jon Tore Halvorsen; schreibt auch als Holger Selmas)

Jon Ewo (seit 2003 sein offizieller Name) wurde in Oslo geboren, wo er auch heute lebt. Nach Abschluss der Schule arbeitete er bis 1987 als Bibliothekar in Vestby, seither ist er als Berater, Redakteur, Autor und Verleger tätig. Darüber hinaus war er Sänger der Punkrockband 'Genickschuss', die jedoch nie ein Konzert gegeben hat. Nach zwei Erzählbänden, zwei Romanen und zahlreichen (zum Teil unter dem Pseudonym Holger Selmas publizierten) Kinder- und Jugendbüchern veröffentlichte er zwischen 1996 und 1998 die harte, in einer schnörkellosen Sprache erzählte Alex Hoel- oder Torpedo-Trilogie, deren ersten beiden Teile auch auf Deutsch vorliegen. Seither widmet sich der Vielschreiber (rund 100 Bücher seit 1986) fast ausschliesslich der Jugendliteratur.

Alex Hoel, Erpresser und schlagkräftiger Geldeintreiber (in Norwegen werden die Geldeintreiber der Gangsterbanden als Torpedo bezeichnet) für einen Bandenboss aus Ex-Jugoslawien, aber auch ein Mann, dem Loyalität über Alles geht, würde eigentlich am liebsten aussteigen und die schöne Irina, die Witwe seines alten Freundes Ulf, umgarnen und lieben (Irina erwartet im zweiten Band dann tatsächlich ein Kind von Alex), hat jedoch selber Schulden - und gerät in 'Torpedo' zwischen die Fronten zweier rivalisierender osteuropäischer Banden der organisierten Kriminalität, die in den 90ern auch in der Osloer Unterwelt Fuss gefasst haben. Am Schluss ist Axel um einen Haufen Knete reicher, dafür um einen Finger und ein Ohr ärmer.

In Ewos zweitem (auch als Hörspiel adaptiertem) Krimi 'Rache' führt Alex Hoel im Zentrum von Oslo die Bar Exil. Als vor dem Lokal auf einen seiner alten Kumpel geschossen wird, begibt er sich - ohne dies wirklich zu wollen - zurück ins halbseidene Milieu und wird in einen höchst gefährlichen Fall verwickelt, in dem sein rachsüchtiger Erzfeind Braza, aber auch Norwegens Bikerszene prominente Rollen spielen.

Bibliografie:
Torpedo-Trilogie: 'Torpedo' - 'Torpedo' (1996), 'Hevn. Torpedo II' - 'Rache' (1997), 'Gissel. Torpedo III' (1998).

++ Erstellt: Dezember 2014 ++  



 

Faist, Frieder

(1948-2008)

Frieder Faist, geboren und aufgewachsen in der bayerischen Stadt Augsburg, absolvierte eine Lehre als Industriekaufmann und Lochkartentabellierer und war nach dem Zivildienst als kaufmännischer Angestellter und Verwaltungsangestellter tätig. Um 1980 herum betrieb er eine Kneipe in Augsburg. Ab 1980 widmete er sich hauptberuflich dem Schreiben von Romanen und Hörspielen. 1981 gab er das Buch 'Reden kann ich nicht, wenn es mir schlecht geht' heraus, eine Sammlung von Gedichten und Geschichten ehemaliger Drogenabhängiger. Darüber hinaus schrieb er regelmässig Beiträge für das legendäre Haffmans-Magazin 'Der Rabe'. Faist starb 60-jährig in seiner Heimatstadt, in der er als überzeugter Regionalist fast sein ganzes Leben verbracht hatte.

Faists bekanntestes Prosawerk 'Schattenspiele. Ein Kriminalroman aus deutscher Provinz' ist ein origineller Krimi, aber auch eine schön gemachte Persiflage auf einen verfilzten Kulturbetrieb. Der Roman handelt von dem arbeitslosen, in einer namenlosen Kleinstadt lebenden Schriftsetzer und frisch gebackenen Amateurdetektiv Max Escher, der sich auf die Suche nach dem Autor des geheimnisvollen, in der Zeit der Wirtschaftswunderjahre spielenden und vor über zehn Jahren, 1968, im Eigenverlag publizierten Romans 'Schattenspiele' begibt. Unterstützt wird er durch den dichtenden Studenten Joschi Ost, der die avantgardistische Literaturzeitschift 'Sackgasse' herausgibt. In weiteren Rollen: Die mächtige Verlegerfamilie Poschinger, der schwülstige Heimatdichter und Poschinger-Biograf Joseph Balthasar Riedl, nach dem ein - ausschliesslich bedeutungslosen und reaktionär gesinnten Autoren vorbehaltener - Literaturpreis benannt ist, das Ehepaar Knapp (Joachim, der Anwalt, und Gisela, die talentfreie Kinderbuchautorin), ferner Answald Kiefer, Studienrat und ambitionierter Freizeitdichter, sowie seine Frau Annerose, Inhaberin von "Anneroses Art Atelier" - und der ganze lokale Klüngel. Als Max Escher nach beschwerlichen Recherchen das Buch 'Schattenspiele' endlich in der Hand hält, wird er zusammengeschlagen.

Wie auch in den drei nachfolgenden Krimis überzeugt Faist in seinem Erstling durch leichtfüssige Schreibweise, sprachliche Ausdruckskraft und ein feines Gespür für Figuren, Milieus und Dialoge.

Bibliografie:
'Schattenspiele' (1984), 'Ehrensache' (1993), 'Doppelt oder tot' (1995), 'Einer will's gewesen sein' (1997).

++ Erstellt: Mai 2011 ++  


Fajardie, Frédéric H.

(Pseudonym für Ronald Moreau, 1947-2008)

Frédéric H. Fajardie wurde als Sohn einer Arbeiterin und eines Buchhändlers geboren und wuchs mit seinen drei Schwestern in einem Pariser Arbeiterviertel auf. Mit fünfzehn musste er die Schule verlassen, um seinem aufgrund eines Unfalls behinderten Vater im Buchladen zu helfen. Später ging er dann doch noch an die Uni und studierte Geschichte, moderne Sprachen, Soziologie und Philosophie. 1968 war er in der extrem gewalttätigen maoistischen Gruppierung 'Gauche prolétarienne' organisiert. 1974 lernte er seine zukünftige Frau Francine kennen, die damals im Justizministerium arbeitete und ihn zum Schreiben animierte. Ein Jahr später verfasste er seinen ersten Roman 'Der maskierte Tod'.

Fajardies im deutschsprachigen Raum sträflich vernachlässigtes Prosawerk besteht aus 21 Krimis (darunter 6 mit Fajardies alter Ego, dem Pariser Kommissar Antonio Corrado Padovani), 16 anderen, zum Teil historischen Romanen, über 300 Erzählungen, 5 Jugendbüchern, mehreren Essays, Pamphleten und Aphorismen sowie über 80 Theaterstücken. Zentrales Thema des zeit- und sozialkritischen Autors war die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel der linksradikalen Bewegung - Erster Weltkrieg, spanischer Bürgerkrieg, Vichy-Regierung, Résistence und Befreiung, 68er-Bewegung und schliesslich die bleierne Mitterand-Zeit.

Als Anhänger von Karl Marx und des antifaschistischen Autors Georges Bernanos veröffentlichte Fajardie 1993 das wütende Sachbuch 'Chronique d'une liquidation politique', in dem er Arroganz, Geldgier und Machthunger der regierenden Sozialisten dermassen scharf attackierte, dass er (damals ein gefragter Drehbuchautor für Film und Fernsehen) Opfer eines Berufsverbots wurde und ihn die Presse während Jahren ignorierte. In seinen Erzählungen und seinen in der linken Tageszeitung 'L'humanité' publizierten Artikeln rechnete Fajardie mit seinen Gegnern ab. Am 1. Mai (!) 2008 erlag er an seinem langjährigen Wohnsitz im Quartier Latin einem Krebsleiden.

'Der maskierte Tod', der erste Band der Kommissar Padovani-Serie, ist eine furiose, bluttriefende Parabel auf Unmenschlichkeit und Chaos der modernen Gesellschaft. Er dreht sich um drei durchgedrehte, in verschiedenen Kostümen auftretende "Rächer der Erniedrigten", die mit Macheten, Ahlen und anderen Werkzeugen reihenweise Polizisten und Justizbeamte massakrieren. Kommissar Padovani, ein linksradikaler Flic italienischer Abstammung (sein Vater kämpfte gegen Franco und später gegen die Nazis), wird mit dem Fall betraut - und schlägt hart zurück, als die "Rächer" seinen besten Freund Inspektor Ben Ghozi erstechen.

Im autobiografisch gefärbten Roman 'Rote Frauen werden immer schöner' steht der 20-jährige Freddy (eigentlich heisst er, wie sein Erfinder, Frédéric) im Mittelpunkt, ein proletarischer Linker, der es im Gegensatz zu seinen feinsinnigen Kumpeln mit der Revolution ernst meint. Er erschiesst 1968 einen Flic aus Notwehr, muss seine Heimat verlassen und verbringt lange Jahre in verschiedenen Befreiungsbewegungen, bis er Ende der 80er-Jahre in Mitterands pseudo-sozialistisches Frankreich zurückkehrt - und sich auf die Suche nach seiner grossen Liebe macht, nach Francine, die er seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Bibliografie:
Kommissar Padovani-Serie: 'Tueurs de flic' - 'Der maskierte Tod' (1979), 'La théorie du 1%' (1979), 'Le souffle court' (1980), 'Polichinelle mouillé' (1982), 'Patte de velours' (1993), 'Full Speed' (2004);
'La nuit des chats bottés' (1979), 'Querelleur' (1979), 'Gentil, Faty !' (1979), 'Sniper' (1980), 'L'adieux aux anges' (1981), 'Bleu de méthylene' (1981), 'Au dessus de l'arc-en-ciel' (1982), 'Le faiseur de nuées' (1983), 'Clause de style (1983), 'Brouillard d'automne' (1984), 'Les enfants de lune' (1986), 'Jeunes femmes rouges toujours plus belles' - 'Rote Frauen werden immer schöner' (1988), 'Sous le regard des élégantes' (1996), 'Après la pluie' (1996), 'Reines dans la ville' (1997), 'Les hauts vents' (1998), 'Tu ressembles à ma mort' (2007).

++ Erstellt: Februar 2012 ++  


Farrell, Henry

(Pseudonym für Charles Farrell Myers, 1920-2006; schrieb auch als Charles Henry, Charles Henry Myers und Charles F. Myers)

Henry Farrell wurde in Madera County, Kalifornien, geboren und wuchs in den kalifornischen Kleinstädten Chowchilla und Coalinga auf. Im Zweiten Weltkrieg diente er bei der US Air Force, gegen Kriegsende schrieb er zum Zeitvertrieb seine ersten Texte. 1947 debütierte er als Schrifsteller. Der mit der 1981 verstorbenen Schauspielerin Molly Dodd verheiratete Autor verfasste Pulp-Stories, Film- und Fernsehdrehbücher (zunächst für die Serie 'Alfred Hitchcock Presents') und fünf Spannungsromane. Er starb 85-jährig in seinem Haus in Pacific Palisades, Kalifornien, und hinterliess eine Schwester, Wanda.

International bekannt wurde Farrell im Jahr 1960 mit seinem zweiten (von Robert Aldrich mit Bette Davis und Joan Crawford verfilmten) Roman 'Was geschah wirklich mit Baby Jane?', einem Drama um Eifersucht und Neid, Missgunst und Hass, in dem sich die früh verwaisten Schwestern Jane (vor vierzig Jahren als Kinderstar mit dem Künstlernamen Baby Jane gefeiert, später vom Publikum vergessen und im Alkoholrausch versunken) und Blanche Hudson (seit einem mysteriösen Autounfall, der ihre höchst erfolgreiche Filmkarriere vor 25 Jahren jäh beendete, an den Rollstuhl gefesselt) in ihrer riesigen, einsamen Villa das Leben zur Hölle machen. Doch die beiden sind aufeinander angewiesen, Jane, weil sie kein Geld hat, Blanche, weil sie nicht gehen kann. Als Blanche beschliesst, das Haus zu verkaufen, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Und ganz am Schluss kommt endlich die ganze grauenvolle Wahrheit über die Nacht, in der der verhängnisvolle Unfall geschah, ans Licht.

'Hush…Hush, Sweet Charlotte', der Nachfolgefilm von 'What happened to Baby Jane?', beruht auf Farrells unveröffenlichter Story 'What Happened to Cousin Charlotte', Regie führte wiederum Robert Aldrich, und Bette Davis spielte auch hier die Hauptrolle, doch Joan Crawford war nicht mehr dabei. Farrells letzter (nicht ins Deutsche übersetzter) Roman 'Such a Georgeous Kid like Me' wurde von Francois Truffaut unter dem Titel 'Une belle fille comme moi' verfilmt und kam 1972 in die Kinos.

Bibliografie:
'What Ever happened to Baby Jane?' - 'Was geschah wirklich mit Baby Jane?' (1960), 'Death on the Sixth Day' - 'Die Frau hinter der Maske' (1961), 'How Awful About Allan' - 'Scheusslich, die Sache mit Allan' (1963), 'Such a Georgeous Kid Like Me' (1967).
Als Henry Charles: 'The Hostage' (1959).

++ Erstellt: April 2012 ++  


Ferrario, Davide

(*1956)

Davide Ferrario, geboren in der lombardischen Kleinstadt Casalmaggiore, Provinz Cremona, studierte angloamerikanische Literatur an der Staatsuniversität Mailand, wandte sich dann aber dem Film zu, zuerst als Filmkritiker und Drehbuchautor, später als Regisseur, Produzent und Organisator von Festivals. 1994 veröffentlichte er seinen bislang einzigen Krimi 'Römisches Maskenspiel' - ein Juwel.

'Römisches Maskenspiel' spielt im Rom des Herbstes 1947. Die Hauptrollen bekleiden Orson Welles und der mit ihm befreundete Privatdetektiv Tommaso Moravia, eine fiktive Figur mit einer Vergangenheit als Widerstandskämpfer gegen Mussolini und als Polizist. Orson Welles, in argen Geldnöten steckend, will in Italien eigentlich nur als Hauptdarsteller in einem zweitklassigen Film mitwirken, für 'Othello' proben, den 'Dritten Mann' vorbereiten und die schöne Schauspielerin Lea Padovani umgarnen, als er in ein gigantisches politisches Komplott verwickelt wird, an dem sogar der legendäre Mafioso Lucky Luciano teilhat. In Italien stehen nämlich die ersten freien Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg bevor, und es droht ein Sieg der Kommunisten, was die Vereinigten Staaten und der Vatikan, aber auch die Mafia und die bereits wieder erstarkten Faschisten mit allen Mitteln verhindern wollen. In seiner sorgfältig recherchierten und kunstvoll gebauten Geschichte pendelt der Autor mit viel Geschick zwischen historischen Fakten (Orson Welles hielt sich nach dem Krieg tatsächlich in Rom auf) und fesselnder Fiktion.

Ferrario lebt in Turin und arbeitet vorwiegend als Filmregisseur und frei schaffender Filmproduzent, schliesst jedoch nicht aus, wieder einmal einen Kriminalroman zu schreiben.

Bibliografie:
'Disslovenza al nero' - 'Römisches Maskenspiel' (1994).

++ Erstellt: Oktober 2010 ++  


Fesperman, Dan

(*1955)

Dan Fesperman wuchs in Charlotte, North Carolina, auf. Er studierte Journalistik und Geschichte an der University of North Carolina in Chapel Hill und machte danach als Kriegskorrespondent unter anderem für den 'Miami Herald', die 'Baltimore Sun' und die 'Baltimore Evening Sun' von sich reden. 1991 berichtete er aus Jordanien, Saudi-Arabien und Kuweit über den ersten Golfkrieg, in den folgenden drei Jahren aus Berlin über den Balkankonflikt. 1994 ging er in die belagerte Stadt Sarajevo. Nach 9/11 hielt er sich in Pakistan und Afghanistan auf. Fesperman ist seit 1988 mit der Journalistin Liz Bowie verheiratet. Sie leben mit ihren beiden Kindern Emma und Will in Baltimore, Maryland.

Fespermans erster Krimi 'Lügen im Dunklen' ist 1999 erschienen. Er spielt 1994 in der eingeschlossenen und verwüsteten Stadt Sarajevo, die zwar noch von der bosnischen Regierung kontrolliert wird, doch serbische Heckenschützen sorgen für Angst und Schrecken bei der Bevölkerung, ein Menschenleben ist nichts mehr wert. Im Mittelpunkt steht Kommissar Vlado Petric von der Mordkommission, Frau und Tochter hat er illegal nach Berlin in Sicherheit gebracht. Als Esmir Vitas, der Chef der Geheimpolizei, ermordet wird, gerät Petric in einen Sumpf von Korruption, Kunstschmuggel und organisierter Kriminalität, und auch Blauhelme scheinen in den scheusslichen Fall verwickelt zu sein.

Fesperman hat seit 2003 sieben weitere (nicht ins Deutsche übertragene) Politthriller veröffentlicht, unter ihnen der zweite Vlado Petric-Roman 'Small Beat of Great Sorrows' und der in Deutschland spielende, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreichende Roman 'The Arms Maker of Berlin'.

Bibliografie:
Vlado Petric-Romane: 'Lie in the Dark' - 'Lügen im Dunklen' (1999), 'Small Beat of Great Sorrows' (2003);
'The Warlord's Son' (2004), 'The Prisoner of Guantanamo' (2007), 'The Amateur Spy' (2008), 'The Arms Maker of Berlin' (2009), 'Layover in Dubai' (2010), 'The Double Game' (2012).

++ Erstellt: November 2012 ++  


Fiedler, Roger M.

(Pseudonym für Roger Martin Skrzipczyk, *1961)

Roger Fiedler kam in Castrop-Rauxel, Nordrhein-Westfalen, auf die Welt. Nach seinem Physikstudium in München arbeitete er im Weinbau von Bordeaux, als S-Bahnschaffner, Programmierer, Sekretär im erzbischöflichen Jugendamt in München, Messebauer in Basel, in der Verpackungsindustrie und als Reiseleiter für Andalusien. Seit 1995 verfasst er Romane und Kurzgeschichten. Er lebt im Westerwald.

Igor "Gorja" Gorski, etwas schwachbrüstiger, ständig besoffener und/oder unglücklich verliebter Sohn russisch-italienischer Eltern - und Münchens wohl erfolglosester Privatdetektiv aller Zeiten - spielt die Hauptrolle in Fiedlers drei skurrilen Private-Eye-Parodien.

Der zweite Band 'Eisenschicht' beschert Gorski einen äusserst ungemütlichen Auftrag, als ein Kurde in einer Ingolstädter Chemiefabrik unter einem Staffel Schrott begraben wird: Er wird als verdeckter Ermittler in die multikulturelle Schwerarbeitertruppe eingeschleust. Arbeitsunfall? Mord? Gorskis Verstand leidet nicht nur unter der ungewohnt harten Arbeit, sondern noch viel mehr unter der Präsenz von Kommissarin Binzgerbers schöner Tochter Nomi.

In 'Dreamin' Elefantz' hat der von Liebeskummer gepeinigte Igor Gorski mit seinem Leben eigentlich schon abgeschlossen. Doch dann verschwindet die junge Graffiti-Künstlerin Anna (Tochter einer der reichsten Frauen Münchens), und der schwermütige Schnüffler folgt ihren gesprayten Lebenszeichen in den Münchner Untergrund.

'Enzi@n. Ein Kriminalroman in 54 e-mails', zusammen mit Jörg Juretzka in Form eines Austauschs von E-Mails verfasst, sieht Igor Gorski sowie Juretzkas Privatdetektiv Kristof Kryszinski im Brennpunkt der turbulenten, zum Teil in Italien spielenden Geschichte.

In seinem kunstvoll gebauten, hochkomischen Einzelwerk 'Pilzekrieg' schildert Fiedler die wilden Abenteuer des 180 Kilo wiegenden Bremer BWL-Absolventen Sebastian Knooth, der in den Wienerwald reist, um sich in der örtlichen Klinik den Magen verkleinern zu lassen. Aus Angst vor der Operation, ausgerüstet mit einem Laptop und einer Kiste Bier, kampiert der grüblerische junge Mann im Forst, statt ins Krankenhaus zu gehen - und wird alsbald mit getöteten Wildschweinen, einem uralten schweigsamen Mann, der seit vielen Jahren Wegkreuze neu streicht, den Überresten eines gekochten Menschen und der furchtbaren Familiengeschichte des ehemaligen Postboten und leidenschaftlichen Pilzesammlers Backes konfrontiert.

Bibliografie:
Gorski-Trilogie: 'Sushi, Ski und Schwarze Sheriffs' (1997), 'Eisenschicht' (1998), 'Dreamin' Elefantz' (2000);
'Pilzekrieg' (2003), 'Chill Bill' (nur als ebook, 2013), 'Extratrocken, schranktot' (nur als eBook, 2014).
Gemeinsam mit Jörg Juretzka: 'Enzi@n', 2001)

++ Erstellt: März 2016 ++  


Fischer, Bruno

(1908-1992; schrieb auch als Russell Gray, Harrison Storm, Jason K. Storm und Adam Train)

Geboren in Berlin als Sohn eines Kaufmanns, übersiedelte Bruno Fischer 1913 mit seinen Eltern in die USA und wuchs im New Yorker Stadtbezirk Queens auf. Er studierte an der Rand School of Social Sciences in New York mit einem Abschluss 1929. 1934 heiratete er die Sekretärin Ruth Miller und hatte mit ihr einen Sohn und eine Tochter. Anfang der 40er-Jahre lebte er mit seiner Familie in einer Küstenstadt Foridas, später liess er sich in Croton-on-Hudson nieder, einem Vorort New Yorks, in dem sich damals vor allem Kommunisten und Künstler aufhielten. Seine letzten Jahre verbrachte der erblindete Autor im Camp Three Arrows, einer sozialistischen Kooperative in Putnam County, New York State. Im Alter von 83 Jahren starb er während seiner Ferien im mexikanischen Städtchen San Miguel de Allende.

Von 1929 bis 1931 arbeitete Fischer als Sportreporter der 'Long Island Daily Press', danach als Polizeireporter und für die sozialistische Zeitung 'Labor Voice', bevor er von 1934 bis 1936 das Wochenblatt der sozialistischen Partei ('Socialist Call') herausgab. 1936 begann er Prosa zu schreiben, zunächst, unter den Pseudonymen Russell Gray und Harrison Storm, überwiegend Horror- und Detektivgeschichten für Gafässe wie 'Black Mask' und 'Manhunt', ab 1939 auch Romane, die hohe Auflagen erzielten. Anfang der 60er-Jahre wurde er Chefredakteur bei 'Collier'.

1945 veröffentlichte Fischer den ersten von fünf Krimis um den New Yorker Privatdetektiv Ben Helm, einen der raren amerikanischen Ermittler, die glücklich verheiratet sind - seine Gattin ist die Broadway-Schauspielerin Greta Murdock. Ben Helm, ein intelligenter und friedfertiger, seine Pistole nur im äussersten Notfall zückender Ex-Polizist, setzt sich neben seinem Schnüffler-Job auch als Dozent auf dem Gebiet der Kriminologie und als Autor in Szene.

Weitere wiederkehrende Figuren sind der Privatdetektiv Rick Train (zwei Romane), der scharfsinnige, nach einer Kinderlähmung arg handicapierte Ermittler Ben Bryn (einige Kurzgeschichten) und der "Crab Detective" Calvin Kane, ein gehunfähiger Schnüffler mit deformiertem Körper, aber extrem kräftigen Armen (mehrere Kurzgeschichten).

In Fischers zweitem, in der amerikanischen Provinz angesiedeltem Ben Helm-Roman 'Das sechste Alibi' wechseln sich die sieben Hauptakteure von Kapitel zu Kapitel ab. Im Rampenlicht steht die junge, flatterhafte Schönheit Beverly - wer sich in sie verliebt, spielt mit seinem Leben. Sie ist das einzige Kind des hoffnungslos zerstrittenen Ehepaars George und Kathryn Atwood, das seine liebe Mühe mit Beverlys Flausen hat. Frank Townsend, ein impulsiver Gelegenheitsarbeiter mit harten Fäusten, im Grunde aber ein anständiger Bursche, begehrt Beverley heiss, mit dem erfolgreichen Immobilienhändler David Reese steht ihm jedoch harte Konkurrenz gegenüber. Rachel Townsend schliesslich, Franks Schwester und Davids Sekretärin, sehnt sich nach einer Liebesbeziehung mit ihrem Chef. Als zwei Männer aus Beverlys Umfeld gewaltsam ums Leben kommen, wird Ben Helm von den örtlichen Behörden als Ermittler beigezogen. Er überlebt einen Anschlag auf sein Leben nur um ein Haar, löst den Fall dann aber selbstverständlich mit Bravour.

Fischers harte Einzelwerke spielen oft im Milieu der organisierten Kriminalität. 'Witwe zum halben Preis' handelt von dem skrupellosen, mit der aufreizenden Maryann verheirateten Politiker und Geschäftsmann Frankie Millard, der zusammen mit der hinter ihm stehenden Organisation die fiktive Stadt Dalefort beherrscht. Seine rechte Hand ist der Yale-Absolvent Curt Stone, für die schmutzige Arbeit ist der Muskelmann Hank zuständig. Zu Beginn der Geschichte fischt man Frankies politischen Gegenspieler Paul Lakeland, den unbestechlichen Bürgermeister der Stadt, tot aus einem Stausee. Als wenig später Joel Oliver, der als sonderbevollmächtigter Richter Lakelands Tod untersuchen soll, in seinem Wagen erstochen wird, gerät Frankie unter Mordverdacht. Curts Dienste sind nun gefragt: Er soll die Tat Olivers Frau Elizabeth in die Schuhe schieben - doch dann verliebt er sich in sie.

Fischers bekanntestes Werk ist der 1974 nach einer über zehn Jahre dauernden Schreibblockade herausgegebene Standalone 'The Evil Day', die Geschichte des stets in Geldnöten steckenden New Yorker Ehepaars Caleb und Sally Dawson, dessen Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird, als Sally zufällig in den Besitz von Juwelen im Wert von 250'000 Dollar gelangt - und ihre Beute partout nicht zurückgeben will.

Bibliografie:
Rich Train-Romane: 'The Hornet's Nest' (1944), 'Kill to Fit' (1946);
Ben Helm-Serie: 'The Dead Men Grin' (1945), 'More Deaths Than One' - 'Das sechste Alibi' (1947), 'The Restless Hands' (1949), 'The Silent Dust' (1950), 'The Paper Circle (auch unter dem Titel 'Stripped for Murder') - 'Striptease für einen Killer' (1951);
'So Much Blood' (auch unter dem Titel 'Stairway to Death') - 'Treppe des Unheils' (1939), 'Quoth the Raven' (auch unter den Titeln 'Croaked the Raven' und 'The Fingered Man', 1944), 'The Pigskin Bag' (1946), 'The Spider Lily' - 'Spiel um das Leben' (1946), 'The Bleeding Scissors' (auch unter dem Titel 'The Scarlet Scissors', 1948), 'The Angels Fell' (auch unter dem Titel 'The Flesh Was Cold', 1950), 'House of Flesh' (1950), 'The Lady Kills' - 'Töte mit Liebe' (1951), 'The Fast Buck' - 'Blutgeld' (auch unter dem Titel 'Automarder', 1952), 'Fools Walk In' - 'Das Mädchen in Grün' (auch unter dem Titel 'Auf des Messers Schneide', 1952), 'Run for Your Live' (1953), 'So Wicked My Love' - 'Achterbahn zum Himmel' (1954), 'Knee-Deep in Death' - 'Einer wusste zuviel' (1956), 'Murder in the Raw' - 'Eine Lady tut das nicht!' (1957), 'Second-Hand Nude' - 'Blondine aus zweiter Hand' (1959), 'The Girl Between' - 'Witwe zum halben Preis' (1960), 'The Evil Days' (1974).
Als Russell Gray: 'The Lustful Ape' - 'Eiskalt unter der Haut' (1950).

++ Erstellt: Mai 2012 ++  


Fish, Robert

(1912-1981; schrieb auch als Robert L. Pike, A. C. Lamprey und Lawrence Roberts)

Robert L. Fish wurde in Cleveland, Ohio, als jüngstes von drei Kindern einer jüdischen Familie geboren und wuchs auch dort auf. Nach Abschluss seines Maschinenbaustudiums an der dortigen Case University (heute: Case-Western Reserve) arbeitete er als Bauingenieur in verschiedenen Städten der USA, danach von 1953 bis 1962 in Brasilien. Parallel dazu begann er 1960 mit dem Verfassen von Kurzgeschichten, die in Ellery Queen's Crime Magazine abgedruckt wurden. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten widmete er sich ganz dem Schreiben. Sein Werk enthält über vierzig Krimis, ungezählte (zum Teil in Brasilien angesiedelte) Kurzgeschichten sowie eine Biografie des Fussballers Pele. Robert Fish, der seit 1935 mit Mamie Kates verheiratet war und zwei Töchter hatte, starb 68-jährig in seinem Haus in Trumbull, Connecticut.

In 'Polizeirevier 52, New York', Fishs bekanntestem, mit dem Pseudonym Robert L. Pike (Pike ist der Name eines Fischs, des Hechts!) gezeichnetem Roman, steht der New Yorker Cop Lieutenant Clancy im Mittelpunkt. Clancy, ein knorriger Einzelgänger, den nichts aus der Ruhe bringt, erhält den Job, für die Sicherheit des berüchtigten, unberechenbaren Gangsters Johnny Rossi zu sorgen, der als Kronzeuge gegen ein Verbrecher-Syndikat auftreten sollte - eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die Clancys Geduld auf eine harte Probe stellt. Der rasante und schnörkellose Krimi ist unter dem Titel 'Bullit' (mit Steve McQueen als Clancy) in die Kinos gekommen.

Aus Fishs vergnüglicher Reihe um den Profi-Schmuggler Kek Huuygens ist einzig 'Die 10-Dollar-Wette' ins Deutsche übersetzt worden. Fishs weitere Serienhelden sind Captain José da Silva, Detektiv der Polizei von Rio de Janeiro, den es bei seinen Ermittlungen bis in den Amazonas-Dschungel verschlägt, Schlock Homes, eine Parodie auf Sherlock Holmes (drei Bände mit Kurzgeschichten), die Krimiautoren Carruthers, Simpson & Briggs sowie Lieutenant James Reardon aus San Francisco. Fish hat überdies Jack Londons Krimi 'Das Mordbüro' nach dessen Notizen vollendet und 1963 herausgegeben.

Bibliografie:
Als Robert Fish:
Captain José da Silva-Serie: 'The Fugitive' (1962), 'Isle of Snakes' - 'Die Insel der Schlangen' (1963), 'The Shrunken Head' - 'Ein Kopf für den Minister' (1963), 'The Diamond Bubble' - 'Die Spinne auf der Hand' (1965), 'Brazilian Sleigh Ride' - 'Zwischenlandung in Recife' (1965), 'Always Kill a Stranger' - 'In Rio droht Gefahr' (1967), 'Die Nackte an der Copacabana' (1968), 'The Xavier Affair' - 'Die Xavier-Affäre' (1969), 'The Green Hell Treasure' - 'Die Insel der grünen Hölle' (1971), 'Trouble in Paradise' (1975);
Kek Huuygens-Serie: 'The Hochmann Miniatures' (1967), 'Whirgling' (1970), 'The Tricks of the Trade' (1972), 'The Wager' - 'Die 10-Dollar-Wette' (1974);
Carruthers, Simpson & Briggs-Serie: 'The Murder League' - 'Die Mörder-Liga' (1968), 'Rub-a-Dub-Dub' (auch unter dem Titel 'Death Cuts the Deck') - 'Alle meine Mörderlein' (1971);
Einzelwerke: 'Trials of O'Brien' - 'Ein Freund hängt für den anderen' (auch unter dem Titel 'Komm mein Freund und häng für mich', 1965), 'A Handy Death' (1973), 'Pursuit' (1978), 'The Gold of Troy' (1980), 'Rough Diamond' (1981).
Als Robert Pike:
Lieutenant Clancy-Serie: 'Mute Witness' (auch unter dem Titel 'Bullit') - 'Polizeirevier 52, New York' (1963), 'The Quarry' - 'Die Rache des anderen' (1964), 'Police Blotter' - 'Schüsse, die ins Schwarze trafen' (1965);
Lieutenant James Reardon-Serie: 'Reardon' - 'Ein unbekannter toter Mann' (1970), 'The Gremlin's Grampa' - 'Polizeischutz für den Gangsterboss' (1972), 'Bank Job' - 'Der dunkle Ehrenmann' (1974), 'Deadline 2 A.M. - 'Übergabe 2 Uhr nachts' (1976).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Flora, Fletcher

(1914-1969)

Geboren in Parsons, Kansas, besuchte Fletcher Flora das Kansas State College und die University of Kansas in Lawrence. 1940 heiratete er Betty Ogden, zog mit ihr nach St. Louis, Missouri, und war dort als Lehrer tätig. 1943 wurde er zur Armee eingezogen. Er kämpfte als Infanterist im Fernen Osten, bis eine schwere Verwundung seinem Dienst ein Ende setzte. Nach dem Krieg arbeitete er achtzehn Jahre als Erziehungsberater in Fort Leavenworth in Kansas. Ende der 40er-Jahre schrieb er nebenberuflich seine ersten Stories, die er in verschiedenen Detektivmagazinen unterbringen konnte. Ab 1954 begab er sich auch auf die lange Strecke und veröffentlichte bis zu seinem Tod sechzehn Krimis unter eigenem Namen und drei als Ellery Queen. Kurz vor seinem 65. Geburtstag erlag er in Leavenworth einer Herzattacke. Er hinterliess seine Frau Betty, zwei Söhne, Harrison und Timothy, und eine Tochter, Susan.

Fletcher Flora war ein vielseitiger, stilistisch versierter Autor mit einem feinen Gespür für Charaktere und Stimmungen. Sein Romanwerk enthält Police Procedurals, Hardboiled Novels, Noir-Romane und Whodunits - ausschliesslich Einzelwerke.

Zu Floras grössten Würfen zählt 'Zur Liebe verdammt', die düstere Geschichte der Millionärsgattin Annabel Farnese aus Manhattan, einer seit dem frühen Tod ihres heiss geliebten Vaters zerrissenen Frau, die mit ihrem pedantischen, rach- und kontrollsüchtigen, ja psychopathischen Mann Oliver seit vier Jahren eine deprimierende Ehe führt. Sie lebt in einer Scheinwelt, trinkt zu viel, leidet unter Gedächtnislücken und landet immer wieder mit irgendwelchen Männern im Bett, die sie am nächsten Morgen zu tiefst verabscheut. Als sie sich in den herzkranken, in einer schäbigen Kneipe klimpernden Pianisten Joe Doyle verliebt, ist das Unheil nicht mehr abzuwenden. In eindrucksvollen Nebenrollen: Der lebenskluge Barkeeper Yancy, der verzweifelt versucht, seinen Kumpel Joe von einer Affäre mit Annabel abzuhalten; und der fette, schmierige Privatdetektiv Sweeny, der in Olivers Auftrag Annabels nächtliche Ausflüge protokolliert - und die schöne Frau ins Zentrum seiner erotischen Tagträume stellt.

Willie Hogan, Hauptperson in 'Der Schuss kam zu schnell', eine unglücklich verheiratete, etwas einfältige, aus lauter Langeweile ständig trockene Martinis pichelnde femme fatale aus der amerikanischen Provinz, erschiesst im Affekt ihren unansehnlichen, aber äusserst geschäftstüchtigen Mann Howard, als dieser hinter ihre Affäre mit dem smarten Bankkassierer Quincy Hogan (Howards Vetter!) kommt. Nicht ganz uneigennützig erklärt Quincy sich bereit, die Leiche zu verscharren und alle Spuren zu verwischen. Doch dann taucht eine junge Unbekannte auf, die offenbar seit längerer Zeit die Geliebte des Getöteten war, und setzt das Pärchen mächtig unter Druck.

Bibliografie:
'Strange Sisters' (1954), 'Desperate Asylum' (auch unter dem Titel 'Whisper of Love', 1955), 'The Hot Shot' (1956), 'The Brass Bed' (1956), 'Let Me Kill You, Sweetheart' (1958), 'Leave Her to Hell!' - 'Flucht ins Vergessen' (1958), 'Whispers of the Flesh' - 'Die lockende Glut' (auch unter dem Titel 'Sie hatte keine Freunde', 1958), 'Park Avenue Tramp' - 'Zur Liebe verdammt' (1959), 'Take Me Home' (1959), 'Wake Up With a Stranger' (1959), 'Killing Cousins' - 'Der Schuss kam zu schnell' (1960), 'Most Likely to Love' (1960), 'The Seducer' (1961), 'The Irrepressible Peccadillo' (1962), 'Skuldoggery' (1967), 'Hildegarde Withers Makes the Scene' (gemeinsam mit Stuart Palmer, 1969).
Als Ellery Queen: 'The Golden Goose' (auch unter dem Titel 'Who Killed the Golden Goose?', 1964), 'Blow Hot, Blow Cold' (1964), 'The Devil's Cook' (1966).

++ Erstellt: März 2012 ++  


Fonseca, Rubem

(*1925)

Rubem Fonseca wurde als Sohn portugiesischer Einwanderer in Juiz de Fora, einer im Südosten Brasiliens gelegenen Stadt, geboren und wuchs ab 1932 in Rio de Janeiro auf. Er studierte Jura und Verwaltungsrecht in Rio, Boston und New York City, unterrichtete eine Weile in den Vereinigten Staaten und liess sich dann in Rio nieder, wo er als hoher Verwaltungsbeamter in verschiedenen Institutionen arbeitete, zuletzt als Direktor der Elektrizitätswerke. Später war er Filmkritiker, Drehbuchautor und Leiter der Abteilung Kultur der Erziehungsdirektion in Rio.

1963 entschied sich Fonseca für ein Leben als Autor. Sein Oeuvre enthält neben zahlreichen Erzähungen und Geschichtensammlungen auch sechs Kriminalromane, die ihn zu einem der bedeutendsten Autoren Lateinamerikas machten. Er war mit der Übersetzerin Théa Maud verheiratet, die 1996 starb, hat eine Tochter, Maria Beatriz, und zwei Söhne, José Alberto und José Henrique (ein bekannter Regisseur), und lebt zurückgezogen in Rio.

Die bittersüsse Liebes- und Spannungsgeschichte 'Bufo & Spallanzani' (Bufo steht für den Ochsenfrosch, Spallanzani war ein berühmter italienischer Philosoph und Amphibienforscher) dreht sich um den Ich-Erzähler Ivan Canabrava, der in jungen Jahren als kleiner Beamter in eine mysteriöse Lebensversicherungsgeschichte um einen scheintoten Betrüger verwickelt war, in deren Zuge ein Friedhofswärter starb, und der daraufhin (unter dem auf den französischen Dichter Gustave Flaubert anspielenden Pseudonym Gustavo Flavio) ein neues Leben als Erfolgsautor und Liebhaber leckerer Speisen und schöner Frauen begann. Zurzeit quält sich der lüsterne Flavio mit einem Roman über Spallanzani und liebt die verheiratete Delfina Delamare. Kurz nachdem Delfina einen Krebsspezialisten aufsucht, wird sie mit einer Kugel im Herzen ermordet in ihrem Auto aufgefunden. Flavio flüchtet in ein Luxushotel, das tief im brasilianischen Dschungel gelegen ist, Delfinas Ehemann jagt rachsüchtig hinter ihm her - und dann kommt wieder eine Person gewaltsam ums Leben.

Fonsecas zweiter Roman 'Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken' spielt Ende der 80er-Jahre in Rio und Berlin. Der namenlose Ich-Erzähler, ein brasilianischer Filmemacher mittleren Alters, der sich auf die Verfilmung von Isaac Babels Geschichtensammlung 'Die Reiterarmee' vorbereitet, wird unfreiwillig in eine Diamantenschmuggelaffäre verwickelt, gerät in Gefahr und flieht nach West-Berlin zu seinem Filmproduzenten Plessner. Besessen von Babels Leben und Werk begibt er sich in Plessners Auftrag auf die gefährliche Mission, ein angeblich verschollenes Babel-Manuskript aus Ost-Berlin in den Westen zu schmuggeln. Dies gelingt, doch der Filmemacher, der nicht im Traum daran denkt, das begehrte Manuskript aus den Händen zu geben, kehrt nach Rio zurück, um es von seinem alten, kranken Freund, dem Babel-Spezialisten Gurian, auf seine Echtheit prüfen zu lassen. Fonseca inszeniert um seine fein skizzierte Hauptfigur eine wunderbare, mit cinéastischen, literarischen und zeitpolitischen Anspielungen reich garnierte Geschichte.

'Mord im August', ein weitgehend auf historischen Fakten beruhender Politroman, ist im Rio de Janeiro des Augusts 1954 angesiedelt. Die Regierung des betagten, gebrechlich gewordenen, aber noch immer mit allen Wassern gewaschenen und durch eine Vielzahl von Intrigen gestählten Präsidenten Getulio Vargas wackelt. Vargas' Gegner schmieden Komplotte, Attentate und Morde sind an der Tagesordnung. Und mittendrin, wie ein Fels in der Brandung, steht Kommissar Alberto Mattos, ein melancholischer und unbestechlicher Polizist und ehemaliger Anwalt mit einem Flair für Opern und schöne Frauen, der andauernd Milch in seinen Schlund giesst und Eier schlürft, um sein berufsbedingtes Magenleiden im Zaum zu halten.

Bibliografie:
'O caso Morel' (1973), 'A grande arte' (1983), 'Bufo & Spallanzani' - 'Bufo & Spallanzani' (1986), 'Vastas emocoes e pensamentos imperfeitos' - 'Grenzenlose Gefühle, unvollständige Gedanken' (1989), 'Agosto' - 'Mord im August' (1990), 'O Seminarista' (2009).

++ Erstellt: April 2011 ++
++ Update: April 2012 ++
 


Fonteneau, Pascale

(*1963; schreibt auch als Marie Trajan)

Geboren in der bretonischen Ortschaft Ille-et-Vilaine als Tochter einer deutschen Mutter und eines französischen Vaters, wuchs Pascale Fonteneau dort und ab 1973 in Brüssel auf. Sie studierte Journalistik und Kommunikation an der Université libre de Bruxelles, organisierte Film- und Krimi-Festivals und andere Kulturveranstaltungen, arbeitete als Radiokritikerin und veröffentlichte ihre ersten Texte in Magazinen wie '813' und 'Polar' und in Tageszeitungen. 1992 erschien ihr erster Krimi 'Confidences sur l'escalier'.

Im deutschsprachigen Raum debütierte Fonteneau 1995 mit ihrem dritten Krimi 'Die verlorenen Söhne der Sylvie Derijke', einer charmant-verspielten, tempostarken Geschichte um eine Ich-Erzählerin namens Sylvie Derijke, vor deren Haustür eines Tages Francois, 14, und Sébastien, 12, die beiden als entführt gemeldeten Enkel des einflussreichen Industriellen Walin-Delcreuze stehen. Die altklugen Jungs nisten sich bei Sylvie ein, und niemand scheint sie zu vermissen. Bei ihren Recherchen stösst die sympathische Protagonistin schon bald auf einigen Dreck am Stecken des Unternehmerclans - und schliesslich auf die richtige Mutter der beiden Quälgeister.

Ein Jahr danach folgte 'Pulp und die Waffen der Frauen' aus der von Jean-Bernard Pouy kreierten Serie 'Le Poulpe' (nom de guerre des linksradikalen Pariser Pazifisten und Detektivs Gabriel Lecouvreur, auf Deutsch 'Pulp'), ein turbulenter, pfiffiger, mit leichter Feder geschriebener Roman, in dem sich Pulps zeitweilige Liebesgefährtin Cheryl, eine schöne Coiffeuse mit eigenem Salon in Paris, in Brüssel auf Verbrecherjagd begibt, nachdem dort während eines Friseurkongresses einer ihrer Berufskollegen gewaltsam ums Leben gekommen ist.

Pascale Fonteneau lebt als freie Autorin (bisher zwölf Krimis, zahlreiche Novellen und Hörspiele) mit ihren drei Kindern in Brüssel. Halbtags arbeitet sie in der literarischen Vereinigung 'Passa Porta' und erstellt dort unter anderem Programme für Schreibwerkstätten.

Bibliografie:
'Confidences sur l'escalier' (1992), 'Etats de lame' (1993), 'Les fils perdus de Sylvie Derjike' - 'Die verlorenen Söhne der Sylvie Derijke' (1995), 'Cheryl - Les Damnés de l'artère' - 'Pulp und die Waffen der Frauen' (1996), 'La puissance du désordre' (1997), 'Otto' (1997), 'Maelbeek' (1998), 'Curieux sentiments' (1999), 'La vanité des pions' (2000), 'Crois-moi' (2005), 'Jour de gloire' (2006), '1275 ares' (2007), 'Propriétés privées' (2010), 'Hasbeen' (2010).

++ Erstellt: Dezember 2013 ++  


Forester, C.S.

(Pseudonym für Cecil Lewis Troughton Smith, 1899-1966)

Cecil Scott Forester wurde als jüngstes von fünf Kindern eines im Dienst des ägyptischen Bildungsministeriums stehenden Englischlehrers in Kairo geboren. Um ihren Kindern eine möglichst gute schulische Ausbildung angedeihen zu lassen, übersiedelte die Mutter im Jahr 1901 nach Camberwell, London, während der Vater berufeshalber in Ägypten blieb und seine Familie fortan nur noch selten sah. Cecil besuchte das Londoner Dulwich College und begann danach ein Medizinstudium an der Guy's Hospital Medical School, das er jedoch zu Gunsten des Journalismus und der Schriftstellerei nach wenigen Semestern abbrach. Ende der 20er-Jahre heiratete er seine langjährige Freundin Kathleen Belcher, eine Turnlehrerin, und hatte mit ihr zwei Söhne - John und George.

In den 30er-Jahren berichtete Forester als 'Times'-Korrespondent über den Spanischen Bürgerkrieg und die Besetzung der Tschechoslowakei durch Nazi-Deutschland. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs liess er sich in den Vereinigten Staaten nieder und schrieb Texte für das britische Propagandabüro. Nach dem Krieg blieb er in den USA, im kalifornischen Berkeley, wo er 1947 seine zweite Frau Dorothy Foster heiratete. 1964 erlitt er einen schweren Hirnschlag, zwei Jahre später starb er 66-jährig in seiner Wahlheimat.

Foresters Werk enthält Biografien, die Autobiografie 'Long Before Forty', Reiseberichte, Kinderbücher, zwei Theaterstücke, Drehbücher für Hollywoodfilme, Kriegs- und Abenteuerromane (darunter der unvergessliche, in der Zeit der Napoleonkriege spielende Zwölfteiler um den schüchternen, seekranken Admiral Horatio Hornblower sowie der 1935er Weltbestseller 'The African Queen'), daneben aber auch drei Kriminalromane.

'Zahlungsaufschub', angesiedelt in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, handelt von dem bisher recht unscheinbaren, mit der naiven, vielleicht etwas verschwenderischen Annie verheirateten Londoner Bankangestellten und zweifachen Vater William Marble, der aus finanzieller Not seinen steinreichen, verwaisten, aus dem Nichts aufgetauchten Neffen umbringt, die Leiche im Garten vergräbt - und damit den Zerfall seiner Familie in Gang setzt. Der meisterhaft gestaltete Roman, in dem weder Polizei noch Detektive auftreten, wurde 1931 für das Theater adaptiert und 1932 mit Charles Laughton in der Hauptrolle verfilmt.

In seinem zweiten Thriller 'Ein glatter Mord' entwirft Forester das Psychogramm eines bis anhin unauffällig in einem seelenlosen Londoner Vorort lebenden Familienvaters namens Charlie Morris, der, als seine Stelle bei einer kleinen Werbeagentur in Gefahr gerät, sein Talent zum Morden entdeckt und jeden aus dem Weg räumt, der es wagt, seine Pläne zu durchkreuzen. Der Roman kam 2014 in neuer Übersetzung unter dem (etwas reisserischen) Titel 'Gnadenlose Gier' wieder auf den Markt - erfährt Foresters Kriminalwerk bei uns jetzt doch noch seine hoch verdiente Anerkennung?

Foresters dritter, 1935 entstandener und längst verloren geglaubter Krimi 'The Pursued' ('Tödliche Ohnmacht') tauchte fast siebzig Jahre später wieder auf, wurde von Mitgliedern der Forester-Society ersteigert und schliesslich im Jahr 2011 erstmals aufgelegt. Die rabenschwarze Geschichte kreist um das Schicksal einer der unteren Londoner Mittelschicht entstammenden, in einer trüben, mit Klatsch durchseuchten Vorortssiedlung lebenden Kleinfamilie - Marjorie, eine attraktive, feingliedrige Frau, zuverlässige Hausfrau und Mutter von zwei kleinen Kindern, die Tag für Tag die gewalttätigen Handlungen ihres lüsternen, selbstsüchtigen, zum Jähzorn neigenden Mannes Ted über sich ergehen lässt, ihre lebenslustige Schwester Dot und ihre adrette, energische, sich alsbald als ungemein kaltblütige Frau erweisende Mutter Mrs. Clair -, deren Leben aus den Fugen gerät, als Dot von Ted geschwängert wird. Einen Selbstmord vortäuschend, bringt Ted seine Geliebte allem Anschein nach um die Ecke, Marjorie weiss nicht mehr ein noch aus, doch dann nimmt Mrs. Clair die Sache in die Hand - und schmiedet einen verhängnisvollen Plan.
'Tödliche Ohnmacht' ist ein souverän und geradlinig, aus weiblicher Sicht erzählter Noir-Roman über das trost- und ausweglose Leben durchschnittlicher Menschen, ein Meilenstein der britischen Spannungsliteratur.

Im Jahr 2000 veröffentlichte Foresters älterer Sohn John eine zweibändige, mehr als 800 Seiten umfassende Biografie seines Vaters unter dem Titel 'Novelist & Story Teller. The Life of C.S. Forester', in der er etliche Korrekturen an dessen Lebenslauf anbrachte.

Bibliografie:
'Payment Deferred' - 'Zahlungsaufschub' (auch unter dem Titel 'Grausame Schuld', 1926), 'Plain Murder' - 'Ein glatter Mord' (auch unter den Titeln 'Glatter Mord' und 'Gnadenlose Gier', 1930), 'The Pursued' - 'Tödliche Ohnmacht' (1935/2011).

++ Erstellt: April 2014 ++
++ Update: März 2015 ++
 


Freemantle, Brian

(*1936; schreibt auch als Harry Asher, Jonathan Evans, John Maxwell und Jack Winchester)

Brian Freemantle, geboren und aufgewachsen in Southampton, Hampshire, trat kurz nach Schulabschluss seine erste Stelle als Journalist an. Bis 1975 war er als Reporter, Redakteur und Korrespondent in mehr als dreissig Ländern tätig, einschliesslich Russland und Vietnam. 1975 organisierte er den einzigen englischen Hilfsflug in das eingeschlossene Saigon. Unter Einsatz des Lebens gelang es ihm und seiner Mannschaft, 36 Waisenkinder in Sicherheit zu bringen. Danach gab Freemantle den Journalismus auf, um sich hauptberuflich dem Schreiben zu widmen. Sein erster Charlie Muffin-Krimi 'Agentenpoker' brachte ihm 1977 den internationalen Durchbruch, der ihm im deutschsprachigen Raum erstaunlicherweise bis heute verwehrt blieb. Der seit 1956 mit Maureen verheiratete Vater von drei Töchtern, Victoria, Emma und Charlotte, lebt und schreibt in London.

Charlie Muffin, ein abgebrühter, der britischen Unterschicht entstammender, ständig von Fussschmerzen gepeinigter Agent und Spezialist für hoffnungslose Fälle, ist Spielball der grossen Geheimdienste während des Kalten Krieges, seine Frau Edith wird im zweiten Band 'Jagd auf Charlie Muffin' von der CIA versehentlich getötet. Seine Verachtung für karrieregeile Bürokraten und fantasielose Emporkömmlinge demonstriert er mit schäbiger Kleidung, durchgelaufenen Sohlen und gelegentlichen Fürzen. Am Ende des fünften Bandes ('Abgesang auf Charlie Muffin') erhält er die Quittung für sein ungebührliches Benehmen: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird er vom britischen Geheimdienst zu vierzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Der schlitzohrige Überlebenskünstler hat indes noch ein paar Pfeile im Köcher, befreit sich trickreich aus dem Gefängnis und wird rehabilitiert - beschrieben in Freemantles grossartigem, erst vier Jahre später erschienenen Nachfolgeband 'Eine Rose für Charlie Muffin'. Die Serie fand 2001 mit 'Kings of Many Castles' ein vorläufiges Ende, doch neun Jahre später tauchte Charlie Muffin in alter Frische wieder auf - als heimlich mit der ranghohen russischen Geheimagentin Natalia Fedova verheirateter Vater einer kleinen Tochter ('Red Star Rising').

Freemantles weitere Serienfiguren sind Dimitri Danilov, Chef des Moskauer Büros "Organisierte Kriminalität", und sein amerikanisches Gegenstück William Cowley vom FBI (vier in der Zeit nach dem Kalten Krieg angesiedelte Romane) sowie Sherlock Holmes' unehelicher Sohn Sebastian (zwei Romane). Darüber hinaus verfasste der Autor mit 'Hartmanns Dilemma', 'Bauernopfer' und 'Kleine graue Mäuse' sehr beachtliche Einzelwerke. Und im Jahr 1995 brachte er ein viel diskutiertes Sachbuch über organisierte Kriminalität in Europa zu Papier ('Importeure des Verbrechens: Europa im Griff des organisierten Verbrechens').

Bibliografie:
Charlie Muffin-Serie: 'Charlie Muffin' (auch unter dem Titel 'Charlie M') - 'Agentenpoker' (1977), 'Clap Hands, Here Comes Charlie' (auch unter dem Titel 'Here Comes Charlie M') - 'Jagd auf Charlie Muffin' (1978), 'The Inscrutable Chalire Muffin' - 'Charlie Muffins Schachzug' (1979), 'Charlie Muffin's Uncle Sam' (auch unter dem Titel 'Charlie Muffin, U.S.A.') - 'Eine Flasche für Charlie Muffin' 1980), 'Madrigal for Charlie Muffin' - 'Abgesang auf Charlie Muffin' (1981), 'Charlie Muffin and Russian Rose' (auch unter dem Titel 'The Blind Run') - 'Eine Rose für Charlie Muffin' (1985), 'Charlie Muffin San' (auch unter dem Titel 'See Charlie Run') - 'Lächeln Sie, Charlie Muffin' (1987), 'The Rund Around' - 'Stochern im Nebel' (1988), 'Comrade Charlie' (1989), 'Charlie's Apprentice' - 'Der Lehrling' (1993), 'Charlie's Chance' (1996), 'Dead Men Living' (2000), 'Kings of Many Castles' (2001), 'Red Star Rising' (2010), 'Red Star Burning' (2012), 'Red Star Falling' (2013);
Cowley & Danilov-Serie: 'The Button Man' (auch unter dem Titel 'In the Name of the Killer') - 'Sniper' (1992), 'No time for Heroes' (1994), 'The Watchmen' (2002), 'Triple Cross' (2004);
Sebastian Holmes-Romane: 'The Holmes Inheritence' (2004), 'The Holmes Factor' (2005);
Einzelwerke: 'Goodbye to an Old Friend' - 'Die Schliche der Taube' (1973), 'Face Me When You Walk Away' - 'Labyrinth mit Minen' (1974), 'The Man Who Wanted Tomorrow' - 'Rächer kennen kein Erbarmen' (1975), 'The November Man' - 'Strategie des Skorpions' (1976), 'Deaken's War' - 'Deakens Krieg' (1982), 'Rules of Engagement' (auch unter dem Titel 'The Vietnam Legacy') - 'Flucht aus Vietnam' (1984), 'The Lost American' (auch unter dem Titel 'The Kremlin Kiss', 1986), 'The Bearpit' - 'In der Höhle des Bären' (1988), 'Betrayals' - 'Bauernopfer' (1989), 'O'Farrell's Law' (1990), 'Little Grey Mice' - 'Kleine graue Mäuse' (1991), 'Ice Age' (2002), 'Two Women' (2003), 'Dead End' (2005), 'Time to Kill' (2006), 'The Namedropper' (2007).
Als John Maxwell: 'H.M.S. Bounty' (auch unter dem Titel 'Hell's Paradise', 1977), 'Mary Celeste' (1979).
Als Jonathan Evans: 'Misfire' (auch unter dem Titel 'Target', 1980), 'The Midas Men' (auch unter den Titeln 'Sagomi Gambit' und 'Gold') - 'Die Midasmänner' (1981), 'Chairman of the Board' (auch unter den Titeln 'Takeover' und At Any Price') - 'Das Millionenspiel' (1982), 'Monopoly' (auch unter den Titeln 'The Kremlin Correction' und 'The Kremlin Conspiracy') - 'Monopoli' (1984), 'The Laundryman' (auch unter dem Titel 'Dirty White') - 'Die Geldwäscher' (1985).
Als Jack Winchester: 'The Solitary Man' (auch unter dem Titel 'The Iron Cage') - 'Hartmanns Dilemma' (1980), 'The Choice of Eddie Franks' (1986).
Als Harry Asher: 'The Profiler' (auch unter dem Titel 'Mind Reader', 1997), 'The Predator' (1998).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Oktober 2012 ++
++ Update: April 2014 ++
 


Fremlin, Celia

(1914-2009)

Celia Fremlin wurde in Kingsbury, Middlesex, als Tochter eines viktorianischen Vaters und einer Hobbyautorin geboren und verbrachte ihre Kindheit in Herfordshire. Ihr ein Jahr älterer Bruder war der Kernphysiker John H. Fremlin. Sie studierte klassische Philologie und Philosophie am Oxforder Sommerville College, fand danach jedoch keine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit. Sie schlug sich deshalb als Süsswarenverkäuferin, Kellnerin und Putzfrau durchs Leben und schrieb nebenbei Humoresken und philosophische Abhandlungen. Im Zweiten Weltkrieg leitete sie einen englischen Luftschutzraum. 1942 vermählte sie sich mit dem Londoner Arzt Elia Goller, mit dem sie in London lebte und bis zu seinem Tod 1968 zusammen war. Sie zog ihre drei Kinder gross, bevor sie sich ab Ende der 50er-Jahre ganz aufs Schreiben konzentrierte. 1985 heiratete sie den (1999 verstorbenen) Musiker Leslie Minchin.

Fremlins Werk enthält sechzehn psychologische Thriller, zwei Sachbücher drei Kurzgeschichtenbände und einen Gedichtband. Ihre Romane, in denen Polizisten und Detektive allenfalls in kleinen Nebenrollen auftreten, beginnen harmlos und idyllisch. Mit kühlem Blick und feiner Ironie schildert die Autorin alltägliche Familienszenen, beunruhigende Elemente lässt sie nur in homöopathischen Dosen einfliessen, und erst am Schluss offenbart sich die ganze Dimension des Grauens. In ihren stärksten Büchern - 'Die Stunden vor Morgengrauen', 'Wer hat Angst vorm schwarzen Mann' und 'Klimax' - entwirft die scharf beobachtende, sprachlich versierte Autorin überaus präzise Psycho- und Soziogramme.

Celia Fremlin, deren letztes Buch 1994 erschienen ist, lebte von 1942 bis 2000 im Londoner Stadtteil Hampstead und liess sich dann in Bristol nieder. Sie starb kurz vor ihrem 95. Geburtstag in einem Pflegeheim in Bournemouth.

Bibliografie:
'The Hours Before Dawn' - 'Die Stunden vor Morgengrauen' (1958), 'Uncle Paul' - 'Onkel Paul' (1959), 'Seven Lean Years' (auch unter dem Titel 'Wait for the Wedding') - 'Sieben magere Jahre' (1961), 'The Trouble Makers' - 'Unruhestifter' (1962), 'The Jealous One' - 'Die Eifersüchtige' (1965), 'Prisoner's Base' - 'Wer hat Angst vorm schwarzen Mann' (1967), 'Possession' - 'Klimax oder Ausserordentliches Beispiel von Mutterliebe' (1969), 'Appointment With Yesterday' - 'Rendezvous mit gestern' (1972), 'The Long Shadow' - 'Der lange Schatten' (1976), 'The Spider-Orchid' - 'Die Spinnen-Orchidee' (1977), 'With No Crying' - 'Gibt's ein Baby, das nicht schreit' (1980), 'The Parasite Person' - 'Parasiten-Person' (1982), 'Listening in the Dusk' - 'Zwielicht' (1990), 'Dangerous Thoughts' - 'Gefährliche Gedanken' (1992), 'The Echoing Stones' - 'Das Tudorschloss' (1993), 'King of the World' - 'Vaters Stolz' (1994).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Freyermuth, Gundolf S.

(*1955; schreibt auch als John Cassar und Peter Johannes)

Geboren und aufgewachsen in Hannover, studierte Gundolf S. Freyermuth von 1973 bis 1980 Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL), Germanistik, Amerikanistik und Geschichte an der Freien Universität Berlin. Seine Magisterarbeit befasste sich mit dem modernen Drama, seine Dissertation mit der Digitalisierung von Kunst und Unterhaltung. In den 80er-Jahren war er Redakteur des Kultumagazins 'TransAtlantik', Kulturressortleiter und Reporter des 'stern' und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für AVL der Freien Universität Berlin, von 1992 bis 1995 Chefreporter der Hamburger Zeitschrift 'Tempo'.

1989 übersiedelte Freyermuth mit seiner Frau Elke in die USA. Sie lebten zuerst in New York City, dann in Los Angeles, wo 1994 und 1997 ihre Söhne Leon und George zur Welt kamen. Später liess sich die Familie auf einer Ranch in Arizona nieder. 2005 kehrte Freyermuth nach Deutschland zurück, um als Professor für Angewandte Medienwissenschaften an der "ifs" (internationale filmschule köln) zu unterrichten, 2010 kam ein Lehrauftrag am neu gegründeten 'Cologne Game Lab' hinzu. Er ist deutsch-amerikanischer Doppelbürger und pendelt zwischen Köln und Berlin.

Freyermuths Werk umfasst ungezählte Essays, Kritiken, Glossen, Porträts und Reportagen für bedeutende internationale Printmedien (Schwerpunkt: Digitale Medien und Kommunikation), elf (zum Teil mit seiner Frau verfasste) Sachbücher sowie die drei Kriminalromane 'Der Ausweg', 'Bogarts Bruder' und 'Perlen für die Säue', die von 1989 bis 1999 unter drei verschiedenen Namen - Freyermuth, Cassar und Johannes - erschienen sind.

Freyermuths erster Krimi 'Der Ausweg' ist die Fabel des 38-jährigen Altlinken, Hobbyphilosophen und gescheiterten Juristen Harry Mann, der in seiner Westberliner Altbauwohnung in den Tag hineinlebt, bis er sich heftig in eine schöne Frau verliebt, deren Gatten, blind vor Leidenschaft, um die Ecke bringt - und sich daraufhin jäh in einem neuen Leben wiederfindet: Einem Leben als Killer in einer Welt, in der Korruption, Erpressung und Machtmissbrauch zum guten Ton gehören.

'Bogarts Bruder' spielt in Hollywood, wo am Vorabend des Zweiten Weltkriegs Carl Jordan, Inhaber von 'Pinnacle Books', einem kleinen Avantgarde-Verlag mit angeschlossenem Buchladen und geheimem Pornohandel für betuchte Kunden, aus dem Leben scheidet - Selbstmord oder Mord? Carls jüngerer Bruder Hank, ein 39-jähriger Abenteurer und Reporter, der gerade, um ein Haar der Hinrichtung entronnen, aus dem spanischen Bürgerkrieg in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist, übernimmt den Laden und macht sich auf, Carls letzte Stunden zu recherchieren. Wenig später wird der 'Pinnacle Books'-Kunde Wilhelm Bullzogen getötet, ein deutscher Millionär im Exil, der Hitler bei dessen Aufstieg finanziell unterstützte.
Bei seinen Ermittlungen wird Hank in einen äusserst gefährlichen Kriminalfall gezogen, in den amerikanische Politiker, deutsche Emigranten, Nazi-Typen und korrupte LAPD-Cops verwickelt sind, aber auch Carl Jordans undurchsichtige fromme Witwe und der damals noch kaum bekannte Schauspieler Humphrey Bogart. Okjekt der Begierde ist der erotische Schlüsselroman 'Transkontinentale Liebschaften' von Bullzogens Frau (und Hanks ehemaliger Geliebten) Alma Berger, der anonym in 'Pinnacle Books' veröffentlicht wurde - und von dem es nur noch ein einziges Exemplar zu geben scheint.
'Bogarts Bruder': ein vergnügliches, poetisches und kurzweiliges, durch originelle Vergleiche und unzählige Anspielungen auf Film, Literatur, amerikanische Politik und die Geschehnisse in Nazideutschland bereichertes Buch mit Hank Jordan als vielschichtigem Ich-Erzähler (der Titel bezieht sich auf eine physiognomische Ähnlichkeit des Helden mit Bogart) - und einem Cameo-Auftritt von Dashiell Hammett.

'Perlen für die Säue', aus wechselnden Blickwinkeln erzählt, ist ein turbulenter, figurenreicher Krimi mit parodistischen Elementen - und gleichzeitig eine scharfe Abrechnung mit den niederträchtigen, über Leichen gehenden Machenschaften der "Vierten Gewalt", für die einzig Auflage und Einschaltquoten zählen. In der Mitte des Romans wird Wolfgang Wedel-Mayer, Chefredakteur des beliebten Hamburger Käseblatts 'Die Wichtige' - ein skrupelloses, vulgäres Ekelpaket mit gewaltigem Frauenverschleiss, für den Journalismus ein Kampfsport ist - um die Ecke gebracht, ein Mord, für den jeder, der dem Getöteten jemals begegnet ist, ein handfestes Motiv haben dürfte, auch seine Frau Doris, die von ihrem Liebhaber Georg Claas, dem allmächtigen 70-jährigen Verleger der 'Wichtigen', schwanger ist. Oder gibt es vielleicht doch politische Gründe für die Tat? Wedel-Mayer hatte nämlich angekündigt, in der nächsten Ausgabe seiner Zeitschrift einen Artikel zu veröffentlichen, der in Deutschland für einen Skandal sorgen würde.

Über tausend Seiten abwechslungsreiche Spannungsliteratur, erschienen unter drei Namen in drei Verlagshäusern, stilistisch und inhaltlich weit über dem üblichen Niveau deutschsprachiger Krimis - eine stolze Bilanz für den Autor, der auch mit zwei schönen Sachbüchern über deutsche Emigranten in der Hitlerzeit ('Reise in die Verlorengegangenheit', 1993, und 'Fluchtpunkt Hollywood', 2011) in Erscheinung getreten ist.

Bibliografie:
Als Gundolf S. Freyermuth: 'Der Ausweg' (1989).
Als John Cassar: 'Bogarts Bruder' (1997).
Als Peter Johannes: 'Perlen für die Säue' (1999).

++ Erstellt: März 2013 ++  


Fullerton, John

(*1949; schrieb auch unter dem Pseudonym C.W. Diaz)

Geboren im südwestenglischen Dorset, aufgewachsen in Südafrika, wo er die Grundschule besuchte, versuchte sich John Fullerton nach Abschluss seiner Ausbildung zuerst als Farmer und im Finanzwesen, bevor er Anfang der 70er-Jahre zum Journalismus kam und dann über dreissig Jahre mit viel Herzblut in diesem Beruf arbeitete, neunzehn Jahre für die Agentur Reuters. Er berichtete unter anderem über den Bürgerkrieg im Libanon, den Afghanistankrieg, den ersten Golfkrieg und den Balkankonflikt sowie, nach 9/11, aus Pakistan und Afghanistan. Darüber hinaus unterrichtete er angehende Journalisten, war Dozent für Kreatives Schreiben an der Leicester University und veröffentlichte fünf Spannungsromane und ein Sachbuch.

Nach berufsbedingten Aufenthalten in 38 Ländern schloss Fullerton im Jahr 2010 ein Studium der Buddhismuskunde an der University of Sunderland mit einem Master-Titel ab, löschte daraufhin seine Website und verstummte als Autor. Der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder pendelt zwischen London und Südostasien.

Fullertons vier zwischen 1996 und 2006 erschienene Politthriller kreisen um reale Konflikte (Balkankrieg, War On Terror nach 9/11, Bürgerkrieg in Beirut, Apartheid). Ein fünfter Roman, 'Clap', mit dem Schauplatz Kuba ist im Jahr 2000 unter dem Pseudonym J.W. Diaz erschienen. Zuvor hatte der Autor, der offenbar um 1980 herum zwei Jahre undercover für den britischen Geheimdienst in Afghanistan unterwegs gewesen war, das Sachbuch 'The Sovjet Occupation of Afghanistan' herausgegeben.

Fullertons bekanntester Roman 'Das Affenhaus' spielt im verwüsteten Sarajewo des Winters 1993/94, als die bosnisch-herzegowinische Hauptstadt unter Dauerbeschuss durch die serbischen Armeen steht. In einer von Serben bewohnten, despektierlich als "Affenhaus" bezeichneten Mietkaserne am Rand der Stadt ist eine Polizei-Informantin (eine heroinsüchtige serbische Zahnärztin) grausam ermordet worden. Nacelnik Rosso, der pflichtbewusste und instinktsichere Chef der von Bosniern dominierten Kriminalpolizei verbeisst sich in den Fall, den ausser ihm keinen Menschen zu interessieren scheint - eine Mordermittlung in einer Stadt, die voll von Leichen ist, behelfsmässig vergrabenen, verwesenden Körpern, an denen sich die ausgesetzten Hunde gütlich tun.
Bei seinen Recherchen gerät Kommissar Rosso - Sohn eines berüchtigten kroatischen Nazi-Kollaborateurs, Ehemann der tief gefallenen, im Krieg zur Alkoholikerin gewordenen Intellektuellen Sabina, Ziehvater der todesmutigen 19-jährigen Krankenschwester Tanya - in die Grabenkämpfe der unversöhnlichen bosnischen, serbischen und kroatischen Milizen, an denen auch Heckenschützen, Nutten, UNO-Soldaten, Kriegskorrespondenten, Betrüger, Schwarzmarkthändler und anderes Strandgut, das jeder Krieg mit sich bringt, teilhaben. Eine wichtige Rolle spielt Rossos Intimfeind Luka, ein verkrüppelter, charismatischer Gangsterboss, gleichzeitig aber auch eine unverzichtbare Waffe der Bosnier im Guerillakrieg gegen die Serben.
'Das Affenhaus', Fullertons erster und einziger ins Deutsche übersetzte, mit prägnantem Personal aufwartende Krimi, zeichnet ein beklemmendes Bild der langsam vor sich hin sterbenden Stadt Sarajewo und ihrer zwischen Hass und Fatalismus schwankenden, von Hunger und Kälte gequälten Bevölkerung.

Bibliografie:
'The Monkey House' - 'Das Affenhaus' (1996), 'A Hostile Place' (2003), 'Give Me Death' (auch unter dem Titel 'This Green Land', 2004), 'White Boys Don't Cry' (2006).
Als J.W. Diaz: 'Clap' (2000).

++ Erstellt: März 2014 ++  


Furst, Alan

(*1941)

Alan Furst wurde als Sohn einer jüdischen Familie russisch-lettischer Herkunft in Manhattan, New York City, geboren und wuchs auch dort auf. Nach seiner Collegezeit arbeitete er als Taxifahrer, Erntehelfer, Fabrikarbeiter und freier Werbetexter, trampte durch die USA und verbrachte einige Zeit in Südfrankreich und Spanien, bevor er zum Journalismus kam und Reiseberichte und Literaturkritiken für die amerikanische Ausgaben des 'Esquire' und andere Magazine verfasste. Während seines Paris-Aufenthalts (1987 bis 1993) schrieb er Kolumnen für 'The International Herald Tribune'. Später liess er sich auf Long Island (New York) nieder, wo er bis heute lebt.

Furst begann bereits mit zwanzig zu schreiben, betrat die Krimibühne jedoch erst 1976 mit dem ersten, nicht auf Deutsch vorliegenden Band der Roger Levin-Trilogie. Roger Levin war ein mittelgrosser Marihuana-Dealer und danach Besitzer des chinesischen Restaurants Long Hai in New York, das er aufgrund einer idiotischen Wette verlor. Heute verdient er sein Brot als lizenzloser Gelegenheitsdetektiv. Er wohnt in Manhattan und teilt das Bett mit seiner schönen Freundin Sandy. Sein bester Freund und wichtigster Auftragsgeber ist der Anwalt Wyatt Reed.

In 'Die Paris-Falle' wird Roger Levin von der Synagogengemeinschaft seiner Eltern beauftragt, eine grössere Geldsumme an eine israelische Untergrundorganisation in Paris zu überbringen - dem Anschein nach nicht viel mehr ein hübscher, kleiner Ausflug. Doch kaum in Paris angekommen, wird der sympathische Held in eine höchst undurchsichtige Intrige verwickelt und kehrt schliesslich mit einem Finger weniger, aber (im Gegensatz zu einigen seiner Weggefährten) immerhin lebend nach New York zurück.

Auch in 'Tödliche Karibik' hat Roger Levin einen kniffligen, jedoch vorzüglich honorierten, durch Wyatt Reed vermittelten Fall zu knacken. Fiona, die 19-jährige Tochter der steinreichen amerikanischen Familie de Scodellaire, ist in die Fänge des verrückten Psychiaters und Sektenführers Charles Early Smith geraten, der es natürlich auf ihr Geld abgesehen hat - Levin soll sie befreien und heil nach Hause bringen. Die Spur führt auf die kleine Karibikinsel St. Maarten, wo Smith ein verwittertes Fort besitzt. Doch ist Fiona überhaupt gewillt, zu ihrer überspannten Familie zurückzukehren? Die mit bissigem Witz erzählte Geschichte zeichnet sich aus durch spritzige Dialoge, schnoddrige Sprüche und einen verwickelten Plot.

1983 liess der Autor den auf Fakten beruhenden Politthriller 'Geschäfte im Schatten' folgen. Die Carter-Administration entliess im Juni 1977 auf einen Schlag nicht weniger als 820 CIA-Agenten, unter ihnen Guyer, der sich nun mit seinem alten Kumpel List in Manhattan selbständig macht: Das ausgekochte Gespann spezialisiert sich auf die Vermittlung von Doppelgängern für gefährdete Personen - ein lukrativer, wenn auch nicht ganz ungefährlicher Job.

Furst hielt später offenbar nicht mehr viel von seinem Frühwerk - es ist nicht einmal auf seiner Homepage aufgeführt.

Ende der 80er-Jahre fand Furst zu seinem grossen Thema: Europa als Zentrum der Geschichte in den Jahren 1933 bis 1945. In diesen vom Autor als "historische Spionageromane" bezeichneten Werken steht jeweils (wie bei seinem grossen Vorbild Eric Ambler) eine kleine, bescheidene Figur im Mittelpunkt. 1988 veröffentlichte er mit 'Soldaten der Nacht' den ersten dieser bisher zehn Romane, in denen er das ränkevolle und skrupellose Spiel der Mächte jener Zeit auf eindrucksvolle Weise in Szene setzt.

Im Jahr 2000, nach vier nicht ins Deutsche übertragenen Büchern, schaffte Furst mit 'Das Reich der Schatten' den internationalen Durchbruch. Paris 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Der Anschluss Österreichs und die Annektion des Sudetenlands stehen unmittelbar bevor, als der ungarische Aristokrat und Lebenskünstler Nicholas Morath von seinem Onkel, dem ungarischen Diplomaten Graf Janos Polanyi, als Geheimagent gegen den (auch in Ungarn grassierenden) Nationalsozialismus eingesetzt wird. Er schmuggelt gefälschte Pässe und geheime Dokumente über die Grenzen, sammelt Geld ein, befreit inhaftierte Personen und unternimmt gefährliche Reisen nach Deutschland und Osteuropa, ohne die Hintergründe seines Tuns wirklich zu durchschauen. Doch eines Tages, kurz vor Kriegsausbruch, ist Polanyi plötzlich spurlos verschwunden, und Morath ist nun ganz auf sich allein gestellt.

'Die Nacht der Sirenen' sieht den ukrainischen Schriftsteller Ilja Serebin im Brennpunkt des Geschens. Serebin, bis anhin kein besonders mutiger Mann, lebt in Paris im Exil, als er im November 1940 vom britischen Geheimdienst beauftragt wird, Öltransporte von Rumänien nach Deutschland zu sabotieren. Die Vorbereitungen zu der gefährlichen Mission führen Serebin von Paris nach Istanbul, von Bukarest in den schillernden Kurort St. Moritz. Und dann, im Winter des Jahres 1941, besteigt Serebin auf der Donau ein Schiff und hat fortan nur noch ein Ziel vor Augen: einen Abschnitt des Flusses für die feindlichen Ölfrachter unpassierbar zu machen.

Kapitän Eric de Haan, nerven- und charakterstarker Kapitän des alten Frachters 'Noordendem', ist die Hauptfigur in 'Die Stunde des Wolfs'. Am 30. April 1941 wird er vom niederländischen Geheimdienst angewiesen, im Kampf gegen Nazideutschland Munition, technische Geräte und britische Offiziere in verschiedene Hafenstädte zu bringen - ständig bedroht durch deutsche U-Boote und Luftaufklärer. Als Eric de Haan auch Flüchtlinge aufnimmt, wird seine Mission zum Himmelfahrtskommando. Dann marschieren die Deutschen in der Sowjetunion ein, und die 'Noordendem' sitzt im Baltikum fest.

Bibliografie:
Roger Levin-Trilogie: 'Your Day in the Barrell' (1976), 'The Paris Drop' - 'Die Paris-Falle' (1980), 'The Caribbean Account' - 'Tödliche Karibik' (1981);
'Shadow Trade' - 'Geschäfte im Schatten' (1983);
Historische Spionagethriller: 'Night Soldiers' - 'Soldaten der Nacht' (1988), 'Dark Star' (1991), 'The Polish Officer' (1995), 'The World at Night' (1996), 'Red Gold' (1999), 'Kingdom of Shadows' - 'Das Reich der Schatten' (2000), 'Blood of Victory' - 'Die Nacht der Sirenen' (2002), 'Dark Voyage' - 'Die Stunde des Wolfs' (2004), 'The Foreign Correspondent' (2006), 'The Spies of Warsaw' (2009), 'Spies of the Balkans' (2010), 'Mission to Paris' (2012).

++ Erstellt: Februar 2012 ++
++ Update: Juni 2012 ++
 


Fusco, John

John Fusco (Geburtsjahr vermutlich 1964) entstammt einer neapolitanischen Familie. Geboren in Waterbury, Connecticut, wuchs er in der nahe gelegenen Kleinstadt Prospect auf. Nach Abbruch der Wilby High School in Waterbury arbeitete er als Fabrikarbeiter, Holzfäller und Motorradsattler und trat als Bluesgitarrist in örtlichen Nachtclubs auf. Mitte der 80er-Jahre ging er ans Naugatuck Valley Community College in Waterbury, wo er seine zukünftige Frau, die Schauspielerin Richela Renkun, kennen lernte. Das daraufhin absolvierte Kunststudium an der Tisch School of the Arts in New York City öffnete ihm die Türen für eine höchst erfolgreiche Laufbahn als Drehbuchautor für Hollywood-Filme ('Crossroads', 'Young Guns', 'Hidalgo', 'Spirit: Stallion of the Cimarron' und andere).

Im Jahr 1997 gründete Fusco in Vermont die 'Red Road Farm', ein Refugium für wilde und selten vorkommende Pferde. 2001 kam sein erster Roman 'Das Gesetz der Familie heraus, 2012 das preisgekrönte Kinderbuch 'Little Monk and the Mantis'. Für Herbst 2014 ist der Thriller 'Dog Beach' angekündigt. John Fusco, Besitzer des Schwarzen Gürtels in der chinesischen Kampfkunst Shaolin Kung Fu, lebt mit seiner Frau und seinem Sohn auf einer Farm im Norden Vermonts.

'Das Gesetz der Familie', eine wunderbar-opulente Mischung aus Mafiathriller, Milieustudie und Entwicklungsroman mit zu Herzen gehenden Szenen, einprägsamem Personal und authentischen Dialogen, erzählt die Geschichte des aufgeweckten dreizehnjährigen Jungen Nunzio, dessen italienischer Vater Big Dan Paradiso im multikulturellen, etwas heruntergekommenen (fiktiven, zweifellos Waterbury nachgezeichneten) Städtchen Saukiwog Mills, Neuengland, einen Schrottplatz betreibt. Für Nunzio endet die Kindheit jetzt, im Sommer 1979: Zusammen mit seinem sechs Jahre älteren Bruder Danny Boy soll er in der Ferienzeit im väterlichen Betrieb Hand anlegen. Doch schon bei seinem ersten Einsatz stösst Nunzio auf eine Leiche, die - samt dem sie beherbergenden 1973er Pontiac Bonneville - zu einem Schrottpaket verarbeitet wird, bevor der Junge jemandem den Fund zeigen kann: Die Handschrift der Mafia. Nunzio und Danny wollen nun herausfinden, wer der Tote ist und wer ihn auf dem Gewissen hat. Sie erhalten Unterstützung von ihrem versoffenen Verwandten Angelo Volpe, einem ehemaligen Cop, der seit einem mysteriösen Sturz tetraplegisch im Rollstuhl sitzt, betreut von einem Kapuzineräffchen namens Ruby Lee und von Johnny, einer muskelbepackten schwarzen Lady.

Bibliografie:
'Paradise Salvage' - 'Das Gesetz der Familie' (2001).

++ Erstellt: Juni 2014 ++  


Fusilli, Jim

(*1953)

Jim Fusilli wurde in Hoboken, New Jersey, als Sohn einer italienisch-stämmigen Familie geboren. Er ging zwölf Jahre an römisch-katholische Schulen und machte einen Abschluss am St. Peter's College in Jersey City, wo er auch die Schulzeitung und das Schulradio mitbetreute. Danach war er Song-Schreiber und Rock-Gitarrist bei verschiedenen Bands in Greenwich Village. 2001 veröffentlichte er seinen ersten Krimi.

Fusilli lebt mit seiner in der Werbung tätigen Frau Diane Holuk und der gemeinsamen Tochter Cara in New York City und arbeitet als Rock- und Pop-Kritiker für 'The Wall Street Journal', eine Tätigkeit die er seit 1983 ausübt, und gelegentlich für das National Public Radio sowie als Krimikritiker des 'Boston Globe', als freier Schriftsteller und zeitweise auch als Creative Writing-Dozent an der State University of New York in Binghamton.

Fusillis verfasste vier unspektakuläre, von einer melancholischen Stimmung geprägte Kriminalromane um den Ex-Schriftsteller Terry Orr, der in Manhattan als Privatdetektiv arbeitet, seitdem er seine italienisch-stämmige Frau Marina, eine talentierte Malerin, und ihren kleinen Sohn Davy auf tragische Weise verloren hat, und um Orrs halbwüchsige Tochter Gabriella, genannt Bella, zwei rührende, in ihrer Gegensätzlichkeit überzeugend dargestellte Figuren.

Der dritte, kurz nach 9/11 spielende Band 'Tribeca Blues' (Tribeca ist der Stadtteil von Manhattan, in dem Terry und Bella ein Haus bewohnen) bildet das Herz der Serie. Im Zuge seiner Ermittlungen eines Erbschaftsstreits (Terrys enger Freund Leo Mallard, der mit seiner skrupellosen Ex-Frau arg zerstritten war, ist unerwartet gestorben) findet Terry Orr den Mann, von dem er immer dachte, er habe Marina und Davy auf dem Gewissen: Raymond Montgomery Weisz, als Jugendlicher ein hoch begabter Pianist, bis er von seiner Mutter in den Wahnsinn getrieben wurde und auf der Strasse landete; und endlich offenbart sich Terry Orr die schockierende Wahrheit über sein Familiendrama.

Nach dem (voräufigen?) Abschluss der Terry Orr-Serie ('Hard, Hard City') publizierte Fusilli Kurzgeschichten, ein Buch über die 'Beach Boys' und ihr Meilenstein-Album 'Pet Sounds' (2005), einen Krimi für Jugendliche (2008), den stark autobiografisch gefärbten historischen Spannungsroman 'Narrows Gate' (2011) und zuletzt zwei Krimis um einen namenlosen Aussenseiter (Nameless Drifter-Romane).

Bibliografie:
Terry Orr-Serie: 'Closing Time' - 'Ihr letztes Bild' (2001), 'A Well-Known Secret' - 'Solange du schweigst' (2002), 'Tribeca Blues' (2003), 'Hard, Hard City' (2004);
'Narrows Gate' (2011);
Nameless Drifter-Romane: 'Road to Nowhere' (2012), 'Billboard Man' (2013).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Juni 2013 ++
++ Update: September 2013 ++
 



 

Gamboa, Santiago

(*1965)

Geboren in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota als Sohn einer Künstlerin und eines Kunsthistorikers, studierte Santiago Gamboa Hispanistik an der Universidad Javeriana in Bogota und danach an der Universidad Computense in Madrid und wurde an der Pariser Sorbonne mit einer Arbeit über kubanische Literatur promoviert. Daraufhin arbeitete er vier Jahre als Nachrichtenredakteur des spanischsprachigen Programms von Radio France in Paris, ehe er zu der kolumbianischen Tageszeitung 'El Tiempo de Bogota' in Rom wechselte und während des Balkankriegs aus Bosnien berichtete. Nach langjährigem Aufenthalt in einer kleinen Ortschaft unweit von Rom lebt er mit seiner zweiten Frau und seinem Sohn in der Grossstadt Cali, Südwestkolumbien.

Im Jahr 1995, auf dem Höhepunkt seiner journalistischen Laufbahn, debütierte Gamboa als Autor. Inzwischen ist sein Werk auf vier Krimis, sechs andere Romane, ein Reisetagebuch und zahlreiche Essays, Kolumnen und Geschichten angewachsen. In deutscher Sprache sind bisher einzig zwei Krimis und der autobiografisch grundierte Roman 'Das glückliche Leben des jungen Esteban' erschienen.

Der intelligente, melancholische Einzelgänger Victor Silanpa aus Bogota drückt Gamboas erstem Krimi 'Verlieren ist eine Frage der Methode' den Stempel auf. Als Reporter einer grossen Tageszeitung und Gelegenheitsdetektiv mit gefälschter Polizeimarke recherchiert er einen Kriminalfall um eine gepfählte Leiche, in den Grundstückspekulanten, geldgierige Politiker, ein zwielichtiger Anwalt, nuttige Frauen, die Mafia und eine fanatische Nudistengruppe verwickelt sind, während die Polizei, verkörpert durch den fresssüchtigen Hauptmann Aristofanes Mayo, die meiste Zeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Gamboa erzählt seine höchst unterhaltsame Geschichte mit schwarzem Humor und bösen Blicken auf sein von Gewalt und Korruption geplagtes Heimatland.

Bibliografie:
'Perder es cuestion de metodo' - 'Verlieren ist eine Frage der Methode' (1997), 'Los impostores' - 'Die Blender' (2002), 'Necropolis' (2009), 'Plegarias nocturnas' (2012).

++ Erstellt: Dezember 2015 ++  


Garber, Joseph

(1943-2005)

Geboren in Philadelphia als Sohn eines Berufssoldaten, besuchte Joseph R. Garber die University of Virginia, ehe er der US-Army beitrat. Im Jahr 1968 machte er einen Abschluss in Philosophie an der East Tennessee State University. Daraufhin arbeitete er als Berater für verschiedene renommierte Wirtschaftsberatungsfirmen in New York City, bis er sich 1984 mit seiner Frau in Woodside, Kalifornien, niederliess und eine Stelle als Technologie-Kolumnist für das Magazin 'Forbes' antrat. Im Jahr 1989 veröffentlichte er seinen ersten Thriller 'Milliardenpoker'.

Garbers bekanntester Roman ist 'Der Schacht', ein haarsträubender Schmöker, der durch atemberaubende Verfolgungsjagden in den Treppenhäusern und Liftschächten eines hochmodernen New Yorker Wolkenkratzers vorangetrieben wird. Dave Elliot, eine verheiratete Führungskraft Mitte vierzig, kommt wie jeden Morgen in sein Büro im 45. Stock des Hochhauses - und stellt fest, dass jeder, sein Chef, seine Kollegen, seine Freunde, sogar seine Familie, ihn tot sehen will. Scharfschützen und andere hart gesottene Typen sind hinter ihm her, er ist ganz auf sich allein gestellt. Elliott aber war vor zwanzig Jahren Mitglied einer Sondereinheit in Vietnam, und seine alten Instinkte kehren jetzt unwiderstehlich zurück. Was folgt sind über dreihundert Seiten wilde Action, gewürzt mit Slapstick, schockierenden Szenen und schwarzem Humor. Natürlich mit Happyend.

Mit 61 Jahren erlag Garber an seinem kalifornischen Wohnsitz einem Herzversagen. Er hinterliess seine Frau Janice, mit der er 36 Jahre kinderlos verheiratet war.

Bibliografie:
'Rascal Money' - 'Milliardenpoker - feindliche Übernahme eines Unternehmens' (1989), 'Vertical Run' - 'Der Schacht' (1995), 'In a Perfect State' - 'Im Auge des Wolfes' (1997), 'Whirlwind' (2004).

++ Erstellt: März 2015 ++  


Garfield, Brian

(Kürzel für Brian Francis Wynne Garfield, *1939; schreibt auch als Bennett Garland, Alex Hawk, John Ives, Drew Mallory, Frank O'Brian, Jonas Ward, Brian Wynne und Frank Wynne)

Brian Garfield, geboren in New York City als Sohn einer Kunstmalerin, aufgewachsen in Arizona, machte einen Master-Abschluss an der University of Arizona. Ende der 50er-Jahre war er Mitglied der recht erfolgreichen Jazz-Rock-Blues-Band 'The Palisades'. Mit achtzehn, während der Militärdienstzeit, verfasste er seinen ersten Roman. Es folgten über siebzig Bücher mit einer Gesamtauflage von rund 20 Millionen: Western, Abenteuer-, Horror-, Spionage- und Kriminalromane, historische Romanzen und zwei Bände mit Kriminalstories, aber auch je ein Sachbuch über Western-Filme und den Zweiten Weltkrieg in Alaska und eine Biografie des britischen Geheimagenten, Naturforschers und Hochstaplers Richard Meinertzhagen. Darüber hinaus war er in der Filmbranche tätig und präsidiert seine eigene Filmgesellschaft, die Shan Productions Company.

Zu Garfields bekanntesten Prosawerken zählen der höchst erfolgreich mit Charles Bronson verfilmte Selbstjustizroman 'Ein Mann sieht rot' (Garfield war mit der reisserischen Verfilmung begreiflicherweise gar nicht zufrieden), die beiden stimmungsvollen Krimis um den Navajo-Trooper Sam Watchman aus Arizona, die gemeinsam mit Donald Westlake verfasste Caper Novel 'Bahn frei für eine Fuhre Gold', der Spionageroman 'Hopscotch' und der historische Roman 'Das Gold der Zaren' - alles Werke, die in der ersten Hälfte der 70er-Jahre erschienen sind. Garfields nach 1977 publizierte Romane sind nicht ins Deutsche übersetzt worden.

'Ein Mann sieht rot' ist die Geschichte des 47-jährigen New Yorker Buchprüfers Paul Benjamin (in der Verfilmung und der deutschen Übersetzung heisst er Paul Kersey), dessen Leben aus den Fugen gerät, als drei jugendliche schwarze Einbrecher seine Frau Esther (in der deutschen Übersetzung: Joanna) und seine Tochter Carol brutal zusammenschlagen: Esther stirbt, Carol, die mit dem Anwalt Jack Tobey verheiratet ist, erleidet ein schweres psychisches Trauma, von dem sie sich nicht mehr erholen wird. Paul, im Grunde ein vernünftiger und liberal denkender Zeitgenosse, versucht sich zuerst mit kleinen, mehr oder weniger sinnvollen Handlungen abzulenken und führt lange Gespräche mit seinem Schwiegersohn, doch er steht gewaltig unter Druck, immer kurz vor der Explosion, fühlt sich auf der Strasse ständig bedroht von gefährlich wirkenden Typen, die er am liebsten tot sehen würde, und findet nicht mehr zurück in den Alltag. Anders als im Film lässt Paul seinen Gewaltfantasien erst im letzten Viertel freien Lauf: Wahllos eschiesst er Kriminelle, um sich an einer Gesellschaft zu rächen, die zugelassen hat, dass das Leben seiner Frau und seiner Tochter zerstört wurde. 'Ein Mann sieht rot' ist eine einfühlsame und unspektakuläre psychologische Studie über einen Mann, der, als er den Boden unter den Füssen verliert, sich nicht anders als mit blinder Gewalt zu helfen weiss.

Zu Beginn des Nachfolgebandes 'Ein Mann dreht durch' erfahren wir, dass Paul damals in New York in fünf Wochen nicht weniger als 17 Kriminelle hingerichtet hat. Seine Tochter starb zwei Monate nach dem Überfall, worauf er seinen Wohnsitz in die Verbrecherhochburg Chicago verlegte, um dort eine etwas subtilere Rache-Taktik zu verfolgen: Er besucht Gerichtsverhandlungen, lauert anschliessend den gegen Kaution freigelassenen Gangstern auf und bläst ihnen das Licht aus. Doch dann verliebt sich Paul in die attraktive und einsame Staatsanwältin Irene Evans, und mehrere Nachahmungstäter, die auch den Tod unschuldiger Menschen in Kauf nehmen, beginnen ihr Unwesen zu treiben - eine Welt bricht für ihn zusammen, als er erkennt, wie viel Schaden er mit seiner sinnlosen Rachetour angerichtet hat.

In 'Der bessere Indianer' machen Sam Watchman, 33-jährig, sein junger, weisser Partner Buck Stevens und der unfähige, sich jedoch arg überschätzende FBI-Agent Vickers Jagd auf fünf Bankräuber - drei frühere Green Berets, unter ihnen der eiskalte Ex-Major Leo Hargit, ein Pilot, den sie aus dem Vietnamkrieg kennen, und ein ehemaliger Sträfling, der über Insiderinformationen verfügt -, die sich mit ihrer Beute von fast einer Million Dollar und einer weiblichen Geisel ins Gebirge von Arizona abgesetzt haben und dort von einem Blizzard überrascht werden. Die schnelle, abwechslungsweise aus der Sicht der Verbrecher und ihrer Verfolger erzählte Geschichte gipfelt in einem dramatischen Duell zwischen Watchman und Hargit.

Garfields anspruchsvollstes Werk ist 'Das Gold der Zaren'. In diesem vorzüglich recherchierten Roman verknüpft er zwei wichtige Ereignisse des 20. Jahrhunderts miteinander: Den unglaublich brutalen Russischen Bürgerkrieg 1918 bis 1920 (Rote Armee gegen Weisse Armeen) und die Eroberung der Krimstadt Sewastopol (damals die stärkste Festung der Welt) durch Nazideutschland 1942. Bindeglied sind 500 Tonnen Gold (die eiserne Reserve des letzten Zaren), die im Januar 1920 in den Wirren des russischen Bürgerkrieges in Sibirien verloren gingen, bis nach über zwanzig Jahren die Nazis kamen und das Gold mitnahmen, um es dann 1944 irgendwo in der UdSSR zu verstecken. Anfang der 70er-Jahre ist Harry Bristow, ein bekannter Historiker und Sachbuchautor ukranisch-amerikanischer Abstammung, auf der Suche nach Material für Bücher über den Krieg zwischen der Roten Armee unter Trotzki und den zaristischen Weissen Armeen mit Admiral Alexander Koltschak als oberstem Befehlshaber auf der einen, über die Belagerung Sewastopols durch die Deutschen auf der andern Seite - eine recht zähe Angelegenheit, in der Zeit des Kalten Krieges. Durch seinen alten Freund Evan McIver von der CIA lernt Bristow die junge Jüdin Nikki Eisen kennen. Sie wird seine Geliebte und verhilft ihm zu einem Treffen mit Chaim Tippelskirch, dem Ende 1919, unmittelbar vor der Kapitulation der Weissen, von Koltschak das Kommando über den aus 28 gepanzerten Waggons bestehenden Goldzug übertragen worden war. Kurz nach diesem Treffen erhält Bristow zu seiner Verblüffung plötzlich die Erlaubnis, für weitere Nachforschungen in die Sowjetunion einzureisen - denn für die Geheimdienste dreier Länder, die auf das Gold scharf sind, ist klar: Wenn jemand den Schatz aufstöbern kann, dann Harry Bristow. Diese drei Länder aber sind die UdSSR, die USA und Israel...

Brian Garfield, ein enger Freund des Krimiautors Don Westlake, den er in den 60er-Jahren, während seiner Zeit in New York City, kennen gelernt hatte, verliess die Stadt 1979 und bezog Wohnsitz in Kalifornien. Heute lebt er mit seiner zweiten Frau Bina in Pasadena, Kalifornien, und Santa Fé, New Mexico.

Bibliografie:
Paul Benjamin-Romane: 'Death Wish' - 'Ein Mann sieht rot' (auch unter den Titeln 'Der Vigilant oder ein Mann sieht rot' und 'Ein Mann sieht rot oder der Vigilant', 1972), 'Death Sentence' - 'Ein Mann dreht durch' (1975);
Trooper Sam Watchman-Romane: 'Relentless' - 'Der bessere Indianer' (1972), 'The Threepersons Hunt' - 'Einer gegen Threepersons' (1974);
'The Hit' - 'Das Weisse im Auge der Mafia' (auch unter dem Titel 'Der rosa Cadillac', 1970), 'The Villiers Touch' (1970), 'Deep Cover' (1971), 'What of Terry Conniston?' - 'Ein Tropfen Blut im Sand' (1971), 'Line of Succession' (1972), 'Gangway!' - 'Bahn frei für eine Fuhre Gold' (gemeinsam mit Donald Westlake', 1973), 'Kolchak's Gold' - 'Das Gold der Zaren' (1973), 'The Romanov Succession' (1974), 'Hopscotch' - 'Hopscotch' (auch unter dem Titel 'Freitod durch fremde Hand' (1975), 'Recoil' - 'Nicht aktenkundig' (1977), 'Necessity' (1988), 'The Marksman' (2003).
Als John Ives: 'Fear in a Handful of Dust' (auch unter dem Titel 'Fear', 1978; später als Brian Garfield unter dem Titel 'Fleshburn', 1984), 'The Marchand Woman' (1979).
Als Drew Mallory: 'Target Manhattan' (1975).
Als Frank O'Brian: 'The Rimfire Murders' (1962).

++ Erstellt: August 2011 ++  


Gash, Jonathan

(Pseudonym für John Grant, *1933; schreibt auch als Graham Gaunt und Jonathan Grant)

John Grant wurde in Bolton, Lancashire, geboren und wuchs dort in einer vielköpfigen Arbeiterfamilie auf. Er studierte Medizin an der University of London und am Royal College of Surgeons and Physicians und arbeitete nebenher für einen Antiquitätenhändler im Londoner East End. Seinen Militärdienst absolvierte er als Offizier des britischen Sanitätscorps. 1955 vermählte er sich mit der Krankenschwester Pamela Richard, die drei Töchter, Alison, Jacqueline und Yvonne, zur Welt brachte. In den frühen 60er-Jahren arbeitete er als Pathologe in Hannover und Berlin, ehe ihn ein Lehrauftrag an die Universität von Hongkong führte. Von 1971 bis 1988 war er Leiter des mikrobiologischen Instituts der Schule für Hygiene und tropische Medizin an der University of London, anschliessend privat praktizierender Fachmann für Infektions- und Tropenkrankheiten. Nach seiner Pensionierung liess er sich mit seiner Frau in der Nähe von Colchester, Essex, nieder, um sich ganz auf das Verfassen von Spannungsliteratur zu konzentrieren.

Mitte der 70er-Jahre erweckte der Autor seinen Helden Lovejoy (kein Mister, kein Vorname, einfach Lovejoy) zum Leben, einen zynischen, mit allen Wassern gewaschenen, etwas schmuddeligen und stets abgebrannten Antiquitätenhändler, Frauenverführer und Hobbydetektiv aus dem ländlichen Essex, der (zusammen mit seinem trinkfesten Kumpel, dem "Aufreisser" Tinker Dill) immer wieder in haarsträubende Verbrechen verwickelt wird - eine höchst eigenständige Figur ("Antiquitäten, Frauen und mein persönliches Überleben - das sind die einzigen Interessen, die ich pflege"). Rasante Handlungsführung, sprühender Witz und die Schrullen des Ich-Erzählers machen die 24-teilige Reihe zu einem höchst vergnüglichen Leseerlebnis. Die Romane wurden für das Fernsehen adaptiert und von 1986 bis 1994 durch die BBC in 71 kommerziell sehr erfolgreichen Folgen ausgestrahlt, Ian McShane spielte die Hauptrolle.

Auf Deutsch sind nur die drei ersten Titel erschienen. Band Eins, 'Lovejoys Duell', dreht sich um die legendären Flintlock-Pistolen, die im 18. Jahrhundert bei Duellen zum Einsatz kamen - und von denen es nur ganz wenige Exemplare gibt. Jetzt ist der Besitzer eines dieser Waffenpaare ermordet worden, im Auftrag dessen Bruders soll Lovejoy die abhanden gekommenen Flintlocks aufspüren - ein äusserst brenzliges Unterfangen, das für den furchtlosen Antiquar beinahe tödlich endet.

Im dritten Lovejoy-Roman 'Lovejoys Gral' behauptet ein altes Paar (der geniale Fälscher Reverend Henry Swan und seine Lebensgefährtin Martha Cookson), den Heiligen Gral zu besitzen - die wertvollste Antiquität der Welt. Keiner glaubt den beiden Halunken. Doch dann gibt Swan bei einer Explosion den Löffel ab, und Lovejoy begibt sich auf die Suche nach dem Gral.

Gash veröffentlichte überdies fünf düstere Thriller um die Krankenhausärztin Dr. Clare Burtonall, die ab dem dritten Roman von ihrem Ehemann, einem zwielichtigen Geschäftsmann, geschieden ist, und ihren Sidekick und Lover, einen jungen Prostituierten namens Bonn, die historische (mit Jonathan Grant gezeichnete) Trilogie 'The Mehala of Sealandings' sowie fünf Einzelwerke, zuletzt 'Preddy Boy' im Jahr 2013.

Bibliografie:
Lovejoy-Serie: 'The Judas Pair' - 'Lovejoys Duell' (auch unter den Titeln 'Schuldlos schuldig' und 'Der Schuss aus dem Nichts', 1977), 'Gold from Gemini' (auch unter dem Titel 'Gold by Gemini') - 'Lovejoys Gold' (1978), 'The Grail Tree' - 'Lovejoys Gral' (1979), 'Spend Game' (1980), 'The Vatican Rip' (1981), 'Firefly Gadroon' (1982), 'The Sleepers of Eden' (1983), 'The Gondola Scam' (1983), 'Pearlhanger' (1985), 'The Tartan Ringers' (auch unter dem Titel 'The Tartan Sell', 1986), 'Moonspender' (1986), 'Jade Woman' (1988), 'The Very Last Gambado' (1989), 'The Great California Game' (1990), 'The Lies of Fair Ladies' (1992), 'Paid and Lovin Eyes' (1993), 'The Sin Within Her Smile' (1993), 'The Grace in Older Women' (1995), 'Possessions of a Lady' (1996), 'The Rich and the Profane' (1999), 'A Rag, a Bone, and Hank of Hair' (1999), 'Every Last Cent' (2001), 'The Word Game' (2003), 'Faces in the Pool' (2008);
Dr. Clare Burtonall-Serie: 'Different Women Dancing' (1998), 'Prey Dancing' (1998), 'Die Dancing' (2000), 'Bone Dancing' (2002), 'Blood Dancing' (2006);
Einzelwerke: 'The Year of the Woman' (2004), 'Finding Davey' (2005), 'Bad Girl Magdalene' (2007), Preddy Boy' (2013).
Als Graham Gaunt: 'The Incomer' (1981).

++ Erstellt: März 2016 ++  


Gault, William Campbell

(1910-1995; schrieb auch als Roney Scott und Will Duke)

William Campbell Gault, geboren in Milwaukee, Wisconsin, studierte an der University of Wisconsin und war danach mehrere Jahre als Hotelier in seiner Heimatstadt tätig. In dieser Zeit, 1932, heiratete er Virginia, mit der er zwei Kinder hatte. 1935 gewann er einen Kurzgeschichten-Wettbewerb, was ihn dazu brachte, weitere Stories zu verfassen und sich ab 1937 ganz aufs Schreiben zu konzentrieren. In den 30er- und 40er-Jahren verfasste er rund dreihundert Stories (Kriminal-, Sciencefiction- und Sportgeschichten, aber auch romantische und erotische Geschichten) für verschiedene Pulp- und Softporno-Magazine, anschliessend, nach dem Zusammenbruch des Pulp-Marktes, Krimis für Erwachsene und Sportromane für Jugendliche. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er zwei Jahre bei der Infanterie diente, zog er in den District Pacific Palisades, Los Angeles. 1958 bezog er Wohnsitz in Santa Barbara, Südkalifornien, und war dort ein Nachbar und enger Freund des Krimiautors Ross Macdonald. Er starb 85-jährig in Santa Barbara.

Aus Gaults 31 Romane umfassendem Kriminalwerk sind fünf Titel ins Deutsche übertragen worden. Vier von ihnen drehen sich um Brock "The Rock" Callahan, einen gut aussehenden, muskelbepackten Ex-Footballspieler und Privatdetektiv aus Los Angeles, der über grossen Mut und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt. Seine Kundschaft kommt zumeist aus der besseren Gesellschaft der schillernden Metropole. Er hat eine feste Freundin, die Innendekorateurin Jan Bonnet, die er später heiraten wird. Nach sieben Bänden unterbrach Gault die Serie zu Gunsten seiner Jugendbücher, doch knapp zwanzig Jahre später kehrte ein gereifter Brock Callahan für sieben weitere Romane zurück.

Gaults zweite Reihe handelt von dem italienisch-stämmigen, der Unterschicht entstammenden, wie Callahan in Los Angeles wirkenden Privatschüffler Joe Puma, einem harten Burschen mit vornehmlich halbseidenen Auftraggebern. In 'The Cana Diversion' kommt Puma gewaltsam ums Leben, und Callahan - die beiden Detektive sind sich in den letzten Jahren einige Male über den Weg gelaufen - übernimmt die Aufklärung des Falls.

Rasante Handlungsführung, sorgfältige Skizzierung von Milieus (oft Kunst- und Sportszenen), Haupt- und Nebenfiguren und detailreiche Schilderungen der Nachkriegszeit in einem von Dekadenz geprägten Los Angeles waren die Markenzeichen des bereits kurz nach seinem Tod in Vergessenheit geratenen Autors.

Bibliografie:
'Don't Cry For Me' (1952), 'The Bloody Bokhara' (auch unter dem Titel 'The Bloodstained Bokhara', 1952), 'The Canvas Coffin' (1953), 'Blood on the Boards' (1953), 'Run, Killer, Run' (1954), 'Sqaure in the Middle' (1956), 'Phantom' (1957), 'Death Out of Focus' - 'Todeshauch Nr. 263' (1959), 'The Sweet Blonde Trap' (1959);
Brock Callahan-Serie: 'Ring Around the Rosa' (auch unter dem Titel 'Murder in the Raw') - 'Rosa unter den Geranien' (1955), 'Day of the Ram' (1956), 'The Convertible Hearse' - 'Die Todeslimousine' (1957), 'Come Die With Me' - 'Komm stirb mit mir' (1959), 'Vein of Violence' - 'Geld und Gewalt' (1961), 'County Kill' (1962), 'Dead Hero' (1963), 'The Bad Samaritian' (1982), 'The Cana Diversion' (1982), 'Death in Donegal Bay' (1984), 'The Dead Seed' (1985), 'The Chicano War' (1986), 'Cat and Mouse' (1988), 'Dead Pigeon' (1992);
Joe Puma-Serie: 'Shakedown' (als Roney Scott, 1953), 'End of a Call Girl' (auch unter dem Titel 'Don't Call Tonight', 1958), 'Night Lady' (1958), 'Sweet Wild Wench' (1959), 'The Wayward Widow' (1959), 'Million Dollar Tramp' (1960), 'The Hundred Dollar Girl' (1961), 'The Cana Diversion' (1982).
Als Will Duke: 'Fair Prey' (1956).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Geason, Susan

(*1946)

Susan Geason, geboren im australischen New Norfolk, Tasmanien, aufgewachsen in Queensland, studierte Geschichte und Politik an der University of Queensland und erwarb einen Masters in Politischer Theorie an der University of Toronto, Kanada, wo sie mehrere Jahre lebte und arbeitete. Danach liess sie sich in Sydney nieder. Sie war politisch und journalistisch tätig und schrieb Ende der 80er-Jahre eine Reihe von Handbüchern über Verbrechensverhütung, bevor sie 1990 als Schriftstellerin debütierte.

Neben ihren Beiträgen zum Krimigenre gibt Geason Jugendromane, Essays und Sachbücher für Jugendliche und Erwachsene heraus. Darüber hinaus arbeitete sie von 1992 bis 1997 als Literaturredakteurin des Wochenmagazins 'Sun-Herald' in Sydney und erwarb 2005 mit einem Roman über die Feministin Mary Taylor einen Doktortitel in Kreativem Schreiben an der University of Queensland. Sie lebt in Sydney und ist seit 2005 vornehmlich als Kinderbuchautorin tätig.

Privatdetektiv Syd Fish aus Sydney, gescheiterter Journalist und gefeuerter Regierungsberater, ein scharfzüngiger und zynischer Beobachter seiner Umgebung, unterstützt durch seine alte Freundin, die populäre Journalistin Lizzie Darcy, steht im Mittelpunkt der Kurzgeschichtensammlung 'Fish im Trüben' und der nachfolgenden Romane 'Fish vor die Hunde' und 'Haifischfutter'. Für ihren dritten, 2001 beendeten Syd Fish-Roman 'Hook, Line and Sinker' hat Geason keinen Verleger gefunden - er ist seit 2007 im Internet abrufbar.

In Geasons Einzelwerk 'Buschfeuer' duelliert sich Rachel Addison, Polizeipsychologin und einziges weibliches Mitglied der Mordkommission Sydney, mit einem brutalen Sexualmörder.

Bibliografie:
Syd Fish-Serie: 'Shaved Fish' - 'Fish im Trüben' (1990), 'Dogfish' - 'Fish vor die Hunde' (1991), 'Shark Bait' - 'Haifischfutter' (1993);
'Wildfire' - 'Buschfeuer' (1995).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Geeraerts, Jef

(Kürzel für Jozef Adriaan Anna Geeraerts, 1930-2015)

Jef Geeraerts wurde als Spross einer gutbürgerlichen Familie in der flandrischen Stadt Antwerpen geboren und besuchte dort das französischsprachige Jesuitengymnasium 'Onze Lieve Vrouwecollege'. Nach dem Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Kolonial-Hochschule in Antwerpen und dem Militärdienst als Fallschirmjäger in Deutschland war er während sechs Jahren stellvertretender Verwalter im Äquatorbezirk Buma von Belgisch-Kongo. 1954 heiratete er Josée Swaelen und hatte mit ihr drei Kinder, die in Belgisch-Kongo zur Welt kamen. Im Jahr 1960, als das Land am 30. Juni seine Unabhängigkeit erlangte, wurde er bei Unruhen schwer verwundet und kehrte daraufhin nach Belgien zurück.

In seinem engen und kühlen Heimatland fand sich Geeraerts lange Zeit nur schwer zurecht, er sehnte sich nach Afrika, fand keine Arbeit und trennte sich von seiner Familie. 1962 schrieb er sich in der Freien Universität Brüssel ein, um Deutsche Sprache zu studieren, und begann nebenbei zu schreiben. Sein Brot verdiente er sich als Zeitungsredakteur und Übersetzer. 1968 gelang ihm der literarische Durchbruch mit 'Black Venus', dem ersten Band der so genannten Gangrän-Reihe, die sich mit seinem ausschweifenden Leben in Belgisch-Kongo auseinandersetzt und in Belgien einen Skandal auslöste - das Buch wurde wegen "Pornografie und Rassismus" von einem Staatsanwalt beschlagnahmt und auf den Index gesetzt.

Jef Geeraert ist einer der bedeutendster Krimiautoren Belgiens, aber auch einer der schärfsten Kritiker des Landes bzw. dessen Regierung, der er vorwirft, dass sie sich mit korrupten Politikern arrangiert und Skandale mit allen, auch illegalen Mitteln totschweigt. Sein Werk enthält zahlreiche Romane (vorwiegend Krimis), Erzählungen, Reisereportagen, Hörspiele und Theaterstücke. Er lebte mit seiner zweiten Frau, der Modeschöpferin Eleonore Vigenon, in der Nähe von Gent, wo er 85-jährig starb.

Geeraerts' 1980 erschienener Krimi 'Die Coltmorde', eine Mischung aus Polit- und Polizeiroman mit detailversessenen Schilderungen der Ermittlungen, ist im Jahr 1990 angesiedelt. Belgien untersteht einem totalitären Regime, die Rijkswacht ist mit dem BKA, dem FBI und Interpol vernetzt, und über die Bürger werden umfassende Fichen angelegt. Im Mittelpunkt steht der aufstrebende 36-jährige Kapitein-Commandant Willy Velge, der dem Rijkswacht-Distrikt Gent vorsteht. Der verheiratete Vater eines Sohnes ist ein überaus eitler, von einem unberechenbaren Sexualtrieb gequälter Superbulle, der die Frauen hasst und sie sich deshalb unterwirft. Jetzt leitet er die Fahndung in drei scheusslichen, offenbar miteinander zusammenhängenden Mordfällen - eine promiskuitive Witwe, ein pensionierter Rijkswachtgeneral und ein schwuler Grundschullehrer sind die Opfer, und der Sohn des Generals scheint in die Verbrechen verwickelt zu sein. Als die düsteren Geheimnisse der Generalsfamilie ans Licht zu kommen drohen, greift die Rijkswacht mit gnadenloser Härte durch - das Leben derer, die die Wahrheit ahnen, hängt jetzt an einem seidenen Faden.

Auch in seinem Spätwerk 'Der Generalstaatsanwalt' befasst sich Geeraerts mit Machtmissbrauch, Vertuschung und Korruption im belgischen Staat. Es ist die satirisch gefärbte, mit Anspielungen auf die Marc Dutroux-Affäre gespickte Geschichte eines narzisstisch gestörten Machtmenschen: Des alternden, trotz seiner zwielichtigen Vergangenheit sich für unantastbar haltenden Generalstaatsanwalts zu Antwerpen namens Albert Savelkoul, der mit seiner bigotten adeligen Gattin Amandine seit Jahren nur noch schriftlich verkehrt und sich mit Louise eine junge und teure, leider aber untreue Geliebte hält. Sein Verhängnis naht, als Amandine sich an die skrupellose, macht- und geldgierige katholische Organisation "Opus Die" wendet, damit diese ihre beiden Söhne, jedoch keinesfalls den Ehemann, nobilitieren lässt. Dem einen Haufen Geld witternden Orden ist nun jedes Mittel recht, um Savelkoul in Misskredit zu bringen - immer enger windet sich die Schlinge windet um den Hals des fast schon Mitleid erweckenden Staatsanwalts.

Bibliografie:
Gangrän-Romane: 'Black Venus' - 'Im Zeichen des Hengstes' (1968), 'De Goede Mordenaar' (1972), 'Het Teken van de Hond' (1975), 'Het Zevende Zegel' (1977).
'Ik ben maar een neeger' (1962), 'Schroot' (1963), 'Zonder clan' (1965), 'Het verhaaö van Matsombo' - 'Scharlatan auf heisser Erde - die Geschichten des Grégoire-Désiré Matsombo' (1966), 'Dood in Bourgondie' (1976), 'Kodiak' .58' (1979), 'De Coltmoorden' - 'Die Coltmorde' (1980), 'Jagen' (1981), 'Diamant' (1982), 'Drugs' (1983), 'De trap' (1984), 'De zaak Alzheimer' (1985), 'Het Sigmaplan' (1986), 'Romeinse Suite' (1987), 'Zand' (1988), 'Sanpaku' - 'Sanpaku' (1989), 'Double-face' - 'Double Face' (1990), 'Z 17' (1991), 'Het Rashomon-complex' (1992), 'De Cu Chi chase' (1993), 'De nachtvogels' (1994), 'Goud' (1995), 'De PG' - 'Der Generalstaatsanwalt' (1998), 'De Ambassadeur' (2000), 'Dossier K.' - 'Codex K.' (2002), 'Geld' (2004), 'Cro-Magnon' (2006).

++ Erstellt: Dezember 2012 ++
++ Update: Oktober 2016 ++
 


Gill, B.M.

(Kürzel für Barbara Margaret Gill, 1921-1995; schrieb auch als Margaret Blake und Barbara Gilmour)

B.M. Gill kam in Holyhead, der grössten Stadt der nordwalisischen Insel Holy Island, Grafschaft Anglesey, als Tochter eines irischen Seemanns und einer aus Wales stammenden Mutter auf die Welt. Sie besuchte die Klosterschule 'Le Bon Sauveur' in Holyhead und danach das Redland College in Bristol, ehe sie eine Stelle als Sekretärin der Leuchtturmbehörde Trinity House in Holyhead antrat. Mit 21 Jahren heiratete sie einen Mann namens Trimble und hatte mit ihm einen Sohn, Roger, doch die Ehe war von kurzer Dauer. Als allein erziehende Mutter arbeitete sie zuerst vier Jahre als selbständige Podologin und danach vierzehn Jahre als Grundschullehrerin. In dieser Zeit schrieb sie ihre ersten Radioscripts und Kurzgeschichten sowie, als Margaret Blake, eine Reihe von romantischen Spannungsromanen, die sich recht gut verkauften. 1977 kehrte sie auf die Inselgruppe Anglesey zurück, nahm wieder ihren Mädchennamen an und begann eine Laufbahn als Krimiautorin. Ihr Werk enthält (neben den acht mit Margaret Blake gezeichneten, nicht auf Deutsch vorliegenden Romantik-Thrillern) die Trilogie um Detective Chief Inspector Tom Maybridge und sechs Einzelwerke, darunter 'Der zwölfte Geschworene' und 'Herzchen', ihre bekanntesten Beiträge zur Kriminalliteratur.

'Der zwölfte Geschworene' behandelt den spektakulären Mordfall Carne. Der charismatische Fernsehmoderator Edward Carne wird angeklagt, seine Frau ermordet zu haben, und im Londoner Old Bailey treten zwölf Geschworene zusammen, um ein Urteil zu fällen. Carnes Tochter Frances könnte ihren Vater entlasten, doch sie ist spurlos verschwunden, und die Verhandlung scheint auf einen Schuldspruch hinauszulaufen. Einer der Geschworenen, der arbeitslose Journalist Robert Quinn, verfügt jedoch über Insider-Wissen, denn bei ihm ist Frances untergekrochen. Und Quinn hält Carne für unschuldig.

Der Zweite Weltkrieg tobt, und England wird durch den "Blitz" gelähmt, als Zanny Moncrief, sechs Jahre alt und bildhübsch, ihren Stiefbruder, den kleinen Quälgeist Willie, aus dem Weg räumt und wenig später mit Willies siebenjähriger Schwester Dolly dasselbe versucht. Zannys selbstbetrügerischen, heuchlerischen Eltern versorgen ihre Tochter zur Sicherheit in einem katholischen Internat, und alles scheint sich zum Guten gewendet zu haben, bis das Mädchen mit fünfzehn für den viel älteren Klostergärtner Murphy zu schwärmen beginnt und ihre Konkurrentin, die Turnlehrerin Bridget, um die Ecke bringt. Gills schwarzhumoriger Krimi 'Herzchen' ist die Geschichte einer frechen, unbekümmerten Mörderin - das Produkt einer zutiefst verlogenen Gesellschaft, die nur ihr eigenes Wohl im Sinn hat.

DCI Maybridge, verheiratet mit der Restaurationsexpertin Meg, Vater eines erwachsenen Sohnes, ist ein sympathischer, recht emotionaler Ermittler; ein beleibter Brillenträger, dessen stechender Blick bei Verhören gefürchtet ist. Der erste, im Krankenhausmilieu spielende Band 'Othellos letzte Probe' sticht heraus. Er kreist um den renommierten Neurochirurgen Paul McKendrick, in dessen unmittelbaren Umfeld drei Sexualmorde geschehen - zu den Opfern gehören seine Tochter Maggie, eine angehende Krankenschwester, und seine Lebensgefährtin Harriet Brand, die Leiterin der Anästhesie. Der Taten verdächtigt wird der im Klinikarchiv angestellte Hobby-Violinist George Webber, Ehemann der seit zwei Jahren querschnittgelähmten Sue. Sue wurde damals erfolglos von McKendrick operiert und hat seither keinen Sex mehr mit ihrem Mann - sind die Delikte Racheakte eines frustrierten (sich bei den ersten Befragungen denkbar ungeschickt aufführenden) Mannes? Wichtige Rollen spielen aber auch Maybridges rüpelhafter und testosteron-gesteuerter Kollege Detective Sergeant Stannard, dessen liebenswerte, wenn auch reichlich naive Frau Tessa, die eng mit Sue befreundet ist, sowie Rachel Gray, die auf Rache sinnende Schwester des ersten Mordopfers, der auf McKendricks Abteilung tätigen Krankenschwester Sally. Scharfsinnig und kunstvoll entwirft die Autorin präzise Psychogramme ihrer Protagonisten.

Bibliografie:
'Target Westminster' - 'Zündstoff für das Parlament' (1977), 'Death Drop' - 'War es nicht eigentlich doch nur ein Unfall?' (auch unter dem Titel 'Blind in den Tod', 1979), 'The Twelfth Juror' - 'Der zwölfte Geschworene' (1984), 'Nursery Crimes' - 'Herzchen' (1986), 'Dying to Meet You' - 'Nocturno für eine Hexe' (1988), 'Time amd Time Again' - 'Die Zeit danach' (1989);
Detective Chief Inspector Tom Maybridge-Serie: 'Victims' (auch unter dem Titel 'Suspect') - 'Othellos letzte Probe' (1980), 'Seminar for Murder' - 'Seminar für Mord' (1985), 'The Fifth Rapunzel' (1991).
Als Margaret Blake: 'Stranger at the Door' (1967), 'Bright Sun, Dark Shadow' (1968), 'The Rare and the Lovely' (1969), 'The Elusive Exile' (1971), 'Courier to Danger' (1973), 'Flight from Fear' (1973), 'Apple of Discord' (1975), 'Walk Softly and Beware' (1977).

++ Erstellt: Oktober 2010 ++
++ Update: Juni 2013 ++
 


Giovanni, José

(Pseudonym für Joseph Damiani, 1923-2004)

José Giovanni, geboren in Paris als Spross korsischer Eltern (der Vater war ein international bekannter Pokerspieler, während die Mutter das Roulette-Spiel bevorzugte), aufgewachsen dort und in der französischen Bergwelt, in Tours bei Chamonix, wo seine Familie ein kleines Hotel gepachtet hatte, absolvierte das Lycée Janson-de-Sailly in Paris, blieb dann jedoch ohne Berufsabschluss. Er arbeitete zeitweise im elterlichen Betrieb, daneben als Holzfäller und Bergführer, und war aktives Mitglied der Résistence, bis er kurz vor Kriegsende inhaftiert wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Giovanni nach Paris zurück und geriet unter dem Einfluss seines Onkels, seines älteren Bruders und von Gefängnis-Kumpanen schon bald auf die schiefe Bahn. Als bei einem missglückten Einbruch drei Personen ums Leben kamen, wurde er zum Tod verurteilt, auf Betreiben seines Vaters jedoch nach bangen Zeiten begnadigt. Während des gut zehnjährigen Gefängnisaufenthalts begann er zu schreiben. Im Dezember 1956 kam er auf freien Fuss.

Giovanni veröffentlichte 22 Romane (darunter etliche Romanfassungen seiner Drehbücher), 33 Drehbücher und die Erinnerungsbände 'Il avait dans le coeur des jardins introuvables' (1995) und 'Mes grandes gueules' (2002) und setzte sich darüber hinaus als Regisseur für Film ('La rapace', 'Dernier domicile connu', 'La scoumoune', 'Deux hommes dans la ville', 'Le Gitan', 'Le Ruffian') und Fernsehen in Szene.

Höhepunkte seines schriftstellerischen Schaffens sind die atmosphärisch dichten Gangsterballaden 'Der zweite Atem' ('Le deuxième souffle', von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle des Gangsters Gu Minda verfilmt), und 'Das Ende vor Augen' aus der so genannten Gangster-Trilogie sowie der von eigenen Erlebnissen inspirierte Gefängnisausbruch-Roman 'Das Loch'. Den Politthriller 'Wölfe unter sich' verfasste er gemeinsam mit dem bei uns unbekannten Autor Jean Schmitt.

Ehrenkodex und Treue, Rache und Verrat sind die zentralen Themen in Giovannis schlakenlosen, von einer melancholischen Stimmung durchdrungenen Spannungsromanen, deren sich am Rand der Gesellschaft bewegende Hauptpersonen ihr Leben nicht selten unter der Guillotine aushauchen - die Erinnerungen an die Todeszelle, in der er lange Monate verbracht hatte, verfolgten Giovanni ein Leben lang.

'Der zweite Atem' ist Giovannis bester Krimi. Er kreist um drei eindrucksvoll gestaltete Hauptfiguren: Gustave Minda, genannt Gu, ein müder, gealteter, im Milieu trotzdem noch immer hoch angesehener Gangster italienischer Herkunft, ein einsamer Wolf, der nach mehrjähriger Haft aus dem Gefängnis ausbricht und danach, als er sich in Paris nicht mehr zurechtfindet, in Marseille untertaucht, um noch einmal gross abzuräumen; seine alte Freundin und zeitweilige Geliebte Simone Dubreuil, genannt Manouche, eine grossherzige 40-jährige femme fatale mit feuerroten Haaren, die in Paris einen Nachtclub betreibt; und Gu Mindas kluger, mit allen Wassern gewaschener Gegenspieler Kommissar Blot.

José Giovanni, der die Alpen wie seine Westentasche kannte, lebte seit 1969 abgeschieden und zufrieden in dem Walliser Bergdorf Marécotte, in einem Chalet mit dem Namen 'Le deuxième souffle'. Er starb 80-jährig in einem Lausanner Krankenhaus an den Folgen einer Hirnblutung.

Bibliografie:
Gangster-Trilogie: 'Le deuxième souffle' (ursprünglich unter dem Titel 'Le règlement de comptes') - 'Der zweite Atem' (1958), 'Classe tous risques' - 'Das Ende vor Augen' (1958), 'L'excommunié' (auch unter dem Titel 'La scoumoune') - 'Der Gangster-Boss' (1958);
'Le trou' - 'Das Loch' (1957), 'Histoire de fou' (1959), 'Les aventuriers' (1960), 'Le haut-fer' (1962), 'Ho!' (1964), 'Meurtre au sommet' - 'Aufstieg ohne Wiederkehr' (1964), 'Les ruffians' - 'Der Rammbock' (1969), 'Mon ami le traître' (1977), 'Le musher' - 'Wettlauf mit dem Tod' (1978), 'Les loups entre eux' - 'Wölfe unter sich' (gemeinsam mit Jean Schmitt, 1982), 'Un vengeur est passé' (1984), 'Le tueur du dimanche' (1985), 'Tu boufferas ta cocarde' (1987), 'La mort du poisson rouge' (1996), 'Le prince sans étoile' (1998), 'Les chemins fauves' (1999), 'Les gosses d'abord' (2001), 'Comme un vol de vautours' (2003), 'Le pardon du grand Nord' (2004).

++ Erstellt: Februar 2013 ++  


Giovinazzo, Buddy

(*1957)

Buddy Giovinazzo, geboren und aufgewachsen in Staten Island, New York City, als Spross einer italienischen Einwandererfamilie, studierte Kino an der City University of New York und arbeitete danach lange Jahre als Filmdozent an der School of Visual Arts in Manhattan und an der City University of New York. Daneben verfasste er Drehbücher und drehte Independent-Filme, Musik-Videos, einen Dokumentarstreifen und Beiträge zu den deutschen Fernsehserien 'Polizeiruf 110' und 'Tatort'. Mitte der 90er-Jahre begann er mit der Schriftstellerei. Sein Werk enthält den Erzählband 'Cracktown' (1995) und vier harte Kriminalromane. Verheiratet mit Gesine Giovinazzo Todt, pendelt er zwischen Los Angeles und Berlin.

'Broken Street' erzählt die Geschichte des namenlosen Ich-Erzählers, eines in den dreckigen New Yorker Gettos herumhängenden jugendlichen Aussenseiters (Mutter tot, Vater dem Alkohol verfallen) - von seiner kurzen, hoffnungsloser Laufbahn, die ihn vom kleinkriminellen Drogenkonsumenten zum Kokain-Dealer führt und die in einen brutal geführten Bandenkrieg ausufert, bei dem die Cops nur Statisten sind.

'Potsdamer Platz', eine unerhört schnelle und blutrünstige Geschichte aus dem Berlin Mitte (ehemals Ostberlin) von 1995, dreht sich um die amerikanischen Mafiakiller Tony, dem Ich-Erzähler, und Hardy, einem pädophilen Psychopathen, die von ihrem Boss Riccardo Montefiore von New Jersey an die berühmteste Baustelle der 90er Jahre, den Potsdamer Platz, entsandt werden, um dem türkischen Bauunternehmer Yossario im rabiaten Krieg gegen die Konkurrenz mit amerikanischer Härte beizustehen, beziehungsweise selbst abzusahnen; eine Konkurrenz, die alte Stasi-Mitarbeiter und knallharte Russen im Rücken weiss. Doch Tony, dessen trostlose Jugendzeit in kurzen Rückblenden aufleuchtet, wird zu seinem eigenen Erstaunen von menschlichen Regungen heimgesucht, verliebt sich zwischen zwei Massakern in eine Berliner Studentin, versucht auszusteigen.

Bibliografie:
'Poetry and Purgatory' - 'Poesie der Hölle' (1996), 'On Broken Street' - 'Broken Street' (1998), 'Potsdamer Platz' - 'Potsdamer Platz' (2002; im Original bisher nicht erschienen), 'Caution to the Winds' - 'Piss in den Wind' (2011; im Original bisher nicht erschienen).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Juni 2013 ++
 


Godey, John

(Pseudonym für Morton Freedgood, 1912-2006; schrieb auch als Stanley Morton)

Morton Freedgood kam in Brooklyn zur Welt. Er studierte am City College of New York und an der New York University und diente im Zweiten Weltkrieg. Daraufhin arbeitete er einige Jahre als Berater für 'United Artists', '20th Century Fox', 'Paramounts' und andere Filmgesellschaften, bis er das Schreiben zu seinem Hauptberuf machte. Unter dem Pseudonym John Godey (nach 'Godey's Ladies Book', dem Titel einer Frauenzeitschrift aus dem 19. Jahrhundert) verfasste er von 1947 bis 1984 vierzehn Kriminalromane sowie eine Vielzahl von Kurzgeschichten und Artikeln für Magazine wie 'Cosmopolitan', 'Collier's' und 'Esquire'. 1974 kam seine Autobiografie 'The Crime of the Century and Other Misdemeanors' heraus. Freedgood war mit der Künstlerin Lillian verheiratet und hatte eine Tochter, Laura. Er starb 93-jährig in seinem Haus in West New York, New Jersey.

Godeys bekanntestes (dreimal verfilmtes) Prosawerk ist der satirische, mit schnellen Schnitten und zahlreichen Perspektivenwechseln erzählte Thriller 'Abfahrt Pelham 1 Uhr 23', in dem vier Schmalspurgangster - der Ex-Söldner Ryder, der ehemalige U-Bahnfahrer Longman, Joe Welcome (eigentlich Giuseppe Benvenuto), ein früherer Mafia-Schläger, und der einfältige Muskelmann Steever - mitten in New York City eine U-Bahn entführen. Sie nehmen die 16 Passagiere und den Fahrer als Geiseln, fordern eine Million Dollar und drohen, den ersten Fahrgast zu töten, wenn sie das Geld nicht innert einer Stunde erhalten. In wichtigen Nebenrollen: Detective Chief Inspector Daniels vom NYPD, Fahrdienstleiter Frank Correll, Leutnant Clive Prescott von der Bahnpolizei, der junge Undercover-Cop Tom Berry, der sich zufällig unter den Geiseln befindet, und der New Yorker Bürgermeister, der die Gangster mit vagen Versprechen abspeist, während die Polizei augenscheinlich nicht viel von Verhandlungen hält.

Zwei Romane kreisen um den New Yorker Fernsehschauspieler Jack Albany. Im ersten Band 'The Reluctant Assassin' (die deutsche Übersetzung ist mit dem Titel 'Lieber feig als kalt im Sarg' verunstaltet), einer recht witzigen Verballhornung des Genres des Gangsterromans, wird Albany mit dem berüchtigten Auftragskiller Ace Williams aus San Francisco verwechselt: Er soll für den Gangsterboss und Hobbymaler Joe Smooth zwei Cops umlegen, während dieser seinen 10 Millionen-Coup, die Entführung des Bürgermeisters, durchzieht. Als wenig später der echte Ace in New York auftaucht, hängt Albanys Leben an einem seidenen Faden - seine schauspielerisches Fähigkeiten sind jetzt gefragt wie nie zuvor.

Unter seinem angestammten Namen veröffentlichte Freedgood 1957 den nicht dem Krimigenre zugehörenden Roman 'The Wall-to-Wall-Trap', zehn Jahre zuvor, gemeinsam mit seinem Bruder Stanley und gezeichnet mit Stanley Morton, den Abenteuerroman 'Yankee Trader'.

Bibliografie:
'The Gun and Mr. Smith' (1947), 'The Blue Hour' (auch unter den Titel 'Killer at His Back' und 'The Next to Die') - 'Die blaue Stunde' (1948), 'The Man in Question' (auch unter dem Titel 'The Blonde Betrayer', 1951), 'This Year's Death' - 'Der Tod des Jahres' (1953), 'The Clay Assassin' (1959), 'The Fifth House' (1960), 'The Three Worlds of Johnny Handsome' - 'Die drei Geschichten des Johnny Handsome' (1972), 'The Taking of Pelham One Two Three' - 'Abfahrt Pelham 1 Uhr 23' (1973), 'The Talisman' (1976), 'The Snake' - 'Der tödliche Biss' (1978), 'Nella' (1981), 'Fatal Beauty' (1984);
Jack Albany-Romane: 'The Reluctant Assassin' (auch unter dem Titel 'A Thrill a Minute with Jack Albany') - 'Lieber feig als kalt im Sarg' (1966), 'Never Put Off Till Tomorrow What You Can Kill Today' (1970)

++ Erstellt: November 2012 ++  


Goines, Donald

(1937-1974; schrieb auch als Al C. Clark)

Das Leben des Afroamerikaners Donald Goines war kurz und dreckig: Geboren am 15. Dezember 1937 in Detroit, Michigan, als Spross einer hart arbeitenden Mittelklasse-Familie, die dort ein kleines Kleiderreinigungsunternehmen besass, aufgewachsen als Bruder einer älteren und einer jüngeren Schwester, besuchte Donald Goines eine katholische Grundschule. Im Alter von knapp fünfzehn trat er mit gefälschten Papieren der US Air Force bei. Er nahm in Japan am Koreakrieg teil und kehrte mit achtzehn als Heroin-Junkie nach Detroit zurück. In den folgenden 15 Jahren arbeitete er als Fabrikarbeiter, Lastwagenfahrer, Zuhälter, Buchmacher und Falschspieler, Delikte wie Diebstahl, Schwarzbrennerei und bewaffneter Raubüberfall führten jedoch immer wieder zu Aufenthalten im Jackson State Prison und anderen Gefängnissen. Er verbrachte insgesamt 6.5 Jahre im Knast – und dort begann er Ende der 60er-Jahre zu schreiben. Nach seiner letzten Haftstrafe verbrachte er zwei Jahre in Los Angeles, bis ihn das Heimweh wieder nach Detroit trieb. Am 21. Oktober 1974 wurden er und seine Frau Shirley aus unklaren Gründen in ihrer Wohnung in Detroit erschossen – man sprach von einem missglückten Drogendeal. Goines hinterliess offenbar mehrere Kinder von verschiedenen Müttern, darunter eine Tochter von Shirley.

Obwohl Goines zeitlebens nie vom Heroin wegkam, war er ein recht disziplinierter und vor allem extrem flinker Autor. Beeinflusst durch das Werk von Iceberg Slim, dem er Anfang der 70er-Jahre während seines Aufenthalts in Los Angeles begegnet war, verfasste er in seinen letzten fünf Lebensjahren nicht weniger als 16 Bücher - autobiografisch geprägte, in einer rohen, ungeschliffenen Sprache erzählte, in den schwarzen Slums von Detroit, Los Angeles oder New York angesiedelte Romane um soziale Aussenseiter jeder Couleur. 'Daddy Cool' mit dem Killer Larry Jackson alias "Daddy Cool“ als Hauptfigur ist sein berühmtestes Werk.

Den rabiaten, wuchtigen, kurz nach Ende der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung spielenden Fünfteiler um Kenyatta zeichnete Goines mit dem Pseudonym Al C. Clark, dem Namen eines Freundes. Kenyatta, genannt Ken (Vorbild ist der afrikanische Freiheitskämpfer Jomo Kenyatta, der "Vater von Kenya“), ist der Führer einer militanten schwarzen Organisation in Detroit, die sich zum Ziel gesetzt hat, die amerikanischen Gettos von Drogen und Prostitution zu säubern und alle rassistischen weissen Polizisten aus dem Verkehr zu ziehen. Kenyattas härteste Gegner sind die integren, eng miteinander befreundeten Cops Ryan (weiss) und Benson (schwarz) von der Detroiter Mordkommission. Zu Beginn des vierten Bandes 'Kenyattas Flucht‘ fliegt Kenyattas Club im Norden Detroits auf, die Polizei rückt mit Panzern gegen Kenyattas Trainingsfarm vor und richtet ein Massaker an. Mit seiner mordlustigen Frau Betty und seinen treuesten Anhängern, alle bis an die Zähne bewaffnet, begibt sich der “Gettofürst“ auf die Flucht. Er kapert ein Flugzeug, doch an Bord kommt es zu einer Schiesserei, und die Bande muss in der Nähe von Las Vegas notlanden. Am Ende der wilden Geschichte sind fast alle Mitglieder der Organisation tot oder im Knast – doch Kenyatta und Betty können untertauchen und dann eine neue, noch besser trainierte und noch gefährlichere Truppe aufbauen, diesmal in Los Angeles, und sind schon bald wieder im Geschäft; allerdings nur für kurze Zeit, denn im nachfolgenden (besten, vielschichtigsten) Roman 'Kenyattas letzter Hit‘ legt sich Kenyatta mit der mächtigsten Drogenorganisation der Vereinigten Staaten an - und beisst ins Gras.

Mit über 5 Millionen verkauften Büchern war Donald Goines (der Begründer des "Ghetto Realism“) ein kommerziell erfolgreicher, wenn auch von der Kritik verschmähter Schriftsteller, der in den 80er- und 90er-Jahren bei afroamerikanischen Hiphoppern und Rappern ein Revival erlebte und bis heute der meist gelesene Romancier in amerikanischen Gefängnissen sein soll. Es gibt mehrere Goines-Biografien, z.B. 'Donald Writes No More‘ (Eddie Stone, 1974) und 'Low Road: The Life and Legend of Donald Goines‘ (Eddie B. Allen Jr., 2004).

Bibliografie: br>'Dopefield‘ - 'Bestie Heroin' (1971), 'Whoreson‘ (1972), 'Black Gangsters‘ (1972), 'Black Girl Lost‘ (1972), 'Street Players‘ (1973), 'White Man’s Justice, Black Man’s Grief‘ (1973), 'Daddy Cool‘ (1974), 'Eldorado Red‘ (1974), 'Never Die Alone‘ (1974), 'Swamp Man‘ (1974), 'Inner City Hoodlum‘ (1975).
Als Al C. Clark: Kenyatta-Serie: 'Crime Partners‘ - 'Kenyatta schlägt zu' (1974), 'Death List‘ - 'Kenyattas Todesliste' (1974), 'Cry Revenge!‘ (1974), 'Kenyatta‘ Escape‘ - 'Kenyattas Flucht' (1974), 'Kenyatta’s Last Hit‘ - 'Kenyattas letzter Hit' (1975).

++ Erstellt: November 2011 ++  


Goldman, William

(*1931; schreibt auch als Harry Longbaugh und Simon Morgenstern)

Geboren und aufgewachsen in Highland Park bei Chicago als Spross einer jüdischen Familie, studierte William Goldman am Oberlin College, Ohio, und dann an der Columbia University, New York, mit einem Masters-Abschluss 1956. Er hatte bereits fünf Romane und (gemeinsam mit seinem älteren Bruder, dem Bühnen- und Drehbuchautor James Goldman) drei Broadwaystücke verfasst, als ihm Ende der 60er-Jahre der grosse Durchbruch als Drehbuchautor ('Butch Cassidy and the Sundance Kid', 'All the Presidents Man', 'Absolute Power' usw.) gelang.

Goldmans weitaus bekanntester Krimi ist (nicht zuletzt aufgrund der Verfilmung, zu der er auch das Drehbuch beisteuerte) 'Der Marathon-Mann' - die Szene, in der ein alter Nazi dem Langstreckenläufer "Babe" ein Loch in den Zahn bohrt, bleibt fest im Gedächtnis haften.

Neben seinen Drehbüchern und vier Krimis schrieb Goldman ein Kinderbuch, Essays, Sachbücher, Hollywood-Memoiren ('Adventures in the Screen Trade', 1983), Sciencefiction-, Fantasy- und andere Romane, teilweise unter den Pseudonymen Simon Morgenstern und Harry Longbaugh (dem angestammten Namen des legendären Sundance Kid). Er lebt in Manhattan und hat zwei Töchter aus seiner 1991 nach dreissig Jahren geschiedenen Ehe mit Ilene Jones.

'Der Marathonmann', ein temporeicher Thriller mit überraschenden Wendungen, erzählt die Geschichte des Historikers Thomas Babington "Babe" Levy, der in New York an seiner Doktorarbeit arbeitet und jeden Tag für seinen Traum, einen Sieg in einem Marathonlauf, trainiert. Unter tragischen Umständen verwaist, vergöttert er seinen zehn Jahre älteren Bruder Henry, den er "Doc" nennt und von dem er glaubt, er sei im Öl-Business reich geworden. Doch dann wird Doc von einem kahlen, stiernackigen Mann mit dem Messer aufgeschlitzt - und verblutet kurz danach in Babes Armen.
Der Täter ist ein hochintelligenter und brandgefährlicher Nazi-Zahnarzt namens Szell, der in Auschwitz als Mengeles Protegé jüdische Gefangene um ihre Diamanten brachte, nach dem Krieg in Lateinamerika untertauchte, die Diamanten jedoch in einem New Yorker Schliessfach zurückliess und jetzt in die USA zurückkehrt ist, um seine Beute in Bargeld umzuwandeln. Und Szell vermutet, dass der sterbende Doc seinen Bruder noch über die Bedeutung der Diamanten aufklären konnte, denn Doc war nicht Geschäftsmann, sondern, unter dem Decknamen Scylla, Mitglied einer amerikanischen Geheimorganisation, der "Division", die für Szell Kurierdienste leistete und dafür mit Informationen über den Verbleib gesuchter Nazi-Schergen entschädigt wurde. Babe wird in die Enge getrieben und gefoltert (Zahnarztszene!), weiss nicht mehr, wem er trauen kann - und entwickelt ungeahnte Lauf- und Kampfkräfte.

Zwölf Jahre später überraschte Goldman seine Leser mit 'Die Brüder', einer Art Fortsetzung seines Erfolgsromans (die beiden Bücher haben jedoch nur wenig miteinander zu tun) - und Scylla weilt wieder unter den Lebenden: Er konnte nach der Messerattacke des Nazis in letzter Sekunde gerettet werden, und die Chirurgen formten ihn zu einem perfekten Instrument der Geheimdienste: Sie entfernten seine Fingerkuppen, veränderten seine Stimmbänder und verpasstem ihm ein neues Gesicht. Danach versteckte ihn die "Division" jahrelang auf einer einsamen Insel - doch jetzt wird er reaktiviert, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Babe Levy, inzwischen glücklich mit der schönen und hoch begabten Forscherin Melissa verheirateter Geschichtsprofessor an der Columbia University, ist diesmal nur in einer peripheren Rolle involviert.
'Die Brüder' ist ein geschickt gebauter, aus vielen Perspektiven erzählter und an gewalttätigen Szenen reicher Krimi, in dem eine Gruppe von fanatischen Geheimagenten und Wissenschaftlern eine neue, von Grossbritannien beherrschte Weltordnung anstrebt - ein doch eher wirklichkeitsfernes Szenario (oder nimmt Goldman das Genre des Superagententhrillers auf die Schippe?). Eine schockierende Pointe beschliesst den Roman.

Bibliografie:
'No Way to Treat a Lady' - 'So behandelt man keine Dame' (1964), 'Heat' (auch unter dem Titel 'Edged Weapons') - 'Fieber' (1985);
Babe & Doc-Romane: 'Marathon Man' - 'Der Marathon-Mann' (1974), 'Brothers' - 'Die Brüder' (1986).

++ Erstellt: März 2011 ++


Goodis, David

(1917-1967)

David Goodis wurde als Sohn jüdischer Eltern in Philadelphia, Pennsylvania, geboren. Er hatte zwei jüngere Brüder, von denen einer mit drei Jahren an einer Hirnhautentzündung starb. Nach dem Abschluss an der Simon Gratz High School und einem Abstecher an die University of Indiana in Bloomington studierte er bis 1938 Journalismus an der Temple University in Philadelphia. Es folgte eine kurze Zeit als Texter in einer Werbeagentur.

1939 ging Goodis nach New York City und verfasste in den folgenden drei Jahren unter mehreren Pseudonymen Radioserien (unter anderem 'Hop Harrigan' und 'Superman'), Hörspiele und vor allem unzählige Detektiv-, Horror-, Western- und Kriegsgeschichten für die einschlägigen Pulp-Magazine, aber auch seinen ersten Roman 'Retreat from Oblivion' (kein Krimi). 1942 bezog er Wohnsitz in Los Angeles und heiratete im Oktober 1943 die gleichaltrige, ebenfalls aus Philadelphia kommende Möchtegern-Schauspielerin Elaine Astor, doch die (geheim gehaltene) Ehe hielt nicht lange: Elaine verliess Goodis nach knapp einem Jahr, die Scheidung folgte im Januar 1946 - die gescheiterte Beziehung zu Elaine sollte Goodis' Frauenbild für den Rest seines Lebens prägen.

Nach der Trennung von Elaine erlebte Goodis eine wüste, nicht sehr erfolgreiche Zeit in Hollywood. Er besass zwar einen gut dotierten 6-Jahres-Vertrag mit Warner Brothers, schrieb eine Handvoll Drehbücher, und auch seine nebenher betriebene Schriftstellerei kam nicht zu kurz; nachts aber trieb er sich vornehmlich auf der Strasse und in den übelsten Kneipen und Nachtklubs herum und wurde immer wieder in Schlägereien verwickelt. Für ein paar Dollar Monatsmiete schlief er auf dem Sofa seines Freundes, des Anwalts Allen Norkin, dessen alte Kleider er trug und blau färbte, wenn sie verblichen waren (Goodis' Geiz war legendär).

1950 kehrte Goodis ins Elternhaus zurück, um seinen geistig kranken Bruder Herbert zu betreuen, seine Eltern finanziell zu unterstützen und seiner Tätigkeit als Krimiautor neuen Schwung zu verleihen - und auch hier, in Philadelphia, suchte er immer wieder die gefährlichsten Gegenden und Lokale auf.

Der Tod seiner Eltern (der Vater starb 1963, die Mutter 1966), aber auch ein langwieriger Rechtsstreit mit zwei TV-Stationen (es ging um die erfolgreiche Fernsehserie 'The Fugitive', die laut Goodis auf seinem ersten Krimi 'Dark Passage' basierte) schlug ihm dermassen aufs Gemüt, dass er sich in eine psychiatrische Klinik einweisen liess. Wenig später, mit knapp fünfzig, starb er im Albert Einstein Medical Center an den Folgen eines Hirnschlags, der vermutlich durch Faustschläge ausgelöst worden war. 1984 publizierte der Franzose Philippe Garnier Goodis' Biografie 'Goodis: La Vie en Noir et Blanc'. (Wie andere amerikanische Noir-Autoren - zu nennen sind Chester Himes und Jim Thompson - erhielt auch Goodis in Frankreich mehr Anerkennung als in seiner Heimat.)

David Goodis, "The Poet of the Losers", dem das Schreiben die Psychotherapie ersetzte, gehört zu den Säulenheiligen des Schwarzen Romans. Von 1946 bis 1967 veröffentlichte er siebzehn schmutzige und düstere Geschichten über gebrochene Menschen, die zumeist den unteren Schichten entstammen und deren Schicksal oft bereits besiegelt ist, bevor der letzte Kampf beginnt; über Menschen auf der Flucht, die fast immer mit dem Tod endet. Schauplatz von 'Dark Passage' ist San Francisco, alle anderen Krimis sind in Philadelphia angesiedelt. Elf seiner Werke wurden verfilmt.

'Messer im Blick' ist eine faszinierende Mischung aus Roman noir und psychologischer Studie. Im Mittelpunkt steht eine selbstsüchtige und hinterhältige, ihre Mitmenschen manipulierende und ins Verderben reissende Frau namens Clara - die Inkarnation des Bösen. Der Bankangestellt George Ervin, Vater einer 19-jährigen Tochter, seit dem frühen Tod seiner lieben Frau ein vereinsamter, grüblerischer Mann ohne Selbstwertgefühl, lernt die üppig gebaute Clara kennen, als sie in einem Drugstore als Kassiererin arbeitet, und heiratet sie nach kurzer Zeit - sein Leben wird zur Hölle.

'Am Ende der Nacht' dreht sich um Nat Harbin, der, frisch verliebt in eine schöne, reiche Frau, am liebsten seine Arbeit als Berufseinbrecher quittieren würde. Doch dann erschiessen Harbins Kumpel Baylock und Dohmer nach einem grossen Coup drei Polizisten, geben dabei den Löffel ab - und Harbin kann sich der Verantwortung für die 20-jährige Kindfrau Ghadden, das vierte Mitglied der Bande, nicht entziehen; denn Ghadden ist die Tochter von Gerald, der vor vielen Jahren Harbins Lehrmeister war, bis er bei einem Einbruch erschossen wurde.

'Der Mond in der Gosse' - weniger ein Krimi als eine unsäglich traurige Erzählung über die Überlebens- und Geschlechterkämpfe sozialer Aussenseiter in den Slums einer Grossstadt - sieht den impulsiven 35-jährigen Dockarbeiter Bill Kerrigen im Mittelpunkt. Vor sieben Monaten wurde seine sanftmütige Schwester Catherine vergewaltigt, worauf sie sich mit einer rostigen Klinge den Hals aufschnitt und auf der Strasse verblutete. Etwas ziellos macht er sich auf die Suche nach dem Täter - hat Bills jüngerer Bruder Frank, der sich in der Gosse langsam zu Tode säuft, seine kleine Schwester auf dem Gewissen? Die Geschichte spielt sich fast ausschliesslich an drei Orten ab: In der schäbigen, von hoffnungslosen Säufern und abgewrackten Weibern frequentierten Kneipe Dugans Den, dem heruntergekommen Haus der Kerrigens, in dem auch Bills fauler Vater Tom und die heissblütigen Frauen Lola, Toms Liebhaberin, und Lolas Tochter Bella, die auf Bill scharf ist, wohnen - und auf der Vernon Street, der Strasse der Verlorenen, auf der Catherine ihrem Leben ein Ende gesetzt hat.

In 'Schiessen Sie auf den Pianisten' erzählt Goodis die Geschichte des einst erfolgreichen Konzertpianisten Eddie. Eddie verdient sich seinen Lebensunterhalt nunmehr als Klimperer in einem schäbigen Bierschuppen. Er möchte seine Vergangenheit vergessen und mit seinen beiden kriminellen Brüdern möglichst wenig zu tun haben. Doch eines Tages taucht sein von Verbrechern gejagter und verwundeter Bruder Turley in der Kneipe auf, bittet Eddie um Hilfe, und Eddie gerät in Not.

Goodis' Spätwerk 'Wenn die Nacht vergeht' handelt von dem kleinen Ex-Polizisten Corey Bradford, der seine Dienstmarke abgeben musste, weil er sein Gehalt mit Schutzgeldern aufgebessert hatte. Seitdem hängt er in den Strassen und Kneipen von Philadelphia herum und schüttet Gin in seinen Schlund - bis er eher zufällig in ein äusserst gefährliches Abenteuer schlittert: Als er eines Nachts dem Gangsterboss Grogan aus der Klemme hilft, zeigt sich dieser erkenntlich und heuert ihn als Ermittler an. Kurz darauf tauchen auch Bradfords ehemalige Polizeikollegen wieder auf, um ihn für einen Undercover-Job zu reaktivieren. Corey Bradford, ein abgebrühter, längst aller Illusionen beraubter Verlierertyp, nimmt die Herausforderung an - und überlebt.

Bibliografie:
'Dark Passage' - 'Die schwarze Natter' (auch unter dem Titel 'Dark Passage. Die schwarze Natter', 1946), 'Nightfall' (auch unter den Titeln 'Convicted' und 'The Dark Case') - 'Die Nacht bricht an' (auch unter dem Titel 'Nightfall. Die Nacht bricht an', 1947), 'Behold this Woman' - 'Messer im Blick' (1947), 'Of Missing Persons' - 'Die Täuschung' (1950), 'Cassidy's Girl' - 'Cassidys Mädchen' (1951), 'Of Tender Sin' (1952), 'Street of the Lost' - 'Strasse der Barbaren' (1952), 'The Burglar' - 'Am Ende der Nacht' (1953), 'The Moon in the Gutter' - 'Der Mond in der Gosse' (1953), 'Black Friday' - 'Begräbnis auf besonderen Wunsch' (auch unter dem Titel 'Schwarzer Freitag', 1954), 'Street of no Return' - 'Strasse ohne Wiederkehr' (1954), 'The Blonde on the Street Corner' (1954), 'The Wounded and the Slain' (1955), 'Down There' (auch unter dem Titel 'Shoot the Piano Player') - 'Schiessen Sie auf den Pianisten' (auch unter dem Titel 'Schüsse auf den Pianisten', 1956), 'Fire in the Flesh' - 'Feuer in der Nacht' (1957), 'Night Squad' - 'Wenn die Nacht vergeht' (1961), 'Somebody's Done For' (1967).

++ Erstellt: Dezember 2010 ++  


Gores, Joe

(Kürzel für Joseph Nicholas Gores, 1931-2011)

Geboren in Rochester, Minnesota, studierte Joe Gores bis 1951 Englische Literatur an der University of Notre Dame in South Bend, Indiana. Nach der Militärdienstzeit machte er 1961 einen Magister im selben Fach an der Stanford University. Danach arbeitete er unter anderem als Lastwagenfahrer, Fitnesstrainer, auf dem Rummelplatz, als Englischlehrer in Kenia und zuletzt zwölf Jahre als Privatdetektiv und Repo-Mann für zwei Agenturen in San Francisco. In seiner Freizeit schrieb er Kurzgeschichten, die er jedoch geraume Zeit nicht an die Pulp-Magazine verkaufen konnte, und Biografien von Pentagon-Generalen. 1967 quittierte er den Detektivjob, um sich dem Krimi zuzuwenden. Später, zwischen 1978 und 1986, verfasste er fast ausschliesslich Drehbücher für das Fernsehen ('Columbo', 'B. L. Stryker, 'Kojak', 'Magnum P.I.', 'Mike Hammer' und 'Remington Steele'), vereinzelt auch für das Kino.

Joe Gores, ein enger Freund des 2008 verstorbenen Krimiautors Donald Westlake, lebte mit seiner zweiten Frau Dori Corfitzen, die er 1976 geheiratet hatte, in San Anselmo in der San Francisco Bay Area. Am 10. Januar 2011, exakt fünfzig Jahre nach seinem grossen Vorbild Dashiell Hammett, mit dem er zwei Berufe (Privatdetektiv und Autor) teilte und dem er den grossartigen Krimi 'Hammett' widmete, starb Gores 79-jährig im Marin General Hospital in Greenbrace. Neben seiner Frau Dori hinterliess er einen Stiefsohn und eine Stieftochter.

Gores' Krimi '32 Cadillacs' gehört zur zwölf Kurzgeschichten und sechs Romane umfassenden Serie um die berüchtigten Repoleute der Dan Kearney Associates (DKA) aus San Francisco. (Repoleute beschlagnahmen Fahrzeuge, Stereoanlagen usw., wenn deren Besitzer mit den Raten in Verzug geraten sind.) Kearneys schräge Truppe - den harten Kern bilden (neben dem verheirateten Familienvater Kearney) Patrick Michael O'Bannon, genannt O.B., ein gerissener Ire, der seit 25 Jahren im Geschäft ist, die junge Schönheit Giselle Marc, die Büroleiterin, die sich auch im Aussendienst wacker schlägt, und die Youngsters Larry Ballard, ein Muskelprotz mit einem brauenen Gürtel in Karate, und Bart Heslip, ein schwarzer Ex-Boxer - versucht hier mit allen Mitteln, nicht weniger als 32 von einem gewieften Roma-Clan ergaunerte Luxus-Cadillacs zurückzuholen, doch die Roma-Leute sind fast ebenso clever, durchtrieben, kreativ und intrigierfreudig wie die Jungs und Mädels der DKA. '32 Cadillacs' ist ein überaus frecher und komischer Roman, aber auch eine Hommage an die "echte" DKA - die (nicht mehr existierenden) David Kikkert & Associates, für die Gores einst ins Feld zog. Alle Geschichten der DKA-Serie beruhen auf Fällen, mit denen sich der Autor in dieser Zeit auseinandergesetzt hat.

Das 1975 erschienene Einzelwerk 'Hammett', eine raffinierte Mischung aus Noir-Roman und Biografie, angereichert mit zahlreichen Anspielungen auf Dashiell Hammetts Romanwerk, spielt im San Francisco des Jahres 1928, während der Prohibition, als organisierte Kriminalität die Stadt beherrscht. Der ehemalige Pinkerton-Detektiv Hammett arbeitet - getrennt von Frau und Kindern - an seinen legendären Kriminalromanen, als sein Freund und ehemaliger Arbeitskollege Vic Atkinson, der einem Korruptionsfall bei der Polizei auf der Spur ist, brutal ermordet wird. Dash Hammett, trickreich und hart gesotten, stellt Schreibmaschine und Schnapsflasche in die Ecke und begibt sich auf seinen Rachefeldzug.

Auch Gores' letzter Krimi 'Spade & Archer' aus dem Jahr 2009 nimmt Bezug auf Dashiell Hammett: er ist der Vorläufer von Hammetts 'Der Malteser Falke' und dreht sich um den Privatdetektiv Sam Spade, seinen (zu Beginn von 'Der Malteser Falke' ermordeten) Partner Miles Archer und dessen Frau Iva, und auch die Cops Dundy und Polhaus und Spades Anwalt Sid Wise sind zu Gast.

Bibliografie:
'A Time of Predators' - 'Die Leichenmacher' (auch unter dem Titel 'Der Killer in dir', 1969), 'Interface' - 'Interface' (auch unter dem Titel 'Der Stoff, aus dem die Morde sind', 1974), 'Hammett' - 'Dashiell Hammetts letzter Fall' (auch unter dem Titel 'Hammett', 1975), 'Come Morning' - 'Runyan's Coup' (1986), 'Wolf Time' - 'Die Rache des Jägers' (1989), 'Dead Man' - 'Der Mann aus dem Totenreich' (1993), 'Menaced Assassin' (1994), 'Cases' (1998), 'Glass Tiger' (2006), 'Spade & Archer' (2009);
DKA-Serie: 'Dead Skip' - 'Zur Kasse, Mörder!' (1972), 'Final Notice' - 'Überfällig' (auch unter dem Titel 'Zahltag ist um sechs', 1974), 'Gone ,No Forwarding' - 'Unbekannt verzogen' (1978), '32 Cadillacs' - '32 Cadillacs' (1992), 'Contract Null and Void' (1996), 'Stakeout on Page Street' (Short Stories, 2000), 'Cons, Scams, and Grifts' (2001).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Januar 2011 ++
++ Update: Juni 2012 ++
 


Gorman, Ed

(1941-2016; schrieb auch als E.J. Gorman, Daniel Ransom, Robert David Chase und Richard Driscoll)

Ed Gorman verbrachte den weitaus grössten Teil seines Lebens in seiner Geburtsstadt Cedar Rapids, Iowa, mit Zwischenstops in Des Moines, Iowa, und Minneapolis, Minnesota. Er war zweimal verheiratet, zuerst sieben Jahre mit Cathleen Stevens, dann 34 Jahre bis zu seinem Tod mit der Kinderbuchautorin Carol Gorman Johnson, geborene Maxwell. Nach 23 Jahren bei einer Werbeagentur erfüllte er sich seinen Traum und wurde Schriftsteller. Sein Werk besteht aus Krimis, Western-, Abenteuer- und Horrorromanen, Comics, ungezählten Kurzgeschichten und Kritiken. Überdies war er Herausgeber von Erzählbänden und Mitbegründer des Magazins 'Mystery Scene'. Kurz vor seinem 75. Geburtstag erlag er in Cedar Hills einer langwierigen Krebserkrankung. Er hinterliess seine zweite Frau, seinen Sohn Joseph und seinen Stiefsohn Ben Johnson.

Gormans Serienhelden sind zumeist soziale Aussenseiter aus dem Mittleren Westen. Sam McCain führt als junger Anwalt im Iowa der 50er- und 60er-Jahre Ermittlungen für die reiche, exzentrische Richterin Esme Anne Whitney durch. Dev Conrad schlägt sich als Politberater in Chicago durch, Tobin als Filmkritiker und Hobbydetektiv in New York City. Der Ex-Cop Jack Dwyer arbeitet als Gelegenheitsschauspieler und Security-Mann in einer Kleinstadt in Iowa, Robert Payne als Profiler im selben Bundesstaat.

Ed Gorman erhielt von allen Seiten Lob für seine unaufgeregte, schwungvolle Erzählweise, seinen trockenen Humor und seine aus dem Leben gegriffenen Figuren, wurde hingegen für seine bisweilen etwas gesuchte Handlungsführung kritisiert.

Auf Deutsch ist einzig der erste der beiden Tobin-Romane unter dem Titel 'Der zweite Mann' erschienen. Tobin (Vorname unbekannt), ein klein gewachsener, rothaariger Filmkritiker mit überschäumendem Temperament, der bereits viermal verheiratet war, gerät arg in die Bredouille, als sein Berufskollege und Intimfeind Richard Dunphy erstochen wird, unmittelbar nachdem sich die beiden bei einer Talkshow vor laufender Kamera in die Haare geraten sind. Um seine Haut zu retten, begibt sich Tobin gleich selbst auf die Jagd nach dem Mörder - an Verdächtigen herrscht kein Mangel in der von Ehrgeiz, Geldgier, Eifersucht und heimlichen Affären getriebenen Welt des Fernsehens.

Bibliografie (nur Krimis):
Jack Dwyer-Serie: 'Rough Cut' (1985), 'New, Improved Murder' (1985), 'Murder Straight Up' (1986), 'Murder in the Wings' (1986), 'The Autumn Dead' (1987), 'A Cry of Shadows' (1990);
Tobin-Romane: 'Murder on the Aisle' - 'Der zweite Mann' (1987), 'Several Deaths Later' (1988);
Robert Payne-Serie: 'Blood Moon' (auch unter dem Titel 'Blood Red Moon', 1994), 'Hawk Moon' (1995),'‚Harlot's Moon' (1998), 'Voodoo Moon' (2000);
Sam McCain-Serie: 'The Day the Music Died' (1999), 'Will You Still Love Me Tomorrow' (2000), 'Wake Up Little Susie' (2001), 'Save the Last Dance for Me' (2002), 'Everybody's Somebody's Fool' (2004), 'Breaking Up Is Hard To Do' (2004), 'Fools Rush In' (2007), 'Ticket to Ride' (2009), 'Bad Moon Rising' (3022), 'Riders on the Storm' (2014);
Dev Conrad-Serie: 'Sleeping Dogs' (2008), 'Stranglehold' (2010), 'Blindside' (2012), 'Flashpoint' (2013), 'Elimination' (2015).
Einzelwerke: 'Graves' Retreat' (1989), 'The Poker Club' (1990), 'The Night Remembers' (1991), 'Night Kills' (1992), 'Cage of Night' (1992), 'Shadow Games' (1996), 'Daughter of Darkness' (1998), 'The Midnight Room' (2009).
Als A.J. Gorman: 'The Marilyn Tapes' (1995), 'The First Lady' (1996), 'Senatorial Privilege' (1997).

++ Erstellt: Dezember 2016 ++  


Gosling, Paula

(*1939; schreibt auch als Ainslee Skinner)

Paula Gosling, geborene Osius, kam in Detroit zur Welt und besuchte dort die Mackenzie High School und die Wayne State University mit einem Abschluss in Englisch 1962. Sie arbeitete dann zwei Jahre in einer Werbeagentur in ihrer Geburtsstadt, bis sie sich 1964 in England niederliess und dort fünfzehn Jahre als Werbeberaterin tätig war, zuerst fünf Jahre in London, anschliessend in Brighton. Mit ihrem ersten Mann Christopher Gosling hatte sie zwei Töchter, die Ehe zerbrach 1978 nach zehn Jahren. Ein Jahr nach ihrer Scheidung wählte sie ein Leben als freie Schriftstellerin.

Goslings auf drei Serien verteilte Protagonisten sind Matt Gabriel, Sheriff und Hobby-Philosoph aus Blackwater Bay, Michigan (so genannte Blackwater Bay-Serie, fünf Romane); Luke Abbott, Polizist in England (zwei Romane); und Lieutenant Jack Stryker von der Mordkommission der fiktiven Grossstadt Grantham in Michigan, liiert mit der schönen Englischprofessorin Kate Trevorne, der zwischen 1985 und 2002 dreimal als Hauptperson sowie einmal, im ersten Band der Blackwater Bay-Serie, als "Gast" zum Zuge kommt. Gosling hat überdies fünf Einzelwerke, ein paar Drehbücher und - unter dem Pseudonym Ainslee Skinner - den Sciencefiction-Roman 'Mind's Eye' zu Papier gebracht. Seit 2004 hat man nichts mehr von ihr gehört.

In Goslings klaustrophobischem Erstlingsroman 'Töten ist ein einsames Geschäft' gerät das Leben von Clare Randell, Cheftexterin einer Werbeagentur in San Francisco, nach der zufälligen Begegnung mit einem ihr unbekannten Mann jäh aus den Fugen, Anschläge werden auf sie verübt. Lieutenant Mike Malchek, ein von dunklen Kriegserinnerungen geplagter Vietnamveteran und Spezialist für Heckenschützen und gedungene Mörder, nimmt sich des Falles an, und setzt alles daran, den Attentäter, einen international gesuchten, immer mit neuen Masken operierenden Berufskiller, dem er seit Jahren auf den Fersen ist (und den Clare identifizieren könnte), aus der Reserve zu locken, ohne seinen Schützling in Gefahr zu bringen.

'Der Polizistenkiller', der stärkste Titel der Jack Stryker-Trilogie, dreht sich um einen Killer, der in kurzer Zeit - ohne ersichtliches Motiv und ohne Spuren zu hinterlassen - vier in verschiedenen Bezirken Granthams tätigen Polizisten mittels Kopfschuss das Licht ausbläst. Der temperamentvolle Draufgänger Jack Stryker und seine Truppe, bestehend aus dem athletischen, viel Wert auf einen gesunden Lebensstil legenden und regelmässig die Messe besuchenden Sergeant "Tos" Toscarelli, dem besonnenen, über eine grosse Portion Menschenkenntnis verfügenden Familienvater Sergeant Ned Pinsky und dem cleveren und sympathischen, wenn auch etwas grossspurig auftretenden Frauenhelden Detective Harvey Neilson, machen sich auf die schier aussichtslose Jagd nach dem Scharfschützen - in der Hoffnung, nicht das gleiche Schicksal wie ihre Kollegen zu erleiden. Als das nächste Opfer ein FBI-Agent ist, erhalten sie Verstärkung durch die verwirrend schöne Witwe Dana Marchant vom Justizdepartement, eine Workaholic, die sich nach einem Mann wie Stryker sehnt (derweil Kate auf einer Literaturtagung in England weilt und dort von einem attraktiven Autor umgarnt wird). Dann werden auch Stryker und Tos durch Schüsse schwer verletzt - ist der Täter in den Reihen der Polizei zu finden?

Bibliografie:
'A Running Durck' (auch unter den Titeln 'Fair Game' und 'Cobra') - 'Töten ist ein einsames Geschäft' (1978), 'The Zero Trap' - 'Die Falle im Eis' (1979), 'Loser's Blues' (auch unter dem Titel 'Solo Blues') - 'Mord in Concert' (1980), 'The Woman in Red' - 'Die Dame in Rot' (1983), 'Hoodwink' - 'Ein echtes Gaunerstück' (1988), 'Tears of the Dragon' (2004); Jack Stryker-Serie: 'Monkey Puzzle' - 'Tod auf dem Campus' (1985), 'Backlash' - 'Der Polizistenkiller' (1989), 'Ricochet' (2002);
Luke Abbott-Romane: 'The Wychford Murders' - 'Blut auf den Steinen' (1986), 'Death Penalties' - 'Alpträume' (1991);
Blackwater Bay-Serie: 'The Body in Blackwater Bay' - 'Leiche im Paradies' (1992), 'A Few Dying Words' - 'Das Spiel wird ernst' (1993), 'The Dead of Winter' - 'Die Leiche unterm Eis' (1995), 'Death and Shadows' - 'Im Schatten der Toten' (1998), 'Underneath Every Stone' (2000).

++ Erstellt: November 2010 ++  


Gough, Laurence

(*1943)

Laurence Gough wurde in Vancouver, British Columbia, geboren, wo er auch aufwuchs und vier verschiedene High Schools besuchte. Nach abgebrochenem Studium an der Simon Fraser University arbeitete er in so unterschiedlichen Berufen wie Müllmann, Strassenbauarbeiter, Buchhändler und Literaturkritiker. Von 1987 bis 2003 veröffentlichte er dreizehn in seiner Geburtsstadt angesiedelte Polizeiromane - die Jack Willows & Claire Parker-Serie. Darüber hinaus verfasste er den um ein CIA-Komplott im Nahen Osten kreisenden Politthriller 'Sandsturm' sowie rund fünfzig Radiodramen für die kanadische Rundfunkanstalt CBC.

In 'Bewegliche Ziele', dem ersten Band der Jack Willows & Claire Parker-Serie, versetzt ein Sniper Vancouver in Angst und Schrecken. Er trägt schrille Frauenkleider und eine schulterlange, platinblonde Perücke, benutzt "Chinese Red"-Lippenstift und durchlöchert mit seinem Winchester .460 Magnum-Gewehr reihenweise Menschen, die mit einer Ausnahme, dem Cop Dave Atkinson, Mitglied des selben Single-Clubs sind - ein haariger Fall für den routinierten Polizisten Jack Willows und seine neue Partnerin Claire Parker von der Mordkommission. Gough fesselt den Leser in seinem Debütroman mit kernigen Dialogen, geschickter Handlungsführung und einem überraschenden Finale.

Der von seiner Frau Jean getrennt lebende Familienvater Jack Willows und Claire Parker werden im Verlauf der Reihe ein Paar, wohnen zeitweise mit Jacks beiden Kindern Mickey und Laura unter einem Dach, heiraten gegen Ende der Serie und haben schliesslich zusammen einen Sohn.

Gough lebt mit seiner Frau, einer Anwältin, mit der er zwei Kinder hat, in seiner Heimatstadt und schreibt Krimikritiken für die 'Vancouver Sun'. Sein letzter Roman ist 2003 erschienen.

Bibliografie:
Jack Willows & Claire Parker-Serie: 'The Goldfish Bowl' - 'Bewegliche Ziele' (1987), 'Death on a No. 8 Hook' (auch unter dem Titel 'Silent Knives') - 'Die Tote am Haken' (1988), 'Hot Shots' - 'Der goldene Schuss' (1989), 'Serious Crimes' - 'Gefrorener Lotus' (1990), 'Accidental Deaths' - 'Jäger und Gejagte' (1991), 'Fall Down Easy' (1992), 'Killers' (1993), 'Heartbreakers' (1995), 'Memory Lane' (1997), 'Karaoke Rap' (1997), 'Shutterbug' (1998), 'Funny Money' (2000), 'Cloud of Suspects' (2003);
'Sandstorm' - 'Sandsturm' (1990).

++ Erstellt: September 2012 ++  


Goulart, Ron

(Kürzel für Ronald Joseph Goulart, *1933; schreibt auch als Josephine Kains, Howard Lee, Frank S. Shawn, Kenneth Robeson, Con Steffanson, Joseph Silva, Chad Calhoun, R.T. Edwards, Ian R. Jamieson, Jillian Kearny und Zeke Masters)

Ron Goulart wurde als Sohn eines portugiesischen Vaters und einer italienischen Mutter in der kalifornischen Stadt Berkeley geboren. Nach seinem Studium an der dortigen University of California arbeitete er in Werbeagenturen in San Francisco und Los Angeles, nebenbei verfasste er Kurzgeschichten für die Pulps und andere Magazine. 1964 heiratete er die Autorin Fran Sheridan, mit der er zwei Söhne, Sean und Steffan, hatte. Ende der 60er-Jahre liess er sich mit seiner Familie in Weston, Connecticut, nieder, um sich nun ganz dem Schreiben hinzuwenden.

Goularts Werk enthält vornehmlich humoristische Sciencefiction-Geschichten und -Romane und Comics, aber auch zehn Krimis und zahlreiche bedeutende Sachbücher, unter anderem über die Geschichte der Pulp-Magazine ('Cheap Thrills), über Privatdetektive ('The Hardbolied Dicks') und über die grossen Comic-Detektive der 30er-Jahre ('The Adventurous Decade'). Ferner "novellisierte" Goulart Drehbücher, Fernsehserien und Comicstrips. Er lebt mit seiner Frau im ländlichen Städtchen Ridgefield, Connecticut.

John Easy, Privatschnüffler aus Hollywood, ist die Hauptfigur in vier mit leichter Feder verfassten, von schrägen Vögeln bevölkerten Krimis und drei Kurzgeschichten, alle aus den 70er-Jahren. Er ist ein gross gewachsener, breitschultriger, etwas barscher Bursche Anfang dreissig mit einer Vorliebe für teure Sakkos und Rollkragenpullis, der mit seinem schwarzen 67er-VW vermisste Frauen aufspürt. In wichtigen Nebenrollen: Hagopian, ein ausgezeichnet vernetzter armenischer Playboy und TV-Autor, Lieutenant Alvin von der San Ignacio Police - und natürlich die Frauen.

Viel später, von 1998 bis 2005, veröffentlichte Goulart sechs Romane um zwei selbst ernannte Privatdetektive: Den berühmten Komiker Groucho Marx und den frisch verliebten Radioskriptautor und Ex-Polizeireporter Frank "Rollo" Denby, die im ersten Band 'Groucho Marx, Superdetektiv' im Los Angeles des Jahres 1937 dem als Suizid erklärten Tod des Starlets Peg McMorrow, mit dem Groucho einst eine Affäre hatte, auf den Grund gehen. Der Kriminalfall ist indes von untergeordneter Bedeutung - die Geschichte lebt von spritzigen Dialogen, Slapstick, frechen Pointen und Zitaten aus dem Werk der Marx Brothers.

Bibliografie:
John Easy-Serie: 'If Dying Was All' - 'Einsam nur ins letzte Bett' (1971), 'Too Sweet to Die' - 'Zu süss für den Sarg' (1972), 'The Same Lie Twice' - 'Für jeden Kuss zwei Lügen' (1973), 'One Grave Too Many' - 'Da fehlt was am Skelett' (1974).
Groucho Marx & Frank Denby-Serie: 'Groucho Marx, Master Detective' - 'Groucho Marx, Meisterdetektiv' (1998), 'Elementary, My Dear Groucho' (1999), 'Groucho Marx, Private Eye' (1999), 'Groucho Marx and the Broadway Murders' (2001), 'Groucho Marx, Secret Agent' (2002), 'Groucho Marx, King of the Jungle' (2005).

++ Erstellt: September 2012 ++  


Grady, James

(*1949; schreibt auch als James Dalton und Brit Shelby)

Geboren und aufgewachsen in Shelby, Montana, als Sohn eines Kino-Geschäftsführers und einer Buchhändlerin, studierte James Grady Journalistik an der University of Montana in Missoula. 1973 zog er nach Washington, D.C., wo er ein Jahr als Assistent und Berater in Gesetzgebungsfragen für Senator Lee Metcalf arbeitete - es war die Zeit nach Watergate. Anschliessend wurde er freischaffender Journalist, Krimi- und Drehbuchautor.

Bereits mit 25 Jahren gelang Grady ein grosser Wurf: 'Die 6 Tage des Condor', eine gelungene Mixtur aus 'Man-on-the-Run-Story' und Politthriller, vorzüglich verfilmt durch Sydney Pollak ('Three Days of the Condor') mit Robert Redford in der Hauptrolle. Es ist die Geschichte des CIA-Analytikers Ronald Malcolm mit dem Decknamen Condor, der bei der "Amerikanischen Gesellschaft für Literaturgeschichte", einer getarnten CIA-Aussenstelle, Thriller auswertet, um den Geheimdienst mit neuen Tricks zu versorgen. Als eines Tages während seiner Abwesenheit sämtliche Bürokollegen einem Anschlag zum Opfer fallen, taucht Condor unter. Erstmals auf freier Wildbahn, setzt er ungeahnte Kräfte frei und kommt den Drahtziehern eines ungeheuerlichen, bis in höchste Geheimdienstkreise reichenden Drogenschmuggel-Unternehmens immer näher.

Vierzig Jahre später, in 'Die letzten Tage des Condor', kehrt Condor als Romanheld zurück, nachdem er bereits in einigen Erzählungen und am Rand im Roman 'Mad Dogs' aufgetaucht ist. Nach den Geschehnissen im ersten Band zu einem erstklassigen verdeckt arbeitenden CIA-Agenten aufgestiegen, verlor Condor zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufgrund von traumatischen Erlebnissen den Verstand und wurde in ein geheimes Irrenhaus der CIA gesteckt. Jetzt ist er wieder auf freiem Fuss und arbeitet in der Library of Congress in Washington, wird jedoch weiterhin von Agenten des neu gegründeten (fiktiven) Supergeheimdienstes Home Security überwacht. Als er eines Abends in seinem Wohnzimmer einen dieser Agenten ermordet vorfindet, gerät er in grosse Not - es beginnt eine von Misstrauen und Paranoia beherrschte Hetzjagd kreuz und quer durch die amerikanische Hauptstadt. Grady erzählt die düstere Geschichte aus rasch wechselnden Perspektiven, spickt sie mit inneren Monologen, springt atemlos zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her - ein Meisterwerk.

Gradys Spionage-Epos 'Die Spinne im Labyrinth' dreht sich um den legendären Agenten Jud Stuart, einen abgebrühten Spezialisten für dreckige CIA-Aktionen ("Geheimkrieg" in Laos, Chile-Putsch, Iran-Contra-Affäre, Watergate-Skandal usw.), der, von Skrupeln gequält, dem Geheimdienst nach 25 Jahren den Rücken gekehrt hat, in der Folge zum Sicherheitsrisiko wird (er säuft zuviel und weiss zuviel) und deshalb liquidiert werden soll - ein tödliches Spiel nimmt seinen Lauf.

Grady hat ferner vier eher konventionelle Kriminalromane herausgegeben, in denen Detective Sergeant Devlin Rourje aus Baltimore bzw. der Privatdetektiv und Ex-Journalist John Rankin aus Washington, D.C., als Hauptpersonen auftreten.

James Grady lebt mit seiner Frau, der Journalistin, TV-Produzentin und ehemaligen Privatdetektivin Bonnie Goldstein, in einem ruhigen Vorort von Washington. Sie haben eine Tochter, die Filmemacherin Rachel Grady, und einen Sohn, Nathan.

Bibliografie:
Condor-Romane: 'Six Days of the Condor' (auch unter dem Titel 'Three Days of the Condor') - 'Die 6 Tage des Condor' (1974), 'Shadow of the Condor' - 'Der Schatten des Condor' (1975), 'Last Days of the Condor' - 'Die letzten Tage des Condor' (2015);
John Rankin-Romane: 'Runner in the Street' - 'Die Opfer der Macht' (1984), 'Hard Bargains' - 'Washington Blues' (1985);
Devlin Rourke-Romane: 'Razor Game' - 'Messerscharf' (1985), 'Just a Shot Away' - 'So weit die Kugel reicht' (1986);
Einzelwerke: 'Catch the Wind' (1980), 'Steeldown' (1988), 'River of Darkness' - 'Die Spinne im Labyrinth' (1991), 'Thunder' (1994), 'White Flame' (1996), 'Mad Dogs' (2006).
Als Brit Shelby: 'The Great Pebble Affair' (1976).
Als James Dalton: 'City of Shadows' (2000).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Juni 2013 ++
++ Update: Oktober 2015 ++

++ Update: Juni 2016 ++  


Grand, David

(*1967)

David Grand wurde in New York City geboren, wo er auch aufwuchs, und studierte an der New York University mit einem Master-Abschluss in Romanschreiben.

Sein belletristisches Debüt gab er 1998 mit 'Louse', einem aus Briefen, Memos, Aktennotizen und tagebuchartigen Berichten zusammengesetzten Schlüsselroman über den 1976 verstorbenen milliardenschweren Hollywood-Tycoon und Finanzjongleur Howard Hughes (im Buch: Herbert Horatio "Poppy" Blackwell) - der drogensüchtige, rassistische Paranoiker hatte sich Mitte den 60er-Jahre in eine hermetisch abgeriegelte Hotelsuite hoch über Las Vegas zurückgezogen, die er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen sollte. Erzählt wird die beklemmende Geschichte aus der Sicht von Blackwells Kammerdiener und Krankenpfleger Herman Q. Louse, der in dieser sterilen Welt sein bisheriges Leben vergessen, seine Identität aufgeben musste - und jetzt, kurz vor dem Tod seines Herrn, den Aufstand probt.

Grands zweiter Roman 'Körperfluchten' spielt in Long Meadow, in unmittelbarer Nähe einer fiktiven Metropole (Vorbild ist New York City), zwischen den beiden Weltkriegen: Die Prohibition ist aufgehoben, Drogenhandel, organisierte Kriminalität und Antikommunismus blühen auf, Gewerkschaftsrevolten fordern ihre Opfer, in Europa feiert der Nationalsozialismus erste Erfolge und Stalin zelebriert seine Schauprozesse. Vor dieser Kulisse wird der Weltkriegsveteran und Ex-Junkie Victor Ribe, der wegen eines nicht begangenen Doppelmordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, nach fünfzehn Jahren unter höchst seltsamen Umständen vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen; entlassen in eine graue, kalte Welt der Erpressung und Korruption, der Auftragsmorde und der politischen Intrige. Der figurenreiche, mit schnellen szenischen Schnitten und vielen Rückblenden erzählte Noir-Roman entlädt sich in einem apokalyptischen Finale.

Grand unterrichtet Kreatives Schreiben an der Fairleigh Dickinson University in New Jersey und lebt mit seiner Frau und den Zwillingssöhnen in Brooklyn.

Bibliografie:
'Louse' - 'Louse' (1998), 'The Disappearing Body' - 'Körperfluchten' (2002).

++ Erstellt: Januar 2013 ++  


Granger, Bill

(Kürzel für William Francis Granger, 1941-2012; schrieb auch als Joe Gash und Bill Griffith)

Bill Granger, ein renommierter, zweimal für den Pulitzer-Preis vorgeschlagener Journalist und Kolumnist aus Chicago, veröffentlichte von 1979 bis 1993 über zwanzig Krimis und (gemeinsam mit seiner Frau) drei Sachbücher. 1981 gewann er den "Edgar" für den besten Kriminalroman.

Geboren in Wisconsin Rapids, Wisconsin, aufgewachsen im Süden Chicagos, besuchte Granger die St. Ambrose Elementary School, danach das La Salle Institute in Bronzeville, Chicago, und schliesslich die DePaul University, ebenfalls Chicago, an der er die Uni-Zeitung herausgab und 1963 in Englisch abschloss. Während seiner Collegezeit arbeitete er als Laufjunge bei der 'Washington Post' und lernte dort seine zukünftige Frau kennen. Von 1963 bis 1966 war er Reporter für die Nachrichtenagentur 'UPI', danach für die 'Chicago Tribune'. 1969 wechselte er zur politisch links stehenden Tageszeitung 'Chicago Sun-Times', für die er neun Jahre Fernsehkritiken und Features verfasste. In dieser Zeit, 1971, ging er nach Irland, um für mehrere Zeitungen über den Bürgerkrieg zu berichten. Anschliessend wurde er freier Autor und (bis 1997) Kolumnist der 'Chicago Tribune', von 1994 bis 1999 schrieb er Artikel für den 'Chicago Daily Herold'.

In Grangers erster (1979 gestarterer) Serie kämpft Peter Devereaux, genannt November-Mann, als Agent der "R Section", einer fiktiven, 1961 ins Leben gerufenen Geheimdienstorganisation, gegen internationale Verschwörungen und Schurkereien. Devereaux, zu Beginn der Reihe Anfang fünfzig, war Professor für chinesische Geschichte an der Columbia University, bis er von der "Section R" angeworben wurde. Im ersten Band 'Der November Mann' wird er ins krisengeschüttelte Belfast entsandt, um einer fanatischen irischen Terrororganisation das Handwerk zu legen, die Lord Slough, den Vetter der Königin und reichsten Mann Englands, im Visier hat. Doch dann wird er selbst beinahe Opfer eines Mordanschlages, in seiner Abteilung scheint es eine undichte Stelle zu geben, und auch sein langjähriger Intimfeind Denisov vom KGB, die Konkurrenz von der CIA und die schöne Agentin Elisabeth Campbell machen ihm das Leben schwer.

Grangers zweite Reihe sieht Sergeant Terrence "Terry" Flynn und Detective Karen Kovac von der Chicagoer Mordkommission im Mittelpunkt. Terry Flynn, geschiedener Vietnamveteran Mitte dreissig, entstammt einer irischen Polizistenfamilie. Er ist der geborene Jäger und kann sich stets auf seine Instinkte und Eingebungen verlassen. Karen Kovac, blond und blauäugig, geschiedene Mutter eines kleinen Sohns, ist eine schnelle und kluge Frau Anfang dreissig mit polnischen Wurzeln. Die beiden werden im Fortgang des Vierteilers ein Liebespaar.

Im Verlauf des ersten Bandes 'Frauenmord in Chicago' wächst Terry Flynn langsam in die Hauptrolle der Reihe hinein. Karen Kovac wird gar erst in der Mitte dieses Romans eingeführt, als sie von der Streifenpolizistin zum Lockvogel und schliesslich zum Detective beim Morddzernat vorrückt. In der vielschichtigen, multiperspektivisch konzipierten Geschichte kommen auch der krebskranke Lieutenant Matt Schmidt und Jack Donovan, Leiter der Kriminalabteilung bei der Staatsanwaltschaft, zu eindrucksvollen Auftritten.

Von der dreibändigen Reihe um den ehemaligen Sportreporter und jetzigen Buchmacher Jimmy Drover aus Chicago und den drei Einzelwerken gibt es keine deutschen Übersetzungen.

Nach mehreren Hirnschlägen wurge Granger im Jahr 2002 in einem Veteranen-Heim in Montena, Illinois, untergebracht. Zehn Jahre später starb er dort im Alter von 70 Jahren. Er hinterliess seine Frau Lori, eine bekannte Journalistin und Autorin, mit der er 45 Jahre verheiratet war, und einen Sohn, Alec.

Bibliografie:
November Mann-Serie: 'November Man' - 'Der November-Mann' (1979), 'Schism' (1981), 'The Shattered Eye' - 'Das tödliche Auge' (1982), 'The British Cross' - 'Verräter-Poker' (1983), 'The Zurich Numbers' - 'Code Zürich 123567' (1984), 'Heminway's Notebook' - 'Hemingways Tagebuch' (auch unter dem Titel 'Revolte in der Karibik', 1986), 'There Are No Spies' - 'Allein und verraten' (1986), 'The Infant of Prague' (1987), 'Henry McGee Is not Dead' (1988), 'The Man Who Heard Too Much' (1989), 'League of Terror' (1990), 'The Last German' (1991), 'Burning the Apostle' (1993);
Terry Flynn & Karen Kovac-Serie: 'Public Murders' - 'Frauenmord in Chicago' (1980), 'Priestly Murders' - 'Priestermorde in Chicago' (ursprünglich als Joe Gash, 1984), 'Newspaper Murders' - 'Ein Mord für die Schlagzeilen' (ursprünglich als Joe Gash, 1985), 'The El Murders' - 'Mitten im Winter' (1987);
Jimmy Drover-Serie: 'Drover' (1991), 'Drover and the Zebras' (1992), 'Drover and the designated Hitter' (1994);
Einzelwerke: 'Sweeps' (1980), 'Queen's Crossing' (1982).
Als Bill Griffith: 'Time for Frankie Coolin' (1982).

++ Erstellt: September 2012 ++  


Gray, A.W.

(1940-2015; schrieb auch als Jeffrey Ames, Crosland Brown, Sarah Gregory und William Gray)

A(lbert) W(illiam) Gray, genannt Bill, wurde als Sohn eines Feuersteinhändlers und einer Hausfrau in Fort Worth, Texas, geboren und wuchs in der Nachbarstadt Dallas auf, wo er auch zur Schule ging und von 1957 bis 1962 Finanzwissenschaft an der Southern Methodist University studierte. Anschliessend arbeitete er beim US Forest Service in New Orleans und bei der General Services Administration in Dallas, seinen Lebensunterhalt finanzierte er allerdings vorwiegend mit Pokern. Darüber hinaus begleitete er den mit ihm befreundeten späteren Golf-Superstar Lee Trevino an Tournieren in Nord- und Lateinamerika.

Es folgte eine Zeit als Agent für drei Versicherungs-Gesellschaften, bis er sich 1970 in dieser Branche selbständig machte. Nach der Heirat mit der Reiseberaterin Martha Crosland im Jahr 1976 liess er sich in einem Vorort von Forth Worth nieder. Die Geburt der vier Kinder hinderte ihn nicht daran, seinen lustvoll verschwenderischen Lebensstil fortzusetzen und immer wieder die Spielkasinos von Las Vegas aufzusuchen.

Zu Beginn der 80er-Jahre entwickelte Gray ein sehr lukratives Postbetrugssystem, doch das FBI kam ihm schon bald auf die Schliche, er landete im Knast. Angestachelt durch Elmore Leonards Kriminalromane, mit deren Lektüre er sich die Zeit vertrieb, begann Gray während seines vierjährigen Aufenthalts im texanischen Big Springs Gefängnis zu schreiben - seine beiden ersten Bücher ('Bino' und 'Size') wurden kurz vor seiner Entlassung veröffentlicht, und als er im Jahr 1989 auf freien Fuss kam, war er bereits ein gefragter Autor.

Bino (Abkürzung von Albino) Phillips, ein weisshaariger Anwalt aus Dallas, ist Grays einzige Serienfigur: Ein hart gesottener, gerissener, muskelbepackter Zweimetermann mittleren Alters mit einer Vorliebe für schöne Frauen, schicke Klamotten, liberal gesinnte Politiker und zwielichtige Kundschaft, der sein Studium am South Texas College of Law (dem "Harvard des Ghettos") absolviert hat und jeden Winkel, jede Facette seiner Stadt kennt. Seine Arbeitsräume teilt er sich mit dem Buchmacher Horace Harrison genannt Half-a-Point, einem Freund aus Highschool-Zeiten, der gelegentlich für ihn Ermittlungen durchführt, und der Sekretärin Dodie, einer smarten jungen Frau mit Drogenvergangenheit, seine kleine Wohnung mit dem Oscar-Fisch Cecil.

'Bino', der erste Band des Vierteilers, dreht sich um die Ermordung des unbestechlichen demokratischen - mit Bino befreundeten - Politikers Richard Bigelow durch die psychopathischen Auftragskiller Buster, John-Boy und Sonny. Die verführerische FBI-Agentin Karen Allen, der Republikaner Art Stammer, der zwielichtige Anwalt Winnie Anspatcher III und der charismatische Mafioso Dante Tirelli (derzeitiger Ehemann von Binos Ex-Frau Annabelle) ziehen die Fäden, doch Bino behält die Übersicht.

Im Folgeband 'Das Recht des Richters' hat Bino für einmal einen renommierten Klienten: Den integren verwitweten Bundesrichter Emmett Burns, den seine republikanischen Gegner aus dem Verkehr ziehen wollen, indem sie ihn der Annahme von Bestechungsgeldern beschuldigen. Burns' Achillesferse ist seine schöne Tochter Ann, für sie würde er durchs Feuer gehen, durch ihre Spielsucht geriet sie aber unlängst in die Fänge der Organisierten Kriminalität. Ein äusserst delikates Mandat für den trickreichen Anwalt, der über sich hinauswächst und das Komplott in letzter Sekunde vereitelt.

Er ist 1.94 gross, wiegt 117 kg und trägt einen roten Vollbart. Er diente drei Jahre bei der Marine, sass wegen tätlichen Angriffs auf einen Polizisten im Gefängnis und bestreitet seinen Lebensunterhalt als Berufspokerspieler: Sizemore Fred Brandon, genannt Size, Hauptperson des Einzelwerks 'Texanisches Roulette'. Schon in der Schulzeit half der gutmütige Hüne seinem schmächtigen Freund Pecos Jimmy Fontenot aus jeder Klemme, später ging er für ihn in den Knast, erledigte nasse Aufträge für ihn. Inzwischen hat sich Pecos Jimmy in der Gangsterhierarchie von Dallas weit nach oben gearbeitet. Als Size vor einer Anklagejury der Bundesbehörden gegen Pecos Jimmy aussagen soll - was er nie und nimmer täte! - verliert dieser die Nerven, versucht seinen Beschützer zum Schweigen zu bringen, doch die Autobombe erwischt Sizes besten Freund, und Size schägt hart zurück - es kommt zu einem blutigen Showdown in Las Vegas.

Sorgfältige Handlungsführung, hinterhältiger Witz, meisterhafte Dialoge und präzise Zeichnung der vorzugsweise am Rande der Legalität sich bewegenden Haupt- und Nebenfiguren - Gray muss sich selbst vor den besten Werken seiner Idole Elmore Leonard und George V. Higgins nicht verstecken.

Bill Gray starb 75-jährig in seinem Haus in der Nähe von Dallas, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Er hinterliess seine Frau Martha, vier Kinder, zahlreiche Enkel - und sechzehn erstklassige Spannungsromane.

Bibliografie:
Bino Phillips-Serie: 'Bino' - 'Bino' (1988), 'In Defense of Judges' - 'Das Recht des Richters' (1990), 'Killings' (1993), 'Bino's Blues' (1995);
Einzelwerke: 'Size' - 'Texanisches Roulette' (1989), 'The Man Offside' (1991), 'Prime Suspect' (1992), 'Poisoned Dreams' (1993).
Als Crosland Brown: 'Tombley's Walk' (1991).
Als William Gray: 'Shares' (1996).
Als Sarah Gregory: 'In Self-Defense' (1995), 'Public Trust' (1997), 'The Best Defense' (1998), 'Capitol Sandal' (1999).
Als Jeffrey Ames: 'Venom' (2002), 'Lethal City' (2003).

++ Erstellt: August 2016 ++  


Greenleaf, Stephen

(*1942)

Stephen Greenleaf kam in Washington, D.C., zur Welt und wuchs in Centerville, Iowa, auf. Er studierte Geschichte am Carleton College in Northfield, Minnesota, und Jura an der Boalt Hall School of Law der University of California in Berkeley. Von 1967 bis 1969 diente er in der US-Army, danach praktizierte er sechs Jahre als Rechtsanwalt, zuerst in Monterey, dann in San Francisco, und war überdies ausserordentlicher Professor für Strafverteidigung. Mitte der 70er-Jahre hatte er genug von der Jurisprudenz. Er zog nach Seattle und begann - nach einem Kurs für Kreatives Schreiben an der University of Iowa - eine Laufbahn als Krimiautor. Er ist mit der Kinderbuchautorin Ann Garrison Greenleaf verheiratet und hat einen Sohn.

Geprägt von Ross Macdonalds Lew Archer-Krimis publizierte Greenleaf 1979 seinen ersten Roman 'Grave Error'. Bis 2000 folgten dreizehn weitere Titel (sowie eine einzige Kurzgeschichte, 'Iris') um sein verzögert alterndes alter Ego John Marshall "Marsh" Tanner (der Name ist abgeleitet von John Marshall, dem ersten vorsitzenden Richter des Obersten Gerichtshofs der USA, und Tanner, Greenleafs ehemaligem Basketball-Trainer) und zwei Justizthriller. Marsh Tanner, von seinem ursprünglichen Beruf als Anwalt schwer enttäuscht, arbeitet in San Francisco als Privatdetektiv. Er ist allerdings Mitglied der Anwaltskammer geblieben und nimmt gelegentlich noch ein Mandat an, damit er gewisse Informationen vertraulich behandeln kann.

Tanner ist ein hart gesottener, melancholischer Einzelgänger mit Kriegsvergangenheit, der seine Freizeit mit Lesen, Musikhören und vor dem TV verbringt und sich dabei gerne ein paar Drinks genehmigt. Seine einzigen Freunde sind die derbe, etwa zwanzig Jahre ältere Privatdetektivin Ruthie Spring, deren ums Leben gekommener Mann Marsh einst den Ermittlerberuf beigebracht hat, und der Polizist Charley Sleet, der im drittletzten Band durchdreht und im Gerichtssaal den Angeklagten erschiesst. Nach einer kurzen Affäre mit seiner lieben Sekretärin Peggy Nettleton, die ihre Stelle am Ende des sechsten Bandes aufgibt, versucht Marsh Tanner tiefer gehenden Frauenbeziehungen möglichst aus dem Weg zu gehen. Die Serie endet mit Tanners fünfzigstem Geburtstag, den er mit seinen engsten Bekannten feiert.

Stephen Greenleaf, ein brillanter Stilist, der in seinen Büchern auch wichtige sozialpolitische Themen wie Rassismus, Leihmutterschaft, Aids und politischer Extremismus behandelt, fesselt den Leser mit raffinierten Plots und feinfühliger Charakterzeichnung. 'Peggys Geheimnisse', einer der Höhpunkte der Serie, ist Tanners Sekretärin gewidmet, die gleich in zwei Fälle unmittelbar verwickelt wird. Seit zwei Monaten ist sie Opfer eines Stalkers, der sie mit obszönen Telefonanrufen bedrängt. Tanner stellt ihm eine Falle, doch die schnappt nicht zu, und schliesslich setzt Peggy dem (sich als recht harmlos erweisenden) Treiben selbst ein Ende. Gegen Ende des Romans kommt Hochspannung auf, als ein perverser Killer, Peggys Nachbar, auf sie angesetzt wird - es geht um die einige Jahre zurückliegende Entführung eines kleinen Mädchens durch eine Person, der Peggy gefährlich werden könnte. Greenleaf legt in der unspektakuären, psychologisch stimmigen Geschichte grossen Wert auf die komplexen Interaktionen zwischen Peggy und dem Stalker, aber auch zwischen Peggy und Marsh, deren langjährige Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird.

Im Jahr 2000 beendete Greenleaf seine Karriere als Krimiautor.

Bibliografie:
John Marshall Tanner-Serie: 'Grave Error' - 'Sarg drüber' (1979), 'Death Bed' - 'Auf Doppelspur' (1980), 'State's Evidence' - 'Der erste Mann' (1982), 'Fatal Obsession' - 'Abgang eines Störenfrieds' (1983), 'Beyond Blame' - 'Marshall Tanner, Privatdetektiv' (1986), 'Toll Call' - 'Peggys Geheimnis' (1987), 'Book Case' - 'Buch der Lügen' (1991), 'Blood Type' - 'Blutgruppe' (1992), 'Southern Cross' - 'Kreuz des Südens' (1993), 'False Conception' (1994), 'Flesh Wounds' (1996), 'Past Tense' (1997), 'Strawberry Sunday' (1999), 'Ellipsis' (2000);
'The Ditto List' - 'Bis dass D. T. euch scheidet' (1985), 'Impact' - 'Der Absturz' (1989).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Grubb, Davis

(1919-1980)

Geboren und aufgewachsen in Moundsville am Ohio River, West Virginia, als Sohn eines Architekten, der während der Depression arg unten durch ging, und einer engagierten Sozialarbeiterin, musste Davis Grubb seine Ausbildung zum Kunstmaler wegen Farbenblindheit abbrechen. 1940 zog er nach New York City, um für den Rundfunk zu arbeiten, später wechselte er in die Werbebranche. 1944 veröffentlichte er seine erste Story. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1953 mit seinem ersten Roman 'Die Nacht des Jägers'. Sein Werk enthält drei Erzählbände und zehn Romane, von denen drei dem Krimigenre zuzurechnen sind. Grubb starb einen Tag nach seinem 61. Geburtstag in New York City.

Am Anfang von Grubbs erfolgreichstem Roman 'Die Nacht des Jägers' sitzt Ben Harper in der Todeszelle und wartet auf seine Hinrichtung: Bei einem Banküberfall hat er zwei Angestellte erschossen und 10'000 Dollar erbeutet, die er umittelbar vor der Verhaftung im Hause seiner Familie verstecken konnte. Bens Zellengenosse, der psychopathische Mörder Harry Powell, genannt "der Prediger", versucht vergeblich, ihm das Versteck zu entlocken. Kaum auf freiem Fuss, taucht Powell bei Bens Familie auf. Er gibt sich als Geistlicher aus, wickelt Bens labile Witwe Willa um den Finger und heiratet sie nach kurzer Zeit. Als ihm klar wird, dass nur Bens kleine Kinder John und Pearl das Versteck des Geldes kennen, bringt er Willa um, doch die Kinder können in letzter Sekunde entwischen - und "der Prediger" jagt die beiden.

Bibliografie:
'The Night of the Hunter' - 'Die Nacht des Jägers' (1953), 'Shadow of my Brother' - 'Meines Bruders Schatten' (1966), 'Fool's Parade' - 'Gaunerparade' (1969).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Gruber, Frank

(1904-1969; schrieb auch als Stephen Acre, Charles K. Boston und John K. Vedder)

Frank Gruber, geboren und aufgewachsen auf der elterlichen Farm in Elmer, Minnesota, verliess seine Familie mit sechzehn, um bei der Army anzuheuern. Nach dem Militärdienst verrichtete er verschiedene journalistische und andere Jobs, ehe er 1934, in der Zeit der Grossen Depression, als verheirateter Familienvater nach New York City zog, um hauptberuflich als Autor zu arbeiten - der Durchbruch liess nicht lange auf sich warten.

Grubers Werk besteht aus rund 300 - in über 40 Pulp-Magazinen publizierten - Kurzgeschichten, Dutzenden Western- und Kriminalromanen, einer Biografie des legendären Westernautors Zane Grey sowie zahlreichen Drehbüchern für Fernsehen und Film (etwa 'The Mask of Dimitrios', 'Dressed to Kill' und 'The Great Missouri Raid'). Mehrere seiner Romane und Kurzgeschichten wurden verfilmt.

In Grubers amüsanten Kriminalromanen steht zumeist ein Duo im Mittelpunkt. Am bekanntesten ist das herrlich schräge New Yorker Gespann Johnny Fletcher, das Gehirn, und Sam Cragg, der Muskelmann, zwei ausgekochte, zähe Burschen, die an Türen klopfen, um ein Buch über Krafttraining ('Every Man a Samson') zu verkaufen, in billigen Absteigen übernachten und immer wieder wegen Landstreicherei von der Polizei festgenommen werden - und die ständig über Mordfälle stolpern, die sie dann gleich selbst lösen, um nicht als Sündenböcke im Kittchen zu landen.

Grubers zweite Reihe dreht sich um Simon Lash, einen zynischen, impulsiven und zänkischen Ex-Soldaten und Ex-Anwalt, der mit seinem besonnenen Assistenten Eddie Slocum eine Privatdetektei auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles betreibt und in seiner Freizeit am liebsten in Büchern über den Wilden Westen schmökert. Der erste Titel des Vierteilers wurde unter dem Titel 'Accomplice' verfilmt.

In Los Angeles ist auch das gegensätzliche, sich jedoch vortrefflich ergänzende Ermittlerpaar Otis Beagle und Joe Peel von der "Beagle Detective Agency" auf der Piste, zwei schlaue Burschen mit beachtlichem kriminellem Potential, deren Abenteuer in drei Romanen aufgezeichnet sind.

Eine weitere Serienfigur ist der Lexikonverkäufer und Gelegenheitsdetektiv Oliver Quade, ein unscheinbarer Mann mit einem fotografischen Gedächtnis, der nur in Kurzgeschichten angetreten ist (eine Geschichtensammlung ist 1966 unter dem Titel 'Brass Knuckles' erschienen).

Frank Gruber starb 65-jährig in Santa Monica, Kalifornien und hinterliess seine Frau Lois, mit der er seit 1931 verheiratet war, und einen Sohn. Zwei Jahre vor seinem Tod ist der Memoirenband 'The Pulp Jungle' erschienen.

Bibliografie (nur Krimis):
Johnny Fletcher & Sam Cragg-Serie: 'The French Key' (auch unter dem Titel 'The French Key Mystery') - 'Der eiserne Bär' (auch unter dem Titel 'Goldraben', 1940), 'The Hungry Dog' (auch unter den Titel 'The Hungry Dog Murders' und 'Die Like a Dog', 1941), 'The Navy Colt' (1941), 'The Talking Clock' (1941), 'The Gift Horse' - 'Der geschenkte Gaul' (1942), 'The Mighty Blockhead' (auch unter dem Titel 'The Corpse Moved Upstairs') - 'Die Millionen-Idee' (auch unter dem Titel 'Die wandernde Leiche', 1942), 'The Silver Tombstone' (auch unter dem Titel 'The Silver Tombstone Mystery', 1945), 'The Honest Dealer' (auch unter dem Titel 'Double Dealer' (1947), 'The Wispering Master' - 'Die flüsternde Stimme' (1947), 'The Scarlet Feather' (auch unter dem Titel 'The Gamecock Murders' - 'Die rote Feder' (1948), 'The Leather Duke' (auch unter dem Titel 'A Job of Murder') - 'Das fehlende Messer' (1949), 'The Limping Goose' (auch unter dem Titel 'Murder One', 1954), 'Swing Low, Swing Dead' (1964);
Simon Lash & Eddie Slocum-Serie: 'Simon Lash, Private Detective' (auch unter dem Titel 'Simon Lash, Detective', 1941), 'The Buffalo Box' (auch unter dem Titel 'The Murder Box', 1942) - 'Die Trickschatulle' (1942), 'Murder ‚97 (auch unter dem Titel 'The Long Arm of Murder, 1948);
Otis Beagle & Joe Peel-Serie: 'The Silver Jackass' (ursprünglich als Charles K. Bronson) - 'Der silberne Esel' (1941), 'Beagle Scented Murder' (auch unter dem Titel 'Market for Murder') - 'Mord in Hollywood' (1946), 'The Lonesome Badger' (auch unter dem Titel 'Mood for Murder', 1954);
Einzelwerke: 'The Fourth Letter' (1947), 'The Lock and the Key' (auch unter den Titeln 'Too Tough to Die' und 'Run, Thief, Run', 1948) - 'Rufen Sie den Leichenwagen' (1948), 'Twenty Plus Two' - 'Gesucht wird D.D.' (1961), 'Brothers of Silence' (1962), Bridge of Sand' (1963), 'The Greek Affair' (1964), 'Little Hercules' (1965), 'Run, Fool, Run' (1966), 'The Twilight Man' - 'Das Begräbnis findet später statt' (1967), 'The Gold Gap' (1968), 'The Etruscan Bull' - 'Der etruskische Stier' (1969), 'The Spanish Prisoner' (1969).
Als John K. Vedder: 'The Last Doorbell' (auch unter dem Titel 'Kiss the Boss Goodbye' (1941).
Als Stephen Acre: 'The Yellow Overcoat' (auch unter dem Titel 'Fall Guy for a Killer') - 'Der gelbe Paletot' (1942).

++ Erstellt: Oktober 2012 ++  



 

Haddam, Jane

(Pseudonym für Orania Papazoglou, *1951; schreibt auch als Nicola Andrews und Ann Paris)

Jane Haddam wurde als Tochter des Rechtsanwalts George Sotirios und der Kunstmalerin Ann Papazoglou, beide griechischer Herkunft, in Bethel, Connecticut, geboren. Nach ihrem 1980 beendeten Anglistikstudium am Vassar College, an der University of Connecticut und der Michigan State University unterrichtete sie Anglistik an einem College, bis sie der Lehrertätigkeit überdrüssig wurde und nach New York City zog, um als Redakteurin für die Zeitschrift 'Greek Accent' zu arbeiten. Später schrieb sie als freie Journalistin für die Magazine 'Glamour', 'Mademoiselle', 'Working Woman' und 'First Things'. 1984 debütierte sie im Krimigenre. Im selben Jahr heiratete sie den ein Jahr jüngeren Krimiautor William L. DeAndrea und hatte mit ihm zwei Söhne, Matthew und Gregory.

Im Zentrum von Haddams Kriminalwerk steht die stimmungsvolle, mit feinen Charakterstudien glänzende Serie um Gregor Demarkian, lange Jahre Leiter der Abteilung für Verhaltensforschung beim FBI, der nach dem Tod seiner heiss geliebten Frau Elizabeth den Dienst quittiert, nach Philadelphia zurückkehrt, sich im armenischen Viertel niederlässt, in dem er aufgewachsen ist - an der fiktionalen Cavanaugh Street, wo jeder jeden kennt, und sich als Berater der Ermittlungsbehörden an der Auflösung besonders schwieriger Kriminalfälle beteiligt. Unterstützung findet er bei seiner Freundin, der Fantasy-Autorin und Millionenerbin Bennis Hannaford, und dem weisen armenischen Priester Tibor Kasparian, einem Überlebenden des sowjetischen Gulags. Jeder Roman spielt an einem Feiertag ("Holiday Mysteries").

Unter ihrem bürgerlichen Namen verfasste die Autorin von 1984 bis 1992 mit leichter Hand den Fünfteiler um die New Yorker Schriftstellerin und Hobbydetektivin Patience Campbell McKenna sowie zwei Psychothriller, unter den Pseudonymen Nicola Andrews und Ann Paris einige romantische Romane. Seit dem frühen Krebstod ihres Mannes im Jahr 1996 lebt sie zurückgezogen in der Kleinstadt Watertown, Connecticut.

Bibliografie:
Als Orania Papazoglou:
Patience Campbell McKenna-Serie: 'Sweet, Savage Death' - 'Süss wie der Tod' (1984), 'Wicked, Loving Murder' (1985), 'Death's Savage Passion' (1986), 'Rich, Radiant Slaughter' (1988), 'Once and Always Murder' (1990);
'Sanctity' - 'Das Gelübde' (1986), 'Charisma' (1992).
Als Jane Haddam:
Gregor Demarkian-Serie ("Holiday Mysteries"): 'Not a Creature Was Stirring' - 'Weihnächtlich glänzet der Wald' (1990), 'Precious Blood' - 'Ein mörderisches Osterwunder' (1991), 'Act of Darkness' (1991), 'Quoth the Raven' (1991), 'A Great Day for the Deadly' (1992), 'Feast of Murder' (1992), 'A Stillness in Betlehem' - 'All überall auf den Tannenspitzen' (1992), 'Murder Superior' - 'Mörderisch zum Muttertag' (1992), 'Festival of Deaths' (1993), 'Bleeding Hearts' - 'Tief ins Herz' (1994), 'Dear Old Dead' (1994), 'Fountain of Death' (1995), 'And One to Die On' (1996), 'Baptism in Blood' (1996), 'Deadly Beloved' (1997), 'Skeleton Key' (2000), 'True Belivers' (2001), 'Somebody Else's Music' (2002), 'Conspiracy Theory' (2003), 'The Headmaster's Wife' (2004), 'Hardscrabble Road' (2006), 'Glass Houses' (2007), 'Cheating at Solitaire' (2008), 'Living Withess' (2009), 'Wanting Sheila Dead' (2010), 'Flowering Judas' (2011), 'Blood in the Water' (2012), 'Hearts of Sand' (2013), 'Fighting Chance' (2014).

++ Erstellt: Februar 2016 ++  


Hall, Adam

(Pseudonym für Trevor Dudley-Smith, 1920-1995; schrieb auch als Elleston Trevor, Lesley Stone, Caesar Smith, Warwick Scott, Howard North, Simon Rattray, Roger Fitzalan, Mansell Black und Trevor Burgess)

Trevor Dudley-Smith wurde in Bromley, Kent, geboren. Er besuchte bis 1938 die Sevenoaks School in Kent und versuchte sich dann als Autorennfahrer. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Flugingenieur bei der Royal Air Force. 1947 heiratete er die Kinderbuchautorin Jonquil Burgess, mit der er einen Sohn hatte. Von 1958 bis 1973 lebte er mit seiner Familie in den französischen Seealpen, danach liess er sich in der Wüste von Arizona nieder. Nach dem Tod seiner Frau 1986 vermählte er sich mit der Autorin Chaille Anne Groom. Er starb 75-jährig in Cave Creek, Arizona.

Dudley-Smith begann Anfang der 40er-Jahre mit der Schriftstellerei. Für seine Abenteuer- und Kriegsromane, Thriller, Kinderbücher, Theaterstücke, Erzählungen und Tiergeschichten benutzte er nicht weniger als zehn Pseudonyme, unter ihnen Adam Hall für die Quiller-Serie, Simon Rattray für die Hugo Bishop-Krimis sowie Elleston Trevor, später Dudley-Smiths offizieller Name, unter dem er von 1946 bis 1994 über dreissig Standalones herausgab. Der Durchbruch gelang ihm 1964 mit dem Drehbuch 'Woman of Straw' und dem abenteuerlichen Flugzeugabsturz-Roman 'Phönix aus dem Sand'.

Ein Jahr später schlug die Stunde des britischen Geheimagenten mit dem Decknamen Quiller (bürgerlicher Name unbekannt), der es bis 1994 auf neunzehn actiongeladene Auftritte brachte. Der nahkampfstarke, stets allein und ohne Waffe arbeitende Ich-Erzähler, eine scharf gezeichnete, recht vielschichtige Figur, verfügt über alle Voraussetzungen, um auch die schmutzigsten Jobs glanzvoll zu erledigen: Kaltblütigkeit, untrügliche Instinkte, Intelligenz, Paranoia, Härte mit sich selbst - wenn ihm (anders als etwa James Bond) nur nicht ständig Gefühle in die Quere kämen. Quiller, der für ein obskures Londoner Büro arbeitet, erledigt seine ihn durch die ganze Welt führende Aufträge letztlich trotzdem mit Bravour.

Die unter dem Pseudonym Simon Rattray veröffentlichten Krimis drehen sich um einen gewissen Hugo Bishop, der, assistiert von der Sekretärin Vera J. Corringe, hobbymässig Kriminalfällen auf den Grund geht - sein Brotberuf wird dem Leser vorenthalten.

Bibliografie:
Als Adam Hall:
Quiller-Serie: 'The Berlin Memorandum' (auch unter dem Titel 'The Quiller Memorandum') - 'Das Berlin Memorandum' (1965), 'The 9th Directive' - 'Der neunte Befehl' (1966), 'The Striker Portfolio' (1968), 'The Warsaw Document' (1970), 'The Tango Briefing' - 'Himmelfahrtstango' (1973), 'The Mandarin Cypher' - '555 ruft Mandarin' (1975), 'The Kobra Manifesto' - 'Das Kobra-Manifest' (1976), 'The Sinkiang Executive' - 'Mission in Sinkiang' (1978), 'The Scorpion Signam' (1979), 'The Peking Target' )1981), 'Northlight' (auch unter dem Titel 'Quiller') - 'Nordlicht' (1985), 'Quiller's Run' (1988) - 'Quiller steigt aus' (1988), 'Quiller KGB' - 'Unternehmen Gorbatschow' (1989), 'Tunesischer Tango' (auch unter dem Titel 'Quiller - tödliche Mission in der Wüste', 1991);
Einzelwerke: 'The Volcanoes of San Domingo' (1963), 'The Sibling' (1979), 'Pawn in Jeopardy' (1991).
Als Simon Rattray: Hugo Bishop-Serie: 'Knight Sinister' (1951), 'Queen in Danger' (1952), 'Bishop in Check' (1953), 'Death Silence' (1954), 'Dead Circuit' (1955), 'Dead Sequence' (1957).
Als Mansell Black: 'Dead on Course' - 'Duell mit dem Tod' (1951), 'Sinister Cargo' (1951), 'Shadow of Evil' (1953), 'Steps in the Dark' (1954).
Als Trevor Dudley-Smith: 'Over the Wall' (1943), 'Into the Happy Glade' (1943), 'Double Who Doulbe Crossed' (1944), 'By a Silver Stream' (1944), 'Escape to Fear' (1948), 'Now Trie the Moruge' (1948).
Als Elleston Trevor: 'The Immortal Error' (1946), 'Chorus of Echos' (1950), 'Refern's Miracle' (1951), 'Tiger Street' (1951), 'A Blaze of Roses' (auch unter dem Titel 'The Fire-Raiser', 1952), 'The Passion and the Pity' (1953), 'The Big Pick-Up (1955), 'Squadron Airborne' (1955), 'Gale Force' - 'Windstärke 10' (1956), 'The Killing Ground' (1956), 'The Pillars of Midnight' - 'Die nackten Seelen' (1957), 'Dream of Death' (1958), 'Silhouette' (1959), 'The V.I.P. (1959), 'The Mind of Max Duvine' (1960), 'The Billboard Madonna' (1960), 'The Burning Shore' (auch unter dem Titel 'The Pasang Rung') - 'Flammende Küste' (1961), 'Seven Witnesses' (1963), 'The Flight of the Phoenix' - 'Phönix aus dem Sand' (auch unter dem Titel 'Der Flug des Phönix', 1964), 'Weave a Rope of Sand' (1965), 'The Second Chance' (1965), 'The Shoot' (1966), 'The Freebooters' (1967), 'A Place for the Wicked' - 'Wo die Bösen sich verstecken' (1968), 'Bury Him Among Kings' (1970), 'The Paragon' (auch unter dem Titel 'Night Stop') - 'Agonie im Sandsturm' (1975), 'The Chipmunks of Willow Wood' (1975), 'Blue Jay Summer' - 'Der Sommer des Blauhähers' (1977), 'The Theta Syndrome' - 'Gehirntrauma' (1977), 'The Damocles Sword' (1981), 'The Penthouse' (1983), 'Deathwatch' - 'Todesviren' (1984), 'The Sister' (1993), 'The Flycatcher' (1994).
Als Trevor Burgess: 'A Spy at Monk's Court' (1949), 'The Mistery of thed Missing Book' (1950).
Als Warwick Sott: 'Image in the Dust' (1951), 'The Domesday Story' (auch unter dem Titel 'Doomsday', 1952), 'Naked Canvas' (1954).
Als Caesar Smith: 'Heat Wave' (1957).
Als Roger Fitzalan: 'A Blaze of Arms' (1967).
Als Howard North: 'Expressway' (1973).
Als Lesley Stone: 'Siren Song' (1985), 'Riviera Story' (1987).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Hall, James W.

(*1947)

James W. Halls Wurzeln liegen in der Kleinstadt Hopkinsville, Kentucky, und dort wuchs er auch auf. Er studierte Kunst am Eckard College in St. Petersburg, Florida, und Englisch an der John Hopkins University in Baltimore und der University of Utah in Salt Lake City. Danach liess er sich in Florida nieder, um Lyrik und Kreatives Schreiben an der Florida International University zu unterrichten. Er hatte bereits zahlreiche Gedichte und etliche Kurzgeschichten herausgegeben, als ihm 1987 mit seinem ersten Kriminalroman 'Im Schutz des hellichten Tages' der Durchbruch gelang. Hall lebt mit seiner Frau Evelyn in Key Largo, Süd-Florida, und in der Appalachen-Kleinstadt Boone, North Carolina.

Hauptfigur einer Serie von bisher vierzehn harten Florida-Romanen (Stand: Oktober 2015) ist der Aussteiger Thorn ("Dorn"), dessen richtigen Namen wir nicht erfahren, ein zäher Einzelgänger mit schwierigem Charakter und düsterer Vergangenheit. Er ist mit seiner Heimat tief verwurzelt und deshalb nicht wählerisch in den Mitteln, gegen ihre Zerstörung anzukämpfen. In Halls Meisterwerk 'Abgetaucht' verspricht sich der psychopathische Ex-CIA-Agent Harden Winchester mit der Züchtung einer besonders schnell wachsenden und gefrässigen Barsch-Art, die die Meere in ökologische Wüsten verwandeln könnte, ein höchst lukratives Geschäft. Als ihm die mutige Privatdetektivin Darcy Richards auf die Schliche kommt, muss sie sterben. Ihr Lebensgefährte Thorn schwört Rache.

Auch ausserhalb der Thorn-Serie ist Hall mit 'Finale in Key West' ein grosser Wurf gelungen. Shaw Chandler kehrt nach Key West zurück, um die Hintergründe des gewaltsamen Todes seines Vaters zu ermitteln und seiner alkoholkranken Mutter ein wenig behilflich zu sein. Er trifft dort auf seine Jugendliebe, die an Multipler Sklerose erkrankte Fernsehschauspielerin Trula Montoya. Die Schicksale der beiden verknüpfen sich, als sie den weit zurückreichenden Machenschaften des ehemaligen Marineoffiziers und skrupellosen Geschäftsmanns Douglas Barnes auf die Spur kommen, der mit der illegalen Entsorgung von Giftmüll ein Heidengeld gescheffelt hat.

Bibliografie:
Thorn-Serie: 'Under Cover of Daylight' - 'Im Schutz des hellichten Tages' (1987), 'Tropical Freeze' - 'Tropische Kälte' (1989), 'Mean Hight Tide' - 'Abgetaucht' (1994), 'Gone Wild' - 'Operation Arche Noah' (1995), 'Buzz Cut' (1996), 'Red Sky at Night' (1997), 'Blackwater Sound' (2002), 'Off the Chart' (2003), 'Magic City' (2007), 'Hell's Bay' (2008), 'Silencer' (2010), 'Dead Last' (2011), 'Going Dark' (2013), 'The Big Finish' (2014);
'Bones of Coral' - 'Finale in Key West' (1991), 'Hard Around' - 'Das Gold der Carmelita' (1993), 'Body Language' (1998), 'The Put at the End of the World' (Kettenroman, 2000), 'Rough Draft' (2000), 'Forests of the Night' (2005).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2013 ++
++ Update: April 2014 ++
++ Update: Oktober 2015 ++
 


Hamilton, Donald

(1916-2006)

Donald Hamilton, geboren in der südostschwedischen Stadt Uppsala als Sohn des renommierten Arztes und Dozenten Bengt L.K. Hamilton, lebte ab dem achten Lebensjahr mit seinen Eltern und seinen jüngeren Schwestern in den Vereinigten Staaten. 1938 schloss er sein Chemiestudium an der University of Chicago ab, drei Jahre später heiratete er Kathleen Stick und hatte mit ihr vier Kinder, Hugo, Elise, Gordon und Victoria. 1942 trat er der US-Navy bei, für die er in Annapolis chemische Forschung betrieb.

Nach dem Zweiten Weltkrieg liess sich Hamilton in Santa Fé, New Mexico, nieder und begann - inspiriert durch Ernest Hemingway, Raymond Chandler, Dashiell Hammett und, man höre und staune, Leslie Charteris - hauptberuflich zu schreiben, neben Krimis auch Sachbücher über das Leben in der freien Natur sowie Stories und Westernromane (mit 'The Big Country' als Höhepunkt). Berühmt wurde er jedoch vor allem mit seiner 27 Bände umfassenden, zwischen 1960 und 1993 erschienenen Serie um Matt Helm, die in den 60er- und 70er-Jahren fantastische Auflagen erzielte. Als seine Frau im Jahr 1989 verstarb, kehrte Hamilton in seine schwedische Heimat zurück, nach Visby, auf die Ostseeinsel Gotland. Er starb dort 90-jährig in einem Pflegeheim. In seinem Nachlass fand sich das Manuskript eines unvollendet gebliebenen Matt Helm-Romans.

Matt Helm - amerikanischer Geheimagent in Europa zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, danach glücklich verheirateter, seinen Lebensunterhalt in Santa Fé als Westernautor und Fotograf bestreitender Vater zweier Söhne und einer Tochter - wird nach fünfzehn Jahren "geweckt", um unter den Decknamen Eric, Jim Petroni usw. für einen anonymen, hoch geheimen, durch einen gewissen "Mac" (eine hagere, grauhaarige, mit allen Wassern gewaschene Gestalt, die eigentlich Arthur M. Borden heisst und eine erwachsene Tochter namens Martha hat) von Washington, D.C., aus geführten Nachrichtendienst "nasse" Aufträge zu erledigen, wozu er sich am liebsten des Gewehrs bedient. Seine sanftmütige Frau Beth verlässt ihn, als sie gegen Ende des ersten Bandes von seiner zweiten Existenz erfährt, und beginnt mit den Kindern ein neues Leben.

Helm ist ein gross gewachsener, charismatischer, hoch professionell arbeitender, ganz auf seinen Job fokussierter, unerhört kaltblütiger Geheimagent, der indes auch zu zärtlichen Gefühlen fähig ist, hin und wieder sogar Reue empfindet und sich zwei-, dreimal ernsthaft verliebt - eine amerikanische Antwort auf James Bond. Nachdem er sich in den 60er- und 70er-Jahren vor allem mit dem kommunistischen Feind herumschlägt, treten später auch westliche Terror-Organisationen als Gegenspieler in Erscheinung.

Die rasanten, in einem nüchternen, manchmal spöttischen Tonfall - stets aus Helms Blickwinkel - erzählten Romane leben von schnellen, schnörkellosen Plots und dem recht plastisch gezeichneten Protagonisten und berichten augenzwinkernd über geheimdienstliche Winkelzüge in der Zeit des Kalten Krieges. In der zweiten Hälfte der 60er-Jahre kamen vier (nicht besonders geglückte) Matt Helm-Streifen mit Dean Martin in der Hauptrolle auf die Leinwand. Heute ist Donald Hamilton, den namhafte Autoren wie Bill Crider, Loren Estleman und John Sallis einst etwas überschwänglich als wichtigen Einfluss bezeichnet haben, tief in der Versenkung verschwunden.

Bibliografie:
Matt Helm-Serie: 'Death of a Citizen' - 'Der Lockvogel' (1960), 'Wrecking Crew' - 'Die Zerstörer' (1960), 'The Removers' - 'Koks und Knallbonbons' (1961), 'The Silencers' - 'Die Vollstrecker' (1962), 'Murderer's Raw' - 'Der Verfolger' (auch unter dem Titel 'Nachts sind alle Killer grau', 1962), 'The Ambushers' (1963), 'The Shadowers' (1964), 'The Ravagers' - 'Die Unerbittliche' (auch unter dem Titel 'Manche lieben's eiskalt' (1964), 'The Devastators - 'Die Gefährlichen' (auch unter dem Titel 'Eine Braut für alle Fälle', 1965), 'The Betrayers' - 'Die Verräter' (1966), 'The Menacers' - 'Die Scharfmacher' (1968), 'The Interlopers' - 'Der Todeskurier' (auch unter dem Titel 'Der Mann am Drücker', 1969), 'The Poisoners' - 'Die Totmacher' (auch unter dem Titel 'Der zweite Mann ist eine Lady', 1971), 'The Intriguers' - 'Matt Helm im Netz' ('Fuchs im fremden Bau', 1973), ‚The Intimidators' - 'Eiskalt serviert' (1974), 'The Terminators' - 'Der Ausputzer' (1975), 'The Retaliators' (1976), 'The Terrorizers' - 'Mafia-Blut' (1977), 'The Revengers' (1982), 'The Annihilators' (1983), 'The Infiltrators' (1984), 'The Detonators' (1985), 'The Vanishers' (1986), 'The Demolishers' - 'Karibisches Inferno' (1987), 'The Frighteners' (1989), 'The Threateners' (1992), 'The Damagers' (1993);
Einzelwerke: 'Date With Darkness' (1947), 'The Steel Mirror' - 'Träume von einem Toten' (1948), 'Murder Twice Told' - 'Viele Katzen sind des Agenten Tod' (auch unter dem Titel 'Duell der Doppelmörder', Stories, 1947), 'Night Walker' - 'Wenn alle Stricke reissen' (1954), 'Line of Fire' - 'Ein Mann über Kimme und Korn' (1955), 'Assignment Murder' (auch unter dem Titel 'Assassins Have Starry Eyes' - 'Die letzte Wohnung ist ein Sarg' (auch unter dem Titel 'Verrat in den Augen', 1956), 'The Mona Intercept' (1980).

++ Erstellt: April 2013 ++  


Hamilton, Steve

(*1961)

Steve Hamilton, geboren und aufgewachsen in Detroit, Michigan, wurde an der University of Michigan in Ann Arbor ausgebildet. Er lebt mit seiner Frau Julia und seinen beiden Kindern im Norden des Bundesstaates New York, wo er seit vielen Jahren hauptberuflich für IBM tätig ist und (seit 1998) in der Freizeit Kriminalromane verfasst.

Hamiltons bedeutendste Figur ist der ehemalige Baseballspieler Alex McKnight, der in Detroit als Polizist arbeitete, bis er mit seinem Partner in einen Hinterhalt geriet und niedergeschossen wurde - die Kugel steckt noch in seiner Brust, knapp einen Zentimeter vom Herzen entfernt. Er musste den Polizeidienst aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und zog sich in seinen Geburtsort Paradise (Michigan) im unwirtlichen amerikanisch-kanadischen Grenzgebiet zurück, wo er das Blockhaus seines verstorbenen Vaters bewohnt, Jagdhütten vermietet und mit seinem ulkigen Sidecick Leon Prudell eine Art Privatdetektei betreibt. Dieser macht sich im Verlauf der Reihe als Schneemobilverkäufer selbständig, wird jedoch weiterhin in McKnights Fälle einbezogen.

In Hamiltons stimmungsvollem Roman 'Himmel voll Blut' hat Alex McKnight mit seinem Nebenberuf als Ermittler eigentlich bereits abgeschlossen, als er von seinem indianisch-stämmigen Nachbarn und Freund Vinnie LeBlanc um Hilfe gebeten wird: Vinnies vorbestrafter, unter Bewährungsauflagen stehender Bruder Tom ist als Führer einer Gruppe von zwielichtigen Jägern in der kanadischen Wildnis verschollen. Die beiden Kumpel machen sich auf die Suche nach dem Vermissten, durchdringen die einsamen nordamerikanischen Wälder und stossen schon bald auf Tom und seine fünf Jagdgefährten - ermordet und nicht tief genug begraben. Für Alex und Winnie beginnt ein erbitterter Kampf ums Überleben.

Was sich bereits in 'Himmel voll Blut' angebahnt hat, erfährt im sechsten McKnight-Roman 'Blind River' seine Fortsetzung: Der sympathische Held ist verliebt und möchte mit der Polizistin Natalie Reynaud von der Ontario Provincial Police, deren Partner kürzlich getötet wurde, ein neues Leben beginnen. Zuerst aber gilt es, düstere, weit zurückreichende, Natalies Familie betreffende Familiengeheimnisse zu enthüllen - ein Unterfangen, das die junge Liebe auf eine harte Probe stellt.

Bibliografie:
Alex McKnight-Serie: 'A Cold Day in Paradise' - 'Ein kalter Tag im Paradies' (1998), 'Winter of the Wolf Moon' - 'Unter dem Wolfsmond' (2000), 'The Hunting Wind' - 'Der Linkshänder' (2001), 'North of Nowhere' - 'Nördlich von Nirgendwo' (2002), 'Blood is the Sky' - 'Himmel voll Blut' (2003), 'Ice Sky' - 'Blind River' (2004), 'A Stolen Season' (2006), 'Mystery Bay' (2011), 'Die a Stranger' (2012), 'Let It Burn' (2013);
'Night Work' (2007), 'The Lock Artist' - 'Der Mann aus dem Safe' (2009).

++ Erstellt: August 2011 ++
++ Update: Juli 2012 ++
++ Update: April 2014++
 


Hansen, Joseph

(1923-2004, schrieb auch als James Colton und Rose Brock)

Joseph "Joe" Hansen wurde als drittes und letztes Kind eines norwegisch-stämmigen Vaters, der ein Schuhgeschäft besass, im ländlichen Ort Aberdeen, South Dakaota, geboren. 1936, nach drei äusserst schwierigen Jahren mit ständig wechselnden Wohnsitzen in Minneapolis, liess er sich mit seinen von der Wirtschaftskrise hart getroffenen Eltern in Pasadena, Südkalifornien, nieder. Nach dem Studium am Pasadena Junior College übersiedelte er 1943 nach Los Angeles, um in einer Buchhandlung zu arbeiten. Dort lernte er kurz danach die Lehrerin und Übersetzerin Jane Bancroft kennen, die er - im Bewusstsein seiner Homosexualität - noch im selben Jahr heiratete. Jane blieb ihm bis zu ihrem Tod 1994 eine treue Gefährtin und schenkte ihm 1944 eine Tochter, Barbara.

In den 40er- und 50er-Jahren hielt sich Hansen als Buchhändler, Maler, Folkmusiker und Lexikonvertreter sowie als Sekretär bei Technicolor über Wasser. Anfang der 50er begann er Gedichte, in den 60ern (zunächst unter den Pseudonymen James Colton und Rose Brock) Romane zu schreiben. 1970 erschien sein erster Krimi 'Fadeout', der Auftakt zur Dave Brandstetter-Serie.

Mit Dave Brandstetter hat Hansen den ersten glaubhaft gezeichneten schwulen Ermittler in die Kriminalliteratur gebracht, einen selbstsicheren, hartgesottenen, ausgesprochen kultivierten und intelligenten Detektiv mittleren Alters, der im ersten Roman 'Fadeout' den Krebstod seines langjährigen Lebenspartners Rod verkraften muss. Zuerst im Auftrag der von seinem Vater gegründeten "Medallion" Lebensversicherung, später, nach dem Tod des Vaters, auf eigene Rechnung geht Dave Brandstetter kniffligen Fällen von schief gelaufenen Versicherungsbetrügen nach. Prägnant und angenehm zurückhaltend schildert Hansen in seinen atmosphärisch dichten Romanen die alltäglichen Vorurteile und Repressalien, die der schwulen Minderheit in den bigotten amerikanischen Südstaaten-Kleinstädten zugemutet werden und wirft scharfe Blicke auf politische und soziale Themen. Nach zwölf Romanen und einem Erzählband stirbt der über 70-jährige Brandstetter eines natürlichen Todes.

Hansens unvollendet gebliebene Serie um Nathan Reed, einen jungen Schwulen, der im Los Angeles der frühen 40er-Jahre von einer Laufbahn als Schriftsteller träumt und zehn Jahre später, in der McCarthy-Zeit, mit seinem Lebenspartner, dem Lehrer Steve Schaffer, unter die Räder gerät, ist bisher nicht auf Deutsch erhältlich. Dies gilt auch für die drei Standalones, die zwei unter dem Pseudonym Rose Brock publizierte Schauergeschichten, einige autobiografisch gefärbte Romane, drei Bände mit Erzählungen um den kalifornischen Ex-Sheriff, Privatermittler und Rancher Hack Bohannon und die Gedichte.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit gab Hansen Schreibkurse an der UCLA und führte Workshops durch. Nach dem Tod seiner Frau 1994 lebte der schwer kranke und völlig verarmte Autor bei Freunden in Laguna Beach, Kalifornien, wo er 81-jährig einen tödlichen Herzinfarkt erlitt.

Bibliografie:
David Brandstetter-Serie: 'Fadeout' - 'Fadeout' (auch unter dem Titel 'Verbrannte Finger', 1970), 'Death Claims' - 'Totengeld' (auch unter dem Titel 'Keine Prämie für Mord', 1973), 'Troublemaker' - 'Feindschaftsdienst' (auch unter dem Titel 'Jeder hat einen Feind', 1975), 'The Man Everybody Was Afraid Of' - 'Tyrannenmord' (auch unter dem Titel 'Die logische Lösung', 1978), 'Skinflick' - 'Nabelschau' (auch unter dem Titel 'Verkaufte Haut', 1979), 'Gravedigger' - 'Drei Spaten tief' (auch unter dem Titel 'Schattenreich', 1982), 'Nightwork' - 'Nachtarbeit' (auch unter dem Titel 'Mondschein-Trucker', 1984), 'The Little Dog Laugehd' - 'Tote Hunde bellen nicht' (1986), 'Early Graves' - 'Frühe Gräber' (1987), 'Obedience' (1988), 'The Boy Who Was Buried this Morning' (1990), 'A County of Old Men' (1990);
Nathan Reed-Trilogie: 'Living Upstairs' (1993), 'The Jack of Hearts' (1995), 'The Cutbank Path' (2002);
Einzelwerke: 'Known Homosexual (auch unter den Titeln 'Stranger to Himself', 'Pretty Boy Dead' (1968) und 'Backtrack', 1982), 'Steps Going Down' - 'Abstieg' (1985).
Als Rose Brock: 'Tarn House' - 'Vermächtnis des Bösen' (1971), 'Longleaf' (1974).

++ Erstellt: August 2011 ++  


Hare, Cyril

(Pseudonym für Alfred Alexander Gordon Clark, 1900-1958)

Cyril Hare, geboren in Mickleham, Surrey, als Alfred Alexander Gordon Clark, studierte Geschichte und Jura am New College in Oxford und wurde 1924 Anwalt. Nach seiner Heirat mit Mary Barbara Lawrence 1933 liess er sich in Cyril Mansiong, Battersea, nieder. Neben seiner Tätigkeit als Jurist - er arbeitete in einem Londoner Anwaltsbüro und wurde später Richter in Zivilprozessen - verfasste er ein Kinderbuch, ein Theaterstück, einige Kriminalgeschichten und neun vergnügliche Whodunits.

Hares Krimihelden sind der vornamenlose Detective Inspector Mallett von Scotland Yard, ein gross gewachsener, schnauzbärtiger Witwer, und Francis Pettigrew, ein facettenreich geschilderter, auch detektivisch tätiger, jedoch nicht sehr erfolgreicher Rechtsanwalt um die sechzig; zwei recht gegensätzliche Figuren, die in 'Tragödie im Gerichtsaal', 'Mit einer Nadel bloss' und 'Er hätte später sterben sollen' gemeinsam auftreten.

In Hares bekanntestem, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielendem Krimi 'Tragödie im Gerichtssaal' wird der exzentrische Strafrichter Sir William Barber, der, begleitet von seiner Entourage und seiner Ehefrau Hilda, in Südengland von Gericht zu Gericht zieht, mit seltsamen Geschehnissen konfrontiert, nachdem er in betrunkenem Zustand einen berühmten Pianisten mit dem Wagen angefahren und dessen linke Hand beschädigt hat: Drohbriefe und vergiftete Süssigkeiten werden ihm ins Haus geschickt, dann strömt plötzlich Gas ins Schlafzimmer, seine Frau wird im Dunkeln mit ihm verwechselt und niedergeschlagen - des Richters Leben scheint in Gefahr zu sein. Inspector Mallett und Francis Pettigrew, der früher mit Hilda eine Affäre hatte, bekleiden in diesem Roman nur Nebenrollen.

Bibliografie:
Inspector Mallett-Serie: 'Tenant for Death' - 'Ruhige Wohnung mit eigener Leiche' (1937), 'Death is no Sportsman' - 'Das Geheimnis des Anglers' (auch unter dem Titel 'Der Tod ist nicht fair', 1938), 'Suicide Excepted' - 'Der Fall Dickinson' (auch unter dem Titel 'Selbstmord ausgeschlossen', 1939);
Francis Pettigrew-Serie: 'Tragedy at Law' - 'Tragödie im Gerichtssaal' (auch unter den Titeln 'Tragödie vor Gericht' und 'Das Gericht zieht sich zur Ermordung zurück', 1942), 'With a Bare Bodkin' - 'Mit einer Nadel bloss' (auch unter dem Titel 'Spiel mit dem Tod', 1946), 'When the Wind Blows' (auch unter dem Titel 'The Wind Blows Death') - 'Solo für Lucy' (1949), 'That Yew Tree's Shade' (auch unter dem Titel 'Death Walks the Woods') - 'Erschlagen bei den Eiben' (auch unter dem Titel 'Das Geheimnis der Mary Rose', 1954), 'He Should Have Died Hereafter'- 'Er hätte später sterben sollen' (auch unter dem Titel 'Der Tote von Exmoor', 1958);
'An English Murder' (auch unter dem Titel 'The Christmas Murder') - 'Mord - made in England' (1951).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Harrington, Joseph

(1903-1980?)

Joseph Harringtons Lebenslauf ist nur fragmentarisch bekannt. Geboren in Newark, New Jersey, arbeitete er lange Jahre als Journalist in New York City, unter anderem auch als Polizeireporter, sodass er viele NYPD-Cops kennen lernte. Nachdem er bereits 1928 seine erste Kurzgeschichte veröffentlich hatte, verlegte er sich Mitte der 60er-Jahre ganz auf die Schriftstellerei. Er verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Florida, wo er vermutlich 1980 starb.

Harringtons Werk ist schmal geblieben, es enthält drei Krimis und sechzehn in verschiedenen Magazinen abgedruckte Stories. Im Zentrum der Krimis steht Detective Lieutenant Francis X. Kerrigan, genannt Frank, vom NYPD. Er ist ein 32-jähriger irisch-stämmiger Katholik, bewohnt eine kleine Wohnung, doch über über seine Biografie und sein Privatleben, sofern er überhaupt eines hat, will er nichts preisgeben. Kerrigan ist ein umgänglicher, ehrlicher und geduldiger, ungemein gründlicher, für seine hartnäckigen, vorzugsweise nach Freierabend durchgeführten Befragungen bekannter Ermittler. Detective Jane Boardman, jung, unerfahren und attraktiv, ist seine Partnerin. In den drei mit nicht besonders spektakulären Verbrechen aufwartenden Romanen legt der Autor grossen Wert auf eine realistische, detailreiche Schilderung der Polizeiarbeit. Der erste Band 'Die lautlose Jagd' - er handelt von der Suche nach einem wichtigen Zeugen, der mit seiner kleinen Tochter untergetaucht ist - wurde von José Giovanni unter dem Titel 'Dernier domicile connu' mit Lino Ventura und Marlène Jobert in den Hauptrollen verfilmt.

Bibliografie:
Frank Kerrigan-Serie: 'The Last Known Address' - 'Die lautlose Jagd' (1965), 'Blind Spot' - 'Der dunkle Punkt' (1966), 'The Last Doorbell' - 'Hinter der letzten Tür' (1969).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Oktober 2013 ++
 


Harris, Timothy Hyde

(*1946; schreibt auch als Hyde Harris)

Timothy "Tim" Harris wurde in Los Angeles als jüngerer von zwei Söhnen einer Künstlerin geboren. Die Ehe seiner Eltern wurde früh geschieden. Er lebte daraufhin bei der Mutter und ihrem zweiten Mann, einem international tätigen Architekten, und wurde in Marokko, Italien, Holland, England, den USA und schliesslich bis 1963 in Portugal, an der St. Julien's School, ausgebildet. Von 1963 bis 1965 besuchte er die noble Charterhouse School in Surrey.

Nach dem 1969 abgeschlossenen Anglistikstudium in Cambridge (im selben Jahr publizierte er seinen ersten Roman 'Kronski/McSmash', eine Satire auf das Hippieleben) und einem Zwischenhalt im nordkalifornischen Big Sur kehrte er 1972 nach Los Angeles zurück, wo er weitere Bücher schrieb - zuerst ein paar unveröffentlichte Romane, dann zwei durch Raymond Chandler beeinflusste Krimis - und anschliessend, nach der Heirat mit der Regisseurin Mary Bess Walker im Jahr 1980, höchst erfolgreich als Drehbuchautor, nebenbei aber auch als Haus-Anstreicher tätig war. Zwischendurch "novellisierte" er Filme wie 'Stellyard Blues', 'American Gigolo' und 'Heat Wave'. Heute ist Harris in zweiter Ehe mit der Engländerin Fiona verheiratet. Er hat zwei Söhne, Nicholas und Blake, und pendelt zwischen London und Los Angeles.

Im Mittelpunkt der beiden Krimis steht ein verwitweter, von seinen Kriegserlebnissen schwer traumatisierter Vietnamveteran mit einem Berkeley-Abschluss, der seit seiner Heimkehr aus Asien eine Karriere als Privatdetektiv verfolgt. Der gross gewachsene und abgebrannte Mann hat nicht genügend Schlaf, raucht Gauloises und trinkt zu viel Gin; und ist hart gesotten, desillusioniert, melancholisch und immer für eine sarkastische Bemerkung gut. Er heisst Thomas Kyd und betreibt im schäbigsten Teil Hollywoods eine Privatdetektei - Spezialgebiet: Hoffnungslose Fälle.

In 'Kyd in feiner Gesellschaft' beauftragt der Möbel-Tycoon Joe Elevel Thomas Kyd, seine Tochter Charlotte aufzuspüren, die vor zwei Tagen, in der Nacht, als ihre Mutter Selbstmord beging, das Weite suchte. Der Abschiedsbrief der Mutter ist ebenso kurz wie ominös: "Charlotte weiss es. Bald werden es alle wissen. Es ist unsagbar." Die Spuren führen weit zurück in die Vergangenheit der Familie Elevel, und jeder, der etwas über den Fall weiss, kommt gewaltsam ums Leben.

Zu Beginn von 'Kyd und die Dame in Weiss' wird Thomas Kyd Zeuge eines äusserst spektakulären, aber auch folgenschweren Zwischenfalls: Kurz vor Morgengrauen braust eine junge, betrunkene Frau mit einem splitternackten Mann auf der Kühlerhaube ihres roten Volkswagens aus einer Tiefgarage in die Strassen von Los Angeles - Kyd hilft ihr aus der Klemme. Die Frau heisst Laura Cassidy, und sie ist gespalten zwischen ihren Rollen als genusssüchtige femme fatale und trauriges, hilfloses Mädchen, das von seiner Vergangenheit erdrückt wird. Der Detektiv verliebt sich in Laura, obwohl er weiss, dass diese Beziehung kein gutes Ende nehmen wird. Als kurz danach Lauras frisch gebackener Gatte, ein widerlicher Drehbuchautor, um die Ecke gebracht wird und gleichzeitig ein bedeutendes Filmskript abhanden kommt, gerät Thomas Kyd bös unter die Räder, bevor er die Lösung des dreckigen Falls ans Licht bringt.

Harris' feines Gespür für Charakterzeichnung, direkte Rede und zwischenmenschliche Beziehungen, seine schonungslosen Schilderungen der verdorbenen Metropole Los Angeles, die lakonisch-schwarzhumorige Erzählweise und natürlich die facettenreiche Hauptfigur machen 'Kyd in feiner Gesellschaft' und erst recht 'Kyd und die Dame in Weiss' (im Original mit dem chandleresken Titel 'Goodnight and Goodbye', eine Hommage an Harris' grosses Vorbild) zu zwei herausragenden Privatdetektivromane der 70er-Jahre. Auf Deutsch sind sie 1986 in einem scheusslich gestalteten Doppelband bei Heyne erschienen.

2004, nach 25 Jahren Pause, ist ein gealterter, vom Schnaps gezeichneter Thomas Kyd in 'Unfaithful Servant' zu einem eindrucksvollen, jedoch kaum beachteten Comeback als immer noch im Süden Kaliforniens arbeitender Privatdetektiv gekommen - im Auftrag eines 14-jährigen Jungen geht er einer undurchsichtigen Familientragödie auf den Grund.

Bibliografie:
Thomas Kyd-Serie: 'Kyd For Hire' - 'Kyd in feiner Gesellschaft' (1977), 'Goodnight and Goodbye' - 'Kyd und die Dame in Weiss' (1979), 'Unfaithful Servant' (2004).

++ Erstellt: Oktober 2011 ++  


Hautman, Pete

(*1952)

Geboren im kalifornischen Berkeley, aufgewachsen dort und in St.Louis Park, Minnesota, an der Seite von vier Brüdern und zwei Schwestern, studierte Pete Hautman sieben Jahre am Minneapolis College of Art & Design und an der University of Minnesota, blieb jedoch ohne Abschluss. Danach arbeitete er unter anderem als Schildermaler, Ananas-Schneider, Grafiker und im Marketing, ehe er sich in den 90er-Jahren auf das Verfassen von Romanen für Erwachsene und Jugendliche verlegte. Er pendelt mit seiner Frau, der bekannten Krimiautorin und Lyrikerin Mary Logue, zwischen dem 100-Seelen-Ort Stockholm, Wisconsin, und dem Städtchen Golden Valley, Minnesota.

Sein literarisches Debüt gab Hautman im Jahr 1993 mit der hinterhältigen Gaunerkomödie 'Schüttelscheck', dem ersten Teil einer Trilogie (wobei der 1995er Titel 'Schnelle Kohle' chronologisch am Anfang steht). Die Hauptrolle bekleidet der leidenschaftliche Pokerspieler Joe Crow aus Minneapolis, dessen Leben aus den Fugen geraten ist: Seinen Job als Cop wurde er los, nachdem er sich mit einem Vorgesetzten angelegt hatte, die Ehe liegt im Trümmern, das Kokain besorgt den Rest. Joe Crow hat nichts mehr zu verlieren - und lässt sich bei seinen Versuchen, wieder auf die Beine zu kommen, immer wieder auf haarsträubende, äusserst gefährliche Abenteuer ein.

Hautmans Standalone 'Alte Säcke auf Abwegen' (Originaltitel: 'The Mortal Nuts' - der Begriff steht für eine unschlagbare Hand im Pokerspiel) ist eine leichtfüssig erzählte, von liebevoll gezeichneten Charakteren getragene Geschichte. Im Mittelpunkt steht der 73-jährige Weltkriegsveteran und Ex-Pokerspieler Axel Speeter, der in Minnesota zusammen mit seiner gelegentlichen Bettgefährtin Sophie Roman und deren sexy Tochter Carmen eine Taco-Bude betreibt. Axel Speeter (er war bereits in der Crow-Trilogie kurz zu Gast) haust seit vielen Jahren in einem schäbigen Motel, wo er sein gesamtes Vermögen von 260'000 Dollar in Kaffekannen bunkert, weil er den Banken nicht traut. Carmen hat indes einen fatalen Hang zu den falschen Männern, diesmal zu einem Skinhead namens James Dean, der wegen Drogendelikten 30 Monate im Gefängnis einsass und sich jetzt mit seinen Kumpanen hinter Axels Kohle her ist. Die Schmalspurgangster haben die Rechnung jedoch ohne Axel Speeter und dessen ausgekochte Freunde Tommy Fabian und Sam O'Gara (Joe Crows Vater!) gemacht.

Bibliografie (nur Krimis für Erwachsene):
Joe Crow-Trilogie: 'Drawing Dead' - 'Der Schüttelscheck' (1993), 'Short Money' - 'Schnelle Kohle' (1995), 'Ring Game' (1997);
Einzelwerke: 'The Mortal Nuts' - 'Alte Säcke auf Abwegen' (auch unter dem Titel 'Alte Säcke', 1996), 'Mrs. Million' - 'Alles Asche' (1999), 'Rag Man' (2001), 'Dookickey' (2002), 'The Prop' (2006).

++ Erstellt: Februar 2016 ++  


Haywood, Gar Anthony

(*1954; schreibt auch als Ray Shannon)

Geboren und aufgewachsen in Los Angeles als Sohn eines Architekten und einer Hausfrau, war Gar Anthony Haywood neunzehn Jahre als Computertechniker tätig, ehe er Ende der 80er-Jahre zum Schreiben kam und sich als Journalist ('Los Angeles Times', 'New York Times'), Fernsehdrehbuch- und Krimiautor etablierte. Daneben arbeitet er als Grafikdesigner.

Aaron Gunner, ein schwarzer Privatdetektiv in Los Angeles, ist Haywoods Hauptfigur von bisher sechs Romanen - ein siebter Band soll (nach zehnjährigem Unterbruch) demnächst erscheinen. Gunner absolvierte in Los Angeles die Polizeischule, doch diese Berufswahl erwies sich schon nach wenigen Dienstwochen als Fehlentscheid, und er wechselte den Beruf. Die Basis für seine Ermittlungen bildet ein kleiner, schäbiger Raum in einem Frisörladen, den sein Kumpel Mickey Moore betreibt.
'Angeschwärzt' aus dem Jahr 1993, der von den Kritikern am höchsten eingestufte Band der Reihe, nimmt Bezug auf die tragischen Rassenunruhen (L.A. Riots) im Frühjahr 1992. Aaron Gunner steckt wie fast immer in argen Geldnöten, als er einen ungeheuer schwierigen Auftrag erhält: Er soll beweisen, dass Jack McGovern, ein allseits verhasster, rassistisch denkender weisser Cop, der einen 12-jährigen schwarzen Jungen erschossen hat, daraufhin dem Opportunismus des Polizeichefs zum Opfer fallend den Dienst quittieren musste und acht Monate später überraschend Selbstmord beging, damals in Notwehr gehandelt hatte - ein komplexer, mit grimmigem Humor erzählter Roman aus dem schwarzen Ghetto von Los Angeles.

Darüber verfasste Haywood zwei leichtfüssige Krimis um das pensionierte, mit fünf Kindern gesegnete Ehepaar Joe (Ex-Cop) und Dottie (Englischlehrerin) Loudermilk, das mit einem riesigen Lastwagen in den USA unterwegs ist und dabei in Kriminalfälle verwickelt wird, sowie drei Standalones (zwei davon unter dem Pseudonym Ray Shannon). Er lebt mit seiner sechsköpfigen Familie in Los Angeles.

Bibliografie:
Aaron Gunner-Serie: 'Fear of the Dark' - 'Schwarz weiss tot' (1987), 'Not Long for This Workd' - 'Sie sterben jung' (1990), 'You Can Die Trying' - 'Angeschwärzt' (1993), 'It's Not a Pretty Site' (1996), 'When Last Seen Alive' (1997), 'All the Lucky Ones Are Dead' (2000);
Joe & Dottie Loudermilk-Romane: 'Going Nowhere Fast' (1994), 'Bad News Travels Fast' (1995);
'Cemetery Road' (2010).
Als Ray Shannon: 'Man Eater' (2003), 'Firecracker' (2004).

++ Erstellt: November 2010 ++
++ Update: April 2012 ++
 


Headley, Victor

(*1959)

Victor Headley wurde auf Jamaika geboren, wo er auch aufwuchs und eine Zeit lang im Gefängnis einsass. Später ging er nach London und machte dort als Musiker, Drehbuch- und Krimiautor von sich reden. Um die Jahrtausendwende liess er sich für einige Jahre in Pointe Noir, Republik Kongo, nieder, heute lebt er wieder in London. Seine faszinierende, von originellen Gestalten bevölkerte YaRDiE-Trilogie ist in der ersten Hälfte der 90er-Jahre entstanden - der erste, bekannteste Band in einer jamaikanischen Gefängniszelle.

Der Begriff "Yardie" steht für afro-karibische - hauptsächlich aus Jamaika stammende - Gangster, die ihr Unwesen in Grossbritannien treiben. Victor Headleys "Yardie" ist der clevere und abgebrühte Gettokämpfer D. aus Kingston, der mit gefälschten Papieren und einem Kilo erstklassigem Kokain in den Londoner Stadtteil Brixton geht, um dort endlich im grossen Stile abzusahnen. Er legt seine Gang aufs Kreuz, taucht mit dem Stoff unter, spinnt Fäden - und baut in kürzester Zeit ein höchst erfolgreiches Drogenimperium auf. Schon bald aber heften sich nicht nur die alten (um das Kokain geprellten) Kumpel, sondern auch die Londoner Polizei und die lokale Konkurrenz auf seine Fersen.

In den nachfolgenden Bänden der YaRDiE-Trilogie 'Excess' und 'Yush!' kämpft D. mit allen Mitteln darum, seine Vormachtstellung im Londoner Drogengeschäft zu behaupten.

Bibliografie:
YaRDiE-Trilogie: 'Yardie' - 'Yardie' (1992), 'Excess' - 'Excess' (1993), 'Yush' - 'Yush!' (1994); 'Fetish' (1995), 'Here Comes the Bride' (1996), 'Off Duty' (2001), 'Seven Seals' (2002).

++Erstellt: September 2010 ++  


Healy, Jeremiah

(Kürzel für Jeremiah Francis Healy III, 1948-2014; schrieb auch als Terry Devane)

Jeremiah "Jerry" Healy kam im New Yorker Vorort Teaneck, New Jersey, zur Welt. Nach Abschlüssen in Politischen Wissenschaften an der Rutgers University, New Jersey (1970), und in Jura an der Harvard Law School (1973) und dem Militärdienst bei der Armeepolizei arbeitete er fünf Jahre in einer angesehenen Bostoner Kanzlei. Frisch verheiratet mit Bonnie Tisler, verbrachte er anschliessend achtzehn Jahre als Jura-Professor an der New England School of Law in Boston, parallel dazu veröffentlichte er seine ersten Short Stories und Romane. 1995 machte er das Schreiben zu seinem Hauptberuf. Seine letzten Bücher - ein Roman und zwei Geschichtensammlungen - kamen 2003 heraus, im Jahr, in dem er mit der Diagnose Prostatakrebs konfrontiert wurde - nachzulesen auf seiner Website 'jeremiahhealy.com' unter der Ruprik 'Surviving Prostate Cancer'.

Healy veröffentlichte dreizehn Krimis und zwei Geschichtenbände um den Bostoner Privatdetektiv John Francis Cuddy, zwei Einzelwerke und (unter dem Pseudonym Terry Devane) drei ebenfalls in Boston angesiedelte Justizthriller mit der jungen Anwältin Mairead O'Clare, ihrem Chef Sheldon Gold und dem Privatermittler Pontifico Murizzi als Hauptpersonen. Auf Deutsch liegt einzig der dritte Band der John Francis Cuddy-Serie vor - erschienen im Rotbuch Verlag unter dem Titel 'Guten Abend, gute Nacht', vorzüglich übersetzt durch Jürgen Bürger.

John Cuddy, ein kluger, liebenswerter, mit Waffen und Kampfsport vertrauter Vietnamveteran und ehemaliger Militärpolizist, trägt seinen Revolver im Hüfthalfter und ist mit einem alten 124er Fiat auf der Piste. Er trauert noch immer seiner jung an Krebs gestorbenen Frau Beth nach, hat viel Sinn für Humor, aber auch eine kaum verborgene gewalttätige Ader. Sein engstes Umfeld besteht aus der Staatsanwältin Nancy Meagher, mit der er zarte Bande knüpft, aus Lieutenant Robert Murphy und Sergeant Bonnie Cross von der Bostoner Mordkommission, dem Zeitungsreporter Mo Katzen und Primo Zuppone, einer zwielichtigen, mit dem organisierten Verbrechen involvierten Gestalt.

In der geschickt gebauten Geschichte 'Guten Abend, gute Nacht' befasst sich Cuddy im Auftrag eines Freundes, dem er einen Gefallen schuldet, mit einem scheinbar hoffnungslosen Fall: Der hoch intelligente 20-jährige Schwarze William Daniels hat im Kreise einer fünfköpfigen Therapie- und Selbsthilfegruppe dem zuständigen Psychiater Dr. Marek, einem Fachmann für Hypnose, gestanden, soeben seine Freundin Jennifer Creasy, eine weisse Collegestudentin aus reichem Haus, erschossen zu haben - die Tatwaffe hält er in der Hand. Cuddy spricht mit den anderen Gruppenteilnehmern, mit Personen aus Daniels' nächstem Umfeld und Jennifers Eltern, stösst auf Ungereimtheiten, fördert eine Reihe von Liebhabern des Opfers zu Tage - und dann kommt ein weiteres Mitglied der Therapiegruppe gewaltsam ums Leben.

Im Alter von 66 Jahren schied Healy nach langjähriger Depression durch Suizid aus dem Leben. Er hinterliess seine zweite Frau, die Krimiautorin Sanra Balzo, mit der er in South Florida und North Carolina gelebt hatte.

Bibliografie: John Francis Cuddy-Serie: 'Blunt Darts' (1984), 'The Staked Goat' (auch unter dem Titel 'The Tethered Goat', 1986), 'So Like Sleep' - 'Guten Abend, gute Nacht' (1987), 'Swan Dive' (1988), 'Yesterday's News' (1989), 'Right to Die' (1991), 'Shallow Graves' (1992), 'Foursome' (1993), 'Act of God' (1994), 'Rescue' (1995), 'Invasion of Privacy' (1996), 'The Concise Cuddy' (Stories, 1998), 'The Only God Lawyer' (1998), 'Spiral' (1999), 'Cuddy Plus One' (Stories, 2003).
Einzelwerke: 'The Stalking of Sheilah Quinn' (1998), 'Turnabout' (2001), 'Off Season and Other Stories' (2003).
Als Terry Devane:
Justizthriller-Serie: 'Uncommon Justice' (2001), 'Juror Number' (2002), 'A Stain Upon the Robe' (2003).

++ Erstellt: Mai 2014 ++
++ Upate: August 2014 ++
 


Heffernan, William

(*1940)

William Heffernan, geboren und aufgewachsen in New Haven, Connecticut, hatte eine 14-jährige, höchst erfolgreiche Karriere als Journalist in New York City hinter sich (er war unter anderem Reporter der 'New York Daily News' und brachte es auf drei Nominierungen für den Pulitzer-Preis), als er Ende der 70er-Jahre zur Belletristik wechselte. 1980 liess er sich in Vermont nieder, zuerst auf einer Insel im Lake Champlain, danach im Städtchen Huntington. Seit 2005 lebt der verheiratete Vater von sechs Kindern als freier Schriftsteller in Palm Harbor, Florida.

Heffernans beletristisches Werk umfasst achtzehn Kriminalromane, darunter die 1989 gestartete siebenteilige Reihe um den New Yorker Police Detective Paul Devlin, einen jungen, feinfühligen Cop, der mit seiner Schwester Beth und seiner kleinen Tochter Philippa in einem heruntergekommenen Haus lebt, seitdem seine Frau vor einigen Jahren, kurze Zeit nach Philippas Geburt, bei einem Autounfall getötet wurde.

Der erste (und einzige in deutscher Sprache vorliegende) Band der Paul Devlin-Serie 'Das Ritual' gehört eigentlich Devlins direktem Vorgesetzten Lieutenant Stanislaus Rolk, einem charismatischen, unberechenbaren Cop mit polnischen Wurzeln, der vor fünfzehn Jahren von Frau und Tochter verlassen wurde - die beiden sind seither spurlos verschwunden. Die Erzählung dreht sich um einen Mörder, der junge Menschen der toltekischen Gottheit Quetzalcoatl opfert: Er enthauptet seine Opfer mit einer 700 Jahre alten Axt und verstümmelt sie dann mit einem Obsidianmesser, die Köpfe findet man später im Labor des Metropolitan Museums, das gerade eine umfassende Ausstellung über das Volk der Tolteken präsentiert. Nach einem hoch dramatischen, für Devlin äusserst traumatischen Finale, bei dem Rolk gewaltsam ums Leben kommt, verlässt der Detective die Grossstadt und arbeitet in zweiten Roman 'Blood Rose' als Polizeichef in einem verschlafenen Städtchen in Vermont, kehrt indes im folgenden Band 'Scarred' nach New York City zurück, um fortan eine Elitetruppe des NYPD in den Kampf zu führen.

Einer breiten Leserschaft bekannt wurde Heffernan bereits 1983 mit seinem dritten Roman, dem Einzelwerk 'Der Opium-Pate'. In dessen erstem Teil behandelt der Autor den Aufstieg des korsischen Patriarchen Bounaparte Sartane, der, protegiert durch den amerikanischen Geheimdienstoffizier Matt Bently, nach dem Zweiten Weltkrieg die Herrschaft über den südostasiatischen Opiumhandel erringt, indem er die Kommunisten auf rigorose Weise aus dem Geschäft drängt. Als Bounaparte seinen einzigen Sohn Jean bei einem Machtkampf mit konkurrierenden Gangstern verliert, bringt er seinen Enkel Pierre in den USA in Sicherheit - dieser wächst nun als Peter Bently bei Matt Bently auf. Im zweiten, in den 60er-Jahren vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und des geheimen Kriegs in Laos spielenden Teil des umfangreichen Buches nimmt Pierre Rache an den Mördern seines Vaters. Der spannende, zwischen Polit- und Rachethriller oszillierende und mit amourösen Verwicklungen aufwartende Roman leidet unter der etwas holzschnittartigen Zeichnung der Haupt- und Nebenfiguren.

'Im Sog der Macht' sieht Tony Marco im Mittelpunkt, den aufstrebenden, den Slums von Brooklyn entstammenden Vorsitzenden der von Korruptionsskandalen erschütterten New Yorker Hafenarbeiter-Gewerkschaft, der seine Position als Sprungbrett für eine politische Karriere benutzen möchte. Seine Gegenspieler sind Paul Levine, der vierschrötige, gewalttätige Organisationsleiter der Gewerkschaft, und Marcos Jugendfreund Pete Moran von der Mordkommission des NYPD, der Marco eine weit zurückliegended Frauengeschichte nie verziehen hat. Eine zentrale Rolle spielt auch die junge Journalistin Jennifer Brady, die für einen Artikel über Marco in dessen Vergangenheit und im Dreck der Gewerkschaft herumwühlt - und dabei auf Moran als wichtigen Zeugen stösst. Im Verlauf des tempostarken, an Gewaltakten und Sexszenen reichen Thrillers blickt der Autor zurück auf Marcos Jugend- und Studentenzeit, auf dessen Anfang und Aufstieg bei der Gewerkschaft.

Heffernans am höchsten eingestufter Roman ist 'Beulah Hill' aus dem Jahr 2000 (keine deutsche Übersetzung). Angesiedelt in der Vermonter Kleinstadt Jerusalem's Landing in der Zeit der Grossen Depression, kreist er um den gewaltsamen Tod des weissen Grossgrundbesitzer-Sprösslings Royal Firman, dessen verstümmelte Leiche auf Beulah Hill, in der Nähe des Wohnsitzes des stolzen Schwarzen Jehiel Flood, aufgefunden wird. Zusammen mit Sheriff French Le May führt Constable Samuel Bradley die Ermittlungen durch - ausgerechnet er, der von schwarzen, seinerzeit im Dienste der Familie Firman stehenden Sklaven abstammt und seit seiner Jugendzeit Jehiels Tochter Elizabeth liebt.

Bibliografie:
'Broderick' (1980), 'Caging the Raven' (1981), 'The Corsican' - 'Der Opium-Pate' (1983), 'Acts of Contrition' - 'Im Sog der Macht' (1986), 'Corsican Honor' (1991), 'The Dinosaur Club' (1997), 'Cityside' (1997), 'Beulah Hill' (2000), 'A Time Gone by' (2003), 'The Dead Detective' (2010), 'When Johnny Came Marching Home' (2012);
Paul Devlin-Serie: 'Ritual' - 'Das Ritual' (1989), 'Blood Rose' (1991), 'Scarred' (1993), 'Tarnished Blue' (1995), 'Winter's Gold' (1996), 'Red Angel' (2000), 'Unholy Order' (2002).

++ Erstellt: Februar 2013 ++  


Heimann, Alexander

(1937-2003)

Alexander Heimann wurde als Sohn des Schriftstellerehepaars Erwin Heimann und Gertrud Heizmann im Berner Weiler Ferenberg am Fuss des Bantigers geboren. Er absolvierte die Berner Buchhändlerschule und übte seinen Beruf dann in London, Paris und Bern aus. Daneben arbeitete er als Publizist und Autor. Sein Werk enthält Romane, Erzählungen, Gedichte, Texte zu Sachbüchern, drei Hörspiele und das Kriminalstück 'Höhenkoller'. Heimann starb in seinem 66. Lebensjahr in Bern.

Geschult an Friedrich Glauser, Friedrich Dürrenmatt und vor allem Georges Simenon veröffentlichte Heimann von 1980 bis 2001 acht psychologisch ausgefeilte, in einer kraftvollen, mit Schweizer Idiomen durchsetzten Sprache erzählte und stets mit neuen Charakteren und Milieus aufwartende Kriminalromane, von denen 'Wolfszeit' am meisten Zuspruch erhielt und 'Dezemberföhn' (1997) und 'Muttertag' (2002) mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurden.

'Wolfszeit' erzählt die Geschichte des alten, gebrechlichen, in einem unwirtlichen Haus im Berner Mittelland wohnenden Witwers Rufer, der, ginge es nach seinen beiden Töchtern, längst in einem Altersheim untergebracht wäre. Doch Rufer wehrt sich dagegen, will selbständig bleiben und weiterhin in seiner Werkstatt Schaukelpferde zimmern. Eines Abends, kurz vor Weihnachten, entdeckt er auf seinem verschneiten Grundstück eine Blutspur, die in den Keller zieht.

'Dezemberföhn' spielt im Spätherbst 1955, unheimliche Geschehnisse verdüstern die Stimmung im (erdachten) Berner Dorf Hinterzünen: Ein Mann lauert nachts den Mädchen auf und versetzt sie in Angst und Schrecken, eine Katze wird auf grausame Weise getötet. Josi, ein geistig zurückgebliebener Hilfsarbeiter mit gewalttätigen Neigungen, gerät in den Fokus der aufgebrachten Bevölkerung, und auch dem Ostschweizer Künstler und Schriftsteller Josua Kniehorn, der im Dorf seine Ruhe finden und ein neues Leben anfangen will, traut man nicht über den Weg. Dann kommt der 17. Dezember, der Föhn hebt die Temperatur auf fast sommerliche Werte - und die aufgeheizte Stimmung entlädt sich in Akten sinnloser Gewalt.

'Muttertag' ist Heimanns letzter Krimi. Der geschiedene und vereinsamte, nach einem Herzinfarkt frühpensionierte Berner Kantonspolizist Hans Kammermann trifft an der Aare auf eine verstörte, etwas verwahrloste junge Frau, Silvia, deren kleiner Junge eben entführt worden ist, und nimmt sich contre coeur ihrer an. Einige Monate zuvor haben Margret und Roman Bühler ihren einzigen Sohn, den zweijährigen Kevin, durch einen tragischen Unfall verloren, und machen seither die Hölle durch. Margret, ausser Stande, den Schicksalsschlag zu verarbeiten, beschafft sich Ersatz. Die beiden Schmalspurganoven Max und Kurt beobachten Margrets Tat und planen jetzt eine Erpressung. Kunstvoll verknüpft Heimann diese drei Handlungsstränge zu einer stimmungsvollen, psychologisch einfühlsamen Geschichte.

Bibliografie:
'Lisi' (1980), 'Die Glätterin' (1982), 'Bellevue' (1984), 'Nachtquartier' (1987), 'Honolulu' (1990), 'Wolfszeit' (1993), 'Dezemberföhn' (1996), 'Muttertag' (2001).

++ Erstellt: Dezember 2011 ++  


Héléna, André

(1919-1972; schrieb auch als Noël Vexin, Buddy Wesson, Terry Crane, Mauren Sullivan, Kathy Woodfield, Andy Ellen, Andy Helen, Alex Cardourcy, Herbert Smally, Jean Zerbibe, Szonolock Laszlo, Robert Tachet, Clark Corrados, Peter Colombo, Trehall, Joseph Benoist, Lemmy West und C. Cailleaux)

André Héléna wurde als Sohn eines bekannten Archäologen im südfranzösischen Städtchen Narbonne geboren und wuchs dort und im nahe gelegenen Küstenort Leucate auf. 1936, im zarten Alter von siebzehn, zog er nach Paris und assistierte Henri Diamant-Berger bei der Verfilmung eines Arsène Lupin-Streifens. Im selben Jahr gab er seine erste Gedichtsammlung unter dem Titel 'Le bouclier d'or' heraus.

Héléna nahm am spanischen Bürgerkrieg teil und trat 1944 in Südfrankreich der Résistence bei. In diese wilde Zeit fiel seine Ehe, die jedoch von kurzer Dauer war. Nach dem Krieg liess er sich in Paris nieder, führte ein Bohèmeleben im Montparnasse und verrichtete Gelegenheitsjobs wie Buchhändler und Verkäufer von Insektiziden.

1947 gründete Héléna eine kleine Lyrikzeitschrift. Ein Jahr danach wurde er in diesem Zusammenhang wegen Betrügereien zu sechs Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung begann er Romane zu schreiben, wobei er - schamlos ausgebeutet durch seine Verleger - ein horrendes Tempo einschlug: Unter zahlreichen, auch weiblichen Pseudonymen veröffentlichte er rund 200 Bücher (allein 1953 waren es 18 Stück) - vorwiegend Schund, aber auch einige Perlen wie etwa die sozialkritischen, den frühen Werken seines Freundes Léo Malet verpflichteten Noir-Romane 'Die Bullen haben immer recht' und 'Dem Lieben Gott ist es scheissegal', seine einzigen Schriften, die ins Deutsche übersetzt worden sind. Vereinsamt und vergessen, vom Alkohol gezeichnet, starb er 53-jährig in Leucate.

Hélénas Protagonisten sind verbitterte, grossmäulige Aussenseiter, die sich stets auf der Flucht befinden in einer trostlosen, einzig vom Geld gelenkten Welt, in der überall Verrat lauert, in der es keine Hoffnung gibt.

Etwa Félix Froment in 'Dem lieben Gott ist es scheissegal' - aufgewachsen als Spross eines Säufers und einer Nutte in einer unbenannten französischen Stadt -, der mit siebzehn nach Paris geht und seinen Lebensunterhalt fortan mit Einbrüchen bestreitet. Als er von seiner Freundin und seinem Partner betrogen und verraten wird, knallt er die beiden im Zorn ab und wird verhaftet. Viele Jahre später gelingt ihm die Flucht aus dem Straflager in Französisch-Guyana. Er kehrt zurück in das Quartier seiner Kindheit, verübt einen Juwelenraub, der ihm die Möglichkeit verschafft, mit einer neuen Identität unterzutauchen, doch die Bullen sind ihm dicht auf den Fersen. Kalter Regen und die traurigen Klänge eines Akkordeons begleiten Froment auf seinem Weg, der im Kugelhagel seiner Verfolger endet.

Oder Théophraste Renard, genannt Bob, in 'Die Bullen haben immer recht', der nach einem missglückten Juwelenraub drei Jahre hinter Gitter kam und jetzt ein neues Leben an der Seite eines netten Mädchens beginnen möchte. Doch daraus wird nichts - die Verhältnisse im Frankreich der Nachkriegszeit verhindern dies, treiben den "Tricard" (Slang-Ausdruck für "persona non grata", eine Person, die nach Verbüssung der Haftstrafe Aufenthaltsverbot hat, angeblich zum Schutz der Gesellschaft) immer mehr in die Illegalität. Im zweiten Teil der Erzählung setzt sich der Autor mit den menschenunwürdigen - von Hass, Unterwerfung und Denunziation, Gewalt und Folter geprägten - Haftbedingungen in dieser nicht weit zurückliegende Zeit auseinander.

Bibliografie (nur Noir-Romane):
'Les flics ont toujours raison' - 'Die Bullen haben immer recht' (1949), 'Le Bon Dieu s'en fout' - 'Dem lieben Gott ist es scheissegal' (1949), 'Les salauds ont la vie dure' (1949), 'Le goût du sang' (1953), 'Le baiser à la veuve' (1953), 'Les clients du Central Hôtel' (1959), 'Par mesure de silence' (1965).

++ Erstellt: April 2014 ++  


Hensley, Joe L.

(Kürzel für Joseph Louis Hensley, 1926-2007; schrieb - zusammen mit Alexei Panshin - auch als Louis J.A. Adams)

Joe L. Hensley, geboren in Bloomington, Indiana, beendete seine schulische Ausbildung 1944 an der Bloomington's University High School und ging dann zur Navy. 1950 machte er einen Bachelor-Abschluss an der Indiana University, im selben Jahr vermählte er sich mit Charlotte Ruth Berlinger. Im Koreakrieg diente er wiederum bei der Navy, diesmal als Journalist. 1955 schloss er sein Jurastudium an der Indiana University School of Law School ab. Er liess sich daraufhin in Madison, Indiana, nieder und arbeitete in den folgenden gut dreissig Jahren in der Jurisprudenz - als Staatsanwalt und selbständiger Jurist, einige Zeit auch als Richter. 2007, sieben Jahre nach seiner Frau, starb er 81-jährig in Madison. Er hinterliess einen Sohn namens John.

Nebenberuflich verfasste Hensley neunzehn Krimis sowie rund hundert Sciencefiction- und Kriminal-Stories. Seine bedeutendste literarische Figur ist der kluge, liberal gesinnte Anwalt Donald "Don" Robak, ein Veteran des Koreakriegs mit polnisch-irischen Wurzeln, der sich in der fiktiven Kleinstadt Bington, Indiana, in verschiedenen Funktionen der Jurisprudenz widmet. Im Fortgang der Serie vermählt sich Robak in zweiter Ehe mit Jo und wird Vater eines Sohnes.

Als beste Bände der gefühlvollen, in einer präzisen Sprache erzählten, mit Gerichtsszenen geizenden, dafür aber mit eindrucksvollen Charakterzeichnungen aufwartenden Reihe gelten 'Robak's Cross' und der die Serie beschliessende Titel 'Robak in Black', auf Deutsch ist allerdings nur der erste Roman unter dem Titel 'Exekution in sieben Tage' verfügbar.

Auch in Henleys erstem Krimi, dem Einzelwerk 'Stumme Zeugen', steht ein furchtloser Rechtsanwalt im Mittelpunkt: Sam April, der junge Pflichtverteidiger des vorbestraften Schwarzen Alphonse Jones, dem der brutale Mord an einer schönen weissen Frau zur Last gelegt wird (Rassenfragen kommen jedoch nur ganz peripher zur Sprache). Die Stimmung in der namenlosen Kleinstadt ist geladen, und April weiss, dass er den wahren Täter überführen muss, um seinen Klienten vor der Todesstrafe zu bewahren.

Bibliografie:
'The Color of Hate' (auch unter dem Titel 'Color Him Guilty') - 'Stumme Zeugen' (1960), 'The Poison Summer' - 'Giftiger Sommer' (1974), 'The Black Roads' (1976), 'Fort's Law' (1987), 'Grim City' (1994), 'Loose Coins (gemeinsam mit Guy M. Townsend, 1998), 'Snowbird's Blood' (2008);
Don Robak-Serie: 'Deliver Us to Evil' - 'Exekution in sieben Tagen' (1971), 'Legislative Body' (1972), 'Song of Corpus Juris' (1974), 'Rivertown Risk' (1977), 'A Killing in Gold' (1978), 'Minor Murders' (1979), 'Outcasts' (1981), 'Robak's Cross' (1985), 'Robak's Fire' (1986), 'Robak's Firm' (Short Stories, 1987), 'Robak's Run' (1990), 'Robak's Witch' (1997), 'Robak in Black' (2001).

++ Erstellt: Dezember 2012 ++  


Hentoff, Nat

(Kürzel für Nathan Irving Hentoff, *1925)

Nat Hentoff wurde als ältester Sohn einer russisch-jüdischen Einwanderer-Familie in Boston geboren. Er studierte an der Boston Latin School, der Northeastern University in Boston und an der Harvard University und verbrachte dann ein Jahr als Flubright-Stipendiat an der Pariser Sorbonne. 1953 zog er nach New York City, um eine journalistische und schriftstellerische Laufbahn zu verfolgen. Von 1953-57 war er Redakteur des Magazins 'Down Beat', von 1958-61 von 'The Jazz Review'. Später arbeitete er als Kolumnist für Printmedien wie 'The Village Voice', 'Wall Street Journal' 'Washington Times', 'Hustler', 'The New Yorker' und verfasste eine Reihe von Biografien, Jazz-, Kinder- und Jugendbüchern sowie unzählige Jazzkritiken. Im Jahr 2001 erschienen seine Jugenderinnerungen 'Boston Boy - growing up with jazz and other rebellious passions'. Nach zwei kurzen Ehen ist er seit 1959 mit Margot Goodman verheiratet, der Mutter seiner beiden Kinder.

Im Jahr 1982 veröffentlichte Hentoff, der nicht nur Count Basie und dessen Bigband auf Tourneen, sondern auch die Cops der New Yorker Mordkommission bei ihren Ermittlungen hautnah begleitet hatte, den Krimi 'Was zum Teufel wird aus dieser Stadt?'. Der harte, mit pointierten Dialogen aufwartende Polizeiroman dreht sich um Noah Green (jüdisch-stämmig) und Sam McKibbon (schwarz), zwei desillusionierte, eng miteinander befreundete Detectives von der Mordkommission des NYPD, die nichts mehr aus der Ruhe bringt. Doch jetzt ist die weisse Frau eines angesehenen Literaturprofessors ermordet aufgefunden worden, und ihr Vorgesetzter Lieutenant Fortunato Randazzo macht mächtig Druck.

Noah Green, seit einem Jahr in zweiter Ehe verheiratet mit einer zwanzig Jahre jüngeren Reporterin, die gerade ein Kind bekommen hat, bekleidet auch in Hentoffs zweitem (und letztem) Krimi 'Lass sie nicht aus den Augen!' die Hauptrolle, mit einem neuen Partner, denn Sam McKibbon ist in den Ferien. Sein neuer Fall konfrontiert ihn mit halbierten Leichen, die in Mülltonnen aufgefunden werden. Gleichzeitig gerät er ins Visier der polizeiinternen Überwachungsabteilung "Internal Affairs Division" - ein fast nicht zu ertragender Tiefschlag für den zur Melancholie neigenden Polizisten, der sich nie etwas zu Schulden kommen liess.

Hentoff erzählt seine schnellen, originellen, von kantigen Figuren bevölkerten Krimis mit viel schwarzem Humor und zeichnet ein ungemein farbiges und detailreiches Bild von "Alphabet City" (East Side, Manhattan), dieses multikulturellen, von Bohemians und Künstlern, aber auch von Zuhältern und Nutten, Dealern und Junkies bevölkerten Stadtteils der schillernden Metropole. Dabei ist 'Was zum Teufel wird aus dieser Stadt?' das bessere Buch: Sam McKibbon fehlt in 'Lass sie nicht aus den Augen' an allen Ecken und Enden.

Bibliografie:
Noah Green & Sam McKibbon-Romane: 'Blues For Charlie Darwin - 'Was zum Teufel wird aus dieser Stadt?' (auch unter dem Titel 'Die Bluthunde kommen', 1982), 'The Man From Internal Affairs' - 'Lass sie nicht aus den Augen!' (1985).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Juni 2013 ++
++ Update: November 2013 ++
 


Hey, Richard

(1926-2004)

Richard Hey, geboren in Bonn als ältestes von drei Kindern des bekannten Rechtmediziniers Rolf Hey, aufgewachsen in Greifswald, Pommern, und Frankfurt/Main, studierte Musik, Geschichte und Germanistik, brach dann aber sein Studium ab, um als Regieassistent, Journalist und Musikkritiker zu arbeiten. Ab Anfang der 50er-Jahre schrieb er Bühnenstücke und -texte, Hörspiele, Kriminalerzählungen sowie Drehbücher für Film und Fernsehen, unter anderem den 'Tatort'. 1972 bis 1976 war er Mitherausgeber der AutorenEdition des Bertelsmann-Verlags, 1975/76 Schauspieldramaturg in Wuppertal. 1976 wurde er freischaffender Autor. Kurz nach der Publikation seiner Erinnerungen Die schlafende Schöne in Formalin' starb er 78-jährig in Berlin, wo er die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens verbracht hatte.

Zwischen 1973 und 1980 veröffentlichte Richard Hey drei sozialkritische, um Probleme wie Jugendgewalt, Fremdenhass und Drogenhandel kreisende Kriminalromane mit der empathischen, politisch links stehenden Westberliner Oberkommissarin Katharina Ledermacher, genannt die Ledermacherin, in der Hauptrolle - intelligent und schnörkellos geschriebene, unprätentiöse Police-Procedural-Novels mit einer fein und glaubhaft skizzierten Protagonistin. Katharina Ledermacher, eine Frau mit traumatischer Kindheit, geschiedene Mutter einer heranwachsenden Tochter namens Kathinka, mit einem Lehrer im Konkubinat lebend, quittiert den Dienst am Ende des dritten Bandes, weil sie die Militarisierung des Polizeiapparats ablehnt.

Viel Raum gibt Richard Hey der vielschichtigen, überwiegend freundschaftlichen Beziehung zwischen Katharina und ihrer Tochter, die zunächst noch beim Vater in der Schweiz lebt, später, in ihrer rebellischen Phase, der Mutter manche schlaflose Nacht bereitet, gegen Ende der Trilogie einen Sohn zur Welt bringt und sich mit ihm in einer Wohngemeinschaft niederlässt.

In 'Feuer unter den Füssen', der 1981 erschienenen Romanversion des von Hey verfassten Drehbuchs zum Tatort-Krimi 'Der Mann auf dem Hochsitz', ermittelt mit der Mainzer Oberkommissarin Marianne Buchmüller eine neue (mit der Ledermacherin befreundete) Polizistin einen brisanten, bis in die Zeit der Nazi-Diktatur zurückreichenden Mordfall.

In den 80er-Jahren liess Hey zwei Bände mit Kriminalerzählungen und drei nicht dem Krimigenre zuzurechnende Romane folgen, unter ihnen die Sciencefiction-Geschichte 'Im Jahr 95 nach Hiroshima'. 1999 beendete er seine schriftstellerische Laufbahn.

Im Jahr 2008 veröffentlichte Uwe Friesel mit 'Goldaugenmusik' einen Krimi, der auf einem nachgelassenen Fragment eines Ledermacher-Romans beruht - mit Kathrin Ledermacher und Friesels Serienfigur Guido Blankenhorn als Privatermittler.

Bibliografie:
Kommissarin Katharina Ledermacher-Serie: 'Ein Mord am Lietzensee' (1973), 'Engelmacher und Co' (1975), 'Ohne Geld singt der Blinde nicht' (1980);
'Feuer unter den Füssen' (1981).

++ Erstellt: Januar 2016 ++  


Higgins, George V.

(1939-1999)

George V. Higgins, geboren in Brockton, Massachusetts, als Sohn irisch-amerikanischer Katholiken (beide Lehrer), wuchs dort und in der nahe gelegenen Stadt Rockland auf, wo er 1957 die High School abschloss. Er studierte Englisch und Jura am Boston College und an der Stanford University, Kalifornien, und arbeitete nebenbei als Journalist und Polizeireporter in Boston und Springfield. Daraufhin war er lange Jahre gleichzeitig als Kolumnist ('New York Times', 'Washington Post', 'Boston Globe', 'Wall Street Journal', 'Atlantic Monthly' u.a.) sowie - von 1967 bis 1973 als Staatsanwaltschaft, Spezialgebiet Organisiertes Verbrechen, danach bis 1982 in seiner eigenen Bostoner Kanzlei - als Jurist tätig (er verteidigte unter anderem den Watergate-Verschwörer G. Gordon Liddy und den Bürgerrechtler Eldridge Cleaver). Parallel dazu machte er sich einen Namen als Autor von kleinen schmutzigen Geschichten aus der Bostoner Unterwelt. 1987 wurde er Professor für Kreatives Schreiben an der State University of New York in Buffalo, später unterrichtete er dieses Fach an der Boston University. Neben seinen über zwanzig Romanen, von denen sechs auf Deutsch vorliegen, veröffentlichte er Sachbücher über Politik, Baseball und das Schreiben.

Higgins verstand sich vortrefflich auf schnelle, schnörkellose Handlungsführung - doch die Handlung macht nur einen verschwindend kleinen Teil seiner Geschichten aus. Denn Higgins' Domäne ist die direkte Rede: Ausufernde Monologe und Dialoge, in denen sich Berufliches (Geld, Einfluss, Verbrechen und Macht) mit Privatem (Frauen, Familie, Autos und Gebresten) ständig vermischen, unsinniges Gerede über Banalitäten, Schmieden und Verwerfen von Plänen, Andeuten und Zaudern, Einschüchtern und Schmeicheln - alles im Slang der Strasse, in der Fachsprache der Ganoven. Eine einzigartige, zwischen Hochkomik und Tragik hin und her springende Prosa um kleine Gauner, schmierige Geschäftsleute, grossspurige Gangster, fiese Cops und bestechliche Politiker.

Der literarische Durchbruch gelang Higgins gleich mit seinem ersten, 1971 erschienenen Krimi 'Die Freunde von Eddy Coyle', der wenig später von Peter Yates mit Robert Mitchum verfilmt wurde. In dieser lässig erzählten, zu 90% aus direkter Rede bestehenden Geschichte behandelt der Autor sämtliche Aspekte der Waffenschieberei. Ganoven und Terroristen jeder Couleur, aber auch Polizisten und ihre Spitzel sind in die undurchsichtigen Geschäfte verwickelt. Und der kleine Zwischenhändler Eddy "Fingers" Coyle hat nicht nur Freunde, wie er zu seinem Leidwesen feststellen muss.

In Higgins' nachfolgendem Krimi 'Ausgespielt' verspielt Jerry "Digger" Doherty - eloquenter Familienvater, Besitzer der Bar 'The Bright Red', jüngerer Bruder eines angesehenen Priesters - beim Black Jack in Las Vegas sein kleines Vermögen. Er steht nun mit achtzehn Riesen bei einem Kredithai in der Kreide, und dessen Eintreiber, "Der Grieche", zählt zu den rabiatesten Vertretern seiner Zunft. Doch Digger baut auf die Hilfe seiner alten Kumpel Mikey-Mike, Marty und Harrington. Gemeinsam planen sie ein paar kleine Coups, die ihnen das nötige Bargeld einbringen sollen.

Higgins' dritter Krimi 'Ich töte lieber sanft', im Original 'Cogan's Trade', kam 2012 mit Brad Pitt als Jackie Cogan in die Kinos ('Killing Them Softly'). Zwei nicht allzu schlaue Kleinkriminelle überfallen in Boston eine illegale Pokerrunde der Mafia und setzen sich mit üppiger Beute ab. Jackie Cogan, Troubleshooter des Syndikats, soll zum Rechten schauen und die beiden abservieren. Dies das karge Rohmaterial, doch was der Autor daraus macht...

Zu Higgins' herausragenden Werken zählt 'Heisser Abriss' (im Original: 'The Rat on Fire'), eine figurenreiche, ungemein zynische Geschichte, in der soziale Missstände wie beiläufig dargestellt sind und, wie immer bei diesem Autor, fast pausenlos geredet wird. Der schlaue Rechtsanwalt Jerry Fein und der ebenfalls mit allen Wassern gewaschene Feuerpolizist Bill Malatesta besitzen Wohnhäuser in einem Bostoner Bezirk, der zur Slumgegend geworden ist, keiner zahlt mehr die Miete. Was tun? Ihr Kumpan, der Gangster Leo Proctor, kommt auf die Lösung: Ein Dutzend Ratten einfangen (die Scheissviecher, die sich in den Häusern dick gefressen haben, kommen, so Jerry Fein, ja auch nicht für die Miete auf), mit Benzin übergiessen, freilassen, ein Zündholz anstreichen, und die brennenden Ratten werden versuchen, in die Schlitze zu fliehen, in denen sich die elektrischen Leitungen befinden - Kurzschluss, Grossbrand, Versicherungsgeld einstreichen. Ein perfekter Plan, wenn nicht beim ersten Anschlag ein junger Schwarzer ums Leben gekommen wäre.

Von Higgins' vergnüglichem (von 1980 bis 1996 erschienenem) Vierteiler um den ausgekochten, etwas heruntergekommenen Bostoner Strafverteidiger und Ich-Erzähler Jeremiah F. Kennedy, genannt Jerry, ist einzig der erste Band 'Der Anwalt' ins Deutsche übertragen worden - ein exquisiter Lesegenuss mit herrlichen, aus dem Leben gegriffenen Dialogen. Kennedy, zu Beginn der Reihe Anfang vierzig, lebt mit seiner Frau Joan, genannt Mack, die ihn als "besten schmierigen Strafverteidiger in Boston" bezeichnet, und ihrer Tochter Heather, genannt Saigon, in einem Haus mit vier Schlafzimmern in Braintree Highlands, Massachusetts, die Familie zerfällt jedoch nach dem zweiten Buch. Seine Klienten sind Typen wie Teddy Franklin, einer der besten Autodiebe der Ostküste (Spezialgebiet Cadillacs), dem leider der Führerschein abhandengekommen ist - ein Polizist soll ihn gegessen haben; Donald French, ein etwas einfältiger Drogenkurier; der schlagkräftige Zuhälter Captain Midnight; Nutten, Pusher und Junkies. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der für vorzügliche Unterhaltung sorgt.

Higgins war zweimal verheiratet, von 1965 bis 1979 mit Elizabeth Mulkerin, danach bis zu seinem Tod mit Loretta Lucas Cubberley, und hatte einen Sohn und eine Tochter aus erster Ehe. Eine Woche vor seinem 60. Geburtstag starb er in seinem Haus in Milton, Massachusetts, an einem Herzinfarkt.

Bibliografie:
The Friends of Eddie Coyle' - 'Die Freunde von Eddie Coyle' (auch unter dem Titel 'Hübscher Abend bis jetzt', 1971), 'The Digger's Game' - 'Ausgespielt' (1973), 'Cogan's Trade' (auch unter dem Titel 'Killing Them Softly') - 'Ich töte lieber sanft' (1974), 'A City on a Hill' (1975), 'The Judgement of Deke Hunter' (1976), 'Dreamland' (1977), 'A Year or So With Edgar' (1979), 'The Rat on Fire' - 'Heisser Abriss' (1981), 'The Patriot Game' (1982), 'A Choice of Enemies' (1983), 'Imposters' (1986), 'Outlaws' (1987), 'The Sins of the Fathers' (1988), 'Trust' (1989), 'Victories' (1990), 'The Mandeville Talent' - 'Der Fall Mandeville' (1991), 'Bomber's Law' (1993), Swan Boats at Four' (1995), 'A Change of Gravity' (1997), 'The Agent' (1999), 'At End of Day' (2000);
Jerry Kennedy-Serie: 'Kennedy for the Defense' - 'Der Anwalt' (1980), 'Penance for Jerry Kennedy' (1985), 'Defending Billy Ryan' (1992), 'Sandra Nichols Found Dead' (1996).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Oktober 2013 ++
 


Higson, Charles

(*1958)

Charles Higson, geboren in Frome, Somerset, ausgebildet an der University of East Anglia, war unter anderem Sänger der nicht besonders erfolgreichen Rockband 'The Higsons', Tapezierer und TV-Komiker ('Saturday Live', 'Loadsamoney'), bevor er in der ersten Hälfte der 90er-Jahre drei Noir-Thriller und die humoristische Yuppie-Groteske 'Mein Höllentag mit Mr. Kitchen' zu Papier brachte. Heute arbeitet er als Filmproduzent, Drehbuchautor und Schauspieler beim britischen Fernsehen und verfasst Bücher für Kinder und Jugendliche (Young James Bond-Romane, Zombie-Reihe). Higson ist seit 1995 verheiratet, hat drei Kinder und lebt in London.

In Higsons erstem Krimi 'König der Ameisen' wurstelt sich der psychisch labile, unlängst von seiner Freundin verlassene Underdog Sean Crawley in London mit Gelegenheitsarbeiten, Biertrinken und Kiffen durchs Leben, bis er eines Tages auf den cleveren Ganoven Duke Wayne trifft, der ihm einen gut bezahlten, jedoch etwas undurchsichtigen Job als Privatdetektiv vermittelt: Er soll den Buchhalter Gatley beschatten, der drauf und dran ist, Schmiergeldtransaktionen zwischen einem Bauunternehmer und der Stadtverwaltung aufzudecken. Später wird der Auftrag jedoch leicht modifiziert: Sean soll den aufsässigen Buchhalter besser gleich umlegen. Er tut dies auch - und muss nun die bittere Pille schlucken, dass man ihn aufs Kreuz gelegt hat. Doch Sean lässt sich nicht so leicht ins Boxhorn jagen und schlägt gnadenlos zurück.

'Museum der geheimen Leidenschaften', Higsons bekanntester Roman, erzählt die traurigen Lebensgeschichten zweier gequälter Seelen: des Teenagers Will Summers, der seinen Sexualtrieb auslebt, indem er heimlich in Häuser eindringt ("Häuser fickt"), während deren Bewohner zugegen sind; und des eigenbrötlerischen Druckereibesitzers Tom Kendall, der ganz in seiner Arbeit aufgeht, bis er sich während einer Psychotherapie-Sitzung in eine unglücklich verheiratete Frau verliebt. Als Will und Tom sich zufällig über den Weg laufen, ist die Katastrophe unausweichlich.

'Das Alphabet der Gewalt' dreht sich um Dennis Pike, in seiner Jugend führendes Mitglied einer Gang, die dummerweise zwei Morde begangen hat. Heute, zehn Jahre nach seinem Fehlstart, versucht Pike, ein anständiges Leben zu führen, hat fünfundzwanzig Riesen auf der hohen Kante, träumt vage von einem Leben in Kanada, bis ihn die Vergangenheit in der Gestalt von Chas Bishop einholt, der ihn um seine Ersparnisse erleichtert. Gemeinsam mit Chas' Bruder Noel macht sich Pike auf die Verfolgung des Betrügers, dem auch zwei dumpfe Psychopathen namens Terry und Basil im Nacken sitzen - eine gewalttätige Jagd nimmt ihren Lauf.

Bibliografie:
'King of the Ants - 'König der Ameisen' (1992), 'Happy Now' - 'Museum der geheimen Leidenschaften' (1993), 'Full Whack' - 'Das Alphabet der Gewalt' (1994).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: September 2012 ++
 


Hightower, Lynn S.

(*1956)

Lynn S. Hightower kam in Chattanooga, Tennessee, zur Welt und wuchs in Georgia und Virginia auf, ehe sie sich mit ihren Eltern in Lexington, Kentucky, niederliess, wo sie auch heute noch lebt. Sie studierte Creative Writing an der University of Kentucky und machte einen Abschluss in Journalismus. In den 90er-Jahren wurde das Schreiben zu ihrem Hauptberuf. Für ihre Recherchen war sie mit Polizisten und Privatdetektiven unterwegs und nahm an Autopsien teil. Neben dem Schreiben unterrichtet Hightower - online - Schreiben am UCLA Extension Writher's Programm. Ihr letzter Krimi ist 2005 erschienen.

Hightowers bekannteste Krimiserie dreht sich um die Polizistin Sonora Blair, eine jung verwitwete, allein erziehende Mutter von zwei Kindern und Besitzerin eines fetten, dreibeinigen Hundes, die mit ihrem Partner Sam Delarosa beim Cincinnati Police Department tätig ist. 'Zahltag', ein gradlinig, mit feinem Humor erzählter Krimi, bildet den Höhepunkt der kleinen Reihe. Es geht um die Aufklärung eines Mordfalls, bei dem eine durchschnittliche Familie aus Cincinnati brutal ermordet wird - scheinbar ohne Grund. Die Geschichte bezieht ihre Spannung aus detailreichen Schilderungen der Polizeiarbeit, präzisen, aus dem Leben gegriffenen Dialogen und witzigen Beobachtungen über das Privatleben der sympathischen Protagonistin.

Die Autorin hat eine weitere Krimifigur zum Leben erweckt: Die Privatdetektivin Lena Padget aus Lexington, Kentucky, die mit Detective Joel Mendez von der Mordkommission liiert ist (drei Romane, keine deutsche Übersetzung).

Die vier Romane um den Cop David Silver, der bei der Lösung seiner Mordfälle durch einen Alien unterstützt wird, sind der Sciencefiction zuzurechnen.

Bibliografie:
Sonora Blair-Serie: 'Flashpoint' - 'Flashpoint Killer' (1995), 'Eyeshot' - 'Der blinde Fleck' (1996), 'No Good Deed' - 'Tödlicher Ritt' (1998), 'The Dept Collector' - 'Zahltag' (1999);
Lena Padgett-Serie: 'Satan's Lambs' (1992), 'Fortunes of the Dead' (2003), 'When Secrets Die' (2005);
'High Water' (2001).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Himes, Chester

(1909-1984)

Chester Himes kam als Sohn einer angesehenen schwarzen Mittelklassefamilie in Jefferson City, Missouri, zur Welt. Sein Vater unterrichtete Schmiedekunst und Metallhandwerk an einer Berufsschule, seine Mutter war eine Zeit lang ebenfalls als Lehrerin tätig gewesen. Die Familie liess sich Anfang der 20er-Jahre in Cleveland, Ohio, nieder, wo Himes die Highschool abschloss. Nach einem kurzes Gastspiel an der Ohio State University - Himes wollte eigentlich Medizin studieren, vertrieb sich die Zeit jedoch vornehmlich mit Glücksspiel, Alkoholkonsum und Bordellbesuchen - wurde er im Alter von neunzehn wegen bewaffneten Raubüberfalls zu 20 bis 25 Jahren Haft bei harter Arbeit in das Staatsgefängnis von Ohio eingewiesen. Beeinflusst von Dashiell Hammetts Werk verfasste er dort seine ersten Stories, die in verschiedenen Zeitschriften abgedruckt wurden. 1936 kam er auf freien Fuss.

Im Jahr 1937 vermählte sich Himes mit Jean Johnson und ging drei Jahre später nach Kalifornien, um dort in der kriegsbedingt blühenden Werftindustrie zu arbeiten. 1945 veröffentlichte er seinen ersten Kriminalroman 'Flieh, wenn du kannst', der von allen Seiten scharf kritisiert wurde. Himes, der sich in den USA immer weniger verstanden fühlte, Unmengen Alkohol trank und ständig in argen Geldnöten steckte, verliess 1953 seine Frau, zog fast fluchtartig nach Paris - und avancierte in Frankreich schon bald zum Kultautor. Die letzten fünfzehn Lebensjahre verbrachte er mit seiner zweiten Frau, der Engländerin Lesley Packard, im südspanischen Moraira, wo er 75-jährig starb. Seine Autobiografie ist in zwei Teilen unter den Titeln 'The Quality of Hurt' (1972) und 'My Life of Absurdity' (1976) erschienen.

Mit seinen absurd-realistischen Harlem-Romanen um die knochenharten schwarzen Cops Coffin Ed Johnson (sein Gesicht ist von einem Säureattentat schwer entstellt) und Grave Digger Jones ist es Himes wie kaum einem anderen gelungen, einen Mikrokosmos (das Getto von Harlem) detailreich, dicht und expressionistisch darzustellen, brutale Handlungen slapstickartig in Szene zu setzen und den alltäglichen Wahnsinn auf den Strassen einer amerikanischen Grossstadt zu dokumentieren. Darüber hinaus hat er mit seinen Antihelden Coffin Ed und Grave Digger zwei sehr originelle und komplexe Figuren erfunden; zwei Figuren, die Tag für Tag mit dem Widerspruch leben müssen, das Gesetz des weissen Mannes zu vertreten, ohne hierbei der diskriminierten, in den Slums von Harlem ums Überleben kämpfenden schwarzen Minderheit ein Mindestmass an Gerechtigkeit vorzuenthalten.

Von Krankheit bereits schwer gezeichnet, konnte Chester Himes sein letztes Werk nicht mehr ganz beenden: das wilde, apokalyptische Vermächtnis 'Plan B', auf dessen letzter Seite Coffin Ed Johnson und Grave Digger Jones von Kugeln durchlöchert in der Gosse liegen.

Bibliografie:
Harlem-Zyklus: 'A Rage in Harlem' (auch unter dem Titel 'For Love of Imabelle') - 'Die Geldmacher von Harlem' (1957), 'The Real Cool Killers' - 'Heisse Nacht für kühle Killer' (1958), 'The Crazy Kill' - 'Fenstersturz in Harlem' (1959), 'The Big Gold Dream' - 'Der Traum vom grossen Geld' (1959), 'Run, Man, Run' - 'Lauf Mann, lauf!' (auch unter dem Titel 'Lauf, Nigger, lauf', 1959) 'All Shot Up' - 'Harlem dreht durch' (auch unter dem Titel 'Rauhnacht in Harlem', 1960), 'The Heat's on' (auch unter dem Titel 'Come Back Charleston Blues') - 'Heroin für Harlem' (1961), 'Cotton Comes to Harlem' - 'Schwarzes Geld für weisse Gauner' (1964), 'Blind Man with a Pistole' (auch unter dem Titel 'Hot Day, Hot Night') - 'Blind, mit einer Pistole' (1969), 'Plan B' - 'Plan B' (1993; Erstausgabe unter dem französischen Titel 'Lieu Commun', 1983);
Einzelwerke: 'If He Hollers Let Him Go' - 'Flieh, wenn du kannst' (1945), 'Lonely Crusade' (1947), 'Yesterday Will Make You Cry' (auch unter dem Titel 'Cast the First Stone', 1952), 'The Third Generation' - 'Mrs. Taylor und ihre Söhne' (1954), 'The Ebd of a Primitive' (auch unter dem Titel 'The Primitive', 1955), 'Pinktoes' - 'Schwarze Glut' (auch unter dem Titel 'Schwarzer Samt in heissen Nächten', 1961), 'A Case of Rape' (1963).

++ Erstellt: November 2016 ++  


Hoch, Edward D.

(1930-2007; schrieb auch als Ellery Queen, Irvin Booth, Anthony Circus, Stephen Dentinger, Pat McMahon, R. E. Porter, R. L. Stevens und Mr. X.)

Geboren und aufgewachsen in Rochester, New York State, brach Edward Hoch sein Studium ab, um im Koreakrieg mitzukämpfen. Zurück in seiner Heimatstadt, arbeitete er vierzehn Jahre in einer Werbeagentur, bis er 1968 das Schreiben zum Hauptberuf machte. Er starb 77-jährig in seinem Haus in Rochester und hinterliess seine Frau, Patricia.

Seit Anfang der 70er-Jahre zählte Hoch, "The King of the Classical Whodunit" mit einer Vorliebe für "unmögliche Verbrechen", in den Vereinigten Staaten zu den beliebtesten Erfindern von Kriminalgeschichten. Verborgen hinter zahlreichen Pseudonymen (darunter Pat McMahon, der Name seiner Frau, und Ellery Queen), hat er gegen 900 Stories zu Papier gebracht, die vornehmlich im 'Ellery Queen's Mistery Magazine' erschienen sind - seit Mai 1973 soll keine einzige EQMM-Nummer herausgekommen sein, in der nicht mindestens eine Geschichte von Hoch abgedruckt war. Seine bedeutendsten Serienfiguren sind Nick Velvet, ein professioneller Auftragsdieb, Captain Leopold, ein Kriminalpolizist aus Connecticut, und Dr. Sam Hawthorne, ein pensionierter Arzt und Spezialist für "unmögliche Verbrechen".

Edward Hoch begab sich nur ganz sporadisch auf die lange Strecke, etwa 1969 mit dem pfiffigen Kriminalroman 'Schuss aus dem Mikrofon', in dem Barney Hamet - Ex-Privatdetektiv, Krimiautor und Vizepräsident der Mystery Writers of America - zu grosser Form aufläuft, als während der Edgar-Verleihungsgala in New York City ein Mord geschieht.

Bibliografie:
'The Shattered Raven' - 'Schuss aus dem Mikrofon' (1969), 'The Blue Movie Murders' - 'Mordfall saubere Leinwand' (als Ellery Queen, 1972).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Homes, Geoffrey

(Pseudonym für Daniel Mainwaring, 1902-1977)

Daniel Mainwaring wurde im kalifornischen Oakland geboren, wuchs auf einer Farm in der Sierra Nevada auf und studierte am Fresno State Teachers College. Er arbeitete kurze Zeit als Lehrer und hielt sich dann als Obstpflücker, Vertreter, Privatdetektiv und Reporter ('San Francisco Chronicle' und 'Los Angeles Examiner') über Wasser, ehe er in den 30er-Jahren zum Schreiben kam. Ab Mitte der 30er-Jahre arbeitete er zudem als Publicity-Mann für die Filmstudios von Warner, Paramount, RKO und Columbia in Hollywood. Nachdem er zwischen 1933 und 1946 dreizehn Krimis veröffentlicht hatte (den ersten unter seinem bürgerlichen Namen, die restlichen unter dem Pseudonym Geoffrey Homes), begann er eine erfolgreiche Laufbahn als Drehbuchautor ('Out of the Past', 'Invasion of the Body Snatchers', 'The Lawless' und viele andere Scripts), wobei er oft mit seinem Kumpel Don Siegel zusammenarbeitete. In den 50er-Jahren kam er auf Senator McCarthys Schwarze Liste. Er starb 74-jährig in Los Angeles.

Homes' erste Krimiserie dreht sich um Robin Bishop, einen scharfsinnigen Mann Ende zwanzig. Er arbeitet für die Agentur Oscar Morgan ("Morgan Missing Persons Bureau") in Los Angeles, die verschwundene bzw. vermisste Personen aufspürt. Nach der Heirat mit der schönen, warmherzigen Mary lässt er sich in einem kalifornischen Küstenstädtchen nieder und wird Reporter beim Lokalblatt. Nebenbei unterstützt er die örtliche Polizei beim Auflösen von Mordfällen.

Im letzten Band der Robin Bishop-Serie hat Humphrey Campbell, ein hühnenhafter, stämmiger ("kein Fett, nur Muskeln"), ungemein kaltblütiger Mann um die dreissig, der äusserlich nach Homes' langjährigem Freund Humphrey Bogart gestaltet ist, seinen ersten von fünf Auftritten als Bishops Nachfolger bei dem faulen und versoffenen, jedoch äusserst geschäftstüchtigen Fettsack Oscar Morgan, der seine Basis im Fortgang der Reihe in die (fiktive) kalifornische Kleinstadt Joaquin verlegt und sich dort später zum stellvertretenden Polizeichef emporschwingt. Campbell hat eine Vergangenheit als Schnapsschmuggler auf Kuba während der Prohibition und als Journalist, trägt einen .38er im Schulterhalfter, entspannt sich beim Akkordeonspiel und schluckt (als bekehrter Trinker) Milch statt Alkohol; und ist ein sehr begabter Ermittler. Im letzten (und gefälligsten), in der Zeit des Zweiten Weltkriegs spielenden Band 'Schrott' wird der Detektiv zum Militärdienst eingezogen - es bleiben ihm genau fünf Tage, um die Haut eines höchst wahrscheinlich zu Unrecht des Mordes an einem Schrotthändler bezichtigten Mannes zu retten. Humphrey Campbell, der dem Leser im Fortgang der Serie immer stärker ans Herz wächst, wird spitalreif zusammengeschlagen, doch er lässt sich fast nichts anmerken, löst den verzwickten Fall in brillanter Manier - und findet am Ende verdientes Liebesglück.

Homes' dritte (in zwei Romanen zum Zuge kommende) Figur ist der mexikanisch-indianische Sonderermittler Jose Manuel Madero, ein klein gewachsener, stets adrett gekleideter, sehr intelligenter, das Rampenlicht scheuender Familienvater mit einem ungewöhnlichen Hobby: Er strickt.

Als Homes' bester Roman gilt der erfolgreich verfilmte Standalone 'Goldenes Gift' ('Out of the Past' mit Robert Mitchum in der Hauptrolle gilt als Meilenstein des Noir-Films, Homes lieferte das Drehbuch dazu). Die düstere und hoffnungslose Geschichte dreht sich um Red Bailey (im Film: Jeff Bailey), der früher in New York City als Privatdetektiv arbeitete und dabei auf die schiefe Bahn geriet. Jetzt führt er ein geruhsames Leben als Tankstellenbesitzer in einer Kleinstadt und liebt die mutige, zwanzig Jahre jüngere Schönheit Ann, bis er von seiner Vergangenheit - verkörpert durch die skrupellose Femme fatale Mumsie McConigle (im Film: Kathie Moffat), der er einst verfallen war, für die er getötet hatte - eingeholt wird.

Bibliografie:
Als Daniel Mainwaring: 'One Against the Earth' (1933).
Als Geoffrey Homes: Robin Bishop-Serie: 'The Doctor Died at Dust' - 'Der Doktor starb zur Dämmerstunde' (1936), 'The Man Who Murdered Himself' - 'Der Selbstmord-Mann' (1936), 'The Man Who Didn't Exist' - 'Der Mann, den es nicht gab' (1937), 'The Man Who Murdered Goliath' - 'Ein Mörder für Goliath' (1938), 'Then There Were Three' - 'Aller bösen Dinge sind drei' (1938);
Humphrey Campbell-Serie: 'Then There Were Three' - 'Aller böser Dinge sind drei' (1938), 'No Hands on the Clock' - 'Dem Glücklichen schlägt auch die Stunde' (1939), 'Finders Keepers' - 'Ein blutiges Erbteil' (1940), 'Forty Whacks' (auch unter dem Titel 'Stiffs Don't Vote) - 'Der Tod der Schwiegermutter' (1941), 'The Six Silver Handles' (auch unter dem Titel 'The Case of the Unhappy Angels') - 'Schrott' (1944);
Jose Manuel Madero-Romane: 'The Street of the Crying Woman' (auch unter den Titeln 'Seven Died' und 'The Case of the Mexican Knife') - 'Mariachimelodie' (1942), 'The Hill of the Terrified Monk' (auch unter dem Titel 'Dead as a Dummy') - 'Der Mönchshügel' (1943);
Einzelwerk: 'Build My Gallows High' - 'Goldenes Gift' (1946).

++ Erstellt: Oktober 2010 ++  


Household, Geoffrey

(1900-1988)

Geoffrey Household, geboren in Bristol als Sohn eines Anwalts, ausgebildet am Clifton College in Bristol und am Magdalen College in Oxford, schloss 1922 in Anglistik ab. Danach führte er ein abwechslungsreiches Leben: Er war vier Jahre Bankangestellter in Bukarest, drei Jahre Bananenhändler in Spanien, Verfasser von Hörspielen für Kinder in den Vereinigten Staaten und, von 1933 bis 1939, Reisender für Druckfarben in Europa, Südamerika und dem Nahen Osten. Im Zweiten Weltkrieg machte er sich einen Namen als Geheimdienstoffizier in Osteuropa, Griechenland und dem Nahen Osten. Er war zweimal verheiratet und hatte mit seiner zweiten Frau, Ilona Zsoldos-Gutman, einen Sohn und zwei Töchter. Trotz all dem fand er immer wieder ein wenig Zeit für die Schriftstellerei. Er starb 87-jährig in Banbury, Oxfordshire.

In Households weitaus bekanntestem Werk, der 1939, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, erstmals erschienenen (und mehrmals verfilmten) Man-on-the-Run-Story 'Einzelgänger, männlich', handelt von einem namenlosen britischen Ich-Erzähler, einem Angehörigen der höheren Gesellschaft, der nach einem Attentatsversuch auf den "Grossen Mann" (gemeint ist Adolf Hitler) von seinen Gegnern erwischt, gefoltert und von einem Felsen gestürzt wird, dann jedoch schwer verletzt nach England flüchten kann und sich wie ein verwundetes Tier in einer Erdhöhle verkriecht. Gebannt folgt der Leser den nächtlichen Ausflügen des männlichen Einzelgängers aus seinem Bau - den Vorbereitungen zu dem faszinierenden Duell mit dem sadistischen Nazi-Agenten Major Quive-Smith; und erfährt im Verlauf der Geschichte, dass dem missglückten Attentat nicht etwa ein politisches Motiv zugrunde lag, sondern der Gedanke, eine einst geliebte Frau zu rächen, die von den Deutschen ermordet worden ist.

1960 kam 'Augen im Dunkeln' heraus, die Geschichte des Kampfes zwischen Charles Dennim, einem österreichischen Grafen, der im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst tätig war und jetzt gut getarnt als Zoologe in England lebt, und dem ebenfalls adeligen Saint Sabas, einem ehemaligen Résistance-Führer, der in der Nachkriegszeit einen Rachefeldzug gegen ehemalige Nazi-Offiziere führt - und irrtümlicherweise Dennim für einen solchen hält.

Geoffrey Household, ein sprachlich und stilistisch versierter, im deutschsprachigen Raum wenig bekannter Autor, der ab 1936 rund dreissig Romane (sechzehn allein in den 70er- und 80er-Jahren), mehrere Erzählbände, Abenteuerbücher für Kinder und Jugendliche und die Autobiografie 'Against the Wind' (1958) zu Papier brachte, gehört zu den einflussreichsten Schöpfern von Spannungsliteratur des 20.Jahrhunderts.

Bibliografie:
'The Third Hour' (1937), 'Rogue Male' - 'Einzelgänger, männlich' (auch unter dem Titel 'Der Gehetzte', 1939), 'Arabesque' (1948), 'The High Place' (1950), 'A Rough Shoot' (auch unter dem Titel 'Shoot First', 1951), 'A Time to Kill' (1951), 'Fellow Passenger' (auch unter dem Titel 'Hang the Moon High', 1955), 'Watcher in the Shadows' - 'Augen im Dunkeln' (1960), 'Thing to Love' (1963), 'Olura' (1965), 'The Courtesy of Death' (1967), 'Dance of the Dwarfs' - 'Tanz der Zwerge' (auch unter dem Titel 'Geh nicht hinaus bei Nacht', 1968), 'Doom's Caravan' (1971), 'The Three Sentinels' (1972), 'The Lives and Times of Bernardo Brown' (1975), 'Red Anger' (1975), 'Hostage London' (1977), 'The Last Two Weeks of Georges Rivac' (1978), 'The Sending' (1980), 'Summon the Bright Water' (1981), 'Rogue Justice' (1982), 'Arrows of Desire' (1985), 'Face to the Sun' (1988).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Hoyt, Richard

(*1941, schreibt auch als Nicholas van Pelt)

Richard Hoyt, geboren und aufgewachsen in Hermiston, Oregon, aufgewachsen auf einer kleinen Farm bei Umatilla in Oregon als Sohn eines Vaters, der sich sein Geld als Alkoholschmuggler und Rodeo-Cowboy verdiente, und einer Mutter, die die örtliche Schul-Cafeteria leitete, studierte Journalistik an der University of Oregon und Amerikanistik an der University of Hawaii. Nach dem Studium diente er drei Jahre bei der Spionageabwehr der US Army. Anschliessend war er am Washington Journalism Center tätig, schrieb Artikel für zwei Tageszeitungen in Honolulu und das Magazin 'Newsweek' und unterrichtete zehn Jahre Kommunikationswissenschaften an der University of Maryland, College Park, und am Lewis and Clark College in Portland. 1980 veröffentlichte er seinen ersten Krimi. Der reise- und experimentierfreudige Autor - er hat für seine Romane in mehr als zwei Dutzend europäischen Ländern, in Zentral- und Lateinamerika, Nordafrika und Asien recherchiert, die Sowjetunion per Eisenbahn durchquert und allerlei Drogen ausprobiert - ist seit 1992 zum dritten Mal verheiratet und hat zwei Töchter, Laura und Teresita. Er lebt auf den Philippinen.

John Denson, Ex-CIA-Agent, stolzer Besitzer von selbst geschnitzten Wildgänsen, Privatdetektiv mit einer Vorliebe für Dope, halluzinogene Pilze und gut gebaute Damen, ist Hoyts Hauptfigur einer witzigen, 2004 nach zehn Bänden beendeten Serie. Denson trägt keine Waffe, weil er niemanden töten könnte - der Grund für sein Ausscheiden aus dem Geheimdienst. Nach seiner CIA-Zeit war er Zeitungsreporter in Honolulu, bis er in Seattle, Washington State, als Ermittler begann. Densons gelegentlicher Partner ist der Indianer Willie Prettybird (alias Willie Sees the Night), ein Schamane, der mit toten Tieren kommunizieren kann. Denson entstammt einer hinterwäldlerischen Familie, die in Cayuse, Oregon ansässig ist - und hierhin führt ihn sein Kriminalfall im ersten Band 'Lockente', in dem der Held (ungewollt) die Rolle des Lockvogels spielt: für seine Auftraggeberin, die schöne, undurchschaubare Privatdetektivin Pamela Yew.

Hoyts zweite (1982 gestartete und 1996 abgeschlossene) Reihe besteht aus neun actiongeladenen, vornehmlich an exotischen Schauplätzen spielenden, mit galligem Humor erzählten Polit-Grotesken, in denen das ehemalige CIA-As James Burlane als freischaffender Agent durch die Kontinente hetzt, um bösen Buben und obskuren Organisationen das Handwerk zu legen.
Der vierte Band 'Der Affenfelsen' zählt zu den besten Werken des Autors. Unterstützt von britischen und russischen Söldnern, erobern palästinensische Terroristen Gibraltar, erklären es zur Volksrepublik Jebel Tarik, halten 30'000 Menschen als Geiseln fest - 28'000 Gibraltarianer und eine britischen Garnison von 2'000 Mann - und wollen alle Affen vernichten, denn die Legende besagt, dass die Briten so lange auf Gibraltar bleiben, als es dort Affen gibt. Die Engländer und die Amerikaner lassen sich dies natürlich nicht bieten und blasen zum Gegenangriff. Ihre schärfsten Waffen: der Überlebenskünstler James Burlane, die bauchtanzende Agentin Ella Nidech - und der bulimische Berberaffe Max, Chef des Affenrudels von Gibraltar, der dem Massaker in letzter Sekunde entkommen kann. Es kommt zu spektakuären Aktionen, und am Schluss dreht Hoyt eine verblüffende Pirouette.
'Spielen und töten' (im Original: 'Red Card') handelt von einem Killer, der 1994, kurz vor der in den USA stattfindenden Fussball-WM, die FIFA in Angst und Schrecken versetzt: er versendet gelbe Karten, tötet daraufhin Fussballspieler - und lässt rote Karten folgen. James Burlane soll die WM retten.

Bibliografie:
John Denson-Serie: 'Decoys' - 'Lockente' (1980), '30 for a Harry' - 'Schweigegeld für Harry' (1981), 'The Siskiyou Two-Step' (auch unter dem Titel 'Siskiyou') - 'Denson' (1983), 'Fish Story' - 'Fischzug' (1985), 'Whoo?' (1991), 'Bigfoot' (1993), 'Snake Eyes' (1995), 'The Weatherman's Daughter' (2003), 'Pony Girls' (2004);
James Burlane-Serie: 'Trotzky's Run' - 'Trotzkis Rückkehr' (1982), 'Head of Stone' (1985), 'The Dragon Portfolio' - 'Drachengold' (1986), 'Siege' - 'Der Affenfelsen' (1987), 'Marimba' - 'Marimba' (1992), 'Red Card' - 'Spielen und töten' (1994), 'Japanese Game' (1995), 'Blood of Patriots' (gemeinsam mit Neil Abercrombie', 1996), 'Tyger! Tyger!' (1996);
Einzelwerke: 'The Manna Enzyme' - 'Castros Coup' (1982), 'Cool Runnings' - 'Cool Runnings' (1984), 'Darwin's Secret' (1989), 'Vivienne' (2000), 'Old Soldiers Sometimes Lie' (2002), 'Sonjy's Run' (2005), 'Bad Faith' (2009), 'Crow's Mind' (2013).
Als Nicholas Van Pelt: 'The Mongoose Man' (1998), 'Stomp!' (1999).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2013 ++
++ Update: Januar 2015 ++
 


Hubbard, P.M.

(1910-1980)

Geboren in der südenglischen Stadt Reading, Berkshire, aufgewachsen auf der Kanalinsel Guernsey, besuchte Philip Maitland Hubbard das Elizabeth College in St. Peter Port (Guernsey), ehe er 1933 sein Studium am Jesus College in Oxford mit einem Master abschloss und dort im selben Jahr mit 'Ovid Among the Goths' den traditionsreichen 'Newdigate Prize' für Poesie gewann. Daraufhin gehörte er der britischen Verwaltung in Nordwestindien (dem heutigen Pakistan) an, bis Indien im Sommer 1947 seine Unabhängigkeit erlangte.

Nach seiner Heimkehr nach England verfasste Hubbard Verse, Reportagen und satirische Texte für das Magazin 'Punch' und stand der Gewerkschaft der englischen Handwerker vor, ehe er sich zu Beginn der 60er-Jahre für ein Leben als freier Schriftsteller entschloss. Von 1963 bis 1979 verfasste er sechzehn Spannungsromane, zwei Kinderbücher, ein Hörspiel sowie rund ein Dutzend Short Stories, die in den Zeitschriften 'The Magazine of Fantasy & Science Fiction' und 'Argosy' und in Anthologien abgedruckt wurden. Im Jahr 1973 verlegte er seinen Wohnsitz von Dorset in den Südwesten Schottlands. Dort starb er sieben Jahre später im Alter von 69 Jahren und hinterliess seine getrennt von ihm lebende Frau und seine drei Kinder, Jane, Caroline und Peter.

Hubbards Kriminalfälle sind unspektakulär. Seine stimmungsvoll geschilderten Schauplätze befinden sich in der englischen oder schottischen Provinz, oft direkt am Wasser, und der Autor richtet seinen Blick am liebsten auf Verhaltensweisen und emotionale Verstrickungen von Tätern und Opfern, auf einsame Menschen, die die Kontrolle über ihre Gefühle und Impulse verlieren, auf aussichtslose Liebesbeziehungen.

Im Mittelpunkt von 'Tödliches Glas' stehen der Junggeselle Johnnie Slade, ein leidenschaftlicher Sammler antiker Glasstücke, und sein derzeitiges Objekt der Begierde, eine unbezahlbare, der englischen Königin gewidmete "Tazza" des Venetianers Jacopo Verzelini aus dem 16. Jahrhundert, von deren Existenz auch die Fachwelt nichts geahnt hat, bis sie in Peter Sarretts angesehener Kunstzeitschrift 'Altes Glas' in Text und Bild zur Darstellung kommt - und Johnnie Slades Jagdtrieb weckt. Bei seinen Ermittlungen nach dem Verbleib der Vase trifft Slade die hochbetagte Lady Elizabeth Barton und deren Nichte Claudia James, eine geheimnisvolle junge Frau, in die er sich heftig verliebt. Und dann mehren sich die Hinweise, dass es eine weitere Person gibt, die der "Tazza" mit allen Mitteln habhaft werden will. Das atemberaubende Finale findet in einer verlassenen Mine statt.

'Hochwasser acht vor zehn' wird aus der Sicht von Peter Curtis erzählt, einem zwischen Sanftmut und Jähzorn schwankenden Mann Anfang dreissig mit einer Vorliebe für Bücher, Segeln und aparte Frauen, der für vier Jahre im Gefängnis sass, weil er im Affekt den Tod des zwielichtigen Briten Evan Maxwell verschuldet hatte. Endlich wieder auf freiem Fuss, sucht er die Einsamkeit an der südenglischen Küste, wird dann jedoch in eine gefährliche Affäre verwickelt, an deren Ausgangspunkt Maxwells im Sterben gemurmelte Worte "Hochwasser acht vor zehn" stehen.

In Hubbards drittletztem Roman 'Der Weg durchs Wasser' strandet Peter Grant, ein Vertreter für landwirtschaftliche Maschinen, mit seinem Segelboot an der ruppigen schottischen Westküste. Er findet Zuflucht bei dem Ehepaar Derek und Letty Barlow - er ein einzelgängerischer, wortkarger ehemaliger Seemann, den es immer wieder auf eine nahe gelegene (bei Ebbe mit dem Festland verbundene) Insel zieht, sie eine bezaubernde, jedoch vereinsamte und unglücklich wirkende Frau, die Grant sogleich in ihren Bann schlägt. Als Grant bei einer späteren Begegnung von Letty den Grund für das seltsame Verhalten ihres Mannes erfährt, begibt er sich selbst auf die Insel - dort kommt es zu einer schicksalsschweren Begegnung.

Bibliografie:
'Flush as May' (1963), 'Picture of Millie' (1964), 'A Hive of Glass' - 'Tödliches Glas' (1966), 'The Holm Oaks' (1966), 'The Tower' (1968), 'The Custom of the Country' (auch unter dem Titel 'The Country of Again', 1969), 'Cold Waters' - 'Killereiland' (1969), 'High Tide' - 'Hochwasser acht vor zehn' (1971), 'The Dancing Man' (1971), 'The Whisper in the Glen' (1972), 'A Rooted Sorrow' (1973), 'A Thirsty Evil' - 'Ihres Bruders Hüter' (1974), 'The Graveyard' - 'Blattschuss' (1975), 'The Causeway' - 'Der Weg durchs Wasser' (1976), 'The Quiet River' - 'Wenn das Wasser steigt' (1978), 'Kill Claudio' (1979).

++ Erstellt: November 2013 ++  


Huggins, Roy

(1914-2002; schrieb auch als Thomas Fitzroy, John Thomas James und John Francis O'Hara)

Roy Huggins wurde in Litelle, Washington State, geboren. Er studierte Politikwissenschaft an der University of California mit Abschluss 1941. Danach arbeitete er zwei Jahre im Staatsdienst und drei Jahre als Wirtschaftsingenieur, bis er sich (inspiriert durch Raymond Chandlers Werk) aufs Schreiben verlegte und im selben Jahr seinen ersten Krimi 'The Double Take' ('Der kalte Schlaf') herausgab. Nach zwei weiteren Romanen und drei Kurzgeschichten beschloss Huggins, sich fortan ganz dem Film zu widmen. Er produzierte TV-Serien wie 'Maverick', '77 Sunset Strip', 'The Fugitive' und 'The Rockford Files' und verfasste ungezählte Drehbücher für Film und Fernsehen.

Huggins erster, 1938 mit Bonnie Porter geschlossenen Ehe entsprangen zwei Kinder, Brett und Katherine. 1952 vermählte er sich mit der Schauspielerin Adele Mara, die drei Söhne, John, Thomas und James, zur Welt brachte (Huggins benutzte daraufhin gelegentlich das Pseudonym John Thomas James). 2001 beendete er seine erfolg- und einflussreiche TV-Laufbahn. Ein Jahr später, mit 87, starb er in seinem langjährigen Wohnort Santa Monica, Kalifornien.

'Der kalte Schlaf' wird aus der Sicht des Privatdetektivs Stuart "Stu" Bailey erzählt. Bailey, ein gross gewachsener, attraktiver Pfeifenraucher mit guten Umgangsformen, geht seinem Beruf in Los Angeles nach. Diesmal beauftragt ihn Ralph Johnson, Präsident einer erfolgreichen Werbeagentur, die Vergangenheit seiner jungen, bildschönen Frau Margaret zu durchleuchten - sie war vor einem Jahr, als er sie heiratete, aus dem Nichts aufgetaucht, und jetzt will man ihn offenbar erpressen. Ausgerüstet mit einem Foto von Margaret begibt sich der Detektiv auf Spurensuche und sticht dabei in ein Wespennest. Der Mord an einem wichtigen Zeugen und viele harte Schläge auf seinen Schädel hindern ihn jedoch nicht daran, den verwirrenden Fall auf trickreiche Art zu klären. Präzis gezeichnete Haupt- und Nebenfiguren, originelle Vergleiche, coole Sprüche und die spritzige Handlungsführung machen Huggins' ersten Krimi zu einer lohnenden, höchst kurzweiligen Lektüre.
Stuart Bailey kam auch in drei Kurzgeschichten zum Zuge und war (in leicht abewandelter Form) der Protagonist in Huggins' TV-Serie ‚77 Sunset Strip'.

Bibliografie:
'The Double Take' - 'Der kalte Schlaf' (1946), 'Too Late for Tears' (1947), 'Lovely Lady, Pity Me' (1949).

++ Erstellt: Juni 2016 ++  


Hughes, Dorothy B.

(1904-1993)

Dorothy Belle Hughes, geborene Flanagan, kam in Kansas City, Missouri, zur Welt und wuchs auch dort auf. Sie studierte Journalistik an der University of Missouri, Abschluss 1924, und arbeitete dann einige Jahre in diesem Beruf. 1931 erschien ihr erstes Buch, eine Lyriksammlung. 1932 vermählte sie sich mit Levi Allan Hughes und liess sich mit ihm in Santa Fé, New Mexico, nieder. 1940 veröffentlichte sie ihren ersten von vierzehn Krimis. 1952 unterbrach sie ihre schriftstellerische Laufbahn, weil sie sich um ihre erkrankte Mutter kümmern musste und nicht mehr Zeit und Ruhe zum Romanschreiben fand. In dieser Zeit verfasste sie ungezählte Literaturkritiken für Zeitungen wie die 'Los Angeles Times' und 'The New York Herald Tribune'. 1963 erschien ihr letzter Krimi, 1978 eine Biografie ihres Kollegen Erle Stanley Gardner, mit dem sie befreundet war. Dorothy Hughes hatte einen Sohn und zwei Töchter. Sie starb 88-jährig in Ashland, Oregon, an den Folgen eines Hirnschlags.

Hughes' Krimis drehen sich zumeist um soziale Aussenseiter. Mit ihrem bekanntesten Werk 'Einsamer Ort' hat sie 1947 einen der ersten Serienkillerromane der Weltliteratur zu Papier gebracht. Im Mittelpunkt steht der junge Amerikaner Dix Steele, ein strahlender, von den Frauen verehrter Held des Zweiten Weltkriegs und erfolgreicher Drehbuchautor in Hollywood, der das Töten auch nach Kriegsende nicht lassen kann und reihenweise Frauen umbringt. Die zeitkritische, aus der Sicht der eindringlich geschilderten Hauptfigur erzählte Geschichte ist von Nicholas Ray mit Humphrey Bogart als Dix Steele verfilmt worden.

Bibliografie:
'The So Blue Marble' (1940), 'The Bamboo Blonde' (1941), 'The Fallen Sparrow' (1942), 'The Blackburder' (1943), 'The Delicate Ape' (1944), 'Johnnie' (1944), 'Dread Journey' (1945), 'Ride the Pink Horse' - 'Der Tod tanzt auf den Strassen' (1946), 'The Scarlet Imperial' (auch unter dem Titel 'Kiss for a Killer', 1946), 'In a Lonely Place' - 'Einsamer Ort' (auch unter dem Titel 'Wo kein Zeuge lauscht', 1947), 'The Big Barbecue' (1949), 'The Candy Kid' (1950), 'The Davidian Report' (auch unter dem Titel 'The Body on the Bench', 1952), 'The Expendable Man' - 'Das Kainszeichen' (1963).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Hull, Richard

(Pseudonym für Richard Henry Sampson, 1896-1973)

Richard Henry Sampson, geboren in London, wurde an der Rugby School in Warwickshire ausgebildet. Sein eigentlich bereits feststehendes Studium in Cambridge fiel wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ins Wasser, und Sampson verbrachte die folgenden drei Jahre auf französischen Schlachtfeldern. Zurück in England war er lange Jahre als Buchhalter tätig. Im Zweiten Weltkrieg wurde er noch einmal in den Militärdienst eingezogen, nach einem Jahr jedoch altershalber ausgemustert. Danach arbeitete er bis 1955 als Buchprüfer bei der britischen Marine.

Tief beeindruckt von Francis Iles' 'Aforethought', unter dem Pseudonym Richard Hull, verfasste Sampson in einer ersten, von 1934 bis 1941 dauernden Periode während seiner Freizeit neun vergnügliche, mit viel schwarzem Humor erzählte Krimis. Sie drehen sich jeweils um eine niederträchtige Figur, die es - getrieben von Profitsucht - darauf anlegt, einer anderen Person Schaden zuzufügen bzw. diese zu ermorden.

In Hulls erstem und bekanntesten Krimi 'Der Mord an meiner Tante' beschliesst der snobbistische Intellektuelle Edward Powell, ein fetter, fauler, nichtsnutziger Bengel, seine begüterte Tante Mildred, mit der er aus finanziellen Gründen in der Nähe des fiktiven walisischen Dorfes Llwll leben muss, aus purem Eigennutz um die Ecke zu bringen, begeht jedoch den fatalen Fehler, Mildreds Cleverness arg zu unterschätzen.

Eine besonders widerwärtige Gestalt spielt in 'My Own Murderer' den Bösewicht, sein Name lautet - Richard Henry Sampson. Und auch ein Buchprüfer findet sich unter Hulls Schurken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug der Autor einen weitaus ernsteren Tonfall an, was seinen sechs folgenden Krimis nicht besonders gut bekam. 1953, zwanzig Jahre vor seinem Tod, stellte der überzeugte Junggeselle die Schreibmaschine in die Ecke.

Bibliografie:
'The Murder of My Aunt' - 'Der Mord an meiner Tante' (auch unter dem Titel 'Ich grub eine tiefe Grube', 1934), 'Keep It Quiet' - 'Es bleibt unter uns' (1935), 'Murder Isn't Easy' (1936), 'The Ghost It Was' (1936), 'The Murders of Monty' (1937), 'Excellent Intentions' (auch unter dem Titel 'Beyond Reasonable Doubt', 1938), 'And Death Came, Too' (1939), 'My Own Murderer' (1940), 'The Unfortunate Murderer' (1941), 'Left Handed Death' (1946), 'Last First' (1947), 'Until She Was Dead' (1949), 'A Matter of Nerves' (1950), 'Invitation to an Inquest' (1950), 'The Martineau Murders' (1953).

++ Erstellt: Oktober 2011 ++  


Hunter, Jack D.

(1921-2009; schrieb auch als Lee Thompson)

Jack D. Hunter wurde in Hamilton, Ohio, geboren, besuchte verschiedene Schulen in New York und Pennsylvania und studierte bis 1943 Journalismus an der Pennsylvania State University. Das Studium finanzierte er zu grossen Teilen als Pianist eines professionellen Tanz-Orchesters. 1944 heiratete er Shirley Thompson, genannt Tommy, und hatte mit ihr drei Töchter und einen Sohn. Im Zweiten Weltkrieg zeichnete er sich als Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes aus.

Unmittelbar nach Kriegsende wurde der Deutsch sprechende Geheimagent Hunter nach Deutschland entsandt, wo er einer der Anführer der "Operation Nursery" war - diese nahm ihr höchst erfolgreiches Ende im Frühjahr 1946 mit der Verhaftung von rund 2000 Nazi-Schergen in einer einzigen Nacht. Anschliessend arbeitete er als Zeitungs- und Radioreporter, aber auch in der Werbung und als Redenschreiber für die amerikanische Regierung.

Hunter war bereits 43-jährig, als er den im Ersten Weltkrieg spielenden Roman 'The Blue Max' herausgab, den Auftakt zur Trilogie um den deutschen Kampfflieger und Antihelden Bruno Stachel - und gross einschlug. Bis 2003 folgten sechzehn weitere, im Zweiten Weltkrieg oder im Kalten Krieg angesiedelte Spannungsromane, von denen einzig der Spionagethriller 'Ein Fall für Dex' ins Deutsche übertragen wurde.

1980 liess sich Hunter mit seiner Frau in St. Augustine, Florida, nieder. Neben seiner Schriftstellerei war er als Schreib-Coach für Hunderte von Journalisten und, trotz seiner Farbenblindheit, als Maler von Flugzeug-, Boot- und Eisenbahnbildern tätig, während Tommy den Geschenkladen 'The Blue Max' führte. Drei Jahre nach seiner Frau, im Alter von 87 Jahren, starb er in St. Augustine.

'Ein Fall für Dex' dreht sich um den ehemaligen Geheimdienstagenten Paul "Dex" Dexter, der als Angestellter des Chemiekonzerns Hooten Plastic Corporation die Aufgabe übernommen hat, einen Fall von Werkspionage zu klären - ein etwas seltsamer Fall, betreiben doch Hootens Gegner einen riesigen Aufwand, um ein doch ziemlich unbedeutendes Geheimnis zu erkunden. Doch dann geschieht der erste Mord.

Bibliografie:
Bruno Stachel-Trilogie: 'The Blue Max' (1964), 'The Blood Order' (1979), 'The Tin Cravat' (1981);
Roger Wagner-Romane: 'The Terror Alliance' (1980), 'Florida is Closed Today' (1982);
'The Expendable Spy' (1965), 'One of Us Works for Them' (1967), 'Spies, Inc.' - 'Ein Fall für Dex' (1969), 'Judgement in Blood' (1986), 'The Flying Cross' (1987), 'Tailspin' (1990), 'The Potsdam Bluff' (1990), 'Sweeney's Run' (1992), 'Slingshot' (1995), 'The Cure' (2003), 'The Ace' (2008).
Als Lee Thompson: 'Addie' (2001).

++ Erstellt: Juni 2011 ++  


Hunter, Stephen

(*1946)

Stephen Hunter wurde in Kansas City, Missouri, geboren und wuchs in Evanston, Illinois, auf. Sein Vater, ein gewalttätiger Alkoholiker, arbeitete als Sprachprofessor und wurde 1975 ermordet. Seine Mutter war Kinderbuchautorin. Nach der Schulzeit studierte er an der Medill School of Journalism an der Northwestern University mit einem Abschluss in Journalismus 1968. Im folgenden Jahr heiratete er die Grundschullehrerin Lucy und hatte mit ihr einen Sohn und eine Tochter, Jake und Amy. Nach zwei Jahren bei der Armee begann er seine journalistische Laufbahn 1971 bei der 'Baltimore Sun'. 1997 wechselte er zur Washington Post', wo er leitender Filmkritiker wurde, und sechs Jahre später gewann er für seine Kritiken den Pulitzer Preis. 2008 trat er in den vorzeitigen Ruhestand. Seit 2005 in zweiter Ehe mit der Kolumnistin Jean Marbella verheiratet, lebt er in Baltimore, Maryland.

Hunter publizierte bislang neunzehn Spannungsromane, von denen nur vier auf Deutsch vorliegen. Seine Spezialitäten: Nervenkitzel, rasante Actionszenen und Waffenfetischismus. Klingt nach reisserischer Schundliteratur à la Tom Clancy, doch Hunters Bücher sind gut geschrieben, sauber konstruiert und extrem spannend; und der Autor setzt sich auf intelligente, gesellschaftskritische Weise mit seinem Kernthema, Gewalt, auseinander.

'Im Fadenkreuz der Angst' handelt von dem Scharfschützen und Waffenexperten Bob Lee Swagger, genannt "Bob the Nailer", der sein Handwerk im Vietnamkrieg perfektioniert hat und jetzt im Auftrag der zwielichtigen, durch den skrupellosen Colonel Shreck ins Leben gerufenen Sicherheitsorganisation RamDyne ein Attentat auf den US-amerikanischen Präsidenten verhindern soll. Zu spät erkennt Swagger, dass man ihn auf üble Weise reingelegt hat; denn als tatsächlich ein Schuss fällt, gerät er selbst unter Mordverdacht - und wird nun nicht nur von der Polizei, sondern auch von RamDyne gejagt.

Der Sniper Bob Lee Swagger - er heiratet nach dem ersten Krimi und wird Vater einer Tochter - ist in weiteren Bänden auf Achse, und auch Bobs Vater Earl, ein Ex-Marine, der nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Arkansas State Police tätig war und 1955 gewaltsam ums Leben kam, hatte in den Nuller-Jahren drei Auftritte.

In Hunters sechstem Einzelwerk 'Die Gejagten' versetzen drei aus dem Hochsicherheitstrakt der Vollzugsanstalt McAlester, Oklahoma, ausgebrochene, von Lamar Pye angeführte Schwerverbrecher den Mittleren Westen in Angst und Schrecken. Ihr gefährlichster Gegner ist Sergeant Russell "Bud" Pewtie von der Highway Patrol, eine düstere Gestalt und - nach 25 Dienstjahren - ein ausgezeichneter Polizist, der sich stets auf seine untrüglichen Instinkte verlassen kann. Die gewalttriefende Geschichte gipfelt in einem spekakulären Showdown. (Hübscher Gag: Lamar Pye ist Bob Swaggers Halbbruder, das Produkt eines Seitensprungs seines Vaters Earl.)

Bibliografie:
'The Master Sniper' (1980), 'The Second Saladin' (1982), 'Target' - 'Target' (1985), 'The Spanish Gambit' (auch unter dem Titel 'Tapestry of Spies', 1985), 'The Day Before Midnight' - 'Titan' (1989), 'Dirty White Boys' - 'Die Gejagten' (1994), 'Soft Target' (2011);
Bob Lee Swagger-Serie: 'Point of Impact' - 'Im Fadenkreuz der Angst' (auch unter dem Titel 'Shooter', 1993), 'Black Light' (1996), 'Time to Hunt' - 'Einsame Jäger' (1998), 'The 47th Samurai' (2007), 'Night of Thunder' (2008), 'I, Sniper' (2009), 'Dead Zero' (2010), 'The Third Bullet' (2013), 'Sniper's Honor' (2014);
Earl Swaggart-Trilogie: 'Hot Springs' (2000), 'Pale Horse Coming' (2001), 'Havana' (2003).

++ Erstellt: Mai 2012 ++
++ Update: März 2013 ++
++ Update: April 2014 ++
++ Update: September 2016 ++
 


Hyde, Christopher

(*1949; schreibt auch als A.J. Holt, Paul Christopher und Nicholas Chase)

Christopher Hyde wurde als Sohn der Jugendpsychologin Bettye Hyde und des Kinderbuchautors und Illustrators Laurence Hyde in der kanadischen Hauptstadt Ottawa geboren und wuchs auch dort auf. 1975 vermählte er sich mit Mariea Sparks und hatte mit ihr zwei Kinder, Noah und Chelsea. Er machte sich einen Namen als freiberuflicher Enthüllungsjournalist und Interviewer bei der CBC in Ottawa und Vancouver (Spezialgebiete: Technologie und Umwelt), bevor er 1977 das Romanschreiben zu seinem Hauptberuf machte. Hyde, über dessen Privatleben praktisch nichts bekannt ist, lebt in der Great Lakes Region im Osten Kanadas.

Hydes belletristisches Werk besteht aus achtzehn zwischen 1979 und 2005 unter bürgerlichem Namen veröffentlichten, zumeist in der näheren Vergangenheit angesiedelten Romanen, drei mit A.J. Holt gezeichneten Krimis und den beiden in den Nuller-Jahren gestarteten Reihen um die Archäologin Finn Ryan bzw. den Historiker und Army Ranger Lieutenant Colonel "Doc" John Holliday, die unter dem Pseudonym Paul Christopher erschienen und dem Genre des historischen Mystery-Thrillers zuzuordnen sind. Gemeinsam mit seinem Bruder Anthony, unter dem Pseudonym Nicholas Chase, veröffentlichte er überdies 1983 den Roman 'Locksley. Story of Robin Hood'.

'Internet Kill' ist der erste von zwei Büchern um die knapp 40-jährige Computerspezialistin Janet Louise "Jay" Fletcher, Special Agent beim FBI, die sich nicht immer streng an die Datenschutzregeln hält und deshalb vom Hauptquartier in die Provinz, nach Santa Fé, strafversetzt wird. Dort entdeckt sie bei ihren Hackereien einen "Chatklub der Serienmörder" - und nimmt das Gesetz dann gleich selbst in die Hand, indem sie vier "Klubmitglieder" und, zum Leidwesen des FBI, beinahe auch einen Unschuldigen hinrichtet. Da sie fürderhin aber vorzüglich mit den Behörden kooperiert und viel dazu beiträgt, dass mit John Reginald Christie einer der Drahtzieher des Chatklubs überführt wird, kommt sie in das staatliche Zeugenschutzprogramm, sie heisst von jetzt an Carrie Stone und bildet sich zur Glasbläserin aus. Dies die Ausgangslage des zweiten, nach einem ähnlichen Muster gestrickten und ebenfalls mit vielen unappetitlichen Szenen aufwartenden Bandes 'Ch@mäleon'. Als Christie nach kurzer Haft die Flucht gelingt, verwickelt er Jay Fletcher in ein Katz-und-Maus-Spiel, das nur einer der beiden Kontrahenten überleben kann.

'Die Weisheit des Todes', Hydes bester ins Deutsche übersetzter, auf Tatsachen basierender Krimi spielt in der texanischen Stadt Dallas zwischen dem 20. und 25. November 1963. Als Hauptperson fungiert der schwer herzkranke, todgeweihte Detective Sergeant Horatio "Ray" Duval von der Mordkommission Dallas, ein integrer und hart gesottener, nach einer verkorksten Ehe allein stehender Kriegsveteran (Omaha Beach, Korea), der nach 30 Dienstjahren noch einen letzten Fall (den scheusslichen Mord an einem schwulen Antiquar, Kunstdieb und Fälscher) zu lösen hat - derweil sich die Stadt wegen des unmittelbar bevorstehenden Wahlkampfaufritts John F. Kennedys (und erst recht nach dessen Ermordung am 22. November) im Ausnahmezustand befindet.
Bei seinen Recherchen stösst Duval mehr oder weniger zufällig auf eine Mordserie, die sich vor 25 Jahren im Norden von Texas zugetragen hat: Neun 10- bis 13-jährige der untersten Schicht entstammende Mädchen wurden damals innerhalb von neun Monaten auf exakt die gleiche Art getötet wie der Antiquar, der Täter wurde nie gefasst.
Glücklicherweise geht es Hyde jedoch weniger um das Kennedy-Attentat und den monströsen Serienmörder, als um das Leben, die Arbeit und das langsame Sterben des tapferen Cops Ray Duval, der nichts mehr zu verlieren hat - und der dem Leser im Verlauf der Erzählung immer stärker ans Herz wächst.

Bibliografie:
Als Christopher Hyde: 'The Wave' (1979), 'The Icarus Seal' (1982), 'Styx' (1982), 'The Tenth Crusade' - 'Der zehnte Kreuzzug' (1983), 'Maxwell's Train' - 'Terror im Zug' (1984), 'Whisperland' (1986), 'Jericho Falls' - 'Das Jericho-Virus' (1986), 'Crestwood Heights' (1988), 'Egypt Green' (1989), 'White Lies' (1990), 'Hard Target' (1990), 'Black Dragon' (1992), 'The Paranoid's Handbook' (1993), 'A Cathering of Saints' (1996), 'The Second Assassin' (2002), 'Wisdom of Bones' - ‚Die Weisheit des Todes' (2003), 'The House of Special Purpose' (2004), 'An American Spy' (2005).
Als A.J. Holt: Jay Fletcher-Romane: 'Watch Me' - 'Internet Kill' (1995), 'Catch Me' - 'Ch@mäleon' (1999);
Einzelwerk: 'Unforgiven' (1996).
Als Paul Christopher: Finn Ryan-Serie: 'Michelangelo's Notebook' - 'Michelangelos Notbook' (2005), 'The Lucifer Gospel' - 'Lucifers Testament' (2006), 'Rembrandt's Ghost' - 'Rembrandts Erbe' (2007), 'The Aztec Heresy' (2008);
John Holliday-Serie: 'The Sword of the Templars' (2009), 'The Templar Cross' (2010), 'The Templar Throne' (2010), 'The Templar Conspiracy' (2011).

++ Erstellt: Juni 2011 ++  



 

Ibargüengoitia, Jorge

(1928-1983)

Der Autor mit dem unaussprechlichen Namen Ibargüengoitia kam im mexikanischen Minenstädtchen Guanajuato zur Welt, wo seine Eltern eine Farm bewirtschafteten. Sein Studium der Ingenieurwissenschaften an der Universidad Nacional Autonoma in Mexico City (UNAM) brach er nach fünf Semestern ab, um drei Jahre lang im elterlichen Betrieb Hand anzulegen. Danach studierte er Dramatische Theorie und Komposition an der UNAM, sein Lehrer war der zu dieser Zeit bedeutendste mexikanische Bühnenautor Rodolfo Usigli.

1954 verfasste Ibargüengoitia sein erstes Theaterstück, Anfang der 60er-Jahre wandte er sich der Prosa zu. Nach der sarkastischen Groteske über die mexikanische Revolution 'Augustblitze' und der Akademikersatire 'Abendstunden in der Provinz' veröffentlichte der sprachgewandte Autor zwei satirisch gefärbte Krimis, 'Die toten Frauen' und 'Zwei Verbrechen'. Darüber hinaus war er als Übersetzer und Kritiker tätig, unterrichtete Drama und Spanische Literatur an verschiedenen Universitäten und schrieb von 1969 bis 1976 über 800 Kolumnen zu kulturellen Themen für die mexikanische Tageszeitung 'Excelsior'.

'Die toten Frauen' beruht auf einer schier unglaublichen Begebenheit, die sich zu Beginn der 60er-Jahre im Norden Mexikos tatsächlich zugetragen hat. Es ist die makabre, mit schwarzem Humor erzählte Geschichte der gegensätzlichen Schwestern Serafina und Arcangela Baladro, die sich bei ihren Bemühungen, in ihrer Heimat eine illegale Bordellkette aufzubauen, arg in die Nesseln setzen - und fortan mit dem Beseitigen von Leichen fast nicht mehr nachkommen.

'Zwei Verbrechen' handelt von Marcos Gonzales, genannt El Negro, der, wie auch seine Lebensgefährtin Chamuca, aus politischen Gründen in Mexiko-Stadt von der Polizei verfolgt wird. Er flüchtet deshalb zu seinem reichen, seit einem Hirnschlag an den Rollstuhl gefesselten Onkel Ramon in die mexikanische Provinz und gerät dort vom Regen in die Traufe - in die Schlingen seiner erbschleicherischen Verwandtschaft.

Ibargüengoitia verbrachte die letzte Zeit seines Lebens mit der britischen Malerin Joy Laville in Paris. Mit 55 Jahren kam er bei einem Flugzeugunglück in der Nähe von Madrid ums Leben.

Bibliografie:
'Las Muertas' - 'Die toten Frauen' (1977), 'Dos Crimenes' - 'Zwei Verbrechen' (1979).

++ Erstellt: Dezember 2012 ++  


Innes, Hammond

(Pseudonym für Ralph Hammond-Innes, 1913-1998; schrieb auch als Ralph Hammond)

Hammond Innes, der durch alle Meere gesegelt war und daher die Schauplätze seiner Geschichten aus eigener Erfahrung kannte, zählte in den 40er- und 50er-Jahren zu den bedeutendsten Exponenten des britischen Abenteuerromans. Sein zentrales Thema: Der Mensch im Kampf mit Naturkräften.

Geboren in Horsham, Sussex, als Spross schottischer Vorfahren, ausgebildet an der Cranbrook School in Kent, verliess Innes die Schule mit achtzehn, um Journalist zu werden. Von 1934 bis 1940 arbeitete er für die Zeitung 'Financial News'. 1937 heiratete er die Schauspielerin Dorothy Mary Lang. Kurz danach veröffentlichte er seinen ersten Roman 'The Doppelganger'. Im Zweiten Weltkrieg diente er bei der Royal Artillery. Er stieg zum Major auf und war darüber hinaus Redakteur bei britischen Armeezeitungen.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst machte Innes im Jahre 1946 das Schreiben zum Hauptberuf, der internationale Durchbruch folgte drei Jahre später mit 'Der weisse Süden'. Bis 1996 verfasste er über dreissig Romane für Erwachsene, aber auch Kinder-, Sach- und Reisebücher und Artikel für das amerikanische Reisemagazin 'Holiday'. 1978 wurde er zum "Commander of the British Empire" ernannt. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Suffolk. Er starb 84-jährig in Kersey, Suffolk.

'Der weisse Süden' (Übersetzung ins Deutsche durch Arno Schmidt) erzählt von einer riesigen Walfangfahrt in die Antarktis, die von Beginn an unter keinem guten Stern steht. Zuerst fällt der Expeditionsleiter Bernt Nordahl unter seltsamen Umständen über Bord, worauf das Kommando an den blutigen Anfänger Erik Bland übergeht, den geltungssüchtigen und kalt berechnenden Sohn des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der South Antarctic Whaling Company. Dann setzen sich die Wale in den Süden ab, wo Packeis und Eisberge eine flüssige Fahrt verunmöglichen. Schliesslich wird das von zahlreichen Fang- und Schleppbooten, einem Kühlschiff und einem Tanker begleitete Mutterschiff "Southern Cross" im Weddellmeer von Packeis eingeschlossen und langsam zermalmt, sodass sich die aus über 400 Mann bestehende Besatzung aufs Eis retten muss. Es kommt zu einem von Nahrungsknappheit und Stürmen geprägten Überlebenskampf, aber auch zu Meutereien und Intrigen - mit Erik Bland und dem Ich-Erzähler Duncan Craig, einem erfahrenen und charakterstarken Seemann, als wichtigste Kontrahenten. Als sich Craig und Blands ebenfalls an der Reise teilnehmende Frau Judie (Nordahls Tochter!), die für ihren Gatten längst nur noch tiefe Verachtung übrig hat, immer stärker zueinander hingezogen fühlen, wird die Stimmung explosiv - es kommt zu einem spektakulärem Showdown. 'Der weisse Süden' zählt zu Innes' herausragenden Werken. Der Rowohlt-Verlag legte es dem Leser seinerzeit mit folgenden haarsträubenden Worten ans Herz: "Wir fühlen uns zugleich an Jack London und an Edgar Wallace erinnert, wenn Hammond Innes Naturkatastrophen, Mord und Meuterei zu einer bewegten Handlung verbindet".

'Der Schiffbruch der Mary Deare' befasst sich mit einer mysteriösen Katastrophe auf hoher See. Während der Fahrt vom Fernen Osten nach Europa erleidet der Dampfer "Mary Deare" nach einer Reihe von Unglücksfällen - der Kapitän James Taggert erliegt überraschend seiner Trunksucht, der "Mary Deare"-Besitzer Dellimare, einer der Reeder der "Dellimare Gesellschaft", wird offenbar von Bord gespült, und im Funkraum bricht Feuer aus - Schiffbruch im Ärmelkanal. Die in Panik geratene 30-köpfige Crew versucht verweifelt, sich mit Booten zu retten, dabei kommen zwölf Mann ums Leben. Gideon Patch, ein hart gesottener Seemann mit obskurer Vergangenheit, verharrt allein auf der absaufenden "Mary Deare" - und überlebt, unterstützt durch John Sands, einen Fachmann für Bergungsarbeiten, der mit seiner Jacht zufällig auf den Dampfer getroffen ist. Als sich im Verlauf der folgenden Seegerichtsverhandlung die Zweifel an Patchs Version der Geschehnisse mehren, wird dem Seemann klar, dass er das Schiffswrack als Beweismittel braucht, um den von ihm vermuteten Versicherungsbetrug zu beweisen - zusammen mit Sands kehrt er zur "Mary Deare" zurück.

Den geschichtllichen Hintergrund des Spätwerks 'Isvik' - einer gut abgehangenen Mischung aus Abenteuerroman, Polit- und Psychothriller - bilden die Schreckensherrschaft der argentinischen Militärjunta sowie der Falklandkrieg, der dem mörderischen Treiben der Generäle ein Ende setzte. "Isvik" ist der Name eines Schoners, mit dem eine bunt zusammen gewürfelte Crew unter der Leitung des undurchsichtigen einarmigen Schotten Iain Ward in die Antarktis schippert, um die Anfang des 19. Jahrhunderts gebaute, im Weddellmeer von Packeis eingeschlossene Holz-Fregatte "Andros" zu bergen. Mit an Bord: Der Ich-Erzähler Peter Kettil, ein Fachmann für Holzpräservierung und passionierter Hobbysegler, die reizvolle Witwe Iris Sunderby, deren Mann, ein Eisforscher, mit seinem Flugzeug abstürzte, kurz nachdem er die Fregatte gesichtet hatte, und der charmant auftretende Argentinier Angel Borgalini, der auch als "Engel des Todes" bekannt ist. Was die Abenteurer dann auf dem Holzschiff entdecken, ist an Grauen fast nicht zu überbieten.

Bibliografie:
'The Doppelganger' (1937), 'Air Disaster' (1937), 'Sabotage Broadcast' (1938), 'All Roads Lead to Friday' (1939), 'The Trojan Horse' (1940), 'Wreckers Must Breathe' (auch unter dem Titel 'Trapped', 1940), 'Attack Alarm' (1941), 'Dead or Alive' (1946), 'Killer Mine' - 'Die Todes-Mine' (1947), 'The Loneley Skier' (auch unter dem Titel 'Fire in the Snow', 1947), 'The Blue Ice' - 'Das blaue Eis' (1948), 'Maddon's Rock' (auch unter dem Titel 'Gale Warning') - 'Das Schiff im Felsen' (1948), 'The White South' (auch unter dem Titel 'The Survivors') - 'Der weisse Süden' (1949), 'The Angry Mountain' - 'Der flammende Berg' (1950), 'Air Bridge' - 'Die Luftbrücke' (1951), 'Campbell's Kingdom' - 'Campbells Königreich' (auch unter dem Titel 'Öl in den Rocky Mountains', 1952), 'The Strange Land' (auch unter dem Titel 'The Naked Land') - 'Es begann in Tanger' (1954), 'The Wreck of the Mary Deare' - 'Der Schiffbruch der Mary Deare' (1956), 'The Land God Gave to Cain' - 'Labrador, das Land Kains' (1958), 'The Doomed Oasis' - 'Die verlorene Oase' (1960), 'Atlantic Fury' - 'Rasender Atlantik' (1962), 'The Strode Venturer' - 'Die weissen Wasser' (auch unter dem Titel 'Die verschwundene Insel', 1965), 'Levkas Man' - 'Tod auf Leukas' (1971), 'Golden Soak' - 'Das Gold der Wüste' (1973), 'North Star' - 'Nordstern' (1975), 'The Big Foodprints' - 'Die Fährte des Elefanten' (1977), 'The Last Voyage' - 'Captain Cooks letzte Reise' (1978), 'Solomon's Seal' - 'Zwei Penny für ein tolles Leben' (1980), 'The Black Tide' - 'Die schwarze Flut' (1982), 'High Stand' - 'Die Yukon-Affäre' (1985), 'Medusa' (1988), 'Isvik' - 'Isvik' (1991), 'Target Antarctica' (1993), 'Delta Connection' (1996).

++ Erstellt: März 2012 ++  


Izzi, Eugene

(1953-1996; schrieb auch als Nick Gaitano)

Eugene "Guy" Izzi kam in Hegewisch, einem heruntergekommenen Vorort Chicagos, zur Welt und wuchs dort als Sohn eines alkoholkranken, wiederholt im Gefängnis einsitzenden Vaters und einer gewalttätigen Mutter auf. Nach seinem Rausschmiss aus der High School heuerte er bei der US Army an, wo er später den Schulabschluss nachholen konnte. Zurück in Hegewich fand er einen Job in der Stahlindustrie. Er war jetzt ein verheirateter Familienvater, trieb sich jedoch oft in den Bars herum, trank zu viel Alkohol und wurde mehrmals wegen kleinerer Delikte inhaftiert. Ende der 70er-Jahre versuchte Izzi, auf die rechte Bahn zu finden, indem er zu schreiben begann. Er verliess Hegewisch und zog mit Frau und Kindern nach Chicago. In sechs Jahren verfasste er sechs Romane, die unveröffentlicht blieben. Sein siebtes Buch 'Das Ende der Strasse' schliesslich wurde 1987 veröffentlicht, Izzi erhielt einen Vorschuss von 20'000 Dollar, doch der grosse Durchbruch wollte ihm nicht gelingen. 1992 überwarf er sich mit seinem Verlag und wurde gezwungen, während drei Jahren unter einem Pseudonym (Nick Gaitano) zu schreiben.

Am 7. Dezember 1996 baumelte Izzis Leiche aus dem Fenster seiner (von innen verschlossenen) Arbeitsstätte vierzehn Stockwerke über der Michigan Avenue in Chicago. Izzi trug eine kugelsichere Weste, in seinen Taschen fand die Polizei ein wenig Bargeld, einen Schlagring, einen Reizspray und ein unveröffentlichtes, auf drei Disketten abgelegtes Manuskript, in dem sein Tod exakt beschrieben war, im Büro ferner eine .38er-Waffe, jedoch keinen Abschiedsbrief. Der spektakuläre, bis heute nicht geklärte Tod gab Anlass zu Spekulationen (Selbstmord? Mord? als Mord getarnter Selbstmord? fatales Experiment bei Recherchierarbeiten?); offiziell wurde er als Selbstmord deklariert.

Izzis Werk enthält achtzehn Romane: Harte, vielschichtige, mit zugespitzten Dialogen versehene Noir-Thriller aus dem Chicago der 80er- und frühen 90er-Jahre, die sich mit gescheiterten Existenzen jeder Couleur - korrupten Bullen, fiesen Bewährungshelfern, Polizeispitzeln, psychopathischen Killern, Zuhältern, Nutten und Vergewaltigern -, aber auch mit organisierter Kriminalität und Rassenhass befassen. In den drei mit Nick Gaitano gezeichneten Krimis steht der junge Cop Jake Phillips von der Chicagoer Special Victims Unit im Mittelpunkt.

'Das Ende der Strasse' erzählt von Jimmy Capone und Fabrizzio "Fabe" Faletti, beide italienischer Herkunft, die seit ihrer Jugendzeit eng miteinander befreundet sind und zusammen in Vietnam kämpften. Danach wurden sie Partner bei der Chicagoer Polizei, doch während der unbestechliche Jimmy beim Drogendezernat Karriere machte, liess sich Fabe, dessen Töchterchen an Krebs erkrankt war, korrumpieren, damit er die Rechnungen der Ärzte bezahlen konnte, und musste schliesslich für vier Jahre ins Gefängnis. Dort lernte er den smarten Schwarzen Doral Washington kennen, und die beiden avancierten nach ihrer Freilassung zu den besten Einbrechern Chicagos. Jetzt sind Fabe und Jimmy 38-jährig und weiterhin dicke Freunde - solange Fabe sich nicht auf Drogendeals einlässt. Einen letzten Coup will Fabe noch landen und dann, mit einer Million Dollar auf dem Konto, in den Ruhestand treten - doch der Einbruch ins Haus eines drogensüchtigen Arztes geht gründlich schief, denn die beiden stossen dabei nicht nur auf einen Haufen Geld, sondern auch auf Kokain im Wert von mindestens 10 Millionen Dollar, auf die Leiche einer jungen Schönheit und auf den übergeschnappten Arzt, der offenbar das Mädchen - die Schwester des puertoricanischen Killers Ortiz, der den Mob mit Drogen versorgt - auf dem Gewissen hat. Als Doral sich Geld und Kokain unter den Nagel reisst, bekommt er es mit dem Mafioso DiNardo und mit Ortiz zu tun - und Fabe steht zwischen den Fronten.

Bibliografie:
'The Take' - 'Das Ende der Strasse' (1987), 'Bad Guys' (1988), 'The Eighth Vivtim' (1988), 'Booster' (1989), 'King of the Hustlers'- 'Unerbittlich' (1989), 'The Prime Roll' - 'Ausgespielt' (1990), 'Invasions' - 'Eingekreist' (1990), 'Prowlers' - 'Eine dreckige Geschichte' (1991), 'Tribal Secrets' (1992), 'Tony's Justice' (1993), 'Bulletin from the Street' (1995), 'Safe Harbour' (1995), 'Players' (1996), 'A Matter of Honor' (1997), 'The Criminalist' (1998).
Als Nick Gaitano: Jake Phillips-Trilogie: 'Special Victims' - 'Organjäger' (1994), 'Mr. X' (1995), 'Jaded' (auch unter dem Titel 'Spent Force', 1996).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2011 ++
 



 

Jacobs, Nancy Baker

(*1944; schreibt auch als Nancy C. Baker)

Nancy Baker Jacobs wurde im Mittleren Westen der USA geboren. Sie machte einen Abschluss in Journalismus und Kommunikationswissenschaften an der University of Minnesota und in Schreiben an der University of Southern California. Danach arbeitete sie als Privatdetektivin, College-Lehrerin und Journalistin. Sie lebt mit ihrem Mann in Monterey, Kalifornien, wo sie sich seit 1992 hauptberuflich dem Schreiben widmet. Ihr Werk enthält sechs Sachbücher zu ganz verschiedenen Themen, die unter dem Pseudonym Nancy C. Baker erschienen sind, zwölf zwischen 1986 und 2004 publizierte Krimis und eine Kriminalnovelle.

Jacobs ist die Erfinderin der 33-jährigen Grundschullehrerin Devon MacDonald aus St. Paul, Minnesota, deren dreijähriger Sohn Danny von einem Betrunkenen überfahren wurde, worauf ihr Mann das Weite suchte. Sam Sherman, ein liebenswerter, wenn auch etwas verschrobener Privatermittler gesetzten Alters, der zwei Herzinfarkte überstanden hat, nimmt die gebeutelte Frau unter seine Fittiche und heuert sie als Assistentin an: Sie soll für ihn die Laufarbeit erledigen. Im ersten Roman 'Blutsbrüder' wird Devon MacDonald - nicht zuletzt wegen ihrer traurigen Biografie - von dem Arzt Benjamin Levy für eine höchst delikate Ermittlung engagiert: Levys einziger, achtjähriger Sohn David ist an Leukämie erkrankt, eine Knochenmarkstransplantation ist seine letzte Chance. Da Levy sein Studium mit Samenspenden finanzierte, gibt es möglicherweise Halbgeschwister, die als Organspender dienen könnten. Der Vater des, wie sich herausstellt, einzigen Spenderkandidaten, wusste bisher nicht, dass er nicht der biologische Vater ist. Er rastet aus, schlägt Levy zusammen - und kommt kurz danach gewaltsam ums Leben. Levy wird aufgrund von Indizien verhaftet, und Devon kommt zu ihrem ersten Mordfall. Die mit leichter Hand verfasste Whodunnit-Geschichte lebt von der (trotz ihres Gesundheitsfimmels) sehr sympathischen Hauptfigur und den zentralen Fragen: Wer ist der Mörder? und wird David überleben?

Jacobs' zweite Krimiheldin ist die die Star-Reporterin Quinn Collins aus Hollywood, die beiden Bände wurden jedoch nicht ins Deutsche übersetzt.

Von Jacobs' acht Einzelwerken ist nur 'Strasse der Angst' auf Deutsch erschienen. Allison, Ex-Frau des angesehenen Versicherungsanwalts Karl Warren, behauptet, dieser habe die gemeinsame vierjährige Tochter Stephanie sexuell missbraucht, doch niemand will ihr glauben. Als Karl vor Gericht freigesprochen wird und Stephanie weiterhin jedes Wochenende zu sich holen darf, sucht Allison mit ihrer Tochter das Weite. Unterstützt durch eine Frauenvereinigung kreiert sie sich eine neue Identität, doch Karl gibt nicht auf und heuert Detektive an - eine Verfolgungsjagd durch halb Amerika beginnt. 'Strasse der Angst' ist ein leicht lesbarer, durchaus spannender Krimi, selbst wenn die Autorin bisweilen zur Geschwätzigkeit und zum Psychologisieren neigt und ihre Figuren etwas eindimensional geraten sind.

Bibliografie:
Devon MacDonald-Trilogie: 'The Turquoise Tattoo' - 'Blutsbrüder' (1991), 'A Slash of Scarlet' - 'Ein scharlachroter Schnitt' (1992), 'The Silver Scalpel' - 'Das silberne Skalpell' (1993);
Quinn Collins-Romane: 'Star Struck' (2002), 'Star Search' (Novelle, 2004).
Einzelwerke: 'Deadley Companion' (1986), 'See Mommy Run' - 'Strasse der Angst' (auch unter dem Titel 'Flucht in die Nacht', 1992), 'Cradle and All' (1995), 'Daddy's Gone A-Hunting' (1996), 'Rocking the Cradle' (1996), 'Double or Noting' (2001), 'Flash Point' (2002), 'Ricochet' (2003).

++ Erstellt: August 2012 ++  


James, Bill

(Pseudonym für James Tucker, *1929; schreibt auch als David Craig und Judith Jones)

James Tucker (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Arzt und Medical-Thriller-Autor) kam in Grangeville, Südwales, zur Welt, wo er auch aufwuchs. Er besuchte das University College in Cardiff und arbeitete dann als Journalist für die 'Western Mail', das 'South Wales Echo', den 'Daily Mirror' und die 'Sunday Times'.

Unter dem Pseudonym David Craig veröffentlichte Tucker 1973 den einflussreichen Noir-Roman 'Jill und die Boys'. Im Mittelpunkt steht der versoffene Ex-Kriminalinspektor Jim Naboth, ein lässiger, irgendwie rührender Mann, der als allein erziehender Vater zweier halbwüchsiger Söhne von der Sozialhilfe lebt. Als seine von ihm getrennt lebende Frau Jill samt der Tochter ihres neuen Lebensgefährten, des begüterten Geschäftsmannes Robert Freeman, gekidnappt wird, legt sich Jim Naboth - zunächst noch recht zaghaft - mit der Londoner Unterwelt an. Die Geschichte besticht durch den lakonischen Tonfall, die knappen Dialoge und die herrlichen Selbstgespräche des Protagonisten.

Zehn Jahre später, unter dem Pseudonym Bill James, begann James Tucker die Reihe um die ausgekochten, zynischen, in einer fiktiven südenglischen Hafenstadt tätigen Ermittler Detective Chief Superintendent Colin Harpur und Assistant Chief Constable Desmond Iles (Harpurs direkter Vorgesetzter), die sich in juristischen Grauzonen am wohlsten fühlen. Die anspruchsvolle, mit bissigem Humor erzählte und mit schnellen Wortwechseln und umwerfenden inneren Monologen gewürzte (und wohl noch nicht abgechlossene) Serie enthält bisher 26 Romane: kongeniale Mixturen aus Gangster- und Polizeiroman, mit fliessenden Übergängen zwischen den beiden doch recht gegensätzlichen Berufen. Drei Titel liegen auf Deutsch vor.

'Auf Rosen gebettet' beginnt mit einem Paukenschlag: Colin Harpurs Frau Megan wird in einer kalten Nacht kurz vor Weihnachten erstochen, als sie von einem Schäferstündchen mit ihrem Liebhaber, dem hochrangigen Polizisten Tambo, aus London nach Hause kommt. Mit der Unterstützung seiner bereits erstaunlich abgebrühten halbwüchsigen Töchter Hazel und Jill, seines zuverlässigsten Spitzels Jack Lamb und der örtlichen Polizei ermittelt Harpur die Hintergründe der auf den ersten Blick sinnlosen, ihn persönlich herzlich kalt lassenden Tat und stösst auf kriminelle Machenschaften seines korrupten Nebenbuhlers, von denen auch Megan gewusst haben muss.

In 'Rivalen' ist die Ausgangslage ebenso einfach wie brisant: Nach dem gewaltsamen Tod des lokalen Drogenbarons Kenward Knapp herrscht in der Stadt ein Vakuum, das der Nachtclubbesitzer Ralph Ember, wegen seiner Angstattacken Panikralph genannt, nur allzu gerne füllen möchte. Er lässt sich auf einen Machtkampf mit den Verbrechern Keith Vine und Stanley Stanfield ein, und dazwischen steht Colin Harpur, der sich ebenfalls an der Neuaufteilung der Drogenpfründe zu beteiligen scheint.

Keith Vine und Ralph Ember sind auch in 'Tote schreien nicht' auf der Piste. Vine beherrscht den Kokainhandel in der Stadt, muss jedoch Acht geben, dass ihm die Londoner Syndikate nicht das Wasser abgraben, und Ember betreibt ein kleines Konkurrenzunternehmen. Zwischen den Fronten: Colin Harpur, der verdeckt in der lokalen Drogenszene ermittelt. Das vordringliche Ziel der Polizei ist jedoch nicht, die einheimischen Gangster hinter Gitter zu bringen, sondern ihnen gerade soviel Macht zu lassen, dass die auswärtigen - und weniger berechenbaren - Rivalen auf Distanz bleiben.

Tuckers weitere Serienfiguren: Simon Abelard, britischer Spion; Roy Rickman, Agent des britischen "Home Office"; Stephen Bellecroix und Sheila Roath, britische Geheimagenten; Dave Brade und Glyndwr Jenkins, Police Detectives in Cardiff; Sally Bithron, Detective Constable in Cardiff; Kerry Lake, Polizistin in Grossbritannien.

James Tucker, verheirateter Vater von vier erwachsenen Kindern, lebt in seiner südwalisischen Heimat in einem Haus in der Nähe von Cardiff, zeitweise auch in einem Wohnmobil an der Küste von Pembrokeshire. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er Teilzeitdozent für Kreatives Schreiben an der University of Wales in Cardiff.

Bibliografie:
Als Bill James:
Colin Harpur & Desmond Iles-Serie: 'You'd Better Believe It' (1985), 'The Lolita Man' (1986), 'Halo Parade' (1987), 'Protection' (auch unter dem Titel 'Harper & Iles', 1988), 'Come Clean' (1989), 'Take' (1990), 'Club' (1991), 'Astride a Grave' (1991), 'Gospel' (1992), 'Roses, Roses' - 'Auf Rosen gebettet' (1993), 'In Good Hands' (1994), 'The Detecitve is Dead' (1995), 'Top Banana' (1996), 'Panicking Ralph' - 'Rivalen' (1997), 'Lovely Mover' - 'Tote schreien nicht' (1998), 'Eton Crop' (1999), 'Kill Me' (2000), 'Pay Days' (2001), 'Naked at the Window' (2002), 'The Girl with the Long Back' (2003), 'Easy Streets' (2004), 'Wolves of Memory' (2005), 'Girls' (2006), 'The Sixth Man an Other Stories' (2006), 'Pix' (2007), 'In the Absence of Iles' (2008), 'Hot Bed' (2009), 'I Am Gold' (2010), 'Vacuum' (2011), 'Undercover' (2012), 'Play Dead' (2013);
Simon Abelard-Romane: 'Split' (2001), 'A Man's Enemies' (2003);
Kerry Lake-Roman: 'Double Jeopardy' (2002);
'The Last Enemy' (1997), 'Middleman' (2002), 'Between Lives' (2003), 'Making Stuff Up' (2006), 'Letters from Carthage' (2007), 'Off-Street Parking' (2008), 'Full of Money' (2009), 'World War Two Will Not Take Place' (2011).
Als David Craig:
Roy-Rickman-Romane: 'The Alias Man' (1968), 'Message Ends' (1969), 'Contact Lost' (1970);
Stephen Bellecroix & Sheila Roath-Romane: 'Young Men May Die' (1970), 'A Walk at Night' (1971);
Dave Brade & Glyndwr Jenkins-Serie: 'Forget it' (1995), 'The Tattoed Detective' (1998), 'Torch' (1999), 'Bay City' (2000);
Sally Bithron-Romane: 'Hear me Talking to You' (2005), 'Tip Top' (2006);
'Up from the Grave' (1971), 'Double Take' (1972), 'Bolthole'('Auch unter dem Titel 'Knifeman') - 'Die Angst kehrt stets zurück' (1973), 'A Dead Liberty' (1974), 'Whose Little Girl are You?' (auch unter dem Titel 'The Squeeze') - 'Jill und die Boys' (1974), 'The Albion Case' (1975), 'Faith, Hope and Death' (1976).
Als Judith Jones:
Kerry Lake-Romane: 'Baby Talk' (1998), 'After Melissa' (1999).
Als James Tucker:
'Equal Partners' (1960), 'The Right Hand Man' (1961), 'Burster' (1966), 'Blaze of Riot' (1979), 'The King's Friends' (1982).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Juli 2013 ++
 


James, Russell

(Pseudonym für Russell Logan, *1942)

Russell James, geboren in Gillingham, Kent, als Sohn eines Berufssoldaten, verbrachte eine recht unglückliche Kindheit - ständige Orts- und Schulwechsel und Einsamkeit machten ihm zu schaffen. Nachdem sein Vater Selbstmord begangen hatte, schickte man James auf eine Kadettenschule. Er weigerte sich jedoch standhaft, eine militärische Laufbahn einzuschlagen, und liess sich ohne feste Jobs in der Welt herumtreiben. Danach war er "Mädchen für Alles" - Lichtsetzer, Schauspieler, Regisseur - bei einer britischen Theatergruppe. Nach seiner Heirat arbeitete er von 1972 bis 1979 als Manager für IBM. Anschliessend machte er sich selbständig, indem er in Cheltenham eine Consulting Firma gründete.

Tief beeindruckt von Noir-Autoren wie David Goodis und Cornell Woolrich, begann James Ende der 80er-Jahre zu schreiben. Nach dem noch etwas holprigen und unausgegorenen Erstling 'Underground' veröffentlichte er 1991 den düsteren Gangsterroman 'Payback. Floyd Carters Rückkehr', der an Ted Lewis' Klassiker 'Jack Carters Heimkehr' anknüpft. Floyd Carter kehrt nach zehn Jahren in sein heruntergekommenes Viertel im Londoner Süden zurück, nachdem die Gangsterlaufbahn seines Bruders Albie gewaltsam beendet wurde. Er will Albies Tod aufklären, kämpft sich durch die Londoner Unterwelt, muss jedoch gleichzeitig seinen zweiten Bruder im Auge behalten, Ludo, einen gutmütigen Menschen mit harten Muskeln, aber weichem Hirn.

'Schlachtmusik', Russell James' letzter ins Deutsche übersetzter, im London der frühen 90er-Jahre spielender Roman, handelt von dem gut zwanzigjährigen Tim Hawks, der eine harte Jugendzeit hinter sich hat. Er ist der neue, aufstrebende Killer im Syndikat des ukrainisch-stämmigen Gangsterbosses Al Kazan von Südost-London und bekommt jetzt, als ein blutiger Bandenkrieg ausbricht, von Kazan den Auftrag, seiner neuen Braut, der jungen, schönen Lehrerin Irena, ein wenig zur Seite zu stehen - scheinbar ein einfacher Leibwächterjob. Doch Irena verliebt sich in ihren Beschützer, und für Tim beginnt ein Alptraum, an dem die Gesetzeshüter nur ganz am Rande teilhaben. Die in knappem Stil erzählte Geschichte lebt von einfühlsamen, plastischen Figurenschilderungen.

Bis 2009 folgten acht weitere (zum Teil historische) Krimis und zwei Sachbücher über fiktive britische Detektive bzw. Bösewichte ('Great British Fictional Detectives', 2008, und 'Great British Fictional Villains', 2009).

Bibliografie:
'Underground' - 'Underground' (1989), 'Daylight' (1990), 'Payback' - 'Payback. Floyd Carters Rückkehr' (1991), 'Slaughter Music' - 'Schlachtmusik' (1994), 'Count Me Out' (1996), 'Oh No, Not My Baby' (1999), 'Painting in the Dark' (2000), 'The Annex' (2001), 'Pick Any Title' (2002), 'No One Gets Hurt' (2003), 'The Maud Allan Affair' (2008).

++ Erstellt: Mai 2011 ++  


Janes, J. Robert

(*1935)

J. Robert Janes wurde in Toronto als mittlerer von drei Söhnen eines Werbefachmanns und einer Künstlerin geboren. Nach der Schulzeit studierte er an der University of Toronto und schloss 1958 als Mineningenieur ab. Es folgten sechs Jahre als Ingenieur, zuerst bei 'Mobil Oil', dann bei der 'Ontario Research Foundation'. Anschliessend kehrte er an die University of Toronto zurück, um Geologie zu studieren (Master-Abschluss 1967) und dieses Fach daraufhin an High Schools und der Brock University in St. Catharines zu unterrichten. 1970 leitete er eine geologische Feldstudie in Kanada. Noch im selben Jahr machte er das Schreiben zum Hauptberuf. Sein Werk enthält Sach- und Fachbücher über Geologie, Detektivgeschichten für Jugendliche (unter anderem die Rolly-Serie) und Kriminalromane für Erwachsene. Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau Gracia, einer Umweltaktivistin, in Niagara-on-the-Lake, Ontario.

Zwischen 1992 und 2002 veröffentlichte Janes die zwölfbändige Reihe um den Sureté-Oberinspektor Jean-Louis St.-Cyr und den Gestapo-Mann Hermann Kohler, dessen beiden Söhne an der russischen Front in Stalingrad kämpfen. Die liebevoll recherchierten, detailreich und mit schnellen Perspektivenwechseln erzählten, von einer düsteren Atmosphäre geprägten Romane spielen im besetzten Frankreich (vorwiegend in Paris, aber auch in der Provence und in Lyon, dem Sitz des SS-Verbrechers Klaus Barbie) des Winters 1942/43, einer finsteren Zeit, in der die kleinen Leute tagtäglich ums Überleben kämpfen und in der - neben den Nazi-Verbrechen - selbstverständlich auch "normale" Morde geschehen, denen das systemkritische, nur scheinbar gegensätzliche Gespann St.-Cyr/Kohler, das eine tiefe Freundschaft verbindet, mit grossem Geschick auf den Grund geht.

Nach zehnjähriger Absenz sind St.Cyr und Kohler in 'Bellringer' zurückgekehrt. Die Geschichte spielt im nordostfranzösischen Städtchen Vittel, wo die Nazis in zwei zu Internierungslagern umfunktionierten Luxushotels 2'600 amerikanische und britische Frauen eingepfercht haben. Und hier geschehen jetzt, im Winter 1942/43, eine Reihe seltsamer Todesfälle, die die Dienste der beiden unverwüstlichen Bullen erfordern. Und seither folgten bereits wieder drei weitere Bände.
Janes hat offenbar noch weitere St.Cyr & Kohler-Krimis in der Pipeline.

Bibliografie:
Jean-Louis St.-Cyr & Hermann Kohler-Serie: 'Mayhem' (auch unter dem Titel 'Mirage', 1992), 'Carousel' (1992), 'Kaleidosope' (1993), 'Salamander' - 'Salamander' (1994), 'Mannequin' (1994), 'Dollmaker' (1995), 'Stonekiller' - 'Stonekiller' (1995), 'Sandman' (1996), 'Gypsy' (1997), 'Madrigal' (1999), 'Beekeeper' (2001), 'Flykiller' (2002), 'Bellringer' (2012), 'Tapestry' (2013), 'Carnival' (2014), 'Clandestine' (2015).
'The Toy Shop' (1981), 'The Watcher' (1982), 'The Third Story' (1983), 'The Hiding Place' (1984), 'The Alice Factor' (1991), 'The Hunting Ground' (2013), 'Betrayal' (2014).

++ Erstellt: August 2011 ++
++ Update: Juni 2012 ++
++ Update: November 2013 ++
++ Update: Oktober 2015 ++
 


Jaouen, Hervé

(*1946; schreibt auch als Michael Cliffden, Michel Ennis und J.-M. Kérity)

Hervé Jaouen kam in der bretonischen Stadt Quimper zur Welt. Nach seinem Jura- und Wirtschaftsstudium leitete er dreizehn Jahre eine Bankfiliale, bis er sich in den 80ern immer stärker auf die Schriftstellerei konzentrierte und seine Bankstelle schliesslich ganz aufgab. Sein Werk umfasst zehn Jugendbücher, drei Reisebücher über Irland, sechzehn Krimis und rund zwanzig andere Romane sowie Erzählungen, Artikel und Drehbücher. Darüber hinaus übersetzte er Liam O'Flaherty und andere irische Autoren ins Französische. Er pendelt zwischen der Bretagne und seiner zweiten Heimat, Irland.

Auf Deutsch ist einzig der 1982 mit dem "Prix du Suspense" ausgezeichnete Noir-Roman 'Die Nacht der Rache' erschienen. In einer knappen, präzisen Sprache, mit beissender Ironie, erzählt Jaouen die hoffnungslose, tieftraurig endende Geschichte zweier (zumindest auf den ersten Blick) recht gegensätzlicher Paare, bestehend aus dem jungen, moralisch verkommenen, zu selbstzerstörerischem Verhalten neigenden, aber trotzdem sehr erfolgreichen Arzt Kévin und seiner sanftmütigen Frau Marianne, einer ehemaligem Krankenschwester, auf der einen, und dem schmierigen, auf Luxusgüter erpichten Zuhälter Eddy und seiner Partnerin Alexia, einer sentimentalen Ex-Hure mit tristem Lebenslauf, die in Nantes ein Stripteaselokal besitzt, auf der anderen Seite. Als Kévin in einem Eifersuchtsanfall wild um sich schiesst und dann seine Frau aus dem fahrenden Auto wirft, findet er Unterschlupf bei Alexia, mit der er vor etlichen Jahren eine Affäre hatte. Er geht mit ihr ins Bett, nützt sie skrupellos aus und bereitet seine Flucht vor, während die Ärzte um das Leben der schwer verletzten Marianne kämpfen. Und dann fliesst wieder Blut.

Innerhalb von Jaouens Prosawerk haben 'Connemara Queen', ein in Irland spielendes Drama um Eifersucht und Hass, und der in der Bretagne zur Zeit des Zweiten Weltkriegs angesiedelte Spannungsroman 'Au-dessous du calvaire' einen besonderen Stellenwert.

Bibliografie:
'La mariée rouge' (1979), 'La chasse au merle' (1979), 'La petite fille et le pêcheur' (1980), 'Quai de la fosse' - 'Die Nacht der Rache' (1981), 'Marée basse' (1983), 'Toilette des morts' (1983), 'Le crime du syndicat' (1984), 'Pleure pas sur ton biniou' (1985), 'Histoire d'ombres' (1986), 'Les chiens du sud' (1987), 'Coup de chaleur' (1987), 'Connemara queen' (1990), 'Hôpital souterrain' (1990), 'Flora des embruns' (1991), 'Les endetteurs' (1994), 'Le fossé' (1995), 'Au-dessous du calvaire' (2005).

++ Erstellt: August 2011 ++  


Jaun, Sam

(*1935)

Sam Jaun, geboren im Schweizer Dorf Wyssachen im Emmental, Kanton Bern, als Sohn eines protestantischen Pfarrers, wuchs in Unterlangenegg, Gstaad und Biel (alle im Kanton Bern) auf. Nachdem er die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, studierte er in Bern Germanistik und Altphilologie, brach das Studium jedoch bald wieder ab und war daraufhin kurze Zeit als Deutsch- und Lateinlehrer am Berner Abendgymnasium tätig, danach als Sekretär für kulturelle Fragen der Stadt Bern. Mit 42 Jahren kündigte er diese Stelle und wurde Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichten, Theaterstücken und Hörspielen sowie Übersetzer. 1983 erschien sein erster Krimi 'Der Weg zum Glasbrunnen'.

In seinen unspektakulären und stimmungsvollen, ein facettenreiches Bild der Schweiz zeichnenden Krimis geht es Jaun (wie seinem Vorbild Friedrich Glauser) weniger um die Auflösung von Verbrechen als um die Psyche, die Lebensumstände und das soziale Umfeld der beteiligten Personen. Sein Protagonist, der Bieler Privatermittler Peter Keller, eine kantige, melancholische Figur, ist in vier Romanen und vier (im 2005 erschienenen Sammelband ‚Tagpfauenauge' abgedruckten) Erzählungen am Werk zu sehen.
Aus dem fiktionalen Emmentaler Dorf Schwant stammend, war er Milizoffizier der Grenadiere, Nahkampfexperte und Teilzeitinstruktor an der Berner Polizeirekrutenschule, aber auch Philosophie- und Kunststudent, Kunstmaler und aktiver Sozialdemokrat, bis er nach dem Selbstmord seiner Frau Selma einen seelischen Zusammenbruch erlitt und (im Anschluss an einen langen Klinikaufenthalt) ein neues Leben als Detektiv begann. Sein älterer Bruder Roger, mit dem ihn wenig verbindet, ist Kommissär bei der Berner Kantonspolizei.

In Jauns zweitem Roman 'Brandnacht' kehrt Keller in sein Heimatdorf zurück, um sich dem Mordfall Drechsel anzunehmen: Eva Drechsel ist die zweite junge Frau, die dort erwürgt wurde, und Otto Balsiger, den Keller von früher her kennt, sitzt als Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft. Keller, der an Balsigers Schuld zweifelt, beginnt - gegen den Widerstand der Bevölkerung und der örtlichen Polizei - zu ermitteln und legt am Schluss einer mächtigen, vor Mord nicht zurückschreckenden Sekte auf spektakuläre Weise das Handwerk.

Vierzehn Jahre später folgte 'Fliegender Sommer', ein sperriger, figurenreicher, um Machtmissbrauch und Erpressung kreisender Krimi, der im Milieu des Militärischen Nachrichtendienstes der Schweiz angesiedelt ist - Jauns anspruchsvollstes Werk. Von Major Saibling, einem Militärkollegen aus alten Zeiten, erhält Keller einen höchst undurchsichtigen, als "Kriegsspiel" aufgezogenen Undercover-Auftrag: Er soll ermitteln, ob es stimmt, dass mehrere Soldaten mittleren Alters vor zwei Jahren ein 15-jähriges Mädchen sexuell missbraucht haben. Getarnt als Füsilier Langenegger nimmt er an einem militärischen Ergänzungskurs teil, in dem fiktiven jurassischen Kaff Bergues, dem Ort des mutmasslichen Verbrechens. Als Keller herausfindet, dass Sandor Jenner, verheirateter Famlienvater und Stiefsohn des streitbaren Divisionärs Peseu, zu den Tätern gehörte, wird ihm klar, dass weit mehr hinter dem Fall steckt als ein Sexualdelikt. Wenig später kommt Jenner auf unklare Weise ums Leben - und Keller findet sich in einem verschlossenen und fensterlosen Raum in einer psychiatrischen Klinik wieder.

Jauns vierter Krimi 'Die Zeit hat kein Rad' führt Keller von Biel nach Berlin, wo er vor vielen Jahren die Staatliche Hochschule für Bildenden Künste besucht hat. Sein Patenkind Lisbeth, eine lebhafte, einzelgängerische Frau Anfang zwanzig, lebt und studiert dort seit gut einem Jahr, um Schauspielerin zu werden, als sie sich im Bahnhof Tempelhof vor die U-Bahn wirft und ums Leben kommt. Doch ihr Grossvater, bei dem sie nach dem Tod der Eltern aufgewachsen ist, zweifelt an der Selbstmordtheorie und bittet Keller um Hilfe. Die Nachforschungen führen den Detektiv in die Berliner Kulturszene mit ihren Kneipen, in denen der Wein in Strömen fliesst; er spricht mit Lisbeths Kollegen und Lehreren, trifft auf alte Freunde aus seiner Studienzeit, verliebt sich in die aparte Serviererin Helle, sein Aufenthalt in Berlin zieht sich immer mehr in die Länge - bis er schliesslich eher zufällig auf die Lösung des sich als recht banal erweisenden Falles stösst.

Nach längeren Aufenthalten in Portugal, Frankreich und den Vereinigten Staaten lebt Sam Jaun heute in Bern und Berlin.

Bibliografie:
Peter Keller-Serie: 'Der Weg zum Glasbrunnen' (1983), 'Die Brandnacht' (1986), 'Fliegender Sommer' (2000), 'Die Zeit hat kein Rad' (2004).

++ Erstellt: September 2011 ++  


Jay, Charlotte

(Pseudonym für Geraldine Mary Halls, 1919-1996)

Geraldine Mary Halls, geborene Jay, kam in der Küstenstadt Adelaide, der Hauptstadt des Bundesstaates South Australia, zur Welt und wuchs auch dort auf. Sie studierte an der University of Adelaide und arbeitete danach als Sekretärin in Adelaide, Sydney, Melbourne und London sowie als Protokollführerin am australischen Gerichtshof von Papua-Neuguinea. In den 50er-Jahren lebte sie mit ihrem Mann Albert James Halls, der damals für die UNESCO arbeitete, in Pakistan, Thailand, Libanon, Indien und Frankreich. Von 1958 bis 1971 betrieben sie gemeinsam ein Geschäft für asiatische Kunst, zuerst in Sommerset, dann in Adelaide. Sie starb vierzehn Jahre nach ihrem Mann in ihrer Geburtsstadt.

Unter dem Pseudonym Charlotte Jay veröffentlichte Geraldine Halls ab 1951 neun an asiatischen, australischen und afrikanischen Schauplätzen angesiedelte Krimis, unter bürgerlichem Namen zwischen 1956 und 1982 sechs andere Romane. Ihr zweiter Krimi 'Beat Not the Bones' ('Bis auf die Knochen') erhielt 1954 den allerersten Edgar für den besten Roman.

'Bis auf die Knochen' ist Jays einziger ins Deutsche übersetzter Krimi. Die anti-kolonialistische, mit stimmungsvollen Schilderungen der bedrohlich wuchernden Pflanzenwelt gespickte Geschichte spielt auf der rückständigen Südwest-Pazifik-Insel Papua-Neuguinea, wo Stella Warwicks Gatte, ein Anthropologe, der zu Studienzwecken in der fiktiven Stadt Marapai weilte (Marapai steht für Port Moresby, die Hauptstadt Papua-Neuguineas), unter unklaren Umständen ums Leben gekommen ist. Die junge Witwe zweifelt an der offiziellen Version, nach der ihr Mann Suizid begangen haben soll. Sie reist auf die urwüchsige Insel, beginnt selbst zu ermitteln, unternimmt eine alptraumhafte Expedition in den Dschungel, in dem ihr Mann sein Leben verlor - aus der schüchternen Frau wird eine harte und furchtlose Kämpferin, die schliesslich ein ungeheures Verbrechen der skrupellosen und habgierigen Kolonialherren an den Tag bringt.

Bibliografie:
'The Knife Is Feminine' (1951), 'Beat Not the Bones' - 'Bis auf die Knochen' (auch unter dem Titel 'Das Gift der neuen Welt', 1952), 'The Fugitive Eye' (1953), 'The Yellow Turban' (1955), 'The Feast of the Dead' (auch unter dem Titel 'The Brink of Silence', 1956), 'The Man Who Walked Away' (auch unter dem Titel 'The Stepfather', 1958), 'Arms of Adonis' (1960), 'A Hank of Hair' (1964), 'The Voice of the Crab' (1974).

++ Erstellt: Juli 2014 ++  


Jobson, Hamilton

(1914-1981; schrieb auch als William Strathern)

Unterbrochen durch seinen Dienst bei der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg, arbeitete Hamilton Jobson dreissig Jahre als Polizist in England, ehe er von 1968 bis zu seinem Tod im Jahre 1981 sechzehn Krimis zu Papier brachte - spannungsgeladene, ehrliches Handwerk darstellende Geschichten, die in namenlosen oder fiktiven britischen Provinzorten angesiedelt sind. Im Fokus befinden sich oft unbescholtene Bürger, die ohne eigenes Verschulden ins Visier der Polizei oder krimineller Organisationen geraten und ihren Kopf erst in letzter Sekunde aus der Schlinge ziehen. Die Ermittler, unter ihnen als immer wieder auftretende Figur der charakterfeste, einfallsreiche Chief Inspector (und spätere Superintendent) Matt Anders, verharren derweil meistens etwas im Hintergrund.

Zu Jobsons besten Romanen gehört 'Werkzeug für Erpresser' mit Richard Hogard als Hauptperson. Hogard war Chief Inspector, bis er den Mann, den er für den Geliebten seiner biestigen Frau hielt, tödlich verletzte und daraufhin verhaftet wurde. Nach zwei Jahren wieder auf freiem Fuss, unterstützt durch seinen Anwalt Sam Bates und seinen früheren Berufskollegen Chief Inspector Matt Anders, seine beiden engsten Freunde, beginnt er ein neues Leben. Er verliebt sich in die junge, warmherzige Witwe Clementine Shearer, die eine kleine Tochter hat, und führt mit den beiden während einiger Wochen ein recht unbeschwertes Leben. Dann aber wird Hogard von seiner Vergangenheit eingeholt, verkörpert durch den sadistischen Gangsterboss George Vickers, dessen Sohn er vor Jahren hinter Gitter gebracht hat.

In 'Kontrakt mit dem Killer' steht für einmal ein Gangster im Mittelpunkt: Vic Prosser, ein skrupelloser, als Geschäftsmann getarnter Einzelgänger, der sich in der Unterwelt Respekt verschaffte, als er drei seiner Gegner umbrachte und die Frau eines Verräters vergewaltigte. An ihn wendet sich, wer einen unliebsamen Mitbürger einschüchtern, verunglimpfen, erpressen oder aus dem Weg räumen will - und bereit ist, dafür ein saftiges Honorar zu zahlen. Sein aktuelles Opfer ist George Fielding, ein netter, älterer Herr, der sein Restaurant partout nicht an den respektablen Geschäftsmann Clive Oates verkaufen will. Um Fielding endlich weich zu klopfen, spielt Prosser mit ihm ein derart gemeines Spiel, dass dieser, emotional aufgewühlt, einen Hirnschlag erleidet. Doch Prosser hat die Rechnung ohne Anne Dexter gemacht, eine junge, mutige Frau und gute Freundin Fieldings, die als Sekretärin für den Anwalt E.J. Ellis arbeitet, der wiederum das Bindeglied zwischen Oates und Prosser darstellt. Und Anne weiss Chief Inspector Anders an ihrer Seite.

'Der sicherste Beweis' ist eine lupenreine Police Procedural Novel, angesiedelt in einer namenlosen Gegend, in der in den letzten Monaten drei Kinder ermordet worden sind. Als ein kleines Mädchen nach der Schule nicht nach Hause kommt, deutet alles darauf hin, dass es das vierte Opfer des Kindermörders geworden ist. Der Verdacht fällt auf den Gelegenheitsarbeiter Peter Mellish, doch dieser hat für die Zeit der Entführung ein hieb- und stichfestes Alibi. Der Fall nimmt eine überraschende Wende, als Superintendent Matt Anders klar wird, dass er es mit zwei unabhängig voneinander operierenden Verbrechern zu tun hat. Und Mellish wird sein Alibi zum Verhängnis...

Bibliografie:
'Therefore I Killed Him' (1968), 'Smile and Be a Villain' (1969), 'Naked to my Enemy' - 'Werkzeug für Erpresser' (1970), 'The Silent Cry' - 'Der stumme Schrei' (1970), 'House with Blind Eyes' (1971), 'The Shadow that Caught Fire' - 'Der Schatten hat viele Augen' (1972), 'The Sand Pit' (1972), 'Contract with a Killer' - 'Kontrakt mit dem Killer' (1974), 'The Evidence You Will Hear' - 'Der sicherste Beweis' (1975), 'Waiting for Thursday' - 'Warten auf Donnerstag' (1977), 'Judge Me Tomorrow' - 'Richtet mich morgen' (1978), 'To Die a Little' - 'Ein bisschen sterben' (1978), 'Exit to Violence' (1979), 'Don't Tell the Press' (1981), 'Sleeping Tiger' (1982).
Als William Strathern: 'Don't Look for Me I'm Dead' (1981).

++ Erstellt: März 2012 ++
++ Update: August 2014 ++
 


Johnson, E. Richard

(1938-1997)

E. Richard Johnson kam als jüngstes von fünf Kindern eines einfachen Arbeiters in Printice, Wisconsin, zur Welt. Nachdem er von der High School geflogen war, trat er mit achtzehn der US Army bei. Den grössten Teil seiner Militärzeit verbrachte er bei einer Geheimdiensteinheit in Deutschland. Anfang der 60er-Jahre, kurz nach seinem Ausscheiden aus der Armee, geriet er auf die schiefe Bahn. Als bei einem bewaffneten Raubüberfall ein Mann ums Leben kam, wurde Johnson wegen Mord zu 57 Jahren Haft verurteilt.

Im Stillwater Staatsgefängnis von Minnesota begann Johnson Mitte der 60er-Jahre mit der Schriftstellerei, um, wie er sagte, als Individuum zu überleben und der Gesellschaft etwas zurückzuerstatten. Seine ersten Werke, vornehmlich Kurzgeschichten, Rätsel und Artikel, wurden durch einen Gefängnisbrand zerstört. 1968 konnte er seinen ersten Roman 'Der Tod auf Silver Street' (Teil 1 der Tony Lonto-Serie) veröffentlichen - und gewann dafür den "Edgar" für den besten Thriller des Jahres.

In den 70er-Jahren wurde Johnson drogen-, tabletten- und alkoholabhängig, kämpfte jedoch immer wieder hart gegen seine Sucht an und heiratete sogar. Nach seiner Freilassung im Jahr 1991 (seine Ehe war 1990 nach elf Jahren zerbrochen) ging er nach Ortoville, Minnesota, wo er einen Bonsai-Handel aufzog. Vom Alkohol schwer gezeichnet starb er 1997.

Mit Tony Lonto, einem hartgesottenen, anständig gebliebenen Cop aus einer namenlosen amerikanischen Stadt, hat Johnson eine vielschichtige Figur erfunden, die Ende der 60er-Jahre zu zwei eindrucksvollen Auftritten kam (und knapp zwanzig Jahre später für drei weitere, nicht ins Deutsche übersetzte Bücher reaktiviert wurde). Es folgten der autobiografisch gefärbte Gefängnisroman 'Es kocht im Käfig 5', der Drogenthriller 'Weisses Gift im Blut' sowie die Noir-Romane 'Gefügig mit Gewalt' und 'Der dreizehnte Kontrakt'.

'Gefügig mit Gewalt' dreht sich um den jungen, idealistischen, wenn auch etwas naiven Bewährungshelfer Chuck Rawls, der verbissen darum kämpft, die Unschuld seines Schützlings, des früheren Sexualtäters Frankie Trumper, zu beweisen, als die Sozialarbeiterin Mary Blair vergewaltigt und ermordet in der Gosse aufgefunden wird. Chucks Gegenspieler ist Mose Hamilton, nach neunzehn zermürbenden Dienstjahren ein hasserfüllter, gewalttätiger Bulle, für den ausser Frage steht, dass Frankie Trumper auf den elektrischen Stuhl gehört.

Johnsons finsterster Roman ist 'Der dreizehnte Kontrakt', der 1971 unter demselben Titel in die Kinos kam. Der sadistische Kontraktmörder Mongo Nash, der bereits zwölfmal für Geld getötet hat, kehrt nach sechs Jahren in seine (unbenannte) Heimatstadt zurück: Sein Bruder Mike, ein Gangsterboss, hat ihm den Auftrag erteilt, einem örtlichen Rivalen das Licht auszublasen - und mit Mike hat der Killer noch eine Rechnung offen. Mongos gefährlichster Gegner ist der FBI-Agent Pete Tolstad, der sich ganz dem Kampf gegen Bandenkriminalität verschrieben hat. Die Geschichte um Betrug, Hass und Gier spielt sich in der Weihnachtszeit ab.

Bibliografie:
Tony Lonto-Serie: 'Silver Street' (auch unter dem Titel 'The Silver Street Killer) - 'Der Tod auf Silver Street' (1968), 'The Inside Man' - 'Verrat auf Silver Street' (1969), 'Blind Man's Bluff' (1987), 'The Hands of Eddy Loyd' (1988), 'Dead Flowers' (1990);
'Mongo's Back in Town' - 'Der dreizehnte Kontrakt' (1969), 'Cage Five Is Going to Break' - 'Es kocht im Käfig 5' (1970), 'The God Keepers' - 'Weisses Gift im Blut' (1970), 'The Judas' - 'Die Firma dankt mit Kugeln' (1971), 'Case Load: Maximum' - 'Gefügig mit Gewalt' (1971), 'The Cardinalli Contract' - 'Geheimauftrag für einen Killer' (1975).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Johnston, Paul

(*1957; schreibt auch als Sam Alexander)

Paul Johnston wurde als Sohn des Thrillerautors Ronald Johnston in Edinburgh geboren und wuchs auch dort auf. Nach Abschluss der Schule war er sechs Monate als Reiseführer in Griechenland unterwegs. Er studierte Alt- und Neugriechisch an der Oxford University, um dann für verschiedene Schifffahrtsgesellschaften in London, Belgien und Griechenland zu arbeiten. 1989 liess er sich mit Frau und Tochter auf der kleinen griechischen Insel Antiparos nieder und arbeitete dort als Englischlehrer. Nebenbei begann er zu schreiben, konnte jedoch vorerst keinen Verleger für seine Prosa begeistern, weshalb er 1995 nach Edinburgh zurückkehrte und dort seinen Abschluss in Englisch nachholte. Wenig später machte er das Schreiben zum Hauptberuf. Er pendelt zwischen Griechenland und England.

Johnston gab sein belletristisches Debüt 1997 mit dem beklemmenden, im Edinburgh des Jahres 2020 angesiedelten Sciencefiction-Thriller 'Die kalte Stadt', dem ersten Band der Quint Dalrymple-Serie. Nach dem Zerfall Grossbritanniens ist Edinburgh ein totalitär regierter Stadtstaat, eine "perfekte Gesellschaft": Elektrizität, Trinkwasser und Nahrungsmittel sind rationiert, Privatautos, Fernsehen, Telefon und Zigaretten gibt es nicht, dafür existiert ein verlässliches Gesundheits- und Sozialsystem; Sex-Treffen mit jeweils wechselnden Partnern sind streng reglementiert, es wimmelt von Polizisten, genannt Ordnungshelfer, die für Sicherheit auf den Strassen sorgen. Doch dann geschieht in dieser leblosen, düsteren Gesellschaft der erste Mordfall seit fünf Jahren (mit einer Ordnungshelferin als Opfer), der Anfang einer Serie. Erinnerungen an den letzten Mörder Edinburghs werden wach: den so genannten Hals-Nasen-Ohren-Mann, der nach ähnlichem Muster tötete - eines der Opfer war Quints Geliebte Caro. Quint Dalrymple, einst ein hochrangiger Polizist und angesehener Autor eines Handbuchs über die Praxis der öffentlichen Ordnung, dann als Dissident ins Abseits geraten und deshalb als Privatermittler tätig, wird reaktiviert - und weiss mit Sicherheit, dass der HNO-Mann als Täter nicht in Frage kommt, hat er ihm doch damals eigenhändig das Licht ausgeblasen, eine Tat, die er bis heute geheim gehalten hat. Gegen kräftigen Widerstand seiner Gegner und Konkurrenten wühlt Quint sich in den Dreck des durch und durch korrupten Stadtstaats und bringt ungeheure Verbrechen ans Tageslicht.

Nach vier weiteren Dalrymple-Romanen erweckte Johnston im Jahr 2002 mit dem in Griechenland wirkenden Privatdetektiv Alex Mavros - Sohn einer Schottin und eines Griechen - einen neuen Serienhelden zum Leben. 2007 startete er die Reihe um den Londoner Krimiautor und Gelegenheitsdetektiv Matt Wells. Und 2015 kam Quint Dalrymple nach 14-jähriger Absenz wieder einmal zum Zug.

Bibliografie:
Quint Dalrymple-Serie: 'Body Politic' - 'Die kalte Stadt' (1997), 'The Bone Yard' - 'Der Totenacker' (1998), 'Water of Death' - 'Wasser des Todes' (1999), 'The Blood Tree' (2000), 'The House of Death' (2001), 'Head of Hearts' (2015);
Alex Mavros-Serie: 'A Deeper Shade of Blue' (auch unter dem Titel 'Crying Blue Murder', 2002), 'The Last Red Death' (2003), 'The Golden Silence' (2004), 'The Silver Stain' (2011), 'The Green Lady' (2012), 'The Black Life' (2013), 'The White Sea' (2014);
Matt Wells-Serie: 'The Death List' (2007), 'The Soul Collector' (2008), 'Maps of Hell' (2010), 'The Nameless Dead' (2011).
Als Sam Alexander: 'Carnal Acts' (2014).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: September 2013 ++
++ Update: Oktober 2015 ++
 


Jones, Stan

(*1947)

Stan Jones, geboren in Anchorage, der grössten Stadt des Bundesstaats Alaska, aufgewachsen auf einer Farm im Grenzgebiet Tennessee/Mississippi und in seiner Geburtsstadt, studierte Wirtschaftsjournalismus am California Institute of Technology und an der University of Alaska und arbeitete darauf als Zeitungs- und Radiojournalist mit dem Spezialgebiet Umweltzerstörung - unter anderem setzte er sich intensiv mit der Ölkatastrophe nach dem Untergang des Tankers 'Exxon Valdez' im Golf von Alaska im März 1989 auseinander -, ehe er 1999 als Krimiautor debütierte. Nach Aufenthalten im Inupiat-Dorf Kotzebue und in Fairbanks lebt der leidenschaftliche Fotograf, Buschpilot und Umweltschützer heute wieder in Anchorage. Er ist mit der Epidemiologin Susan Janes verheiratet und hat mit ihr zwei erwachsene Kinder.

Im nördlichen Alaska nennt man die Eskimos 'Inupiat', die Weissen 'Naluaqmiut', und man läuft im T-Shirt herum, wenn das Thermometer auf minus zehn Grad hochklettert. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Rassismus und das garstige Klima prägen das Leben in dem trostlosen 2500-Seelen-Kaff Chukchi (ein fiktiver, nach Kotzebue gestalteter Ort) im Norden Alaskas, wo Jones' eigenwilliger Romanheld Nathan Active - als Inupiat geboren, aber von Weissen adoptiert und deshalb ein Aussenseiter - zuhause ist und als State Trooper arbeitet. Der Autor zeichnet in seiner vierteiligen Krimireihe ein höchst stimmungsvolles Bild dieser unwirtlichen Gegend und der Menschen, die sich in ihr durchs Leben kämpfen.

Jones' Krimierstling 'Weisser Himmel, schwarzes Eis' dreht sich um eine Serie von mutmasslichen Selbstmorden in Chukchi. Neugierig geworden geht Nathan Active den rätselhaften Todesfällen auf den Grund und stösst auf einen norwegischen Multi, der in der Nähe eine Kupfermine betreibt - und eine Menge Dreck am Stecken hat.

In Jones' zweitem (im Original erst sechs Jahre nach der deutschen Übersetzung erschienenem) Roman 'Gefrorene Sonne' begibt sich Nathan Active im Auftrag eines Pastors auf die Suche nach dessen strahlend schöner Tochter Grace Palmer, genannt Amazing Grace, die seit zehn Jahren verschwunden ist, Gerüchten zufolge im Sumpf von Anchorage. Die Spuren führen in zwielichtige Lokale, verlieren sich wieder, dann stösst Nathan auf eine nicht identifizierte Leiche - doch die Jagd nach Grace scheint Nathans Geist zu trüben.

In seinem dritten Krimi 'Schamanenpass' bringt Stan Jones dem Leser den Schamanenkult und dessen Niedergang näher. Die Geschichte handelt von der abhanden gekommenen Mumie eines vor achtzig Jahren gestorbenen Mannes, Onkelchen Frost genannt, die in einem Museum ausgestellt werden soll, und dem Mord am alten Viktor Salomon, dem Vorsitzenden des Stammesrates, in dessen Brust die Harpune steckt, die zur Mumie gehört.

Es gibt einen vierten, mit 'Village of the Ghost Bears' betitelten Nathan Active-Roman, auf dessen deutschsprachige Version wir wohl vergebens warten.

Bibliografie:
Nathan Active-Serie: 'White Sky, Black Ice' - 'Weisser Himmel, schwarzes Eis' (1999), 'Frozen Sun' (auch unter dem Titel 'Amazing Grace') - 'Gefrorene Sonne' (2002, im Original 2008), 'Shaman Pass' - 'Schamanenpass' (2003), 'Village of the Ghost Bears' (2009).

++ Erstellt: September 2014 ++  


Jonquet, Thierry

(1954-2009; schrieb auch als Phil Athur, Vince C. Aymin Pluzin, Martin Eden und Ramon Mercader)

Thierry Jonquet wurde als Sohn einer kommunistischen Arbeiterfamilie in Paris geboren und wuchs, geprägt von Büchern und Filmen, auch dort auf. Bereits als Teenager sympathisierte er mit der politischen Linken: 1970 schrieb er sich bei der trotzkistischen 'Lutte ouvrière' ein, unter dem Pseudonym Daumier, der ein berühmter Karikaturist des 19. Jahrhunderts war; 1972 wurde er Mitglied der 'Ligne communiste révolutionnaire'. Nach abgebrochenem Philosophiestudium verrichtete er Gelegenheitsjobs wie Strassenmarkierer und Wäschehändler, bis er sich zum Ergotherapeuten ausbilden liess und diesen Beruf in ganz unterschiedlichen Krankenhäusern (psychiatrische Klinik, Geriatrie, Abteilung für Säuglinge mit angeborenen Krankheiten) ausübte. Darüber hinaus unterrichtete er jugendliche Straftäter. 1982 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Ramon Mercader, dem Namen des Trotzki-Attentäters, den Roman 'Du passé faisons table rase' und konzentrierte sich fürderhin weitgehend auf die Schriftstellerei - Romane für Jugendliche und Erwachsene, Kurzgeschichten und Fernsehdrehbücher dominieren sein Werk. Er starb 55-jährig in einem Pariser Krankenhaus.

'Die Haut, in der ich lebe' kommt mit einer Handvoll Figuren aus. Der Abiturient Vincent wird seit mehreren Jahren von einem älteren Mann in einem Kerker gequält und erniedrigt und muss jeden Tag ein Medikament einnehmen, das seine Libido unterdrückt und zu Brustwachstum führt. Alex, etwas unterbelichtet, war früher ein Kumpel von Vincent. Jetzt befindet er sich nach einem völlig missglückten Banküberfall, bei dem ein Polizist ums Leben kam, auf der Flucht und braucht ein neues Gesicht. Die schöne Eve und der angesehene plastische Chirurg Richard Lafargue pflegen eine ungeheure Beziehung: Eve wird in seinem Haus gefangen gehalten, von ihm als Prostituierte eingesetzt und einmal pro Monat in eine psychiatrische Anstalt mitgenommen, um dort eine vegetierende Frau zu besuchen - Lafargues Tochter Viviane, das Bindeglied zwischen den Protagonisten, deren Schicksal dem Leser schrittweise offenbart wird. In seinem knappen, mit überraschenden Wendungen aufwartenden Noir-Roman scheint der Autor den jugendlichen Tätern mehr Sympathie entgegenzubringen als dem intellektuell und strategisch weit überlegenen, mit grosser Raffinesse handelnden Opfer Richard Lafargue.

In dem vielschichtigen, von einer düsteren Stimmung durchdrungenen Krimi 'Die Goldgräber' stellt Jonquet den erfahrenen Pariser Oberkommissar Rovère und die frisch von Tours nach Paris gekommene Ermittlungsrichterin Nadia Lintz in den Mittelpunkt, zwei plastisch skizzierte, mit privaten Sorgen belastete Figuren, die einer Serie von mysteriösen Ritualmorden auf den Grund gehen. Die Spuren führen zuerst ins polnische Immigrantenmilieu von Paris, schliesslich aber zurück in die nationalsozialistische Vergangenheit - nach Auschwitz.

Bibliografie:
'Du passé faisons table rase' (zuerst als Ramon Mercader, 1982), 'Mygale' - 'Die Haut, in der ich wohne' (1984; überarbeitete Neuasgabe 1998), 'Cours moins vite, camerade, le vieux monde est devant toi' (1984), 'URSS go home' (1985), 'Le manoir des immortelles' (1986), 'Le secret du rabin' (1986), 'Comedia' (1988), 'Le pauvre nouveau est arrivé' (1990), 'La vie de ma mère' (1994), 'Rouge c'est la vie' (1998), 'Ad vitam aeternam' - 'Die Unsterblichen' (2002), 'Mon vieux' (2004), 'Ils sont votre épuvante et vous êtes leur crainte' (2006);
Kommissar Gabelou-Romane: 'Mémoire en cage' (1982), 'La bête et la belle' (1985);
Kommissar David Lansky-Romane (zuerst als Martin Eden): 'L'enfant américain (1989), 'Le gang des limousines' (1989);
Nadia Lintz & Rovère-Romane: 'Les Orpailleurs' - 'Die Goldgräber' (1993), 'Moloch' (1998).

++ Erstellt: Februar 2011 ++  



 

Kakonis, Tom

(*1930; schreibt auch als Adam Barrow)

Tom Kakonis wurde als Spross einer amerikanischen Mutter und eines griechischen Immigranten in Kalifornien geboren. Er reiste viel und arbeitete unter anderem als Eisenbahnarbeiter, technischer Schreiber und Bademeister sowie als Collegeprofessor im Mittleren Westen, bevor er Ende der 80er-Jahre, mit 57, als Krimiautor debütierte. 1993, nach der Veröffentlichung des vierten Romans 'Shadow Counter', bestand sein Verlagshaus darauf, dass Kakonis seine Bücher fortan mit dem Pseudonym Adam Barrow zeichnete. 'Flawless' (1995) und 'Blind Spot' (1997) waren dann kommerziell dermassen erfolglos, dass der Autor von seinem Herausgeber fallen gelassen wurde und kurz danach dem Schreiben den Rücken kehrte - bis er 2014 mit der wilden, schwarzhumorigen Caper Novel 'Treasure Coast' zurückkam. Er lebt in Grand Rapids, Michigan.

Kakonis ist der Erfinder des ehemaligen Collegeprofessors Timothy Waverly, der sich nach sieben Jahren Gefängnis (er tötete im Affekt den Anwalt seiner Ex-Frau) als professioneller Kartenspieler in Florida durchschlägt. In 'Die Spur des Spielers' möchte Waverly in seiner Heimatstadt Traverse City, Michigan, ein wenig ausspannen und mit der Vergangenheit ins Reine kommen. Doch kaum dort angekommen, wird er in eine üble Drogenaffäre verwickelt, als er über die schöne Holly Clemmons stolpert, deren labiler Halbbruder Clay eben erst eine Gangsterbande um einen Haufen Kokain erleichtert hat. Kakonis besticht in seinem vielschichtigen Erstling mit Sprachwitz, schnellen Dialogen und einer plastischen Darstellung des melancholischen Protagonisten und seiner Gegenspieler, den psychopathischen Killern Shadow und Gleep.

Kakonis' zweiter (an Elmore Leonards frühe Bücher erinnernder und diesen in nichts nachstehender) Krimi 'Über Kreuz' erzählt die Geschichte von Mitch Morse, der sich wegen seiner Gewaltausbrüche seit geraumer Zeit auf dem absteigenden Ast befindet. Er war ein bejubelter Footballstar, bis er seinem Trainer mit der Faust das Jochbein zertrümmerte. Danach arbeitete er als Cop in Detroit, wurde jedoch nach zwölf Jahren gefeuert, weil er einen wehrlosen Verbrecher windelweich verprügelte. Auch seine Ehe hielt nicht lange: Sie zerbrach endgültig, als er den Liebhaber seiner Frau zusammenschlug. Es folgte eine Anstellung bei einem privaten Wachdienst in der trostlosen Stadt Grand Rapids, Michigan. Dies die Ausgangslage. Kann es noch schlimmer kommen? Ja, es kann: Wegen übertriebener Härte im Kampf gegen streikende Arbeiter verliert er auch diesen Job - und wird Beauftragter für Sicherheitsfragen bei einer Filiale der Kaufhauskette Fleets. Dort arbeiter auch die attraktive Starla Hudek, in die sich Mitch verliebt, doch sie ist die Ex-Frau des psychopathischen Gangsters Meat Pitts, der nach acht Jahren im Knast einen grossen Coup im Visier hat - er will Fleets um drei Millionen erleichtern -, für den er die Hilfe eines "Insiders" braucht.

Bibliografie:
Timothy Waverly-Serie: 'Michigan Roll' - 'Die Spur des Spielers' (1988), 'Double Down' - 'Abgezockt' (1991), 'Shadow Counter' - 'Joker' (1993);
'Criss-Cross' - 'Über Kreuz' (1990), 'Consultant' (1999), 'Treasure Coast' (2014).
Als Adam Barrow: 'Flawless' (1995), 'Blind Spot' (1997).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: Mai 2013 ++
++ Update: Januar 2015 ++
 


Kaminsky, Stuart M.

(1934-2009)

Stuart Melvyn Kaminsky, geboren und aufgewachsen in der West Side Chicagos, war bereits als Teenager schriftstellerisch tätig. Während seiner Armeezeit diente er in Frankreich und Deutschland, anschliessend studierte er Journalistik, Englische Literatur und Kommunikation an der University of Illinois. Als leidenschaftlicher Film-Liebhaber stand er daraufhin während sechzehn Jahren der Filmabteilung der Northwestern's School of Radio, Television and Film vor. Danach, von 1989 bis 1994, war er leitender Professor am Florida State University Conservatory of Motion Picture, Television and Recording Arts in Sarasota, Florida. Darüber hinaus war Kaminsky für 'United Press International', die 'Hollister Press' und verschiedene Zeitungen tätig. Nebenberuflich trainierte er eine Basketball-Mannschaft. Stuart Kaminsky, der mit seiner zweiten Frau Enid Perll seit 1989 in Sarasota lebte, starb 75-jährig in St. Louis, wo er, schwer erkrankt, die letzten Monate seines Lebens verbracht hatte. Er hinterliess seine Frau Enid, zwei Söhne, Peter und Toby, und eine Tochter, Lucy, aus erster, sowie eine Tochter, Natasha, aus zweiter Ehe.

Nachdem Kaminsky in den 60er-Jahren einige Jugendbücher veröffentlicht hatte, kam seine schriftstellerische Laufbahn erst in den späten 70er-Jahren allmählich ins Rollen. Sein breit gefächertes Werk enthält neben mehr als sechzig Krimis auch bedeutende Biografien über Gary Cooper, Clint Eastwood, Don Siegel und John Huston, vier Sachbücher über Film, etliche Drehbücher für Film und Fernsehen (u.a. für Sergio Leones 'Es war einmal in Amerika' sowie für 'Rockford Files' und 'CSI'), zwei Theaterstücke und 35 Kurzgeschichten.

Das Herzstück seines Kriminalwerks ist die zehnteilige (nach Kaminskys Umzug von Chicago nach Florida entstandene), mit skurrilem Witz erzählte Serie um den nur 1.65 grossen, bereits über 60-jährigen jüdischen Police Detective Abe "Rabbi" Lieberman und seinen irisch-katholischen, einige Jahre jüngerer Partner Bill "Priest" Hanrahan (Spitzname: Father Brown) von der Chicagoer Polizei, zwei schräge, listenreiche Vögel, deren Alltag liebevoll und detailreich geschildert wird; zwei (nicht nur in religiöser Hinsicht) höchst gegensätzliche Bullen, die eine tiefe Freundschaft und ihre Passion für Baseball verbindet.
Abe, ein lebenskluger, abgeklärter, mit einem feinen Humor und ausgeprägten Familiensinn ausgestatteter, von allerlei Gebresten geplagter Mann mit (wie Kaminsky) ukranischen und litaurischen Wurzeln, der mit seinen Tränensäcken und dem müden Blick wie ein trauriger alter Hund aussieht, führt mit der aparten, einer Synagoge vorstehenden Bess eine gute Ehe. Ihre Tochter, die ernste, etwas spröde Biochemikerin Lisa, verlässt ihren Mann Todd im ersten Roman, quartiert sich mit ihren beiden Kindern, Barry und Melisa, bei den Eltern ein und setzt sich später (ohne Kinder) nach Kalifornien ab. Abes älterer Bruder Maish besitzt einen Deli in Chicago, sein Sohn ist kürzlich auf der Strasse ermordet worden.
Bill ist der Erzeuger von zwei erwachsenen Söhnen, Bill jr. und Michael, die in anderen Städten leben und mit ihrem Vater möglichst wenig zu tun haben wollen. Er ist arg vereinsamt, seit er vor vier Jahren von seiner Frau Maureen verlassen wurde, und ertränkt seinen Kummer im Alkohol. Bill gibt sich grosse Mühe, alles richtig zu machen, doch dies gelingt ihm nicht immer - schlimme Schuldgefühle machen ihm dann das Leben schwer. Im ersten Band kommt eine Frau ums Leben, weil er zu betrunken war, um sie zu retten, worauf er zu den AA geht und trocken wird. Exakt zur selben Zeit verliebt er sich in die schöne, ein paar Jahre ältere Chinesin Iris Huang, die er gegen grosse Widerstände im siebten Band heiratet.
In 'Lieberman's Gesetz', dem letzten auf Deutsch vorliegenden Roman der Reihe, werden die beiden Detectives mit einem Kriminalfall konfrontiert, der besonders Abe sehr nahe geht. Zuerst werden Synagogen geschändet, eine Thora kommt abhanden und drei Araber werden exekutiert. Dann gehen Neonazi-Skinheads und arabische Terroristen ein Zweckbündnis ein, indem sie einen Anschlag auf die (gemässigt antisemitische) African Muslim Church planen - eine Tat, die den Juden in die Schuhe geschoben werden soll. Gleichzeitig gerät das Familienleben der beiden Cops wieder einmal gehörig aus den Fugen: Lisa taucht mit ihrem neuen Mann, einem schwarzen Gerichtsmediziner, in Chicago auf, und Bills Sohn Michael sucht Hilfe bei seinem Vater, als er seine Alkoholabhängigkeit nicht mehr verbergen kann.

Auch mit Polizeiinspektor Porfiry Petrovich Rostnikov von der Moskauer Miliz hat Stuart Kaminsky, der wenige Monate vor dem Zusammenbruch des Ostblocks erstmals in der Sowjetunion war, einen originellen Protagonisten erfunden. (Kaminsky wollte ursprünglich einen mehrere Generationen übergreifenden Roman schreiben, als dessen Ausgangspunkt die Geschichte seiner eigenen - aus der Ukraine und Litauen stammenden - Familie dienen sollte. Im Zuge der Recherchen für dieses Werk entstand die Idee, eine Krimiserie um einen in Russland tätigen Polizisten zu kreieren.)
Porfiri Rostnikow wurde 1941 bei der Schlacht um Rostov verwundet (ein Granatsplitter erwischte sein linkes Bein), was ihn jedoch bei seiner Arbeit kaum behindert. Er ist mit der Jüdin Sarah verheiratet, ihr gemeinsamer Sohn, Jossif, nimmt zu Beginn der Serie am Afghanistan-Krieg teil. Rostnikov, ein integrer und intelligenter Polizist mit über dreissig Dienstjahren hinter sich, hält sich mit Krafttraining fit. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Mit den Ränkespielen der Politiker, KGB-Agenten und hohen Polizeioffiziere ist er innig vertraut, und auch in der brüchigen Ordnung nach Beendigung des Kalten Krieges findet er sich gut zurecht. Der letzte Band der 16-bändigen Reihe, 'A Whisper to the Living', ist 2010, im Jahr nach Kaminskys Tod erschienen.

Ein weiterer Serienheld ist Toby Peters aus Hollywood (eigentlich heisst er Tobias Leo Pevsner), ein geschiedener und mittelloser Privatdetektiv Anfang vierzig mit mehrfach gebrochener Nase - zuvor Cop, dann Warner-Brothers-Sicherheitskraft, bis er den Arm eines Westernstars brach und gefeuert wurde -, der in den 40er-Jahren gemeinsam mit seiner Hilfstruppe (Raymond Chandler, Charlie Chaplin, Bertold Brecht und Ian Fleming zählen zu Tobys populärsten Assistenten) wilde Abenteuer erlebt und dabei immer wieder harte Schläge einstecken muss. Seine Auftraggeber sind Film- und Showgrössen wie Errol Flynn, Judy Garland, Gary Cooper, Clark Gable, Mae West, Bette Davis, John Wayne, die Marx Brothers und Fred Astaire, aber auch andere Berühmtheiten, etwa der Milliardär Howard Hughes, der Boxer Joe Louis, die First Lady Eleanor Roosevelt und Albert Einstein. Regelmässig kommt auch Tobys älterer Bruder - und Intimfeind - Phil zum Zug, ein hart gesottener Lieutenant vom Morddezernat Los Angeles. Toby Peters, der je nach Gefährlichkeit seines jeweiligen Falles eine geladene Waffe, mit der er jedoch nicht besonders geschickt umgeht, oder eine Spielzeugpistole von Woolworth trägt, ist einer der raren Detektive, die keinen Alkohol trinken. Die witzigen und charmanten Geschichten sind mit herrlichen Slapstick-Szenen gespickt.

Kaminskys jüngste, sechs Bände umfassende Serie dreht sich um Lew Fonseca, der als Ermittler der Staatsanwaltschaft in Cook County, Illinois, arbeitete, bis seine Frau Catherine, eine junge Anwältin, bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht ums Leben kam. Von schlimmen Depressionen schier erdrückt, zog er sich daraufhin nach Sarasota zurück, wo er jetzt als Gerichtsbote arbeitet und gelegentlich Ermittlungen durchführt, wenn ihn jemand, der in Schwierigkeiten steckt, um Hilfe bittet. Er ist ein eher klein gewachsener, dünner Mann Anfang vierzig mit schwindenden Haaren, einem dunklen Teint und traurigen Blick, wohnt und arbeitet in einem kleinen, verlotterten Büro und ist meist mit dem Fahrrad unterwegs. Seine Spezialität ist das Aufspüren von vermissten Personen. Weil er den Verlust seiner Frau nach vier Jahren noch immer nicht verarbeitet hat, kehrt er schliesslich auf Rat seiner betagten Therapeutin Ann Horowitz nach Chicago zurück, um endlich herauszufinden, wer Catherine auf dem Gewissen hat - dies geschieht in 'The Dead Don't Lie', dem letzten Band der Reihe.

In einem 2001 geführten Interview sagte Kaminsky von seinen (auf den ersten Blick recht ungleichen) Protagonisten, sie seien keine typischen Helden, sondern eher durchschnittliche Typen, jedoch grundanständig, mutig und loyal, und hätten eine realistische Einschätzung der eigenen Person und ihrer Fähigkeiten.

Bibliografie:
Toby Peters-Serie: 'Bullet for a Star' - 'Mord im Studio' (1977), 'Murder on the Yellow Brick Road' - 'Hinter Hollywoods Kulissen' (1977), 'You Bet your Life' - 'Nichts geht mehr' (1978), 'The Howard Hughes Affair' - 'Die Howard-Hughes-Affäre' (1979), 'Never Cross a Vampire' - 'Vorsicht vor dem Vampir' (1980), 'Hight Midnight' - '12 Uhr nachts' (1981), 'Catch a Falling Clown' - 'Die Tränen des Clowns' (1982), 'He Done Her Wrong' - 'Aus meinem Leben' (1983), 'The Fala Factor' - 'Der Fala-Faktor' (1984), 'Down fort he Count' - 'Ausgezählt' (1985), 'The Man Who Shot Lewis Vance' - 'Wer erschoss Lewis Vance?' (1986), 'Smart Moves' - 'Ein schlauer Kopf' (1986), 'Think Faster, Mr. Peters' - 'Der Doppelgänger' (1987), 'Buried Caesars' - 'Mein Freund Dash' (1989), 'Poor Butterfly'- 'Galavorstellung' (1990), 'The Melting Clock' - 'Rasputins Rache' (1991), 'The Devil Met a Lady' (1993), 'Tomorrow is Another Day' (1995), 'Dancing in the Dark' (1996), 'A Fatal Glass of Beer' (1997), 'A Few Minutes Past Midnight' (2001), 'To Catch a Spy' (2002), 'Mildred Pierced' (2003), 'Now You See it' (2004);
Inspector Rostnikov-Serie: 'Death of a Dissident' - 'Tod eines Dissidenten' (1981), 'Black Night in Red Square' - 'Nacht auf dem Roten Platz' (1983), 'Red Chameleon' - 'Rotes Chamäleon' (1985), 'A Fine Red Rain' - 'Roter Regen' (1987), 'A Cold Red Sunrise' - 'Kalte Sonne' (1988), 'The Man Who Walked Like a Bear' - 'Der Mann, der wie ein Bär ging' (1990), 'Rostnikov's Vacation' - 'Zwangsurlaub für Rostnikow' (1991), 'Death of a Russian Priest' - 'Tod eines russischen Priesters' (1992), 'Hard Currency' - 'Harte Währung' (1995), 'Blood and Rubles' - 'Blutige Rubel' (1996), 'Tarnished Icons' - 'Wie Wölfe im Winter' (1997), 'The Dog who Bit a Policeman' (1998), 'Fall of a Cosmonaut' (2000), 'Murder on the Trans-Siberian Express' (2001), 'People Who Walk in Darkness' (2008), 'A Whisper to the Living' (2010);
Abe Lieberman & Bill Hanrahan-Serie: 'Lieberman's Folly' - 'Liebermans Wahnsinn' (1991), 'Lieberman's Choice' - 'Liebermans Entscheidung' (1993), 'Lieberman's Day' (1994), 'Lieberman's Thief' - 'Liebermans Juwel' (1995), 'Lieberman's Law' - 'Liebermans Gesetz' (1996), 'The Big Silence' (2000), 'Not Quite Kosher' (2002), 'The Last Dark Place' (2994), 'Terror Town' (2006), 'The Dead don't Lie' (2007);
Lew Fonseca-Serie: 'Vengeance' - 'Spur nach Süden' (1999), 'Retribution' (2001), 'Midnight Pass' (2003), 'Denial' (2005), 'Always Say Goodbye' (2006), 'Bright Futures' (2009);
CSI-Romane: 'Dead of Winter' - 'Die Tote ohne Gesicht' (2005), 'Blood on the Sun' - 'Blutige Spur' (2006), 'Deluge' - 'Sintflut' (2007);
Rockford Files: 'The Green Bottle' 1996), 'Devil on My Doorstep' (1998);
Einzelwerke: 'When the Dark Man Calls' - 'Die Stimme des Mörders' (1983), 'Exercice in Terror' (1985).

++ Erstellt: September 2010 ++
++ Update: November 2013 ++
 


Kane, Henry

(schrieb auch als Anthony McCall, Kenneth R. McKay, Ellery Queen, Mario J. Sagola und Katherine Stapleton)

Henry Kane kam (höchst wahrscheinlich schon 1908 und nicht, wie meistens angegeben, 1918) als Sprössling einer jüdischen Familie in New York City zur Welt. Nach dem Jurastudium arbeitete er kurze Zeit als Anwalt, ehe er sich seiner wahren Passion, dem Schreiben, zuwandte und zahlreiche Hörspiele, Fernsehskripts und Kurzgeschichten sowie gut sechzig Romane (fast ausschliesslich Krimis) verfasste.

Das Zentrum von Kanes Oeuvre bildet die 27 Romane, eine Handvoll Novellen und vier Geschichtenbände umfassende Reihe um den humorvollen, modebewussten Privatdetektiv und Frauenhelden Peter Chambers aus Manhattan, einen gross gewachsenen und schnauzbärtigen, ungemein gerissenen Knaben Mitte dreissig, der ganz zu Beginn noch mit einem älteren Partner, Phil Scoffol, zusammenarbeitet. Unterstützt wird Pete vor allem durch seine tüchtige Sekretärin Miranda Foxworth, aber auch mit Lieutenant Parker von der Mordkommission des NYPD versteht er sich nicht schlecht. Die schnelle und unterhaltsame, wenn auch nicht sehr tief gehende, gegen ihr Ende hin mit immer deftigeren Sexszenen aufgepeppte Serie erhielt namentlich in den 50er-Jahren regen Zuspruch und wurde ab 1954 für eine populäre Hörspielserie adaptiert.

Kanes übriges Kriminalwerk besteht aus der Trilogie um den New Yorker Ex-Bullen McGregor, zwei Bänden um die Privatdetektivin Marla Trent und über zwanzig, zum Teil unter diversen Pseudonymen publizierten Standalones.

Die drei McGregor-Romane gelten als Kanes grösste Würfe, nicht zuletzt aufgrund der eindrucksvollen Hauptfigur. McGregor, Anfang fünfzig, genannt "The Old Man", "Inspektor" oder "Maestro", gibt seinen Vornamen nicht preis. Er ist kürzlich nach 27 Jahren aus dem Polizeidienst bei der Mordkommission des NYPD ausgeschieden und arbeitet jetzt - in fruchtbarer Zusammenarbeit mit seinem Kumpel und früheren Untergebenen Detective Lieutenant Kevin Cohen - als Privatdetektiv. Hierbei baut der hünenhafte, 250 Pfund wiegende Liebhaber leckerer Mahlzeiten (dies vor allem, wenn er sie selbst zubereitet hat), klassischer Literatur (aus der er ständig zitiert) und schöner Frauen (die Nachtclub-Besitzerin Tilly Ulrich hat es ihm besonders angetan) weniger auf Fäuste und Waffen, als auf Scharfsinn und List.
Der erste Band 'Mister Mitternacht' behandelt zwei locker miteinander verknüpfte Kriminalfälle, die McGregor auf brillante Weise löst. Er zieht seinen langjährigen Intimfeind, den Mafioso Frank Dinelli, aus dem Verkehr, indem er dessen aufstrebenden Hitman Oliver Lyons unter seine Fittiche nimmt und zum Kronzeugen aufbaut; und enthüllt die Hintergründe eines als natürlicher Tod getarnten Mordes, in dem es um riesige Geldsummen geht - und in dem ein Röntgenapparat die entscheidende Rolle spielt.

Marla Trent, eine frühere Schönheitskönigin mit unglaublichem Männerverschleiss, ist Chefin des Büros "Marla Trent Enterprises" in New York City. Ihr loyaler Untergebener, einer der wenigen Männer, mit dem sie nie im Bett war, heisst Wee Willie Winkle, und auch ihr Ex-Mann Andrew King, ein Cop, geht ihr gerne zur Hand. Im zweiten Roman 'Kisses of Death' arbeitet Marla Trent mit Peter Chambers zusammen.

Henry Kane verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens in Lido Beach auf Long Island, New York State. Er pflegte seinen Arbeitstag mit einer Amphetamin-Kapsel in Schwung zu bringen, schlürfte dann stundenlang Scotch und rauchte Kette, bis er seinen Schreibtisch gegen Abend räumte, um auswärts zu dinieren. Sein Todesjahr (1988) ist nicht über alle Zweifel erhaben. Er hinterliess eine Frau und eine Tochter.

Bibliografie:
Peter Chambers-Serie (nur Romane): 'A Halo for Nobody' (auch unter dem Titel 'Martinis and Murders', 1947), 'Armchair in Hell' - 'Ein Platz in der Hölle' (1948), 'Hang by Your Neck' - 'Die Schlinge um den Kopf' (1949), 'A Corpse for Christmas' (auch unter den Titeln 'The Deadly Doll' und 'Homicide at Yuletide', 1951), 'Until You Are Dead' - 'Lasst Leichen sprechen' (1951), 'Too French and Too Deadly' (auch unter dem Titel 'The Narrowing Lust') - 'Peter sieht rot' (1955), 'Who Killed Sweet Sue?' - 'Keiner killt dich so wie ich' (1956), 'Fistful of Death' (auch unter dem Titel 'The Dangling Man') - 'Der Mann am Seil' (1958), 'Death Is the Last Lover' (auch unter dem Titel 'Nirvana Can Also Mean Death') - 'Treffpunkt Nirwana' (auch unter dem Titel 'Augenzeugen werden nicht alt', 1959), 'Dead in Bed' - 'Kalt in den Kissen' (1961), 'Death of a Flack' - 'Tara des Todes' (1961), 'Death of a Hooker' - 'Auf der Abschussliste' (1961), 'Death of a Bastard' - 'Alte Liebe mordet nicht' (1962), 'Kisses of Death' (auch unter dem Titel 'Killer's Kiss', 1962), 'Never Give a Millionaire an Even Break' (auch unter dem Titel 'Murder for the Millions', 1963), 'Nobody Loves a Loser' (auch unter dem Titel 'Who Dies There?') - 'Mord im Sprechzimmer' (1963), 'Snatch an Eye' - 'Double für den Sarg' (1963), 'The Devil to Pay' (auch unter den Titeln 'Unholy Trio' und 'Better Wed Than Dead') - 'Der Tod war Trauzeuge' (1966), 'Don't Call Me Madame' - 'Eine Nacht mit dem Mörder' (1969), 'The Schack Job' (1969), 'The Bomb Job' - 'Ein Bombenjob für Carol' (1970), 'Don't Go Away Dead' - 'Die Kamera war Zeuge' (1970), 'The Glow Job' (1971), 'The Tail Job' - 'Stich für Stich' (1971), 'Come Kill with Me' (1972), 'The Escort Job' (1972), 'Kill for the Millions' (1972);
Inspector McGregor-Trilogie: 'The Midnight Man' (auch unter dem Titel 'Other Sins Only Speak') - 'Mister Mitternacht' (1965), 'Conceil and Disguise' - 'Diagnose Todesangst' (1966), 'Laughter in the Alehouse' (1968);
Marla Trent-Romane: 'Private Eyeful' - 'Schüsse im Gericht', 1959), 'Kisses of Death' (auch unter dem Titel 'Killer's Kiss', 1962);
Einzelwerke: 'Edge of Panic' - 'Kurzschluss' (1950), 'Laughter Came Screaming' (auch unter dem Titel 'A Mask for Murder', 1953), 'The Deadly Finger' (auch unter dem Titel 'The Finger') - 'Der tödliche Finger' (1957), 'Death for Sale' (auch unter dem Titel 'Sleep Without Dreams', 1957), 'Loose End' (1959), 'Peter Gunn' (1960), 'Run for Doom' - 'Flucht in die Sackgasse' (1960), 'The Crumpled Cup' - 'Es geschah am Strand' (1961), 'The Perfect Crime' (auch unter dem Titel 'My Darlin's Evangeline') - 'Saldo mortale' (1961), 'Two Must Die' (auch unter dem Titel 'Prey by Dawn') - 'Zwei müssen sterben' (1963), 'Dirtie Girtie' (auch unter dem Titel 'To Die or Not to Die') - 'Der Tod macht die Musik' (1963), 'Don't Just Die There' (1963), 'Frenzy of Evil' (1963), 'The Moonlighter' - 'Nachtvögel' (1971), 'The Virility Factor' (1972), 'Decision' - 'Der Konflikt' (auch unter dem Titel 'Die Wandlung der Vivian E.', 1973), 'The Violator' (1974), 'The Avenger' (1975), 'Lust of Power' (1975), 'The Tripoli Documents' - 'Die Tripolis-Akte' (1976), 'The Little Red Phone' - 'Das gelbe kleine Telefon' (1982).
Als Ellery Queen: 'Kill as Directed' - 'Hausarzt in der Hölle' (1963).
Als Anthony McCall: 'Operation Delta' - 'Ein Playboy wird gejagt', 1966), 'Holocaust' (1967).
Als Kenneth R. McKay: 'Shadow of the Knife' - 'Im Schatten der Klinge', 1978), 'Indecent (Relations' (1982).
Als Mario J. Sagola: 'The Manacle' - 'Paradies für einen Mörder' (1978), 'The Naked Bishop' (1980).

++ Erstellt: April 2011 ++
++ Update: November 2013 ++
 


Kantner, Rob

(Kürzel für T. Robin Kantner, *1952)

Geboren in Toledo, Ohio, aufgewachsen in Georgia, liess sich Rob Kantner mit zwanzig Jahren in der "Motor City" Detroit nieder. Nach dem Militärdienst, den er als Journalist bei der Navy absolvierte, schloss er sein Journalistik- und Englischstudium 1978 an der Eastern Michigan University in Ypsilanti ab. Danach bekleidete er verschiedene Stellen als Manager und Berater, ab Anfang der 80er-Jahre widmete er sich nebenbei dem Schreiben. Sein Werk enthält die zehnteilige Ben Perkins-Serie, von der drei Titel mit dem Shamus Award für den besten Original-Paperback-Roman ausgezeichnet wurden, und über fünfzig (hauptsächlich in Alfred Hitchcock's Mystery Magazine publizierte) Kurzgeschichten.

Kantner lebt mit seiner zweiten Frau Deanna auf einer Pferdefarm in der Nähe der Ortschaft Blanchard im ländlichen Michigan. Er hat drei Kinder, Meaghan, John und Robert, aus erster Ehe und zwei Stiefkinder, Jonathan und Adrienne, und arbeitet seit 1995 als freier Unternehmensberater (Kerngeschäft: Qualitätssicherung), ohne das Krimischreiben ganz bei Seite zu lassen.

Kantners Krimifigur Ben Perkins, ein kräftiger, furchtloser und gerissener Bursche, der immer für einen originellen Spruch gut ist, eine "clevere Strassenratte", wurde nach fünf langen Jahren Fliessbandmaloche in der Detroiter Autoindustrie von dem zwielichtigen Gewerkschaftsführer Emilio Mascara als Leibwächter und Muskelmann angeheuert und erledigte für ihn dann hin und wieder auch Aufträge, die mit Gewalt verbunden waren - bis Mascara wegen unlauterer Machenschaften ins Gefängnis wanderte. Daraufhin liess sich Perkins in Belleville nieder, einem Vorort von Detroit. Dort kümmert er sich seit zwölf Jahren als Hausmeister um Reparaturen und die Sicherheit in dem gediegenen Gebäudekomplex 'Norwegian Wood', bessert jedoch sein Einkommen gelegentlich mit Detektivarbeit auf, um seinen Passionen - 1971er Mustang Cabrio, ultraleichtes Flugzeug, Motorrad, Zigarren mit Korkmundstück und Strohbier in rauhen Mengen - frönen zu können.

Aufgrund seiner offenen und hilfsbereiten Art hat Perkins einen grossen Bekanntenkreis, bestehend aus Spiel- und Trinkkumpanen, Bewohnern der 'Norwegian Wood'-Anlage, dem schwarzen Cop Lieutenant Elvin Dance, Leiter der Detroiter Mordkommissionn, und Inspector Dick Dennehy von der Michigan State Police. Wichtige Rollen in Perkins' Leben spielen aber auch die feingliedrige Strafverteidigerin Carole Summers, allein erziehende Mutter des kleinen Will, mit der ihn eine auf-und-ab-Beziehung verbindet, die draufgängerische Polizistin Terry Lowe, seine gelegentliche Bettgefährtin im fernen Cincinnati, und sein alter, gehbehinderter Onkel Dan. Seine beiden Geschwister Bill und Libby hingegen sieht Perkins nur noch selten.

Auf Deutsch liegt einzig 'Der Jazz-Mann' vor, Teil Eins der Ben Perkins-Reihe, in dem die millionenschwere Witwe Joann Sturtevant den (noch) lizenzlosen Detektiv beauftragt, ihr die 150 Riesen zurückzubringen, um die der Buchhalter Arthur Barton sie vor sieben Jahren betrogen hat - dieser war dann lange Zeit verschwunden, bis er vor kurzem aus dem Nichts auftauchte, um seine Missetat zu büssen, ein Vorhaben, das durch einen Flugzeugabsturz zunichte gemacht wurde. Die Spuren führen über Cincinnati nach Ontario, und dort trifft Perkins auf den Kanadier Vince Wakefield, einen rauhbeinigen Bursche mit raubvogelartigem Gesicht, der, angeheuert durch Bartons Witwe, ebenfalls hinter den Scheinen her ist. Die beiden Schnüffler bilden eine Zweckgemeinschaft, doch dann erscheint eine weitere Person auf der Bildfläche, der unbekannte Dritte.

Bibliografie:
Ben Perkins-Serie: 'The Back Door Man' - 'Der Jazz-Mann' (1986), 'The Harder They Hit' (1987), 'Dirty Work' (1988), 'Hell's Only Half Full' (1989), 'Made in Detroit' (1990), 'The Thousand Yard Stare' (1991), 'The Quick and the Dead' (1992), 'The Red, White and Blues' (1993), 'Concrete Hero' (1994), 'Trouble Is What I Do' (Stories, 2005), 'Final Fling' (2007).

++ Erstellt: November 2013 ++  


Kavanagh, Dan

(Pseudonym für Julian Barnes, *1946)

Julian Barnes, geboren in der englischen Stadt Leicester als Sohn eines Französischlehrerpaars, jüngerer Bruder des Philosophen Jonathan Barnes, wuchs in West-London auf und besuchte die City of London School. Nach seinem Studium der modernen Sprachen, das er 1968 am Magdalen College in Oxford abschloss, arbeitete er zunächst drei Jahre als Lexikograf in der Abteilung "Sport und Obszönitäten" des 'Oxford English Dictionary' sowie - unter dem Namen Edward Pygge - als Klatschreporter. Später machte er als Literaturkritiker der 'Times', als Fernsehkritiker des 'New Statesmen' und des 'Observer', aber auch als Essayist und Übersetzer von sich reden. Anfang der 80er-Jahre etablierte er sich als Romanautor ('Flauberts Papagei'). Von 1990 bis 1995 war er London-Korrespondent der Wochenzeitschrift 'New Yorker'. Er lebt im Norden Londons. Seine Frau, die Literaturagentin Pat Kavanagh, ist 2008 verstorben.

Unter dem Pseudonym Dan Kavanagh verfasste Barnes in den 80er-Jahren vier kleine schmutzige Krimis mit dem bisexuellen Nick Duffy als Hauptperson. Duffy war ein erfolgreicher Polizist bei der Londoner Sitte im Soho, bis er seinen Job verlor, als man ihn nackt mit einem 19-Jährigen erwischte - es war eine Falle. Daraufhin gründete er in London die Firma "Duffy Security", ein Ein-Mann-Unternehmen, und begann als Privatdetektiv und Sicherheitsberater zu arbeiten. Duffy ist ein schrulliger, liebenswürdiger und illusionsloser Antiheld, der sich sogar zwischen die Fussballpfosten stellt, wenn es den Ermittlungen dienlich ist - so geschehen in 'Abblocken', dem dritten Titel der Serie. Die Reihe lebt in erster Linie von der originellen Hauptfigur, aber auch von der ironischen Erzählweise und den präzisen Schilderungen des Sohos, dem Arbeitsfeld Duffys.

Julian Barnes' Roman 'Arthur & George' aus dem Jahre 2005 erzählt die historisch belegte Geschichte eines über hundert Jahre zurückliegenden Justizskandals - mit dem Krimiautor Arthur Conan Doyle als Detektiv.

Bibliografie:
Duffy-Serie: 'Duffy' - 'Duffy' (1980), 'Fiddle City' - 'Schieber-City' (auch unter dem Titel 'Airport-Ratten', 1981), 'Putting the Boot in' - 'Abblocken' (auch unter dem Titel 'Grobes Foul', 1985), 'Going to the Dogs' - 'Vor die Hunde gehen' (1987).
Als Julian Barnes: 'Arthur & George' - 'Arthur & George' (2005).

++ Erstellt: Februar 2011 ++  


Keeler, Harry Stephen

(1890-1967)

Harry Stephen Keeler kam in Chicago zur Welt und wuchs dort in der Pension seiner verwitweten Mutter auf, eine Zeit lang auch in einer Nervenheilanstalt. Nach seiner Ausbildung zum Elektroingenieur am Armour Institute (dem heutigen Illinois Institute of Technology) arbeitete er in einem Stahlwerk. Nachts frönte er seiner Passion, dem Schreiben von Kurzgeschichten, die er an verschiedene Pulp-Gefässe verkaufte. Von 1919 bis 1940 gab er das Magazin '10-Story Book' heraus. Mitte der 20er-Jahre erschienen die ersten seiner über siebzig Romane.

Harry Keeler, der Mann mit dem rassigen Scheitel, erlebte seine Blütezeit in den 30er- und frühen 40er-Jahren, ehe er von seinem amerikanischen Verleger fallen gelassen wurde. Nach dem Tod seiner ersten Frau, der Pulp-Autorin Hazel Goodwin, im Jahr 1960 stellte er die Schreibmaschine vorerst in die Ecke. Drei Jahre später heiratete er seine ehemalige Sekretärin Thelma Rinaldo - und versuchte sich daraufhin noch einmal als Romanautor. Er starb 76-jährig in Chicago und hinterliess unzählige Manuskripte. 1997 gründete Richard Polt die "Harry Stephen Keeler Society", worauf der Autor im angloamerikanischen Raum ein Revival hatte.

Sein Werk ist breit gefächert. Es enthält Tüftelkrimis, Thriller, historische Romanzen, Sciencefiction sowie, Keelers Spezialität, "webwork novels". Der vom Autor kreierte Begriff steht für potpourri-artig gebaute, teilweise sehr umfangreiche und bizarre Erzählungen - bestehend aus scheinbar zusammenhanglosen Ereignissen, aber auch aus Dialogen, philosophischen Exkursen und ganzen (teilweise von Keelers erster Frau verfassten) Kurzgeschichten -, die dann zu einer verblüffenden, wenn auch nicht immer ganz plausiblen Lösung gebündelt wurden. Dem Vernehmen nach sammelte Keeler eifrig Zeitungsnachrichten über aussergewöhnliche Geschehnisse. Bevor er eine Geschichte schrieb, griff er sich eine Handvoll dieser Zettel und versuchte dann, ihre Inhalte unter einen Hut zu bringen.

'16 Bohnen' ist 2013 in einer einmaligen, auf 250 nummerierte Exemplare limierten Auflage in der "Edition Phantasia" des Joachim Körber Verlags erschienen. Der als Einstiegsdroge in Keelers Werk vorzüglich geeignete Krimi wurde durch Körber übersetzt und mit einem Nachwort abgerundet. Er besteht aus zwei lose miteinander verknüpften Strängen, zwischen denen Keeler hin- und herspringt, Boyce Barkstone und Gilbert Parradine sind ihre Hauptakteure.
Zu Beginn der Geschichte erbt Boyce Barkstone von seinem Grossvater statt der erwarteten 100'000 Dollar ein Säckchen mit 16 grundverschiedenen Bohnen und die kryptische Anweisung, wie er sie verwenden soll. Das Buch 'Der Weg hinaus', das die gesammelte Weisheit des alten China beinhaltet und von dem es nur noch ein einziges Exemplar gibt, kann ihm vielleicht den Weg weisen.
Auf Seite 89 wechselt Keeler zum sympathischen New Yorker Tycoon Gilbert Parradine, der ebenfalls hinter dem chinesischen Meisterwerk her ist. Dann wird Parradine Opfer einer Entführung - mit geringen Chancen, sie zu überleben.
Skurrile Figuren mit Namen wie Jonathan G. Wing, genannt John Hoi (beinloser Verkäufer von Schnürsenkeln, früher ein angesehener Rechtsanwalt chinesischer Herkunft), Sealwell Zack (Professor der "Bohnologie"), Ochiltree Zark (Antiquar), Hutchcock McDolphus (Tierhäutehändler und Besitzer des Buchs 'Der Weg hinaus'), aber auch originelle Weisheiten im Stil von "Der Frosch im Brunnen weiss nichts vom weiten Meer" und ausufernde Zwiegespräche sorgen für vergnügliche Lesestunden. Und als Surplus erzählt Keeler die "älteste Detektivgeschichte der Welt", verfasst 500 v.Chr. von keinem Geringeren als Konfuzius, die Boyce Barkstone schliesslich auf die richtige Spur führt.

Bibliografie:
'The Green Jade Hand' (1919), 'Amazing Web' (1921), 'Find the Clock' (1921), 'The Fourth King' (1921), 'The Voice of the Seven Sparros' - 'Die sieben Spatzen' (auch unter dem Titel 'Anwalt Crosby in der Klemme', 1924), 'The Search for XYZ' (1924), 'Find the Clock' (1925), 'The Spectacles of Mr Cagliostro' (auch unter dem Titel 'The Blue Spectacles') - 'Die Brille des Grafen Cagliostro' (1926), 'Sing Sing Nights' - 'Sing Sing Nächte' (1927), 'The Amazing Web' - 'Das geheimnisvolle Netz' (auch unter dem Titel 'Der Angeklagte schweigt', 1929), 'The Fourth King' (1929), 'Thieves' Nights' - 'Diebesnächte' (1929), 'The Green Jade Hand' (1930), 'The Tiger Snake' (auch unter dem Titel 'The Riddle of the Yellow Zuri', 1930), 'The Matilda Hunter Murder' (auch unter dem Titel 'The Black Satchel', 1931), 'The Box from Japan' (1932), 'Behind That Mask' (1933), 'The Face of the Man from Saturn' (auch unter dem Titel 'The Crilly Court Mystery', 1933), 'The Washington Square Enigma' (auch unter dem Titel 'Under Twelve Stars') - 'Im Zeichen der zwölf Sterne' (1933), 'The Mystery of the Fiddling Cracksman' - 'Der Mann mit der Geige' (1934), 'The Riddle of the Travelling Skull' - 'Ein Totenkopf auf Reisen' (1934), 'Ten Hours' (1934), 'The Five Silver Buddhas' - 'Fünf silberne Buddhas' (1935), 'The Skull of the Waltzing Clown' (1935), 'X Jones of Scotland Yard' (auch unter dem Titel 'X Jones', 1935), 'The Marceau Case' (1936), 'The Defrauded Yeggman' (1937), 'The Mysterious Mr I' (1937), 'The Wonderful Scheme of Mr Christopher Thorne' (auch unter dem Titel 'The Wonderful Scheme', 1937), 'Finger! Finger!' (1938), 'When Thief Meets Thief' (1938), 'Y. Cheung: Business Detective' (auch unter dem Titel 'Cheung, Detective, 1939), 'The Chameleon' (1939), 'The Man with the Magic Eardrums' (auch unter dem Titel 'The Magic Eardrums', 1939), 'Find Actor Hart' (auch unter dem Titel 'The Portrait of Jirjohn Cobb', 1939), 'Cleopatra's Tears' (1940), 'The Man with the Crimson Box' (auch unter dem Titel 'The Crimson Box', 1940), 'The Man with the Wooden Spectacles' (auch unter dem Titel 'The Wooden Spectacle', 1941), 'The Peacock Fan' (1941), 'The Sharkskin Book' (auch unter dem Titel 'By Third Degree', 1941), 'The Vanishing Gold Truck' (1941), ‚The Lavender Gripsack' (1941), ‚The Book with the Orange Leaves' (1942), ‚The Bottle with the Green Wax Seal' (1942), 'The Vase of the Two Strange Ladies' (1942), 'The Case of the Ivory Arrow' (1943), 'The Case of the 16 Beans' (auch unter dem Titel 'The 16 Beans') - '16 Bohnen' (1944), 'The Case of the Mysterious Moll' (auch unter dem Titel ‚The Iron Ring', 1944), 'The Case of the Canny Killer' (auch unter dem Titel 'Murder in the Mills', 1946), 'The Monocled Monster' (1947), 'The Case of the Barking Clock' (1947), 'The Case of the Jeweled Ragpicker' (auch unter dem Titel 'The Ace of Spades Murder', 1948), 'The Case of the Transposed Legs' (1948), 'The Murdered Mathematician' (1949), 'The Strange Will' (1949), 'The Steeltown Strangler' (1950), 'Hangman's Nights' (1951), 'The Murder of London Lew' (1952), 'Stand By - London Calling' (1953), 'The Gallows Waits, My Lord!' (1953), 'The Case of the Crazy Corpse' (1954), 'The Crimson Cube' (1954), 'The White Circle' (1954), 'The Circus Stealers' (1956), 'The Street of 1000 Eyes' (1956), 'The Trap' (1956), 'A Copy of Beowulf' (1957), 'The Mysterious Ivory Ball of Wong Shing Li' (1957), 'Report on Vanessa Hewstone' (1957), 'The Affair of the Bottled Deuce' (1958), The Case of the Transparent Nude' (1958), 'The Six from Nowhere' (1958), 'The Stolen Gravestone' (1958), 'The Straw Hat Murders' (1958), 'I Killed Lincoln at 10:13!' (1958), 'The Man Who Changed His Skin' (1959), 'The Mysterious Card' (1959), 'The Photo of Lady X' (1959), The Case of the 2 Headed Idiot' (1960), 'The Riddle of the Wooden Parrakeet' (1960), 'The Strange Journey' (1965), 'The Scarlett Mummy' (1965).

++ Erstellt: Mai 2016 ++  


Keene, Day

(Pseudonym für Gunard R. Hjerstedt, 1904-1969; schrieb auch als John Corbett, William Richards und Donald King)

Gunard R. Hjerstedt, alias Day Keene (das Pseudonym ist eine Kurzform des Namens seiner Mutter, Daisy Keeney), wurde im südlichen Teil Chicagos als Sohn eines schwedischen Strassenbauarbeiters und einer irischen Mutter geboren. Er verliess die Schule mit siebzehn, um sich einer Chautauqua-Truppe anzuschliessen (Chautauqua war eine 1874 gegründete Bewegung, die der Bevölkerung ländlicher nordamerikanischer Gegenden verschiedene Formen von Kultur näher brachte). Ende der 20er-Jahre liess er sich im New Yorker Künstlerviertel Greenvich Village nieder und setzte sich als Bühnenschauspieler und -autor in Szene. Anfang der 30er-Jahre zog er nach Chicago, wo er Kurzgeschichten für verschiedene Pulp-Magazine sowie Radioscripts (unter anderem Beiträge zum 'Little Orphan Annie'-Programm und zur Radiosoap 'Kitty Keene, Inc.') verfasste.

Nach Aufenthalten in Kalifornien und Mexiko bezog Day Keene in den späten 40ern Wohnsitz an der Westküste Floridas, in Tampa, freundete sich dort mit seinen Berufskollegen John D. MacDonald, Talmage Powell, Robert Turner, Jonathan Craig und Gil Brewer an und schrieb höchst erfolgreich Kriminalromane für die Paperbacks; später kamen Western und andere Romane hinzu. Er starb 64-jährig in North Hollywood und hinterliess seinen Sohn Albert James Hjerstedt (1924-2001), der unter dem Pseudonym Al James Kurzgeschichten und Kriminalromane veröffentlichte.

Keene war ein ungemein flinker Autor, der in seinen gut vierzig Krimis - abgesehen von zwei amüsanten Bänden um den hawaiisch-irischen Privatdetektiv und Korea-Veteranen Johnny Aloha - ohne Serienheld ausgekam. Seine Noir-Romane, in denen der Alkohol (vor allem Rum) stets in Strömen fliesst, zeichnen sich aus durch schnörkellose Plots, lakonische Dialoge und verdrehtem Witz, während die Figurenzeichnung nicht zu Keenes Stärken gehörte. Meistens geht es um einen zu Unrecht eines Verbrechens verdächtigten Mannes, der verzweifelt versucht, seine Unschuld zu beweisen, oder um einen durchschnittlichen Bürger, den eine "femme fatale" ins Verderben stürzt.

Besonders populär war Keene in Frankreich - mehrere seiner Romane sind zuerst dort erschienen, und 'La bête à l'affat' ist im Original vermutlich gar nicht herausgekommen. Überdies wurden vier Romane in den 50er- und 60er-Jahren durch französische Regisseure verfilmt. Herausragend: Der Psychothriller 'Joy House', Filmtitel 'Les félins', gedreht von René Clément mit Alain Delon und Jane Fonda in den Hauptrollen.

Zu Keenes besten Krimis gehört 'Mexikanische Serenade'. Ad Connors, ein leidlich erfolgreicher New Yorker Pulp-Autor Anfang dreissig, wird in Mexico City Zeuge eines Autounfalls, in den die hinreissende, kein Wort Spanisch sprechende Amerikanerin Eleana Hayes verwickelt ist. Nicht ganz selbstlos nimmt sich Connors seiner Landsfrau an - und wird in einen aufwühlenden Kriminalfall gezogen, mit einem lüsternen mexikanischen Ein-Stern-General, einer geheimnisvollen verschleierten Frau, einem ermordeten mexikanischen Anwalt, einem zwanzig Jahre zurückliegenden Verbrechen und allerlei amourösen Verwicklungen als wichtigsten Ingredienzien.

'Home Is the Sailor' (auf Deutsch: 'Der Teufel mit dem Papagei'), 2005 in der verdienstvollen Reihe 'Hard Case Crime' nach fast vierzig Jahren wieder aufgelegt, gilt manchen Kritikern als Keenes Meisterwerk. Swen "Swede" Nelson, 33-jährig, blond, gross gewachsen und muskelbepackt, ein rechtschaffener, nicht besonders smarter Bursche, hat nach achtzehn Jahren die Nase gestrichen voll von dem entbehrungsreichen Leben als Abenteurer und Matrose und sehnt sich nach einer Farm in Minnesota, einer lieben Frau und ein paar Kindern. Er hängt die Seefahrt an den Nagel und begibt sich mit 14'000 Dollar in der Tasche auf den Weg in den Norden. Bei einem Zwischenhalt in Laguna Beach, am Ende einer durchzechten Nacht, trifft er auf die junge Motelbesitzerin Corliss Mason, eine atemberaubende Schönheit mit obskurer Vergangenheit - und verstrickt sich heillos in eine verhängnisvolle "amour fou".

Bibliografie:
Johnny Aloha-Romane: 'Dead in Bed' - 'Die Cordovan-Millionen' (auch unter dem Titel 'Millionen für Gwen', 1959), 'Payola' - 'Einladung zum Mord' (1960);
'Framed in Guilt' (auch unter dem Titel 'Evidence Most Blind') - 'Blind ins Verderben' (1949), 'Farewell to Passion' (auch unter dem Titel 'The Passion Murders') - 'Es gibt kein Entrinnen' (1951), 'My Flesh Is Sweet' - 'Mexikanische Serenade' (auch unter dem Titel 'Nachts kam der Tod', 1951), 'Love Me and Die' - 'Lieb mich und stirb' (gemeinsam mit Gil Brewer, 1951), 'To Kiss or Kill - 'Tödliche Küsse' (auch unter dem Titel 'Küss mich oder stirb', 1951), 'Wake Up to Murder' - 'Ein Mordsdetektiv' (auch unter dem Titel 'Dies ist mein Tag', 1952), 'If the Coffin Fits' - 'Wenn der Sarg passt' (1952), 'Naked Fury' - 'Bis zum Hals in der Tinte' (auch unter dem Titel 'Die nackte Gewalt', 1952), 'Home Is the Sailor' - 'Der Teufel mit dem Papagei' (1952), 'Hunt the Killer' - 'Rücklings wie der Hai beisst' (1952), 'About Doctor Ferrel' - 'Orchidee im Sumpf' (1952), 'Mrs. Homicide' - 'Herzliches Beileid' (auch unter dem Titel 'Miss Mörderin', 1953), 'Strange Witness' - 'Die Gör muss weg' (auch unter dem Titel 'Gefährliche Zeugin', 1953), 'Death House Doll' - 'Das Mädchen in der Todeszelle' (1954), 'The Big Kiss-Off' - 'Willkommen zu Hause' (1954), 'His Father's Wife' - 'Die Frau seines Vaters' (1954), 'Homicidal Lady' - 'Gestehen Sie, Herr Staatsanwalt!' (1954), 'Sleep with the Devil' - 'Vom Scheitel bis zum Mord' (auch unter dem Titel 'Das teuflische Spiel', 1954), 'Joy House' - 'Die goldene Falle' (1954), 'Notorious' - 'Kopf in der Schlinge' (1954), 'The Dangling Carrot' - 'Tod in Blond' (1955), 'Flight by Night' - 'Flug in die Hölle' (1955), 'Who Has Wilma Lathrop?' - 'Wer hat Wilma Lathrop?' (auch unter dem Titel 'Asphaltdschungel', 1955), 'Bring Him Back Dead' - 'Mord unter Mördern' (1956), 'Murder on the Side' - 'Sarg mit fliessend Wasser' (1956), 'La bête à l'affat' (1956; im Original, Titel Forests of the Night', nicht erschienen) 'It's a Sin to Kill' - 'Mord unter Palmen' (auch unter dem Titel 'Tod unter Palmen', 1958), 'Passage to Samoa' - 'Von dieser Leiche weiss ich nichts' (1958), 'Dead Dolls Don't Talk' - 'Tote Zeugen reden nicht' (1959), 'Too Black for Heaven' - 'Zu schwarz für die Ewigkeit' (1959), 'Moran's Woman' - 'Eine Frau wie Wachs' (1959), 'Take a Step to Murder' - 'Anders küsst keine mehr' (1959), ‚So Dead My Lovely' - 'Hochzeitsnacht im Leichenhaus' (1959), ‚Miami 59' - 'Miami, Hotel International' (1959), 'Too Hot to hold' - 'Alles Gute aus Chicago' (1959), 'The Brimstone Bed' - 'Der Erpresser' (1960), 'Bye, Baby Burning' - 'Kein Alibi' (1963), 'L.A. 46' - Los Angeles, Paradies der Sünder' (1964), 'Carnival of Death' - 'Haltet die Clowns' (1965), 'Chicago 11' - 'Chicago, Appartmenthaus am See' (1966), 'Acapulco C.P.O. - 'Heisser Tag in Acapulco' (1967).
Als William Richards: 'Dead Man Tide' (1953).
Gemeinsam mit Dwight Vincent: 'Chautauqua' 1960).

++ Erstellt: Juli 2013 ++  


Keita, Modibo Sounkalo

(*1948)

Modibo Keita sollte nicht mit dem gleichnamigen ersten Präsidenten der Republik Mali verwechselt werden. Geboren in Mali, studierte er in der Sowjetunion und vermählte sich mit einer Japanerin. Von 1970 bis 1971 befasste er sich für Radio Mali mit der Trockenheit und den damit zusammenhängenden landwirtschaftlichen Problemen, danach studierte er Journalistik in der senegalischen Hauptstadt Dakar. Nach einem längeren Aufenthalt in Europa kehrte er nach Dakar zurück, um eine journalistische Laufbahn einzuschlagen. 1985 gründete er die Zeitung 'Vie meilleure', die sich hauptsächlich mit Themen zur Gesundheitsvorsorge auseinandersetzte.

Im Jahr 1984 veröffentlichte der frankophone Autor mit 'Bogenschütze' einen der ersten Kriminalromane Schwarzafrikas. Die zwischen Rachethriller und politischem Lehrstück oszillierende, vorwiegend in der fiktiven Grossstadt Kionda angesiedelte Geschichte dreht sich um einen mysteriösen Bogenschützen, der mit seinen raffiniert gebauten Bassari-Pfeilen (die Bassari sind ein kleines afrikanisches Volk im Südosten Senegals) eine Reihe von mächtigen, korrupten Männern ins Jenseits befördert, die eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie haben sich an den Hilfsgütern für die Dürre-Opfer ihres Landes bereichert. Kommissar Mbaye, ein integrer und hartnäckiger Polizist, und der junge Rundfunkjournalist Simon Dia ermitteln unabhängig voneinander - und finden die Lösung schliesslich in einem kleinen Dorf in der Sahelregion.
Keita erhielt für den (durch den Senegalesen Moussa Yoro Bathily verfilmten) Roman im Jahr 1984 den 'Grand prix du syndicat des journalistes et écrivains francais' und ein Jahr später den 'Grand prix littéraire d'Afrique noire'.

Bibliografie:
'L'archer bassari' - 'Bogenschütze' (1984).

++ Erstellt: Februar 2013 ++  


Kelly, Thomas

(*1963)

Thomas Kelly, geboren und aufgewachsen in der New Yorker Bronx als Sohn einer irisch-stämmigen Arbeiterfamilie, malochte als junger Mann (wie seine beiden Brüder) auf den Baustellen und in den Tunnels seiner Heimatstadt. Er studierte Volkswirtschaft an der Fordham University mit einem Master-Abschluss 1988 an der Harvard's John F. Kennedy School of Government, das Studium finanzierte er sich als "Sandhog" ("Sandhogs" sind gewerkschaftlich organisierte Tunnelarbeiter). Danach war er als Taxifahrer und Nachtwächter, aber auch als Wahlkampfhelfer des Demokraten David Dinkins, der für das Amt als Bürgermeister von New York kandidierte, und als Gewerkschaftsberater tätig. Parallel dazu begann er Ende der 80er-Jahre mit den Recherchen für seinen ersten Roman, der 1997 herauskam.

Kellys Romandebüt 'Boomtown Blues' behandelt den wahnwitzigen Immobilien-Boom im New York City der frühen und mittleren 80er-Jahre, in der Reagan-Zeit. Im Mittelpunkt der harten, aus vielen Perspektiven erzählten Geschichte steht das irisch-stämmige, in der Bronx aufgewachsene Brüderpaar Billy und Paddy Adare. Kellys Alter Ego Billy setzt sein Leben tagtäglich als Sandhog 260 Meter unter der Stadt aufs Spiel, um sein Jurastudium zu finanzieren, und verrichtet in der Freizeit Gewerkschaftsarbeit. Sein älterer Bruder Paddy, ein Vietnamveteran und gescheiterter Boxer, im Grunde ein guter Mensch, verdient sich sein Geld als Schläger und Killer einer irischen Gang, die von den psychopathischen Brüdern Tierney angeführt wird, und die (zusammen mit der Mafia und dem zwielichtigen Unternehmer Joe Harkness) das New Yorker Baugewerbe kontrolliert. Als ein Tunnelarbeiter ums Leben kommt, weil ein geldgieriger Unternehmer die Kosten zu Lasten der Sicherheit gesenkt hat, treten die Sandhogs in Streik - und lösen damit einen mörderischen Bandenkrieg aus. Mitten drin: Billy und Paddy Adare.

In seinen nachfolgenden, nicht auf Deutsch vorliegenden Romanen behandelt Kelly die Giuliani-Aera ('The Rackets', 90er-Jahre) bzw. den Bau des Empire State Buildings aus der Sicht einer Gruppe von irischen Einwanderern ('Empire Rising', frühe 30er-Jahre). Er lebt in New York City und arbeitet am vierten Band der Chronik seiner Stadt ('Metropolis', 50er-Jahre).

Bibliografie:
'Payback' - 'Boomtown Blues' (1997), 'The Rackets' (2002), 'Empire Rising' (2005).

++ Erstellt: Juli 2011 ++  


Kendrick, Baynard H.

(1894-1977, schrieb auch als Richard Hayward)

Baynard H. Kendrick, geboren und aufgewachsen in Philadelphia, Pennsylvania, als Spross einer wohlhabenden Familie, besuchte die Tome School in Port Deposit, Maryland, und danach die Episcopal Academy in Philadelphia, Abschluss 1912. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er für die kanadische Armee in England, Frankreich und Saloniki (er war offenbar der erste Amerikaner, der der kanadischen Armee beitrat. Als er wegen einer Kriegsverletzung in einem Krankenhaus das Bett hüten musste, lernte er einen blinden Soldaten kennen.

Nach seiner Heirat mit Edythe Stevens im Jahre 1919 liess sich Kendrick in Florida nieder. Er arbeitete dort rund zehn Jahre als Geschäftsmann und danach drei Jahre für eine New Yorker Hotelkette, bis er sich 1932 dem Schreiben zuwandte. In den 30er- und 40er-Jahren zählte er zu den angesehensten Krimiautoren der USA. Er war einer der Gründer der Vereinigung 'Mystery Writers of America' und, 1945, deren erster Präsident. Von 1961 bis 1964 veröffentlichte er eine wöchentliche Kolumne ('Florida's Fabulous Past') in der 'Tampa Sunday Tribune', darüber hinaus schrieb er zwei Sachbücher über die Geschichte Floridas. Neben seiner Schriftstellerei setzte er sich jahrelang intensiv mit dem Schicksal und den Möglichkeiten blinder Menschen auseinander.

Zwanzig Jahre nach der Begegnung mit dem blinden Soldaten, 1937, brachte Kendrick den ehemaligen Offizier Captain Duncan Maclain, seinen charismatischen Helden von dreizehn dem "Golden Age" verpflichteten Romanen und etlichen Kurzgeschichten, in die Kriminalliteratur. Maclain, im Ersten Weltkrieg erblindet, ist ein erstklassiger Privatermittler in New York City - er macht sein Handicap mit perfekt trainiertem Gehör, Tast-, Geruch- und Geschmacksinn und glänzender Kombinationsfähigkeit mehr als wett, denn "er kann im Dunkeln sehen". Unterstützt wird er von seinem langjährigen Freund Samuel "Spud" Savage und seiner Sekretärin Rena (Spuds Frau), mit denen er eine Dachwohnung in der 72. Strasse teilt, und den beiden speziell trainierten Deutschen Schäferhunden Schnucke und Dreist. Im Verlauf der Serie heiratet Maclain die reizende Innenarchitektin Sybella Ford, die an der Madison Avenue ein Antiquitätengeschäft besitzt. Seine wichtigsten Kontaktpersonen bei der Polizei sind Inspektor Davis und dessen Assistent Archer von der New Yorker Mordkommission, zwei ausgekochte Burschen.

'Der Trick des blinden Mannes' beginnt mit dem gewaltsamen Tod des ehemaligen Financiers Blake Hadfield, der vor sechs Jahren durch eine Schussverletzung sein Augenlicht verlor (nach offizieller Leseart versuchte damals sein Geschäftspartner James Sprague ihn zu ermorden und richtete sich dann selbst) und jetzt vom achten Stock des Gebäudes, in dem er damals tätig war, in die Tiefe gestürzt ist - als Unfall getarnter Mord oder Selbstmord? Maclain tippt auf Ersteres und vermutet, dass das Verbrechen mit der sechs Jahre zurückliegenden Schiesserei zusammenhängt, doch Beweise für seine These gibt es nicht. Dann geschehen weitere Morde, und Maclain riskiert sein Leben, um den raffinierten Täter zu überführen. 'Der Trick des blinden Mannes' - ein vertrackter, kurzweiliger Whodunit - ist höchst wahrscheinlich der einzige Krimi, in dem ein blinder Detektiv den Mord an einem blinden Menschen aufklärt. Die amourösen Verwicklungen (Hadfields Sohn Seth und Spragues Tochter Elise lieben sich, doch die dunkle Vergangenheit wirft lange Schatten auf ihr Glück) hätte Kendrick vielleicht besser auf der Seite gelassen. Riesengross ist indes die Freude des Lesers, als Maclain auf der letzten Zeile Sybella Ford, die er zu Beginn der Geschichte kennen gelernt hat, einen Heiratsantrag macht.

'Ausser Kontolle' ist der beste Band der Maclain-Serie. Er befasst sich mit dem Innenleben der schönen und gescheiten, mit allen Wassern gewaschenen und stets auf ihren Vorteil bedachten Millionärsgattin Marcia Fillmore. Vor drei Jahren hat sie ihren Geliebten Eddie Hassen auf perfekte Art um die Ecke gebracht, um an dringend benötigtes Geld zu kommen. Als jetzt ein Mann auftaucht, der alles über ihre Vergangenheit weiss und ihr mit Erpressung droht, ermordet Marcia ihn auf die gleiche Art wie damals Eddie - doch diesmal hat sie mit Duncan Maclain einen ihr überlegenen Gegenspieler, der mit ihr seine Spielchen treibt und sie in die Ecke drängt.

Kendricks zweite Serienfigur ist Deputy Sheriff Miles Stanley "Stan" Rice, ein ständig hungriger Schlaks, der im Süden Floridas für die Kontrolle des Glückssspiels und des Trinkwassers zuständig ist. Er kommt in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre in drei Romanen und einigen Kurzgeschichten zum Einsatz (keine deutsche Übersetzung).

Kendrick hatte mit Edythe zwei Töchter und einen Sohn. Nach vierzig Jahren Ehe liess er sich scheiden und heiratete eine jüngere Frau, Jean Morris. Mitte der 60er-Jahre kehrte er zu Edythe zurück. Er starb 82-jährig in einem Krankenhaus in Ocala, Florida.

Bibliografie:
Duncan Maclain-Serie: 'The Last Express' (1937), 'The Whistling Hangman' - 'Der pfeifende Henker' (1937), 'The Odor of Violets' (1940), 'Blind Man's bluff' - 'Der Trick des blinden Mannes' (1943), 'Death Knell' (1945), 'Out of Control' - 'Ausser Kontrolle' (1945), 'Make Mine Maclain' (1947), 'You Die Today' (1952), 'Blind Allies' (1954), 'Reservations for Death' (1957), 'Clear and Present Danger' (1958), 'The Aluminium Turtle' (1960), 'Frankincense and Murder' (1961);
Deputy Sheriff Standish Rice-Serie: 'The Iron Spiders' (1936), 'The Eleven of Diamonds' (1936), 'Death Beyond the Go-Thru' (1938);
'Blood on Lake Louisa' (1947), 'The Tunnel' (1949), 'Red Hot Money' (1959), 'Flight from a Firing Wall' (1966).
Als Richard Hayward: 'Trapped' (1952), 'The Soft Arms of Death' (1955).

++ Erstellt: Juli 2012 ++  


Kennealy, Jerry

(Kürzel für Gerald P. Kennealy, *1938; schreibt auch als G.P. Kennealy, Paul Boray und James Brant)

Jerry Kennealy kam in San Francisco zur Welt. Nach der High School arbeitete er zunächst bei der Küstenwache, später vier Jahre bei der Polizei von San Francisco. Anschliessend war er über dreissig Jahre als Privatdetektiv für Versicherungsgesellschaften und Rechtsanwälte tätig. Seit Mitte der 80er-Jahre widmet er sich vorrangig dem Krimischreiben. Er lebt in San Bruno, Kalfornien.

1987 brachte Kennealy den Privatdetektiv Nick Polo in die Kriminalliteratur - eine Trouvaille. Zwei Titel des Zehnteilers (der erste und der fünfte) liegen auch auf Deutsch vor. Der Autor erzählt die schlakenfreien Geschichten in einem lakonisch-ironischen Stil, geizt nicht mit scharfen Hieben auf die amerikanische Politlandschaft und liefert erst noch nützliche Tipps für angehende Detektive.

Nick Polo, Spross einer sizilianisch-stämmigen Familie, geschiedener Vietnamveteran, kehrt dem Polizeidienst den Rücken, als seine betuchten Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen. Der Nachlass schmilzt dann aber aufgrund von Fehlinvestitionen dermassen schnell dahin, dass er sich schon bald nach einem neuen Job umsehen muss: er wird Privatdetektiv in San Francisco. Ein Zimmer seiner geerbten Wohnung verwandelt er in ein Büro und rüstet es mit allerlei nützlichen elektronischen Geräten (inkl. Computer) aus, denn "die Zeiten sind vorbei, in denen man nur einen guten Hut brauchte, einen zerknitterten Regenmantel, eine .45er-Automatik und eine halbvolle Flasche Bourbon in der untersten Schreibtischschublade" - es ist die zweite Hälfte der 80er-Jahre.
Wegen eines "blöden Fehlers" muss Nick kurz nach Beginn seiner Detektivkarriere für mehrere Monate ins Gefängnis, doch als er in 'Meer der Lügen' einen ungemein hässlichen und gefährlichen Fall auf unkonventionelle, aber brillante Weise auflöst - es geht um Wahlkampf, um Verunglimpfung und Erpressung, Opfer ist die mutige Bürgermeisterin von San Francisco -, gibt man ihm seine Lizenz zurück.

Unterstützung findet Nick bei seinem gewieften Onkel Pee Wee, einem ausgezeichnet vernetzten Buchmacher, und auch mit Inspektor Bob Tehaney von der örtlichen Mordkommission versteht er sich meistens gut. Nick ist nicht nur ein erstklassiger Ermittler, sondern auch ein ausgezeichneter Koch (gibt Extrapunkte bei den Frauen!); und ein routinierter, mit jedem Trick vertrauter Pokerspieler, was ihm in 'Schlechte Karten' zunächst zum Vorteil gereicht - doch schon bald bereut er zutiefst, sich jemals auf den Fall mit dem betrügerischen Kartenspieler Dettman, einem millionenschweren Industriellen, eingelassen zu haben.
Gegen Ende der Reihe verliebt sich der ungemein coole und sympathische Schnüffler, der stets für einen frechen Spruch gut ist, in die reizende Kolumnistin Jane Tobin.

Carroll Quint, Protagonist in bislang zwei Romanen, hart gesotten, von Beruf Unterhaltungskritiker beim 'San Francisco Bulletin', ist ein Filmfreak Mitte Dreissig, der mit einem Mini Cooper in San Francisco unterwegs ist. In 'Jigsaw' wird er mit einem Serienkiller, der sich Thanatos nennt, konfrontiert. Assistiert von seiner Freundin Terry Greco und seiner Mutter, einer ehemaligen Schauspielerin, nimmt er den Kampf mit dem Mörder auf, um nicht selbst dessen nächstes Opfer zu werden.

Bibliografie:
Nick Polo-Serie: 'Polo Solo' - 'Meer der Lügen' (1987), 'Polo Anyone?' (1988), 'Polo's Ponies' (1988), 'Polo in the Rough' (1989), 'Polo's Wild Card' - 'Schlechte Karten' (1990), 'Green With Envy' (1991), 'Special Delivery' (1992), 'Vintage Polo' (1993), 'Beggar's Joice' (1994), 'All That Glitters' (1997);
'The Conductor' (1995), 'The Forger' (1996), 'The Suspect' (1997), 'The Hunted' (1999), 'The Outer Eye' (2000);
Carroll Quint-Romane: 'Jigsaw' (2007), 'Still Shot' (2008).
Als G.P. Kennealy: 'Nobody Wins' (1979).
Als Paul Boray: 'Cash Out' (2002).
Als James Brant: 'The Vatican Connection' (2003), 'Chasing the Devil' (2004).

++ Erstellt: Oktober 2011 ++  


Kenrick, Tony

(*1935)

Anthony "Tony" Kenrick kam als Sohn eines Ingenieurs und einer Gedankenleserin in Sydney zur Welt, wo er auch aufwuchs. Mit achtzehn diente er in der Royal Australian Navy. In den folgenden Jahren kam er als Werbeleiter in der angloamerikanischen Welt herum, bis er sich 1972 aufs Schreiben von Krimis und Drehbüchern verlegte. Er lebte mit seiner Frau Joan May Wells, einer Kunstmalerin, und den beiden Kindern Melanie und Tim der Reihe nach in Weston (Connecticut), Toronto (Ontario) und auf Mallorca. Anfang der 90er-Jahre verlieren sich seine Spuren.

Kenricks Bibliografie umfasst vierzehn vorwiegend in den Vereinigten Staaten angesiedelte Romane, darunter ein paar vergnügliche Gaunergeschichten (Kenrick wurde, vielleicht etwas überschwänglich, als australische Antwort auf Donald Westlake bezeichnet), der mit Sciencefiction-Elementen gewürzte Krimi 'Mit den Augen der Nacht', das Drogendrama 'China White' und der Thriller 'Blast', Kenricks vielleicht grösster Wurf.

Zu Kenricks feinsten Werken gehört die Caper Novel 'Ein allzu grosser Coup', die ausgelassene Geschichte des bis anhin mustergültigen Familienvaters und Angestellten Barney Rivers, der in hoffnungsloser finanzieller Not sein Heil im Bankraub sucht. Unterstützt durch seine Kumpel Tom Loder und George Dourian, die sich in ähnlicher Lage befinden, und die junge Ladendiebin Amanda Atwill plündert er per Post ein Schweizer Nummernkonto. Die Beute beträgt satte 167 Millionen Dollar - der gesamte Staatsschatz einer kleinen Karibikinsel, mit dem sich deren Ex-Diktator Ripoll abgesetzt hat. Dieser setzt jetzt eine kleine, furchterregende Privatarmee ein, um sein Vermögen zurückzugewinnen, doch Barney und seine Freunde unterziehen sich einer militärischen Schnellbleiche - und halten furios dagegen.

Auch 'Kidnapping auf Wunsch' stellt eine unterhaltsame Lektüre dar. Bunny Calder, ein smarter, gut aussehender Hallodri Mitte dreissig, hat eine fast narrensichere Art entdeckt, sein Gehalt ein wenig aufzubessern: Als Angestellter in einem New Yorker Reisebüro weiss er genau über die freistehenden Wohnungen seiner Kunden Bescheid - und vermietet sie in der Zeit ihrer Abwesenheit an andere Leute weiter. Als er auffliegt, gerät sein Leben jäh aus den Fugen: Bunny sieht sich - an der Seite der schönen Ella Brown (seinem letzten Opfer), des schnoddrigen Waisenmädchens Lillian und des FBI - im Kampf gegen Terroristen. Eine hanebüchene, mit schrägem Witz erzählte Geschichte.

'China White' beginnt mit dem Mord an dem Polizisten George Chaska aus Atlanta, sein Partner, Billy Marcus, der die Waffe zu langsam gezogen hat, schwört Rache. Er perfektioniert seine Schiesskünste, infiltriert den Drogenring des Londoner Playboys Charles Bendroit, dessen ruppige Mitarbeiter Roy Hinkler und Alvin Boyle den Cop auf dem Gewissen haben - und der gerade eine schlagkräftige Truppe zusammenstellt, um im "Goldenen Dreieck" einen äusserst lukrativen Heroindeal abzuwickeln. Während des spannungsgeladenen Trips nach Südostasien verliebt sich Marcus heftig in Bendroits attraktive Anwältin Claire Tanner. Dies sind die wichtigsten - etwas blutarmen - Figuren, die die Handlung der nicht durchwegs plausiblen Geschichte vorantreiben.

In Kenricks prickelndem Krimi 'Blast' (keine deutsche Übersetzung) sorgt eine Reihe von Bombenexplosionen in New York City für Angst und Schrecken. Obwohl der Täter (nom de guerre: Alka Seltzer) jeweils Ort, Datum und Zeit der Anschläge bekannt gibt, gelingt es der Polizei nicht, die Bomben rechtzeitig zu entschärfen. Auf Druck des zwielichtigen, höchst einflussreichen Geschäftsmanns Freidman tritt jetzt Gene Charters auf den Plan, ein ehemaliger (unehrenhaft aus dem Polizeidienst ausgeschiedener) NYPD-Detective und derzeitiger Steuerberater, der sich rehabilitieren möchte. Seine Wege kreuzen sich mit der kühlen Schönheit Janice Stanley, deren Freundin beim ersten Anschlag ums Leben kam.

Bibliografie:
'The Only Good Body's a Dead One' (1970), 'A Tough One to Lose' (1972), 'Two for the Price of One' (1974), 'Stealing Lillian' (auch unter dem Titel 'The Kidnap Kid') - 'Kidnapping auf Wunsch' (1975), 'The Seven Day Soldiers' - 'Ein allzu grosser Coup' (1976), 'The Chicago Girl' (1976), 'Two Lucky People' (1978), 'The Nighttime Guy' - 'Mit den Augen der Nacht' (auch unter dem Titel 'Ein Blinder sieht zuviel', 1979), 'The 81st Site' (1980), 'Blast' (1983), 'Faraday's Flowers' (auch unter dem Titel 'Shanghai Surprise') - 'Shanghai Surprise' (1985), 'China White' - 'China White' (1986), 'Neon Tough' (1988), 'Glitterbug' (1991).

++ Erstellt: Februar 2015 ++  


Kersh, Gerald

(1911-1968; schrieb auch als Piers England, Waldo Kellar, Mr Chickery, Joe Twist und George Munday)

Gerald Kersh, geboren in Teddington-on-Thames, London, als Sohn jüdischer Eltern, wuchs im Londoner Viertel Soho auf. Nach der Schulzeit (und dem Tod des Vaters 1929) stellte er sich auf eigene Füsse und schlug sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durchs Leben, unter anderem als Schuldeneintreiber, Kellner, Rausschmeisser, Französischlehrer und Ringkämpfer, die Nächte verbrachte er in den schäbigsten Unterkünften oder im Freien. Nebenbei begann er zu schreiben. 1940 wurde er zum Dienst bei der Infanterie eingezogen. Im Sommer 1944 beteiligte er sich an der Befreiung von Paris. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs liess er sich in New York nieder, 1959 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Gerald Kersh, ein ungemein fleissiger, ja besessener Autor, feierte seine grössten Erfolge mit seinen rund vierhundert Kurzgeschichten, die ein breites Spektrum - Horror, Fantasy, Romanze, Detektiv-Story, Sciencefiction, Humoreske - abdecken und in Periodika wie 'Argosy' und 'Lilliput' erstveröffentlicht wurden. Darüber hinaus verfasste er Gedichte, Radio- und Fernsehskripte, ungezählte Artikel und neunzehn Romane.

Ab Mitte der 50er-Jahre ging es nur noch bergab mit Kersh - Steuerschulden, Alkohol und Frauen (insbesondere die kanadische Journalistin Lee, die zweite seiner drei Ehefrauen), aber auch Krankheiten zogen ihn in den Abgrund. Verarmt und vergessen starb er 57-jährig in der Kleinstadt Kingston, New York State. Er hinterliess seine dritte Frau Florence "Flossie" Sochis.

Aufgrund seines dritten und weitaus bekanntesten Romans 'Nachts in der Stadt' aus dem Jahr 1938 zählt Kersh zu den Begründern des "Brit Noir". Im Mittelpunkt steht Harry Fabian, ein verlogener und schmieriger, an massloser Selbstüberschätzung leidender Zuhälter, der unbedingt zu Bargeld kommen muss, um seine Laufbahn als Ringkampf-Promoter in Gang zu bringen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Er schickt seine naive Freundin Zoë auf den Strich, daneben gehören Erpressung und Betrug zu seinen bevorzugten Methoden der Geldbeschaffung - doch Fabians Pläne sind natürlich zum Scheitern verurteilt.
Die im winterlichen Soho spielende, erstaunlicherweise ohne Kapitalverbrechen auskommende Geschichte erzählt von Menschen, die sich ständig am Rande des Abgrunds bewegen, und zeichnet ein eindrucksvolles Bild der Londoner Unterwelt zur Zeit der Wirtschaftsdepression.
'Night and the City' wurde von Jules Dassin mit Richard Widmark in der Rolle des Harry Fabian verfilmt (deutscher Titel: 'Die Ratte von Soho') und kam 1950 in die Kinos.

Am 27. Mai 1942 wurde Reinhardt Heydrich bei einem Attentat in Prag so schwer verletzt, dass er acht Tage später starb, worauf Heinrich Himmler am 9. Juni das tschechische Dorf Lidice auslöschte. In Kershs ein Jahr danach veröffentlichtem Roman 'Die Toten schauen zu' heisst Heydrich Bertsch, Himmler Horner und Lidice Dudicka. Hier leben 405 liebevoll porträtierte Menschen in 90 Häusern, als die zynischen, mordlustigen Nazi-Offiziere einmarschieren, um ein Exempel zu statuieren. Die Männer werden erschossen und in ein Massengrab geworfen, die Frauen und Kinder verschleppt, die Häuser mit Kanonen vernichtet. In erschütternden Szenen schildert der Autor den Einbruch von gnadenloser Gewalt in eine unschuldige Dorfgemeinschaft und setzt so den Opfern ein Denkmal.

Bibliografie:
'Jews Without Jehovah' (1934), 'Men Are So Ardent' (1935), 'Night and the City' - 'Nachts in der Stadt' (1938), 'They Die with Their Boots Clean' (1941), 'The Nine Lives of Bill Nelson' (1942), 'The Dead Look On' - 'Die Toten schauen zu' (1943), 'Brain and Ten Fingers' (1943), 'Faces in a Dusty Picture' (1944), 'An Ape a Dog and a Serpent' (1945), 'The Weak and the Strong' - 'Die Schwachen und die Starken' (1945), 'Prelude to a Certain Midnight' - 'Ouvertüre um Mitternacht' (1947), 'The Song of the Flea' (1948), 'The Thousand Deaths of Mr Small' (1950), 'The Great Wash' (auch unter dem Titel 'The Secret Masters', 1953), 'Fowlers End' (1957), 'The Implacable Hunter' (1961), 'A Long Cool Day in Hell' (1965),' The Angel and the Cuckoo' (1966), 'Brock' (1969).

++ Erstellt: Januar 2014 ++
++ Update: November 2016 ++
 


King, Frank

(1892-1958; schrieb auch als Clive Conrad)

Frank King wurde als Sohn eines erfolgreichen Verlegers und Buchhändlers in Halifax, West Yorkshire, geboren und wuchs auch dort auf. Er studierte Medizin in Leeds mit einem Abschluss 1914, im folgenden Jahr vermählte er sich mit Annie Naylor. Nach dem Militärdienst im Nahen Osten eröffnete er eine ärztliche Praxis in Halifax. Parallel zu seiner medizinischen Tätigkeit begann er zu schreiben, sein erster Roman kam 1924 heraus. Einem breiteren Publikum erschloss er sich mit dem auf einem seiner Romane beruhenden Horrorfilm ‚The Ghoul', in dem Boris Karloff die Hauptrolle spielte.

Die belletristischen Erfolge erlaubten es King, seine Praxis 1936 zu schliessen und sich fürderhin ganz dem Schreiben von Kurzgeschichten und Krimis zu widmen. Er war ein flinker und fleissiger Autor, der in seinen besten Zeiten vier Sekretärinnen beschäftigte. Sein Werk enthält 42 Romane, mehrere Theaterstücke und weit über hundert Stories, die in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt wurden. Im Alter von 66 Jahren erlitt King zuhause in Norton Tower, Halifax, einen plötzlichen Herztod. Er hinterliess seine Frau, mit der er über vierzig Jahre kinderlos verheiratet war.

Kings bekanntester Krimiheld ist Clive Conrad, Übername "The Dormouse" (bzw. "der Siebenschläfer"), den er seinem verhangenen Blick und seiner Gewohnheit, in brenzligen Situationen zu gähnen, verdankt. Zusammen mit seiner schönen, rothaarigen Lebensgefährtin Alice Faversham (ab dem 14. Band 'Operation Honeymoon': Alice Conrad), einer äusserst treffsicheren Schützin, und dem korpulenten, fast kahlen Sidecick Reginald Fortescue Watt als "Mädchen für Alles" betreibt er in London an der Rupert Street, in der Nähe des Piccadilly Circus, die 'Conrad Detective Agency', eine kleine, von Robin Hood inspirierte Organisation, die zuerst weniger durch detektivischen Spürsinn, als durch verbrecherische Aktivitäten zu ihrem Geld kommt, später jedoch eng und erfolgreich mit Scotland Yard zusammenarbeitet. Die Serie besteht aus 21 unterhaltsamen, wenn auch nicht allzu tief schürfenden Romanen.

Bibliografie:
'Terro at Staups House' - 'Grauen in Staups Haus' (1927), 'The Ghoul' (1928), 'Greenface' (1929) 'The Owl' (1930), 'The Case of the Painted Girl' - 'Der Tiger' (1931), 'Night at Krumlin Castle' (1932), 'Green Gold' (1933), 'The House of Sleep' (1934), ‚Mr Balkram's Band' (1934), ‚Dictator of Death' (1935), ‚The Smiling Mask' (1936), ‚Molly on the Spot' (1940), ‚'The Midnight Sleep' (1941), 'Candidates for Murder' (1945), 'Death of a Cloven Hoof' - 'Ein Satan stirbt' (1951), 'Death Changes his Mind' (1953), 'Only Half the Doctor Died' (1954), 'Death Has a Double' (1955), 'The Case of the Vanishing Artist' - 'Die schöne Sonja' (1956);
Clive "The Dormouse" Conrad-Serie: 'Enter the Dormouse' (1936), 'The Dormouse Undertaker' (1937), 'The Dormouse Has Nine Lives' (1938), 'The Dormouse Peacemaker' (1938), 'Dough for the Dormouse' (1939), 'This Doll is Dangerous' (1940), 'They Vanish at Night' (1941), 'What Price Doubloons?' - 'Das versunkene Schiff' (1942), 'Crook's Cross' (1943), 'Gestapo Dormouse' (1944), 'Sinister Light' (1946), 'The Catastrophe Club' (1947), 'Operation Halter' (1948), 'Operation Honeymoon' (1950), 'The Case of the Strange Beauties' (1952), 'The Big Blackmail' - 'Sünden im Safe' (1954), 'Crook's Caravan' (1955), 'The Empty Flat' - 'Selbstmord ausgeschlossen' (1957), 'The Charming Crook' (1958), 'The Two Who Talked' (1958), 'The Case of the Frightened Brother' (1959).

++ Erstellt: April 2012 ++  


Kirst, Hans Hellmut

(1914-1989)

Geboren in Osterode, dem heutigen Ostroda (Polen), als Sohn eines ostpreussischen Polizeibeamten, aufgewachsen in verschiedenen Orten Ostpreussens, war Hans Hellmut Kirst von 1933 bis 1945 Berufssoldat bei der Reichswehr bzw. der Deutschen Wehrmacht, wo er zum Oberleutnant aufstieg. Er nahm am Frankreichfeldzug und am Überfall auf die Sowjetunion teil. Nach der deutschen Kapitulation verbrachte er neun Monate in einem amerikanischen Gefangenenlager in Garmisch. 1947 liess er sich in München nieder und wurde - nach Verrichtung einiger Gelegenheitsjobs - Filmkritiker beim 'Münchner Mittag' (heute: 'Münchner Merkur'), eine Tätigkeit, die er bis 1972 ausübte.

1950 veröffentlichte Kirst seinen ersten Roman 'Wir nannten ihn Galgenstrick'. Der grosse Durchbruch erfolgte vier Jahre später mit '08/15', dem ersten Teil einer Trilogie, in der eigene Kriegserlebnisse verarbeitet sind. In den 50er-Jahren trat er gegen die deutsche Wiederbewaffnung ein, was zu heftigen Angriffen seines langjähriges Intimfeindes, des neuen Verteidigungsministers Franz-Josef Strauss, führte. 1961 heiratete er die Schauspielerin Ruth Müller und lebte mit ihr und der gemeinsamen Tochter am Starnberger See. Gesundheitlich schwer angeschlagen, übersiedelte er 1987 mit seiner Familie nach Werdum in Ostfriesland, wo er 74-jährig starb.

Kirst schrieb drei Theaterstücke (unter ihnen das 1966 uraufgeführte 'Aufstand der Offiziere', in dem das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler behandelt wird) und rund sechzig (von den meisten Kritikern der Populärliteratur zugeordnete) Romane, darunter mehrere autobiographisch gefärbte, um die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg kreisende Werke und drei in der Zeit des Wirtschaftswunders spielende Krimis mit dem Münchner Kommissar Keller als Hauptfigur (Münchner Kriminaltrilogie).

1962 ist 'Die Nacht der Generale' erschienen, Kirsts anspruchsvollster Roman. Die Geschichte beginnt im Warschau des Jahres 1942 mit einem Sexualmord an einer jungen polnischen Prostituierten; nach einer Zeugenaussage muss die Tat von einem deutschen General begangen worden sein. Major Grau von der deutschen Abwehr beginnt zu ermitteln, wird von seinen Gegenspielern indes schon bald nach Paris versetzt. Doch dann geschieht auch hier ein Mord, der jenem von Warschau in entscheidenden Details gleicht. Als Grau im Zusammenhang mit den turbulenten Ereignissen des 20. Juli 1944 (dem Tag des misslungenen Attentats auf Adolf Hitler) hingerichtet wird, verläuft die Suche nach dem Mörder vorerst im Sand, bis der französische Kriminalkommissar Prévert nach dem Krieg die Spuren wieder aufnimmt und 1956 einen hohen Wehrmachtsoffizier als Täter entlarvt.

Bibliografie:
'Die letzte Karte spielt der Tod' (1955), 'Die Nacht der Generale' (1962), 'Alles hat seinen Preis' (1974), 'Generalsaffären' (1977), 'Der unheimliche Freund' (1979), 'Eine Falle aus Papier' (1981), 'Bedenkliche Begegnung' (1982), 'Geld - Geld - Geld' (1982), 'Die gefährliche Wahrheit' (1984), 'Geschieden durch den Tod' (1987);
Münchner Kriminaltrilogie: 'Verurteilt zum Erfolg' (1972), 'Verurteilt zur Wahrheit' (1972), 'Verfolgt vom Schicksal' (1973).

++ Erstellt: September 2010 ++  


Kirstilä, Pentti

(*1948; schreibt auch als Ursula Auer)

Geboren in der südwestfinnischen Stadt Turku, beendete Pentti Kirstilä sein Studium der Sozialwissenschaften im Jahre 1972 an der Universität Tampere. Von 1969 bis 1980 arbeitete er als Journalist bei der Zeitung Aamulehti. In dieser Zeit, 1977, veröffentlichte er seinen ersten Krimi 'Nachtschatten'. Er lebt mit seiner Frau Anja Angel in Helsinki.

Kirstiläs Werk enthält die elfbändige Serie um Lauri Hanhivaara, Hauptmeister bei der Kriminalpolizei Tampere, sowie sieben Einzelwerke, mehrere Sammlungen mit Kriminalnovellen und Kurzgeschichten, ein Hörspiel und ein Sachbuch über das Billardspiel. Unter dem Pseudonym Ursula Auer verfasste er drei weitere Krimis gemeinsam mit seiner Frau. Einige seiner Romane wurden fürs Fernsehen verfilmt. 1987 und 1993 erhielt er jeweils den Preis für den besten finnischen Kriminalroman.

Auf Deutsch sind die fünf ersten Titel der Lauri Hanhivaara-Reihe erschienen - und dies erst fast dreissig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung. Danach war Schluss, und auch in Finnland hat man offenbar seit 2007 nichts mehr von diesem grossartigen Autor gehört.

Hauptmeister Lauri Hanhivaara arbeitet seit zwanzig Jahren bei der Kriminalpolizei Tampere, wird jedoch gegen Ende der Serie nach Helsinki versetzt. Er ist ein eigenwilliger, illusionsloser, scharfsinniger Ermittler mit viel Sinn für Humor und einer Neigung zur Selbstironie und (in seinen eigenen Worten) zum melancholischen Zynismus; ein brillanter Polizist, der das Katz-und-Maus-Spiel aus dem Effeff beherrscht und sich zum Verdruss seines Vorgesetzten Kairamo immer wieder auf gefährliche Alleingänge einlässt; ein kauziger, kinderlos geschiedener Einzelgänger, dessen Privatleben nur selten zur Darstellung kommt - etwa als seine Freundin Maija Takala an Schluss des zweiten Bandes gewaltsam ums Leben kommt. Seine engsten Mitarbeiter neben Kommissar Kairamo sind Huhtanen, dem kein überflüssiges Wort über die Lippen kommt (er eröffnet nach dem vierten Roman eine Detektei) und der junge Siika, der offenbar über einen unerschöpflichen Vorrat an mehr oder weniger kniffligen Ratespielen verfügt, mit denen er seinen Kollegen auf die Nerven fällt.

Kirstiläs erster Krimi 'Nachtschatten' beginnt spektakulär: Ein Mann, Antti Koski, schlitzt seiner schönen Exfrau die Kehle auf, wird dabei von einem Bekannten beobachtet, daraufhin von diesem mit Briefen bedroht - und endet mit einer Kugel im Bauch: Selbstmord. Lauri Hanhivaara verbeisst sich in den Fall, stösst schon bald auf erste Ungereimtheiten, Zweifel kommen auf - und am Ende dreht der Autor eine wilde Pirouette.

In 'Tage ohne Ende' verbringt Lauri Hanhivaara die Mittsommernacht mit seiner Freundin Maija im Sommerhaus ihres Bruders. Am nächsten Morgen stolpert das Paar bei einem Spaziergang über die Leiche des Buchhalters Antero Kartano, der von seinen Bekannten einhellig als skrupelloses, sexistisches Ekel geschildert wird. Der Hauptmeister beginnt zu ermitteln, bringt eine Menge Dreck zu Tage - und begeht dann einen verhängnisvollen Fehler.

'Klirrender Frost' fängt an mit dem detaillierten Porträt des harten, rücksichtslosen Druckereibesitzers und zweifachen Familienvaters Sakari Kaarto, der seine unterwürfige Frau Kirsti nicht mehr erträgt und beschliesst, sich ihr zu entledigen. Sein Plan ist einfach: Den Eindruck erwecken, er habe den Verstand verloren, Kirsti vor einem Zeugen mit einem Küchenmesser abschlachten, für unzurechnugsfähig erklärt und nach ein paar Monaten in einer psychiatrischen Klinik - eine Besonderheit der finnischen Jurispridenz - wieder freigelassen werden. Der Plan geht auf. Wenig später findet man Kaarto erschossen in seiner Villa, zu seinen Füssen liegt eine Pistole, auf der sich nur seine Fingerabdrücke befinden. Trotzdem glaubt Hanhivaara nicht an Selbstmord. Er vermutet den Täter im unmittelbaren Umfeld von Kaarto und löst den Fall in brillanter Manier. Doch ganz zum Schluss hat der Autor noch einen Pfeil im Köcher - und wir Leser wissen nun, dass sich Hanhivaara geirrt hat. Dafür hat er mit dem Rauchen aufgehört. Und ist frisch verliebt.

Kirstilä, ein Autor, der den Leser immer wieder geschickt in die Irre führt, besticht durch schnörkellose, ironisch-sarkastische Erzählweise, raffinierte Handlungsführung, feinfühlige Darstellung von Lebensläufen und zwischenmenschlichen Beziehungen, treffende Metaphern und pointierte Dialoge.

Bibliografie:
Kriminalhauptmeister Lauri Hanhivaara-Serie: 'Jäähyväiset rakkaimmalle' - 'Nachtschatten' (1977), 'Jäähyväiset ilman kyyneleitä' - 'Tage ohne Ende' (1978), 'Jäähyväiset presidentille' - 'Schwarzer Frühling' (1979), 'Jäähyväiset lasihevoselle' - 'Klirrender Frost' (1981), 'Jumalia ei uhmata' - 'Den Göttern trotzt man nicht' (1982), 'Isku vasten kasvoja' (1983), 'Jäähyväiset unelmille' (1996), 'Jäähyväiset menneisyydelle' (1997), 'Hanhivaara ja sateisen saaren tappaja' (2000), 'Hanhivaara ja saalistajat' (2001), 'Hanhivaara ja mies joka murhasi vaimonsa' (2002);
Einzelwerke: 'Isku suoneen' (1982), 'Munthe' (1984), 'Kirkkaankeltaiset jäähyväi